Ausblick

Liebe „Verfolger“ und alle, die es werden wollen,

ich verabschiede mich bis zum nächsten Jahr mit dem Einstieg in das Thema meines nächsten Textes und mache das mit Hilfe der WDR-Dokumentation aus dem Jahr 2012 von Anke Rebbert: „Der große Bluff“. Die visuelle Qualität bei youtube könnte ein bisschen besser sein, aber je nach Voraussetzung des Gerätes reicht es… Viel Vergnügen beim Anschauen, Nachdenken und ggf. Positionieren. Geteilte Gedanken sind wie immer herzlich willkommen!

Einen gelungenen Übergang und Start in 2015!

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Allen – auch denen, die es nicht religiös motiviert begehen – ganz herzlich ein schönes Weihnachtsfest!

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Kunst und Philosophie, Teil 3

Kunst und Philosophie, Teil 3

Ich rekapituliere noch einmal das Fazit aus dem letzten Text:

Da die vier Perspektiven (ich-Position, objektive Sicht, die Synthese dieser beiden und das Verstehen durch Erfahrung) nicht gleichzeitig eingenommen werden können, „ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren“, braucht es etwas, das aus der Widersprüchlichkeit heraushilft: die direkte Erfahrung des Lebens, weil sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Gert Scobel formuliert es so: „Gedanken und Theorien sind gut, aber sie erschöpfen sich. Dann ist es notwendig, wieder ins Leben hineinzugehen, so tief man kann, um klar zu werden. Man muss wieder einfache Dinge tun, um klar zu sehen.“ Vielleicht muss man die Dinge auch gar nicht werten, sie gar nicht unterscheiden zwischen „einfach“ und etwas anderem, muss also vielleicht nicht „einfache Dinge tun“, sondern muss einfach etwas tun!

Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet gibt es viele schöne Szenen, aber eine berührt mich immer besonders, weil sie ein so kostbares Gefühl beschreibt. Es ist die, die Amélies Lebensgefühl widerspiegelt, nachdem sie sich zum ersten Mal in das Leben eines anderen Menschen eingemischt, ihm ein intensives Erlebnis ermöglicht hat. Man sieht sie in Zeitlupe gehen; obwohl erst nur ihr Kopf aus einer niedrigeren Perspektive zu sehen ist, nimmt man ihren beschwingten Schritt wahr. Die Szene ist neben leiser Musik unterlegt mit der Stimme des Erzählers:

„Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lebens, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“

Dieses Gefühl oder zumindest ein verwandtes Gefühlserlebnis durfte ich auch schon ein paar Mal genießen; ich habe den Eindruck, dass es mir mit zunehmendem Alter öfter zuteil wird; als junge Frau kannte ich es gar nicht, obwohl Amélie im Film es mit Anfang 20 erlebt. Menschen, die es noch nicht kennen, würden es evtl. mit Selbstzufriedenheit verwechseln; so wäre es mir gegangen. Das Gefühl geht aber weit darüber hinaus, und es ist sehr schwer zu beschreiben. Scobel’s weitere Ausführungen sind für mich der Versuch, es trotzdem zu tun, und für mich trifft er es sehr gut:

„Vielleicht lässt sich dieser Zustand der Klarheit beschreiben als eine tiefe Ausgeglichenheit, eine Art alle Kampfzonen umfassenden Waffenstillstand zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, der Welt der ersten und der Welt der dritten Person, dem Ich und den Dingen. Das denken [Gert Scobel schreibt das durchgehend klein; Anm. d. Verfasserin] verliert dann seine quälenden Eigenschaften. Es geht dabei jedoch gerade nicht um ein der Erfahrung enthobenes spekulatives denken, sondern um eine im realen, alltäglichen Handeln erreichte Balance zwischen körperlichen und geistigen Prozessen.“

Dass denken und Lebenspraxis sich nicht voneinander trennen lassen, führt zur Erfahrung des Perspektiven- oder Aspektwechsels. Wir alle kennen sogenannte Kippfiguren, zwei Figuren in einem Bild. Eine der bekanntesten ist der „Hasen-Enten-Kopf“, bei der man oft lange erst nur eins der beiden enthaltenen Motive erkennt, aber irgendwann die Wahrnehmung „kippt“ – und man auf einmal das andere Motiv sieht. Im Fall des Würfels, bei dem man sowohl sehen kann, dass er nach vorne zeigt, als auch (wenn die Wahrnehmung kippt) nach hinten, fällt es mir sogar schwer, das zuerst gesehene Motiv noch einmal wieder zu sehen – das jeweils andere zu sehen macht gewissermaßen Mühe. Einige sagen auch, dass sie den Sichtwechsel gar nicht schaffen, so sehr sie sich auch bemühen, selbst wenn jemand ihnen z. B. sagt, auf was sie achten müssen, um das andere ihnen verborgene Motiv sehen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass sie es niemals sehen werden, aber im Augenblick sind sie „aspektblind“. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können oder das eben nicht zu können prägt unsere Wahrnehmung, auch die Wahrnehmung unseres Lebens. „Zu welchen Aspektwechseln müssen wir fähig sein, um wirklich sehen, um verstehen zu können?“ fragt Scobel.

Im letzten Text sprach ich den vermeintlichen Widerspruch zwischen den zahllosen kreativen Arbeiten dieser Welt an; dass es Menschen gibt, die in der einen Umsetzung (z. B. Malerei) „Kunst“ (nach ihrer Definition) sehen und in einer anderen (z. B. eine Performance, die sich einem nicht leicht erschließt) nicht (wieder nach ihrer Definition). Der Nebenmann, die Nebenfrau sieht es genau umgekehrt; er, sie definiert anders, nicht falsch. Das ist das für mich Hochphilosophische an Kunstbetrachtung: der Aspektwechsel, dessen Möglichkeit man sogar ein und derselben Arbeit einräumen muss – und auch das birgt keinen Widerspruch. Deswegen ist es möglich, ein und dieselbe künstlerische Arbeit einmal zu verreißen (dem, dem der Aspektwechsel hier zunächst versagt ist) und einmal zu rühmen (dem, dem eine Aussage, ein neues Gefühl, eine neue Denkanregung „entgegen gekippt“ ist). Deswegen ist es unsinnig, künstlerische Arbeiten generell zu bewerten: man bewertet sie immer unter eigenem Aspekt. Und weil das nicht nur Laien tun, sondern auch Experten, erklären sich so auch Widersprüche in der Kunstkritik; das Problem ist lediglich, dass die Kritik oft absolut vertreten wird – und mögliche Aspektwechsel außer Acht gelassen oder sogar negiert werden.

Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing sagen in ihrem 2012 im Wilhelm Fink Verlag erschienenen „Theodor W. Adorno – Philosophie für Einsteiger“ Folgendes:

„Für Adorno hat die Kunst einen hohen Stellenwert.“ … „Er meint, dass sich an der in großen Kunstwerken vorzufindenden ‚Versöhnung zwischen Mimesis und Rationalität’ die gesellschaftliche Praxis zu orientieren hätte.“, aber:

„Laut Adorno gibt es in der Kunst einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht an der Weltanschauung des Künstlers orientiert, sondern in der Form des künstlerischen Werkes zum Ausdruck kommt. Man kann im 20. Jahrhundert nicht mehr so malen, komponieren, bauen oder schreiben wie im Zeitalter der Aufklärung. Der Künstler ist nicht – wie im Expressionismus behauptet – nur seiner inneren Stimme verpflichtet, sondern muss gerade seine Partikularität überwinden, wenn er Bleibendes schaffen will.“

Ich würde an dieser Stelle Adorno geantwortet haben: Ein Künstler heute wird nicht mehr so malen, komponieren, bauen etc. wie zu früheren Zeiten; die Beeinflussung der sich weiter entwickelt habenden und immer noch weiter entwickelnden Welt wird in seinen Arbeiten zu sehen sein, selbst, wenn er eine alte Technik benutzt.

„Dieser letzte Gedanke, dass Kunst sich von ihrem Schöpfer emanzipiert und einen eigenen kritischen Sachgehalt zum Sprechen bringt, liegt Adorno besonders am Herzen. Kunst ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des subjektiven Geschmacks, sondern drückt objektive Wahrheiten aus.“ Adorno-Zitat: Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, dass es dem Künstler sich als ein Selbstständiges und in sich Organisiertes entgegensetzt. … Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.

Wenn ich den Philosophen hier richtig deute, wird er – zumindest in dieser Behauptung – u. a. durch mittlerweile unzählige Mem-Beispiele widerlegt. Obwohl die Mem-Theorie umstritten ist, ist der Prozess unstrittig, dass sich Bewusstseinsinhalte durch Kommunikation verbreiten und irgendwann ein Eigenleben führen können – „ein Selbstständiges“, „ein in sich selber Sprechendes“ werden können. Nur ist das nicht unbedingt ein Merkmal für hohe Qualität, wie z. B. die „Bielefeldverschwörung“ zeigt, ein zuerst über das Internet verbreiteter Dauerwitz, der zum Inhalt hat, dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe. Dieses und andere verbreitete Nonsens-Beispiele (auch Comic-Strips und Bilder aller Art) haben mal mehr und mal weniger witzigen Charakter, und das eine oder andere mit mehr Tiefgang wird auch trotz der inflationären Verbreitung berühren können, aber „als Kunstwerk rangieren“ wird wohl offiziell kaum jemals eines von diesen.

Alles erwächst aus Menschen und ist in meinen Augen IMMER AUCH Dokumentation des Erschaffers. Ich halte nichts davon, dass man sich bemühen sollte, sich dort weitgehend raus- oder zurückzuzuhalten; ich glaube auch gar nicht, dass man das kann. Es gilt zu hinterfragen, was mit „objektiven Wahrheiten“ gemeint ist, denn abgesehen von einem allgemein menschlichen Konsens – dass man beispielsweise keinen anderen Menschen tötet – gibt es keine „objektiven Wahrheiten“.

Bin ich auf der Suche nach etwas, nach einer persönlichen Antwort auf eine Lebensfrage, die sich durchaus nicht nur auf mich beziehen muss, sondern – und das möchte ich ausdrücklich nicht pathetisch verstanden wissen – auf alle Menschen, auf die Menschheit, auf die Welt, dann kann ich das u. U. in einem ur-persönlichen Erzeugnis eines anderen Menschen finden, der die Tragweite seiner Kreation zur Zeit der Erschaffung nicht absehen konnte und auch nicht später. Vielleicht hilft mir gerade, dass der Erschaffer „ganz bei sich“ geblieben ist, sich dokumentiert hat.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Art, wie Amélie Poulain die Menschen in ihrer Umgebung berührt, sich in der Bedeutung und in der Resonanz nicht unterscheidet vom berührt-Werden durch eine künstlerische Arbeit, und dass Bedeutung und Resonanz immer auf beiden Seiten liegen: beim Erschaffer einer Sache, beim Anreger eines Gedankens, beim Hervorrufer eines Gefühls und bei dessen Adressaten. Echter Dialog beschenkt immer beide Seiten, und das ist in der Kunst eben nicht anders. „Authentische Kunsterfahrung öffnet den Blick für Ungewohntes. Sie zeigt, dass es existenzielle Erkenntnisse jenseits der Logik und den Wissenschaften gibt.“ Und Authentizität bedeutet für mich, dass man nicht unbedingt danach strebt, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern dass man auf seine Art einfach im Gespräch bleibt – und sich und anderen weiterhilft auf den verschlungenen Pfaden durch das eigene Leben und durch eine sich stetig verändernde und oft auch brutale Welt.

Für Melanie

Zitate aus
Gert Scobel: „Warum wir philosophieren müssen“, 2012, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Ansgar Lorenz, Reiner Ruffing: „Theodor W. Adorno“, 2012, Wilhelm Fink Verlag, München
„Die fabelhafte Welt der Amélie“, Film von Jean-Pierre Jeunet, 2001, Frankreich

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Der Frieden der Welt am seidenen Faden…

Selbstverständlich war wieder die ganze Sendung spannend, aber besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen und Euch den Beitrag ab Minute 21:45; Marionetten-Theater der etwas anderen ART; der Frieden der Welt am seidenen Faden:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/videowestartmagazinvom122.html

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Kunst und Philosophie, Teil 2

Kunst und Philosophie, Teil 2

Gert Scobel meint in seinem Buch „Warum wir philosophieren müssen“, dass „eine rudimentäre Kenntnis des Sachverhalts“ bereits helfen würde, „den in der Sache sehr klaren, leicht verständlichen Ansatz der vier Perspektiven, den ich Ihnen versprochen habe, noch mehr zu schätzen.“ Darauf vertraue ich jetzt und hoffe, dass ich – obwohl es mir bereits beim Lesen in den Fingern juckte, alles aufzuschreiben – mit den Zitaten im Rahmen bleibe und den einen oder anderen Abstecher zur Kunst – zumindest aus meiner Sicht – verständlich machen kann.

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Tetralemma“ Folgendes: „Das Tetralemma ist eine logische Figur bestehend aus vier Sätzen, welche einem Objekt eine Eigenschaft 1. zusprechen, 2. absprechen, 3. sowohl zu- als auch absprechen und 4. weder zu- noch absprechen.“ Abgesehen von den existierenden genaueren Beschreibungen, wie sich dabei was widerspricht, möchte ich hier nur die anscheinende Widersprüchlichkeit betonen. Auf Aristoteles geht zurück, dass im griechisch-abendländischen Denken Widersprüche „nicht erwünscht“ sind; es war schon im ersten Text die Rede davon. „Faktisch aber sind Widersprüche seit jeher ein entscheidender Motor im Geschäft der Erkenntnis und haben insbesondere die Wissenschaften immer wieder vorangebracht.“ Und sie gehören zu unserem Leben, zu unserer konkreten persönlichen Erfahrung. Wenn Widersprüche aber in einen Bereich führen, „in dem alles Reden und Argumentieren aufhört: Wie kommt es dann, dass auch widersprüchliche Aussagen zumindest als widersprüchlich verstehbar sind?“

Sind es eigentlich Widersprüche, die wir in der Kunst erfahren, wenn wir ihre Vielfalt erleben? Ich denke nicht, und doch erscheint es manchmal so: es kann eine Beuys’sche Performance nicht neben einem alten holländischen Meister der Malerei auftauchen; es KANN nicht beides Kunst sein. Und da, wo Menschen es letztendlich akzeptiert haben, dass das DOCH KANN, suchen sie andere hinkende Vergleiche und wiederholen dabei oft die Ignoranz früherer Generationen, nur mit anderen Protagonisten…

„Die Vielfalt unseres Handelns und unserer Kommunikation beinhaltet nicht nur Vagheit, sondern auch Widersprüchlichkeit. […] Eine Aussage ist mit einem ganzen Netz oder Netzwerk von Überzeugungen, Aussagen und letztlich auch von Handlungsweisen verbunden.“ Das muss unser Gehirn, das keinen Unterschied macht zwischen Denken und Fühlen, verarbeiten und zusammenführen, wie widersprüchlich die Informationen auch immer sein mögen. Dabei schöpfen wir aus unserem Hintergrund und Umfeld; Scobel bringt das Beispiel vom Dichter und vom Wissenschaftler, die beide unterschiedlich empfinden, was „die Wirklichkeit“ „entstellt“, und zitiert Thomas Nagel, „dass wir es mit einer verfehlten Objektivierung eines Aspekts der Wirklichkeit zu tun haben“ könnten, „der aus einer objektiveren Perspektive gerade kein besseres Verständnis zulässt.“

Die vier Perspektiven, die nach dem buddhistischen Philosophen Nāgārjuna der Wirklichkeit gegenüber eingenommen werden können, beruhen auf der Einsicht, dass es im Normalfall nicht möglich ist, „die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt gleichzeitig in einem System zu beschreiben und dem Denken die Gedanken und Bilder gleichzeitig zugänglich zu machen – ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren.“ (Den kleinen Abstecher zur Kunst möchte ich an dieser Stelle jedem selbst überlassen; ich bitte also um eine kleine Lesepause…)

*

Diese vier Perspektiven kann ich hier nur sehr verkürzt darstellen: 1. die im „ich“ gefangene Position des Subjekts, 2. die objektive (materialistische) Sicht auf die Dinge und das Subjekt (wie z. B. in den Wissenschaften angewandt; diese Sicht hängt aber von Subjekten ab, daher ist diese auch eine dualistische Sicht der Wirklichkeit, in der man gefangen ist), 3. die Synthese aus 1. und 2. und damit das Plädoyer für die jeweils andere Sichtweise gleich: so ist das Leben im Augenblick, im Hier und Jetzt, in dem immer beide Sichtweisen gegeben sind (ich erlebe selbst, aber kann „aus mir heraustreten“, mich beobachten) und 4. das Verstehen durch direkte Erfahrung.

Die Zitate aus Gert Scobel’s Buch, die ich nun bringen möchte, bitte ich gleichzeitig wieder als Kunst-Abstecher mitzulesen und mitzudenken:

„Das Problem, welche der beiden [ersten; Anm. d. Verfasserin] Perspektiven – die Innen- oder die Außenperspektive – anzuwenden sei, prägt nicht nur alle philosophischen Probleme, sondern jedes Individuum, sobald es sich, sein denken und die Welt zu erfassen sucht.“

„Perspektiven sind mit Herrschaft verbunden.“

„Wer versucht, die Koexistenz der Perspektiven zu denken, wer selbst geschmeidig bleibt und mentale Ortswechsel nachvollziehen kann, der- oder diejenige wird ohne Zweifel ein besseres Gespür für all jene Verzerrungen bekommen, die jeweils spezifisch mit der ersten und der zweiten Perspektive verbunden sind.“

Nāgārjuna sagt, dass sämtliche Begriffe, die wir kennen, am Ende „den im Kalkül der ‚Vervierfachung’ […] ausgearbeiteten Widersprüchen begegnen.“ Der mögliche Schluss könnte sein, dass denken zu nichts führt. Die Antwort des Philosophen darauf: nur die „Erfahrung des Lebens“ führt heraus, indem sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Der Viererschritt macht darauf aufmerksam, dass „die Begriffe leer sind. Erst, wenn diese Leere realisiert ist, hört, wie Nāgārjuna sagt, die Spekulation wirklich auf, und man sieht mit dem feinen Auge des Geistes.“

In der Kunst haben wir Begriffe erschaffen, deren Leere einzusehen mittlerweile eine große Herausforderung geworden ist. Wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen es Menschen gibt, die eine angebliche Deutungshoheit haben, die die Perspektive vorgeben, sind wir auch hier gefragt, uns zu positionieren, immer wieder zu fragen: wem nützt was? Dadurch sind wir in der Lage, auch unsere Position sozusagen „von außen“ zu betrachten und einzuschätzen, ob wir da noch „richtig“ stehen… oder uns sogar vielleicht schon von dort entfernt haben, ohne es zu realisieren…

Damit dieser Text nicht zu lang wird, gehe ich im nächsten noch näher auf den Perspektiven- oder Aspektwechsel ein, und dann kommt auch das Beispiel mit der Kippfigur und noch mehr zur Erfahrung.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 3

macht dazu Ausflüge zu Amélie Poulain und Theodor W. Adorno.

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