Das Geheimnis: Auseinandersetzung!

Ich möchte gedanklich anknüpfen an ein letztes Gespräch, das ich mit einer Bekannten auf der Feier einer gemeinsamen Freundin hatte. Ich schwärmte im Laufe des Gespräches von meiner reduzierten Arbeitszeit und davon, wie sehr es seither mein Leben bereichert, dass ich neben dem notwendigen Pflichtprogramm auch Herz und Hirn so nähren kann, wie beide es brauchen (u. a. mit solchen Gedanken und den daraus folgenden Artikeln, wie Sie einen solchen gerade lesen können). Sie – die Bekannte – hingegen wollte, nachdem der Sohn nun älter ist, demnächst wieder Stunden aufstocken; „wegen der Rente“. Meine Entscheidung, meine Haltung empfindet sie als „Luxus“. Die Feier meiner Freundin war nicht dazu angetan, noch länger und breiter über das Thema zu sprechen, aber mir fiel wiederholt auf, wie unterschiedlich Menschen die Dinge in ihrem Leben gewichten.

Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen: selbstverständlich muss man für später vorsorgen, selbstverständlich muss man eigenverantwortlich mit seinen Mitteln umgehen. Ich sorge mit einer Zwei/Drittel-Stelle für mich allein; ich kann keine großen Sprünge machen; ich wohne sehr klein; ich habe kein Auto. Ich kann nicht viel für später sparen, führe aber derzeit kein Luxusleben und muss mich im Alter weiter einschränken. Alles das ist mir bewusst – und wie reich bin ich gegen viele, viele andere, die von der Hand in den Mund leben, die auf der Flucht sind, die aufgrund einer Naturkatastrophe oder Krieg alles verloren haben.

Ich glaube, dass ich noch zu niemandem gesagt habe, dass ich nicht verstünde, warum er oder sie bezahlte Arbeitsstunden wegen der Altersversorgung aufstockt – es ist ein zu guter Grund. Ich akzeptiere ihn nicht nur, sondern ich kann ihn in großen Teilen sehr nachvollziehen, weil ich auch sicherheitsbewusst erzogen wurde und diese Gedanken nie abgelegt habe. Wenn man aber in einem Job arbeitet, in dem es durch die Jahre lebenswichtig (ein schönes Wort!) geworden ist, sich einen selbstbestimmten Ausgleich zu schaffen, dann versteht man eben auch diesen Wunsch und dessen Umsetzung. Zu viele sieht man unzufrieden oder gar seelisch krank werden.

Der Luxus liegt darin, dass wir hier, die wir nicht mit Krieg, Flucht oder Hunger leben müssen, die Wahl haben. Der Luxus liegt nicht darin, dass ich damals Stunden abgegeben habe, sondern in meiner Wahl, trotz der Nachteile, die es versorgungstechnisch mit sich bringt, einen Teil Selbstbestimmung für meine Lebenszeit zurück gekauft zu haben, die nicht „später“ kommt, sondern mich jetzt, unmittelbar bereichert.

Ein weiterer Bekannter lebt das noch radikaler; er sagt „Irgendwann haben alle, die etwas von einem wollen, begriffen, dass nichts zu holen ist, und lassen einen in Ruhe.“ Das, was man mit dieser Freiheit dann gewönne, sei unbezahlbar. Er ist sehr authentisch, und ich glaube ihm seine Worte unbedingt. Diese sehr krasse Abkehr von der Gesellschaft, die mich ja auch hält und stützt, wäre nun wiederum nichts für mich…

… das Geheimnis ist, dass jede und jeder nachspüren muss, wie sie und er ihr Leben verbringen wollen; was ihnen wichtig ist. Die Auseinandersetzung damit nimmt mit den Jahren zu, und die eigene Wahl zu würdigen, jederzeit konstruktiv zu hinterfragen und sich dem immer mehr anzunähern, was man für sich und sein Leben wünscht, wird über-lebens-wichtig (ein noch schöneres Wort!).

Die noch größere Kunst liegt u. U. darin, auch die Wahl seines Gegenübers für diesen so zu würdigen, als sei es die eigene. Denn wer möchte sich anmaßen, einem anderen sagen zu wollen, wie er sein Leben – vermutlich das einzige, das wir so, mit diesem Bewusstsein haben – am besten verbringt?

Advertisements
Standard

Antwort auf „Wann ist Kunst ein Misserfolg?“, erschienen auf www.thinglabs.de im Beitrag vom 08. Oktober 2014

Hallo Stefan,

ich wollte so beginnen: Du sagst in Deinem Essay „Denn anders als der Erfolg, der nach landläufiger Meinung keine weitere Erklärung verlangt, läuft der Misserfolg immer Gefahr eine Begründung oder Rechtfertigung einzufordern.“ Der Erfolg verlangt keine weitere Erklärung, aber Du führst ihn doch unmittelbar auf die Arbeiten zurück, oder? Du siehst doch nicht wie ich die zielgerichtete und damit erfolgreiche Bewerbung der „erfolgreichen“ Arbeiten auf den wichtigen Kanälen im Vordergrund eben des Erfolgs, sondern sagst doch, anders als ich (die ich die Qualität auf dem Kunst-Sektor als SEHR relativ ansehe und behaupte, dass man alles hypen oder verreißen und beides schlüssig begründen kann), dass „wahre Qualität“ sich durchsetzt, oder?

Und genau darüber stolpere ich gerade: hast Du jemals behauptet, dass Qualität sich durchsetzt? Nein, im Gegenteil: es haben sich auch Künstler durchgesetzt, die Du für weit weniger relevant als andere hältst. Trotzdem hältst Du in unseren vergangenen Briefwechseln am traditionellen Kunstbetrieb fest und schätzt ihn als wichtiges Fundament, bemängelst nur hier und dort etwas.

Deinen Standpunkt bezüglich des Kunstbetriebes klar zu sehen fällt mir zunehmend schwer. Ich dachte z. B. immer, dass Du gerne ein Künstler im Off-Space bist, weil das zu den etablierten Arbeiten, die jedem überall angeboten werden, einen wichtigen Kontrapunkt setzt. Und das völlig unabhängig vom Fakt, dass Du selbstverständlich lieber gut bezahlt wärst; das wünscht sich wohl jeder: von einer selbstbestimmten Arbeit, die einen auch noch ausfüllt, in der man einen Sinn sieht, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich glaube nicht, dass es so Viele gibt, die einer pseudo-romantischen Vorstellung vom armen Künstler anhängen; ich glaube allerdings, dass – u. a. durch das haarsträubende verbale Butter-vom-Brot-Kratzen der Beteiligten im Kunstbetrieb – Viele sehen, wie unglaubwürdig die wirken, die erst über Geld reden und dann über ihr Anliegen. Und Kunstwerken ist es nun mal zu eigen, gesellschaftliche Anliegen zu sein; da sind sich sogar meistens die Etablierten mit den „Hobby-Künstlern“ einig. (Inwiefern das die beiden Lager behaupten dürfen, zu sein – relevante und berechtigte Vertreter gesellschaftlicher Anliegen – , da streiten sie dann wieder.)

Im Gegenteil zum mündlichen Hören beim ‚seminar’ gefallen mir diesmal Deine geschriebenen Ausführungen weniger. Du klingst gelesen in diesem Essay voller Sarkasmus; als nähmst Du nichts und niemandem mit einem anderen Standpunkt ernst. („Die Vorstellung, was die eigene Kunst bedeutet und ausmacht, reproduziert sich mithin vollständig subjektiviert. Monadisch lebt sie vom Fettpolster der inneren Heilsgewissheit.“, um nur ein Zitat zu bringen; ich hätte ganze Passagen kopieren können…)

*

Wie ist denn „scheitern“ definiert? DU (aber damit auch ICH und JEDE/R ANDERE) bestimmst doch, was Du erwartest und warum, und was demnach „scheitern“ ist. Und Du sprichst anderen – zumindest in diesem Text – völlig eine andere Herangehensweise ab. Und das ist ja dann noch nicht mal ein Unterschied zwischen der akademischen und der nicht-akademischen Herangehensweise – Du hast ja wohl reihenweise KollegInnen auf demselben Level, die es augenscheinlich anders sehen… kann man nicht einfach sagen, dass das, was Du für Dich als „scheitern“ definiert hast, als Wort es für sie einfach nicht trifft? Warum soll das ein Widerspruch sein: zwar, weil man zu wenig von den wichtigen Kanälen beworben wurde, hat man keinen äußeren Erfolg, aber die Anliegen bleiben doch! Soll ich die verraten, nur weil die Gesellschaft mir den äußeren Erfolg verwehrt? Soll ich lediglich reagieren und die Macht über mein Tun und Lassen in fremde Hände legen?

Stellen wir uns vor, es käme irgendwann so, wie im ‚seminar’ beschrieben: Du hast 10 Jahre Zeit, und hast Du Dich in dieser Phase nicht etablieren können, nimmst Du Deinen Hut. Wohin mit den Anliegen? Macht man dann heimlich im Keller weiter? Wie geht man damit um, dass man sich ja auch anderweitig durchaus „künstlerisch“ verhält, und damit meine ich nicht den schwarzen Rolli, sondern die Haltung dem Leben gegenüber, die durchaus von Kreativität jenseits von „Basteltisch“ und denk- und tatkräftiger gesellschaftlicher Teilnahme geprägt ist, aber eine einem selbst wichtige Ausdrucksmöglichkeit nach der „neuen Regelung“ wegfallen muss? Werde ich bestraft, wenn rauskommt, was ich im Keller mache…?

Warum stört Dich die Haltung der KollegInnen eigentlich? Das finde ich im Moment am spannendsten… glaubst Du, dass sie damit „Kunst“ schaden? Mir kommt es nämlich so vor, als befreiten sie dadurch „Kunst“ von der Meinung vieler Otto-Normalrezipienten, dass das ein Metier sei, in dem man ohne große Arbeitsleistung  und oft aus Sch…. Geld machen könne.

Anders als es bei Dir klingt, glaube ich nicht an massenweise Selbstüberschätzung künstlerisch tätiger Personen, die einfach nicht einsehen wollen, wann es „genug“ ist; dass sie es nicht „bringen“. Ich glaube immer noch und immer wieder an Bandbreite und an den überbordenden Wunsch, sich auszudrücken und auszutauschen. Und das selbst bei den Etablierten, die ja eigentlich „Kunst“ „voranbringen“ sollen…

Und jetzt erhebe ich mein Glas. Auf Franz Kafka. 😉

Viele Grüße,

Sabine

Als P.S. ein zugegeben langes Eigenzitat:

Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn […]. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert.

Standard

Anke hat Zeit

Ich bin ein Fan von Anke Engelke, seit wir beide Teenies waren, und ihre Talkshow „Anke hat Zeit“ ist für mich die derzeit beste in der Fernsehlandschaft. Gestern war es für mich extrem spannend; ab ca. 09:20 geht es los mit dem Thema Förderung im Kulturbetrieb, und besonders fesselnd finde ich da die Auseinandersetzung zwischen Kasper König und Clueso, die auch nach dem ersten Musik-Act noch weitergeht… ich fühle mich nicht auf der Seite von Harald Schmidt, der sagt, dass, wenn es einer nicht „schafft“, er es auch nicht verdient hat; ich bin bei Herrn König, der meint, dass die Gesellschaft nicht für einen einzelnen, der kulturell mit etwas rauskommt, aufkommen muss, aber ich kann auch Clueso’s Argumentation gut nachvollziehen… vielleicht findet Ihr es ja ähnlich spannend:

http://www.ardmediathek.de/tv/Anke-hat-Zeit/Anke-hat-Zeit/WDR-Fernsehen/Video?documentId=23888552&bcastId=16030060

Standard