Reibung

Was mir manchmal fehlt, ist Reibung, Reibung im besten Sinne.

So lange schon mache ich bestimmte Statements öffentlich, und selten erreicht mich ein kritischer Kommentar. Dabei muss es sie da draußen geben, diese kritischen Kommentare!

Vor ein paar Jahren habe ich erlebt, dass meine Haltung sogar Feindseligkeiten hervorrufen kann, die damals von der anderen Seite schriftlich und öffentlich ausgelebt wurden … so etwas meine ich nicht, wünsche ich nicht und würde wie damals ein solches „Gespräch“ auch wieder abbrechen. Aber niemals abbrechen würde ich ein schönes, konstruktives, bereicherndes Pro und Contra, das allen beim Weiterdenken hilft.

Ich habe Angst, dass ich stecken bleibe. Ich möchte offen sein: selbstverständlich bin ich derzeit von meiner Haltung überzeugt, dass Kunst für alle Menschen gleichermaßen gedacht ist (auch wenn der eine oder die andere Kreative vielleicht wirklich nur für ein bestimmtes Publikum arbeitet), weil sie in meinen Augen sonst wenig Sinn machte. Wäre sie nur für einen kleinen akademischen Kreis, dann wäre sie einer Geheimsprache vergleichbar, die nur Eingeweihte verstünden, und was ist der Sinn einer Geheimsprache? Abschottung, Ausgrenzung. Dafür baut man doch keine Museen, lädt Kinder zum Arbeiten in Museumsgärten ein, wo ihre Arbeiten später ausgestellt werden oder holt Hauptschüler durch ein Kunstprojekt aus der Verweigerungshaltung, wie zuletzt in Krefeld geschehen, nur, um den Museumsbesuchern, den Kindern nach dem Ferienprogramm und den Hauptschulabgängern mit 17 zu sagen, dass alles nur „Verarsche“ war … dass sie gar nichts von Kunst „verstünden“. Dass man auf Hobbykünstler-Märkten niemals auf Kunst treffen könne, dass die Anwaltsgattin, die in der Kanzlei des Ehemanns ausstellt, nur eine „gefühlte Künstlerin“ sei und niemals ehrliche und ernst zu nehmende künstlerische Absichten hege. Niemals. Ohne Ausnahme.

Wenn sich aber alle einig sind, dass Kunst keine Geheimsprache ist und den verschiedensten Menschengruppen dient – und ich meine jetzt nicht den Dienst am Geldbeutel der bekannten und etablierten Mitgliedern der Szene, des Betriebs -, dann verstehe ich einerseits, dass mich wenige kritische Kommentare erreichen, aber nicht, dass nicht das Entgrenzen, das Einladen zur Kunst (sowohl zum aktiven Gestalten als auch zum Betrachten ohne Angst vor jeglicher sich eventuell stellender Frage) wie eine unwiderstehliche wunderbare Welle über die Menschen schwappt.

Wenn sich doch alle einig sind, warum stellt sich noch immer die Frage, ob diese oder jene Kunst „gut“ oder „schlecht“ zu nennen ist, ob dieser oder jene Preis für eine Arbeit „ausreichend angemessen“ ist. Wenn sich doch alle einig sind, warum kommt der Wald- und Wiesen-Journalist nicht mit aufrichtiger Neugier auf den Hobby-Markt und schreibt, was er denkt und fühlt, sondern erwähnt nur alle irgendwie, als Aufzählung … vielleicht könnte er ansonsten den Kultur-Redakteur noch überraschen mit seiner ehrlich wertschätzenden Haltung und den verständlichen Worten …

Wo ist der Mensch, der mir erklären mag, warum Kunst nur für eine Elite ist, die umeinander kreist? Der mir sagt, warum es seiner Ansicht nach auf Hobby-Märkten niemals Kunst geben könne und warum jede Anwaltsgattin dieser Welt niemals Konzeptkünstlerin sein könne, ob er sie kennt oder nicht, nicht ihren Hintergrund, nicht ihr Wissen und nicht ihre kreative Absicht.

Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin keine Anwaltsgattin. Aber ich breche eine Lanze für alle kreativen Lieschen Müllers und Otto Normalkunstrezipienten; ich weiß, dass es da draußen jede Menge Menschen gibt, die in keine Schublade passen, denen kein Etikett gerecht wird. Die von keinem Etablierten in den Kunstzusammenhang gesetzt werden und so, wenn sie es selbst tun, belächelt und/oder beleidigt werden. Von denen behauptet wird, sie hätten nichts zu sagen, nur, weil man nicht hinhören und sich auseinandersetzen mag; sie hätten nichts Sehenswertes zu zeigen, nur, weil niemand mit Rang und Namen für sie die Werbetrommel rührt und daher niemand darauf kommt, sie anzusehen.

Ich hätte so gerne einmal Gegenargumente, die darüber hinausgehen, dass ich nichts davon verstünde ohne akademischen Hintergrund; ich würde mich so gerne einmal mit jemandem mit diesem Hintergrund unterhalten, der wirklich etwas erwidert, der sich meinetwegen herablässt auf die Ebene eines Gesprächs nur vor dem Hintergrund des „gesunden Menschenverstandes“. Dieser Jemand dürfte mich argumentativ richtig rund machen (oder wahlweise lang), er möge nur bitte direkt auf meine Argumente eingehen. Sie direkt entkräften. Mir sagen, warum sie nicht ziehen, woran es hapert.

Warum es nicht stimmt, dass das, was der Kunstmarkt ist, nichts oder zumindest wenig zu tun hat mit den Arbeiten der Kreativen, und zwar auch nicht mit denjenigen Arbeiten, die auf diesem Markt gehandelt werden. (Ich kann mit schwurbeligen Worten alles hypen und dasselbe niederreden; Professor B lässt jemanden zum Studium zu, der von Professor A mit denselben Arbeitsbeispielen abgelehnt wurde; eine Galerie arbeitet mit einem Ausstudierten, der zuvor von einer anderen abgelehnt wurde und macht ihn weltberühmt usw. usf.)

Warum der „normale Menschenverstand“ nicht ausreicht, sich über den abstrakten, nicht klar definierten Kunstbegriff unterhalten zu dürfen.

Warum es heißt, man sei bei der Kunstbetrachtung immer auf sich zurück geworfen, obwohl man gar nicht alles als Kunst ansehen darf … was wäre z. B., wenn eine Arbeit der Anwaltsgattin mich erfolgreich auf mich zurück werfen würde, d. h. mir einen neuen Gedankenimpuls geben könnte, ich sie aber leider nie zu Gesicht bekomme, außer die gute Frau ist wie einige andere bereit, sich auf einer privat ausgerichteten und beworbenen Veranstaltung lächerlich zu machen …

warum es verkehrt oder nicht sinnvoll wäre, auf Gerhard Richter und Lieschen Müller gleich offen zuzugehen und die Arbeiten beider gleich offen anzusehen … und apropos „Gerhard Richter“: zu etabliert ist auch nicht gut; es werden schon länger Stimmen laut, die seine angebliche „Unantastbarkeit“ beklagen… warum wird der Markt nicht als der Markt gesehen, die Börse nicht als die Börse und ein Bild Gerhard Richter’s nicht einfach als ein Bild Gerhard Richter’s, obwohl es an der Börse gehandelt wird … ?

Ich brauche jemanden, der mir die Argumente des Marktes verständlich macht, solange dieser versucht, eine angebliche Spreu vom angeblichen Weizen zu trennen – oder einen Angehörigen des Marktes, der mir beipflichtet.

Und auch, wenn das hier ein Blog ist … :

auf jeden Fall brauche ich Auseinandersetzung, Gespräch.

Viele Grüße,

Sabine

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2 Gedanken zu “Reibung

  1. Liebe Mitlesenden,
    anscheinend versteht wordpress nicht, dass, wenn ich Pünktchen mache, ich die Schrift deswegen nicht geändert haben möchte… ich dachte erst, es liegt am Kopieren des Textes aus Word; nun habe ich ihn in mühevoller Kleinarbeit noch einmal geschrieben und gemerkt: das war es nicht :-/
    Bitte lasst Euch von der durch das wordpress-Programm geänderten Schrift nicht beeindrucken – ich versuche das auch :-/) …

  2. … mein eigener Kommentar zeigt, was vielleicht möglich ist … ich versuche es noch einmal … 🙂

    leider ändert sich durch die Blanks auch nichts :-/ … nun lasse ich Euch wieder in Ruhe 🙂 …

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