Apropos „unmittelbar“…:

Früher habe ich alle Texte gesammelt, um sie „irgendwann“ einmal zur Perfektion zu überarbeiten und dann als einen großen Gesamttext zu „haben“ – für welchen Zweck auch immer.

Nun entspricht es mir eher, nicht mehr auf das „Irgendwann“ zu warten, denn was man verliert, ist Zeit. Was hätte ich davon, in hohem Alter einen perfekten Text zu haben ohne den direkten Austausch über’s Netz, der nun und so möglich ist… nichts! Was nützt mir überhaupt die Perfektion? Niemand wird da sein, der das so bewertet; ich trete nirgendwo zu einem Wettbewerb an. Ich suche das Gespräch, den Anstoß zu neuem Denken. Ich für mich suche das sowieso immer, und es macht mich froh, sollte ich in einem Dialog einmal einen solchen Anstoß geben können. Das Hier und Jetzt zählt mehr als das Irgendwann und Später. Immer. Denn es ist das Einzige, das wir wirklich haben. Jetzt. Gleich kann es schon zu spät sein.

Ich kann eine gedachte Zukunft näher holen und sie jetzt zu meiner Wirklichkeit werden lassen – dieses Gefühl hat mich begleitet, als ich die Idee dieses großen Gesamttextes begrub, den vermutlich nie jemand gelesen hätte. Ich hätte nur diese eine Chance gehabt, mich jemandem verständlich zu machen, und wäre das misslungen, hätte er nicht nur den Text für immer beiseite gelegt, er hätte vermutlich auch anderen gesagt ‚ich kann sie nicht empfehlen… also ich habe sie nicht verstanden’…

Im Gespräch hat man die Möglichkeit des Dialogs; Text ist erst einmal nur Monolog. Deswegen begreife ich alles, was ich schreibe oder von anderen lese, als Möglichkeit, darauf einzugehen, den Monolog lebendig werden zu lassen. Die vielen geschriebenen Wortbröckchen, Textfragmente haben den Sinn, dass Menschen, die sie finden, „Ja!“ sagen oder „Moooment!“ 😉

Die vielen geschriebenen Wortbröckchen, Textfragmente ergeben zusammen ein Bild, ein sich durch Wochen, Monate und Jahre leicht veränderndes Gesamtbild. Und Sie alle, Ihr alle malt mit daran.

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Eine Mission zu haben ist nicht immer schlecht…

Eine Mission zu haben ist nicht immer schlecht

„Wofür leben Sie?“

Die philosophische Beraterin Rebekka Reinhard in der „Nachtlinie“ des BR

http://www.ardmediathek.de/br-fernsehen/nachtlinie/mit-der-philosophin-rebekka-reinhard?documentId=19863840 (Link kann evtl. bereits nicht mehr abrufbar sein)

 

Auf die „Nachtlinie“ brachte mich eine Freundin und insbesondere auf die kürzlich dort befragte Rebekka Reinhard. Nach eigener Aussage hat diese den Anspruch, Menschen anzustoßen, sich die weiterbringenden Fragen zur jeweiligen Lebenssituation zu stellen. Ein schon bekannter richtiger Ansatz, der hier sehr nachvollziehbar und sympathisch rübergebracht wird. Aber so richtig dieser Ansatz ist, so selten wird er auch zur Problemlösung herangezogen, weil das im Leben eher erschwert als gefördert wird. Oft wird nur das Symptom „behandelt“. Und: es ist nur ein Teil der Problemlösung; der andere Teil liegt oft bei einem Gegenüber.

Frau Reinhard stellte im Gespräch auch ihr Buch „Schön!“ vor, in dem es u. a. darum geht, dass in den unterschiedlichen Regionen der Welt unterschiedliche Schönheitsideale gelten, die nie einflusslos in den Menschen entstehen, sondern immer gesellschaftlich geprägt sind, und dass der Begriff der äußeren Schönheit eben nur ein Aspekt zum Thema ist. Genau diese äußere Schönheit sei aber das, was die Menschen heutzutage im Vordergrund sähen, während sie die vielbesungenen „inneren Werte“, eine innere Schönheit, wozu auch die Pflege des Denkens zähle, vernachlässigten. Meine Erfahrung deckt sich in dem Punkt sehr mit der der Philosophin. Ich finde erschreckend, wie sehr junge Mädchen ihren Körper zeigen wollen, und wie zögernd sie im Gegensatz dazu z. B. ein Talent zeigen wollen. Oder überhaupt etwas, das nicht mit Äußerlichkeit zu tun hat, als Wert empfinden, der aus sich heraus nicht nur eine Berechtigung hat, zu sein, sondern unbedingt ans Tageslicht gehört, damit eben Bandbreite in der Bevölkerung – auch der jungen und sehr jungen Bevölkerung – bleibt.

Es wurde darüber gesprochen, dass u. a. durch die Nutzungsverbreitung des Internets ein „selber denken“ eher verhindert als gefördert wird, was auch ich bedauere, obwohl ich mit Begeisterung surfe und die Möglichkeiten des WWW nicht mehr missen möchte. Aber selbstverständlich ist Einseitigkeit auch dort nicht gut; Urteilen fehlen oft die wichtigen Graustufen, und das führt selten zu einem umfassenden Eindruck, der Differenzierung zugrunde liegt.

Aber was ist, wenn man „selber denkt“, was ist, wenn man sich die „richtigen“ Fragen stellt?

Es führt dazu, dass man nicht mehr stromlinienförmig funktioniert, sondern sich wirklich einbringt, seine Persönlichkeit zeigt. Wenn das nicht unsozial und rücksichtslos geschieht, wäre eigentlich alles gut, wären da nicht die Vielen, denen man dann unbequem ist oder wird, die sagen, dass man sich da in etwas hineinsteigere, überreagiere, sich selbst nicht gut täte und dergleichen mehr. Da braucht es wirklich gutes Rüstzeug, dann unaufgeregt bei sich bleiben zu können, wobei diese Unaufgeregtheit oft mit Schwäche verwechselt wird.

Ich fand sehr gut und richtig, wie nachdrücklich Rebekka Reinhard auf Definitionen zu sprechen kam; mit ihnen steht und fällt einfach alles im Leben, ob urpersönlich im Fühlen und Denken oder im Sprechen. Ich habe selbst einmal formuliert, dass, wenn man in einem Gespräch vorher die Definitionen klärte, sich meistens jeder Streit erübrigte; das bestätigt sich in meinem Leben immer wieder.

Ebenso richtig fand ich ihr Eingehen darauf, wie essenziell wichtig Muße ist, Zeit. Ohne sie ist ein Hineinhorchen nicht möglich, nicht in andere Personen, aber auch nicht in sich selbst. Der nächste Reiz wäre schon da, ohne dass wir erste innere Worte vernommen hätten, geschweige sie hätten zuordnen können. Deswegen gebe ich dem Bedürfnis nach, das schnelle Medium „Internet“ zumindest für mich zu entschleunigen, indem ich es (auch!) auf untypische Art nutze: ich poste z. B. längere Texte, und ich lasse mir Zeit beim Lesen eines fremden Textes. Eine mir noch unbekannte Internetseite braucht keinen schrillen Schnickschnack oder ein zackiges Menü; sie muss für mich nicht in Sekunden erfassbar sein.

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Entschleunigung eine Sache des Älterwerdens.

Ab einem gewissen Alter – und das erlebt jeder zu seinem individuellen Zeitpunkt – möchte man sich und anderen nichts mehr beweisen, was bitte nicht zu verwechseln ist mit „nichts mehr lernen wollen“. Aber man wird unaufgeregter, weil man immer mehr Gleiches oder zumindest sehr Ähnliches hat kommen und wieder gehen sehen. Man schätzt immer besser ein, ob ein sich-Einbringen echte Veränderung bringen darf oder man nur pseudo-gehört wird, man kennt seine Stärken und Schwächen ziemlich gut und sieht nicht mehr ein, dass uniforme Tugenden gefragt sind und besser im Miteinander funktionieren sollen als sich ergänzende. Man möchte für das geschätzt werden, was man kann, ohne dauernd „Hier!“ schreien oder „klappern“ zu müssen. Das wird ab einem bestimmten Alter von den Meisten nun mal als unwürdig empfunden (und bei ein paar von uns hat dieses Alter schon in den eigenen 20er Jahren begonnen…). Und umgekehrt sieht man nicht mehr ein, dass auf den Schwächen derart herumgeritten wird, dass man auf Biegen und Brechen etwas leisten soll, das ein anderer im Schlaf kann, während von diesem verlangt wird, dass er ein bestimmtes Talent haben soll, das wir besitzen. Wir werden im besten Sinne langsamer.

Konkurrenz macht immer weniger Sinn. Jungen Menschen verzeiht man das Konkurrieren, das sich miteinander-Vergleichen noch, weil sie es in unserem bestehenden Schulsystem schon dort lernen, weil sie um Studien- und/oder Arbeitsplätze ringen müssen und weil sie den Absprung von diesem Denken nicht plötzlich schaffen, nur, weil es auf einmal um etwas ganz anderes, Unvergleichliches geht wie z. B. das Befreunden oder gar Verlieben. Dann hält man plötzlich fest, was man hat, damit man es noch hat. Und kein anderer. Auch, wenn es gar nicht zu einem selbst passt und man nur frei in sich hineinhorchen müsste, ohne dass die vielen fremden Stimmen, Meinungen, Haltungen, gesellschaftlichen Normen oder Dogmen die eigene innere Stimme übertönen.

Das Innere. Inhalte werden immer wichtiger. Aber der eigene Inhalt braucht auch ein Gegenüber, das ihn spiegelt; es braucht Dialog. Es braucht nicht nur die Möglichkeit, dem Gegenüber zuzuhören, sondern auch Interesse an ihm, damit es sich nicht in der Betrachtung seines Äußeren erschöpft.

Um noch einmal auf Rebekka Reinhard zurück zu kommen: frei nach Platon nach dem „Wahren, Guten und Schönen“ zu suchen und anderen helfen zu wollen, ihre Wahrheit, ihre Wahrhaftigkeit und die anderer zu entdecken ist eine Mission, der wohl niemand ihre Schönheit absprechen kann.

 

Danke, Uta, für den inspirierenden Tipp, der mich nachdenken ließ und immer noch lässt!

 

Ich habe mir hier erlaubt, im Denken wie auch im Schreiben „vom Hölzchen auf’s Stöckchen“ zu kommen und hoffe, man verzeiht mir das… und jetzt die abschließende Frage an Sie und Euch: was glaubt Ihr, warum ich diesen Text für diese Seite hier gewählt habe; warum ich denke, dass er passt…

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Bis hierhin

Mit dem Malen in Berührung gekommen bin ich durch die Tatsache, dass mein Vater Musterzeichner war, schon früh; ich fand es faszinierend, wie mit wenigen prägnanten Strichen, etwas Farbe und der richtigen Schattierung in Minuten eine Blüte entstand… oder der Kopf eines Löwenbabys. Und alles war erklärbar: was wie wirkte und warum – eine wunderbare neue Welt für das Kind, das ich war, das die reale Welt um sich herum doch erst ansatzweise entdeckt hatte.

Als Halbwüchsige nahm mich das geschriebene Wort gefangen, sowohl das, was ich las, als auch das selbst geschriebene. Wieder eine neue Welt, und für mich war diese sogar noch leichter zu begehen als die der Malerei – so dachte ich zumindest. Viel später stellte ich fest, dass es nicht darum ging, etwas zu tun, was leicht zu erschließen war, sondern um das Bewusstmachen, warum man einen bestimmten Weg wählte und wie man ihn gehen wollte. Erst viel später brachte ich Farbe und Wort in meiner kreativen Arbeit wieder zusammen.

Aus einem in die Wiege gelegten, zum anderen sicher anerzogenen Sicherheitsbedürfnis heraus lernte ich eine Arbeit, die mich ernähren konnte, und verfolgte alles „Schöne“, Kreative, Künstlerische frei, weitgehend autodidaktisch. Mir fiel der Unterschied zur Herangehensweise meines Vaters auf, der auch Autodidakt war, aber ja beruflich malte und sich keine „künstlerische Freiheit“ gönnen konnte, ja oftmals sogar kein Verständnis für manchen Künstler aufbrachte. Ich dagegen wollte jeden Maler fragen, warum er was wie dargestellt hat, und bin bis heute davon überzeugt, dass nur ein entgrenzter Kunst-Begriff wirklich funktioniert, wenn man die Kunst nicht (nur) dazu nutzt, dem Kunstwelt-Menschen zu Rang, Namen und Geld zu verhelfen. Kunst kann sich immer und überall ereignen.

So gehe ich auch mit meiner eigenen Arbeit um: nichts ist für mich festgeschrieben, weder Material, das ich fröhlich miteinander mische, noch Farbe oder Komposition – es kommt auf die Aussage an, die ich treffen möchte. Wenn die in meinem Sinne erreicht wird, ist alles erlaubt. Eine meiner Eigenarten ist, die Bilder nicht mit einer Jahreszahl zu versehen, was eigentümlicherweise Vielen gleich auffällt und mindestens zu Nachfragen führt. Die Antwort lautet: für mich schreiben sichtbare Jahreszahlen etwas im Betrachter fest – so geht es mir – und ich finde, das beeinträchtigt die „freie“ Sicht auf das Bild. Ausnahmen mache ich aber bei Auftragsarbeiten, und bei einem bestellten Hochzeitsgeschenk habe ich das Datum auch schon im Motiv hinterlassen. Ich katalogisiere meine Arbeiten nicht und halte nicht jede im Foto fest – was „weg“ ist, ist also „weg“. So fühle ich die Dinge, die ich erschaffe, und damit mich selbst eher „im Fluss“, und das entspricht meinem Denken auch sonst. Die regelmäßig-unregelmäßigen Zerschneide-Aktionen meiner Bilder – auch die der „erfolgreichen“, bereits ausgestellten übrigens – gehören für mich dazu. Die Bild-Fragmente werden größtenteils zu Grußkarten-Motiven und auf diese Weise in die Welt geschickt… für mich eine der schönsten Arten des in-Dialog-Tretens.

Auf meiner Website (www.sabinepint.de) bin ich dazu übergegangen, alle paar Tage eine Arbeit von mir in einer Wechselausstellung zu zeigen und ansonsten neben der Kreativ-Vita und Ausstellungsliste auch Persönliches zu berichten… Beweggründe für dieses oder jenes oder einfach ein paar Gedanken zur momentanen kreativen Situation. Daneben veröffentliche ich persönlich gehaltene, nicht wissenschaftliche Sachtexte rund ums Thema „Kunst“, die durch die theoretische Auseinandersetzung entstanden sind.

Ich habe das Gefühl, gleichzeitig auf dem Weg und bereits am Ziel zu sein – und das ist ein sehr schönes, frei machendes Gefühl.

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