Benennung und Inhalt

Benennung und Inhalt

1. als Feedback und Antwort zu: http://thinglabs.de/2016/06/kunst-oder-kunsttheorie/ , dem ’seminar‘ von Stefan Beck vom 10. Juni 2016, und seinem ThingLabs-Beitrag http://thinglabs.de/2016/05/welchen-sinn-hat-kunst/

2. als eigenständig zu lesender Text, wenn man über die persönliche Ansprache hinweg liest

Wichtig zum Einstieg ist vielleicht das, das, seit ich es kenne, für mich klar in Worte (und Bilder; siehe Video!) fasst, worauf meine eigene Ansicht fußt. Danke Katrin Herzner und wieder einmal Stefan Beck, der mich darauf gebracht hat: http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst

Stefan, Du schreibst in den Kommentaren zu Katrins Beitrag Folgendes:

Ich glaube nicht, dass Kunst “da draußen”, quasi a priori, einfach so existiert. Vielmehr wird Kunst immer schon und vorab unter der Prämisse gemacht, dass sie im Kunstbetrieb erscheinen könnte. Peter Weibel sagt daher: “Wer Kunst macht, will auch Kunstgeschichte schreiben.” Kunstbetrieb (ob Ausstellung oder Handel) ist dem individuellen Schaffen nicht nachgeordnet, sondern soweit mit ihm verwoben, in es hineinreichend, dass eine Trennung kaum möglich ist. Auch Kunst, die es nie in den Ausstellungsbetrieb oder den Kunsthandel schafft, hat seine Prinzipien verinnerlicht und auf ihn ausgerichtet. Genau darin liegt auch ihre Tragik. Es gibt einige Ausnahmen, aber sie sind sonderlich rar. Moderne Kunst entsteht mit dem Moment, mit dem sie sich entschließt, der Logik der Sammlung und damit des Museums (von dem Du gar nicht redest) zu entsprechen. Und infolge kann nur der Kunst entdecken, der den musealen Blick akzeptiert. Darüber hinaus gibt es keine (oder kaum) Kunst.“

Für den akademischen Weg, das „Fach Kunst“ zu beschreiten, stimme ich Dir zu; alles andere machte womöglich für diejenigen, die diesen Weg einschlagen, überhaupt keinen Sinn. Sie wollen irgendwann einmal in das „System Kunst“, das bis heute so gewachsen ist, wie es jetzt existiert, passen und in diesem natürlich auch erfolgreich sein. Sie investieren Zeit und Geld in ein Studium, das der Staat anbietet, inklusive zertifizierendes Etikett. Für alle anderen Wege in der Kunst, die es auch noch gibt, die ich sehe und von denen auch Katrin spricht, gilt das eben nicht. Da will nichts einer bestimmten Logik entsprechen außer einer persönlichen und muss es auch nicht. Ein wie auch immer geartetes Etikett ist nicht vonnöten. Ein Museum wie einen Betrieb muss es nicht geben.

* Definitionen

Seit Jahren bin ich – aus Gesprächserfahrung gewachsen – der Ansicht, dass man seine Definitionen des Kunstbegriffes vor dem Gespräch klären müsste, um sich überhaupt ansatzweise erst einmal nur zu verstehen, geschweige aufeinander antworten zu können. Wir beide fragen uns nun auch schon seit etlichen Jahren, ob wir einander beantworten können (dass der eine recht gut versteht, was und wie der andere es meint, das glaube ich grundsätzlich). Eine wichtige Frage ist daher schon länger für mich: dürfen alle Menschen das Wort „Kunst“ benutzen, wie es ihrer persönlichen Definition entspricht, wo es durch ein mögliches Studium doch sozusagen eine staatliche Definition gibt?

Wenn Du von „Kunst“ sprichst, redest Du von Arbeiten, die innerhalb des „Systems Kunst“ entstanden sind, wenn ich von „Kunst“ (als Dachbegriff) spreche, rede ich über jegliche kreative Transformation des Menschen. Du siehst bestimmte kreative Transformationen (zum Beispiel Malerei) als überwunden an, ich sage: wenn es gerade passt für das, was ich schaffen möchte, was ich ausdrücken möchte, darf ich das selbstverständlich auch mit einem „alten“, einem veralteten Mittel (zum Beispiel Malerei) tun. Für Dich ist „Kunst“ unmittelbar an deren Wahrnehmung „als Kunst“ gekoppelt, für mich hat das eine mit dem anderen insofern zu tun, als dass ich sage, dass sich Kunst erst im Falle der Wahrnehmung ereignen kann; ansonsten bliebe es kreative Transformation, ein Ausdruck wie die Sprache oder Musik, die auch geschaffen wird und existiert ohne unbedingte Zuhörerschaft. So komme ich darum herum, darüber zu streiten, was Kunst „ist“ und was nicht. Ich komme um eine Bewertung herum, die für mich unmöglich ist, da es keine allgemeingültigen Kriterien gibt und jegliche Kriterien daher nur persönlich sein können. Das „System Kunst“ braucht Bewertung und Selektion, da es im System um Bewerbung und Förderung geht und es letztlich sogar um das ganz große Geld gehen kann – jedem Systemeinsteiger ist die Erfolgsgeschichte Gerhard Richters bewusst, um nur einen großen Namen zu nennen. Und allen ist die Uneinigkeit in diesem System bekannt: mit denselben Worten werden Arbeiten in den Himmel gelobt oder verrissen, je nach Standpunkt des Sprechers, der entweder Künstler oder (mitsprachewürdiger) Rezipient, Sammler oder Kurator, Galerist oder Kritiker, Museumsdirektor oder oder oder ist. Das System müsste diese Uneinigkeit erklären (was es nicht tut); außerhalb wird jede Uneinigkeit locker ausgehalten, auch jede „Unbegründbarkeit“.

* Willkür und Freiheit

Du schreibst: „Claus Borgeest versteht unter ‚Begründung‘: Für eine angemessene Anzahl von Kunstwerken gilt, dass sich ihr Kunststatus nicht aus ihren Eigenschaften herleiten lässt.“

Genau. Sie werden, unabhängig ihrer Form oder ihres Inhalts, von den jeweiligen Machtinhabern des „Systems Kunst“ in diesen Status gebracht (um nicht „gehoben“ zu sagen). Viel besser und kürzer kann man die Willkür dieses Systems nicht beschreiben. Außerhalb des Systems ist das Zitat genau so wahr, bedeutet aber Freiheit. Der entgrenzte Kunstbegriff muss dort nicht zu Eifersüchteleien oder (ich hoffe nur verbalen!) Prügeleien führen. Dass es das Urinal einmal im Baumarkt und einmal auf dem Kunstmarkt gibt, ist Beispiel dafür. Du kannst auf die Gedanken und Intention des kreativen Erschaffers (oder Readymade-Bringers) eines Kunstwerks nicht verzichten. Das macht das Urinal nicht als Kunstwerk lächerlich, sondern diejenigen, die außerhalb eines solchen Betriebes jedem mit Duchamps Idee die Stirn gefühlt hätten. Entweder/Oder, oder?

* Es geht um Deutungshoheit und damit Macht. Da mit Macht.

Ich fand interessant, wie Du die Begriffe „Kunst“ und „Kunsttheorie“ gegenüberstellst. Auch, wenn eine Arbeit in der Kunst nicht unbedingt und unmittelbar die kunsttheoretische Einstellung des Erschaffers zeigt und umgekehrt eine kunsttheoretische Abhandlung nicht unbedingt und unmittelbar darauf schließen lässt, was und wie genau der Schreiber als Künstler arbeitet, so gehe ich doch mit Dir konform, dass das trotzdem zusammenhängt. Warum muss man das aber selbst und für sich so auseinanderdividieren? Es muss ja nicht beides in einem Menschen zusammenkommen, aber es kann doch! Wo liegt der Gewinn des klaren Einsortierens? Läuft eine Vermischung einer (vielleicht sehr erwünschten) Wiedererkennung zuwider? Ist das wirklich eine Neufindung oder Neuerfindung? Oder soll nur das Etikett an derselben Person (die gut so ist, wie sie ist) ausgetauscht werden, weil die alte Etikettierung keinen (äußeren) Erfolg gebracht hat?

Für mich fließt da die Energie in Äußerlichkeiten, nicht ins (was auch immer) Tun. Würdest Du, wenn „Kunsttheoretiker“ und nicht „Künstler“ auf Deiner (vorgestellten) Visitenkarte stünde, anders agieren und arbeiten als jetzt?

Im überarbeitungsbedürftigen Eintrag der Wikipedia heißt es:

Als ‚Theorie der Kunst‘ können alle diskursiven Abhandlungen verstanden werden, die das Wesen, die Voraussetzungen sowie möglichen sachimmanenten Gesetzmäßigkeiten von Kunst (im weiten Sinne: Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Kunst, Angewandte Kunst) theoretisch zu bestimmen versuchen.

Kunsttheorie ist ein umfassender Begriff, der sich mit der Genese, dem Wesen und der Funktion der Kunst, vorwiegend der bildenden Kunst, in Geschichte und Gesellschaft beschäftigt.

Es bestehen Verwandtschaften und Überschneidungen zur Kunstgeschichte, Ästhetik, Kunstkritik und neuerdings zu den Kulturwissenschaften, aber auch zur Philosophie, Psychologie, Medientheorie und zur Wahrnehmungsforschung.

[…]

Viele Künstler, zum Beispiel Paul Cézanne, Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Andy Warhol, John Heartfield, Wolf Vostell,[2]John Steinbeck, Jackson Pollock,[3] Jean Cocteau, verfassten selber Theorien ihrer Kunst.“

Jenseits einer akademischen Herangehensweise empfinde ich mich als kreative Transformatorin, durchaus mit einer Kunsttheorie oder – vielleicht besser – Kunstphilosophie. Das interessiert niemanden, womit wir schon wieder bei Machtfragen sind. „Da draußen“ geht es ständig darum, wer sich Gehör verschaffen kann, dann auch angehört wird und auf den dann auch gehört werden kann. Du sagst, Du möchtest keine Macht ausüben, aber Dir ist doch bewusst, dass in einer wirklich angehörten Kunsttheorie jede Menge Macht liegt…? Damit geht klar Verantwortung einher, und jetzt komme ich wieder mit etwas, das mir immens wichtig ist und für mein Gefühl und Denken unbedingt diskussionswürdig: Verantwortung gegenüber wem oder was? Meine Antwort und gerne Einstieg in jeglichen Dialog: allem und jedem gegenüber. Die klassische Frage muss gestellt werden, immer, in jedem Bereich: wem nützt was? Hier: Welche Kunsttheorie ist „gut“ „wofür“? Die „Verwandtschaften und Überschneidungen“, von denen im Wikipedia-Eintrag die Rede ist, sind diese und noch mehr (oder sollten es meines Erachtens sein).

* Verantwortung

Von Verantwortung spricht auch Juliane Rebentisch in der anhörenswerten Diskussion https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM :

Ich find‘ schon dass wir in einem Moment der Kunstwelt leben, wo’s überhaupt nicht mehr so ist, nicht, dass das Gegenüber so ’ne bürgerliche… so’n Formalismus ist, nicht, der auf seine Autonomie beharrt in dem Sinne, dass die Gesellschaft draußen gehalten wird, sondern im Gegenteil: man muss schon sagen, die Anrufung des Politischen ist der… sozusagen das Schmiermittel überhaupt – derzeit – um die Kunstwelt am Laufen zu haben, nicht… also jede Biennale überbietet sich wechselseitig an Polizitätsanrufungen, und man muss sich natürlich fragen… sozusagen… in welchem sozialen Moment taucht das eigentlich auf, nicht… also ich finde da haben wir auch die Verantwortung, tatsächlich zurückzutreten und zu fragen: was trifft denn da aufeinander, und ich hab‘ den Eindruck, es gibt da so’n bisschen so ’ne unheilige Allianz mittlerweile zwischen… sozusagen so ’nem sehr kurzgegriffenen Verständnis der künstlerischen Avantgarde, nicht… dass es das Ziel der Avantgarde sei, sich selber im Leben aufzuheben auf der einen Seite und dieser neoliberalen Impact-Forderung, nach der sozusagen die Kunst und die Geisteswissenschaften sozusagen die Aufgabe haben, ihren unmittelbaren Einfluss in der Gesellschaft zu beweisen, ja – und das ist natürlich das Ende der Kunst in gewisser Weise. […] in welcher Weise macht sich die Differenz der Kunst zur Politik geltend […] dass es nicht schlicht darum geht, politische Erkenntnis zu gewinnen […] […] materialführende Auseinandersetzung für unterschiedliche Perspektiven […] für einen Diskurs gewissermaßen bereitzustellen […] Aussagen macht man in verschiedenen Sphären, aber nicht unbedingt in der Kunst.“

Das ist zum Beispiel ein für mich unnötiges Auseinanderdividieren: selbstverständlich muss ein Künstler nicht seine ureigene (politische) Ansicht verarbeiten – aber er kann doch. Ich glaube – wie bei „Kunst“ und „Kunsttheorie“ – dass sich die Bereiche überschneiden dürfen, vielleicht idealerweise sogar überschneiden sollten. Es geht um Dialoganstoß; „dass Konflikt auf öffentliche Bühnen kommt und dass er ausgetragen wird“, sagt Juliane Rebentisch an einer Stelle, hält sie für wichtig und einen „konstitutionellen Bestandteil demokratischen Lebens“. Heutzutage kann beinahe jeder jede Diskussion anstoßen, und ich bin in meinem Leben politisch, ohne für den Stadtrat zu kandidieren. Ich bin es mit jeder Äußerung und jeder Handlung, die ich als Privatperson vornehme, denn ich bewege mich mit anderen in einer Gesellschaft.

Das Problem ist das Erkämpfen der Aufmerksamkeit und damit wieder – im weitesten Sinne – das Macht- bzw. Ohnmachtsproblem.

Ich glaube aber nicht, dass Einschränkungen, die von vornherein auferlegt werden (zum Beispiel „Als Künstler ist es nicht deine Aufgabe, Aussagen zu machen.“), in der Kunst funktionieren, weil Auflagen für diesen freiheitlichsten Ausdruck des Menschen meines Erachtens nicht sinnvoll wären. Die individuelle Herangehensweise an ein Thema – womöglich egal in welcher Disziplin – ist immer eher Bereicherung. Und sollte übrigens auch nicht für mehr Aufmerksamkeit anderer geopfert werden. Wir brauchen alle jeden Ausdruck; Mainstream haben wir satt und genug.

* Kunst und Politik und …

In der Politik begrüße ich, dass zum Beispiel Begriffe wie „links“ und „rechts“ nicht mehr gut funktionieren ohne weitere Ausführungen. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten (wie übrigens auch auf Parteien), halte das aber für schwierig in der Kommunikation. Auf der einen Seite bekämen die Inhalte einen größeren Raum und könnten eher auf ihr Gewicht hin untersucht und hinterfragt werden, auf der anderen Seite würde viele der Zwang zur Beschäftigung mit eben diesen Inhalten abschrecken. Mündigkeit wäre noch mehr gefragt, das verstehen-Müssen, das mitgestalten-Wollen. Die Individualität der agierenden Personen würde gestärkt dadurch, dass diese eventuell (eben ohne Parteien) keiner Parteiräson mehr unterlägen, aber natürlich könnten weiterhin sozial geschickt agierende Personen mit demagogischem Talent unabhängig von ihren Inhalten Menschen auf ihre Seite ziehen. Wenn Intransparenz herrschen soll, würde sie weiterhin herrschen.

Du kannst jedes System fair oder unfair gestalten. Mir wäre wichtig, dass es für die Allermeisten gut funktioniert. Jedes System, in dem es wenige Nutznießer gibt, wäre für mich in die Richtung zu verändern, dass es möglichst viele Nutznießer gibt. Dass es möglichst allen Menschen damit gut geht nach vernünftigen Maßstäben, ohne sie gleichzuschalten. Möglich wäre es; umsetzbar ist es erst, wenn sich alle auch Gehör verschaffen könnten, das erst einmal wollten. Milo Rau nennt es „die dunkle Seite der Demokratie“: dass Minderheiten in ihren Ansichten untergehen, jenseits von „Recht“ oder „Unrecht“. Unstrittig ist aber ja: zieht man sich raus, weil man meint, dass man erst an einen Schalthebel ran müsste (an den man so, ohne jegliches politisches Vor-Engagement ja auch nie käme), dann unterschlägt man die erste kleine dünne Stimme, die etwas (zumindest subjektiv) Wichtiges äußert. Erst nach einer ersten Äußerung kommt es eventuell irgendwann zum Dialog.

[Kunst] kann weniger als der allerkleinste Herrscher im allerkleinsten Lande“, aber sie „kann neu nachdenken lassen über etwas, das scheinbar abgeschlossen scheint“, sagt Rau. Ich halte das für ein immens großes Können, egal, ob an der Aktion, an dem Film, dem Text, dem Theaterstück, der Installation, dem Bild „Politik“ oder „Kunst“ dran steht oder irgendetwas anderes. Vielleicht brauchen wir einfach neue Begriffe für einige „Zwischendinge“.

Ich möchte also mit anderen Worten meine Machtlosigkeit nicht akzeptieren; ich glaube nicht an meine Belanglosigkeit. Beides ist nicht dadurch gegeben, dass ich nicht an den Schalthebeln der einen oder anderen Macht sitze, sondern es wäre gegeben, wenn ich mich nicht mehr zu Wort meldete, wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass viele kleine Stimmen zu einem hörbaren Chor werden können. Mir ist unwichtig, wie der Chor heißt. Zwar kann man ohne einen Namen, ohne eine Benennung kein Werbebanner aufhängen, aber indem ich mich mit dieser Frage der Bewerbung beschäftige, übe ich beispielsweise weder, noch trete ich auf. Um beim Bild des Chores oder des Orchesters zu bleiben: ich empfinde mich als ein Teil einer größeren Idee (den individuellen kreativen Ausdruck eines jeden Menschen zu unterstützen und jeden darin, sein Gegenüber anzusehen und anzuhören), jederzeit zum Flashmob bereit. Manchmal bedarf es größerer Organisation, um gehört zu werden, aber öfter werden kleine Sessions stattfinden, die manchmal sogar vollkommen ungeplant sind und auch mit wenigen MitmacherInnen wirken (z. B. Weblogs, Kommentare, öffentliche Diskussionen mit auch nur drei Beteiligten usw.). Es kostete dagegen unsagbar viel Mühe, viele „offizielle“ Mitglieder zu werben, die sich nicht irgendwann – wie in beinahe jedem Verein – über das KleinKlein verzetteln und schlimmstenfalls zerstreiten, was die Idee des Vereins unglaubwürdig machte. Ich ziehe meinen Karren allein, was mich unabhängig macht, kann aber jederzeit auch Teil eines Konvois sein.

Missversteh‘ es nicht als Rat; der steht mir nicht nur nicht zu, den brauchst Du auch nicht.

Sieh‘ es als meinen Wunsch an:

Es ist doch egal, wie es heißt. Bring‘ Dich einfach ein.

Alles findet gerade statt.

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6 Gedanken zu “Benennung und Inhalt

  1. Stefan B. Adorno schreibt:

    Lieber Sabine,

    hab zuerst vielen vielen Dank für Deine ausführliche Beschäftigung mit meinen Gedanken.

    Mir kommt die folgende Bemerkung sehr zentral vor, wo Du schreibst:

    …wenn ich von „Kunst“ (als Dachbegriff) spreche, rede ich über jegliche kreative Transformation des Menschen.

    Wie kann ich mir eine solche „kreative Transformation“ vorstellen?

    Wenn jemand ein Bild malt? Oder einen Pullover strickt? Oder einen Garten anlegt?

    Und wenn die Transformation als „kreativ“ bezeichnet wird, welche Möglichkeiten habe ich festzustellen, dass das zutrifft? Woran mache ich fest, dass etwas kreativ ist? Denn das sollte doch implizieren, dass es auch nicht-kreative Transformationen oder Handlungen gibt.

    Das scheint mir für den weiteren Verlauf Deines Textes wichtig zu sein.

    Lg
    Stefan

  2. Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

    den Dank gebe ich erstmal zurück, weil Du auch noch nachfragst; wir beide wissen, wie selten das ist!

    Es gibt ja noch andere Übergänge und Wechsel im menschlichen Schaffen, die nicht in künstlerischer Absicht geschehen; ich sage „kreative“ Transformation, um das Wort „Kunst“ in meiner Grunddefinition zu vermeiden.

    „Kreativ“ ist, wer daneben denkt, einen (für ihn) ausgetretenen Pfad verlässt, und das egal in welcher Disziplin. In der Kunst bedeutet es ja immer eine „Übersetzung“ von etwas in etwas anderes, für mich egal mit welchem Mittel.

    Dabei sind die Übergänge fließend; Möbel können sowohl nur als Gebrauchsgegenstände auftauchen, als auch als solche in künstlerischer Absicht geschaffen werden; Architektur ist einmal nur zweckmäßig und einmal auch Kunst. Wenn Frau Trockel riesige Strickbilder produziert, geschieht das in künstlerischer Absicht; der Pulli für den Enkel soll sicher nur wärmen und nett aussehen.

    Ich glaube, dass die Absicht des Erschaffers die zentrale Rolle spielt, etwas mit einem für die Sache ungewohnten Mittel ausdrücken, übersetzen zu wollen. Kreativität ist vielleicht schon vorher im Spiel, sicher spätestens bei der Wahl des Mittels und dann sicher auch bei dessen Einsatz.

    Viele Grüße,
    Sabine

  3. Liebe Sabine,

    Du schreibt, definierst:

    „Kreativ“ ist, wer daneben denkt, einen (für ihn) ausgetretenen Pfad verlässt… und

    die Absicht des Erschaffers die zentrale Rolle spielt, etwas mit einem für die Sache ungewohnten Mittel ausdrücken…

    Das ist durchaus richtig, nur lässt es außer acht, dass nach diesem Rezept zigtausende von Menschen unterwegs sind, die soviele Gegenstände und Ereignisse produzieren, dass niemand genau weiss, wie das alles wahrgenommen, eingeschätzt und gesammelt werden kann.

    Der Kunstbetrieb, den wir beide kritisch sehen, existiert ja genau deswegen, weil es diese gewaltige Überproduktion gibt. Und gleichzeitig die Kriterien ausbleiben oder nicht mehr nachkommen, weil Offenheit und Freiheit gewährt bleiben müssen.

    Man müsste die Kunstproduktion oder den kreativen Output rigoros einschränken, damit eine Begrenzung eintritt. Der Markt regelt das implizit dadurch, dass die Bedingungen so hart sind, dass in ihm nur die Stärksten durchkommen. Unschön, aber der Logik nach unausweichlich.

    Viele Grüße
    Stefan

  4. Lieber Stefan,

    meines Erachtens hab‘ ich nichts außer acht gelassen; bei meiner Kunst-Definition geht es ja genau darum: diesen Zigtausenden, von denen Du richtig schreibst, einen Raum unter dem Dach(begriff) „Kunst“ zu geben, unabhängig irgendeines Marktes.

    Du beschreibst es genau; Du bringst es auf den Punkt, und was das Marktgeschehen angeht, widerspreche ich keineswegs. Der Markt, der Betrieb um die Kunst kann nicht anders funktionieren. Meine Kritik an ihm ist aber anders gemeint als Deine: mich stört, dass die Machthaber auf diesem offiziellen Kunstparkett negieren, dass es außerhalb – ohne jeden Unterschied – genau die gleiche kreative Arbeit geben kann wie innerhalb, und ich meine das jetzt konkret: ein Lieschen Müller hätte im Baumarkt ein Urinal kaufen können und auf einer privat organisierten Kunstausstellung mit den gleichen Worten wie Duchamp ihre Sache erklären können, auch mit der gleichen Intention, also „ernst gemeint“ (und dann selbstverständlich VOR Duchamp 😉 ).

    Das ist für mich das Kernproblem eines Marktes, der mit Dingen handelt, die allen gehören: Ideen, freiem Denken, Talent bis hin zur Meisterschaft.

    „Kunst“ als Studienfach hätte es daher für mich, so, wie es ausgestaltet ist, nie geben dürfen.

    Viele Grüße,
    Sabine

  5. Liebe Sabine,

    bei meiner Kunst-Definition geht es ja genau darum: diesen Zigtausenden, von denen Du richtig schreibst, einen Raum unter dem Dach(begriff) „Kunst“ zu geben, unabhängig irgendeines Marktes.

    Das hört sich ja theoretisch nicht schlecht an, aber wie soll das denn praktisch verwirklicht werden?

    Deine, meine, die Zeit aller reicht nicht aus, um all die, die dann Künstler genannt werden, wahrzunehmen und wertzuschätzen.

    Wenn Dir das ernst ist, dann nutze doch Dein Blog, uns ein paar KünstlerInnen vorzustellen, die Deiner Meinung nach zu Unrecht vom Markt oder Betrieb übersehen werden. Am Besten noch solche, die ähnliches bewerkstelligt haben, wie Duchamp mit seinem Urinal.

    Viele Grüße
    Stefan

  6. Lieber Stefan,

    genau solche konkreten Beispiele, Personen, die es auch verdient hätten, wahrgenommen zu werden… ich würde ja denselben „Fehler“ begehen, den ich dem Kunstsystem ankreide! Ich kann und möchte niemanden benennen und einzelne Personen „bewerben“ – ich bewerbe die Idee, dass man einfach offen durchs Leben gehen sollte! Niemand ist in allem, was er künstlerisch tut, eine Bereicherung für jeden, aber jeder kann eine Bereicherung für JEMANDEN sein. Mir ist bewusst, dass sich das nicht mit einem Ausschluss-System decken kann und auch die Versorgungsfrage nicht beantwortet. Mir reicht – bezüglich des Urinal-Beispiels – dass nicht ich und auch niemand anderes tatsächlich vollkommen ausschließen kann, dass es solche Ideen außerhalb des Marktes geben kann.

    *

    Ich möchte das ganzheitliche Denken, das ich auch nicht von Jugend an hatte, nicht mehr aufgeben, eher noch weiter trainieren. Gerade der künstlerische Bereich bietet sich dafür an, da er eine Sache behandelt, die so unmittelbar zum Menschen gehört: seine Freiheit im Denken, sein Ausdruck.

    Wie könnte ich, wenn ich einmal damit angefangen habe, einzelne Bereiche vom ganzheitlichen Denken ausschließen? Wenn man zum Beispiel Lehren und Lernen auch vollkommen anders begreifen und aufziehen könnte (was man könnte!), hätte das Auswirkungen auch auf die Kunst.

    Vielleicht so:

    Meinetwegen würde irgendwann keiner mehr „Künstler“ genannt, weil jede Arbeit eines jeden gleichwertig nebeneinander stünde. Es gäbe keine „Berufskünstler“.

    Unter anderem das, was heute in künstlerischer Hinsicht in Therapien gemacht wird, um Menschen in Heilungsprozessen zu unterstützen, wäre Teil eines wichtigen Schulfachs, um den Kontakt zu sich selbst nicht erst finden zu müssen, sondern stetig aufrechtzuerhalten mittels kreativer Ansätze.

    (Ach ja: das Fach „Religion“ wäre komplett durch Ethik-Unterricht ersetzt, und Fächer solcher -humanistischer- Art könnten kombiniert unterrichtet werden, wie auch die Naturwissenschaften untereinander.)

    Lehrer wären angesehen und würden anders ausgebildet (zum Beispiel nicht so allein gelassen bezüglich didaktischer und sozialer Fragen), und die Berufe, die die Schüler später in künstlerischer Hinsicht ergreifen könnten, wären wieder „Lehrer“, oder es ginge in Richtung „Therapie“. Sicher nicht alle, aber ganz viele würden gewohnt sein, sich künstlerisch auszudrücken. Ein diesbezüglicher Hype um etwas oder jemanden wäre geradezu lächerlich.

    Für alle die, die die Schätze der Kunstwelt in Gefahr sähen: alles gäbe es noch, und es würden auch weiter neue Dinge entstehen (zum Beispiel Netzkunst, die es vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gab, nicht geben konnte). Weil der Hype um Einzelnes wegfiele und es stattdessen viel, viel mehr gäbe, müsste man neue Wege ausprobieren, Kunst zu zeigen und erfahrbar zu machen, was tatsächlich das Museum, wie es jetzt noch existiert, in Frage stellte.

    Auch andere Berufe wären von den Änderungen betroffen; die Arbeitszeit wäre reduziert; Menschen hätten mehr Zeit für ihre Selbstbestimmung, und Sozialdienste wären eine Art Pflichtprogramm, das, vielleicht kommunal verwaltet, jeder nach seinen Neigungen und Fähigkeiten in seine Woche einbinden müsste. Die Hilfe bei der Pflege Angehöriger würde enorm ausgebaut; es gäbe keine finanziellen Einbußen deswegen.

    Berufe, die rund um die Uhr besetzt sein müssen (wie zum Beispiel die Feuerwehr), hätten dafür genügend Personal, um das neue verkürzte Zeitmanagement stemmen zu können.

    Und alle hätten ein Auskommen.

    Einige Schulfächer blieben ganz ähnlich wie schon jetzt, zum Beispiel Fremdsprachen oder die Naturwissenschaften. Wie gute Denker in ihren Gebieten am besten gefördert würden, läge sehr in der jeweiligen Natur des Fachgebietes. Auf diesen Gebieten hielte ich auch Studiengänge wie heute angeboten weiterhin für sinnvoll, nur würde ich mir alles praktischer wünschen, von der Schule an. (In meiner Schule würden die Menschen nicht mit zehn Jahren in trennende Systeme einsortiert und müssten auch nicht mit siebzehn „fertig“ sein.)

    Mir fällt keine bessere Methode ein, Menschen zu zeigen, „was alles mit ihnen zu tun hat“. Und auch keine bessere, jenseits unterschiedlicher menschlicher Charaktere Missbrauch vorzubeugen, z. B. im Umgang mit künstlicher Intelligenz oder Forschungsergebnissen, die Dinge möglich machen, die vielleicht aber nicht wünschenswert sind und/oder stetige öffentliche Diskussion und Begleitung erfordern.

    Die Disziplinen müssten miteinander ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben. Diesbezügliche Arroganz würde ebenfalls als lächerlich empfunden, könnte sich aber auch nicht mehr gut entwickeln.

    *

    Meine Gedanken erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit; ich fühle mich, als hätte ich gerade erst konkret darüber nachzudenken begonnen, und ich habe selbstverständlich keine Beweise für die daraus folgende Entwicklung einer „besseren Welt“. Aber ich glaube es, weil, wenn Dinge davon im Kleinen umgesetzt werden (spielerisches Lernen, Kunsttherapie, guter Ethik-Unterricht), man bei den Menschen direkt eine Veränderung bemerkt. Warum sollte man gute Ideen, Dinge, die für den Menschen funktionieren, nicht lostreten und in einem stetigen Prozess weiterentwickeln?

    Dass so vielen Menschen Kunst nicht nah ist (was so ist), halte ich für eine Fehlentwicklung unseres politischen und gesellschaftlichen Systems (neben vielen anderen Dingen).

    Ich führe es unter anderem auch darauf zurück:

    http://www.alphabet-film.com/ :

    „Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden. Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.“

    In der sehenswerten Diskussionsrunde https://www.youtube.com/watch?v=lk98IRFTWNs , die zum Thema hat, ob der Mensch ein Feindbild braucht, spricht Rüdiger Lenz so ab ca. Stunde 2:20:… „das ganze Spektrum von Bildung“ an. „Wir brauchen Menschen, die an sich selbst reifen […] wir brauchen Menschen, die Gestalter werden.“

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn solche Gedanken in der Gesellschaft ehrlich ernst genommen würden, das keine enormen und vor allem guten Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens hätte…

    … und eben deswegen auch auf die Kunst.

    Viele Grüße,
    Sabine

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