Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

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Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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