„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

*

aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

*

http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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