Was ist Wirklichkeit, was Illusion?

„Willkommen in einem anderen Theater“: Life & Strive

https://www.muenchner-volkstheater.de/radikal-jung/spielplan/life-strive-ua

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Paul Klee 2

„Es waren immer die Künstler, die der jeweiligen Gesellschaft ihre Sicht der Welt vor Augen geführt und durch neue Einblicke verändert haben. Mal wurden die Künstler deshalb als gottgleiche Schöpfer gepriesen, als Genies bewundert, als Inbegriff der Freiheit beneidet oder als Verzerrer der Wirklichkeit – missverstanden als Wahrheit, die aber jeweils nur im gesellschaftlichen Konsens gesetzte Wahrheit ist – angeklagt oder gar verfemt.“

[aus dem Grußwort von Christina Weiss als Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie zur Ausstellung „Das Universum Klee“, Neue Nationalgalerie Berlin, 2009]

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Kunst und Freiheit

Ich frage mich – meist nach Gesprächen mit Menschen anderer Meinung dazu – schon manchmal, warum ich diese freie Auffassung von Kunst habe. Warum ich dazu einladen und eingeladen werden möchte und warum ich eine Verknappung menschlicher Kreativität für nicht sinnvoll halte, selbst im Hinblick auf die dann nicht mehr mögliche Versorgung aller Kreativer.

Wenn „jeder Mensch ein Künstler“ ist, dann kann keine Gesellschaft der Welt das bezahlen, es sei denn, jeder Mensch bezöge ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aber das wäre dann nicht die Bezahlung seines möglichen „Künstler-Seins“. Dieses wäre frei, so frei es sein möchte. Bezahlungen würden allerhöchstens ausgehandelt und bezögen sich immer auf einzelne Objekte, Projekte oder den „gekauften Zeitraum“, nie auf dieses strittige „Künstler-Sein“. Denn solange Menschen „Kunst“ als Qualitätssiegel begreifen, solange wird es auch Ablehnung bestimmter Kunst geben, solange werden wir Häme und Verhöhnungen hören wie: „Was? DIE (wahlweise DER) will KünstlerIn sein?? Dass ich nicht lache!!!“ und: „BITTE?? ICH soll den Lebensunterhalt dieser Person bezahlen?? Wie käme ich dazu!? Ich habe auch noch niemanden gefunden, der mir meine Selbstverwirklichung bezahlt!“ und dergleichen mehr.

Wenn aber niemand mehr ein wie auch immer geartetes Etikett an seine kreativen Arbeiten hängen würde und es auch nicht erstrebenswert fände, es von einer wichtigen Frau X oder dem wichtigen Herrn Y drangehängt zu bekommen, würde die Kunst genesen. Genesen vom Markt, dem Gefängnis jeglicher Kreativität. Die Kunst wäre endlich frei.

Freiheit hat mich schon immer angesprochen. Freiheit als Gefühl. Freiheit in Entscheidungen. Freiheit in menschlichem Miteinander. Nicht als Freifahrtschein für unsoziales Verhalten oder Verantwortungslosigkeit, sondern im Sinne von Freiwilligkeit.

Nie könnte ich einer Partei angehören: die Parteiräson würde mich krank machen. Aus demselben Grund – dem, mit einer Gruppe etwas (er)tragen zu müssen, das ich mit meinem Gewissen nicht mittragen mag – gehöre ich keiner Religionsgruppe mehr an. Und so schön das Gefühl ist, sich in einer freundschaftlich verbundenen Gruppe aufgenommen zu fühlen, so klar tritt manchmal zutage, dass man doch ein Individuum innerhalb dieser ist – und das ist auch gut so. Ich muss immer frei denken können dürfen, auch, wenn das manchmal bedeutet, aus einer warmen Höhle in einen schärferen Wind zu treten. Immer wieder neu frei denken; sich nicht über anderes/andere so fest definieren, dass man es/sie nicht jederzeit verlassen können oder nichts vermeintlich Gegenteiliges mögen dürfte.

Nur der „Gruppe Mensch“ anzugehören und sonst keine inneren Schranken zu fühlen: ich glaube, dass es das ist, was mich „Kunst“ gegenüber so aufgeschlossen sein lässt, was mich nicht vor-urteilend trennen lässt zwischen den Gedanken, die sich ein Marcel Duchamp gemacht hat, als er 1917 ein Urinal präsentierte(*), und denen Lieschen Müller’s, wenn sie als No-Name auf einer Wald- und Wiesen-Ausstellung Opa’s altes Becken zeigt.

 

(*) http://de.wikipedia.org/wiki/Fountain_(Duchamp)

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