CITIZENFOUR

Ich spüre immer stärker, dass Kunst für mich nichts Abgehobenes, nicht „fern von der Welt“ ist. Es gibt natürlich für alle Varianten Beispiele, aber sinnvoll ist für mich nur eine Kunst, die Kontakt sucht, die sprechen möchte, und zwar auch von den verbesserungswürdigen Dingen dieser Welt. Deswegen bin ich derzeit stark angezogen von Menschen, Büchern, Filmen, Dingen im Netz, die das thematisieren.

Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal Laura Poitras‘ Dokumentation CITIZENFOUR aus dem Jahr 2014 über Edward Snowden sah, war ich wieder konfrontiert mit der Frage „Wie wollen wir leben? Wofür wollen wir streiten? Was ist uns wichtig?“ Weil sich für manchen sicher nicht sofort erschließt, was das Thema mit Kunst zu tun hat, möchte ich es hier sofort sagen: auf den ersten Blick nicht viel.

Gerade habe ich begonnen, „Verflüssigungen“ von Adrienne Goehler zu lesen. Der Autorin geht es um den Dialog zwischen den Disziplinen, um das Aufbrechen alter, festgefahrener Abgrenzungsgedanken. Schon der Untertitel war interessant für mich („Wege und Umwege vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft“), und nach Lektüre des Klappentextes war ich überzeugt, dass das Buch sich für mich zu lesen lohnt.

Der Begriff, der alles verbindet, ist „Freiheit“. Der Mensch kann sich nur wirklich entfalten, wenn er nicht in Denkstrukturen gefangen ist. Jeder von uns kennt das sich-im-Kreis-Drehen, das uns manchmal auf dem Weg zu einer Lösung lähmt. Angst macht unfrei, Abhängigkeit macht unfrei. Sich in Wort und Bild nicht vollkommen unzensiert äußern zu können, ist ein Mangel; wenn wir sogar einen inneren Zensor selbst bestärken, begrenzen wir uns selbst.

Mit Freiheit verbunden ist Verantwortung; die beiden gehen Hand in Hand. Verantwortlich zu denken, zu sprechen und zu handeln ist die Voraussetzung, im sich-Äußern bei sich bleiben zu können, fair bleiben zu können, sich sachlich auseinandersetzen zu können – und sich gegebenenfalls auch jederzeit erklären zu können. Die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Haltung empfinde ich nicht als hilfreich. Insofern fand ich bei CITIZENFOUR die Auseinandersetzung Edward Snowdens interessant: was möchte ich und warum, wer ist auch betroffen, was löst es unter Umständen aus, welche Konsequenzen hat es in der Welt, welche ganz persönlich für mich? Und zwar alles weit entfernt von der Frage „Wer hat Recht?“, denn es gibt selten ein universell empfundenes Recht.

Kunst ist weder jemals harmlos gleich unbedeutend, noch drückt sie Recht aus, noch steht sie für die moralisch bessere Haltung. Sie ist stete Verhandlung, Dialogangebot, individueller Ausdruck, der einmal ganz persönlich und „klein“ sein kann, einmal groß und bedeutend fürs Weltgeschehen, alles zusammen und alles dazwischen. Nur Hinschauen und Hinhören sind Voraussetzung, Auseinandersetzung, damit sie wirken und beantwortet werden kann. So wie jeder Skandal, so wie jede Enthüllung, so wie jeder Satz und jede kreative Schöpfung eines jeden Menschen. Wie will ich leben? Wofür will ich streiten? Was ist mir wichtig?

Was hat es mit mir zu tun?“

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CITIZENFOUR

https://de.wikipedia.org/wiki/Citizenfour

https://vimeo.com/146807890

Für mich geht es letztlich um die Macht des Staates im Vergleich zu den Möglichkeiten des Volkes, sich dieser Macht zu widersetzen. Ich sitze da jeden Tag und werde dafür bezahlt, Methoden zu entwickeln, um die Macht des Staates zu stärken. Und mir wird klar: wenn sich die Politik verändert, die als einzige den Staat im Zaum hält, dann gibt es keinen Widerstand mehr. Dazu müsste man schon ein absolutes technisches Genie sein. Ich weiß nicht, ob sich noch irgendjemand – egal wie begabt er ist – all diesen Behörden und schlauen Leuten widersetzen könnte. Nicht mal gegen die mittelmäßigen Leute und ihre Hilfsmittel kommt man an. Ich habe gesehen, dass die Versprechungen der Obama-Regierung verraten und verworfen wurden. Man entwickelte die Dinge sogar noch weiter, von denen man versprochen hatte, sie einzudämmen und zu zügeln. Es wurde schlimmer.“ (Edward Snowden)

Da ist was dran. Ich will mich nicht verstecken; das seh‘ ich nicht ein, auch, wenn die Umstände dafür sprechen. Ich finde, es ist ein starkes Signal, einfach zu sagen: ich habe keine Angst. Andere sollten auch keine Angst haben. Ich hab‘ letzte Woche noch neben euch im Büro gesessen. Das geht uns alle an. Es ist unser Land. Das Machtverhältnis zwischen Bürgern und Regierung wird allmählich das von Herrschern und Beherrschten, nicht mehr das von Gewählten und Wählern.“ (Edward Snowden)

Zunächst einmal: die USA rechtfertigen alles, was seit dem 11. September passiert, mit dem Terrorismus. Alles geschieht im Namen der Sicherheit, um unser Volk zu beschützen. In Wirklichkeit gilt das Gegenteil. Viele, viele Dokumente haben nichts mit Terrorismus oder nationaler Sicherheit zu tun, sondern mit Konkurrenz zwischen Staaten und mit der Konkurrenz von Firmen auf industriellem oder finanziellem Gebiet.“ (Glenn Greenwald)

Die Konsequenzen dieser Ausschaltung der Privatsphäre sind schwer abzusehen, aber uns muss klar sein, dass es enorme Auswirkungen haben könnte. Die Möglichkeit der Bürger, zu demonstrieren oder sich politisch zu organisieren, ist stark eingeschränkt, wenn es keine Privatsphäre gibt.“ (Glenn Greenwald)

Wie sie wissen gab es im Juni drei Strafanzeigen gegen Snowden wegen schwerer Verbrechen. […] Dies ist ein sehr ungewöhnliches Mandat, nicht nur für sie alle, sondern auch für mich. Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Leaks an die Presse im öffentlichen Interesse und dem Verkauf von Geheimnissen an den Feind zur persönlichen Bereicherung. Nach dem Espionage Act schützt es also nicht vor Strafe, wenn die veröffentlichte Information gar nicht geheimhaltungswürdig war oder wenn die Verbreitung im öffentlichen Interesse ist und zu Reformen führt. Selbst wenn ein Gericht entscheidet, dass die aufgedeckten Praktiken verfassungswidrig waren, schützt das nicht vor Strafe. Die Regierung muss die Geheimhaltung nicht rechtfertigen; sie muss nicht nachweisen, dass die Veröffentlichung schädlich war. All das ist irrelevant. Wenn wir sagen, dass es keinen fairen Prozess gibt, meinen wir nicht das, was Menschenrechtler als faire Prozessbedingungen bezeichnen, wir sagen, dass das Gesetz an sich für Snowden jegliche Verteidigung unmöglich macht. Er wird mit einem Spion gleichgesetzt. Aus den drei Anklagepunkten könnten noch hundert oder zweihundert oder dreihundert werden; er könnte für jedes Dokument angeklagt werden, das ein Journalist veröffentlicht. Uns allen ist wohl klar – auch, wenn wir hier als Anwälte diskutieren – dass zu 95 % die Politik und nur zu 5 % das Recht entscheidet, wie diese Sache ausgeht.“ (Ben Wizner)

Es muss schwierig sein, in die Privatsphäre eines Menschen einzudringen, weil es so ein schwerwiegendes Eindringen ist. Weil es so verstörend ist. Wie sollen wir ohne Privatsphäre frei und offen diskutieren? Was nützt uns das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn es nicht geschützt wird? Man kann nicht mehr vertraulich über etwas diskutieren, das einem nicht gefällt. Überlegen sie mal, was das für eine entmutigende Wirkung hat, und was für eine Wirkung auf Länder, die kein Recht auf Privatsphäre haben!“ (Ladar Levison)

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„Was hält eine Gesellschaft zusammen?“

Heute möchte ich wieder einen Film empfehlen und ihn und seine Protagonisten für sich sprechen lassen. Ein paar Appetithäppchen in Form von Zitaten habe ich vorbereitet:

Sprecherin: „Welche gesellschaftliche Verantwortung haben Kunst und Kultur? Was können sie leisten in Zeiten des Umbruchs, in Krisenzeiten, wenn alte Gewissheiten zerbrechen, wenn Neues entsteht?“

„Kunst macht den Geist elastisch.“ (Jean Blaise)

„… dauernd notwendige Neujustierung.“ (Karl-Josef Pazzini)

„… Freiheit von den jeweils geltenden Ideologien…“ (Shermin Langhoff)

All diese Ressortaufteilung, all die Sprachlosigkeiten zwischen den Disziplinen – das ist das, was wir uns gar nicht mehr leisten können. Wir brauchen, wenn wir aus der Welt einen besseren Ort machen wollen – und zwar nicht nur für die Privilegierten dieser Welt –, dann brauchen wir andere Allianzen, dann müssen wir unser Wissen verflüssigen, dann müssen wir unser Handeln zusammenschmeißen, unser ganzes Denken und Forschen […]“ (Adrienne Goehler, Kuratorin der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“)

https://www.youtube.com/watch?v=7Gu-euSSuxY – Film „Kultur – Koste es, was es wolle!“

http://www.defi-filmproduktion.de/de/filme/kultur-koste-es-was-es-wolle – Info zum Film

http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/de/programme/kultur_der_nachhaltigkeit/zur_nachahmung_empfohlen.html – Info zur Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen“

https://www.youtube.com/watch?v=NNxdQIf8aIU – Impressionen der Ausstellung

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Kunst und Pfingsten

Ich bin geneigt, an eine Höhere Macht zu glauben, aber mein Glauben schwankt. Meine Konfession war römisch-katholisch, aber religiös bin ich gar nicht, und ich gehöre keiner Kirche mehr an. Ich kann an keines dieser menschlichen Konstrukte wirklich glauben.
 
Trotzdem haben mich manche Kirchenfeste mehr angesprochen als andere. Das war zum einen das Osterfest, und zum anderen das, das gläubige Christen heute begehen: Pfingsten.
 
„Vom Heiligen Geist erfüllt zu werden“ oder zu sein habe ich schon als größeres Kind für mich interpretiert, und vermutlich nicht ganz im Sinne der Kirche. Buße und Taufe sind Wege einer Religion, aber es müsste doch auch für Atheisten oder Agnostiker Wege zu dem geben, was gemeint ist, wenn man diesen Ausdruck braucht: „vom Heiligen Geist erfüllt“. Vermutlich steht dieses Gefühl jedem Lebewesen offen, nur wird es ein jedes anders benennen.
 
Am besten gefiel mir immer diese Stelle:
 
„Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ – Apg 2,1-4 EU
 
Nicht nur, dass ich das schön dramatisch fand und ein bisschen gruselig – die Fähigkeit, sich auf einmal verständlich machen zu können und andere verstehen zu können, wo das vorher unmöglich war, das war für mich der Kern, das war für mich schon immer die Essenz von „Pfingsten“.
 
Die Bemühung dazu und den Wunsch ‚ja, so möge es sein!’ habe ich hinübergerettet ins Erwachsenenalter. Ich glaube, ich lebe den Pfingst-Gedanken, wie ich ihn – jenseits religiöser Vorgaben – schon als Kind interpretiert habe: seid und bleibt offen füreinander, für die vielen Ausdrucksformen und –möglichkeiten eines jeden Lebewesens.
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Grußkarten-Auftragsarbeit 2015
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WestArt

Gerne teile ich auch die gestrige zweite ‚Westart live‘.
Durch das Thema der Sendung, „sich einmischen“, das auch mir besonders am Herzen liegt, zeigte sie, wie nah Kunst am Menschen sein kann; dass es nichts „Abgehobenes“ mehr hat, wenn man sie als Ausdruck begreift, der jedem zusteht.
Ich wünsche viel Vergnügen!

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/video-westart-live-106.html

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