Jede Welt

In Bezug auf Anke von Heyls dankenswerten Blog-Beitrag

http://www.kulturtussi.de/gemeinsam-kunst-geniessen-museumsprogramme-fuer-menschen-mit-demenz-teil-1/

*

Tanja Praske schreibt dazu in den Kommentaren:

[…]

Gerade das Museum als sozialer Mediakit für die Gesellschaft, für ihre positiven wie negativen Facetten, finde ich sehr wichtig! Hier können Museen viel bewirken. Nur müssen ihnen dazu auch die Mittel zur Hand gegeben werden, in Form von Weiterbildung, Geld, Personal, aber auch, und das finde ich elementar, die Möglichkeit sowie den Willen die eigene Rolle in der Gesellschaft zu überdenken. Sammeln, bewahren, erforschen ist eine wichtige Facette, die andere ist für mich der Bezug zu den Menschen, zu der Gesellschaft, für die Museen integrativ wirken können.

Gesellschaftspolitische Unterstützung ist gefordert, aber auch das Umdenken des Museums mehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Das hat dann für mich nichts mit einer Verflachung des Niveaus à la Banalisierungsdiskurs zu tun, sondern mit der gelebten Aufwertung von Kunst und Kultur als wichtigen, integrativen und ethisch bildenden, ernst gemeinten Austausch. Wissenschaft und Vermittlung sind keine Antipoden, sondern können sich bereichern, so wie es von den von euch genannten Museen gelebt wird.

[…]“

*

Ich habe das Zitat mal um die Fettformatierung erweitert, denn das hat mir außerordentlich gut gefallen, wie schon der eigentliche Blog-Beitrag und das anschließende Gespräch.

Die zentrale Frage zielt für mich nämlich über das Museum hinaus: welche Rolle soll Kunst in der Gesellschaft bekleiden? Die eines elitären Spielplatzes, den aufzusuchen die meisten Menschen keinen Grund sehen? Oder als wertvollen Bestandteil des Zusammenlebens, unverzichtbar zum Ausbilden wichtiger sozialer Funktionen im Miteinander?

Ich glaube, dass, wenn sich das Ansehen (im wahrsten Wortsinn!) von Kunst im Alltag ändert, sich das Selbstverständnis einer „Szene“ (und damit auch die Museumslandschaft) automatisch mit ändern wird, aber es ist natürlich auch nichts dagegen zu sagen, dass die etablierte Kunstwelt die ersten Schritte macht.

Persönlich glaube ich eher an einen diesbezüglichen Erfolg in der Erziehung von Kindern zu offenen, hinschauenden, hinhörenden, empathischen Menschen, die nicht nur einen Sommer lang in einem Museumsgarten werkeln und ausstellen dürfen, sondern sehen, dass auch nach ihrer Kinderzeit und jenseits eines solchen Studiums Kunst zu ihrem Leben gehört – als allgemein gebräuchlicher kreativer menschlicher Ausdruck.

Wenn wieder mehr ganzheitlich auf den Menschen geschaut würde und Eltern keine Sorge mehr haben müssten, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt, wenn es nicht mit 20 schon ein Diplom in der Tasche hat, wenn das „niemand wird zurückgelassen“ wirklich gelebt würde, änderte sich die Welt. Jede Welt.
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Björk

Wenn man sich – wie die isländische Künstlerin Björk – immer wieder neu erfindet, braucht man ein Publikum, das diese Wandlungen mit geht. Ich glaube aber, dass ihre Fans genau das auch mögen und dass immer wieder neue Menschen sie entdecken, gerade weil sie so viele Facetten hat.

Für mich ist das unter anderem die Bestätigung, dass man vor solchen Veränderungen nicht nur keine Angst haben muss, sondern positiv im eigenen Fluss bleiben sollte und nachspüren, wohin es einen führt.

In der WDR-Dokumentation

http://www.ardmediathek.de/tv/WDR-DOK/Bj%C3%B6rk/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=12877260&documentId=36100202

konnte ich Neues entdecken, aber Vieles hat mir auch gefehlt, besonders die Erwähnung ihres Schauspiel-Talents und des bei mir bis heute nachwirkenden Lars von Trier-Films „Dancer in the Dark“.

(Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=53vr9EiOH7g )

Selbstverständlich kann man alles auch nachlesen, also der (sicher unvollständigen!) Vollständigkeit halber:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bj%C3%B6rk

Vor ein paar Jahren habe ich das Bedürfnis gehabt, in meine Portrait-Reihe von Persönlichkeiten, die mich stärker berühren als andere – wobei ich auch da weit entfernt von Vollständigkeit bin – Björk aufzunehmen.

Die Auseinandersetzung mit ihr lohnt sich!

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Buntstift, Öl-Pastellkreide und Acryl auf Skizzenpapier

DIN A 5 (nicht mehr zu haben)

extravaganz

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Benennung und Inhalt

Benennung und Inhalt

1. als Feedback und Antwort zu: http://thinglabs.de/2016/06/kunst-oder-kunsttheorie/ , dem ’seminar‘ von Stefan Beck vom 10. Juni 2016, und seinem ThingLabs-Beitrag http://thinglabs.de/2016/05/welchen-sinn-hat-kunst/

2. als eigenständig zu lesender Text, wenn man über die persönliche Ansprache hinweg liest

Wichtig zum Einstieg ist vielleicht das, das, seit ich es kenne, für mich klar in Worte (und Bilder; siehe Video!) fasst, worauf meine eigene Ansicht fußt. Danke Katrin Herzner und wieder einmal Stefan Beck, der mich darauf gebracht hat: http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst

Stefan, Du schreibst in den Kommentaren zu Katrins Beitrag Folgendes:

Ich glaube nicht, dass Kunst “da draußen”, quasi a priori, einfach so existiert. Vielmehr wird Kunst immer schon und vorab unter der Prämisse gemacht, dass sie im Kunstbetrieb erscheinen könnte. Peter Weibel sagt daher: “Wer Kunst macht, will auch Kunstgeschichte schreiben.” Kunstbetrieb (ob Ausstellung oder Handel) ist dem individuellen Schaffen nicht nachgeordnet, sondern soweit mit ihm verwoben, in es hineinreichend, dass eine Trennung kaum möglich ist. Auch Kunst, die es nie in den Ausstellungsbetrieb oder den Kunsthandel schafft, hat seine Prinzipien verinnerlicht und auf ihn ausgerichtet. Genau darin liegt auch ihre Tragik. Es gibt einige Ausnahmen, aber sie sind sonderlich rar. Moderne Kunst entsteht mit dem Moment, mit dem sie sich entschließt, der Logik der Sammlung und damit des Museums (von dem Du gar nicht redest) zu entsprechen. Und infolge kann nur der Kunst entdecken, der den musealen Blick akzeptiert. Darüber hinaus gibt es keine (oder kaum) Kunst.“

Für den akademischen Weg, das „Fach Kunst“ zu beschreiten, stimme ich Dir zu; alles andere machte womöglich für diejenigen, die diesen Weg einschlagen, überhaupt keinen Sinn. Sie wollen irgendwann einmal in das „System Kunst“, das bis heute so gewachsen ist, wie es jetzt existiert, passen und in diesem natürlich auch erfolgreich sein. Sie investieren Zeit und Geld in ein Studium, das der Staat anbietet, inklusive zertifizierendes Etikett. Für alle anderen Wege in der Kunst, die es auch noch gibt, die ich sehe und von denen auch Katrin spricht, gilt das eben nicht. Da will nichts einer bestimmten Logik entsprechen außer einer persönlichen und muss es auch nicht. Ein wie auch immer geartetes Etikett ist nicht vonnöten. Ein Museum wie einen Betrieb muss es nicht geben.

* Definitionen

Seit Jahren bin ich – aus Gesprächserfahrung gewachsen – der Ansicht, dass man seine Definitionen des Kunstbegriffes vor dem Gespräch klären müsste, um sich überhaupt ansatzweise erst einmal nur zu verstehen, geschweige aufeinander antworten zu können. Wir beide fragen uns nun auch schon seit etlichen Jahren, ob wir einander beantworten können (dass der eine recht gut versteht, was und wie der andere es meint, das glaube ich grundsätzlich). Eine wichtige Frage ist daher schon länger für mich: dürfen alle Menschen das Wort „Kunst“ benutzen, wie es ihrer persönlichen Definition entspricht, wo es durch ein mögliches Studium doch sozusagen eine staatliche Definition gibt?

Wenn Du von „Kunst“ sprichst, redest Du von Arbeiten, die innerhalb des „Systems Kunst“ entstanden sind, wenn ich von „Kunst“ (als Dachbegriff) spreche, rede ich über jegliche kreative Transformation des Menschen. Du siehst bestimmte kreative Transformationen (zum Beispiel Malerei) als überwunden an, ich sage: wenn es gerade passt für das, was ich schaffen möchte, was ich ausdrücken möchte, darf ich das selbstverständlich auch mit einem „alten“, einem veralteten Mittel (zum Beispiel Malerei) tun. Für Dich ist „Kunst“ unmittelbar an deren Wahrnehmung „als Kunst“ gekoppelt, für mich hat das eine mit dem anderen insofern zu tun, als dass ich sage, dass sich Kunst erst im Falle der Wahrnehmung ereignen kann; ansonsten bliebe es kreative Transformation, ein Ausdruck wie die Sprache oder Musik, die auch geschaffen wird und existiert ohne unbedingte Zuhörerschaft. So komme ich darum herum, darüber zu streiten, was Kunst „ist“ und was nicht. Ich komme um eine Bewertung herum, die für mich unmöglich ist, da es keine allgemeingültigen Kriterien gibt und jegliche Kriterien daher nur persönlich sein können. Das „System Kunst“ braucht Bewertung und Selektion, da es im System um Bewerbung und Förderung geht und es letztlich sogar um das ganz große Geld gehen kann – jedem Systemeinsteiger ist die Erfolgsgeschichte Gerhard Richters bewusst, um nur einen großen Namen zu nennen. Und allen ist die Uneinigkeit in diesem System bekannt: mit denselben Worten werden Arbeiten in den Himmel gelobt oder verrissen, je nach Standpunkt des Sprechers, der entweder Künstler oder (mitsprachewürdiger) Rezipient, Sammler oder Kurator, Galerist oder Kritiker, Museumsdirektor oder oder oder ist. Das System müsste diese Uneinigkeit erklären (was es nicht tut); außerhalb wird jede Uneinigkeit locker ausgehalten, auch jede „Unbegründbarkeit“.

* Willkür und Freiheit

Du schreibst: „Claus Borgeest versteht unter ‚Begründung‘: Für eine angemessene Anzahl von Kunstwerken gilt, dass sich ihr Kunststatus nicht aus ihren Eigenschaften herleiten lässt.“

Genau. Sie werden, unabhängig ihrer Form oder ihres Inhalts, von den jeweiligen Machtinhabern des „Systems Kunst“ in diesen Status gebracht (um nicht „gehoben“ zu sagen). Viel besser und kürzer kann man die Willkür dieses Systems nicht beschreiben. Außerhalb des Systems ist das Zitat genau so wahr, bedeutet aber Freiheit. Der entgrenzte Kunstbegriff muss dort nicht zu Eifersüchteleien oder (ich hoffe nur verbalen!) Prügeleien führen. Dass es das Urinal einmal im Baumarkt und einmal auf dem Kunstmarkt gibt, ist Beispiel dafür. Du kannst auf die Gedanken und Intention des kreativen Erschaffers (oder Readymade-Bringers) eines Kunstwerks nicht verzichten. Das macht das Urinal nicht als Kunstwerk lächerlich, sondern diejenigen, die außerhalb eines solchen Betriebes jedem mit Duchamps Idee die Stirn gefühlt hätten. Entweder/Oder, oder?

* Es geht um Deutungshoheit und damit Macht. Da mit Macht.

Ich fand interessant, wie Du die Begriffe „Kunst“ und „Kunsttheorie“ gegenüberstellst. Auch, wenn eine Arbeit in der Kunst nicht unbedingt und unmittelbar die kunsttheoretische Einstellung des Erschaffers zeigt und umgekehrt eine kunsttheoretische Abhandlung nicht unbedingt und unmittelbar darauf schließen lässt, was und wie genau der Schreiber als Künstler arbeitet, so gehe ich doch mit Dir konform, dass das trotzdem zusammenhängt. Warum muss man das aber selbst und für sich so auseinanderdividieren? Es muss ja nicht beides in einem Menschen zusammenkommen, aber es kann doch! Wo liegt der Gewinn des klaren Einsortierens? Läuft eine Vermischung einer (vielleicht sehr erwünschten) Wiedererkennung zuwider? Ist das wirklich eine Neufindung oder Neuerfindung? Oder soll nur das Etikett an derselben Person (die gut so ist, wie sie ist) ausgetauscht werden, weil die alte Etikettierung keinen (äußeren) Erfolg gebracht hat?

Für mich fließt da die Energie in Äußerlichkeiten, nicht ins (was auch immer) Tun. Würdest Du, wenn „Kunsttheoretiker“ und nicht „Künstler“ auf Deiner (vorgestellten) Visitenkarte stünde, anders agieren und arbeiten als jetzt?

Im überarbeitungsbedürftigen Eintrag der Wikipedia heißt es:

Als ‚Theorie der Kunst‘ können alle diskursiven Abhandlungen verstanden werden, die das Wesen, die Voraussetzungen sowie möglichen sachimmanenten Gesetzmäßigkeiten von Kunst (im weiten Sinne: Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Kunst, Angewandte Kunst) theoretisch zu bestimmen versuchen.

Kunsttheorie ist ein umfassender Begriff, der sich mit der Genese, dem Wesen und der Funktion der Kunst, vorwiegend der bildenden Kunst, in Geschichte und Gesellschaft beschäftigt.

Es bestehen Verwandtschaften und Überschneidungen zur Kunstgeschichte, Ästhetik, Kunstkritik und neuerdings zu den Kulturwissenschaften, aber auch zur Philosophie, Psychologie, Medientheorie und zur Wahrnehmungsforschung.

[…]

Viele Künstler, zum Beispiel Paul Cézanne, Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Andy Warhol, John Heartfield, Wolf Vostell,[2]John Steinbeck, Jackson Pollock,[3] Jean Cocteau, verfassten selber Theorien ihrer Kunst.“

Jenseits einer akademischen Herangehensweise empfinde ich mich als kreative Transformatorin, durchaus mit einer Kunsttheorie oder – vielleicht besser – Kunstphilosophie. Das interessiert niemanden, womit wir schon wieder bei Machtfragen sind. „Da draußen“ geht es ständig darum, wer sich Gehör verschaffen kann, dann auch angehört wird und auf den dann auch gehört werden kann. Du sagst, Du möchtest keine Macht ausüben, aber Dir ist doch bewusst, dass in einer wirklich angehörten Kunsttheorie jede Menge Macht liegt…? Damit geht klar Verantwortung einher, und jetzt komme ich wieder mit etwas, das mir immens wichtig ist und für mein Gefühl und Denken unbedingt diskussionswürdig: Verantwortung gegenüber wem oder was? Meine Antwort und gerne Einstieg in jeglichen Dialog: allem und jedem gegenüber. Die klassische Frage muss gestellt werden, immer, in jedem Bereich: wem nützt was? Hier: Welche Kunsttheorie ist „gut“ „wofür“? Die „Verwandtschaften und Überschneidungen“, von denen im Wikipedia-Eintrag die Rede ist, sind diese und noch mehr (oder sollten es meines Erachtens sein).

* Verantwortung

Von Verantwortung spricht auch Juliane Rebentisch in der anhörenswerten Diskussion https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM :

Ich find‘ schon dass wir in einem Moment der Kunstwelt leben, wo’s überhaupt nicht mehr so ist, nicht, dass das Gegenüber so ’ne bürgerliche… so’n Formalismus ist, nicht, der auf seine Autonomie beharrt in dem Sinne, dass die Gesellschaft draußen gehalten wird, sondern im Gegenteil: man muss schon sagen, die Anrufung des Politischen ist der… sozusagen das Schmiermittel überhaupt – derzeit – um die Kunstwelt am Laufen zu haben, nicht… also jede Biennale überbietet sich wechselseitig an Polizitätsanrufungen, und man muss sich natürlich fragen… sozusagen… in welchem sozialen Moment taucht das eigentlich auf, nicht… also ich finde da haben wir auch die Verantwortung, tatsächlich zurückzutreten und zu fragen: was trifft denn da aufeinander, und ich hab‘ den Eindruck, es gibt da so’n bisschen so ’ne unheilige Allianz mittlerweile zwischen… sozusagen so ’nem sehr kurzgegriffenen Verständnis der künstlerischen Avantgarde, nicht… dass es das Ziel der Avantgarde sei, sich selber im Leben aufzuheben auf der einen Seite und dieser neoliberalen Impact-Forderung, nach der sozusagen die Kunst und die Geisteswissenschaften sozusagen die Aufgabe haben, ihren unmittelbaren Einfluss in der Gesellschaft zu beweisen, ja – und das ist natürlich das Ende der Kunst in gewisser Weise. […] in welcher Weise macht sich die Differenz der Kunst zur Politik geltend […] dass es nicht schlicht darum geht, politische Erkenntnis zu gewinnen […] […] materialführende Auseinandersetzung für unterschiedliche Perspektiven […] für einen Diskurs gewissermaßen bereitzustellen […] Aussagen macht man in verschiedenen Sphären, aber nicht unbedingt in der Kunst.“

Das ist zum Beispiel ein für mich unnötiges Auseinanderdividieren: selbstverständlich muss ein Künstler nicht seine ureigene (politische) Ansicht verarbeiten – aber er kann doch. Ich glaube – wie bei „Kunst“ und „Kunsttheorie“ – dass sich die Bereiche überschneiden dürfen, vielleicht idealerweise sogar überschneiden sollten. Es geht um Dialoganstoß; „dass Konflikt auf öffentliche Bühnen kommt und dass er ausgetragen wird“, sagt Juliane Rebentisch an einer Stelle, hält sie für wichtig und einen „konstitutionellen Bestandteil demokratischen Lebens“. Heutzutage kann beinahe jeder jede Diskussion anstoßen, und ich bin in meinem Leben politisch, ohne für den Stadtrat zu kandidieren. Ich bin es mit jeder Äußerung und jeder Handlung, die ich als Privatperson vornehme, denn ich bewege mich mit anderen in einer Gesellschaft.

Das Problem ist das Erkämpfen der Aufmerksamkeit und damit wieder – im weitesten Sinne – das Macht- bzw. Ohnmachtsproblem.

Ich glaube aber nicht, dass Einschränkungen, die von vornherein auferlegt werden (zum Beispiel „Als Künstler ist es nicht deine Aufgabe, Aussagen zu machen.“), in der Kunst funktionieren, weil Auflagen für diesen freiheitlichsten Ausdruck des Menschen meines Erachtens nicht sinnvoll wären. Die individuelle Herangehensweise an ein Thema – womöglich egal in welcher Disziplin – ist immer eher Bereicherung. Und sollte übrigens auch nicht für mehr Aufmerksamkeit anderer geopfert werden. Wir brauchen alle jeden Ausdruck; Mainstream haben wir satt und genug.

* Kunst und Politik und …

In der Politik begrüße ich, dass zum Beispiel Begriffe wie „links“ und „rechts“ nicht mehr gut funktionieren ohne weitere Ausführungen. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten (wie übrigens auch auf Parteien), halte das aber für schwierig in der Kommunikation. Auf der einen Seite bekämen die Inhalte einen größeren Raum und könnten eher auf ihr Gewicht hin untersucht und hinterfragt werden, auf der anderen Seite würde viele der Zwang zur Beschäftigung mit eben diesen Inhalten abschrecken. Mündigkeit wäre noch mehr gefragt, das verstehen-Müssen, das mitgestalten-Wollen. Die Individualität der agierenden Personen würde gestärkt dadurch, dass diese eventuell (eben ohne Parteien) keiner Parteiräson mehr unterlägen, aber natürlich könnten weiterhin sozial geschickt agierende Personen mit demagogischem Talent unabhängig von ihren Inhalten Menschen auf ihre Seite ziehen. Wenn Intransparenz herrschen soll, würde sie weiterhin herrschen.

Du kannst jedes System fair oder unfair gestalten. Mir wäre wichtig, dass es für die Allermeisten gut funktioniert. Jedes System, in dem es wenige Nutznießer gibt, wäre für mich in die Richtung zu verändern, dass es möglichst viele Nutznießer gibt. Dass es möglichst allen Menschen damit gut geht nach vernünftigen Maßstäben, ohne sie gleichzuschalten. Möglich wäre es; umsetzbar ist es erst, wenn sich alle auch Gehör verschaffen könnten, das erst einmal wollten. Milo Rau nennt es „die dunkle Seite der Demokratie“: dass Minderheiten in ihren Ansichten untergehen, jenseits von „Recht“ oder „Unrecht“. Unstrittig ist aber ja: zieht man sich raus, weil man meint, dass man erst an einen Schalthebel ran müsste (an den man so, ohne jegliches politisches Vor-Engagement ja auch nie käme), dann unterschlägt man die erste kleine dünne Stimme, die etwas (zumindest subjektiv) Wichtiges äußert. Erst nach einer ersten Äußerung kommt es eventuell irgendwann zum Dialog.

[Kunst] kann weniger als der allerkleinste Herrscher im allerkleinsten Lande“, aber sie „kann neu nachdenken lassen über etwas, das scheinbar abgeschlossen scheint“, sagt Rau. Ich halte das für ein immens großes Können, egal, ob an der Aktion, an dem Film, dem Text, dem Theaterstück, der Installation, dem Bild „Politik“ oder „Kunst“ dran steht oder irgendetwas anderes. Vielleicht brauchen wir einfach neue Begriffe für einige „Zwischendinge“.

Ich möchte also mit anderen Worten meine Machtlosigkeit nicht akzeptieren; ich glaube nicht an meine Belanglosigkeit. Beides ist nicht dadurch gegeben, dass ich nicht an den Schalthebeln der einen oder anderen Macht sitze, sondern es wäre gegeben, wenn ich mich nicht mehr zu Wort meldete, wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass viele kleine Stimmen zu einem hörbaren Chor werden können. Mir ist unwichtig, wie der Chor heißt. Zwar kann man ohne einen Namen, ohne eine Benennung kein Werbebanner aufhängen, aber indem ich mich mit dieser Frage der Bewerbung beschäftige, übe ich beispielsweise weder, noch trete ich auf. Um beim Bild des Chores oder des Orchesters zu bleiben: ich empfinde mich als ein Teil einer größeren Idee (den individuellen kreativen Ausdruck eines jeden Menschen zu unterstützen und jeden darin, sein Gegenüber anzusehen und anzuhören), jederzeit zum Flashmob bereit. Manchmal bedarf es größerer Organisation, um gehört zu werden, aber öfter werden kleine Sessions stattfinden, die manchmal sogar vollkommen ungeplant sind und auch mit wenigen MitmacherInnen wirken (z. B. Weblogs, Kommentare, öffentliche Diskussionen mit auch nur drei Beteiligten usw.). Es kostete dagegen unsagbar viel Mühe, viele „offizielle“ Mitglieder zu werben, die sich nicht irgendwann – wie in beinahe jedem Verein – über das KleinKlein verzetteln und schlimmstenfalls zerstreiten, was die Idee des Vereins unglaubwürdig machte. Ich ziehe meinen Karren allein, was mich unabhängig macht, kann aber jederzeit auch Teil eines Konvois sein.

Missversteh‘ es nicht als Rat; der steht mir nicht nur nicht zu, den brauchst Du auch nicht.

Sieh‘ es als meinen Wunsch an:

Es ist doch egal, wie es heißt. Bring‘ Dich einfach ein.

Alles findet gerade statt.

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Herr Tur Tur und Tilt-Shift

Bei meinem Ausflug nach Augsburg am vergangenen Wochenende hatte ich eine Idee: ich wollte einmal nur die Funktion meiner kleinen Digitalkamera nutzen, die die Bilder mit Miniatur-Effekt erstellt – ohne Ausnahme. Witzig, dass ich dann ausgerechnet bei Herrn Tur Tur diese Ausnahme von der Regel machen musste, um ihn deutlich abbilden zu können; er stand wohl nicht weit genug weg 😉 … Immerhin habe ich das „normal“ aufgenommene Bild für diesen Beitrag nachher noch mal bearbeitet.

Mir fiel auf, dass das Vorhaben einen enormen Unterschied beim Fotografieren macht. Man guckt nicht nur „in Motiven“ auf der Suche danach, sondern innerhalb der Motive noch nach dem Bereich, den man durch Schärfe hervorheben möchte. Das heißt, dass ich die ganze Zeit über viel detail-bewusster unterwegs war. Dadurch habe ich „in der Breite“ weniger wahrgenommen, bin aber beim Anschauen und dann Dokumentieren sehr viel mehr in die Tiefe gegangen. Ich hatte den Eindruck, dass das auch etwas mit der inhaltlichen Wahrnehmung von Dingen macht.

Das empfohlene Guck-Experiment: schaut heute genauer hin! Guckt beispielsweise aus dem Fenster und wählt dann aus diesem schon begrenzten Ausschnitt ein Detail, das Euch hervorhebenswert erscheint.

Herr Tur Tur und ich wünschen viel Vergnügen!

Fortsetzung folgt.

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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Ich wünschte mir, dass Kunst so betrachtet würde, wie Mr. May die Toten betrachtet.

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Der Film von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013 zeigt Leben und berufliche Aufgabe von John May, einem „Funeral Officer“, der sich für die Londoner Kommunalverwaltung um die Beisetzung von Menschen kümmert. Diese Verstorbenen haben alle gemeinsam, dass sie schon zu Lebzeiten keine Angehörigen zu haben schienen; sie waren allein, einsam, gar verwahrlost.

Mr. May, der auch sehr zurückgezogen lebt, ist diese Aufgabe nicht nur Beruf, sondern Berufung. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich darum, etwaige Angehörige, ehemalige Freunde, Bekannte ausfindig zu machen, die vielleicht doch zur Beerdigung kommen möchten. Er reist zu ihnen und trägt sein Anliegen persönlich vor. Bei diesen Gesprächen nimmt er jede noch so unbedeutend scheinende Erwähnung auf, um seine Recherche fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. Für seinen Arbeitgeber bedeutet Erfolg nur, dass jeder „Fall“ möglichst rasch abgeschlossen wird. John May nimmt sogar manchmal Fotos oder andere Gegenstände, die sonst weggeworfen würden, aus den aufzulösenden Wohnungen an sich, um die Fotos in ein Album zu heften und mittels dieser und der anderen Dinge eine Grabrede aufzusetzen. Oft bleibt er der einzige Trauergast.

Im Begleitheft zur DVD wird der Regisseur zitiert: „Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? […] Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“

In diesem Heftchen ist daher auch von den „Unbedachten“ die Rede. Wie leicht sie aus der Gesellschaft fallen, wie schnell sie vergessen werden. Wie einfach scheint es dagegen, Leute, die sichtbar sind, zu „bedenken“. Und wie oft werden sogar diese manchmal übersehen…

Wer Kunst so betrachtet, wie Mr. May die Toten betrachtet, der sieht auch den lebenden Menschen so. Wer den Mitmenschen so sieht, der kann im Miteinander kaum mehr etwas verkehrt machen. Denn er wird hinhören und hinsehen, um den anderen wirklich zu erfahren, ihn dann auch adäquat beantworten zu können. Viele scheinen ohne Anspruch, das Gesagte des Gegenübers erst einmal in dessen Sinn zu verstehen, was eine echte Begegnung im Gespräch mindestens erschwert.

Bei der Kunstbetrachtung gibt man eventuell zu früh auf, wenn man zum Beispiel nach rein ästhetischen Gesichtspunkten schaut; jeder kennt den Ausspruch „Das sagt mir nichts.“ Was ist, wenn man bei einer kreativen Arbeit zunächst ein inneres Schweigen wahrnimmt? Was, wenn man Abwehr wahrnimmt? Versucht man es einzusortieren, ehe man sich weg dreht? Wenn man es einsortiert bekommt und sich diese paar Sekunden mehr Zeit nimmt – „o.k., es sagt mir erstmal nichts…“, „o.k., es gefällt mir irgendwie nicht…“ – was geschieht dann mit dem Impuls, schnell darüber hinweg zu gehen? Kommen dann vielleicht von selbst die weiterführenden spannenden Fragen: „Bleibt das so, dass es mir ‚nichts sagt‘, auch wenn ich etwas länger schaue…?“ oder „Warum gefällt es mir nicht; woher kommt wohl diese Abwehr?“ Schon ist man mitten im Gespräch: mit dem Kunstwerk, darüber mit dem Menschen, der es geschaffen hat (vielleicht sogar mit ihm/ihr persönlich) und mit sich selbst.

Man „muss“ weder eine bestimmte kreative Arbeit noch einen bestimmten Menschen „mögen“ – Wertschätzung zeigt sich in grundsätzlichem Respekt.

https://www.youtube.com/watch?v=Ip8xK6Xq4ec – Der Trailer zum Film

 

 

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Between Borders

https://www.facebook.com/events/1156276804402949/

Von 3. Juni um 16:00 bis 5. Juni um 17:00
SKM Rheydt, Waisenhausstr. 16, 41236 Mönchengladbach
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„Between Borders – Abgrenzen, ausgrenzen, eingrenzen: wer ist drinnen, wer ist draußen? Und wer entscheidet darüber? Die Ausstellung lädt dazu ein, Grenzerfahrungen zu machen und selbst zum Grenzgänger zu werden.
In zahlreichen künstlerischen Beiträgen setzen sich Menschen mit dem Aufbrechen, dem Dazwischen-Sein und dem Ankommen auseinander. Gibt es überhaupt ein Ankommen oder bewegen wir uns ständig zwischen den Grenzen? Die Ausstellung wartet darauf, Fragen wie diesen nachzugehen und von dir erlebt und mitgestaltet zu werden!

Für weitere Informationen zu den Programmpunkten bitte die einzelnen Veranstaltungen aufrufen.“

Vernissage (EINTRITT FREI)
Fr: 16 – 20 Uhr
www.facebook.com/events/574938499344135/

Nachtaktiv
Sa: 18 -23 Uhr
https://www.facebook.com/events/1237659496251785/

Finissage (EINTRITT FREI)
So: 12 -17 Uhr
www.facebook.com/events/735713709901927/

Gefördert durch: SKM Rheydt, Versöhnungsbund e.V., nachtaktiv – Mönchengladbacher Kulturnacht, Das LAKUM in Mönchengladbach

 

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