Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

*

Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

*

Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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Für wen ist Kunst gedacht 3 – eine Antwort. Gespräch bis hierhin bei: Für wen ist Kunst gedacht?

[…]

Du erklärst alles aus dem System heraus, und das funktioniert in sich schlüssig so, wie Du es beschreibst.

Der Widerspruch liegt für mich darin, dass auch Du das System ja anzweifelst; Du hättest ein leicht anderes System (beispielsweise eines in dem Du oder Kunst, die Du befürwortest, eine größere Rolle spielst oder spielt), aber Du hättest wieder ein System, aus dem andere so herausfallen, wie Du es evtl. jetzt fühlst, dass Du es tust.

WARUM ist an den Hochschulen „alles allgemeinverbindlich vermittelbare Wissen weggefallen“?

Ich fragte Dich ja, ob Du es wie ich für vorstellbar hältst, dass sich die Herangehensweise ans Thema „Kunst“ allgemein ändert, indem die Gesellschaft sich ändert, allgemein freier, offener wird (hoffentlich). Dann wäre es nämlich nicht mehr irgendwie anrüchig, dass die Kunst „nicht mehr das kulturell Andere der Gesellschaft“ ist [Andreas Reckwitz], „sondern deren innerster Teil“ [Thomas Assheuer auf http://www.zeit.de/2013/07/Andreas-Reckwitz-Die-Erfindung-der-Kreativitaet ]. Dann wäre es eine soziokulturelle Entwicklung, die schlüssige Herleitung ist, nicht das Wollen einer Gesellschaft, die „sinnfreien Affekt-Effekten“ [Assheuer] huldigt. Und es wäre vor allem nicht „nur“, es wäre kein „Begnügen“, sondern es gehörte schlicht und einfach dazu, wie irgendwann alles hoffentlich dazugehört, das niemandem weh tut. Nur kann eine irgendwie adäquate monetäre Entlohnung zunehmend schlechter berechnet werden, wenn sie allgemein sein soll und sich nicht auf eine konkrete kreative Arbeit bezieht. Das „Künstler sein“ an sich kann zunehmend schlechter berechnet werden.

Dass Du mehr „off“ bist als etabliert, liegt nicht an Deinen Arbeiten. Wenn Du Dich nun doch etablieren könntest, wäre es lediglich problematisch, das auf einmal mit Deinen Arbeiten zu begründen – aber genau so agieren die meisten Experten. Die Anerkennung der Komplexität der Sache müsste es doch auch den Teilnehmern des Systems untereinander möglich machen, einen wie auch immer gearteten Streit einzustellen und vor allem Widersprüche nicht wegdiskutieren zu wollen…?

Ich akzeptiere vollkommen, dass meist nur „Menschen mit Studium und langjähriger Beschäftigung mit dem Feld verstehen können, warum es so gekommen ist“. Ich ergänze: warum es im Kunstbetrieb so gekommen ist. Du schreibst „damit etwas als Kunst anerkannt wird“. Ich ergänze: damit etwas auf dem Kunstmarkt als Kunst anerkannt wird. Ich denke auch nicht, dass Kunst „einfach ein Produkt ist, das wie ein Brötchen gebacken und dann zu Markte getragen wird“. Aber Du erklärst es so: sie wird „verhandelt“. Für mich ist das genau der Punkt: wenn ich den Begriff ernst nehme, dann bedeutet „Verständnis“ hier nicht inhaltliches Begreifen, sondern ist „Ergebnis der Verhandlung“! So sehe ich es, wenn van Gogh oder wer auch immer „später verstanden“ wird: das menschengemachte komplexe „System Kunst“ nimmt jemanden offiziell in sich auf, den einen früher, den anderen später, einen wieder anderen gar nicht. Menschen haben die Regeln gemacht; sie sind nicht naturgegeben; Menschen haben immer schon auch die Regeln wieder geändert, angepasst, und sie werden es immer wieder tun. Also: Du beziehst Deine Erklärungen auf den Kunstmarkt. Dessen Regeln muss ich entsprechen, möchte ich darauf vertreten sein; soweit sind wir ja einig. Wenn Du über den Kunstmarkt sprichst, auf dem dann selbstverständlich nicht alles „als Kunst anerkannt“ werden kann, und ich über kreative Arbeiten, die rein für sich gesehen oft nicht von den Arbeiten auf dem Kunstmarkt zu unterscheiden sind (und ich meine: wirklich nicht zu unterscheiden sind, bis hin zu einem Konzept), dann ist dieser Unterschied wesentlich wichtig für’s Gespräch. Es ist aber weit weg von einem larmoyanten „das hätte ich auch gekonnt“.

Alles kann auch „profan“ betrieben werden, aber die Sache verliert dadurch nicht an Sinn, Bedeutung, Wert; im Gegenteil! Das Freisein von jeglichem monetären Verwertbarkeitszwang kann doch nur einen Gewinn darstellen! Und selbst, wenn man mir den letzten Satz nicht unterschreibt: den Unterschied zwischen einer Theaterinszenierung ohne und einer mit ökonomischem Gewinn kannst Du nicht sehen! DAS möchte das Publikum verstehen. Es braucht nur einen, der mal sagt: da ist kein Unterschied (wenn da keiner ist) – das eine findet nur auf einem anderen Feld statt.

Wäre van Gogh kein schwieriger Charakter gewesen, wer wollte behaupten, dass er nicht schon früher hätte Erfolg haben können: Onkel Teilhaber beim Kunsthändler, Bruder später sein Kunsthändler; durch seine Kontakte und sein Leben (Stichwort Mythos) ist er nun derjenige – obwohl vielleicht, sehr wahrscheinlich nicht der Einzige –, der irgendwann etabliert, in den Kunstkanon aufgenommen war, der sich durchgesetzt hat. Grundsätzlich hätte auch ein anderer Maler bekannt werden können. „Akteure, Bedingungen und Erwartungen“ haben für die Person van Gogh gesprochen; es hat nur mittelbar mit den konkret entstandenen Bildern zu tun. Antje de Fries – das ist meine niederländische Variante von Lieschen Müller – aus der Nachbarstadt hatte, obwohl sie van Gogh nicht persönlich kannte, ganz ähnliche Eindrücke und Beeinflussungen und hat täuschend ähnlich gemalt. Als Bilder von ihr gefunden wurden, haben Experten sie zuerst für Werke van Gogh’s gehalten und das später revidiert. Es waren eben dann leider nur „keine van Gogh’s“. Antje de Fries’ Namen kennt nur ihre Familie, geschweige wird sie als Mitbegründerin des Post-Impressionismus geführt…

Das Publikum ist weder ablehnend noch beleidigt, wenn es das nicht versteht. Es merkt aber, wenn ihm Erklärungen untergeschoben werden sollen, die haarsträubend sind.

Deswegen ist für mich die Verquickung von Kunst und Kapitalismus aus der Sache heraus mindestens schwierig, nicht, weil ich z. B. der romantischen Idee anhinge, ein Künstler müsse arm sein.

Dass viele Menschen „Kunst“ für sich ablehnen, hat der Kunstmarkt geschafft. Das Publikum sieht dort zuweilen Millionenjonglage und weiß in Teilen nicht, wie es über den Monat kommen soll, und es geht nicht um Leben und Tod wie in der Medizin – es geht „nur“ um Kunst! Wie einfach wäre es zu sagen: es ist Festlegung des Marktes, kein objektiver „Preis“, genau so wie beispielsweise ein Fußballspieler Millionen „kostet“. Stattdessen wird bedauert, wie wenig der verständnislose Nachfrager „Bescheid weiß“…

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