Kunst und Gewalt 2/2017

http://www.arte.tv/guide/de/066296-000-A/otto-dix-der-schonungslose-maler

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Der Maler Otto Dix war eine facettenreiche Persönlichkeit. Ehrgeizig, eitel, gesellschaftskritisch inszenierte er sowohl sich selbst, als auch – neben den sehr bekannten Portrait-Arbeiten – Kriegsbilder zu zeichnen, die bei aller Brutalität detailliert und mit feinen Strichen geschaffen sind. Es ist mir ein Rätsel, wie jemand im Schützengraben des 1. Weltkriegs auch nur Vorarbeiten zu den später ausgearbeiteten Radierungen und Gemälden fertigen konnte!

Dix gilt als Mitbegründer der Neuen Sachlichkeit, einer Kunstrichtung, die zum Ziel hatte, die „greifbare Wirklichkeit kühl und vermeintlich objektiv“ wiederzugeben. Im Fall der Kriegsstudien für mich ein sehr, sehr nachvollziehbarer Wunsch. Vielleicht denke auch ich – man hört, ich schwanke ein bisschen – dass man menschliche Gräueltaten nicht irgendwie ästhetisch— ja: wiedergeben sollte

„Der Krieg ist eben etwas so Viehmäßiges: Hunger, Läuse, Schlamm, diese wahnsinnigen Geräusche. […] Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen“, sagte Dix 1961 über seine Erfahrungen.

Das K20 am Düsseldorfer Grabbeplatz zeigt noch bis zum 14. Mai die Ausstellung Otto Dix – Der böse Blick.

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Der Mensch hinter der Arbeit

Es fehlt mir bei mancher Kunst, mit dem Erschaffer darüber sprechen zu können.
Mir ist bewusst, dass das Erklären von Kunstwerken verpönt ist, sowohl bei den Erschaffern als auch bei Kritikern. Vielen Rezipienten würde es manchen Zugang erleichtern, denn „Verständnis“ des Ausdrucks einer völlig fremden Person – denn das stellt ein Kunstwerk dar – kann niemand wirklich in Gänze haben. Alles bleibt nur bestmögliche Annäherung.

Dieses Streben nach vollkommenem Verständnis ist aber doch auch gar nicht nötig! Bestmögliche Annäherung bedeutet für mich: was macht das Ansehen/Anhören/Teilnehmen gerade mit mir, was hat es unter Umständen mit mir zu tun, und – gibt es einen Dialog nicht nur in mir, sondern korrespondiert da vielleicht auch etwas zwischen dem Künstler und mir? Mit der Beschäftigung mit diesen Fragen fühle zumindest ich mich vollkommen ausgelastet.

Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass, wenn ich den Künstler, die Künstlerin kenne, ihre Arbeit ein Stück hinter die Person zurücktritt – und frage mich gerade, was das für meine Kunstauffassung bedeutet… Theodor W. Adorno sagt, dass das Kunstwerk sich vom Erschaffer emanzipieren müsse, ein Eigenständiges sein müsse. Ich dagegen kann mir keine kreative Arbeit dieser Welt (tatsächlich keine!) ohne die Person dahinter vorstellen. Obwohl es für die meisten Betrachter der Arbeit nicht zum Kontakt mit der Erschafferpersönlichkeit kommt (und sie es vielleicht auch gar nicht wünschen), gehören beide für mich untrennbar zusammen. Nein: alle drei gehören untrennbar zusammen: der Autor, seine Arbeit und der Rezipient.

Ich wünschte mir diesen Kontakt, das Gespräch, immer, und zwar gerade auch bei Dingen, die mich nicht auf’s erste Sehen oder Hören begeistern. In der Kunstbetrachtung gibt es für mich nichts Spannenderes als den Menschen hinter der Arbeit.

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Geld Macht Kunst


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„Jede Vermarktung macht die Kunst zur Ware.“

„Um was geht es?“

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Ich denke nicht, dass es um die Diskussion geht, ob man mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen dürfte – selbstverständlich (und viel zu selten) ist das der Fall.

Ich denke nicht, dass Menschen, die das (im besten Sinne) kritisch sehen, eben weil man dann (mindestens) zwei Herren dient, im Vergleich mit anderen besonders „romantisch“ veranlagt sind und das (Selbst)Bild des armen Künstlers pflegen wollen.

Sondern ich denke, dass in der kritischen Betrachtung der Vermarktung von Kunst das liegt, was der Film zeigt: die Perversion von Vermarktung bis hin zur Unkenntlichkeit der Sache.

In meiner Begriffswelt kann es gar nicht umstritten sein, dass das einen Menschen stören muss, der neben dem Wunsch, von seiner Arbeit leben zu können, auch noch eine – zum Beispiel gesellschaftskritische – Aussage treffen möchte. Die Perversion der Vermarktung reduziert jede Aussagemöglichkeit, höhlt sie aus, kann sie gar ins Lächerliche ziehen. Kann man das wünschen?

Ist es wünschenswert, dass eine Arbeit, die neben dem monetären noch einen anderen, eventuell unschätzbaren Wert hat, für lange, lange Zeit im Genfer Freihandelshafen liegt, wo niemand sie sieht?

Ist Kunst dafür da, von Oligarchen erstanden zu werden, in deren Privaträumen sie dann vielleicht Familie und Freunden zugänglich ist, aber sonst vielleicht nur einer Handvoll (ausgewählter) Menschen?

Ist es sinnvoll, Kunst in hochschwellig zu erreichenden, weil luxuriösen Häusern anzubieten, die für die Allermeisten, die sonst nichts mit Kunst zu tun haben, wie Festungen wirken?

Alles legitime Fragen, die einen Hintergrund haben: für wen ist Kunst? Gehört sie jemandem?

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Gespräch

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Als ich letztens versuchte, mit den „Philosophischen Akrobaten“ das Thema zu umkreisen, ob man die oft sehr abstrakt diskutierte Philosophie als direkt wirksam im Alltag erfahren kann, war es anfangs, als wollte ich einen Aal greifen. 😀

Ich wollte wissen, ob das, was man gemeinhin Charakter oder Mentalität nennt, auf unsere ganz persönliche Philosophie schließen lässt: woran wir glauben, wie wir glauben, was uns wichtig ist in Form eines vielleicht benennbaren Lebensziels. Oder ob es Ereignisse gab, die eine bestimmte Philosophie oder Haltung in uns wachgerufen haben oder sie bestärken, was andere eben als unseren Charakter bezeichnen.

Nach einer Weile stellten wir fest, dass wir in unserem Gespräch unsere Werte beleuchteten und diese selbstverständlich untrennbar mit unserer persönlichen Philosophie verbunden erleben; darin waren sich alle einig.

Es stellte sich unter anderem die Frage, ob es unbedingt der Worte bedarf, sich zu verständigen, weil ein paar von uns auch schon die Erfahrung machen durften, beinahe ohne verbindende Sprache einander zu „verstehen“. Meines Erachtens ist das eine Verständigung auf der Gefühlsebene von Mensch zu Mensch oder bezüglich sehr eindeutiger Gesichtsausdrücke (wie der, der Freude ausdrückt) oder Gesten (wie die, die für Hunger oder „essen“ stehen).

Um wirklich begreifen zu können, warum – das war ein Beispiel – der eine Mensch auf einmal seinen Bruder jenseits einer Landesgrenze tatsächlich als Feind erlebt, dazu bedarf es meines Erachtens nicht nur der Worte, sondern einer Selbsterkenntnis im Gespräch zwischen den Beteiligten, ein neben-sich-Treten, um reflektieren zu können. Die Bereitschaft, ein zähes Gespräch zu führen, weil man einander die Definitionen seiner Begriffe in für den Zuhörer verständlichen Worten erläutern muss, um sich an eine immer bessere Verständigung heranzutasten. Denn mehr als die bestmögliche Annäherung wird kaum möglich sein.

Den anderen, das Gegenüber in dessen Sinne bestmöglich zu verstehen ist die Voraussetzung für konstruktiven Austausch; konstruktiver Austausch ist in meinen Augen die Voraussetzung für beinahe alles in der Welt. 

Eine wirkliche „Zusammenfassung“ des Abends wäre mir nicht mal mit Protokoll wirklich möglich, aber ich halte es auch nicht für nötig. Es fehlte die Lebendigkeit.

Möglich und nötig ist nur das Gespräch als solches, das miteinander-im-Gespräch-Bleiben, und das hatten wir. Ich freue mich auf’s nächste Mal!

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