Kunst und Arbeit

Mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens setze ich mich jetzt schon ein paar Jahre auseinander. Ich habe viele Argumente dafür und dagegen gehört, Diskussionsrunden gesehen mit nach meinem Dafürhalten vernünftigen und unvernünftigen Ansichten auf beiden Seiten.

Wieso ich überhaupt begonnen habe, mich damit zu beschäftigen, lag nicht in meiner persönlichen Situation begründet, zumindest nicht auf den ersten Blick, denn ich bin erwerbstätig. Wenn ich aber aus dem Fenster sehe, kann ich mich dem Anblick nicht verschließen: aus der Arbeit entlassene Menschen, sich die Finger wund bewerbend und das ab einem gewissen Alter noch dazu absehbar erfolglos, von „Arbeits“agenturen“ verwaltete Menschen, denen man – wider eigenes besseres Wissen – verkaufen will, dass sie irgendwann wieder eine Anstellung auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt haben werden, junge Menschen in Südeuropa, die gar nicht erst auf den Arbeitsmarkt kommen. Entweder sie werden beschuldigt, „es nicht wirklich zu wollen, denn sonst hätten sie ja Arbeit“, oder sie werden bedauert im Falle der ganz jungen Arbeitslosen – ändern tut sich nichts. Kann es auch nicht, denn es ist nicht mehr zu tun da. Der Mensch entlastet sich durch Maschinen und immer rationellere Arbeitsabläufe, es wird immer weiter in diese Richtung investiert und geforscht, aber durch diese Entwicklung dann tatsächlich arbeitslos zu sein, ist ein Makel.

Wo noch jede Menge zu tun da ist, versorgen sich erst mal die Konzernvorstände und speisen Mitarbeiter oft mit Hungerlöhnen ab, wenn sie sie nicht entlassen. Krankenhäuser schauen auf eine Art auf Wirtschaftlichkeit, die unanständig ist, weit über das gebotene vernünftige Maß hinaus, das jedes Unternehmen anlegen muss, möchte es bestehen bleiben, und vergessen ethische Grundsätze – auch ihren Patienten gegenüber – manchmal ganz. Dass das Grundeinkommen Menschen in Prekärbeschäftigung stärkt, dass es z. B. einem Pfleger, der eine gesellschaftlich anerkannt wichtige Arbeit verrichtet und trotzdem bislang abgespeist wird, eine bessere Argumentationsgrundlage gegenüber seinem Arbeitgeber gibt, begrüße ich von Herzen! Es machte ein ganzes Stück freier.

Auf den zweiten Blick bin ich auch zumindest mittelbar betroffen von Nachteilen des derzeitigen Verdien-Modells.

Eine Hälfte meines Tages verbringe ich in einem Angestelltenverhältnis, gesellschaftlich anerkannt und bezahlt, die andere Hälfte in einem „Gesellschaftsarbeitsverhältnis“, gesellschaftlich aber lediglich anerkannt als mir vergönnter Müßiggang, denn nur ich selber gebe der Sache Wertschätzung durch verbrachte Lebenszeit. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, für die andere durchaus bezahlt werden; der Unterschied liegt eher im bewusst gewählten Hobby-Status gegenüber einer Profession als in den Dingen an sich. Soll bedeuten: entsteht bei mir ein Text, habe ich deswegen keinen Anspruch auf Geld, der Journalist aber (hoffentlich!) schon. Umgekehrt bekommt der Journalist es eher nicht bezahlt, wenn er mit noch so einem gelungenen Modell seine vielleicht unzähligen Bücher katalogisiert und verleiht.

Ich habe Malerei nicht studiert, aber wollte ein Bild schaffen, das auf einen drohenden Empathie-Verlust auf beiden Seiten (verschiedene vermeintliche Gegensatzpaare sind angedacht; eins ist bisher umgesetzt) hinweist. Es war mir ein Anliegen, es zu schaffen, und es war mir ein Anliegen, es zu zeigen. Da es kein Auftrag von irgendjemandem war, den ich mir selbstverständlich hätte entlohnen lassen müssen (da ich dann ein fremdes Anliegen umgesetzt und ihm meine Lebenszeit gewidmet hätte), war ich einfach glücklich, mich artikulieren zu können. Die Möglichkeit, dass andere sich damit auseinandersetzen können, mit meinem ur-persönlichen Anliegen und Ausdruck, war mein „Lohn“.

Jetzt gerade sitze ich an diesem Text, den Sie lesen, den Du liest, und der mir ein Anliegen ist. Niemand hat ihn bestellt, niemand wird ihn bezahlen, und trotzdem empfinde ich als sinnvoll, dass er entsteht, dass ich ihm Zeit gebe.

Was macht man mit solchen Kreationen, wenn „sie einfach sein zu lassen“ keine Option darstellt?

Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich auf der Seite des Arguments zu finden bin, dass Kunst durch ihre Unvergleichlichkeit und durch die Tatsache, dass sie über einen direkten Nutzwert hinausgeht sich einer fairen allgemeinen Bezahlung verschließt (weil sie sich einer objektiven Bewertung verschließt), außer Kreativarbeiter und „Kunde“ schließen einen Vertrag. Und dass ich finde, dass Kunst nicht veräußert werden muss, um zu wirken. Und dass ich nicht finde, dass man mit ihr einem Beruf im klassischen Sinne nachgehen kann, weil das die Kunst unfrei machte. Aber die Diskussion, ob und wie es möglich ist, Kreativarbeit zu bezahlen, kommt ja nicht von ungefähr. Was bietet die Gesellschaft, was bietet unser System Menschen an, die jahrelang eine Sache studiert und durchaus einen bestimmten Beruf im Blick haben, wenn sie in diesem Beruf nachher entweder nicht arbeiten können, für einen Hungerlohn arbeiten oder Werte verraten müssen, aufgrund derer sie den Beruf vielleicht erst angestrebt haben…? Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, in der alle versorgt sind und alle gleichzeitig akzeptieren, was das Gegenüber für sich als sinnvoll erachtet und womit es sein Leben füllen will?

Wenn die bedingungslose Versorgung aller nicht möglich ist, werden wir weiter auf dem Sinn, den andere sehen, herumhacken, ihn nicht gelten lassen.

Dabei ist die Frage doch auch, wie wir „Arbeit“ definieren. Wird das, was ich in der „unbezahlten“ Tageshälfte mache, nicht als Arbeit angesehen, weil ich nicht genug dafür eintrete, dass es welche ist, oder sind wir nicht alle Gesellschaftsarbeiter, jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben, und kämen in Teufel’s Küche, wenn wir jedes Tun als „Leistung“ sehen, die wir sofort in einen Geldwert umrechnen müssen, auch, um anderen mit ihren Leistungen nicht in den Rücken zu fallen? Wenn wir uns für einen Beruf entschieden haben, dürfen in unserer „Freizeit“ dann Dinge entstehen, für die ein anderer in seinem Beruf Geld bekommt, und dürfen unsere Kreationen an die Öffentlichkeit?

Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, bei der wir keine Trennungen erzwingen müssen, die es „naturgegeben“ sozusagen gar nicht gibt, die es nur gibt, weil wir ein Bezahlsystem und kein Tauschsystem von Waren und Dienstleistungen haben?

Wie schaffen wir es, so frei zu bleiben, dass wir unsere gesellschaftliche Verantwortung angemessen tragen und dabei unser Leben mit den Dingen füllen können, die wir als sinnvoll erachten?

[Der Begriff „Kunst“ will hier wie immer verstanden werden als jegliche Art der Transformation, die Menschen erschaffen, um sich auszudrücken, nicht als Qualitätssiegel. Auch erhebt die Verfasserin wie immer keinen Anspruch auf eine objektive Qualität ihrer Worte oder Haltung.]

[http://thinglabs.de/2014/10/sind-kuenstler-wirklich-gluecklicher/#comments]

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Standard

10 Gedanken zu “Kunst und Arbeit

  1. Stefan B. Adorno schreibt:

    Hallo Sabine,

    ich kann nur sagen, Du hast die Problematik in bewundernswerter Kürze und Klarheit dargestellt.

    Eine Lösung habe ich nicht parat. Das würde nicht nur ein Buch erfordern, mehrere. Wenn überhaupt.

    Wir können nur feststellen, unsere Gesellschaft und Arbeitswelt ist in den letzten 50 Jahren immer künstlerischer geworden. Siehe dazu Reckwitz, Die Erfindung der Kreativität.

    Die Arbeitsweise und Geisteshaltung von Künstlern ist zum Modell für weite Teile gesellschaftlichen Handelns geworden. Nahezu alles darf und muss heute „kreativ“ sein. Das ist doch durchaus positiv zu bewerten.

    Leider hat das nicht nur dazu geführt, dass Künstler nach wie vor nicht von ihrer Arbeit leben können; ihre besondere Verzichtsleistung (also für ideelle und individuelle Sinnfindung auf materiellen Auszugleich zu verzichten) wird als fragwürdiges Vorbild mehr und mehr Beschäftigten zugemutet, die sich bislange in sicheren Arbeitsverhältnissen aufgehoben glaubten. (In Länge haben diesen Prozess Boltanski und Chiapello dargestellt, ohne zu einer Lösung zu finden.)

    Für meinen Bereich kann ich nur sagen, dass die Künstler aufhören sollten, aus ihrer privilegierten Position nur das symbolische Kapital (also den pers. Sinn) herauszuziehen. Sie müssten auch die materielle Seite ihrer Existenz wichtig nehmen und notfalls die Arbeit niederlegen.

    Grüße
    Stefan

  2. Guten Morgen Stefan,

    vielen Dank für die Antwort.

    Ja, ich kenne Deine Position aus unseren vielen Gesprächen bis hierhin, und habe selbst ja aber eine andere.

    Eine Lösung habe ich selbstverständlich auch nicht, aber ich würde es begrüßen, wenn unser aller Denken mehr in die Richtung ginge, ein System zu finden, in dem wir eben NICHT etwas lassen müssen, was uns immens wichtig ist, um „erfüllt“ zu sein, nur, um versorgt zu sein. Wenn ich Dich richtig verstehe, liegt bei Dir der Versorgungsaspekt noch nicht mal gleichauf neben Sinnsuche bzw. ~findung, sondern sogar davor…? Und in Deinem letzten Absatz sprichst Du zwar von „Deinem Bereich“, schlägst aber trotzdem „den Künstlern“ vor, „notfalls die Arbeit niederzulegen“… meinst Du das als eine Art „Streik“, um auf die Situation aufmerksam zu machen, oder als persönliches Fazit, wenn der äußere Erfolg ausbleibt? Es als Streik zu sehen wäre ein neuer Gedankenansatz für mich, allerdings fällt es mir durch die Jahre ja immens schwer, „die Künstler“ als einige Zunft zu sehen…

    Viele Grüße,
    Sabine

  3. Stefan B. Adorno schreibt:

    Hallo Sabine,

    es wäre natürlich schön, wenn jegliche Arbeit (und nicht nur die der Künstler) die Anerkennung (materiell und immateriell) bekäme, die sie verdiente.

    Um das zu verwirklichen sehe ich eigentlich nur zwei Wege:

    a) der systemimmanente, der auf individuelle oder solidarische (zB gewerkschaftliche) Weise Anerkennung einfordert und durchzusetzen versucht.

    b) der Systemumbau, der nach welchen Ideen auch immer (sozialistische) eine allgemeine Veränderung erstrebt. Zu dem gehört auch das Bedingungslose Grundeinkommen.

    Ich sympathisiere eher mit dem ersten Ansatz. Denn er verspricht Veränderung in kleinen Schritten.

    Daher meine ich mit „Arbeit niederlegen“ genau das „persönliche Fazit“. Bei den Geisteswissenschaftlern geht das ja. Ich kenne jede Menge Soziologen, Romanisten, Germanisten etc, die einfach irgendetwas anderes machen. Dahinter steckt in jedem Einzelfall ein Schicksal. Das ist nicht nett, aber konsequent. Nur die Künstler kleben an ihrem Ideal.

    Grüße
    Stefan

  4. Hallo Stefan,

    ich würde Plan b) vorziehen 😉 , aber gut wäre ja schon mal, IRGENDETWAS zu verändern bzw. einer Idee mal eine Chance zu geben, sich in der rauen Wirklichkeit zu bewähren oder zu scheitern.

    Letztens habe ich ja schon mal in einer anderen Antwort angedeutet, dass der Unterschied zwischen den von Dir als Beispiel gebrachten anderen Wissenschaften und der Kunst darin liegen könnte, dass da tatsächlich ein Unterschied IST… worin der liegt, ist erst mal nur die Vermutung, dass eine bestimmte Philosophie (oder überhaupt Philosophie…?) eine Rolle spielen könnte, die diesen Unterschied ausmacht, und die dann nicht unbedingt abzutun wäre mit an etwas „kleben“… jedenfalls nicht im negativen Sinn… ich bleibe dran 🙂 .

    Viele Grüße und Gute Nacht,
    Sabine

  5. Hallo Stefan und alle anderen,

    vielen Dank für Deinen Link. Ich füge hier meinen Beitrag der facebook-Seite ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen’ ein, bei der Du das auch gepostet und ich gerade das hier geantwortet habe:

    Ich glaube auch nicht, dass der Sozialismus funktioniert, und zwar für mich, für mein Denken in erster Linie durch die Gleichschaltung der Personen, durch die fehlende zugelassene Individualität.

    Der Kapitalismus, so, wie wir ihn jetzt haben, zwingt die Menschen in meinen Augen in ein krank machendes Leistungssystem. Ich weiß nicht, wie viele Eltern sich einfach nicht trauen, zu ihrem Kind zu sagen „Du musst Dich zwar auch ernähren können, aber Du musst auch (heutzutage zumindest eine Weile) zufrieden sein mit dem, was Du tust“, weil sie ihm nicht schaden wollen; das muss man sich mal vorstellen! Die Werte gibt es noch, und ich weiß, dass viele heutige Eltern, die mit dem Satz von zuhause in ein Berufsleben entlassen wurden, Bauchschmerzen haben, ihn nicht zu sagen. Aber sie müssen ihre Kinder nach derzeitigem System auf’s Gymnasium bringen, zu einem Einser-Abi bringen, dabei das Auslandsjahr nicht außer Acht lassen… Kinder, denen das stromlinienförmige und angepasste Lernen nicht liegt, haben es heute doch noch viel schwerer als zu der Zeit, als wir zur Schule gegangen sind!

    Es geht nicht mehr um’s zufriedene versorgt-Sein, sondern erst einmal darum, sich gegen unzählige andere Bewerber durchzusetzen, die immer feiner gesiebt werden.

    Wenn es stimmt, dass der Mensch sich gegen seine schlechten Eigenschaften immer zur Wehr setzen muss, damit wir keine Bestien werden, die sich für einen Vorteil gegenseitig die Köpfe einschlagen – und was in weiten Teilen der Welt von oberster Position ausgehend geschieht –, dann muss es zunehmend tapfere Leute geben, die sich und ihren Kindern zutrauen, in dieser Welt zu überleben, selbst wenn sie die getarnte Gier nicht statt eines anderen Wertes weitergeben. Sie werden sich zunehmend gegen den Vorwurf wehren müssen, weltfremd zu sein, naiv, „Weltverbesserer“, „Gutmensch“, „Träumer“ und dergleichen mehr.

    Vielleicht könnte das Grundeinkommen auch als „sanfter“ Weg beschritten werden, das System von innen heraus zu verändern. Denn auch da darf man noch „scheffeln“, wenn man mag. Aber denen, die „nur auskommen“ und ansonsten für die Gesellschaft und sich selbst, „angemessen leben“ wollen, nach ihren Fähigkeiten und Neigungen, würde es nicht ganz so schwer gemacht.

    • Stefan B. Adorno schreibt:

      Hallo Sabine,

      ich bin nicht sonderlich geneigt, etwas über den Kapitalismus zu sagen, noch, wie er bei offensichtlichen Mängeln verbessert werden könnte.

      Ich möchte noch etwas zum Wert der Kunst sagen.

      In dem Abschnitt, der mit „Menschen, die mich kennen….“ beginnt, sagst Du:

      „… dass Kunst durch ihre Unvergleichlichkeit und durch die Tatsache, dass sie über einen direkten Nutzwert hinausgeht sich einer fairen allgemeinen Bezahlung verschließt (weil sie sich einer objektiven Bewertung verschließt),…“

      Das berührt das ungemein schwierige Gebiet der Preisbildung, auf dem ich nur Laie bin.

      Was Du sagst, klingt zunächst logisch. Doch kennen wir nicht auch in anderen Gebieten die Tatsache, dass sich Preise nicht auf direkte Nutzwerte zurückführen lassen?

      Einige Beispiele:

      a) Wenn jemand eine Wohnung vermietet (oä anbietet), so ist es naheliegend, einen Preis zu fordern, der sich aus den Refinanzierungskosten, Betriebskosten plus einem gewissen Aufschlag (Profit) errechnet. Herrscht aber in dem Gebiet Wohnungsknappheit, hängt der Preis von der Zahlungsbereitschaft der möglichen Mieter ab. Der Vermieter erhält uU mehr, als ihn die Wohnung wirklich kostet.

      b) welchen Nutzwert oder objektive Bewertung können wir Parfum zuordnen? Der eigentliche Inhalt (Herstellungskosten) macht nur 1% des Ladenpreises aus. Der Rest ist Werbung und Marketing. Wir kaufen also gar kein Parfum, sondern die Marke.

      c) können wir wirklich bestimmen, was Landesverteidigung wert ist? Oder ob sie nutzt? Trotzdem bekommen Soldaten ihren Sold. Das gleiche gilt für Priester.

      Warum sollte es daher in der Kunst unmöglich sein, zu einer Bezahlung zu finden?

      Grüße
      Stefan

  6. Hallo Stefan,

    ich muss noch einmal auf Katrin Herzner zu sprechen kommen, die vor einiger Zeit auf http://www.perisphere.de in Wort und Film das „viel viel viel viel viel … viel mehr“ der Kunst thematisierte. Du hast es damals nicht explizit gesagt (oder vielleicht doch mit „braucht es noch den hundertsten Maler, wo ich schon mit den 99 davor nichts anfangen kann?“ oder zumindest so ähnlich), aber Du glaubst nicht an Bandbreite in der Kunst, die grundsätzlich bereichernd ist, weil, wie ich finde, jedes entstandene Ding grundsätzlich in der Lage ist, irgendjemanden zu erreichen. Und Du glaubst nicht, dass es um eben diese dialoghafte Erreichbarkeit geht, sondern, wenn ich Dich bis hierhin nicht ganz falsch verstanden habe, um Entwicklung, vorangetrieben in erster Linie durch Kunstexperten. Du stehst hinter dem „System Kunst“ und argumentierst von dort aus, ich stehe hinter allem, was unter der Sonne an menschlichen Ausdrucksmöglichkeiten da ist, und das ist meine Warte. Unsere Argumente zu vergleichen, ist von da her schon wahnsinnig schwierig. (Es fühlt sich für mich fast so an wie der Unterschied zwischen westlich und östlich geprägter Philosophie; man muss die Überschneidungen nicht nur wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen, sondern dann auch noch richtig benennen, ohne die grundsätzlichen Unterschiede zu verraten…….)

    In diesem Sinne jetzt zu Deinen Beispielen, die ich ganz anders auslege als Du:

    a) Jeder muss (oder besser: müsste!) wohnen. Klar entsteht da ein Markt, der so funktioniert, wie Du es beschreibst und wie wir es alle kennen. Wohnraum hat in meinen Augen einen direkten Nutzwert.

    b) Du sagst es: es ist die Marke. Abgesehen vom eigenen Körperduft, der mit wirkt, bezahlen die Leute sogar dafür, gleich zu riechen! Betrachtet man also den Duft und/oder den Besitz der Marke als Status, ergibt das – für Viele zumindest – einen direkten Nutzwert.

    c) Deine letzten Beispiele sind – wie die beiden vorangegangenen – bei weiten Teilen der Bevölkerung als wichtig und möglicherweise notwendig anerkannt. Wo das der Fall ist, zahlen die Leute; nicht alle immer gern und/oder locker, aber sie zahlen.

    Es ist ja schon länger mein Thema: frag’ mal rund, wann Menschen gewillt sind, für Kunst zu bezahlen. Du bekommst Antworten wie „wenn es mir gefällt“ (wobei dieses Gefallen ganz oft Dekorationsansprüche oder einfach persönlichen Geschmack meint), „wenn es nicht so teuer wäre“ (wobei sie meinen, dass sie sich zwar z. B. gerne einen Richter über’s Sofa hängen würden, aber…) und dergleichen mehr.

    Dass man auch AUF ANDERE ART zahlen könnte und vor allem: ETWAS ANDERES dabei zahlen könnte – nämlich den gesellschaftlichen Nutzen –, bestreiten sie dann spätestens vehement z. B. mit „wenn dieser Schrott da einen gesellschaftlichen Nutzen hat, fresse ich einen Besen!“

    Solange du (also nicht „Du“) es nicht schaffst, Transparenz und Einigkeit im „System Kunst“ herzustellen, zwischen ALLEN Beteiligten, solange wirst du es nicht schaffen, dass Menschen Kunst unabhängig von ihrer Erscheinungsform allgemein wertschätzen. Und dass sie sie allgemein wertschätzen wäre für mich der Anfang, sie (die Kunst) oder die Kreativschaffenden auch allgemein bezahlen zu wollen. (Dass ich das grundsätzlich für schwierig halte, weißt Du ja, und ich lasse es hier mal beiseite.)

    Und spätestens, wenn du die Zahlenden definierst, musst du dir wieder Gedanken ums Publikum machen: aus welchen Leuten setzt es sich zusammen? Muss, um eine allgemeine Akzeptenz zu erreichen, nicht der Kunstmarkt für alle transparenter sein? Muss er es überhaupt nicht sein, weil auch die Zahlenden aus den „eingeweihten Elite-Reihen“ rekrutiert sind? Hat Dein Freund oder Bekannter Recht, wenn er sagt, dass die Kunst von den Ausstellungen mit (ich ergänze: unwissendem) Laufpublikum weg muss, weil das nichts „brächte“?
    Ich hoffe, dass das „unwissende Laufpublikum“ nach wie vor genau so der Adressat von Kunst ist wie die Experten und die Kreativschaffenden selbst. Und wenn es so ist, dann bin ich gespannt darauf, wie sich alles entwickeln wird…

    Viele Grüße,
    Sabine

  7. Stefan B. Adorno schreibt:

    Gut, ich gebe zu, die von mir gewählten Beispiele sind nicht wasserdicht. Aber ich denke, sie zeigen von der Tendenz her, dass Menschen bereit sind, jenseits einer detaillierten Kosten-Nutzen Relation, bestimmte Preise zu bezahlen.

    Manchmal werden Preise einfach festgelegt. Was spricht also gegen ein Modell, wie es W.A.G.E. vorschlägt?

    http://hyperallergic.com/155160/how-much-will-artists-be-paid-under-the-new-w-a-g-e-certification-program/

    Wer Kunst nutzt, zahlt. Ganz einfach.

  8. Hallo Stefan,

    „ganz einfach“ finde ich das überhaupt nicht!

    Deine nicht wasserdichten Beispiele finde ich gerade deswegen gut: sie und meine „Gegenargumente“ zeigen zusammen ja, dass „Nutzen“ ganz unterschiedlich definiert wird, und genau darum kreiselt das „Problem“ ja!

    Das eigentliche Problem ist in meinen Augen, wie genau Du das „nutzen“ (als Tätigkeit) überhaupt definieren kannst. Der Künstler kann alles mit allen möglichen Preisen belegen; kaufe ich ein konkretes Produkt (auch die, die man nicht „anfassen“ kann wie Auftritte, Performances o. ä.), d. h. kaufe ich eine kreative Leistung, muss ich sie bezahlen. WENN sie mit einem Preis belegt ist.

    Was machst Du aber mit all den Dingen, die überhaupt nicht mit Gewinnerzielungsabsicht entstanden sind, die vielleicht gar nicht „Kunst“ sein SOLLEN, die aber so wirken? Dann kannst Du nicht mal einen Erschaffer oder Erzeuger beschuldigen, er würde etwas gratis sozusagen verjubeln… wo fängt die Kunst denn an und wo hört sie auf? Wäre es sinnvoll, das zu begrenzen (worum Du nicht herum kämst, wenn Du ein Preismodell einführen wolltest)? Wo fängt ein „nutzen“ an, wenn Dir Kunst „begegnet“? Sagen wir: irgendjemand hat bereits dafür bezahlt. Wenn es dann weiterhin sichtbar oder auch für andere erfahrbar ist – wie „berechnest“ Du dann das?

    Soviel zum Nutzen/nutzen bis hierhin von mir. Und jetzt gucke ich mir – ganz frech erst jetzt 😉 – W.A.G.E. an.

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