Gefaltete Zeit

Klickt man den Link, kommt man auf die komplette Westart live vom 29.08.2016, man kann die Themen aber auch einzeln „anwählen“.

Heute möchte ich besonders hinweisen auf

Gefaltete Welt: Der Künstler Erwin Hapke

„… das ist natürlich auch ein Teil des Zaubers, dass in jeder Figur Lebenszeit dieses Menschen noch anwesend ist und spürbar wird. […] Es ist gefaltete Zeit“, sagt Matthias Burchardt, der Neffe des verstorbenen Erwin Hapke.

Was denkt Ihr darüber, über die Arbeit, das Gesamtwerk, darüber, was an Lebenseinstellung durchschimmert, über die Akribie auch in der Katalogisierung und die Verfügung, Werk und Haus als Museum zu erhalten? Was sind Eure spontanen Gefühle und Gedanken zur „gefalteten Zeit“?

 

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart-live/video-westart-live-112.html

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Zum Beispiel: Toleranz

Zum Beispiel frage ich mich, ob ich tolerant sein sollte gegenüber Dingen, die witzig sein sollen, wenn sie beispielsweise gepaart sind mit dem Stolz (den ich nicht nachempfinde bei Zufallsdingen wie den Geburtsort) auf die „eigene“ Stadt (kürzlich sah ich einen Auto-Aufkleber „Deutscher durch Geburt und Gladbacher durch die Gnade Gottes“, alles in ‚alter‘ Schrift), tolerant sein kann gegenüber Fußballfeiern mit Nationalflaggenmeer (die Meisten wollen nur feiern und ich kein Spielverderber sein, empfinde aber derart begeisterte Nationalitätsbekundungen als ungeheuer destruktiv), tolerant sein kann gegenüber dem Kunstbetrieb (der vom Ausschluss lebt und damit den ausgesprochenen Widerspruch praktiziert dazu, wie ich Kunst gelebt wissen möchte) u. ä. Ich gebe zu, dass ich damit Schwierigkeiten habe.

Beim Kunstbetrieb habe ich bisher immer alles gelten lassen.

Er war für mich eine „Firma“, wie jede Firma mit Chefs, eigenen Regeln, manchmal nach außen willkürlichen, zumindest nicht für alle nachvollziehbaren Entscheidungen. Bewerbe ich mich in einer solchen Firma, tue ich gut daran, mich vorher ausreichend zu informieren. Zwar habe ich keinen Einfluss auf spätere Änderungen mancher Bedingungen, den Wechsel der Mitarbeiter oder Führungskräfte zum Beispiel, aber grob kann ich wissen, worauf ich mich einlasse. Die genannten Dinge sind solche, die sich relativ schnell als guter (neuer) Weg zeigen oder nicht; „Kleinigkeiten“ wie Personal – zumindest aus Sicht ganz vieler Führungsmenschen – kann man durch Entlassungen und Neueinstellungen „korrigieren“. Und auch die Führungsmenschen zählen mehrheitlich zum Personal und haben meistens noch jemanden, der hierarchisch über ihnen steht (auch wenn er meistens sitzt). Als Mitarbeiter kann ich versuchen, die Bedingungen mitzugestalten, indem ich mich mit Wort und Tat einbringe, also sind auch da Änderungen, Kurskorrekturen zumindest nicht unmöglich.

Das ganz große Leit-Motto, das, was man das Mission-Statement nennt, das, wofür eine Firma nach außen bekannt ist, ist etwas, das gemeinhin nicht so schnell geändert wird. Das wäre nicht nur für die Marke fatal, sondern es wäre aus allen möglichen Überlegungen heraus sinnlos; jeder kann sich eigene Beispiele vorstellen.

Das ist der Grund, warum ich nie irgendwelche Anstrengungen unternommen habe, im Kunstbetrieb Fuß zu fassen, aber der mich darüber hinaus jetzt die Eingangsfragen stellen lässt. Der Leitgedanke hat mir nie gefallen. Ich hätte mich ja auch nie bei Nestlé beworben, die Wasserressourcen privatisieren (http://www.facing-finance.org/de/database/cases/nestle-privatization-of-water/). Auch dieser Leitgedanke der Ausbeutung anderer Menschen hat mir nie zugesagt. Vielleicht ( 😉 ) ist es im Kunstbetrieb nicht ganz so lebensbedrohlich, die Auswirkungen nicht dramatisch, aber dass auf der Welt eine große Firma existiert, die das kreative Potenzial der Menschen ausdünnt, begradigt und verwaltet, empfinde ich als so wenig konstruktiv wie (wenn auch friedlich ausgelebter) National- oder Regionalstolz.

Warum sollte ich zum Beispiel bei den genannten Dingen tolerant sein, Dinge widerspruchslos erdulden? Denn dabei geht es bei dieser Art Erduldung, die Toleranz genannt wird: um Widerspruchslosigkeit. Schon die vorsichtige Äußerung von Kritik oder das Einfordern einer differenzierten Diskussion wirkt manchmal ja schon intolerant. Wie sinnvoll ist eine so empfundene Intoleranz, wie sinnvoll ist es, an der vermeintlichen Tugend Toleranz festzuhalten? Sollten wir nicht auch diese Begriffe, die je nach Standpunkt unterschiedlich ausgelegt werden, loslassen und lieber miteinander ins Gespräch gehen?

Rechtes Gedankengut fällt auch bei nicht rechts orientierten, bei sogenannten – und oft sehr nachvollziehbar – nur „besorgten“ Bürgern auf fruchtbaren Boden, wo Existenz- und andere Ängste nicht nur nicht gemeinsam, vernünftig, menschlich und politisch (das heißt wirksam) angegangen, sondern negiert und oft sogar befeuert werden.

Ich bin sehr dafür, dass sich Menschen, gleich welcher Nationalität, für Fairness und Mitmenschlichkeit zusammenschließen, was nichts zu tun hat mit „Gleichmacherei“, ein beliebtes, aber unhaltbares Argument der neuen Rechten.

http://www.zdf.de/ZDF/zdfportal/programdata/befc0476-9f54-36cb-bcb9-43012ec8ac62/7ddbbbc2-ff49-4799-b6ea-ff049a4f3b54?generateCanonicalUrl=true

Die „T.H.I.N.K.“-Fragen helfen auch hier. Man soll sich diese stellen, bevor man spricht; ich würde ergänzen: auch, bevor man Gedanken und Worte zu Taten werden lässt:

  1. Is it true? – Ist es wahr/wahrhaftig?
  2. Is it helpful? – Ist es hilfreich?
  3. Is it inspiring? – Inspiriert es?
  4. Is it necessary? – Ist es notwendig?
  5. Is it kind? – Ist es freundlich/human/menschlich?

Und sie sind hilfreich bezogen auf die Firmen und anderen Zusammenschlüsse und Äußerungen dieser Welt. Und wenn man nur bei einer Frage mit „nein“ antworten oder nur schon länger überlegen muss, gilt es (wenn man selbst die/der Agierende ist) noch einmal differenzierter nachzudenken, oder (wenn man etwas von anderen hört, sieht, liest oder sonstwie mitbekommt) seine Stimme einzubringen.

t_b

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Selbst-Bewusstsein und Co-Kreativität

Gerald Hüther gibt uns in diesem Gespräch eine Lehrstunde in Gewaltverzicht.

Co-Kreativität meint das Zusammenwerfen von Gefühlen und Gedanken, Fähigkeiten und Wissen frei von Arroganz und Konkurrenz zum Wohl aller.

Wer nicht die ganze Stunde investieren mag, dem empfehle ich besonders die Minuten zwischen der 33. und 37. und die Minuten nach ca. 48:40.

„Wenn wir in der Gesellschaft Co-Kreativität wollen, dann müssen wir Gemeinschaften aufbauen, in denen wir wirklich aufhören, andere als Objekte zu behandeln.“

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Malik Bendjelloul

Ich bekomme leider nicht viel mehr über ihn heraus, als der offizielle Wikipedia-Eintrag

https://de.wikipedia.org/wiki/Malik_Bendjelloul

aussagt.

Seinen im wahrsten Wortsinn ausgezeichneten Film „Searching for Sugar Man“ schaue ich in regelmäßigen Abständen an, und jedes Mal auch die Begleit-CD, auf der der verstorbene Regisseur auf mitreißende Art über das Making-of erzählt: https://www.youtube.com/watch?v=7jbDKvuwB2s (hier leider nur spanisch untertitelt und etwas schwierig zu verfolgen, wenn man kein Englisch-As ist, denn er spricht recht schnell.)

Begeisterung und Integrität brauchte auch Sixto Rodriguez, der „Sugar Man“( http://sugarman.org/), der, obwohl in seinem direkten Umfeld erfolglos, trotzdem immer am Musikmachen festgehalten hat und durch Stephen Segermans Suche und Bendjellouls Dokumentation späte Anerkennung erfuhr.

Simon Chinn, der Produzent, sagt am Anfang der Begleit-CD, dass Bendjelloul die Lektionen, den Film zu machen, von Rodriguez gelernt hätte. Er hat mehrere Jahre darauf verwendet und zwischendurch auch Zweifel gehabt, ob er „der Richtige“ für das Projekt ist. Wenn man die Geschichte des Films kennt und Malik Bendjelloul über den Bildschirm erlebt, kann man zu dem Schluss kommen, dass niemand anderes diese Geschichte erzählen konnte. Man sieht und hört wirklich selten vergleichbare Begeisterung.

Gerald Hüther sagt in einer Video-Sequenz über das Lernen von Kindern: „Es muss bedeutsam sein. Wenn das so ist, dass man nur dann was lernen kann, wenn es bedeutungsvoll ist, dann heißt das, dass es unter die Haut gehen muss.“ (https://www.youtube.com/watch?v=T5zbk7FmY_0) Ich glaube, dass auch Erwachsene so lernen und vor allem: so leben. Was für jemanden bedeutsam ist, damit befasst er sich, damit umgibt er sich und da „bleibt er dran“. Wenn jemand so ein Objekt oder Projekt hat, dann springt das Feuer der Begeisterung oft auf andere Menschen über, steckt sie im wahrsten Wortsinn an.

Ich durfte schon ein paar Menschen für diese Geschichte über Sixto Rodriguez begeistern. Vielleicht ist es meiner ständigen Auseinandersetzung mit Kreativität geschuldet, dass mich auch Malik Bendjelloul, der Filmemacher, der sich am 13. Mai 2014 im Alter von 36 Jahren das Leben nahm, mitreißt und begeistert.

 

bendjelloul

 

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Wege

weg_geradeaus

Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus, soll aber im Gegenteil diesen manchmal sogar sofort beweisen.

Das ist so wenig möglich wie die theoretisch denkbare Gegebenheit, nach einer Demo – zum Beispiel gegen die herrschende Klimapolitik – träfen die pseudoverhandelnden Politiker wieder zusammen, um den oftmals sehr vernünftigen Vorschlägen der Bürger sofort Folge zu leisten. Aber trotzdem bleibt ja die Wortmeldung, das sich-Zeigen wichtig, gerade gegen Widerstände, gerade wenn sich Wenige gegenseitig stärken müssen.

weg_brücke

Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus. Man sieht nicht oder selten, was sie mit Menschen macht. Das macht sie frei. Es gibt kein „Endziel“, das irgendjemand einmal formuliert hätte und das es zu erreichen gölte, und danach müsse es keine Kunst mehr geben. Das ist die Begründung dafür, dass in der Kunst beinahe alles erlaubt ist und lässt überdies die Schlussfolgerung zu, dass es sie immer geben wird.

weg_wasser

Einzelne können sich abwenden, sowohl auf Seiten der Rezipienten als auch auf Seiten der Erschaffer, aber grundsätzlich wird der Mensch wohl nie auf seinen freiheitlichsten Ausdruck verzichten – auf diese Art Demonstration.

Das Abwenden oder die Ausgestaltung ist jedem selbst überlassen. Ich möchte zu denen gehören, die sich Zeit ihres Lebens an der Mitgestaltung desselben und der Welt beteiligt fühlen, und dabei ist tatsächlich der Weg das Ziel, und auf meinem Weg liegt auch die Kunst. Vermutlich wird niemand an einem vorgestellten Ende „gewinnen“ im Sinne von „sich ein für alle Mal gegen andere durchsetzen“. Es wird alles immer stete Verhandlung bleiben, weil es den „guten“ Weg für alle eben nicht gibt. Aber wenn viele mitverhandeln und über „ihre“ Wege sprechen, nähert man sich vielleicht tatsächlich einmal einem Ideal für viele. Es gilt, dafür zu kämpfen, dass eben viele mitverhandeln. Auch und gerade über einen offiziellen Auftrag hinaus, denn offizielle Aufträge sind meistens an sehr viele Auflagen gebunden und schließen so viele potenzielle Gestalter aus.

weg_uneben

Kaum einer Sache tut es gut, wenn nur ein paar Wenige die Deutungshoheit haben; das gilt es überall in der Welt und in jedem Bereich zu hinterfragen. Denn meistens spielen dabei Dinge eine Hauptrolle, die mit der Sache, um die es eigentlich gehen müsste, einmal ging oder behauptet geht, nicht mehr viel zu tun haben. Eine gute Sache verkommt so unter Umständen zum Karrenzieher für Machtausübung, Prestige-Jagd und ähnliches. Dem gilt es zu begegnen. Immer wieder. Mit möglichst vielen, jedeR auf seinem eigenen Weg.

weg_kurve

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