Selbstkritik und Energie

Als Feedback zu http://stefanbeck.de/das-seminar/ vom 10.02.2017

Zu Deinen Gedanken zu Clement Greenberg u. a.

 

Selbstkritik und Energie

 

Lieber Stefan,

Du willst Dich als Künstler im „Prozess der Selbstkritik“ üben, und ich frage mich: wie geht das praktisch? Womit findet dann Vergleich statt? Und wenn man etwas oder jemanden findet, um im gegeneinander-Abwägen so einen wertenden Vergleich zu starten: wer legt die Kriterien fest? Man selbst? Der andere? Irgendjemand? Wer oder was ist die Instanz, der Maßstab? Und wenn ich „Selbstkritik“ so landläufig denke wie bisher: ich nehme irgendein anderes Verhalten/Vorgehen als das möglicherweise „richtigere“ an und hinterfrage mich dahingehend: warum nehme ich dann – auf die Kunst bezogen – das „andere“ als das „richtigere“ an?

Oder ist solches Empfinden nicht nur eine „normale“ Weiterentwicklung, ob auf dem Weg der Kunst oder einem anderen? Man wird beeinflusst und nimmt Dinge an oder nicht, entwickelt sich also von einem bestimmten Punkt x weg? Will sagen: wenn jemand annimmt, dass die Kunst für ihn oder sie an einen Endpunkt gelangt ist, was veranlasst ihn oder sie dann, es für alle Menschen als objektive Erkenntnis anzusehen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die eine andere Entwicklung durchmachen und es deswegen anders sehen (und eben nicht heillos „romantische“, sondern kritische, selbstbewusste, differenziert denkende Personen sind)?

Wenn Du sagst, dass Du die Kunst beinahe in Richtung Aufhebung gehen siehst oder gehen wollen siehst… kommt es mir so vor, als wolltest Du einen Riesensprung über jede (doch zumindest) mögliche Entwicklung* der Kunst machen zu einem Punkt, den Du (subjektiv, persönlich) schon jetzt als gekommen siehst (und damit auch vorwegnimmst, dass er kommen wird). Ich denke, dass das sogar geht, aber eher auf der persönlichen Ebene, gleich einer Philosophie, einer Lebens- oder eben Kunstphilosophie, wirklich ähnlich der Einstellung zu beispielsweise Religiosität. Wenn es authentisch empfunden ist, beeinflusst diese Einstellung ja einfach alles, und ich verstehe Dich insofern sogar. Nur – wie immer – habe ich Schwierigkeiten mit dem Überstülpen einer Einstellung auf auch nur eine andere Person, die es aus ihrer Entwicklung heraus ganz anders sieht. Ich lese gerade „So viel Energie“ von Hanna Gagel quer. Darin geht es um „Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“, so auch der Untertitel. Was da an persönlichem Hadern, sich-Quälen abging in so manchem Leben, das Hin und Her des „Was bringt es?“, „Genüge ich?“ usw. usf. – wolltest Du auch nur einer von ihnen sagen, dass es mit der Kunst, wie wir sie bisher kannten oder begriffen haben, sowieso aus ist, sie sich also nicht weiter quälen braucht? Dabei ist doch genau dieses Ringen „das Äußerste versuchen“!

Nun kann man argumentieren, dass die portraitierten Ladies alle alten Semesters wenn nicht schon verstorben sind, aber es gibt immer wieder Nachwuchs für die Kunst. Und das auch im Kunstbetrieb, auf dem Gebiet der Marktkunst, was damit dem Argument begegnet, Kunstlaien und schaffende Hobby-Künstler sähen das vielleicht so, „aber…“

Was Dir fehlt, wenn ich Dich richtig verstehe, ist Minimalismus bis hin zur „Reinigung“ hin zur Tilgung, und das auf allen Gebieten der Kunst.

Wikipedia: „Minimalismus strebt nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Typisch für Skulpturen und Objekte des Minimalismus ist das Reduzieren auf einfache und übersichtliche, meist geometrische Grundstrukturen […]“

Bei Adorno habe ich (denke ich/hoffe ich!) begriffen, dass er forderte, die Kunst/das Kunstwerk möge sich bitte vom Erschaffer emanzipieren, ein für sich selbst sprechendes Ding werden/sein. Entpersönlichung in Reinform, aber eben dann doch auch Entmenschlichung! Künstlerkollege Peter Busch (http://www.aus-der-waldhuette.de/), der minimalistisch arbeitet und den ich schätze, ist doch nicht beliebig austauschbar durch jeden Menschen, der auch minimalistisch arbeitet; es spielt doch eine Rolle, dass da der Mensch Peter Busch arbeitet! Und wenn da Menschen arbeiten in der Kunst, dann gibt es sehr legitim so lange alles, was Menschen eben für notwendig halten bei der Kunstarbeit.

Wikipedia: „Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft.“

Zitat Herbert Schnädelbach: „Die Philosophie ist ein Plural; ihre innere Pluralität ist ihre Stärke. Ein Grund hierfür liegt in dem Doppelcharakter, mit dem sie im Abendland entstand – als Wissenschaft und Aufklärung. Welterkenntnis und Selbstdeutung, objektive Theoriebildung und subjektive Orientierung – das Erbe von Aristoteles und Sokrates – sind in unserer Tradition immer wieder neue Konstellationen eingegangen. Auch darum müssen wir heute Aufklärungsbedarfe immer zugleich an die Wissenschaften verweisen – hier wird m. E. über die Differenz zwischen Philosophie und Pseudophilosophie entschieden – wie wir umgekehrt in den Wissenschaften Aufklärungsprozesse anzumahnen und zu ermuntern haben. Aber auch der Sache nach ist die Philosophie ein Plural, wenn wir sie als Inbegriff gedanklicher Orientierungsversuche im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns verstehen. […] Hierbei werden wir uns der verschiedensten Hilfsmittel bedienen – nicht nur was uns die historisch-hermeneutische Wissenschaftlichkeit an die Hand gibt; Monopole sind auch in der Philosophie kontraproduktiv. So vielfältig und vielgestaltig die Erwartungen sind, die an uns herangetragen werden, so phantasievoll und flexibel müssen wir sein, wenn es darum geht, ob wir sie verantwortlich erfüllen oder sie enttäuschen.“

Ich mag disziplinübergreifendes Denken, weil es vor Fachidiotie bewahrt, Dialog fördert und sich mit der „Alltagstauglichkeit“ der Dinge beschäftigt, wenn man so will. Und auch, wenn Philosophie und Kunst nicht direkt vergleichbar sind: kann man nicht auch die Kunst als einen Plural denken…?

Viele Grüße,

Sabine

 

* Ich glaube nicht an eine Entwicklung „der“ Kunst, weil ich zum Beispiel ja auch nicht an einen Gewinn durch „Entpersönlichung“ glaube. Oder, um dem Vorwurf zu entgehen, dass alles eine „Glaubenssache“ sei: ich halte eine Entwicklung in der Kunst für nicht in dem Sinne vorhanden, wie es gelehrt wird, sondern bin der Ansicht, dass man nur in der Rückschau einen „roten Faden“ zu sehen meint. Du hast selbst (mindestens ein Mal, an das ich mich erinnere) beklagt, worauf im Studium mittlerweile Wert gelegt wird, und die Anpassung der Studenten an die aktuelle „Mode“, an das, was „läuft“, spielt eine Rolle bei dieser später in der Rückschau gesehenen angeblichen Weiterentwicklung. Ich halte das also nicht für authentisch. An eine persönliche Weiterentwicklung glaube ich unbedingt, aber wiederum nicht in dem Sinne, dass das dann unbedingt für einen Betrachter sichtbar wäre; ich verweise immer gern auf die Anekdote, wo jemand die Weiterentwicklung eines Künstlers x lobt, aber die Kunstwerke, die das belegen sollen, auf der Zeitachse vertauscht…

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3 Gedanken zu “Selbstkritik und Energie

  1. Liebe Sabine,

    das freut mich, dass Du meine Themen und Gedanken aufgreifst. Ich will vorweg sagen, daß ich mich zu Teilen auf Clement Greenberg bezogen habe, der seine eigene, historisch bedingte Sicht auf Kunst hatte. (Das ist ja nun gut 60 Jahre her.) Es ist tatsächlich zu fragen, ob er heute noch Bestand haben kann.

    Wenn ich von Selbstkritik sprach, dann meinte ich zuerst, dass ich mich kritisiere, bevor es andere tun. Dass ich meine Glaubwürdigkeit als Künstler, so lange ich lebe, nicht anderen überlassen möchte. Das ist ja nicht selbstverständlich.

    Und in der Tat ist es eine berechtigte Frage, welchen Maßstab, welche Kriterien ich anlege. Ich bin dabei in der Regel, rein formal, so vorgegangen, dass ich mich gefragt habe, welches Problem meine gegenwärtige Absicht aufwirft und, ob in der Geschichte der Kunst dieses Problem schon behandelt wurde. (Falls an dieser Stelle schon die Frage auftreten sollte, was ein ‚Problem‘ ist, so haben mir die Schriften von Daniel Buren geholfen, der zB. am Beispiel Cezanne darstellt, was die Flächigkeit der Malerei bedeuten kann.) Wenn das Problem schon positiv behandelt wurde, dann kann ich es entweder für meine eigene Arbeit übernehmen, – wenn dabei etwas Neues entsteht, oder ich halte es für erschöpft und daher nicht weiter verwendbar. Wenn das Problem noch nie abgehandelt wurde, dann muss ich mich in anderen Disziplinen umsehen, ob dort vielleicht in Abwandelung Ähnliches versucht wurde.

    Objektivität, als die Anwendbarkeit auf andere Felder, scheint mir in der Kunst dann gegeben zu sein, wenn schon in der Geschichte eine bestimmte Anzahl von Beispielen existiert, die erprobt wurden und Anklang fanden. Und hier kommen wir zu Greenberg, der glaubte, dass in der Kunst zwischen 1860 und 1940 die vorherrschende Methode, die der Reduktion war. Es glaubte, dass Kunst zB sich von allem befreien sollte, was in anderen Disziplinen in reinerer Form enthalten sei. Kunstwerke sollte nichts erzählen, weil die Literatur besser erzählen könne, Kunstwerke sollten nichts abbilden, weil das die Foto besser könne usf. Allerdings wissen wir heute, dass die Entwicklung der Kunst schon in der Zeit von Greenberg von dieser Idee abgewichen ist. Schon die Pop Art hat wieder auf Abbildhaftigkeit gesetzt.

    Entwicklung in der Kunst ist daher, nach Greenberg, problematisch, wenn man darunter eine lineare Entwicklung versteht. Greenberg dachte wohl so, sah aber mit Schrecken, dass es nach leeren Leinwänden auch leere Galerien (das kam in den 1970ern) und danach überhaupt keine Kunst mehr geben würde. Er fand darauf keine Antwort.

    Wir sehen heute, dass es zur Entwicklung der Kunst gehörte, den Gedanken der linearen Entwicklung aufzugeben. Lingner hat das unter dem Begriff der Postautonomie abgehandelt.

    Ich würde so sagen, dass es heute zur Entwicklung der Kunst gehört, weiterhin Probleme abzuarbeiten. Nicht mehr solche, wie zu Greenbergs Zeiten, die sich geradlinig aus der Vergangenheit herleiten. Sondern solche, die sich aus ganz vielfältigen Zusammenhängen ergeben. Pluralität, der Begriff von Schnädelbach, könnte dafür ein durchaus angemessener Ausdruck sein.

    Herzliche Grüße
    Stefan

  2. … verstehe ich es richtig, dass sich Deine Selbstkritik dann im Grunde auf die Vorbereitung bezieht, auf die Vorbereitungszeit einer Arbeit, und, wenn Du sie dann umsetzt, sie nicht mehr greift/nötig ist?
    Denn das teile ich selbstverständlich und hundertprozentig! Ich hab‘ das für mich bislang ‚prüfen‘ oder ‚Prüfung‘ genannt. Die Prüfung, ob Gedanken und Umsetzung für mein Dafürhalten tragfähig sind.

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