„Life is a Cabaret, old chum…“

Ich erinnere mich so gut an meine Großeltern, als wären sie noch da, und als hätte ich erst am vergangenen Wochenende mit ihnen erzählt. Mit allen Vieren verbinde ich unterschiedliche Dinge, und mit meiner Oma väterlicherseits eben auch das Gucken alter Filme, als ich Kind war. Obwohl sie auch Neues, besonders Spannendes gern ansah, liebte sie diese Filme und schwärmte im Alter noch von Lilian Harvey, Willy Fritsch und Zarah Leander. 45, gar 50 Jahre lagen zwischen Drehzeit und (unserer) Guckzeit, und wo ich als Kind nur wahrnahm, dass das Filmmaterial vergilbt und Technik und Mode veraltet waren, muss es für meine Oma in jeder Hinsicht der pure Nostalgiegenuss gewesen sein. So, wie ich heute vielleicht „E. T.“ oder „Zurück in die Zukunft“ anschaue.

Als älteres Kind wurde mir zunehmend die Diskrepanz zwischen meiner damaligen Jetzt-Zeit und der Zeit dieser Filme bewusst; die Darsteller – besonders Lilian Harvey – verhielten sich irgendwie merkwürdig… kindisch… gefühlt selbst für damals unzeitgemäß und altmodisch. In der Schule lernte ich dann einiges über die Zeit des Nationalsozialismus, wie seine Propaganda funktionierte und dass selbstverständlich auch die Unterhaltungsindustrie alles andere als unschuldig gewesen war. Und Gleichberechtigung steckte noch in Kleinkindschuhen.

Meine Oma hat die kriegsfreie Zeit, später besonders mit uns Enkeln, sehr genossen; sie war eine dankbare Person. Und sicher hat sie bei aller Nostalgie jeglichen Unterschied der Zeiten zwischen den 30er und den 80er Jahren sehr bewusst wahrgenommen. Aktuell fühlten sich die alten Filme nicht für sie an.

Vor ein paar Tagen zeigte 3sat „Cabaret“, den amerikanischen Film nach dem gleichnamigen Broadway-Musical aus 1972. Ich kannte bislang nur Ausschnitte und hatte Lust, ihn anzusehen. Mir kam es so vor, als betrachte ich einen Film im Film, denn die Handlung spielt in Berlin 1931. Ich nahm nicht nur das Ende 20er/Anfang 30er-Jahre-Flair wahr, sondern auch die Filmtechnik der 70er.

Was mich jedoch erstaunte und zunehmend erschreckte war, dass ich den Film als nicht unmodern empfand. Menschliche Traurigkeit, menschliches sich-vergnügen-Wollen, menschliches hin- und hergerissen-Sein zwischen Verantwortungen, Wünschen, Pflichten, Charakter und Haltung – es ändern sich, obwohl wir die Unterschiede zwischen den Jahrzehnten als groß empfinden, oft nur die Kulissen. Und da ist das Vorrücken der Nazis… im Film blickt eine anscheinend homogen hedonistische Gesellschaft teils ungläubig, teils teilnahmslos, teils unterschätzend auf die Ereignisse… wie heute?

Trotz der beachtlichen Leistung in Darstellung und Kameraführung [bleibt der Film] über weite Strecken unverbindlich und oberflächlich, da die Handlung neben den brillant choreografierten und vorgetragenen Cabaret-Nummern zu verblassen droht

schreibt das Lexikon des Internationalen Films. Ich glaube, dass das genau so gewollt war. Das Fürchterliche, die Bedrohung sind, obwohl eindeutige Szenen der beginnenden Schreckensherrschaft gezeigt werden, für die Meisten wohl noch nicht deutlich genug spürbar… noch zu verwaschen… nicht deutlich zu erkennen…

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Film-Bild, Sekunden vor dem Abspann:

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Selbstkritik und Energie

Als Feedback zu http://stefanbeck.de/das-seminar/ vom 10.02.2017

Zu Deinen Gedanken zu Clement Greenberg u. a.

 

Selbstkritik und Energie

 

Lieber Stefan,

Du willst Dich als Künstler im „Prozess der Selbstkritik“ üben, und ich frage mich: wie geht das praktisch? Womit findet dann Vergleich statt? Und wenn man etwas oder jemanden findet, um im gegeneinander-Abwägen so einen wertenden Vergleich zu starten: wer legt die Kriterien fest? Man selbst? Der andere? Irgendjemand? Wer oder was ist die Instanz, der Maßstab? Und wenn ich „Selbstkritik“ so landläufig denke wie bisher: ich nehme irgendein anderes Verhalten/Vorgehen als das möglicherweise „richtigere“ an und hinterfrage mich dahingehend: warum nehme ich dann – auf die Kunst bezogen – das „andere“ als das „richtigere“ an?

Oder ist solches Empfinden nicht nur eine „normale“ Weiterentwicklung, ob auf dem Weg der Kunst oder einem anderen? Man wird beeinflusst und nimmt Dinge an oder nicht, entwickelt sich also von einem bestimmten Punkt x weg? Will sagen: wenn jemand annimmt, dass die Kunst für ihn oder sie an einen Endpunkt gelangt ist, was veranlasst ihn oder sie dann, es für alle Menschen als objektive Erkenntnis anzusehen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die eine andere Entwicklung durchmachen und es deswegen anders sehen (und eben nicht heillos „romantische“, sondern kritische, selbstbewusste, differenziert denkende Personen sind)?

Wenn Du sagst, dass Du die Kunst beinahe in Richtung Aufhebung gehen siehst oder gehen wollen siehst… kommt es mir so vor, als wolltest Du einen Riesensprung über jede (doch zumindest) mögliche Entwicklung* der Kunst machen zu einem Punkt, den Du (subjektiv, persönlich) schon jetzt als gekommen siehst (und damit auch vorwegnimmst, dass er kommen wird). Ich denke, dass das sogar geht, aber eher auf der persönlichen Ebene, gleich einer Philosophie, einer Lebens- oder eben Kunstphilosophie, wirklich ähnlich der Einstellung zu beispielsweise Religiosität. Wenn es authentisch empfunden ist, beeinflusst diese Einstellung ja einfach alles, und ich verstehe Dich insofern sogar. Nur – wie immer – habe ich Schwierigkeiten mit dem Überstülpen einer Einstellung auf auch nur eine andere Person, die es aus ihrer Entwicklung heraus ganz anders sieht. Ich lese gerade „So viel Energie“ von Hanna Gagel quer. Darin geht es um „Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“, so auch der Untertitel. Was da an persönlichem Hadern, sich-Quälen abging in so manchem Leben, das Hin und Her des „Was bringt es?“, „Genüge ich?“ usw. usf. – wolltest Du auch nur einer von ihnen sagen, dass es mit der Kunst, wie wir sie bisher kannten oder begriffen haben, sowieso aus ist, sie sich also nicht weiter quälen braucht? Dabei ist doch genau dieses Ringen „das Äußerste versuchen“!

Nun kann man argumentieren, dass die portraitierten Ladies alle alten Semesters wenn nicht schon verstorben sind, aber es gibt immer wieder Nachwuchs für die Kunst. Und das auch im Kunstbetrieb, auf dem Gebiet der Marktkunst, was damit dem Argument begegnet, Kunstlaien und schaffende Hobby-Künstler sähen das vielleicht so, „aber…“

Was Dir fehlt, wenn ich Dich richtig verstehe, ist Minimalismus bis hin zur „Reinigung“ hin zur Tilgung, und das auf allen Gebieten der Kunst.

Wikipedia: „Minimalismus strebt nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Typisch für Skulpturen und Objekte des Minimalismus ist das Reduzieren auf einfache und übersichtliche, meist geometrische Grundstrukturen […]“

Bei Adorno habe ich (denke ich/hoffe ich!) begriffen, dass er forderte, die Kunst/das Kunstwerk möge sich bitte vom Erschaffer emanzipieren, ein für sich selbst sprechendes Ding werden/sein. Entpersönlichung in Reinform, aber eben dann doch auch Entmenschlichung! Künstlerkollege Peter Busch (http://www.aus-der-waldhuette.de/), der minimalistisch arbeitet und den ich schätze, ist doch nicht beliebig austauschbar durch jeden Menschen, der auch minimalistisch arbeitet; es spielt doch eine Rolle, dass da der Mensch Peter Busch arbeitet! Und wenn da Menschen arbeiten in der Kunst, dann gibt es sehr legitim so lange alles, was Menschen eben für notwendig halten bei der Kunstarbeit.

Wikipedia: „Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft.“

Zitat Herbert Schnädelbach: „Die Philosophie ist ein Plural; ihre innere Pluralität ist ihre Stärke. Ein Grund hierfür liegt in dem Doppelcharakter, mit dem sie im Abendland entstand – als Wissenschaft und Aufklärung. Welterkenntnis und Selbstdeutung, objektive Theoriebildung und subjektive Orientierung – das Erbe von Aristoteles und Sokrates – sind in unserer Tradition immer wieder neue Konstellationen eingegangen. Auch darum müssen wir heute Aufklärungsbedarfe immer zugleich an die Wissenschaften verweisen – hier wird m. E. über die Differenz zwischen Philosophie und Pseudophilosophie entschieden – wie wir umgekehrt in den Wissenschaften Aufklärungsprozesse anzumahnen und zu ermuntern haben. Aber auch der Sache nach ist die Philosophie ein Plural, wenn wir sie als Inbegriff gedanklicher Orientierungsversuche im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns verstehen. […] Hierbei werden wir uns der verschiedensten Hilfsmittel bedienen – nicht nur was uns die historisch-hermeneutische Wissenschaftlichkeit an die Hand gibt; Monopole sind auch in der Philosophie kontraproduktiv. So vielfältig und vielgestaltig die Erwartungen sind, die an uns herangetragen werden, so phantasievoll und flexibel müssen wir sein, wenn es darum geht, ob wir sie verantwortlich erfüllen oder sie enttäuschen.“

Ich mag disziplinübergreifendes Denken, weil es vor Fachidiotie bewahrt, Dialog fördert und sich mit der „Alltagstauglichkeit“ der Dinge beschäftigt, wenn man so will. Und auch, wenn Philosophie und Kunst nicht direkt vergleichbar sind: kann man nicht auch die Kunst als einen Plural denken…?

Viele Grüße,

Sabine

 

* Ich glaube nicht an eine Entwicklung „der“ Kunst, weil ich zum Beispiel ja auch nicht an einen Gewinn durch „Entpersönlichung“ glaube. Oder, um dem Vorwurf zu entgehen, dass alles eine „Glaubenssache“ sei: ich halte eine Entwicklung in der Kunst für nicht in dem Sinne vorhanden, wie es gelehrt wird, sondern bin der Ansicht, dass man nur in der Rückschau einen „roten Faden“ zu sehen meint. Du hast selbst (mindestens ein Mal, an das ich mich erinnere) beklagt, worauf im Studium mittlerweile Wert gelegt wird, und die Anpassung der Studenten an die aktuelle „Mode“, an das, was „läuft“, spielt eine Rolle bei dieser später in der Rückschau gesehenen angeblichen Weiterentwicklung. Ich halte das also nicht für authentisch. An eine persönliche Weiterentwicklung glaube ich unbedingt, aber wiederum nicht in dem Sinne, dass das dann unbedingt für einen Betrachter sichtbar wäre; ich verweise immer gern auf die Anekdote, wo jemand die Weiterentwicklung eines Künstlers x lobt, aber die Kunstwerke, die das belegen sollen, auf der Zeitachse vertauscht…

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Denis Scheck und ich über John Irvings „Straße der Wunder“

„… der traurige Fall eines Schriftstellers, der stark begann […] um dann Buch um Buch immer schwächer zu werden.“

„… dieses allzu langen Romans… es ist nicht mehr als die Asche einer längst vergangenen Glut.“

Seiner Ansicht kann Denis Scheck gerne sein, nur: mich ‚stört‘ nicht nur das gemeinte Buch nicht, mich stört diese Art Kritik! Schecks markige Worte sind inhaltsleer – im Gegensatz zu Irvings Geschichten. Die Personen sind – auch in „Straße der Wunder“ – Beispiele von „echten“ Menschen, die fehlen, glauben, hoffen, leiden und lieben und die – wie ebenfalls immer bei Irving – nicht schwarz/weiß gezeichnet sind. Anhand ihres erfundenen, aber selbst in größter Skurrilität glaubwürdigen Schicksals verpackt der Autor treffende, feine Kritik an der katholischen Kirche, gesellschaftlichen Missständen und politisch festgezurrten Unmenschlichkeiten. Und selbst, wenn man keine Sympathie für die Charaktere empfindet, ist man wie bei den Vorgängerromanen von den Personen eingenommen; man nimmt Anteil an deren Leben, will wissen, wie es für sie weitergeht. Aber mindestens eine/n findet man immer auch persönlich nett.

Selbst wenn Denis Scheck gespoilert hat, was das genaue Schicksal der kleinen Lupe angeht, und ich noch nicht an dieser Stelle bin, lese ich trotzdem gerne weiter. SEHR gerne!

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http://www.ardmediathek.de/tv/WESTART-Live/Der-Scheck-ist-da/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=35007896&documentId=35681780

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Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet.“

(Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘)

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Ein spannendes Menschenbild

http://www.deutschlandradiokultur.de/dokumentarfilmer-andres-veiel-ueber-joseph-beuys-was-ich.2168.de.html?dram%3Aarticle_id=378989

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„Beuys ist nicht von einem abstrakten Politiksystem ausgegangen, sondern er ist vom Menschen selber ausgegangen. Er hatte die These ‚Jeder Mensch ist ein Künstler‘, das heißt, jeder Mensch ist durch seine Fähigkeiten befähigt, Gesellschaft mitzugestalten. Diese Unterstellung ist ja erstmal ein sehr spannendes Menschenbild, weil es heißt: Wir müssen politische Verantwortung nicht delegieren, sondern wir können sie selbst erstmal wahrnehmen, indem wir uns mit Politik beschäftigen und dann auch eingreifen.“ Andres Veiel

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier, DIN A 5

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Alfred Schroeders in der Stadtteilbibliothek Rheydt

http://www.focus.de/regional/moenchengladbach/moenchengladbach-landschaften-und-portraits-bibliothek-rheydt-zeigt-arbeiten-von-alfred-schroeders_id_6581686.html

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Beim Dienst in der Zweigstelle sprangen mich die Portrait-Arbeiten Alfred Schroeders geradezu an; selten sah ich derart intensive gemalte Gesichter in der letzten Zeit. Ein Besuch lohnt sich!

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Die Dinge der Welt

Der Philosoph Richard David Precht hat in der Ausgabe der ‚Westart live‘ vom 6. Februar etwas für mich Interessantes gesagt:

nicht nur das doch Altbekannte, dass Krisen immer Hochzeiten für Philosophie sind, sowohl in der Welt als auch in jedem einzelnen unserer Leben spürbar,

nicht nur, dass er die „Aufgabe“ der Philosophie darin sieht, Menschen zu „befähigen, intelligent über sich selbst und über die Zeit, in der sie leben, nachzudenken“;

was mich am meisten ansprach, weil ich es so sehr nachvollziehe, war sein Bedauern, dass Philosophie zu einem „Fach“ geworden sei und erst die Befreiung aus diesem Fach ihre Einflussmöglichkeiten wiederbrächte.

Wer mich in den letzten Jahren oder auch nur der letzten Zeit etwas verfolgt hat, konnte sehen/hören/lesen, dass ein Thema immer wieder aufkommt: mein Bedauern darüber, dass Kunst zu einem Fach, einem Studienfach geworden ist. Das hatte zur Folge, dass uns Menschen der unverstellte Blick verloren ging, die Fähigkeit, es als „normal“ anzusehen, sich über Kunst auszudrücken, mit ihrer Hilfe zu kommunizieren. Und nicht nur Jegliches als Ausdruck zu erlauben, sondern auch JeglichEM, jedem Menschen seinen individuellen Ausdruck zu erlauben.

Ich finde, Kunst und Philosophie sind sich sehr nah. Künstlerischer Ausdruck – das heißt meistens Ausdruck ohne einen besonderen oder sofort erkennbaren Nutzen – trägt meist viel Philosophisches in sich; zumindest steckt die Philosophie des jeweiligen Erschaffers darin, ob erkannt oder verkannt oder gänzlich unverstanden.

Und beides muss sich oft fragen lassen, ob es überhaupt wichtig oder zumindest von irgendeinem Belang wäre, da allzu oft nach der Effizienz und Profitmöglichkeit der Dinge gefragt wird, anstatt die Möglichkeit einer Wirkung, irgendeiner Wirkung, zuzulassen. Wir sind nicht (mehr?) gewohnt, erst einmal wertfrei hinzuhören, hinzusehen. Und da hat es die Philosophie wohl noch schwerer als die Kunst, der man doch einiges durchgehen lässt…

In der Kunst gibt es eine Kardinalfrage, die jeden, wirklich jeden Menschen einschließt, ob „vom Fach“ oder nicht; sie lautet: was hat es mit dir zu tun? Ich finde es hilfreich, sich die Frage öfter zu stellen, unabhängig einer „Fachrichtung“: was haben die Dinge der Welt mit dir zu tun?

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