Wieder aufgenommen…

… weil es spannend ist:

Wenn man davon ausgeht, dass nichts von einem übrig bleibt (was ich tue) außer die Frucht seiner Gedanken- und Tatensaat in der Welt (und als die “Frucht” der einzelnen Personen nicht wahrnehmbar):

mit was beschäftigt Ihr Euch und warum? Was ist Euch so wichtig, dass Ihr Eure kostbare Lebenszeit damit zubringt? Geht Ihr auch schon einmal schmerzhafte Kompromisse ein für das, wofür Ihr “brennt”?

Ich freue mich wie immer über Euer Interesse und danke Euch dafür! Beteiligung darüber hinaus ist wie immer erwünscht 🙂 .

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Bloggertreffen einmal anders

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James Benning – DECODING FEAR
Ausstellung Kunstverein Hamburg, 14.02. – 10.05.2015

Bloggertreffen einmal anders

Stefan hat es in seinem Blog www.thinglabs.de so formuliert: man kannte sich zwar nicht, aber kannte sich irgendwie doch, und genau so habe ich auch empfunden: da war kein Fremdheitsgefühl.

Als ich am letzten Wochenende mit einer Freundin seine Stadt besuchte, war irgendwie klar, dass man ein Treffen einrichten wird, obwohl die Zeit knapp bemessen war. Ich nahm an, dass Bettina und ich „die alternative Kunstszene kennenlernen“ würden, aber in der war nicht genug los. In der Kunsthalle war zu viel los; sie wird derzeit renoviert. Stefan schickte mir den Link zum Kunstverein, wo eben oben genannte Ausstellung zu sehen ist, und ich fand die Idee direkt toll: ich liebe Film in der Kunst!

James Benning’s Filme sind eine Herausforderung, gerade für innerlich aufgekratzte Charaktere, wie ich einer bin: minutenlange statische Kameraeinstellungen auf Landschaften oder Bauwerke, was einen die Zeit als Zeit fühlen lässt, und in dieser Ausstellung u. a. sein „Stemple Pass“ aus 2012, in dem die nachgebauten Hütten des als Unabomber bekannt gewordenen Mathematikers Theodore Kaczynski und Henry David Thoreau’s auf eben diese Art und Weise zu sehen sind.

Draußen, in dem ersten Raum mit dem Flickenquilt von Missouri Pettway (die ihn 1941 aus Kleidungsstücken ihres verstorbenen Ehemanns zum Schutz vor Kälte anfertigte), erschließt sich mir die Verbindung, die Benning durch seine Glas-Variation von Mondrian’s Gemälde „Broadway Boogie-Woogie“ schafft, eher. Sie ist persönlich gehalten; berührt sehr, aber tut nicht weh.

Doch in Anbetracht der anderen Parallele und ganz nach meiner Leitfrage „Was macht es gerade mit mir?“ fühlte ich mich innerlich in Dialog mit Benning treten: Wie können Sie so eine Verbindung schaffen: die zwischen einem Attentäter und einem Schriftsteller und Philosophen? Ich hatte mich vor etlicher Zeit einmal mit ihm befasst, als ich in Harriet Rubin’s „Soloing“ über ihn las, aber anscheinend nicht ausreichend; Stefan musste mir noch einmal in Erinnerung rufen, dass er so abgeschieden nun auch nicht am Walden Pond gelebt hatte.

Ich besitze eine kleine Schrift Thoreau’s: „Vom Glück, durch die Natur zu gehen“, diese Ausgabe 2010 im Kölner Anaconda Verlag erschienen, und gleich im ersten Absatz ist zu lesen: „Ich möchte für die Natur meine Stimme erheben, für die absolute Freiheit und Wildheit im Gegensatz zu einer bloß zivilisierten Freiheit und Kultur; ich möchte den Menschen als Bewohner und ursprünglichen Teil der Natur betrachten und nicht als Mitglied der Gesellschaft. Ich möchte einen radikalen Standpunkt einnehmen, und zwar mit aller Entschiedenheit, denn Verfechter der Zivilisation gibt es genug:…“

Ganz abgesehen davon, dass er es höchstwahrscheinlich selbst viel weniger radikal gelebt hat, als es auf seiner Fahne stand: die Wortwahl entlarvt ihn zumindest als radikal im Denken und Sprechen, und ich fühle mich erinnert an Verständnislosigkeit im heutigen Miteinander, an Dialogverweigerung, an verhärtete Fronten zwischen Staaten und Einzelpersonen, an Terrorismus, den es immer gab und der mich ja auch begleitet, seit ich Kind war.

Es ist der Glaubensverlust an den Gewinn durch Austausch, und es ist Perspektivlosigkeit, die eine Radikalität im Empfinden auslöst und uns zeigt, wie ähnlich, ja gleich wir alle sind und wie gut wir daran tun, dass und das bewusst ist. Wir alle sind Mitglieder der Gesellschaft und sollten uns als solche betrachten. Wir müssen ständig neu verhandeln und uns immer wieder annähern, und ich habe – im Gegensatz zu Henry David Thoreau – eher den Eindruck, dass wir uns eine wahre Zivilisiertheit, einen wahren Fortschritt jenseits von Technologien erst erarbeiten müssen in Anbetracht von Gier-Kriegen und ernüchterten zukunftslosen Kindern, die sich vor den Wagen jener spannen lassen, die diese Kriege führen (oder – noch perverser – von Erwachsenen dazu missbraucht werden, wenn sie noch zu klein sind, schon Perspektivlosigkeit zu empfinden).

So, wie „jeder Mensch ein Künstler“ sein kann, so kann auch jeder Mensch ein Mörder sein.

Unsere Gesellschaften schaffen Werte, die zu hinterfragen sind, immer. Wie nah bin ich in letzter Zeit innerlich jenen gekommen, die in unserem Land Ende der 1970er und in den 80er Jahren im Austausch, in der Demokratie nicht mehr den Weg sehen konnten, Fairness weiter aufrecht zu erhalten oder wiederherzustellen und zu Waffen gegriffen haben – innerlich; ich glaube auch nicht an deren Weg und wäre für die Umsetzung solcher Bauch-Ideen niemals zu haben.

Aber unsere eigentliche Nähe im Denken und Fühlen sollte uns allen bewusst sein, so dass wir einmal gegen eigene Gier und einmal gegen eine giergeführte Welt anleben können – und das vor allem erst einmal wollen.

Denn wie sollten unsere Kinder, deren Kinder usw. sonst anders denken lernen als in Konkurrenz und Gier und einem Fortschritt, der dann die Menschen an den Rand der Existenz treiben wird…?

http://www.kunstverein.de/ausstellungen/aktuell/20150213Benning_James.php

P.S.: Danke, Stefan, für den schönen und bereichernden Ausflug! Du sagtest schon ganz richtig: es war viel zu kurz, und wir hatten für Gespräch so wenig Zeit… aber unser nächster Austausch kommt bestimmt, ob in Konsens oder Dissens… und mit unserem guten Willen machen wir daraus einen ewigen Diskurs 😉 .

P.P.S.: Ich bin wie Du auch keine Freundin des Wörtchens „müssen“, und so ist es mir gerade auch hier im Text selbstkritisch aufgefallen. Nach langem Hin und Her lasse ich es bewusst an den Stellen, an denen es jetzt noch steht, stehen, und stehe dazu 🙂 .

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Bettina und Stefan, meine Begleitung durch die Ausstellung

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James Benning – Decoding fear

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James Benning – Decoding fear

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Kunstverein Hamburg mit Stefan B. Adorno

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