Die mögliche Verbindung zum individuellen Wesentlichen

https://www.taz.de/!5396305/

Zitat aus dem Interview: „Wenn sich ein Werk auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezieht, muss man erstens Malewitsch kennen und zweitens wissen, dass er sich auf Ikonenmalerei bezieht. Man muss drei Ebenen erklären. Wir überlegen gerade, wie wir das geknackt kriegen. Im Idealfall hätte man den Multimedia-Guide für jedes Exponat. Das ist ein kostspieliges, langfristiges Ziel.“

Dazu Anke von Heyl am 12. April auf ihrer facebook-Seite:

„Sehr spannendes Interview mit dem Chef der Hamburger Kunsthalle. Ich wage mal die These, dass ein Multimedia-Guide nicht zwingend die Lösung für das Vermitteln äußerst komplexer Zusammenhänge sein muss. Die Frage ist, ob man als Vermittlungsziel das Wissen um alle historischen Bezüge in den Vordergrund stellen sollte.“

*

Inspiriert durch Anke von Heyls Beitrag auf ihrer facebook-Seite und das dortige gute Gespräch dazu, aus dem ich hier nichts wiederholen möchte, steige ich gleich steil ein: Wenn Kunst für alle Menschen ist – wovon ich ja ausgehe – kann Kunstvermittlung dann überhaupt zielgerichtet funktionieren, wenn das Ziel ständig umdefiniert werden muss nach Gruppe und Einzelperson, Alter, Wissensstand, kultureller Herkunft, Interesse (Stichwort „Schülergruppen“) …?

Ist der geringste Anspruch dann der, dass der Mensch, dem vermittelt werden soll, überhaupt erst mal bleibt und weiter zusieht und zuhört, und liegt die Kür dann darin, einem best-vorgebildeten, wissensdurstigen, kunstinteressierten Menschen, der alle Zitate versteht, noch mehr Wissen zu geben in einem „Fach“, das in seinen Inhalten keine allgemein menschliche Objektivität hat, sondern die bestimmt werden durch die jeweiligen Machthaber der einzelnen Kunst-Bereiche und Institutionen, ungeachtet der vielen Einflüsse und Eindrücke drumherum? Ungeachtet der Tatsache, dass das, was innerhalb des Kunstbetriebes, -marktes, -kanons entsteht, für „Kunst“ befunden wird und in diesem Begriff verbleiben darf, immer auch außerhalb gedacht und gearbeitet werden kann und, setzt man dieses voraus, dann sicher auch wird?

Vielleicht liegt der Gewinn von „Vermittlung“ ja gar nicht im (ohnehin überschätzten) „Verständnis“ für eine künstlerische Arbeit. Vielleicht liegt der Gewinn schlicht darin, Menschen, denen das fremd ist zu zeigen, dass Menschen sich über Kunst ausdrücken und das genau so „normal“ ist wie der Ausdruck über jede andere Sprache. Vielleicht bringen Gespräche auf den unterschiedlich möglichen Niveaus, vielleicht bringen die Fragen der Menschen auf den unterschiedlich möglichen Niveaus die – ich glaube, ebenfalls allen – mögliche Verbindung zu ihrem individuellen Wesentlichen.

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KunstvermittlerInnen leisten gute Arbeit – innerhalb des Systems.

Ich komme immer wieder dazu, mich zu fragen, ob ich in der Ansicht und in der Diskussion radikaler sein muss, was mir total widerstrebt.

Kann ich gleichzeitig sagen:

o.k., das ist der Kunstbetrieb, der so funktioniert, wie er eben funktioniert, mit all seinen Kreativschätzen und dem Bemühen um deren Vermittlung, aber eben auch mit den negativen Auswirkungen: Ausschluss Vieler im Erschaffen und Rezipieren (auch wider alle Vermittlungsversuche), Entwicklung krimineller Energien (Stichworte „Handel“ und „Fälschung“) usw. (die Liste ist beliebig verlängerbar)

und

ich wünsche mir ein co-kreatives Herangehen an Kunst, und zwar an jegliche Kreativarbeit eines jeglichen Menschen?

Passt das? Geht das? Und wenn ja: wie geht das?

Oder geht das einfach nicht zusammen, weil ein co-kreatives Herangehen an jegliches Thema Bewertung verbietet, Belehrung verbietet, und „Lehre“ und „Lernen“ da einfach anders funktionieren…?

Ich habe immer gesagt: die Arbeiten, die heute offiziell zu „Kunst“ zählen, und die wir alle schätzen und bewundern, gehen doch nicht verloren, und sie entstehen auch weiterhin neu.

Aber was ist, wenn wir uns das neu-Entstehen unter anderen, unter co-kreativen Vorzeichen vorstellen? Wie funktioniert dann zum Beispiel Aufmerksamkeit ohne geförderte Bewerbung, wie funktioniert dann überhaupt Förderung – gibt es sie dann überhaupt noch? Muss es sie dann noch geben? Wenn Kunst überall und frei auftreten kann, ohne in den Kontexten gefangen zu sein, in denen wir sie erwarten: Museen, Auftritte, Vernissagen, Midissagen, Finissagen, Konzerte, Ausstellungen, … wie stehen wir dann zum kreativen Ausdruck von Menschen? Wie wird dann geplant, wie wird dann bezahlt (Hallennutzung, Museumsunterhaltung, Technik, Strom, Personal, …)? Wie werden die Kreativen entlohnt? Werden sie entlohnt, oder kann man sich „Bezahlung“ für eine „Leistung“ auch ganz anders vorstellen, auch jenseits von Tauschhandel? Was passiert mit hochpreisigen Umsetzungen von Kunst? Denken Künstler durch etwaige Beschränkung (die ja andererseits durchaus vernünftig sein kann) anders, ohne ihre Idee verraten zu müssen?

Was wäre, wenn „Kunst“ ein „ganz normaler“ zusätzlicher Ausdruck der Menschen wäre?

Vielleicht unterstützte es sie ja im Finden ihres individuellen Wesentlichen, das, wie ich es empfinde, ein wichtiger Beitrag für inneren und äußeren Frieden ist.

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Jede Welt

In Bezug auf Anke von Heyls dankenswerten Blog-Beitrag

http://www.kulturtussi.de/gemeinsam-kunst-geniessen-museumsprogramme-fuer-menschen-mit-demenz-teil-1/

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Tanja Praske schreibt dazu in den Kommentaren:

[…]

Gerade das Museum als sozialer Mediakit für die Gesellschaft, für ihre positiven wie negativen Facetten, finde ich sehr wichtig! Hier können Museen viel bewirken. Nur müssen ihnen dazu auch die Mittel zur Hand gegeben werden, in Form von Weiterbildung, Geld, Personal, aber auch, und das finde ich elementar, die Möglichkeit sowie den Willen die eigene Rolle in der Gesellschaft zu überdenken. Sammeln, bewahren, erforschen ist eine wichtige Facette, die andere ist für mich der Bezug zu den Menschen, zu der Gesellschaft, für die Museen integrativ wirken können.

Gesellschaftspolitische Unterstützung ist gefordert, aber auch das Umdenken des Museums mehr auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen. Das hat dann für mich nichts mit einer Verflachung des Niveaus à la Banalisierungsdiskurs zu tun, sondern mit der gelebten Aufwertung von Kunst und Kultur als wichtigen, integrativen und ethisch bildenden, ernst gemeinten Austausch. Wissenschaft und Vermittlung sind keine Antipoden, sondern können sich bereichern, so wie es von den von euch genannten Museen gelebt wird.

[…]“

*

Ich habe das Zitat mal um die Fettformatierung erweitert, denn das hat mir außerordentlich gut gefallen, wie schon der eigentliche Blog-Beitrag und das anschließende Gespräch.

Die zentrale Frage zielt für mich nämlich über das Museum hinaus: welche Rolle soll Kunst in der Gesellschaft bekleiden? Die eines elitären Spielplatzes, den aufzusuchen die meisten Menschen keinen Grund sehen? Oder als wertvollen Bestandteil des Zusammenlebens, unverzichtbar zum Ausbilden wichtiger sozialer Funktionen im Miteinander?

Ich glaube, dass, wenn sich das Ansehen (im wahrsten Wortsinn!) von Kunst im Alltag ändert, sich das Selbstverständnis einer „Szene“ (und damit auch die Museumslandschaft) automatisch mit ändern wird, aber es ist natürlich auch nichts dagegen zu sagen, dass die etablierte Kunstwelt die ersten Schritte macht.

Persönlich glaube ich eher an einen diesbezüglichen Erfolg in der Erziehung von Kindern zu offenen, hinschauenden, hinhörenden, empathischen Menschen, die nicht nur einen Sommer lang in einem Museumsgarten werkeln und ausstellen dürfen, sondern sehen, dass auch nach ihrer Kinderzeit und jenseits eines solchen Studiums Kunst zu ihrem Leben gehört – als allgemein gebräuchlicher kreativer menschlicher Ausdruck.

Wenn wieder mehr ganzheitlich auf den Menschen geschaut würde und Eltern keine Sorge mehr haben müssten, dass ihr Kind auf der Strecke bleibt, wenn es nicht mit 20 schon ein Diplom in der Tasche hat, wenn das „niemand wird zurückgelassen“ wirklich gelebt würde, änderte sich die Welt. Jede Welt.
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Inhalt und Form

http://www.kulturtussi.de/mehr-inhalt-wenger-kunst/

 

Anke von Heyl inspiriert mich wieder – dafür erstmal Dankeschön! 🙂

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Ihr aktueller Blog-Beitrag ist pickepackevoll mit Infos und Anregungen; hier mein Weiterfragen:

Ist es vorstellbar, dass etwas inhaltsarm ist oder scheint und trotzdem so gut erzählt wird, dass es dadurch an Bedeutung gewinnt? Mir fällt sofort mindestens ein Roman oder Film ein, dem man unterstellen könnte, dass sein Thema nicht neu oder sogar „kitschig“ sei, an dem ich aus irgendeinem Grund aber „dran bleiben“ musste…

Ist es beim Thema „Inhalt“ oder dessen vermeintlichem Gegenteil eventuell so wie bei allen Dingen: dass es auf den Adressaten, den Betrachter, den Rezipienten ankommt, was und wieviel man aus einer Sache „ziehen“ kann? Dass es, sowie sich jemand egal wie äußert – und ich meine jetzt jegliche Äußerung, nicht nur Verbalsprache – Inhalt hat: nämlich den der zuvor erbrachten Gefühls- und Denkleistung des sich Äußernden? Und dass sämtliche Beurteilungen dieses Inhalts dem Gegenüber erstmal nicht zustehen? Dass es auch da wieder „nur“ um Austausch, um Dialog geht?

Kann die Form (in Ankes Beispiel die Kunst des Storytelling) bereits sich selbst genügen, also gleichzeitig Inhalt sein?

Ist Inhalt immer gleich Inhalt, Form immer gleich Form?

Müsste man sich nicht immer und in jedem Fall darüber unterhalten, auch da die Definitionen klären, bevor man urteilt?

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Ich bin gespannt auf Euer Mitdenken und -äußern, und Anke freut sich sicher auch über Besuch… 🙂

 

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Sprache

Karin Rottmann macht hier im Gespräch mit Anke von Heyl deutlich, was Sprache in der Kunstvermittlung (und überhaupt) bedeutet. Ich kenne von mir, dass ich ganz kribbelig werde, wenn ich spüre, dass ich etwas nicht haargenau so ausdrücken kann, wie es in mir ist. Und dass ich immer öfter sage, dass ich meine Muttersprache wirklich brauche, um mich in Nuancen ausdrücken zu können… was ist Eure Ansicht?

http://www.kulturtussi.de/sprache-als-basiskompetenz/

 

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Lesenswert!

Neues Jahr, neue Reihe. Meine Gespräche zur Kunstvermittlung

 

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Fährten

Nach den Netz-Erlebnissen der vergangenen Woche kann ich, bevor ich zum Thema komme, einmal schildern, wie ein Blog-Beitrag entsteht, der zunächst auf Themen anderer fußt.

Über meinen Kunst-Bloggerkollegen Stefan bekam ich einen interessanten Link-Tipp:

http://www.tanjapraske.de/,

über den ich dann den nächsten interessanten Blog entdeckt habe:

http://www.kulturtussi.de/.

Auf diesem nun stand der Beitrag zur Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe „Ich bin hier!“(http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/ich-bin-hier.html), auch verschlagwortet unter #ichbinhier , die sich mit Selbstbildnissen von Künstlern auseinandersetzt und mit „von Rembrandt zum Selfie“ untertitelt ist.

Im Zuge dieser Ausstellung gab es ein Begleitprogramm, und innerhalb dessen eine Podiumsdiskussion:

„Selfies, Emojis und die Verwendung von Bildern in den Sozialen Netzwerken“, ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich, Anke von Heyl, ebenfalls Kunsthistorikerin und eben jene Bloggerin „Kulturtussi“, Prof. Dr. Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle (die mir in ihrer Art sehr gefallen hat, weil sie im Gespräch mit der Zuhörerschaft nachfragte, um adäquat antworten zu können, und spürbar um deutliche Antworten bemüht war) und Dr. Alexander Eiling, dem Kurator der Ausstellung. Moderiert hat Christian Gries, Kunsthistoriker und Medienentwickler.

Anke von Heyl hat den Mitschnitt der Diskussion, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=wKuY7SAUlXg, in ihren Blog-Beitrag eingefügt.

Als ich ihn sah, war es schon spät, SEHR spät, so dass ich mich durch einen Verhörer noch kurz mit dem flämischen Maler Frans Boels auseinandergesetzt habe, wo doch eigentlich von Alfred Otto Wolfgang Schulze die Rede war, dem Fotografen, Maler und Grafiker, der sich Wols genannt hat. Wols, nicht Boels! Dazu, was über ihn gesagt wurde, komme ich später, denn das war mein Anreiz zu diesem Blog-Beitrag, selbstverständlich zusammen damit, was wie auf dem Podium besprochen wurde.

Dieses ging von grundsätzlichen Fragen von Kommunikation und Rezeption, z. B. ob „kurz und knapp“ den Dingen gerecht werden kann (Stichwort Hashtag), darüber, wie ein Museum arbeitet und wessen „Anwalt“ es sein soll (der der Künstler oder des Publikums), schließlich zur „Aufmischung“ des Kunstkanon, thematisiert im anschließenden Dialog mit der Zuhörerschaft.

Ich fand alles spannend, weiterdenkenswert und möchte meine Gedanken (nicht alle; es kommen minütlich neue dazu 😉 ) gerne teilen.

Beginnen möchte ich mit der Aktion der Alten Pinakothek in München, „My Rembrandt“ – #myRembrandt – (http://myrembrandt.de/die-aktion-der-pinakotheken/), die beispielhaft angesprochen wurde. Ich begrüße die Idee des Blickwechsels auf Bekanntes sehr; das ist in der Kreativität DAS Motto schlechthin, also kann es doch auch für die Herangehensweise an Kunst so falsch nicht sein, sollte man meinen. Dr. Eiling gab allerdings zu bedenken, dass die Aktion die Qualität von „Amélies Gartenzwerg“ hätte, über den man, wenn auch durch die Welt reisend und auf Fotos an verschiedenen Plätzen verewigt, dadurch nichts Neues lernen oder erfahren würde, und so eben auch nicht über den „reisenden Rembrandt“. Ich finde nicht nur den zitierten Film (wer nicht weiß, wovon die Rede ist, hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=LM0sZZ1xFDs) ganz wunderbar, sondern das Besondere liegt bei den angesprochenen Szenen in meinen Augen in der Reaktion des Vaters auf die Post, die er – angeblich eben vom Gartenzwerg – erhält. Am Ende reißt ihn eben diese Aktion aus seiner Lethargie; er beschließt seine Trauer um den Tod der Ehefrau und beginnt mit dem Reisen. Was, wenn der „reisende Rembrandt“ auch etwas Elementares in den Betrachtern und/oder in jenen, die ihn mitnahmen, auslöste, und die so Eingebundenen vielleicht durch die Aktion erst begönnen, sich auseinanderzusetzen? Es muss ja nicht gleich jeder sofort die Koffer packen; es gibt durchaus andere Umsetzungsmöglichkeiten…

Wie wird ein Museum seinem Bildungsauftrag bei gewandelten Ansprüchen gerecht? Wie erreicht es die Menschen? Es war auch Dr. Eiling, der die Anwaltschaft der Museen ansprach und fragte, wem gegenüber diese gelte: den Künstlern oder den Besuchern? Meine Frage wäre: muss man sich da entscheiden? Ist „Anwalt“ dann eventuell nur der falsche Begriff? Geht es nicht auch da um Vermittlung? Denn Anwälten ist zu eigen, dass sie für eine Seite plädieren und in ihrer fachspezifischen Sprache oft nur vom Hohen Gericht verstanden werden, nicht immer auch von jenen, die sie vertreten… vor Gericht ist nur das Urteil von Belang, der Ausgang einer Angelegenheit, aber in der Kunst, bei der die Herleitung eine so entscheidende Rolle spielt…? Da fänd‘ ich es konstruktiver, wenn der „Anwalt“ auch vom „Volk“ verstanden würde; der Vermittler vom Publikum. Aber eventuell ist eben das die Aufgabe der ausgesprochenen „Kunstvermittler“ im Gegensatz zum „Ort der Sammlung“, der das vielleicht nicht leisten muss… Ich allerdings kann das Museum nicht ohne (eigenen) Vermittlungsauftrag denken…

womit wir wieder beim Publikum wären. Ich erlebe es so, dass, wenn Kunst nicht ins Leben geholt wird, kein Publikum für sie aufsteht, jedenfalls nicht die anvisierte Zielgruppe (es war explizit die Rede von den 20 bis 40jährigen), wenn sie nicht ohnehin mit Kunst zu tun hat.

Meines Erachtens muss der Kunstbetrieb sich aber entscheiden, ob er wirklich außerhalb verhandeln möchte (mir ist bewusst, dass dieser das nicht als Verhandlung sieht 😉 ), denn wenn er das Publikum hereinholt – oder die Kunst ins Leben holt – bekommt er die ganze Bandbreite und irgendwann erreicht ihn auch Mitsprachewunsch (mir ist bewusst, dass dieser belächelt wird; am Ende mehr dazu im Fazit). Oder er versteht sich nur als „Ort der Sammlung“ und kann weiterhin Distanz zum Publikum wahren…

Es war vom „Königsweg“ die Rede, wenn man es als Museum schafft, sein Publikum emotional an sich zu binden. Für mich sollte es da keine Konkurrenz geben; es ist schon schwer genug, das Publikum an die Kunst zu binden, geschweige an ein bestimmtes Haus. Was es mir in der Rolle des Rezipienten in jedem Falle leicht macht, ist, wenn sich innerhalb des Kunstbetriebes etwas ändert oder ergänzt wird, was früher anders oder „unergänzt“ gelehrt wurde, und jetzt komme ich zu Wols. Nach meiner Nachfrage im „Kulturtussi“-Blog bekam ich Antwort sowohl vom Museum:

„Liebe Sabine Pint,

Sie hatten nach Wols gefragt, deshalb hier ein paar Infos zu ihm und seinen Werken. Nach einer kurzen Episode des Erfolges, in der Wols als Fotograf für den „Pavillon de l`Elegance“ auf der Weltausstellung in Paris arbeitete, erfolgte nach dem Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg die Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ in unterschiedlichen Internierungslagern. Die Heirat mit Grety ermöglichte im Oktober 1940 seine Entlassung, das Ehepaar lebte bis zur Besetzung Südfrankreichs 1942 in Cassis bei Marseille und bemühte sich dort erfolglos um ein Visum für die USA. Erstaunlicherweise entstanden in diesen schwierigen Jahren zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien, unter anderem eine Reihe von Selbstportraits, in der sich Wols offensichtlich mit Ausdrucksstudien beschäftigte. Laut einer erhaltenen Notiz aus dieser Zeit sah er sich im französischen Wörterbuch Larousse den Artikel „Expression“ an, in dem drei Illustrationen die Gefühlslagen „Calm“ (Gelassenheit), „Tristesse“ (Traurigkeit) und „Gaiete“ (Fröhlichkeit) wiedergeben. Offensichtlich regte diese Lektüre den Künstler zu Experimenten mit fotografischen Selbstportraits an, die zur vorliegenden Serie führten. Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind Abzüge der Originalnegative, die 2001 auf Initiative der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg hergestellt wurden. Sie sind schon vor der Ausstellung als Bestandteil seines Werks anerkannt worden.

Viele Grüße

Ihr Kunsthallen-Team“

als auch von Anke von Heyl, die mir das bestätigte, was ich von der Podiumsdiskussion mitgenommen hatte: dass dort in Karlsruhe etwas von einem Künstler ausgestellt wird, das zumindest „früher nicht als Bestandteil seines Werkes anerkannt wurde“. Die Ganzheitlichkeit, mit der in diesem Beispiel an den Menschen Wols herangegangen wird: das schafft bei mir emotionale Bindung; damit „kriegt“ mich der Kunstbetrieb! So ist er in Bewegung und nicht starre Demonstration der Mächtigen auf diesem Gebiet zu ihren jeweiligen „Regierungszeiten“… es kann sich eine Herangehensweise an einen Menschen ändern durch ein Thema, durch eine veränderte Wahrnehmung, durch eine andere Zeit. Nichts ist ausgeschlossen. Und Karlsruhe hat es vielleicht nicht entdeckt, aber es stellt es aus.

„Ich habe mir von der Podiumsdiskussion erhofft, dass wir über die Decodierung sprechen können. Aber dafür gab es dann doch zu wenig Konsens in der Frage, ob wir uns überhaupt mit dem Selfie befassen sollten“, so Anke von Heyl in ihrem Blog-Beitrag. Dazu überschlagen sich schon wieder meine Gedanken, wie schon bei den Sätzen vorher, die ich beim Nachlesen allesamt für lediglich angerissen, zu wenig tief, zu wenig treffend halte.

Ist es nicht so, dass der Wille oder Wunsch zur Decodierung voraussetzt, dass man etwas der Decodierung wert hält, dass man überhaupt etwas „dahinter sehen“ mag? Nach meinen Erfahrungen wird im Kunstbetrieb diesbezüglich nichts wertgeschätzt, was es auch neben diesem, in der freien Wildbahn sozusagen, gibt. Der Betrieb um die Kunst lebt vom Ausschluss, von der Abgrenzung seiner Dinge zum Rest; das hält mich ja gerade in ständiger Distanz zu ihm, deswegen betone ich so wohlwollend, wenn Öffnung stattfindet. Wäre man so auf „Selfies“ eingegangen, wie man auf „Selbstbildnisse“ auf dem künstlerischen Parkett eingeht, dann würde man den eventuellen Beweggrund der sich so Portraitierenden, den Inhalt ihrer Lebenswelt, auf ein Niveau heben, das Einiges in der Kunstwelt deklassieren würde – wobei ich das nicht als ein „sogar besser gemacht als“ verstanden wissen mag, sondern lediglich als ein „gleichwertig existent“. Der Betrieb, der Markt aber muss es so verstehen, als Konkurrenz zu seiner Idee, zu seiner Berechtigung. Das wiederum setzt die „Sprache“, den allgemeinen kreativen Ausdruck in egal welcher Transformation, herab, was in der Folge mit verhindern hilft, dass Menschen mit einem natürlichen Zugang zu „Kunst“ heranwachsen dürfen.

Warum mir Frau Müller-Tamm gefiel, ist das persönliche Element, das in Diskussionen gerne heruntergespielt wird: jeder Direktor ist anders, jeder Kurator, jeder Vermittler, jeder Rezipient. Es spielt eine Rolle, wie man sein Aufgabengebiet neben dem Fachlichen persönlich füllt, natürlich nicht nur in der Kunst. Es ist die Individualität, deren Wertschätzung wir uns bewahren müssen.

 

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