Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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… Teil von gesellschaftlicher Veränderung…

… und noch ein Video, das ich nicht zuletzt wegen dieses ihm entnommenen Zitats von Florian Malzacher, dem Intendant des „Impulse“-Theaterfestivals, poste:

„Die Frage ist eine, die sehr stark im Raum steht und für die sich mehr und mehr Künstler auch interessieren: dass sozusagen die Idee einer – wenn man so will – nützlichen Kunst nicht nur ein Schimpfwort ist; dass Kunst sozusagen vielleicht die Aufgabe haben könnte, Teil von gesellschaftlicher Veränderung zu sein, steht stärker im Raum als vor ein paar Jahren.“

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart/westart_magazin/videodasimpulsetheaterfestival100.html

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Kunst und Aufrichtigkeit

Ein Gedankenfluss-Experiment

Aufrichtigkeit oder auch Integrität sind definiert als Übereinstimmung von Innen und Außen einer Person. Was hat das mit Kunst zu tun?

Was die einen sich fragen mögen, liegt für die anderen vielleicht auf der Hand: Ohne Aufrichtigkeit der Person ist eine aufrichtige Kunst nicht möglich. „Aufrichtige“ oder „ehrliche“ Kunst ist demnach Kunst, für die es einen aufrichtigen Erschaffer braucht, jemanden, der sich nicht verstellt. Also nicht einen „guten“, sondern einen authentischen Menschen.

In meinen Gesprächen der letzten Zeit bezüglich „Kunst“ spielte Aufrichtigkeit eine große Rolle, die nicht sofort auffiel. Es ging im Vordergrund darum, ob man Kunst auch abseits eines irgendwie gestalteten Bezahlsystems denken darf. Mein eindeutiges „Ja“ schloss und schließt alle die als Rezipienten ein, die sich Kunst nicht leisten können (ja, nicht mal den Museumsbesuch) oder sich durch die oft genannten „anderen Sorgen“, die für mich überaus nachvollziehbar sind, nicht angesprochen fühlen und der Kunst eher zufällig begegnen.

In einem anderen Text und sicher schon öfter im Alltag habe ich gesagt, dass es allen Menschen im Grunde unmöglich ist, einen anderen Menschen wirklich zu „verstehen“, und dass dieses Verständnis demnach meistens überbewertet wird. Ich bin gefangen in mir, in meinen Denkschemata, in meiner Erlebniswelt, in meinen Erfahrungen mit der Welt. Ein älterer oder gar alter Mensch hat soviel Geschichte angehäuft, er ist so komplex in seinem Sein – wie soll ein Mensch außerhalb dieser Person sie begreifen im Sinne von: ganz genau so sehen und fühlen wie diese? Denn das ist oft unsere Idealvorstellung von „verstehen“ oder „Verständnis“.

Erschließt eine kreative Arbeit sich nicht SOFORT, dann ist die Folge meistens weitergehen, wegzappen, vergessen. Müssen wir jede Kunst in der Sekunde, in der wir mit ihr in Berührung kommen, begreifen in dem Sinne, den der Erschaffer (vielleicht!) „vorgesehen“ hat? Hat jeder Erschaffer immer etwas als Reaktion vorgesehen? Wie können wir uns in unserer Antwort darauf sicher sein? … Ich denke, dass es da alles gibt, was man sich vorstellen kann, „ja“ und „nein“ und alles dazwischen. Warum sollten wir das festlegen wollen?

Warum sollten wir einen Menschen, der uns begegnet, sofort festlegen, sofort in seinem ganzen Wesen begreifen? Das können wir überhaupt nicht, weswegen ich es nicht für sinnvoll halte, daran zu arbeiten, es irgendwann zu können. Seine immerwährende Entdeckung halte ich dagegen für anstrebenswert und lebendiger und konstruktiver im Miteinander.

Ich komme selbst an Grenzen, wenn ich mich z. B. weigere, den neuen Text eines Schriftstellers überhaupt zu beginnen, den ich jahrelang nur noch als menschenverachtenden Provokateur erlebt habe. Ich müsste mich zwingen, ihn wieder an mich heran zu lassen, und verzichte auf dieses Zwingen, aber wenn ein Mensch ihn mir im Gespräch wieder sozusagen „neu vorstellt“, durch seine Augen ihn beschreibt, kann es durchaus sein, dass ich mich wieder öffne. Meist hält diese Öffnung im Fall von menschenverachtenden Provokateuren nicht lange an (und ich weiß, dass ich gerade ein Urteil fälle und gestatte es mir an dieser Stelle), aber worauf ich hinaus will, ist Folgendes: durch das Gespräch habe ich die Möglichkeit, meinem Gegenüber näherzukommen, ihn oder sie besser zu verstehen. Und vielleicht – als wünschenswertes Nebenprodukt unseres Dialogs – komme ich dritten und vierten Personen dadurch auch wieder näher. Offenheit – da ist sie wieder.

Ich erlaube mir selbst „weitergehen“, wenn es bewusst geschieht. Auch ein Weitergehen aus Zeitmangel kann bewusst und unbewusst geschehen; unsere Zeit ist begrenzt. Wir werden oft durch unseren Alltag getrieben, was Bewusstheit schwer macht. Was mich aber IMMER wenigstens aufmerken lässt, ist Aufrichtigkeit. Mir ist bewusst, dass ich sie als solche beurteile, und dass mein Urteil subjektiv ist, wie es alle menschlichen Urteile immer sind. Aber irgendetwas bringt mich in diesem Moment dazu, diesem Menschen Glauben zu schenken, ihn unabhängig vom Thema als ehrlich zu empfinden. Was ist das, woher kommt das Gefühl? Und zwar – und das finde ich am erstaunlichsten – auch bei Menschen, die ich erst zehn Sätze lang kenne!

Jeder von Euch wird nachvollziehen können, welches Gefühl ich meine; jede/r hat es schon erlebt, und auch das Gegenteil davon: Skepsis, das Gefühl des „nicht-warm-Werdens“, das nur unsicher empfundene Gefühl der Unehrlichkeit auf der anderen Seite.

Auch Künstler und Künstlerinnen „sortieren“ wir so. Woher kommt das Gefühl, dass wir die einen als „ehrlich“ erleben und die anderen als „Scharlatane“?

Ich stelle bei mir fest, dass ich es ungeheuer schwierig finde, einem Künstler wie einem Menschen ohne kreative Absicht 😉 Unehrlichkeit zu unterstellen, es sei denn, man ertappt jemanden bei einer nachgewiesenen bewussten Lüge. Wie aber überführt man einen Künstler, eine Künstlerin der „Lüge“ in ihren Arbeiten, jetzt mal von Kunstfälschungen abgesehen? Wie „funktioniert“ da Lügen, Eures Erachtens nach? Spielen solche Überlegungen bei der Kunstbetrachtung überhaupt eine Rolle für Euch? Wie wichtig ist der Mensch hinter den Arbeiten für Euch, gerade bei Arbeiten, die sich nicht leicht erschließen, z. B. durch ihr ästhetisch-Sein oder ihr „Gefallen“?

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