Verstörend und mitten ins Herz

In der a tempo-Ausgabe dieses März berührt mich ein Artikel besonders: „Vergesslich“ von Brigitte Werner. (Leider ist der Artikel nicht zu verlinken, da er in der Online-Ausgabe fehlt.)

Die Autorin beschreibt darin ihre Beziehung zu einer Zeichnung, die sie als Kind in der Wohnung ihrer Freundin entdeckt hat. Als Erstes sticht der damals Achtjährigen die Andersartigkeit des Bildes ins Auge. Weder hat es Farbe noch entspricht es den Engelbildklischees, die dem Kind bereits begegnet sind. Da die Mutter des Haushalts den Titel den Bildes – „Vergesslicher Engel“ – deutlich darunter geschrieben hatte, war das die nächste Überraschung: „Ich dachte immer, Engel seien vollkommen.“

Die Fragen, die sich das Kind bezüglich des Bildes stellt, drängen sich ihm auf, beschäftigen es, fragen in verschiedene Richtungen: war der Engel aus dem Himmel verstoßen, hatte er etwas Konkretes vergessen, hatte er etwas verloren, schämte er sich, war er traurig? „Ich ging sofort in Kontakt zu ihm.“

Und sie mag ihn sehr. Ich glaube zwar, dass er ihr von Beginn an sympathisch war, aber ich denke, dass ihre Beschäftigung mit ihm sie ihn hat mögen lassen. Sie sagt sogar: „Ich liebte ihn.“

Sie betrachtet ihn unbeobachtet länger, „heimlich, heimlich“, spricht zu ihm, tröstet ihn, will in seinen etwas Unsichtbares haltenden Händen „sein großes Geheimnis entdecken“.

Als Brigitte Werner später Kunst studiert und sich mit Paul Klee beschäftigt, stößt sie auf seine Engelserie und ihren alten Freund. Ihre Fragen werden erwachsen und beschäftigen sich zunehmend mit dem Erschaffer der Zeichnung, der schwer erkrankt war, als er seine Engelbilder begann. Und noch später, „in einer großen Klee-Ausstellung, begegnete ich ihm aufs Neue. Und wieder die alten Rätsel. Und wieder ein paar neue. Dieser Engel verstört mich. Und dieser Engel trifft mich mitten ins Herz. Aber ist es nicht genau das, was Engel immer tun? So wie die Kunst?“

*

Was mich an der Geschichte fasziniert, ist die Tatsache, dass uns ein bestimmtes Bild, eine bestimmte künstlerische Arbeit viele Jahre, manchmal ein Leben lang begleiten kann, ohne dass wir sie jemals ganz begreifen. Es geht auch gar nicht um ein „Begreifen“, um „totales Verständnis“. Es geht um Annäherung. Und zwar um die an den Erschaffer, der mittels seiner Kunst kommuniziert, genau wie an die Annäherung an uns selbst. Denn das Bemühen, sich und andere zu verstehen, immer besser zu verstehen, obwohl man an das vermeintliche Ideal von umfassendem Verständnis nie heranreicht, nie heranreichen kann, ist das Geschenk, das beide Seiten bereichert.

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http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/paul-klee-material.html

 

Brigitte Werner_Vergesslicher Engel_Bild.png

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Eselei

Der Text des Kulturbüros Mönchengladbach:

 

***Mönchengladbach malt 7000 Eselbilder***

Male mit und werde Teil der größten Eselausstellung seit Eselgedenken. Alle Bilder werden im Rahmen von nachtaktiv – Mönchengladbacher Kulturnacht im Ratssaal des Rathauses Abtei ausgestellt.

Schon bald werden sieben Bronze-Esel den neuen Platz vor dem Sonnenhaus in der Mönchengladbacher Innenstadt bevölkern. Bereiten wir ihnen einen gebührenden Empfang! Mit der vielleicht größten Eselausstellung seit Eselgedenken: 7000 ESEL.

Bis zum 25. Mai könnt Ihr Eure selbstgemalten Eselbilder in eine der stadtweit aufgestellten Sammelboxen* werfen oder sie einfach an uns** schicken. Eine zeichnerische oder malerische Begabung ist nicht von Nöten. Denn Regel Nummer 1 lautet:
Jedes Eselbild ist ein gutes Eselbild!
Malen wir so viele Esel wie wir können – egal ob mit Kuli oder Wassermalfarbe, mit Buntstiften oder in Öl, mit Filzstiften oder Acryl. Die Bilder sollen dabei nicht größer als ein DIN A4-Blatt sein.

7000 Esel-Bilder wollen wir im Rathaus Abteiberg am 4. Juni im Rahmen von nachtaktiv, der Mönchengladbacher Kulturnacht in einer Ausstellung präsentieren.

Werde Teil der vielleicht größten Eselausstellung seit Eselgedenken!

* Die Standorte der Sammelboxen werden in kürze bekannt gegeben
**Kulturbüro, Stichwort: Esel, Krichelstr. 16, 41061 Mönchengladbach

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Der Standort der Sammelbox in der Zentralbibliothek Mönchengladbach, Blücherstr. 6:

 

Eselbox

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 1

Hallo liebe MitleserInnen,

gemeinsam mit einer Freundin und Kreativ-Kollegin möchte ich, möchten wir einen Workshop entwickeln, dessen Erarbeitung (meines Teils) ich in Tagebuchform begleiten werde. Wahrscheinlich wird es eher ein „Wochenbuch“; ich werde in unregelmäßigen Abständen – so wie ich selbst dazu komme – über den Stand der Entwicklung und meine Erfahrungen berichten.

Dass es sich um einen Workshop handelt, der im weitesten Sinne „Kreativität“ zum Thema hat, überrascht an dieser Stelle sicher niemanden, der mich in der letzten Zeit off- und/oder online begleitet hat. 😉

Die Schwierigkeit liegt für mich darin, nicht allzuviel verraten zu wollen und trotzdem so zu informieren, dass man etwas aus meinen Berichten mitnehmen und sich austauschen kann.

Wenn es bei unserer Planung bleibt, können wir unser Ergebnis dann im Herbst nächsten Jahres der Öffentlichkeit vorstellen.

*

Genau so, wie man an beinahe jedem Anfang nicht recht weiß, welchen Gedankenfaden man zuerst aufnehmen, wie man die ungefähre Idee angehen soll, sitze ich jetzt hier, genau mit diesem Gefühl. Um mich herum liegen `ne Menge Bücher. Ich stelle mir vor, diese nicht nur selbst in der Vorbereitungszeit zu gebrauchen, sondern einige von ihnen als Lektüreempfehlung im Workshop vorzustellen. Es sind ganz praktische Themen dabei, Anleitungen zum kreativen Gestalten, aber auch theoretisches Material zu Kreativität in ihren verschiedensten Ausprägungen und „Einsatzgebieten“ und zu didaktischen Fragen. Einige Bücher kenne ich schon, die anderen werde ich in den nächsten Wochen lesen; manche muss ich richtig durcharbeiten.

Obwohl ich sowohl in Theorie als auch in Praxis immer offen mit meinen künstlerischen Herangehensweisen umgegangen bin, habe ich sie nie einem Publikum sozusagen aus der „Lehrerperspektive“ vorgestellt, ja, nicht mal einer einzelnen Person. Das ist ungewohnt und macht mich derzeit etwas befangen im Denken. Ich muss mich zwischendurch dazu zwingen, mir die Workshop-Teilnehmer, die ich mir unbekannterweise ja nur vage vorstellen kann, komplett wegzudenken. Obwohl mich die Idee dieses Vorhabens von der ersten Sekunde an begeistert hat, begleitet mich von eben dieser Sekunde an auch die Sorge vor der nie gesuchten Position an „prominenter“ Stelle. Es sind die Bedenken, ob das, was mich stützt und durch meinen kreativen Alltag trägt, auch für andere von Nutzen sein kann. Alleine schon das Angebot des Workshops kommt ja einer diesbezüglichen Behauptung gleich… so empfinde ich es noch.

Ich bin gespannt auf die Entwicklungen und freue mich wie immer über jegliches Feedback!

 

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Der Zufall in der Kunst

Es ist besonders, den Maler Sean Scully im Film www.seanscully.wfilm.de beim Unterrichten zu erleben. Er ist auf eine unaufgeregte Art äußerst witzig, und er sagt viele sehr interessante Dinge. Ich gehe allerdings nicht mit ihm konform, dass man sich in der Kunst für einen Weg entscheiden muss, und ich zweifle am Begriff des „Fortschritts“, wie man ihn herkömmlich versteht; ich habe darüber früher geschrieben und vernachlässige das jetzt hier. Wenn Scully erläutert, dass er sein Ego nicht mit in den Klassenraum nimmt, um seinen Schülern in ihrem Sinne helfen zu können, verstehe ich zwar in dem Moment seinen Beweggrund, finde aber im Gegenteil, dass eigene Charakteristika des Lehrers durchaus „helfen“ können. Für mich muss das nicht unbedingt in „Kontrolle“ ausarten, wie Scully befürchtet. Aber auch das nur am Rande.

Ich möchte heute gemeinsam mit Euch und Ihnen den Schwerpunkt auf einige Zitate aus eben diesem Film legen und mit deren Unterstützung das Moment des Zufalls in der Kunst beleuchten.

Wie steht Ihr dazu? Gibt es ihn, darf es ihn geben, muss man ihn bekämpfen, in jedem Fall vermeiden? Was bedeutet er für den Kreativen, was für seine Arbeit?

„… wenn ich male, ist das immer sehr aufregend. Es ist ein sehr emotionaler, spiritueller Vorgang, und es gibt einen Moment inniger Verbindung. Das Gemälde muss mich bewegen, mit anderen Worten, es muss meinem Willen überlegen sein. Mit Willenskraft kann man ein Gemälde nur anfangen, beenden kann man es damit nicht.“

Kunst ist eine Form des Ausspielens von Möglichkeiten. Das ist die Rolle der Kunst in der Welt. Und… es gibt viele verschiedene Wege dahin. […] Aber ich glaube, dass man eine gewisse geistige Kraft, Notwendigkeit, innere Liebe zur Welt braucht, um ein Künstler sein zu wollen.“

Es erreicht nie einen Schlusspunkt, es ist offen, und seitdem liegt es im Charakter meiner Arbeit, dass sie stets ein Gefühl der Uneindeutigkeit enthält, der Möglichkeit eines anderen, die Möglichkeit eines anderen Ergebnisses.“

Ich freue mich darüber, wenn ich Gedanken anstoßen kann, und noch mehr, wenn Ihr sie mit mir und unseren Lesern teilt! 🙂

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„Der Weltblick der Gleichberechtigung“

Ein wunderbarer Einblick in das Leben und Schaffen des Fotografen August Sander; sehr, sehr sehenswert.

Für mich, die ich Portraits sowohl beim Betrachten als auch beim „Herstellen“ spannend und bereichernd finde, ist die Dokumentation ein bisschen Offenbarung und ein Großteil Inspiration. Und ich mag, dass sowohl „Portrait“ als auch „Dokumentation“ hier „Teekesselchen“ sind 🙂 .

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/wdr-dok/video-das-auge-des-jahrhunderts—das-vermaechtnis-des-fotografen-august-sander–100.html

[Der Link wird beim Anklicken als fehlerhaft angezeigt. Sucht man allerdings „Das Auge des Jahrhunderts“ in der WDR-Mediathek, wird man fündig und kann den Film – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch – sehen.]

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