Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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Kunst und Weltgeschehen

Kunst und Weltgeschehen

Mir schien selbst schon länger eine eher unpolitische Haltung bei den meinem Jahrgang nachfolgenden Generationen aufzufallen; nun las ich kürzlich den darauf bezogenen Text von Julia Friedrichs im ZEITmagazin ONLINE: „Entschleunigung – Die Welt ist mir zuviel.“ Im Untertitel: „Und ich selbst bin mir genug.“

Darin beschreibt die Autorin u. a. den großen Zulauf zu Entschleunigungs-Seminaren, den Zuwachs in der Handarbeitsbranche und den Wunsch und dessen Umsetzung, unter einfachen Bedingungen auf dem Land zu leben als eine Realitätsflucht der jungen berufstätigen Bevölkerung. Sei in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts alles noch einigermaßen überschaubar gewesen, seien das die Bedrohungen der heutigen Zeit eben nicht mehr, sie seien „weltumspannend“. Sie bringt viele Beispiele; mir fielen spontan noch einige mehr ein – jeder kann die Liste vermutlich nach Belieben verlängern.

Was sie schreibt, was sie be-schreibt, ist der Auseinandersetzung wert, und wenn sie sich gegen Ende auf manche Artikel der einschlägigen Presse (ihr Beispiel ist u. a. das Magazin „Flow“) mit den Worten bezieht: „Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht“, bin ich ganz bei ihr. Ich bin ganz bei ihr, wenn ich mir vorstelle, dass es so schwarz/weiß abläuft, dass alle Menschen entweder/oder sind.

Ich kenne von mir selbst, dass ich beim Helfen im elterlichen Garten abschalten kann, obwohl woanders Bomben fallen. Ich mache nicht mehr gerne den Fernseher zu den täglichen Nachrichten an und tu es trotzdem, um (halbwegs und gesteuert, aber) informiert zu sein. Ich gehe zur Wahl, obwohl ich an eine mit der Wirtschaft verheiratete Politik als eine Politik für den Menschen, für’s Gemeinwohl nicht mehr glaube. Ich demonstriere im Internet und beteilige mich an Petitionen, nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern weil es mir in diesem Augenblick ein Anliegen und weil es möglich ist. Und dann putz’ ich die Fenster. Oder lese ein Buch. Beispielsweise.

Ich kenne das Gefühl der Zerrissenheit, ob man weiter „gut bürgerlich“ leben oder nicht lieber zum Helfen auswandern soll; ich kenne die Suche nach einem eigenen Weg. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, sich zu etwas zu vergewaltigen, das man nicht leisten kann, ohne krank zu werden, oder zu etwas, das einem nicht entspricht. Und ich weiß auch, dass man, egal, was man geistig oder körperlich Aufreibendes tut, immer auch wieder entspannen muss. Selbst jemand im Widerstand darf die „Flow“ lesen, wenn er oder sie es denn möchte.

Obwohl ich auch eine oder zwei Personen kenne, die von sich sagen, dass Politik sie „nicht interessiert“, gibt es, glaube ich, insgesamt nur wenige, die entweder rund um die Uhr politisch aktiv sind oder rund um die Uhr den Kopf in den Wolken haben. Die Meisten tragen auf ihre Weise die Gemeinschaft mit, in der sie leben, und versuchen das Bestmögliche daraus zu machen. In Europa gibt es Widerstand bei der jungen Bevölkerung, die einerseits nicht weiß, wie sie ihr Leben finanzieren soll und andererseits den neuen „Staatssozialismus der Reichen“ erlebt, wie es der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck in der 3sat-„Kulturzeit“ vom 25. Mai 2012 formuliert hat. „’Freiheit, Gleichheit und Demokratie’ ist sozusagen nur dann zu gewährleisten, wenn die Menschen auch das Gefühl haben, dass diese Perspektive für sie auch umgesetzt wird, dass sie nicht sozusagen wie das jetzt in der Sparpolitik – im Sparzwang muss man eigentlich sagen, für andere Länder – geschieht, in eine aussichtslose, fast aussichtslose Position hineingedrängt werden, wo ganze Bevölkerungsgruppen abfallen, ausgeschlossen werden; die Mittelschichten, die bisher das Rückgrat der Demokratie waren gleichsam geschluckt werden von dieser Krise… also selbst eine existenzielle Perspektive nicht haben und wo nicht sichtbar ist, dass — sozusagen wenn das alles und für eine vorübergehende Phase so sein müsste: wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Wenn dieses Licht am Ende des Tunnels nicht wirklich greifbar wird für die Menschen, dann, meine ich, ist das eine wirkliche Selbstgefährdung der Demokratie in Europa.“

Junge Menschen werden durch die Geschehnisse in der Welt nicht unbedingt aufgefordert, sich einzubringen, im Gegenteil. Jeder wird mit elterlicher und eigener Sorge dazu angehalten, seine Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Wenn Menschen dann Atem holen, indem sie sich vorübergehend dem Weltgeschehen verweigern, ist das m. E. nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Denn nach der Meditation wird es nicht einfacher sein als vor ihr.

Ein sich-Einbringen des Otto-Normalbürgers scheint von denen, die uns regieren, nicht wirklich erwünscht zu sein. Angeblich gibt es die Sorge, dass, wenn „die Masse“ mit entschiede, damit auch „zu viel Dummheit“ Macht eingeräumt würde. Ich glaube das nicht. Das zeigen z. B. die Gegendemonstrationen zu den Pegida-Demos, bei denen bisher jedes Mal mehr Menschen auf die Straße gingen. Ich glaube, dass mehr Mitbeteiligung der Bürger nicht erwünscht ist, weil das auch bedeuten kann, dass etwas gegen das bestehende System gesagt oder getan wird, und das gefällt einem System, das in erster Linie am Selbsterhalt statt an konstruktivem Weiterkommen ALLER interessiert ist, natürlich nicht. Gegen dieses sich nicht erwünscht-Fühlen nicht mit eigener Abschottung zu reagieren, ist eine Herausforderung.

Julia Friedrichs schreibt: „Vielleicht sollten die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals ließ er der Resignation Raum. ‚Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge’, soll er gesagt haben, ‚würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.’ Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.“

Wer weiß. Wer weiß, wo und durch was Martin Luther Kraft getankt hat, denn die hat er mit Sicherheit gebraucht, und irgendwoher musste sie ja kommen.

Für mich ist kreatives Arbeiten eine Möglichkeit, meine Möglichkeit, mich einzubringen. Vom Marktgeschehen losgelöste freie Kunstbetrachtung und unabhängiges eigenes Schaffen sind mein Weg, politisch zu leben, diesbezüglich Dialog zu suchen und anzubieten. Mit dem Glauben, dass alles, was ein jeder von uns denkt, sagt und tut, von Belang ist, weil diese Dinge wirken, glaube ich schon „von Hause aus“, dass es im Grunde unmöglich ist, „unpolitisch“ zu sein. So, wie man auch nicht nicht kommunizieren kann zum Beispiel.

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen das bewusst wird. Dass immer mehr Menschen sich zu urteilen und einzubringen trauen, jeder nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten und Neigungen. Dass sie sich, wenn schon nicht wichtig, dann zumindest ernst nehmen in ihrem Fühlen und Denken und dem Impuls folgen, dem Ausdruck zu verleihen. Und wissen, dass sie auch etwas aussagen, wenn sie sich nicht zu Wort melden.

Demonstrieren und Guerilla-Stricken müssen sich nicht ausschließen. Dramatisches Weltgeschehen und Kunst müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil: wir brauchen friedliche Gegengewichte, die das Unfriedliche thematisieren. Solange sie niemandem schaden, brauchen wir alle Formen des menschlichen Ausdrucks als Mittel zum Zweck, ein immer besseres Miteinander hinzubekommen.

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Innere Provinz

Der Künstler Thomas Stricker hat im Portrait auf http://www.perisphere.de gesagt, dass man, wenn man aus der Provinz kommt, evtl. neugieriger sei als jemand, der „in der fetten Suppe“ hocke und sich „am Puls der Zeit“ fühle.

Ich glaube, ich habe eine Art „innere Provinz“ unabhängig vom Ort, an dem ich mich aufhalte.

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Kunst und Fälschung

Kunst und Fälschung

Ich wollte einmal genauer darüber nachdenken, warum auch ich dazu neige und immer geneigt habe, Kunstfälschung doch als eine Art „Kavaliersdelikt“ zu betrachten, neben aller damit verbundenen Betrügerei. Dabei weiß ich natürlich gerade deswegen, dass „Kavaliersdelikt“ ein unpassendes Wort ist, aber mir fällt – zumindest zu Beginn meines Textes – gerade kein passenderes ein.

Berichte über Kunstfälscher haben mich seit jeher eher amüsiert als entrüstet, und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass ein mit Geld um sich werfendes System betrogen und ausgetrickst wird. Ein System, dem man lange nicht mehr nur glaubt, ein hehres Ziel zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine innere Genugtuung spüre, frei nach dem Motto: das hat es verdient! So wird der Fälscher Wolfgang Beltracchi in der 2012 beim WDR erschienenen Dokumentation von Anke Rebbert: „Der große Bluff – Wie man mit Kunst kassiert“ zitiert, dass der Kunstmarkt es ihm „absurd einfach gemacht“ habe. Und das glaube ich ihm auf’s Wort.

In seiner gemeinsam mit seiner Frau Helene verfassten Biografie „Selbstportrait“, die 2014 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg erschienen ist, kommen immer wieder Redewendungen vor, die zeigen, dass Fälscher immer auf Moden eingehen, das malen, was „gerade gut ankommt“ – weil es eben in erster Linie um Profit geht. Dass es einem von ihnen „immer nur um’s Malen gegangen“ sei, zweifle ich daher entschieden an, wenn sie nicht das Technische, die Übung an sich meinen. Immerhin gibt Wolfgang Beltracchi zu, dass er es genossen hat, „wenn wieder einmal einem der ‚Großen’ meine Arbeit gefallen hatte“ – auch das kann ein Antrieb sein. Was jedoch fehlt, ist eine Identitätsbildung, wenn das Entstandene und das Entstehende immer nur anderen zugeschrieben werden. Beltracchi spricht man die Möglichkeit einer eigenen Maler-Identität, zumindest einer, die nicht selbstgefälliger Sensationslust entspringt, in großen Teilen sogar komplett ab. In seinem Buch schreibt er auf S. 231:

„Heute lebe ich in einem neuen Spannungsfeld. Die literarische und filmische Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Tätigkeit und mit meinen kriminellen Handlungen zeigt mir, wie schwierig es ist, die eigene Identität, literarisch und malerisch, zu finden und auszudrücken. In mir kämpfe ich Schlachten gegen so manche Schattenwesen und Einflüsterungen; um zu neuer Kreativität zu finden, musste ich mich erst mit meinen Fehlern auseinandersetzen, auch mit der Verurteilung konfrontiert sein. Erst allmählich wird mir deutlich, was meine Malerei künftig leiten könnte. Der Kampf um sich selbst ist für manche Maler ein fortgesetztes Ausprobieren, für andere scheint es nur eine einzige Form zu geben. Ich gehöre zu denen, die die ganze Welt der Malerei benötigen, um sich mitzuteilen. Meine Identität als Maler liegt in meinem geschaffenen Werk, dem ich in Zukunft keinen Tarnmantel mehr überhängen werde.“

Das klingt in meinen Ohren zumindest so, als stelle Beltracchi sich tatsächlich einer Herausforderung, denn er wird in Zukunft daran gemessen, inwiefern sich seine zukünftigen kreativen Arbeiten von den damaligen unterscheiden oder ob ihm auch zukünftig „das Originäre fehlt“, wie es der Journalist Stefan Koldehoff ausdrückt.

Es geht mir nicht darum, z. B. Wolfgang Beltracchi noch eine weitere Bühne zu bauen; Viele, die sich entrüsten, was er getan hat, werden schon die Verdienstmöglichkeiten, die sich ihm nach der Enttarnung neu auftun wie Fernsehauftritte, Buchveröffentlichungen und dergleichen mehr, verteufeln. Es geht mir darum, eine Position für mich zu finden und es anderen gegebenenfalls zu ermöglichen, über die ihre nachzudenken. Wie definiere ich persönlich „Verrat“ oder „Betrug“, hier einmal ganz konkret am Beispiel „Kunst“? Was ist mir dabei wichtig, was eventuell vernachlässigenswert? Welche sind die Werte, die für mich erhaltenswert sind?

Es geht mir hier einmal mehr auch nicht darum, an Kunst kein Geld verdienen zu „dürfen“, sondern darum, was man im Grunde verkauft, wenn es NUR darum geht. René Allonge, Ermittler beim LKA Berlin und maßgeblich beteiligt bei der Verhaftung Beltracchi’s, sagt im Film Folgendes: „… der Anteil der sorgfältigen Sammler, die also ihre Werke auch dauerhaft in Ausstellungen geben, damit sich die Bevölkerung das ansehen kann, das nimmt immer mehr ab, und da liegt eine gewisse Gefahr in diesem Markt; es entsteht Gier und auch ein gewisser Druck mit der ‚Ware Kunst’ zu handeln, und wenn man dann sich diesem Druck beugt und nicht sorgfältig ist, dann passieren diese Fehlerquellen und dann kommt es auch zu solchen Schäden.“

Wie schaut man Kunst in Zeiten des immer wahrscheinlicheren Betrugs aufgrund von Gier an? Darf ich in einem Museum ein Bild bewundern, von dem ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen kann, dass es von dem- oder derjenigen stammt, die namentlich daran erwähnt sind? Meine Antwort darauf lautet schon immer: ja, natürlich! Ich sollte das Bild sogar genießen, EGAL, von wem es stammt. Das, finde ich, öffnet die Augen für so manches Lieschen Müller, von dem es immer auch stammen könnte. Fälschergeschichten zeigen immer auch, dass handwerkliches Können auf dem Gebiet der Kunst keinen Erfolg garantiert, sonst würden sie ihre Arbeiten sicher liebend gern unter dem eigenen Namen, der eigenen Identität, veröffentlichen. Und sie (die Geschichten) entlarven, wie sehr „Erfolg“ damit verknüpft ist, welche Bewerbung jemand erhält, welche Bedeutung sein Name bereits hat. Was mittels der Arbeit zu sehen, zu erfahren ist und warum, scheint zweitrangig zu sein…

Im Film wird über die Enttäuschung eines holländischen Privatsammlers gesprochen, nachdem das „Frauenportrait mit Hut“ von Kees van Dongen als Fälschung Beltracchis’s entlarvt wurde. Das Bild hatte ihm doch gefallen! Gefällt es ihm auf einmal nicht mehr, nachdem die Fälschung enttarnt wurde? Sicher, er hat mit den immensen Anschaffungskosten auch den (angeblichen) Namen des Malers bezahlt, und der Verlust des Geldes schmerzt sicher auch Reiche, und manchmal mehr als ärmere Leute, wie es oft und sicher nicht zu Unrecht heißt. Aber es ist immer noch dasselbe Bild…

Im Falle des Ideenklaues, der in Internet-Zeiten immer schwieriger aufzudecken und zu verhandeln ist, liegt die Sache etwas anders, aber eben nur bedingt. Ideenklau wird doch meist nur als „schlimm“ empfunden, wenn der Bestohlene einen messbaren Schaden nimmt, den ein anderer als Gewinn einstreicht. In allen anderen nicht aufgedeckten Fällen wird es durch die allgemeine Beeinflussung schier unmöglich sein, ihn überhaupt zu entdecken, geschweige zu beweisen. Ist es also hilfreich, darüber zu streiten…? Ich finde es zwar dreist und käme selbst nicht auf die Idee, bewusst Ideen zu stehlen, aber ich weiß vermutlich nicht einmal, wie welches Gesehene in mir weiterarbeitet und zu etwas wird, das ohne das – vielleicht Jahre zuvor – Gesehene so nicht entstanden wäre… Ideen dürfen sich in anderen weiterentwickeln und dort zu etwas Neuem werden. Das wirft man Beltracchi vor, dass er das nie getan hätte: Eigenes entwickeln. Er habe immer nur bereits bekannte Motive neu zusammengestellt. Dabei finde ich eines vorstellens- und bedenkenswert: irgendwann einmal hat jemand ein Motiv „neu erfunden“, selbstverständlich beeinflusst durch die Dinge, Personen und Vorkommnisse, denen er zuvor begegnet ist, aber sagen wir: das dort entstandene Motiv ist tatsächlich neu; noch nie zuvor wurde etwas so dargestellt. Das Motiv wirkt in der Welt, bekommt Anhänger, weckt Begehrlichkeiten, wird aber nicht weltberühmt. Nun fälscht es jemand, und, weil es vorher nicht zu Weltruhm gelangt ist, kennt es nicht jeder, und jemand sieht es zum ersten Mal in der Fälschung. Er ist berührt von der Darstellung, es kommen ihm neue Gefühle, Gedanken, er kann nun auch noch aus einer anderen Perspektive auf die Welt blicken – Kunst ereignet sich.

Es kann so geschehen, es wird so geschehen, immer wieder. Die Frage kann daher nicht naiv gestellt werden: darf es das auch, sondern: wie blicken wir mit dieser Erkenntnis fortan auf Kunst? Sicher „mit Sorgfalt“, wie es Klaus Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Galerien im Film empfiehlt, und für mich, die ich keine Kunst klassifizieren, beurteilen und für ihre „Echtheit“ garantieren muss, bedeutet diese Sorgfalt, dass ich zum einen niemandem absprechen darf, sich künstlerisch so ähnlich wie ein anderer auszudrücken, und zum anderen mich so mit Künstlern zu beschäftigen habe, dass der Gesamteindruck – das Bild, das ich im Großen und Ganzen von ihm oder ihr habe – stimmig ist. Mehr kann ich nicht leisten, und mehr braucht es nicht, um nicht durch eine eventuelle Fälschung, die ich bewundere, aber die eben nicht von dem geschätzten Künstler stammt, so enttäuscht zu sein wie eben jener holländische Privatsammler, von dem im Film die Rede ist. Und es zeigt einmal mehr, dass die „Funktion“, in der ich auf Kunst treffe, eine, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt: vielleicht war der Sammler ja doch nur des Prestige-Verlusts wegen enttäuscht…

Um Fälschungen auf dem Kunstmarkt verhindern zu können, sei „ein Ausweichen vor der natürlichen Menschengier“ notwendig, so Friese.

Der Fälscher Wolfgang Beltracchi war berührt von folgenden Worten des Malers Max Pechstein: „ Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. […] Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.“

Das gelingt nur, indem wir uns im besten Sinne „verschwenden“ und auch verschwenderisch mit unseren Ideen sind, eben jenen Gedankenfunken, die unser Leben lenken und gestalten.

Eine Idee ist nicht zu stehlen, weil sie im besten Fall keinem gehört, nicht mal dem, der sie „hat“. Sie ist nur geteilt, mit-geteilt etwas wert, und das nur spontan, in dem Augenblick, in dem sie zur Situation, den Dingen und Menschen passt, wenn diese nicht warten, bis man sie später vielleicht einmal „gewinnbringend“ anlegen kann und sie sie die ganze Zeit bis dahin eifersüchtig bewachen müssen.

Ich nehme den Kunstmarkt nicht nur nicht ernst, sondern finde ihn mittlerweile lächerlich. Nicht die Arbeiten, keine von ihnen; ich muss einer jeden von ihnen ohne Vorurteil begegnen dürfen, sonst ist das ganze Unterfangen „Kunst“ sinnlos. Aber einen Markt, auf dem Menschen zwar gucken, aber nichts mehr wirklich sehen, der an Intransparenz nicht zu überbieten ist und bei dem „Diskretion“ über alles andere geht, kann ich nur wieder ernster nehmen, wenn nicht eine einzige kreative Arbeit mehr zur Begründung herangezogen wird. Der Kunstmarkt beleidigt jede einzelne künstlerische Leistung jedes Menschen, vielleicht gerade die, der er huldigt. „Das macht ja auch dieses Faszinosum des Kunstmarkts aus: man hat ein immaterielles Objekt aus Farben und Leinwand, deren Wert im Hundert-Euro-Bereich beschreibbar ist, und wenn dann der Richtige davor steht und das Richtige drauf ist, kostet es eben 20 Millionen.“ (Klaus Gerrit Friese)

Insofern ist „Kunstfälschung“ auf solch einem Markt vielleicht nicht einmal mehr ein „Delikt“, sondern Entwicklung – logische Konsequenz. Der Betrug ist nicht eine einzelne gefälschte Arbeit. Der Beginn des Verrats hat viel früher stattgefunden und nur noch kein Ende. Es ist der Verrat an menschlicher Integrität.

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