Offenheit – Freiheit

Gestern ging die Blogparade des Archäologischen Museums Hamburg, #kultblick, zuende; mein Beitrag dazu erschien hier am 3. Oktober.

Anke von Heyl gab mir in einem Kommentar eine NachDenkSteilvorlage:

„Ich frage mich auch, ob es einen Unterschied zwischen Freiheit und Offenheit gibt? Ich denke, dass der Kreis immer weiter gezogen werden kann.“

In mir arbeitete es sofort! Immer weiter gezogener Kreis… ja, aber weil Freiheit und Offenheit für mich nicht identisch sind, sah ich sie in eigenen Kreisen, die, jeder für sich weiter gezogen, eine Schnittmenge irgendwann unvermeidlich machen, unvermeidlich im besten Sinne.

Wenn ich Offenheit als großes Interesse in alle möglichen Richtungen begreife und Freiheit als Zustand, „ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können“ (Wikipedia), dann bedingt Freiheit Offenheit. Ohne Offenheit sieht man die Möglichkeiten nicht, aus denen man wählen, für die man sich entscheiden kann.

Daraus folgt für mich: wenn uns die Freiheit etwas, vielleicht sogar viel wert ist, müssen wir Offenheit trainieren, Interesse wach halten.

Wenn wir möchten, dass die Kunst frei ist und bleibt, dürfen wir ihr nicht die Möglichkeiten nehmen, in denen sie Ausdruck findet. Das heißt, dass wir ihr möglichst keinen Menschen weg nehmen, der sich ihrer bedient.

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Die mögliche Verbindung zum individuellen Wesentlichen

https://www.taz.de/!5396305/

Zitat aus dem Interview: „Wenn sich ein Werk auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezieht, muss man erstens Malewitsch kennen und zweitens wissen, dass er sich auf Ikonenmalerei bezieht. Man muss drei Ebenen erklären. Wir überlegen gerade, wie wir das geknackt kriegen. Im Idealfall hätte man den Multimedia-Guide für jedes Exponat. Das ist ein kostspieliges, langfristiges Ziel.“

Dazu Anke von Heyl am 12. April auf ihrer facebook-Seite:

„Sehr spannendes Interview mit dem Chef der Hamburger Kunsthalle. Ich wage mal die These, dass ein Multimedia-Guide nicht zwingend die Lösung für das Vermitteln äußerst komplexer Zusammenhänge sein muss. Die Frage ist, ob man als Vermittlungsziel das Wissen um alle historischen Bezüge in den Vordergrund stellen sollte.“

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Inspiriert durch Anke von Heyls Beitrag auf ihrer facebook-Seite und das dortige gute Gespräch dazu, aus dem ich hier nichts wiederholen möchte, steige ich gleich steil ein: Wenn Kunst für alle Menschen ist – wovon ich ja ausgehe – kann Kunstvermittlung dann überhaupt zielgerichtet funktionieren, wenn das Ziel ständig umdefiniert werden muss nach Gruppe und Einzelperson, Alter, Wissensstand, kultureller Herkunft, Interesse (Stichwort „Schülergruppen“) …?

Ist der geringste Anspruch dann der, dass der Mensch, dem vermittelt werden soll, überhaupt erst mal bleibt und weiter zusieht und zuhört, und liegt die Kür dann darin, einem best-vorgebildeten, wissensdurstigen, kunstinteressierten Menschen, der alle Zitate versteht, noch mehr Wissen zu geben in einem „Fach“, das in seinen Inhalten keine allgemein menschliche Objektivität hat, sondern die bestimmt werden durch die jeweiligen Machthaber der einzelnen Kunst-Bereiche und Institutionen, ungeachtet der vielen Einflüsse und Eindrücke drumherum? Ungeachtet der Tatsache, dass das, was innerhalb des Kunstbetriebes, -marktes, -kanons entsteht, für „Kunst“ befunden wird und in diesem Begriff verbleiben darf, immer auch außerhalb gedacht und gearbeitet werden kann und, setzt man dieses voraus, dann sicher auch wird?

Vielleicht liegt der Gewinn von „Vermittlung“ ja gar nicht im (ohnehin überschätzten) „Verständnis“ für eine künstlerische Arbeit. Vielleicht liegt der Gewinn schlicht darin, Menschen, denen das fremd ist zu zeigen, dass Menschen sich über Kunst ausdrücken und das genau so „normal“ ist wie der Ausdruck über jede andere Sprache. Vielleicht bringen Gespräche auf den unterschiedlich möglichen Niveaus, vielleicht bringen die Fragen der Menschen auf den unterschiedlich möglichen Niveaus die – ich glaube, ebenfalls allen – mögliche Verbindung zu ihrem individuellen Wesentlichen.

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KunstvermittlerInnen leisten gute Arbeit – innerhalb des Systems.

Ich komme immer wieder dazu, mich zu fragen, ob ich in der Ansicht und in der Diskussion radikaler sein muss, was mir total widerstrebt.

Kann ich gleichzeitig sagen:

o.k., das ist der Kunstbetrieb, der so funktioniert, wie er eben funktioniert, mit all seinen Kreativschätzen und dem Bemühen um deren Vermittlung, aber eben auch mit den negativen Auswirkungen: Ausschluss Vieler im Erschaffen und Rezipieren (auch wider alle Vermittlungsversuche), Entwicklung krimineller Energien (Stichworte „Handel“ und „Fälschung“) usw. (die Liste ist beliebig verlängerbar)

und

ich wünsche mir ein co-kreatives Herangehen an Kunst, und zwar an jegliche Kreativarbeit eines jeglichen Menschen?

Passt das? Geht das? Und wenn ja: wie geht das?

Oder geht das einfach nicht zusammen, weil ein co-kreatives Herangehen an jegliches Thema Bewertung verbietet, Belehrung verbietet, und „Lehre“ und „Lernen“ da einfach anders funktionieren…?

Ich habe immer gesagt: die Arbeiten, die heute offiziell zu „Kunst“ zählen, und die wir alle schätzen und bewundern, gehen doch nicht verloren, und sie entstehen auch weiterhin neu.

Aber was ist, wenn wir uns das neu-Entstehen unter anderen, unter co-kreativen Vorzeichen vorstellen? Wie funktioniert dann zum Beispiel Aufmerksamkeit ohne geförderte Bewerbung, wie funktioniert dann überhaupt Förderung – gibt es sie dann überhaupt noch? Muss es sie dann noch geben? Wenn Kunst überall und frei auftreten kann, ohne in den Kontexten gefangen zu sein, in denen wir sie erwarten: Museen, Auftritte, Vernissagen, Midissagen, Finissagen, Konzerte, Ausstellungen, … wie stehen wir dann zum kreativen Ausdruck von Menschen? Wie wird dann geplant, wie wird dann bezahlt (Hallennutzung, Museumsunterhaltung, Technik, Strom, Personal, …)? Wie werden die Kreativen entlohnt? Werden sie entlohnt, oder kann man sich „Bezahlung“ für eine „Leistung“ auch ganz anders vorstellen, auch jenseits von Tauschhandel? Was passiert mit hochpreisigen Umsetzungen von Kunst? Denken Künstler durch etwaige Beschränkung (die ja andererseits durchaus vernünftig sein kann) anders, ohne ihre Idee verraten zu müssen?

Was wäre, wenn „Kunst“ ein „ganz normaler“ zusätzlicher Ausdruck der Menschen wäre?

Vielleicht unterstützte es sie ja im Finden ihres individuellen Wesentlichen, das, wie ich es empfinde, ein wichtiger Beitrag für inneren und äußeren Frieden ist.

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Jede Welt

In Bezug auf Anke von Heyls dankenswerten Blog-Beitrag

http://www.kulturtussi.de/gemeinsam-kunst-geniessen-museumsprogramme-fuer-menschen-mit-demenz-teil-1/

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Tanja Praske schreibt dazu in den Kommentaren:

[…]

Gerade das Museum als sozialer Mediakit für die Gesellschaft, für ihre positiven wie negativen Facetten, finde ich sehr wichtig! Hier können Museen viel bewirken. Nur müssen ihnen dazu auch die Mittel zur Hand gegeben werden, in Form von Weiterbildung, Geld, Personal, aber auch, und das finde ich elementar, die Möglichkeit sowie den Willen die eigene Rolle in der Gesellschaft zu überdenken. Sammeln, bewahren, erforschen ist eine wichtige Facette, die andere ist für mich der Bezug zu den Menschen, zu der Gesellschaft, für die Museen integrativ wirken können.

Gesellschaftspolitische Unterstützung ist gefordert, aber auch das Umdenken des Museums mehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Das hat dann für mich nichts mit einer Verflachung des Niveaus à la Banalisierungsdiskurs zu tun, sondern mit der gelebten Aufwertung von Kunst und Kultur als wichtigen, integrativen und ethisch bildenden, ernst gemeinten Austausch. Wissenschaft und Vermittlung sind keine Antipoden, sondern können sich bereichern, so wie es von den von euch genannten Museen gelebt wird.

[…]“

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Ich habe das Zitat mal um die Fettformatierung erweitert, denn das hat mir außerordentlich gut gefallen, wie schon der eigentliche Blog-Beitrag und das anschließende Gespräch.

Die zentrale Frage zielt für mich nämlich über das Museum hinaus: welche Rolle soll Kunst in der Gesellschaft bekleiden? Die eines elitären Spielplatzes, den aufzusuchen die meisten Menschen keinen Grund sehen? Oder als wertvollen Bestandteil des Zusammenlebens, unverzichtbar zum Ausbilden wichtiger sozialer Funktionen im Miteinander?

Ich glaube, dass, wenn sich das Ansehen (im wahrsten Wortsinn!) von Kunst im Alltag ändert, sich das Selbstverständnis einer „Szene“ (und damit auch die Museumslandschaft) automatisch mit ändern wird, aber es ist natürlich auch nichts dagegen zu sagen, dass die etablierte Kunstwelt die ersten Schritte macht.

Persönlich glaube ich eher an einen diesbezüglichen Erfolg in der Erziehung von Kindern zu offenen, hinschauenden, hinhörenden, empathischen Menschen, die nicht nur einen Sommer lang in einem Museumsgarten werkeln und ausstellen dürfen, sondern sehen, dass auch nach ihrer Kinderzeit und jenseits eines solchen Studiums Kunst zu ihrem Leben gehört – als allgemein gebräuchlicher kreativer menschlicher Ausdruck.

Wenn wieder mehr ganzheitlich auf den Menschen geschaut würde und Eltern keine Sorge mehr haben müssten, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt, wenn es nicht mit 20 schon ein Diplom in der Tasche hat, wenn das „niemand wird zurückgelassen“ wirklich gelebt würde, änderte sich die Welt. Jede Welt.
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Inhalt und Form

http://www.kulturtussi.de/mehr-inhalt-wenger-kunst/

 

Anke von Heyl inspiriert mich wieder – dafür erstmal Dankeschön! 🙂

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Ihr aktueller Blog-Beitrag ist pickepackevoll mit Infos und Anregungen; hier mein Weiterfragen:

Ist es vorstellbar, dass etwas inhaltsarm ist oder scheint und trotzdem so gut erzählt wird, dass es dadurch an Bedeutung gewinnt? Mir fällt sofort mindestens ein Roman oder Film ein, dem man unterstellen könnte, dass sein Thema nicht neu oder sogar „kitschig“ sei, an dem ich aus irgendeinem Grund aber „dran bleiben“ musste…

Ist es beim Thema „Inhalt“ oder dessen vermeintlichem Gegenteil eventuell so wie bei allen Dingen: dass es auf den Adressaten, den Betrachter, den Rezipienten ankommt, was und wieviel man aus einer Sache „ziehen“ kann? Dass es, sowie sich jemand egal wie äußert – und ich meine jetzt jegliche Äußerung, nicht nur Verbalsprache – Inhalt hat: nämlich den der zuvor erbrachten Gefühls- und Denkleistung des sich Äußernden? Und dass sämtliche Beurteilungen dieses Inhalts dem Gegenüber erstmal nicht zustehen? Dass es auch da wieder „nur“ um Austausch, um Dialog geht?

Kann die Form (in Ankes Beispiel die Kunst des Storytelling) bereits sich selbst genügen, also gleichzeitig Inhalt sein?

Ist Inhalt immer gleich Inhalt, Form immer gleich Form?

Müsste man sich nicht immer und in jedem Fall darüber unterhalten, auch da die Definitionen klären, bevor man urteilt?

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Ich bin gespannt auf Euer Mitdenken und -äußern, und Anke freut sich sicher auch über Besuch… 🙂

 

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Sprache

Karin Rottmann macht hier im Gespräch mit Anke von Heyl deutlich, was Sprache in der Kunstvermittlung (und überhaupt) bedeutet. Ich kenne von mir, dass ich ganz kribbelig werde, wenn ich spüre, dass ich etwas nicht haargenau so ausdrücken kann, wie es in mir ist. Und dass ich immer öfter sage, dass ich meine Muttersprache wirklich brauche, um mich in Nuancen ausdrücken zu können… was ist Eure Ansicht?

http://www.kulturtussi.de/sprache-als-basiskompetenz/

 

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Lesenswert!

Neues Jahr, neue Reihe. Meine Gespräche zur Kunstvermittlung

 

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