Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Standard

Farben

„Farbe ist ein durch das Auge und Gehirn vermittelter Sinneseindruck, der durch Licht hervorgerufen wird, genauer durch die Wahrnehmung elektromagnetischer Strahlung der Wellenlänge zwischen 380 und 760 Nanometer. Es ist der Sinneseindruck, durch den sich zwei aneinandergrenzende, strukturlose Teile des Gesichtsfeldes bei einäugiger Beobachtung mit unbewegtem Auge allein unterscheiden lassen. In der Alltagssprache werden auch Farbmittel (farbgebende Substanzen) als Farbe bezeichnet, also stoffliche Mittel, mit denen man die Farbe von Gegenständen verändern kann, z. B. Malerfarben.

Die Farbwahrnehmung ist eine subjektive Empfindung, welche nicht nur durch die Art der einfallenden Lichtstrahlung, sondern auch durch die Beschaffenheit der Augen, Empfindlichkeit der Rezeptoren und den Wahrnehmungsapparat bestimmt wird. Andere optische Wahrnehmungsphänomene wie Struktur (Licht-Schatten-Wirkungen), Glanz oder Rauheit sowie psychische Effekte, wie Umstimmung oder Adaptation [Pupillenreflex bei unterschiedlichen Leuchtdichten], sind vom Farbbegriff zu unterscheiden.“ (Wikipedia)

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Das Feld der Farben ist ein weites. Wie relativ Farbeindrücke sind, machen besonders optische Täuschungen deutlich: http://www.illusionen.biz/blog/?page_id=22 .

Hier möchte ich heute auf etwas anderes hinaus.

Als Kind mochte ich womöglich alle Farben, als Jugendliche besonders Blau (was ich mit vielen, auch erwachsenen, Menschen teile). Irgendwann als junge Erwachsene – das weiß ich noch – sagte ich jemandem, dass ich kein Rot mag, noch vor ein paar Jahren jemand anderem, dass ich Gelb schwierig fände. Womöglich hatte ich nur wieder Sorge, zu kompliziert zu antworten 😉 .

Denn wie wunderschön finde ich ein ganz, ganz helles Sonnengelb oder auch Zinkgelb! Wie sehr mag ich Wein- oder Oxidrot und alle dunklen Beerentöne (und übrigens auch ein paar helle)! Im Grün-Spektrum gibt es fast nichts, was mir nicht gefällt, und bei meiner Jugendliebe Blau gefällt mir Baby-Blau nur an Babies und jeder andere helle Blauton, der nicht abgetönt ist wie die meisten Jeans-Varianten, nur bedingt.

Was sind diese Bedingungen? Wann gefällt uns eine Farbe? Beim Thema „Blau“ fällt mir „Das Meer“ des Malers Ulrico ein, das ich besitze und das eben auch alle hellen Blautöne hat, die es braucht, um etwas nicht im wahrsten Wortsinn ein-tönig abzubilden, langweilig und letztendlich nicht „echt“. Manche Farben gefallen uns nicht miteinander; wir empfinden keinen Einklang, sondern es vielleicht nur „schreiend bunt“. Dieselben Farben auf der bunten Blumenwiese werden die meisten wunderschön finden, auch und gerade zusammen.

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Es kommt eben – mal wieder – darauf an. Auf Nuancen, auf die Zwischentöne (Grau hat übrigens auch eine wunderbare Farbpalette 😉 ).

Worauf kommt es bei Euch an? Wann bewertet Ihr etwas einzeln, wann im Zusammenspiel?

Und – von mir aus – denkt gerne auch abseits von „Farbe“… 🙂

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Standard

Zwei Leben

Drei, vier Klicks, und ich bin fasziniert.
Bei facebook wurde mir über den dortigen ZEIT ONLINE-Auftritt der Link angeboten. In dem Artikel http://www.zeit.de/2012/33/Hermann-Hesse aus dem Jahr 2012, der jetzt editiert wurde, bringt uns Benjamin Lebert, der 1999 mit 17 zum Autoren-Shooting-Star wurde („Crazy“, Kiepenheuer & Witsch), Hermann Hesse näher. Dieser Text begeisterte mich, und ich hatte zuerst bloß vor, auf die Verbindung zweier Schriftsteller hinzuweisen, zwischen deren Geburtstagen 105 Jahre liegen. Ein Mensch bricht eine Lanze für einen Kollegen, der 105 Jahre vor ihm selbst zur Welt gekommen ist und sie schon wieder verlassen hatte, bevor er, Lebert, 20 Jahre später geboren wurde.

Der Text ist für mein inneres Ohr wunderbar formuliert und sehr wertschätzend und warmherzig Hesse gegenüber.

„Um in der heutigen Zeit bestehen zu können, scheint es geradezu erforderlich zu sein, das Talent zu entwickeln, sich selbst in zweite Welten zu transportieren. […] Bei der Suche aber nach einer zweiten Welt, in der man sich wohlfühlt und Halt findet, kann kaum ein Autor so sehr helfen wie Hermann Hesse.“

Mit den folgenden Worten schlägt Lebert einen weiteren Bogen zu sich selbst, was ich nicht verwerflich finde, sondern – und es wurde mir bei der dann folgenden Auseinandersetzung für meinen Blog-Beitrag klar – enorm aufschlussreich:

„Was zu hoffen ist: dass Hesse auch weiterhin viele Leser findet. Denn seine Stimme zu hören kann sich als ein Lebensgeschenk erweisen. Ich habe zum Beispiel unter anderem durch ihn erfahren, wie wichtig und erstrebenswert es ist, sich immer wieder aufs Neue mit der eigenen Geschichte auszusöhnen. Und ihr auch ihre Launenhaftigkeit zu lassen. Denn ebenso rasch, wie sich eine Liebesgeschichte zu einem Spuk wandelt, geschieht es auch umgekehrt.“ Offen, weise, ein bisschen, aber nicht überzogen ich-bezogen.

Als ich dann über Benjamin Lebert nachzulesen begann – der Wikipedia-Eintrag ist kurz und schmerzlos – fielen mir neben immer wiederkehrenden oder neuen Charakterisierungen (halbseitige Lähmung, wahrscheinlich mittlerweile überwundene Essstörung) die wohl zahlreichen „missglückten Interviews“ (1) und Verrisse wie dieser (2) auf. Es scheint so, als sei da ein Stern nicht nur gesunken, sondern würde zudem auch von ziemlich Vielen bereitwillig niedergezogen und dort gehalten.

Ich habe keinen Lebert-Roman gelesen und kann mir hier nicht mal ein laienhaftes literaturkritisches Urteil erlauben. Aber der junge Autor scheint in den persönlichen Begegnungen seinen Gesprächspartnern so schwierig erschienen zu sein, übertrieben leidend und so, als wolle er klüger wirken, als er ist, in einem Wort: unsympathisch, dass diese sich zu auffällig persönlichen Kritiken hinreißen ließen; die die Art des Auftritts verurteilen und spekulative Rückschlüsse ziehen, was Lebert wohl mit dem einen oder anderen Satz, mit dem einen oder anderen Habitus bezwecken mag.

Ob man den Schreibstil und die Themen einer Person mag oder nicht, ob diese einem sympathisch oder unsympathisch ist: Urteile solcher Art finde ich schwierig. Sie schreiben die Person im wahrsten Sinne des Wortes fest, gehen unter die Gürtellinie und damit zu weit, wollen nicht mehr entdecken, sondern verurteilen. Dass sich in mir nach kurzem Suchen schon so ein Bild ergeben hat, fand ich so bemerkenswert, dass mein Blog-Beitrag nun diesen Twist bekommt.

Kurz zurück zu Hermann Hesse: recherchiert man über ihn – einiges ist aus Schulzeiten noch hängengeblieben – ergibt sich auch da in kürzester Zeit ein Charakterbild: intelligent, unangepasst, „rebellisch“, jung depressiv (erste Suizidgedanken mit 14), gediegenes Elternhaus, Schulabbrecher, Lehrabbrecher, „Bücher kompensierten auch mangelnde soziale Kontakte“, „vielfältige psychische Leiden“, teilweise autobiografischer Erzählstil; Wikipedia schreibt: „Seine nächsten größeren Werke, Kurgast von 1925 und Die Nürnberger Reise von 1927, sind autobiografische Erzählungen mit ironischem Unterton. In ihnen kündigt sich bereits der erfolgreichste Roman Hesses an, Der Steppenwolf von 1927, der sich für ihn als „ein angstvoller Warnruf“ vor dem kommenden Weltkrieg darstellte und in der damaligen deutschen Öffentlichkeit entsprechend geschulmeistert oder belächelt wurde.“

Vielleicht wurden die Verbindungen zwischen dem jungen Lebert und dem jungen Hesse von Benjamin Lebert als stark empfunden, als er ihn in der Schule – vielleicht wie ich als Pflichtlektüre – kennenlernte. Vielleicht kann man sich „ins Unglücklichsein verlieben“, wie er 2012 als Dreißigjähriger in einem anderen Interview sagte, und vielleicht treibt den einen oder anderen frühe Bekanntheit in ein bestimmtes Bild von sich selbst, das sich dann auch nach außen manifestiert und nicht als ein authentisches wahrgenommen wird.

Im letzten Jahr sagte er auf die Frage, wie er damit umgehe, öffentlich kategorisiert zu werden: „Was die Menschen über einen sagen, hat mehr mit den Menschen zu tun als mit einem selbst. Das finde ich tröstlich. Über mich wurde sowohl im Negativen als auch im Positiven alles Mögliche geschrieben. Es gibt eine schöne Geschichte in ‚Wir Kinder von Bullerbü‘, in der das kleine Mädchen sagt: ‚Wenn ich mit meinen Brüdern spielen will, sagen sie, ich bin zu klein. Wenn ich meiner Mutter beim Abwasch helfen soll, dann sagt sie, ich bin groß genug.‘ Ich glaube, man ist nie so gut oder schlecht, wie die Menschen einen empfinden.“ (3)

In seinen Worten über Hermann Hesse gab es für mich viel Zitierfähiges; ich hoffe, auf meine Empfehlung hin lesen es noch ein paar Menschen mehr. Diese Sätze möchte ich – auch bezogen auf das Thema „Kritik“ – hier an den Schluss setzen:

„Der Philosoph Immanuel Kant formulierte bekanntlich die drei elementaren menschlichen Fragen: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was können wir hoffen? Und ebendiese drei Fragen sind es auch, so finde ich, die der Schriftsteller in sich trägt, ehe er darangeht, seine Geschichte zu erzählen. Ich glaube, dass Literatur hauptsächlich von der letzten durchdrungen ist: Was dürfen wir hoffen? Insbesondere eben auch die fein gestrickten und seherischen Werke des großen Hermann Hesse. In Wahrheit speist sich Literatur aus dem, was nicht nachgewiesen, was nur erahnt, ersehnt werden kann und auf Glauben beruht, und sei der Glaube auch, wie es beinahe stets der Fall ist, ein verkennender. Literaturwissenschaft und Literaturkritik jedoch lassen – so scheint mir – diese letzte der drei Fragen meist außer Acht und beschäftigen sich viel lieber mit der ersten Frage: Was können wir wissen? Und stoßen damit nur in ebenjene große, staubdurchtanzte Leere, der sie von Beginn an zu entrinnen suchten.“

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(1) Dana Buchzik, 2014: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article131569874/Darueber-moechte-ich-lieber-nicht-sprechen.html  

(2) Patrick Bauer, 2009: http://www.neon.de/artikel/freie-zeit/literatur/der-sinn-des-leberts/685234  

(3) http://www.litaffin.de/im-gespraech-mit-benjamin-lebert  

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KAWUMM!

http://www.youtube.com/watch?v=h0Uf8oeEeRc

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KAWUMM im GOP. Essen

„Wir müssen schrei’n, wir müssen schrei’n.

Öffnet Euren Mund und öffnet Euer Herz, sonst bleibt nur noch der Schmerz.

Öffnet Euer Herz und öffnet Euren Mund –

es gibt wieder einen Grund.“

Vergangenen Mittwoch sahen wir im GOP.-Varieté-Theater Essen „Die wundersame Geschichte vom dicken Mann, der beinahe nichts konnte“.

Markus Pabst als „Herr Mutzmann […] tritt auf die triste Büro-Bühne, entfaltet ein Feuerwerk der Attraktionen und verpackt noch eine politische Botschaft. In hochexplosiven Zeiten predigt er Toleranz, spricht sich für Vielfalt aus, kritisiert Kirche und Staatsgewalt“, schrieb Dagmar Schwalm am 21.05.17 in der WAZ.

Für mich stellt sich die Frage nicht, ob Kunst politisch sein „darf“ – mir geht das Herz auf, wenn sie es ist. Und zwar nicht für eine Organisation oder Partei, sondern FÜR DIE MENSCHEN. Wenn aufgezeigt wird, dass Fantasie, Poesie, sich-Einbringen und sich-Ausdrücken in jedem Menschen sind und wir das in Sicherheit und Frieden stärken sollten, anstatt uns gegeneinander aufhetzen zu lassen.

Die Show ist noch bis nächsten Sonntag im GOP. an der Essener Rottstraße zu sehen (Karten unter 247 93 93) und zieht dann weiter nach Bad Oeynhausen (09.11. – 14.01.18).

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Klangexperiment

Ich wusste auch nicht, was ein Ostinato ist; ich musste nachsehen. Und nachgesehen habe ich, weil ich auch den Begriff „Chaconne“ nie vorher gehört hatte und beim Nachlesen dieses Begriffs erfuhr, dass Chaconne eine Ostinato-Form ist.

Obwohl… ich kannte die musikalische Figur sogar und wusste nur die Bezeichnung nicht. Ein Ostinato in der Musik ist ein sich ständig wiederholendes Element wie zum Beispiel eine Melodie oder ein Rhythmus, wie bei Ravels Boléro beispielsweise.

Tomaso Vitali wird die Chaconne zugeschrieben, die der Komponist Rüdiger Blömer für ein Crossover-Experiment aufgegriffen hat, das wir am vergangenen Freitag miterleben durften. Das Mönchengladbacher Jugend-Sinfonie-Orchester hat unter seiner Leitung Christian Malescov gemeinsam mit dem DJ Korbinian Groll Blömers „ChaconniADE“ aufgeführt, „ein Strudel aus romantischen und modernen, elektronischen und DJ-Klängen“.

Das altersmäßig gemischte Publikum ließ sich darauf ein und applaudierte am Ende stehend.

Wieder einmal durfte sich verbinden, was einmal als nicht vereinbar angesehen wurde… wunderbar!

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