Uneindeutigkeiten

Auch ein Maler lernt erst mal zeichnen; auch der Hobby-Maler sollte das und die allermeisten, die eine Sache mit Leidenschaft tun, tun das immerhin. Übe ich Studien, dann sagt der Lehrer mir zu Recht‚ ’nach der und der Lehrmeinung bzw. Schule musst du das so und so machen; das ist richtig, das ist falsch; setz den Pinsel/Bleistift lieber so an’ – das ist einzusehen und klar, dass das „muss“. Aber in dem Moment, in dem ich mit dem bereits gelernten Handwerk ein Bild beginne – dafür lege ich übrigens meine Hand ins Feuer – kann das Betrachter-Auge nicht mehr unbedingt mein Handwerk dahinter erkennen – ich sage bewusst „nicht mehr unbedingt“. Große Teile der modernen, der abstrakten Kunst haben das zum Charaktermerkmal: den Punkt, dass Laienaugen (und ich behaupte eben: auch Studentenaugen; außer man kennt den Erschaffer) nicht erkennen können: ist das von einem talentierten 14jährigen Schüler oder von Künstler X, der gerade in der und der Galerie hängt. Daher kam doch das ‚Das kann ich auch!’ vieler teilweise entsetzter Kunst-Betrachter, die „Kunst“ bislang über „Können“ definiert hatten (das nach wie vor sichtbar ist und das sie selbst auf keinen Fall haben oder sich relativ rasch aneignen könnten), nicht über die Gedanken des Künstlers, die sich bei dem einen so und bei dem anderen eben anders zeigen.

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Ich weiß, dass es Kataloge gibt, die die Richtlinien beschreiben, nach denen man Kunst bewertet; ich kann die Richtlinien „kennen“ für jedes einzelne Bild. Wenn das die geltenden Richtlinien wären, die Regeln, nach denen die Kunst auf dem etablierten Markt bewertet wird, dann wäre es o.k. . Jeder, der sich daran halten wollte und könnte, könnte sich daran halten und besäße, innerhalb dieses Systems, das Recht, sich unangefochten „Künstler“ nennen zu können. Ich weiß aber auch, dass Kunst immer auch auf diesem Markt neu definiert wurde, und dass da oft Verkaufsgeschick, Galeristenwollen und ~taktik und Kritikermacht und ~eitelkeit eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Es muss einen also da nicht wundern, wenn etwas, das gestern noch beschimpft wurde, heute beim Galeristen hängt. (Übrigens ebenfalls und nicht nur einmal in der Realität so geschehen.) Nicht, dass ich es nicht gut fände, dass immer mehr (im Sinne von Verschiedenes) beim Galeristen hängt; nicht verstehen kann ich lediglich die absolute Ablehnung davor

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Ich wünsche allen Mitlesenden einen entspannten Heiligabend, frohe Weihnachten und ein zufrieden erlebtes neues Jahr!

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Ausstellung 2008/Projekt 2013/6

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Kunst – ein abstrakter Begriff

Kunst – ein abstrakter Begriff

 

Bei Wikipedia las ich ein paar Beispiele für abstrakte Begriffe: Mut, Röte, Liebe, Hass, Menschenwürde. Dort steht zum Verständnis auch: ~ ist ein Begriff, der benötigt wird, „um eine Eigenschaft von Gegenständen oder eine Relation zwischen einzelnen Gegenständen zu definieren oder zu repräsentieren“ (Tatievskaya, Aussagenlogik [2003], S. 53).

Ich würde diese Liste gerne noch um das Wort “Kunst” erweitern.

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Die Diskussionen um diesen Begriff zeigen, dass jeder, wirklich jeder, der im näheren oder weiteren Sinne damit zu tun hat, diesen anders füllt, etwas anderes darunter versteht. Der Kontext der Person spielt eine Rolle, genauso wie ihre Persönlichkeit. Ob ich nun als Kunsthistoriker die Kunst im geschichtlichen Kontext zu begreifen und einzuordnen versuche, ob ich als Sammler einer sehr individuellen Leidenschaft fröne oder gesellschaftlich damit noch eine weitere Rolle bekleide, ob ich als Kurator für etwas verantwortlich zeichne, mit welchen zusätzlichen persönlichen Beweggründen auch immer, ob ich Kunst als Betrachter, als Publikum auf mich wirken lasse oder als Kreativer die Kunst lebe – jeder dieser Menschen kriegt es mit diesem – einem abstrakten – Begriff zu tun.

Unter dieser Voraussetzung wundere ich mich, wie zuweilen darüber diskutiert wird. Dass tolerant diskutiert werden müsste, daran dürfte doch, wenn man Obenstehendes unterschreibt, kein Zweifel bestehen. Aber weit gefehlt.

Die Menschen streiten nicht über “Liebe”, wenn sie sich darüber unterhalten, vorausgesetzt, sie sind kein Paar. Sie streiten auch nicht über “Mut”. Sie sagen ‚das ist für mich keine Liebe, weil…‘ oder ‚das ist in meinen Augen besonders mutig, weil…‘ – und dann tauschen sie ihre gegenseitigen Ansichten aus und kommen sich dadurch näher, erweitern ihr Verständnis füreinander. Man versteht, wenn man die Definitionen eines Menschen kennt, viel besser oder überhaupt erst seine Beweggründe, seine Art zu sein. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, sind meistens ruhiger Natur. Die Betroffenen bekommen durch ihre Aussagen entweder mehr oder weniger miteinander zu tun, aber sie bekämpfen sich verbal sicher nicht aufs Härteste, weil sie etwas anderes unter bestimmten Begriffen verstehen. Dass sie etwas anderes darunter verstehen, ist sozusagen schon die Lösung, bevor die Meinungsverschiedenheit als Problem wahrgenommen wird.

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Anders die meisten Menschen, wenn sie sich über Kunst zu unterhalten versuchen. Ich habe lange gebraucht, um dahinter zu kommen, was diesen einen speziellen Begriff so sehr von den anderen beispielhaft genannten unterscheidet, bis ich irgendwann darauf kam: dieser Begriff ist nicht nur ein Wort wie die anderen, nein: er ist ein Studienfach.

Damit beginnt das Dilemma eines Wortes, das anderenfalls auf vollkommen natürliche Art und Weise Menschen bereichern, sie sensibler, offener machen könnte. Stattdessen schlagen sich Experten mit Experten, Experten mit Amateuren, Amateuren mit Amateuren, Amateuren mit Laien, Laien mit Laien und Laien mit Experten über diesen Begriff, wobei die Streitlust abnimmt, je ungebildeter (bezogen auf’s Fach) die Betroffenen sind. Aber auch: je unverbildeter.

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Wie konnte man der Sache so etwas antun: ohne eindeutige Richtlinien einen abstrakten Begriff zum Studienfach erklären? Wer war so vermessen, zu denken, man könne Künstler ausbilden? Man könne Kunst lehren oder lernen? Oder wer war so clever?

Ich kann zeichnen lernen, ich kann lernen, ein Bildhauer zu sein. Ich kann mit Talent und viel Übung ein Meister meines Fachs werden. Aber ich kann nicht Künstler werden.

Ich kann durchaus kreativ tätig sein jenseits von Weihnachtsbasar-Klischees; etwas dort kann für den einen oder anderen durchaus Kunst sein, nicht nur Kunst, die von “Können” kommt, sondern aus der Gedankenwelt des Menschen, der da etwas erschaffen hat, das meine Gedankenwelt berührt. Ich kann auf einem Weihnachtsbasar Kunst antreffen. Und ich kann etwas betrachten, das meiner Definition des Begriffes nicht gerecht wird – und im Museum hängt.

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Klärte man im Gespräch als Erstes, wie die Gegenüber Kunst für sich definieren, als Zweites, ob über Kunst oder über den Kunstmarkt gesprochen wird, erübrigte sich als Drittes meistens jeder Streit. Denn Kunst ist zwar das, worum sich der Kunstmarkt rankt, hat aber nach meiner Definition mit diesem soviel zu tun wie der Tag mit der Nacht: sie berühren sich nur am Rande. Ich muss es noch einmal betonen: ich spreche über den Begriff Kunst, darüber, wie ich ihn fülle, diesen abstrakten Begriff.

Irgendjemand hat mal gesagt, auch auf die Kunst bezogen könne man nur sagen, was war und wie es sich entwickelt hat, nicht, wohin es in der Zukunft tatsächlich führt. Das hat immer schon gegolten und ist für mich das Hauptargument für einen entgrenzten Kunst-Begriff. Aber nur, wenn ich über den etablierten Kunstbetrieb spreche. Spreche ich lediglich aus meiner Definition des abstrakten Begriffes „Kunst“, brauche ich kein Argument mehr. Denn Kunst kann man nicht “machen”. Sie ereignet sich. Und das ist nicht planbar. Planbar ist die Arbeit, die ich erschaffe; jedenfalls in den meisten Fällen liegt ein Plan zugrunde. Wen ich wie damit berühre oder ob überhaupt, ist vollkommen offen. Denn ich weiß nicht, wer meiner kreativen Arbeit begegnen wird: Wer ist der Mensch? Was denkt er grundsätzlich, falls er grundsätzlich denkt? Was bewegt ihn derzeit? Hat er Sorgen? Kommt er gedankenlos (gibt es das wirklich?) seines Wegs und sieht meine Arbeit nicht so bewusst an, wie sie gemeint ist? Hält er vielleicht grundsätzlich nichts von Transformiertem jeglicher Art, ist vollkommen verständnislos im wahrsten Wortsinne?

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Ich denke schon, dass beim künstlerischen kreativ-Sein eine Absicht dahinterstehen sollte, nämlich die, eben etwas zu transformieren. Gedanken, eine Philosophie sollte die Ausgangslage sein, um dem Vorwurf der Zufälligkeit etwas entgegenzusetzen. Und in diesem Punkt unterscheidet sich „Kunst“ von „Mut“, „Röte“, „Liebe“ oder „Hass“. Aber ich glaube auch, dass sich das, was in der Kunst absichtsvoll geschieht, grundsätzlich auch zufällig ereignen kann. Dann bringt die künstlerische Begegnung zwar weniger Ansehen oder Geld – oftmals wird sicher nicht einmal bemerkt, dass sie stattgefunden hat –, aber weniger wertvoll ist sie dadurch nicht. Und wird nicht das Zufällige, das Ungesteuerte oftmals als das Erstrebenswerteste, das Wertvollste angesehen? Was wäre die Liebe uns noch wert, wenn wir sie geschehen lassen könnten…? … wenn sie planbar, machbar wäre…

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Tun wir doch der Kunst den Gefallen und befreien wir sie – zumindest in unseren Köpfen – vom Irrglauben der Machbarkeit. Erst dann können wir berühren, durch was dazu bestimmt ist – und erst dann können wir selbst wahrhaftig durch sie berührt werden.

2008

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Ausstellung_2008_5

Ausstellung 2008/Projekt 2013/5

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Ich unterstütze den Dialoggedanken in der Kunst leidenschaftlich

Am häufigsten werde ich zu meiner Haltung gefragt, wie, auf welche Art und Weise ich mir diesen Dialog im kreativen Austausch wünsche, von dem bei mir so oft die Rede ist.

Viele verstehen es so, dass ich wünsche, z. B. von Menschen konkret auf eine meiner kreativen Arbeiten angesprochen zu werden, um dann mit ihnen über diese zu reden. Je nachdem, wie mir da begegnet würde, würde mich das aber sicher auch manchmal überfordern bzw. ich könnte das, was ich da in Form und Farbe ausgedrückt habe, überhaupt nicht adäquat „besprechen“.

Bekäme ich Fragen gestellt, könnte ich mich besser da heran tasten, was den anderen beim Betrachten meiner Arbeit vielleicht beschäftigt, was uns beide darüber evtl. zusammenbringt oder auch trennt und vielleicht auch noch, warum das vielleicht so ist… das machte es mir in jedem Fall leichter und brächte ein Gespräch in Gang, das im besten Sinne philosophisch zu nennen wäre; das weg geht von meiner Arbeit, aber von ihr ausgehend weitere Kreise im miteinander-Reden zieht; das zeigte, wie sehr die Rezeption einer kreativen Arbeit mit dem Rezipienten zu tun hat und erst das Wechselspiel mit dem Erschaffer einen Dialog anstoßen kann. Ich glaube, dass das die mir liebste Variante des realen miteinander-Redens ist.

Trotzdem fasse ich den Dialoggedanken viel weiter: ein möglicher Betrachter muss nicht unbedingt etwas sagen, nicht zu anderen, nicht zu mir – er muss mich nicht mal kennen.

Ich glaube daran, dass eine kreative Schöpfung in der Lage ist, einem Menschen auf der Suche einen Denk-, einen Antwortansatz „liefern“ zu können, der ihm den Impuls zu einer neuen Sicht- und dann vielleicht auch Handlungsweise gibt. Auch das ist Austausch. Und zudem glaube ich, dass wir alle uns im Leben ständig auf einer Suche befinden, auch, wenn wir nicht immer eine konkrete Sache oder einen Umstand benennen können, nach der oder dem wir suchen, die oder der uns bewusst ist.

Deshalb glaube ich, dass „Kunst“ in unserem Leben dazu gehört, für alle und egal wie, wo oder von wem erschaffen sie stattfindet. Sie ist der Beginn vieler unterschiedlicher Dialoge neben dem Austausch durch die Sprache (und manchmal trotz dem auch mittels Worten, ob in der Kunst „verarbeitet“ oder im darüber-Sprechen gebraucht). So viele Herangehensweisen der Menschen an andere Menschen, an Fragen, an Herausforderungen, an Probleme, einfach an alles, was den Menschen in ihren unterschiedlichen Leben widerfährt braucht ein breit gefächertes Angebot an Kreativen und Kreativem, denn man kann nie vorhersagen, was diesen neuen Gedanken- oder Gefühlsansatz bei wem auslöst; man kann nie vorhersagen, wer durch was berührt wird. Denn die Suche des Menschen wandelt sich ständig, wie auch dieser sich im Leben ständig entwickelt und verändert.

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Ausstellung 2008/Projekt 2013/4

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