Liu Bolin

How did you make your mark?”

Über den chinesischen Künstler Liu Bolin habe ich in einem Bericht gehört, dass er seine Reihe Hiding in the City begann, weil er die Frage aufwerfen mochte, inwieweit der Einzelne noch Einfluss auf seine Umwelt hat. Auf den Fotografien ist er nicht auf den ersten Blick zu sehen, denn er ist so bemalt, dass er mit dem Hintergrund verschmilzt. Obwohl nicht offensichtlich, ist er definitiv dort; für mich seine eindeutige Aussage, dass, egal wie gering der Einfluss ist, den der Unsichtbare eben wegen seiner Unsichtbarkeit hat, ihm alleine durch sein noch da-Sein nicht jeder Einfluss abgesprochen werden kann. Auch die „Unsichtbaren“ können nicht ignoriert werden, so, als seien sie nicht da, und tut man es doch (und auch noch im Wissen darum), lässt man sich etwas zuschulden kommen. Auf der anderen Seite liegt es an dem vermeintlich Unsichtbaren, sich wieder bemerkbar zu machen, ins Blickfeld zu rücken, sich zumindest hörbar zu machen – das ist seine Verantwortung. Auf Liu Bolin’s Bildern ist es der wie eingefrorene Zustand des „davor“, in dem noch alles möglich ist: die vollkommene Resignation oder die Befreiung daraus. Daher liegt in diesen Bildern für mich eine zurückgehaltene, aber ungeheure Kraft.

https://www.youtube.com/watch?v=5FlgErEXrYM

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Kunst und Pfingsten

Kunst und Pfingsten

Ich bin geneigt, an eine Höhere Macht zu glauben, aber mein Glauben schwankt. Meine Konfession war römisch-katholisch, aber religiös bin ich gar nicht, und ich gehöre keiner Kirche mehr an. Ich kann an keines dieser menschlichen Konstrukte wirklich glauben.

Trotzdem haben mich manche Kirchenfeste mehr angesprochen als andere. Das war zum einen das Osterfest, und zum anderen das, das gläubige Christen heute begehen: Pfingsten.

„Vom Heiligen Geist erfüllt zu werden“ oder zu sein habe ich schon als größeres Kind für mich interpretiert, und vermutlich nicht ganz im Sinne der Kirche. Buße und Taufe sind Wege einer Religion, aber es müsste doch auch für Atheisten Wege zu dem geben, was gemeint ist, wenn man diesen Ausdruck braucht: „vom Heiligen Geist erfüllt“. Vermutlich steht dieses Gefühl jedem Lebewesen offen, nur wird es ein jedes anders benennen.

Am besten gefiel mir immer diese Stelle:

„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ – Apg 2,1-4 EU

Nicht nur, dass ich das schön dramatisch fand und ein bisschen gruselig – die Fähigkeit, sich auf einmal verständlich machen zu können und andere verstehen zu können, wo das vorher unmöglich war, das war für mich der Kern, das war für mich schon immer die Essenz von „Pfingsten“.

Die Bemühung dazu und den Wunsch ‚ja, so möge es sein!’ habe ich hinübergerettet ins Erwachsenenalter. Ich glaube, ich lebe den Pfingst-Gedanken, wie ich ihn – jenseits religiöser Vorgaben – schon als Kind interpretiert habe: seid und bleibt offen füreinander, für die vielen Ausdrucksformen und –möglichkeiten eines jeden Lebewesens.

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Interview 5

Interview 5 – Der Stand der Dinge in 2015 und Ausblick ins nächste Jahr

Interviewer: Da sind wir wieder; guten Tag!

Pint: Guten Tag – ich freue mich!

I: Dieses Mal gibt es gar keinen unmittelbaren Anlass zum Fragen… was mache ich hier eigentlich…? [guckt gespielt verwirrt]

P: Ich [betont das Wort] kann ja erstmal Kaffee machen.

I: Gute Idee!

P: Kommen Sie doch einfach mit, sonst müssen wir so schreien…

[gehen in die Küche]

P: Ich kann ja darüber erzählen, warum derzeit weniger Bilder entstehen… wenn [betont das Wort] jemand fragt, ist es nämlich das: was macht das Malen?

I: Und? Was macht das Malen? [lacht]

P: Es ist immer da, derzeit meist in Kartenmotiven, aber auch in meiner geplanten Serie „Empathie in Gefahr“, von der allerdings erst anderthalb Bilder fertig sind… – und die nächste Frage ist dann immer „Stellst du nochmal aus?“ oder „Stellst du gerade irgendwo aus?“ Es konzentriert sich die Wahrnehmung der Leute sehr auf mein Malen und Ausstellen, was ja beides nie meine komplette Zeit ausgefüllt hat…

I: Ja. Beim letzten Mal war Ihr „Projekt 2013“ in Ihren Fenstern zur Straße hin zu sehen, zwei Leinwand-Drucke vom abfotografierten Computerbildschirm mit eigenen Kunst-Statements, die zum Nachdenken anregen sollten…

P: Richtig. Die beiden Drucke sind dann bald darauf ins „Bunte Haus“ in die Altstadt gezogen, wo sie die Ausstellung RE-/UPCYCLING begleiten durften, und waren dann darüber hinaus noch länger dort. Leider gibt es das „Bunte Haus“ als Kunstort nicht mehr. Die Bilder stehen da im Flur [weist aus der Küche] und werden sicher irgendwann wieder mal in meinen Fenstern hängen. Und dann gab es noch einen Logo-Entwurf für eine Mönchengladbacher Band.

I: … nur den Entwurf?

P: [lacht] Nein, es ist dann auch zur Umsetzung gekommen! Alles, was im Augenblick entsteht, hat wirklich eher Projekt-Charakter als dass es eine einzelne kleine schnell abgeschlossene Sache wäre – oder eben ein Bild.

I: Dann gibt es doch Neuigkeiten?

P: Noch nichts Spruchreifes. Das eine ist eine eventuelle Zusammenarbeit als freie Mitarbeiterin bei zwei kreativen Mönchengladbacher Köpfen, die an einer schönen Website-Idee arbeiten; dafür würde ich schreiben. Und das andere ist die schon länger schwelende Idee, zusammen mit einer Freundin eine Art Seminar anzubieten, das– ich möchte eigentlich noch nichts darüber verraten, weil wir beide selbst noch ganz am Anfang stehen. Aber ich denke, ich werde meinen Teil der Erarbeitung als eine Art Tagebuch führen, das ich mir vorstellen könnte, als praktischen Erfahrungsbericht auch öffentlich zu machen… später dann.

I: Ist das ein Wandel, weg vom Malen, oder zumindest weg vom Bild? Woher kommt der?

P: Ach, es ist eigentlich kein wirklicher Wandel in dem Sinn… es hat schon noch einen– ja: roten Faden, wenn man so will. Ich müsste dann doch mehr über die Pläne erzählen, als ich es derzeit kann… [macht eine kurze Pause; der Interviewer unterbricht nicht] Ich habe letztens mehrere zusammengeschnittene Interviews mit Adrian Piper gesehen, die jetzt auf der Biennale den Goldenen Löwen gewonnen hat. Sie ist als Konzeptkünstlerin geehrt worden, aber sie ist auch Philosophin und hat über Jahrzehnte an einem zweibändigen Werk gearbeitet. In den Interviews erklärt sie, warum es ihres Erachtens diese Zeit beansprucht hat. Sie ist sehr gründlich. Und sie hat angedeutet, dass es ihr schwer fällt, einen Gedanken zu durchdenken, ohne gleichzeitig Gegengedanken zu haben oder Ergänzendes zu denken… ich kann das so sehr nachvollziehen! Sie sagt z. B., dass sie in der Kunst Anomalien schafft, die sie in der Philosophie zu erklären versucht. Ich finde das toll, dass sie Bereiche verknüpft, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben oder, besser, für viele Menschen nichts miteinander zu tun haben. Ich habe richtig Lust bekommen, sie zu lesen!

I: Das glaube ich; es klingt wirklich interessant…

P: Ja! Ich erzähle das übrigens nicht, weil ich mich mit ihr vergleichen will, sondern ich vergleiche damit eventuell einen Teilaspekt in unseren Leben – und in dem noch einiger anderer, denke ich. Kunst und Lebenseinstellung gehören zusammen; es ist zweitrangig, durch was sich die Haltung gerade ausdrückt oder mehr ausdrückt. Adrian Piper gilt als Aushängeschild der politisch engagierten Konzeptkunst. Der Biennale-Kurator Okwui Enwezor hat bei der Eröffnung gesagt „Ihre Präsentationen laden uns zu einer lebenslangen Performance persönlicher Verantwortung ein.“ Das fand ich unglaublich treffend! Es hängt alles miteinander zusammen.

I: Engagieren Sie sich auch politisch jenseits mancher Ihrer Bildmotive? „Empathie in Gefahr“ klingt jedenfalls gesellschaftskritisch…

P: Ich war letztens zum ersten Mal tatsächlich auf der Straße, bei der Anti-Nazi-Demo hier in Mönchengladbach. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass das meine erste „Demonstration“ [deutet die Anführungszeichen an] war, denn ich setze mich schon längere Zeit öffentlich ein: in sozialen Netzwerken, für Amnesty International, Unicef, beteilige mich an Petitionen, die mir sinnvoll erscheinen… ich möchte meinen kleinen Einsatz nicht überbewerten, aber ich finde es wichtig, sich zu positionieren: für den Menschen. Und ich glaube eben, dass auch jemand, der sich für nichts engagiert, politisch agiert. Wenn Menschen sagen, dass sie nicht politisch sind, dann ist ihnen meines Erachtens nicht bewusst, dass ihre Haltung etwas bewirkt, und wenn es das ist, dass alles beim Alten bleibt. Oder – noch schlimmer – den Machtinhabern und ihren Geldinteressen immer mehr in die Hände spielt. Mein Wunsch ist es einfach, mich gesellschaftlich einzubringen.

I: Ein verständlicher Wunsch… man hat nur oft den Eindruck, Vieles geht einfach unter… dass nichts von den persönlichen Einsätzen bleibt…

P: Ja, wenn man vom Gedanken ausgeht, dass etwas von einem bleiben muss, nachdem man gestorben ist, etwas irgendwie Greifbares. Diesen Gedanken habe ich so nicht. Ich denke eher, dass alles eine Rolle spielt, was man tut oder lässt, und ich glaube, dass alles eine Spur zieht, auch, wenn diese von nachfolgenden Generationen nicht personalisiert erinnert wird. Da komme ich wieder auf Adrian Piper: in den angesprochenen Interviews sagt sie, dass alles, was von einem Menschen bleibt, sein Werk sein wird, und dass sie auch deshalb so sorgfältig damit ist. Es stimmt: die Werke überdauern den Menschen oft. Aber es gibt Tausende Menschen ohne „Werk“ [demonstriert die Anführungszeichen], und das hieße für mich im Umkehrschluss, dass deren Denken und Handeln belanglos wäre. Und das kann im wahrsten Wortsinne nicht wahr sein! Außerdem würde es sie von einer Verantwortung entbinden, die jeder hat, der nicht ums nackte Überleben kämpfen muss – davon gibt es ja leider auch genug…

I: Höre ich heraus, dass Ihr kreatives Schaffen immer mehr mit ihrer Person zusammenwächst… wäre das richtig ausgedrückt?

P: Mein kreatives Schaffen, auch ohne „Werk“! [demonstriert die Anführungszeichen, lacht, wird wieder ernst] Ich hoffe es… aber ich glaube auch, dass das normal ist. Jeder wird doch immer mehr er selbst im Laufe seines Lebens, jetzt ganz wertfrei gesprochen. Man weiß, was man nicht mag, man weiß, wofür man eintreten, sich einsetzen will; man kennt sein Lebensthema, wenn man das so sagen will…

I: Welches ist Ihr Lebensthema?

P: [überlegt, verzieht den Mund] Ich glaube, Offenheit, wenn ich einen Begriff wählen müsste. Denn er beinhaltet ganz viel: dass man anderen und sich selbst Entwicklung zugesteht, dass man erstmal hilft, wo es nötig ist, ohne den Hilfesuchenden zu bewerten, zuhören, mehr fragen, weniger urteilen, und wenn man urteilt, weil es z. B. ein eigener ethischer Grundsatz gebietet: erklären, warum und wie es zu dem Urteil kommt. Ich glaube, ich hab‘ das schon mal gesagt, aber ich habe sowieso das Gefühl, mich ständig zu wiederholen [lacht]: die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Einstellung finde ich nicht besonders hilfreich, um sich besser zu verstehen. Denn es geht ja selten um Rechtfertigung; manchmal möchte man einen anderen einfach nur besser oder überhaupt begreifen… oder eben sich begreifbar machen…

I: [nickt] … ja… [nach kurzer Pause] müsste man dann nicht auch mit Nazis reden…?

P: Mit Vorleuten von Pegida sicher nicht; nicht mit Parteivorständen, denke ich. Irgendwie muss man das „Kein Fußbreit den Faschisten“ [demonstriert die Anführungszeichen] ja auch außerhalb einer Demo leben. Ich bin sicher kein Fan von Sigmar Gabriel, aber dass er damals in Dresden an der Diskussionsrunde mit Gegnern und Anhängern von Pegida teilgenommen hat, fand ich richtig, jetzt mal neben den Interessen seiner Partei, was ja auch immer eine Rolle spielt. Denn es muss in der Demokratie um das Gespräch mit der Bevölkerung gehen, um das ernst-Nehmen jedes Mitglieds, und dass das in der Politik meistens nur nach außen demonstriert wird ohne von Herzen so gemeint zu sein, macht die Sache an sich ja nicht falsch. [macht eine längere Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Es ist unglaublich schwer, im Gespräch zu bleiben, gerade, wenn man nicht einer Ansicht ist. Schon das einander fern bleiben verhärtet. Es gehören allerdings immer mindestens zwei offene Ohren und Herzen dazu, damit das Gespräch fruchtbar ist. Jeder, der eigentlich nur sich selbst beantworten möchte, der keine ehrliche [betont sehr das Wort] Neugier auf die andere Ansicht hat, wird nichts für sich gewinnen und ist im Grunde auch kein Gewinn für den Dialog. Viele können sich da gut tarnen; man merkt nicht auf den ersten Blick, dass es da kein Hin und Her in der Unterhaltung gibt, wo sich in den Antworten einer auf den anderen bezieht. Sich in so einem Gespräch zu befinden ist unglaublich anstrengend. Man fühlt sich komplett unbeantwortet – eher wie in einer Vorlesung als in einem Gespräch. Wie vor einer Glaswand, bei der die Geräusche nur einseitig durchlässig sind: man sieht sich zwar, aber nur einer hört den anderen auch.

I: [schmunzelt] So plastisch, wie Sie das schildern, ist das nicht nur Theorie…

P: [lacht] Nein. Wenn man sich oft unterhält, erlebt man das auch öfter… öfter als Leute, die das Gespräch nicht so offensiv suchen, denke ich.

I: Ist es immer noch so, dass Sie eher im Internet Gesprächspartner finden?

P: Für viele Themen ja. Aber Offenheit und Unoffenheit haben damit nichts zu tun; das gibt es beides überall. In einem offenen Gespräch, in dem mein Gesprächspartner genau so aufrichtig neugierig auf mich ist wie ich auf ihn, ist das Thema, mit dem man vielleicht einsteigt, vollkommen nebensächlich. Denn es ergibt sich ein Austausch, bei dem beide auf ihre Kosten kommen, wenn ich es mal so unpassend ausdrücken darf. Es ist für beide Bereicherung, und das nicht nur als leeres Wort; es ist tatsächlich so. Und man wird automatisch auch auf Themen kommen, die beide interessieren, entweder wechselseitig oder gemeinsam. Solche Menschen muss man festhalten – sanft festhalten – [betont das sehr und lacht] … Unsinn, das muss man gar nicht. Solche Menschen werden freiwillig und gerne immer wieder zueinander finden.

I: Ein schönes Schlusswort für heute! Ich danke für’s Gespräch.

P: Ebenfalls. [lacht] Und jetzt ist auch der Kaffee fertig!

[Das Interview wurde privat geführt und aufgezeichnet im Mai 2015]

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Schwierig und schön

Ich bewege mich, was „Kunst“ oder meine Kreativität angeht, zugleich in schwierigen und schönen Verhältnissen.

Inspiriert durch ähnliche Äußerungen so mancher KreativkollegInnen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wir doch beinahe alle unsere diesbezügliche Tätigkeit selbst gewählt haben und sie „abwählen“ könnten, wenn wir wollten, gerade, wenn wir es als eher schwierig empfinden.

Warum also wollen wir das nicht oder bisher nicht?

Um direkt zu Anfang dem klassischen Missverständnis vorzubeugen: es geht mir auch in diesem Text nicht darum, uneingeschränkt für Gratisarbeit zu plädieren. Jeder darf jeden ihm angemessen erscheinenden Preis verlangen und bekommen; jeder darf für alles bezahlen, für das er bezahlen mag und wieviel er mag.

Mir geht es um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Wir alle sind gefangen im selben System: es wird nur denen „erlaubt“, gut zu leben, die einer gesellschaftlich anerkannten „offiziellen“ Arbeit nachgehen, und das selbstverständlich in Vollzeitbeschäftigung. Alle anderen schmarotzen; sie dürfen sich gerade so über Wasser halten können; gut gehen darf es ihnen in keinem Fall. Darauf ist alles aufgebaut. Statt zu sehen, dass das System nicht mehr funktioniert, immer mehr Menschen das Stigma des Schmarotzers tragen und also aktiv nach neuen Wegen zu suchen oder sich bereits andeutende Wege (Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen) wirklich einmal auszuprobieren, treten viele eine egoistische Flucht nach vorne an. Selbst da, wo es wenig Nachfrage gibt oder ein kaum regulierter Markt eine gewisse Fairness nicht zulässt, wird an dem Modell festgehalten: ich habe Arbeit investiert -> ich biete dieses an -> du hast es nun zu kaufen, denn ich möchte/muss von diesem Geld mein Leben finanzieren.

Freiheit geht anders.

Dass es auf dem Kunstmarkt nach diesem Modell nur für Wenige funktioniert, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits zeigen die dortigen Unsummen eigentlich für jeden deutlich an, dass es um tatsächlich greifbare Werte wie z. B. den Materialwert – und dadurch garantiert eine gewisse Vergleichbarkeit und Fairness – in keinem Fall mehr geht. Dass die Börse-wertvollen Schätze in Kellern, Bunkern und Safes lagern, weil sie nicht in erster Linie wirken und Betrachter (unmaterialistisch) bereichern sollen, sondern nur die Besitzer (oft rein materialistisch), scheint einigen nicht zu helfen, die Sicht auf diesen Markt gerade~ und daher vielleicht von ihm abzurücken. (Oder auch Berichte wie „Ist das ein Museum oder ein Konzern“ von Lars Jensen, erschienen im Feuilleton der Online-FAZ am 01.05.2015.) Im Andererseits hadern sie stattdessen mit „der Kunst“, wenn sie nicht von dem ja riesig erscheinenden Kuchen wenigstens ein paar Krümel abbekommen.

Dass sich nicht Dutzende Anwälte oder Ärzte auf engstem Raum tummeln, hat seinen Grund. Ein neu zugelassener Arzt in Selbstständigkeit wird sich einen Praxisplatz suchen, der es ihm zumindest nicht unnötig schwer macht, einen Patientenstamm aufzubauen, oder er übernimmt eine bestehende Praxis und damit oft auch die Patienten. Entweder es funktioniert oder nicht, aber kein Arzt wird ausbleibende Patienten für ihr Fernbleiben verantwortlich machen. Es kann viele Gründe haben, warum es nicht funktioniert, und liegt es nicht an der Unfreundlichkeit oder dem Unvermögen des Arztes, kann er Vergleiche mit Kollegen anstellen, um eventuelle Änderungen vornehmen zu können. Diese Vergleiche machen durchaus Sinn, bevor er nach langen Studienjahren sonst vielleicht zu früh aufgibt. Denn ganz oft ist es eine reine Standortfrage, hat also mit Wollen und Können des Berufes an sich im Grunde nichts zu tun.

Wie aber vergleicht man Künstler? Gibt es da „Standortfragen“? Selbst Maler untereinander unterscheiden sich in nahezu allem, bis hin zur Persönlichkeit, die die Quelle all ihres Schaffens ist. Und wenn man zurück geht bis zu dieser Quelle… – welchen Sinn machen Vergleiche dann? Aber umgekehrt: wie will man ohne mögliche Vergleiche einen fairen Arbeitsmarkt schaffen? Und ohne die eventuell (und wegen der „Geschmacksfrage“ und des Überangebotes für einige sicher) ausbleibenden Käufer für ihr eventuelles Ausbleiben verantwortlich zu machen? In meinen Augen ein Ding der Unmöglichkeit, außer man zahlte allen eine Pauschale, in dem Fall: allen, die malen. Auweia…

… mit dem „Auweia“ geht es auch weiter: nicht nur allen, die malen, sondern jeder Person, die sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sei es singend, tanzend, musizierend, bildhauend, schauspielend, schreibend,… und zwar ohne Kriterienkatalog oder Auflage. Denn jeder würde aus seiner Persönlichkeit heraus arbeiten, und dann hätte es nun mal keinen Sinn, jemandem zu sagen, dass seine düsteren Bilder derzeit nicht so angesagt sind… oder wahlweise seine kitschigen… Oder dass die eine Musik zu schrill und die andere zu brav sei… Oder die eine kreative Person zu jung, um schon ein „vollwertiger und ernst zu nehmender“ Künstler sein zu können und die andere zu alt, um es noch sein zu können… Und ebenfalls sinnlos wäre es, die eh unvergleichbaren Personen dann noch zu unterscheiden in solche mit Zertifikat und solche ohne…

Grenzen zu ziehen und dabei fair, objektiv zu bleiben ist schwer. Im kreativen Bereich ist es nahezu unmöglich. Ich glaube nicht, dass es, abgesehen von tatsächlichem handwerklichen Geschick und Ergebnissen, die jeder als gelungen würdigte, jemals etwas Objektives in der Kunst gab, und also auch nichts objektiv Besseres als etwas anderes, oder ein „gültigeres“ Urteil als ein anderes. Immer würde durch eine Grenze etwas verhindert, das irgendjemandem, wenn auch nicht materialistisch, so doch wertvoll ist. Dessen Einschätzung, dass es wertvoll ist, weil es ihm wertvoll ist, wird als „nicht ausreichend kundig“ abgetan. Die „ausreichend Kundigen“ sind es nicht gottgegeben, sondern es sind diejenigen, die in einem menschengemachten System, das wie alle Systeme zum Selbsterhalt neigt, die Definitionsgewalt errungen haben (oder sich ihr unterwerfen), denn auch diese fällt niemandem zu. Wer einmal diese Macht hat, möchte, wenn er schon abtreten muss, diese an jemanden weitergeben, der in seinem Sinne denkt und handelt. So hinterfragt sich ein System selten oder nie, und Menschen, die teilhaben wollen, passen oder passen nicht. Oder sie wollen gar nicht erst teilhaben oder passen. Sowohl als Autoren als auch als „offiziell kundige“ Rezipienten nicht. Sie wollen weiterhin auf Augenhöhe kommunizieren und auf sich selbst vertrauen, wollen sich weiterhin bei jedem Ding fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“, egal, ob dieses Ding ihnen in einem Museum oder auf der Straße begegnet. Egal, von wem es stammt.

Aber müssen die, denen es nicht wichtig ist, zu „passen“, auf ein ganzes Thema als das ihre verzichten, durch das sie inspiriert sind, befeuert und seelisch genährt, nur, weil andere es auserkoren haben, einen Rummel drum herum zu errichten? Nur, weil ein paar behaupten, es gäbe keine Alternative zu diesem „Passen“ ins System…?

Wer will mir Qualität absprechen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, wer möchte mir meine Definition absprechen, dass man Kunst entweder nicht erschaffen kann, weil diese im Dialog zwischen Arbeit und Betrachter geschieht, sich ereignet, oder dass alles, ohne Ausnahme, Kunst ist, was Kunst sein soll, weil es sich bei der Bezeichnung nicht um ein Qualitätsurteil, sondern um ein Betätigungsfeld handelt, in dem Menschen für Menschen Gefühle, Gedanken, Ansichten transformieren, um noch eine andere Ausdrucksform als nur die Sprache zu haben? Wer will mir „die Kunst“ absprechen?

Muss ich den Moden der Zeiten gehorchen, muss ich allen, muss ich überhaupt „gefallen“, wenn ich kreativ arbeite? Nein. Aber wie bei der Reaktion auf den unfreundlichen Arzt werden auch in meinem Fall einige mit meiner ART klarkommen und andere nicht. Wenn meine Erzeugnisse nicht dem Massengeschmack entsprechen, ob gewollt oder ungewollt, werden sich auch Menschen gegen sie entscheiden, sie nicht mögen. Mächtige Leute des Systems werden sie schon ohne weitere Betrachtung ablehnen, werden schon bei meinem unbekannten Namen abwinken. Wie sinnvoll wäre es für mich, unbedingt in ein System passen zu wollen und soviel Energie in diese Bemühung zu stecken, wenn ich doch einfach nur kreativ arbeiten will?

Viele andere bekommen die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die beworben und dadurch gekauft werden. Sie sind nicht besser, sondern beworbener. Denn es gibt auch da nicht in erster Linie „gut“ und „schlecht“, sondern eher „interessiert mich gerade“ oder „interessiert mich gerade nicht“. Was hat jemand, der beworben und gekauft wird, davon, dass seine Geschichte nach einem Hype eventuell genau wie meine in einem Regal verstaubt oder – nie wieder angeschaut – auf einer Festplatte Speicherplatz beansprucht? Vor der Zeit sind wir alle gleich.

Es geht darum, sich im Leben zu verschwenden, weil es sowieso vergeht. Alle, die warten wollen und dafür gute Gründe haben, dürfen von mir aus warten, auf Menschen, auf Geld. Ich habe mich ganz persönlich dazu entschlossen, mich zu verschwenden.

Aber manchmal passiert es trotzdem – und ist daher umso wertvoller –, dass Menschen einen finden und in jeder Hinsicht honorieren, was man schafft. Ich bin sicher, dass sie dann nicht in erster Linie die Geschäftsfrau buchen, sondern mit einem authentischen begeisterungsfähigen Menschen zusammenarbeiten möchten, bei dieser Zusammenarbeit es um gegenseitiges Inspirieren und Beflügeln geht. „Gute Arbeit findet Sie“, sagt Harriet Rubin in „Soloing“, und daran glaube ich.

Denn es geht mir um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Das sind die „schönen Verhältnisse“. Von „einfach“ hat niemand was gesagt.

*

„Die Arbeit fällt ja nicht so nach und nach weg, sondern in ihrer Krise erhöht sich paradoxerweise der Druck, den sie auf die Gesellschaft ausübt. Deshalb braucht es soziale Bewegungen, die den Zwang in Frage stellen, sich täglich als Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um leben zu können. Nur so kann der Weg freigemacht werden für freie gesellschaftliche Tätigkeiten ohne äußeren Zwang.“

[Der Ökonom Norbert Trenkle im Interview mit der Frankfurter Rundschau, 2015]

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