„Analoges“ contra Digitales?

Heute möchte ich Euch den Text von Hubertus Kohle empfehlen. Er beleuchtet sehr anschaulich die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Digitalisierung in Konkurrenz zu herkömmlicher Vorgehensweise ohne Computer-Unterstützung geht, und zeigt andererseits die Chancen, die es hat, wenn man beides in seinen jeweiligen Stärken unterstützt:

https://www.perlentaucher.de/essay/museen-und-digitalisierung-zukunftshoffnung-oder-selbstaufgabe.html

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Talente, Talente

„Es ist möglich, zwei Eigenschaften gleichzeitig zu besitzen.“ (Monsieur Ozu in: „Die Eleganz der Madame Michel“)

Ich möchte ergänzen: es ist möglich, mehrere Talente zu besitzen. Armin Mueller-Stahl spricht in der Dokumentation davon, dass es hierzulande unüblich sei, in mehreren Disziplinen als „gut“ zu gelten, und wenn man bereits für ein Talent bekannt sei, ein anderes kritischer beäugt würde als ihm gut täte.

Es kommt mir auch so vor. Warum ist das wohl so? Woher kommt die Skepsis, wenn man sich noch nicht ansatzweise inhaltlich mit dem neuen Aspekt eines Menschen beschäftigt hat? Woher kommt die Abwehrhaltung? Wovor soll sie schützen, wenn man andererseits davon ausgeht, dass jeglicher kreative Input doch denjenigen bereichert, der ihn erleben darf, und man ansonsten auch friedlich vorübergehen kann, wenn man sich nicht angesprochen fühlt?

Ich für mein Teil fühle mich bereichert, dass Armin Mueller-Stahl sowohl beachtenswert schauspielert als auch auseinandersetzenswert malt als auch berührend musiziert, auch, wenn ich ihn nie live erlebt habe.

Deutsch-deutsche Geschichte, persönlich erzählt, und eine persönliche Geschichte, nüchtern und sympathisch erzählt in der sehenswerten Dokumentation von Heike Sittner:

http://www.mdr.de/mediathek/video-64766_zc-89922dc9_zs-df360c07.html

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Navid Kermani

Navid Kermani liest am kommenden Donnerstag, dem 1. Dezember, in der Stadtteilbibliothek Rheydt (Mönchengladbach) um 20:00 Uhr aus seinem Roman „Sozusagen Paris“ [ACHTUNG: AUSVERKAUFT; keine Abendkasse!/Nachtrag v. 1. Dezember]. Das ist aber nicht mal der Grund für meinen Beitrag; es sei hiermit nur gerne und in jedem Fall natürlich erwähnt!

Im Netz geriet ich an folgendes Interview von Iris Radisch mit dem Autor:

http://www.zeit.de/2016/40/navid-kermani-roman-sozusagen-paris

, das ich auf der einen Seite hochinteressant geführt fand, weil es nicht so „weichgespült“ daherkommt wie manches andere. Andererseits hat mich die Art mancher Fragen zu Schreibstil und Thematik fast so geärgert wie Frau Radisch die Lektüre; es erinnerte mich sehr an manchen Kommentar zu manchem Bildwerk: „Ich hätte es aber anders gemacht/lieber gehabt, wenn…“

Warum nicht einfach sagen und fragen: ich empfinde es so und so – was war Ihr Beweggrund, es so und nicht anders zu machen?

Soll jeder Autor, Komponist, Schauspieler, Maler, Sänger, Bildhauer auf jede einzelne Person seines Publikums so eingehen, dass die Arbeit ihm oder ihr gefällt? Erstens: wie soll das praktisch gehen? Zweitens: wie sinnvoll wäre es?

Man bekommt die Kunst, die man erwartet, auch noch in genau der Art, in der man sie erwartet?

Da das so also nicht gemeint sein kann… wie ist eine solche Art der Fragestellung dann wohl gemeint?

Irgendwelche Ideen…? Wie würdet Ihr es machen? Wie empfindet Ihr?

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Zeit

uhr

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Die ‚Westart live‘ vom 21.11. mit Beiträgen zum großen Thema „Zeit“:

 

„Ich mag die Melodie von Rhythmen lieber als den immer gleichen Takt.“

„Es ist die Frage: was wärmt dein Herz?“ [Greta Taubert]

„Ich will reich sein, reich an Momenten.“ [aus: „Club der Zeitmillionäre“ von Greta Taubert]

 

„Arbeit, Pause, Weitermachen, Arbeit, Pause, Weitermachen…“ [Henrike Klehr]

 

„I’m counting, counting, counting seconds…“ [Hundreds]

 

„Wer hat an der Uhr gedreht – das war natürlich immer der Künstler.“ [Denis Scheck]

 

„… aber es lohnt sich, nach dem Sinn des Lebens zu suchen.“ [Sting]

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http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive130.html

 

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Akrobatentreffen einmal anders

Was passiert, wenn ein offener und an Begegnung interessierter Mensch gemeinsam mit seiner Frau beschließt, drei mit ihnen befreundete Paare einzuladen, um „Wohnzimmertischphilosophie“ zu betreiben?

Richtig: es wird höchst interessant!

Ich habe das Glück, ein Teil eines dieser befreundeten Paare zu sein und hatte mich auf den verabredeten Abend gefreut, seit der Termin feststand. Zwar wusste niemand vorher, auf was genau er/sie sich da eingelassen hatte, aber unser Gastgeber meinte ganz richtig, dass ja jede Person doch mit gewissen Erwartungen gekommen sein müsse… und es gab tatsächlich eine Erwartung, die alle teilten: sich einmal anders als gewohnt zu unterhalten, irgendwie weniger oberflächlich, als man es sonst im Alltag – selbst mit befreundeten Leuten – viel zu häufig tut.

Für unsere erste Begegnung war kein Thema vorgesehen; obwohl sich die Eingeladenen auch schon flüchtig kannten, sollte der erste Abend zum Kennenlernen sein. Bei unzähligen Häppchen, Wasser und Wein war von vornherein klar, dass es nicht bierernst werden konnte, aber das lag auch an unserer Zusammensetzung: die Chemie stimmte.

So war es nicht verwunderlich, dass sich die Beschäftigung mit Bildungssystem und Arbeitsmarkt, West Coast Swing und Nasenspray, Ursache und Wirkung, Matrix und Ratatouille, Musik und Politik nicht an den Haaren herbeigezogen anfühlte, sondern ebenso stimmig.

Ich, die „draußen“ oft den Willen zu Mitgestaltung und Veränderung vermisst, war Teil einer kleinen „kritischen Masse“ und durfte einmal mit ähnlich Gesinnten ausleben, was ich sonst oft nur behaupten kann: solcher Austausch, auch im privaten Bereich, ist wichtig, wichtig für persönliche Entwicklung, wichtig für eine gute Entwicklung in der Welt. Unserem Gastgeber liegt Ehrlichkeit am Herzen, und ich denke, uns anderen auch. So geht es für mein Gefühl nicht darum, eine neue Komfortzone einzurichten für uns Beteiligte, die sich gegenseitig nur bestätigen, sondern sich mit seinem Beitrag einzubringen in eine Gemeinschaft. Erst drinnen, dann draußen: konstruktiv streiten, verhandeln üben, einander Ideengeber sein.

Es wurde beschlossen, für das jeweils nächste Treffen jemanden auszugucken, der ein ihm bedeutsames Thema auf seine Art vorbereitet und vor- und zur Diskussion stellt, wobei das Überraschungsmoment eine große Rolle spielen soll.

Die nächste Begegnung der „Philosophischen Akrobaten“ steht schon im Kalender, und ich freue mich wieder. So fühlt es sich an, vollkommen ohne Druck auf mich oder die anderen sehr hohe Erwartungen zu haben.

Und jetzt gucke ich mir „Die Prophezeiungen von Celestine“ näher an, einen der vielen, vielen Inspirationsfunken dieses ersten Abends.

Dankeschön!

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Steine hüpfen lassen… im Hirn 2 oder: Grenzen

Stefan: Zitat 1 [Beitrag vom 09.11.: Steine hüpfen lassen… im Hirn], so ohne jeden Kontext kann nur zu allerlei Spekulationen verleiten.

Ich versuch mal den folgenden Kontrapunkt:

Kapitalisten haben sich noch nie um Grenzen geschert.“
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Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

heute mal ein etwas ungewöhnlicher Beitrag. Er geht mit persönlicher Ansprache los, weil ich Stefan zuerst in den Kommentaren von „Steine hüpfen lassen… im Hirn“ vom 09.11. antworten wollte, es aber dann wieder so komplex wurde, dass ich mich zu einem eigenem Beitrag zum Thema durchgerungen habe. Deswegen jetzt weiter ohne persönliche Ansprache:

Stefan hat mit seinem Kommentar eine offene Tür bei mir eingerannt: beinahe nichts funktioniert mehr aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne zusätzliche Erklärung; da bin ich mit ihm einer Ansicht, und ich finde es im Grunde gut. Denn so kommen wir ein Stück weit wieder von Schlagworten oder –sätzen ab, die eher zum Inhalt haben, was der Leser bzw. Hörer interpretiert.

Mein Thema ist aber genau so durch die Jahre, in denen ich mich mit einem theoretischen Kunstbegriff beschäftige, wie man sich noch „ganz normal“ unterhalten können soll, wenn alles vor dem Gespräch und während des Gesprächs von allen Beteiligten ständig erklärt werden muss… es ist nicht möglich.

Aber wir unterhalten uns so. Wir setzen Dinge, Definitionen voraus und hauen die Sätze erst einmal ohne Rücksicht auf Verluste raus.

Wenn man nun wie ich einen fremden Sprecher zitiert – in dem Fall Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster: „Künstler haben sich noch nie um Grenzen geschert“ –, dann nehme ich, vielleicht aus oben angesprochenem Grund fälschlicherweise, an, dass das Wort „Künstler“ den Begriff „Grenze“ in einer bestimmten Weise definiert – fälschlicherweise, weil man einen unbestimmten Begriff nicht mit einem anderen unbestimmten Begriff erklären kann. Ich gehe/ging also von sozusagen „ungefährlichen“ Grenzen aus: Grenzen im Kopf, im Denken, die zu ignorieren erst einmal andere (im Grunde zuerst zu definierende) Begriffe: Freiheit, Offenheit etc. zur Folge hätte, was also (in meinem Kopf) durchaus nur von Vorteil wäre.

Stefans Einwand fordert eine genauere Definition des Begriffs „Grenze“. Selbstverständlich ist die kapitalistisch motivierte Grenzüberschreitung weltweit menschlich gefährlich, selbstverständlich wäre es asozial und nicht hinnehmbar, würde ich die persönliche Grenze meines Gegenübers bewusst überschreiten. Da sind Grenzen dann sogar unerlässlich.

Kinder brauchen Grenzen, damit sie ein Gefühl der Sicherheit entwickeln, das für die weitere positive Entwicklung unverzichtbar ist. Dass man über die Art solcher im Grunde „guter“ Grenzen aber auch konstruktiv streiten und manche davon auch einreißen kann, davon spricht zum Beispiel Gerald Hüther oft und gut.

Grenzen um Länder erleichtern die Verwaltung; je kleiner ein zu verwaltendes Etwas, desto leichter. Aber: Ländergrenzen ziehen sich auch durch Köpfe, wo sie doch eigentlich nichts zu suchen haben, da sich das „Gute“ dieser Grenzen doch auf (notwendige) Bürokratie bezieht… trotzdem ist das Eine ein Nebenprodukt des Anderen.

Erleben Künstler Grenzen – wobei ich den Begriff „Künstler“ allgemein verstanden wissen möchte –, dann sind es ganz oft finanzielle (und damit verbunden örtliche) oder solche der fehlenden Inspiration… die Liste ist beliebig verlängerbar. Solcherlei Grenzen sind nicht schnell zu überbrücken, aber Hermann Arnhold habe ich natürlich anders interpretiert. Um die gerade genannten Grenzen muss man sich soger scheren; man kommt gar nicht darum herum. Die Grenzen im Kopf dagegen muss man einreißen, genau wie die, die andere einem mit ihren Vorgaben setzen wollen.

Ich bin sogar der Ansicht, dass das nichts Künstler-Spezifisches sein sollte – wo sollen Grenzen im Kopf etwas Gutes bewirken? Dass man sich etwas „nicht vorstellen“ kann, macht einen noch nicht zu einem sozialen Menschen, genau wie umgekehrt eine überbordende Fantasie, in der „alles“ möglich ist, auch Grausames, denjenigen weder zur Umsetzung zwingt, noch auf den Charakter desjenigen schließen lässt. Verantwortung ist immer mit dabei, idealerweise bewusst.

Freiheit im Kopf ist nichts Künstler-Spezifisches, aber gerade Künstler können nicht darauf verzichten, denke ich, und zwar jenseits jeder „romantischen“ Vorstellung.

So ist meine Schlussfolgerung für heute, dass in dem Arnhold-Zitat doch das Wort „Künstler“ das Wort „Grenze“ in gewisser Weise ausreichend definiert, und der Stein nicht mit der ersten Berührung der Wasseroberfläche untergehen muss…😉

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hand

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Vision

https://www.facebook.com/KenFM.de/videos/10153877883701583/?pnref=story

Der erste Teil des Textes bezieht sich auf dieses facebook-Video von KenFM und auf die Reaktionen, die das Teilen auf meiner privaten, nicht gemeinschaftlichen facebook-Seite https://www.facebook.com/sabine.pint hervorgerufen hat.

Im zweiten Teil schlage ich einen Bogen zur Kunst und zu den Erwartungen an diese.

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Es steht und fällt immer alles mit dem Inhalt einer Sache, den es zu hinterfragen und zu untersuchen gilt.

Es funktionieren nicht mehr kurze Schlagsätze oder gar –wörter, weil dann der Inhalt vom Zuhörer bestimmt wird statt vom Sprecher; alles sollte möglichst differenziert erklärt werden, auch, wenn das Mühe macht und gefühlt die Meisten dann abschalten bzw. weiterklicken statt zuzuhören bzw. zu lesen und sich auseinanderzusetzen.

Ich fand das Ken-Jebsen-Video gut, weil es einen Aspekt der USA-Wahl aufgreift, der bei den üblichen Be- und Verurteilungen der Kandidatin und des Kandidaten in Medien und Sozialen Netzwerken immer noch zu kurz kam: die Wichtigkeit von sozialer Gerechtigkeit.

Ich finde mit ihm, dass etablierte Parteien hüben wie drüben versagt haben, was dieses Thema anbelangt, weil allen etablierten Parteien die Wirtschaft so nah ist und das dann – aus Gier, nicht aus Vernunft, denn nötig ist es nicht – Interessenkonflikte gibt, die zu nahezu 100 % eben der Wirtschaft zugutekommen und nicht dem berühmten „kleinen Mann auf der Straße“. Ich würde ‚Die Linke‘ zwar noch ausnehmen, weil sie noch nie so weit oben war, ihr gegenüber den anderen Parteien sozialeres Wahlprogramm im Praxistest beweisen zu müssen, aber die Geschichte beispielsweise der ‚Grünen‘ gibt Jebsens Ernüchterung recht.

Was bedeutet das für mein Wahlverhalten? Ich möchte niemanden wählen müssen, der einfach nur donnernd bis unverschämt auftritt und mit Inhalten (bislang; in Trumps Fall) geizt, um das Establishment abzuwählen; ich möchte nicht Dieter Bohlen (Jebsens Beispiel) wählen, wenn er sich aufstellen ließe, um niemanden der anderen wählen zu müssen. Gar nicht zu wählen lässt braunen Sumpf steigen und kann daher auch nicht das Mittel der Wahl(!) sein, solange sich nicht ein ganzes Land verlässlich (gleich utopisch) auf Nichtwählen einigt…

Wenn es mir also um Inhalt geht, dann bleibt mir nur die rechtzeitige gleich stetige Auseinandersetzung mit möglichst allen Inhalten, derer ich habhaft werden kann, die dauernde aktive und offensive Begleitung dessen, was in der Welt geschieht. Dazu gehört die (wenn auch verbale, denn ich empfinde das eben nicht als negativ besetztes ‚nur‘) kritische Begleitung unseres herrschenden politischen Systems, das erlaubt, dass Menschen, die einmal durch Wählerbetrug (Stichworte ‚Wahlkampfversprechen‘ und sonstige Affären) an die Macht gelangt sind, nach einer so langen Zeit erst wieder abwählbar sind, in der schon soziale Unverträglichkeiten und Kriegspolitik Fuß gefasst haben. Ich finde, dass sich Menschen in derlei verantwortungsvollen Positionen durchaus auch verantworten müssen, und zwar genau so rechtzeitig und stetig, wie ich mich – so gut es eben geht – zu informieren habe. (Und wenn mir Informationen vorenthalten werden und ich das merke, mich eindeutig zu Wort zu melden.)

Das, was ich am Schlimmsten finde – bei mir fände und bei anderen finde – ist das defätistische „So ist eben die Realität“ ohne zu realisieren(!), dass wir so viel dieser Realität mitbestimmen: sei es im Drogeriemarkt, wo es wahnsinnig mühevoll ist, irgendein Produkt zu finden, dessen Markennamen nicht auf ‚Nestlé‘ als Mutterkonzern zurückzuführen ist, sei es beim Lebensmitteleinkauf, bei dem das komplette Milchregal der fragwürdigen Firma ‚Müller‘ zu gehören scheint, sei es beim Klamottenkauf, der durchweg „fair“ nur als Superverdiener umsetzbar ist.

Es ist an der Politik, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, es ist an jedem von uns, unser Leben verantwortungsvoll auszugestalten.

Was soll ich von Götz Werner (Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens ‚dm-drogerie markt‘, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war) halten, der seinen Mitarbeitern gegenüber ein dialogisches, respektvolles Führungskonzept vertritt, das mich begeistert, aber durch sein Verkaufsangebot so viel ‚Nestlé‘-Unterstützung betreibt, dass ich diesen Aspekt seiner Unternehmensführung ablehnen muss…? Genau: ich muss das trennen. Ich werde also nicht auf den kompletten Menschen Götz Werner schimpfen, genau so wenig, wie ich ihn nur bejubele. Das eine finde ich gut, das andere schlecht. Auf beides muss ich verbal und durch eigenes Handeln reagieren. Zurücklehnen ist keine Option, nicht mehr, nicht heutzutage mit unserem (Geschichts-)Wissen und nicht mit fast fünfzig.

Genau so gilt auch: ich muss aushalten oder immer besser lernen, auszuhalten, wenn Menschen diese Haltung nicht teilen, alles zu schwierig finden, mir und anderen vorhalten, wie wir uns bei all der Komplexität herausnehmen können, eine Meinung (und das auch nicht immer, weil man manchmal mitten in der Meinungsbildung ist – verwirrend!) zu haben, weil Draufhauen Vielen wohl leichter fällt als Auseinandersetzung mit dem Gegenüber… wenn ich (immer noch!) an Demokratie glaube, muss ich aushalten, dass einige Krieg besser finden als Frieden, dass es Menschen gibt, die den Kapitalismus, wie wir ihn leben, gut finden, weil sie als allein denkbares Gegenstück die ehemalige DDR als Argument haben… ich muss die „Leistung muss sich lohnen“-Menschen aushalten, obwohl schwer Schuftende oft die Letzten sind, die sich etwas leisten können, und für die, die es können, ihr Geld arbeitet… ich muss die aushalten, die es gut finden, dass man finanzielle Unterschiede den Menschen ansieht. Die, die sagen, dass Menschen nicht gleich sind und mit Biologie oder Mentalität argumentieren. Die, die rücksichts- und respektlos sind. Und die und die und die.

Und ich halte das auch alles aus, weil’s nur so geht, wenn man an Demokratie glaubt, weil ich ja auch eine bin, die es auszuhalten gilt, wenn man meine Ansichten nicht teilt.

Aber: man kann doch über alles sprechen, oder? Und zwar ohne dem Gegenüber respektlos zu begegnen. Indem man sich bestenfalls nicht über ihn oder sie ärgert, sondern sich mit dem Inhalt dessen auseinandersetzt, was sie oder er sagt oder teilt, und sich gegebenenfalls dann konstruktiv über einen Inhalt ärgert…

Okay, Ken Jebsen ist auch nicht gerade zimperlich. Aber was machen wir, wenn er recht hat, zornig zu sein und keine der etablierten Parteien – schlechtenfalls weltweit – eine Option ist für uns „kleine Leute auf der Straße“? Oder entwickeln wir uns weiter zu einem Land, in dem jeder froh ist, wenn er ein bisschen mehr hat als der Nachbar und sich für die allgemeine soziale Entwicklung daher nicht zu interessieren braucht…?

Hören wir besser auf, uns auszutauschen, weil uns nervt, dass es noch Menschen gibt, die an Austausch und Entwicklung durch Austausch glauben?

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Künstler tauschen aus. Sie schenken sich in einer kreativen Arbeit her, immer persönlich (dann ist es eine gute Arbeit, egal, ob sie „gefällt“) und manchmal sogar privat, und hoffen gegebenenfalls auf ein kleines bisschen Interesse.

Ich, die ich zu beiden Seiten gehöre, zu den Erschaffern eigener und zu den Rezipienten fremder Arbeiten, lebe die Kunst als einen zusätzlichen Ausdruck, wie eine zusätzliche Sprache, zu der alle Menschen grundsätzlich Zugang haben. Grundsätzlich.

Mir ist aber sehr, sehr bewusst, dass es Staffelungen in der Aufnahmebereitschaft gibt, abhängig davon, wo der Mensch auf der Bedürfnispyramide steht. Das alte Schulwissen ist immer noch gültig: wer um sein Leben rennt, bleibt nicht für ein Kunstwerk stehen; wer nicht weiß, wie er über den Monat kommen soll, kauft sicher keine Kunst. Das demütige Wissen um die Realitäten in der Welt steht allen Menschen gut, gleich, wo sie stehen oder womit sie befasst sind.

Trotzdem gefällt mir der Gedanke, dass die Kunst alle Menschen, gleich, wo sie stehen, überraschen kann: jemand bemerkt zufällig das Bild in der Galerie, an der er tagsüber achtlos vorbeiläuft, den Kopf voller Sorgen, nur, weil es ein Winterabend ist und die Galerie hell erleuchtet. Und es geht ihm nicht darum, das zu besitzen, was er da gerade erst entdeckt hat; er will es näher sehen, traut sich in den fremden Raum, nähert sich Schritt für Schritt. Sieht den Namen dessen, der’s gestaltet hat, ist neugierig, wie’s gemacht ist – und fragt sich vielleicht, vielleicht ja, warum dieser ihm unbekannte Mensch das so und nicht anders gemacht hat… und vergisst vielleicht sogar kurz, ganz kurz seine Sorgen.

Vielleicht ist meine Vorstellung romantisch, vielleicht funktioniert es aber sogar eher so als viele der gut gemeinten und auch bestimmt gut gemachten museumspädagogischen Ansätze. Zumindest für Viele, die nicht wissen, wie sie über den Monat kommen sollen.

Mein Wunsch ist aber, das anzugehen: die Realitäten nicht hinnehmen und mit möglichst Vielen mit der gleichen Idee daran arbeiten, dass immer mehr Menschen mindestens die Mitte der Pyramide erreichen. Weltweit daran arbeiten und weltweit erreichen. Wenn wir den Anspruch aufgeben, dass es möglichst allen Menschen gut geht, nur, weil das angeblich unrealistisch ist, haben wir als Menschen alle zusammen verloren. Es ist unrealistisch, weil es nicht von allen getragen und unterstützt wird.

Was hindert Euch? Was wollt Ihr? Was ist Eure Vision?

 

maslow

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