Dreißig! 

Als ich vor 30 Jahren mein Gesicht begründete („Zur Begründung meines Gesichts“, in: „Anthologie ohne Titel“, Berliner Festspiele GmbH, anrich verlag GmbH, Kevelaer 1988) mit einem Text voll ernster Ironie, dachte ich höchstens ein, zwei Jahre weiter, wie das eben so ist mit 20. Mein Thema: die nach meiner damaligen Erfahrung mehrheitlich verlogen gestellte Frage nach dem Befinden. Mein fragendes Anliegen schon damals: wie sinnvoll ist die maskenhafte Begegnung zwischen Menschen, aber inwiefern ist da eine Änderung im Miteinander möglich und: ist die immer sinnvoll?

Mir war zwar bewusst, dass ich mit dem in-die-Welt-Schicken des Textes an einem Wettbewerb teilnahm, aber da ich – bis auf den riesigen Fresskorb bei der Schul-Tombola – noch nie was gewonnen hatte, rechnete ich mir nicht nur nichts aus, sondern vergaß es beinahe ganz. Bis Wochen später folgender Brief ins Haus flatterte:

Erstmal hob ich ihn nur auf, um in Berlin Missverständnissen vorzubeugen; ich hätte jeden verstanden, der mich für eine Hochstaplerin gehalten hätte. Aber das angekündigte nächste Schreiben kam, und so brachen 21 (zwei Teilnehmer kamen von dort) junge Leute aus verschiedenen Bundesländern am 20. November 1987 für vier pickepackevolle Tage nach Berlin auf.

Für mich war es in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich: die Bahnreise durch „Feindesland“ – dass es solches war, demonstrierten die Grenzkontrollen eindrücklich -, das Zusammentreffen mit so vielen unbekannten Menschen in der großen mir unbekannten Stadt, das neue nach-außen-dazu-Stehen, was einen bewegt, der intensive Austausch.

Am Nachmittag des 21. war Probe und ich dann an diesem ersten Lesungsabend der Eisbrecher. Das war gut so, denn die Aufregung hätte mir das unbeschwerte Erleben dieser Tage dann doch vereitelt. Hatte ich vor dem Aufrufen des Namens noch gewaltiges Herzklopfen, war das am Mikro auf einmal weg, und ich genoss es beinahe:

Schön, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten kennenzulernen: Ralf mit der Auseinandersetzung zwischen Brüdern, die mir nah ging. Christian, einer der Berliner, mit der nicht minder zu Herzen gehenden Bürgerkriegserfahrung aus der Sicht eines Familienvaters. Stefan ließ eine Fliegerstaffel verschwinden und Lars einen Manfred „den kleinen Tisch beiseite“stellen, der einzige Satz seines Gedichts „Sonntagmorgen“. Felicia Zeller ist mit Theaterstücken später richtig bekannt geworden, auch Ralf schreibt für seine Theatergruppe, und Stefan hat sich in seiner Ruhrgebietsheimat mit Gruselgeschichten einen Namen gemacht. Ralf, Christian, Stefan und ich freundeten uns an.

Ich blieb zwar dem belletristischen Schreiben nicht treu, aber verfasste durch die Jahre weiter nicht-wissenschaftliche Sachtexte rund um Kunst, Kreativität, Gesellschaft – um den Menschen. Ich begann zu bloggen und habe mich in diversen Diskussionszirkeln bewegt, mich in Gesprächen engagiert, daneben immer auch gezeichnet und gemalt.

Die „Anthologie ohne Titel“ könnte der Titel sein für mein kreatives Leben ohne eindeutiges Ziel, eindeutiges Werk. Auch damals hatte ich kein eindeutiges Ziel, auch nicht, was das Schreiben anging. Dieses Ziellose, Unehrgeizige in mir kann eine Karriere, wie sie landläufig verstanden wird, verhindert haben. Ob das Talent gereicht hätte, werde ich nicht erfahren. Aber ich wollte es nie austesten; ich wollte nur immer authentisch leben.

Wir waren damals im zweiten Jahr dabei; den Wettbewerb gibt es immer noch; heute ist der diesjährige Abschlusstag; heute vor 30 Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Für mich ist es schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute auf den Weg machen, sich und ihren Platz in der Welt zu suchen, Auseinandersetzung zu suchen.

P.  S.: Meine Einstellung zur „mehrheitlich verlogen gestellten Frage nach dem Befinden“ hat sich durch die Jahre übrigens weiter relativiert 😉 .

*

https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/bundeswettbewerbe/treffen_junger_autoren/ueber_festival_tja/aktuell_tja/start_tja.php

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Ein Geschenk, kein Recht

Ich glaube, dass Leute, die sich Dir wirklich öffnen, die sich mit Deinem Anliegen auseinandersetzen, äußerst, äußerst selten und ein großes, großes Geschenk sind. Und ich glaube, das ist Vielen nicht bewusst. Es ist ein Geschenk, kein Recht.

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Kunst und Weltgeschehen

Kunst und Weltgeschehen

Mir schien selbst schon länger eine eher unpolitische Haltung bei den meinem Jahrgang nachfolgenden Generationen aufzufallen; nun las ich kürzlich den darauf bezogenen Text von Julia Friedrichs im ZEITmagazin ONLINE: „Entschleunigung – Die Welt ist mir zuviel.“ Im Untertitel: „Und ich selbst bin mir genug.“

Darin beschreibt die Autorin u. a. den großen Zulauf zu Entschleunigungs-Seminaren, den Zuwachs in der Handarbeitsbranche und den Wunsch und dessen Umsetzung, unter einfachen Bedingungen auf dem Land zu leben als eine Realitätsflucht der jungen berufstätigen Bevölkerung. Sei in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts alles noch einigermaßen überschaubar gewesen, seien das die Bedrohungen der heutigen Zeit eben nicht mehr, sie seien „weltumspannend“. Sie bringt viele Beispiele; mir fielen spontan noch einige mehr ein – jeder kann die Liste vermutlich nach Belieben verlängern.

Was sie schreibt, was sie be-schreibt, ist der Auseinandersetzung wert, und wenn sie sich gegen Ende auf manche Artikel der einschlägigen Presse (ihr Beispiel ist u. a. das Magazin „Flow“) mit den Worten bezieht: „Wer solche Artikel liest, kann plötzlich genug kriegen von all den Anleitungen zur Weltflucht“, bin ich ganz bei ihr. Ich bin ganz bei ihr, wenn ich mir vorstelle, dass es so schwarz/weiß abläuft, dass alle Menschen entweder/oder sind.

Ich kenne von mir selbst, dass ich beim Helfen im elterlichen Garten abschalten kann, obwohl woanders Bomben fallen. Ich mache nicht mehr gerne den Fernseher zu den täglichen Nachrichten an und tu es trotzdem, um (halbwegs und gesteuert, aber) informiert zu sein. Ich gehe zur Wahl, obwohl ich an eine mit der Wirtschaft verheiratete Politik als eine Politik für den Menschen, für’s Gemeinwohl nicht mehr glaube. Ich demonstriere im Internet und beteilige mich an Petitionen, nicht, um mein Gewissen zu beruhigen, sondern weil es mir in diesem Augenblick ein Anliegen und weil es möglich ist. Und dann putz’ ich die Fenster. Oder lese ein Buch. Beispielsweise.

Ich kenne das Gefühl der Zerrissenheit, ob man weiter „gut bürgerlich“ leben oder nicht lieber zum Helfen auswandern soll; ich kenne die Suche nach einem eigenen Weg. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, sich zu etwas zu vergewaltigen, das man nicht leisten kann, ohne krank zu werden, oder zu etwas, das einem nicht entspricht. Und ich weiß auch, dass man, egal, was man geistig oder körperlich Aufreibendes tut, immer auch wieder entspannen muss. Selbst jemand im Widerstand darf die „Flow“ lesen, wenn er oder sie es denn möchte.

Obwohl ich auch eine oder zwei Personen kenne, die von sich sagen, dass Politik sie „nicht interessiert“, gibt es, glaube ich, insgesamt nur wenige, die entweder rund um die Uhr politisch aktiv sind oder rund um die Uhr den Kopf in den Wolken haben. Die Meisten tragen auf ihre Weise die Gemeinschaft mit, in der sie leben, und versuchen das Bestmögliche daraus zu machen. In Europa gibt es Widerstand bei der jungen Bevölkerung, die einerseits nicht weiß, wie sie ihr Leben finanzieren soll und andererseits den neuen „Staatssozialismus der Reichen“ erlebt, wie es der kürzlich verstorbene Soziologe Ulrich Beck in der 3sat-„Kulturzeit“ vom 25. Mai 2012 formuliert hat. „’Freiheit, Gleichheit und Demokratie’ ist sozusagen nur dann zu gewährleisten, wenn die Menschen auch das Gefühl haben, dass diese Perspektive für sie auch umgesetzt wird, dass sie nicht sozusagen wie das jetzt in der Sparpolitik – im Sparzwang muss man eigentlich sagen, für andere Länder – geschieht, in eine aussichtslose, fast aussichtslose Position hineingedrängt werden, wo ganze Bevölkerungsgruppen abfallen, ausgeschlossen werden; die Mittelschichten, die bisher das Rückgrat der Demokratie waren gleichsam geschluckt werden von dieser Krise… also selbst eine existenzielle Perspektive nicht haben und wo nicht sichtbar ist, dass — sozusagen wenn das alles und für eine vorübergehende Phase so sein müsste: wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Wenn dieses Licht am Ende des Tunnels nicht wirklich greifbar wird für die Menschen, dann, meine ich, ist das eine wirkliche Selbstgefährdung der Demokratie in Europa.“

Junge Menschen werden durch die Geschehnisse in der Welt nicht unbedingt aufgefordert, sich einzubringen, im Gegenteil. Jeder wird mit elterlicher und eigener Sorge dazu angehalten, seine Schäfchen rechtzeitig ins Trockene zu bringen, um gegenüber der Konkurrenz bestehen zu können. Wenn Menschen dann Atem holen, indem sie sich vorübergehend dem Weltgeschehen verweigern, ist das m. E. nicht nur erlaubt, sondern notwendig. Denn nach der Meditation wird es nicht einfacher sein als vor ihr.

Ein sich-Einbringen des Otto-Normalbürgers scheint von denen, die uns regieren, nicht wirklich erwünscht zu sein. Angeblich gibt es die Sorge, dass, wenn „die Masse“ mit entschiede, damit auch „zu viel Dummheit“ Macht eingeräumt würde. Ich glaube das nicht. Das zeigen z. B. die Gegendemonstrationen zu den Pegida-Demos, bei denen bisher jedes Mal mehr Menschen auf die Straße gingen. Ich glaube, dass mehr Mitbeteiligung der Bürger nicht erwünscht ist, weil das auch bedeuten kann, dass etwas gegen das bestehende System gesagt oder getan wird, und das gefällt einem System, das in erster Linie am Selbsterhalt statt an konstruktivem Weiterkommen ALLER interessiert ist, natürlich nicht. Gegen dieses sich nicht erwünscht-Fühlen nicht mit eigener Abschottung zu reagieren, ist eine Herausforderung.

Julia Friedrichs schreibt: „Vielleicht sollten die Abgeschotteten es lieber mit Martin Luther halten, der sich sein Leben lang am Abgrund wähnte, die Apokalypse vor Augen, und trotzdem nicht aufhörte, zu kämpfen, sich aufzuregen, einzugreifen. Niemals ließ er der Resignation Raum. ‚Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge’, soll er gesagt haben, ‚würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.’ Und damit meinte der Reformator sicher nicht die Gartenarbeit auf der eigenen Scholle.“

Wer weiß. Wer weiß, wo und durch was Martin Luther Kraft getankt hat, denn die hat er mit Sicherheit gebraucht, und irgendwoher musste sie ja kommen.

Für mich ist kreatives Arbeiten eine Möglichkeit, meine Möglichkeit, mich einzubringen. Vom Marktgeschehen losgelöste freie Kunstbetrachtung und unabhängiges eigenes Schaffen sind mein Weg, politisch zu leben, diesbezüglich Dialog zu suchen und anzubieten. Mit dem Glauben, dass alles, was ein jeder von uns denkt, sagt und tut, von Belang ist, weil diese Dinge wirken, glaube ich schon „von Hause aus“, dass es im Grunde unmöglich ist, „unpolitisch“ zu sein. So, wie man auch nicht nicht kommunizieren kann zum Beispiel.

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen das bewusst wird. Dass immer mehr Menschen sich zu urteilen und einzubringen trauen, jeder nach seinem Temperament, seinen Fähigkeiten und Neigungen. Dass sie sich, wenn schon nicht wichtig, dann zumindest ernst nehmen in ihrem Fühlen und Denken und dem Impuls folgen, dem Ausdruck zu verleihen. Und wissen, dass sie auch etwas aussagen, wenn sie sich nicht zu Wort melden.

Demonstrieren und Guerilla-Stricken müssen sich nicht ausschließen. Dramatisches Weltgeschehen und Kunst müssen sich nicht ausschließen, im Gegenteil: wir brauchen friedliche Gegengewichte, die das Unfriedliche thematisieren. Solange sie niemandem schaden, brauchen wir alle Formen des menschlichen Ausdrucks als Mittel zum Zweck, ein immer besseres Miteinander hinzubekommen.

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Kunst und Arbeit

Mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens setze ich mich jetzt schon ein paar Jahre auseinander. Ich habe viele Argumente dafür und dagegen gehört, Diskussionsrunden gesehen mit nach meinem Dafürhalten vernünftigen und unvernünftigen Ansichten auf beiden Seiten.

Wieso ich überhaupt begonnen habe, mich damit zu beschäftigen, lag nicht in meiner persönlichen Situation begründet, zumindest nicht auf den ersten Blick, denn ich bin erwerbstätig. Wenn ich aber aus dem Fenster sehe, kann ich mich dem Anblick nicht verschließen: aus der Arbeit entlassene Menschen, sich die Finger wund bewerbend und das ab einem gewissen Alter noch dazu absehbar erfolglos, von „Arbeits“agenturen“ verwaltete Menschen, denen man – wider eigenes besseres Wissen – verkaufen will, dass sie irgendwann wieder eine Anstellung auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt haben werden, junge Menschen in Südeuropa, die gar nicht erst auf den Arbeitsmarkt kommen. Entweder sie werden beschuldigt, „es nicht wirklich zu wollen, denn sonst hätten sie ja Arbeit“, oder sie werden bedauert im Falle der ganz jungen Arbeitslosen – ändern tut sich nichts. Kann es auch nicht, denn es ist nicht mehr zu tun da. Der Mensch entlastet sich durch Maschinen und immer rationellere Arbeitsabläufe, es wird immer weiter in diese Richtung investiert und geforscht, aber durch diese Entwicklung dann tatsächlich arbeitslos zu sein, ist ein Makel.

Wo noch jede Menge zu tun da ist, versorgen sich erst mal die Konzernvorstände und speisen Mitarbeiter oft mit Hungerlöhnen ab, wenn sie sie nicht entlassen. Krankenhäuser schauen auf eine Art auf Wirtschaftlichkeit, die unanständig ist, weit über das gebotene vernünftige Maß hinaus, das jedes Unternehmen anlegen muss, möchte es bestehen bleiben, und vergessen ethische Grundsätze – auch ihren Patienten gegenüber – manchmal ganz. Dass das Grundeinkommen Menschen in Prekärbeschäftigung stärkt, dass es z. B. einem Pfleger, der eine gesellschaftlich anerkannt wichtige Arbeit verrichtet und trotzdem bislang abgespeist wird, eine bessere Argumentationsgrundlage gegenüber seinem Arbeitgeber gibt, begrüße ich von Herzen! Es machte ein ganzes Stück freier.

Auf den zweiten Blick bin ich auch zumindest mittelbar betroffen von Nachteilen des derzeitigen Verdien-Modells.

Eine Hälfte meines Tages verbringe ich in einem Angestelltenverhältnis, gesellschaftlich anerkannt und bezahlt, die andere Hälfte in einem „Gesellschaftsarbeitsverhältnis“, gesellschaftlich aber lediglich anerkannt als mir vergönnter Müßiggang, denn nur ich selber gebe der Sache Wertschätzung durch verbrachte Lebenszeit. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, für die andere durchaus bezahlt werden; der Unterschied liegt eher im bewusst gewählten Hobby-Status gegenüber einer Profession als in den Dingen an sich. Soll bedeuten: entsteht bei mir ein Text, habe ich deswegen keinen Anspruch auf Geld, der Journalist aber (hoffentlich!) schon. Umgekehrt bekommt der Journalist es eher nicht bezahlt, wenn er mit noch so einem gelungenen Modell seine vielleicht unzähligen Bücher katalogisiert und verleiht.

Ich habe Malerei nicht studiert, aber wollte ein Bild schaffen, das auf einen drohenden Empathie-Verlust auf beiden Seiten (verschiedene vermeintliche Gegensatzpaare sind angedacht; eins ist bisher umgesetzt) hinweist. Es war mir ein Anliegen, es zu schaffen, und es war mir ein Anliegen, es zu zeigen. Da es kein Auftrag von irgendjemandem war, den ich mir selbstverständlich hätte entlohnen lassen müssen (da ich dann ein fremdes Anliegen umgesetzt und ihm meine Lebenszeit gewidmet hätte), war ich einfach glücklich, mich artikulieren zu können. Die Möglichkeit, dass andere sich damit auseinandersetzen können, mit meinem ur-persönlichen Anliegen und Ausdruck, war mein „Lohn“.

Jetzt gerade sitze ich an diesem Text, den Sie lesen, den Du liest, und der mir ein Anliegen ist. Niemand hat ihn bestellt, niemand wird ihn bezahlen, und trotzdem empfinde ich als sinnvoll, dass er entsteht, dass ich ihm Zeit gebe.

Was macht man mit solchen Kreationen, wenn „sie einfach sein zu lassen“ keine Option darstellt?

Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich auf der Seite des Arguments zu finden bin, dass Kunst durch ihre Unvergleichlichkeit und durch die Tatsache, dass sie über einen direkten Nutzwert hinausgeht sich einer fairen allgemeinen Bezahlung verschließt (weil sie sich einer objektiven Bewertung verschließt), außer Kreativarbeiter und „Kunde“ schließen einen Vertrag. Und dass ich finde, dass Kunst nicht veräußert werden muss, um zu wirken. Und dass ich nicht finde, dass man mit ihr einem Beruf im klassischen Sinne nachgehen kann, weil das die Kunst unfrei machte. Aber die Diskussion, ob und wie es möglich ist, Kreativarbeit zu bezahlen, kommt ja nicht von ungefähr. Was bietet die Gesellschaft, was bietet unser System Menschen an, die jahrelang eine Sache studiert und durchaus einen bestimmten Beruf im Blick haben, wenn sie in diesem Beruf nachher entweder nicht arbeiten können, für einen Hungerlohn arbeiten oder Werte verraten müssen, aufgrund derer sie den Beruf vielleicht erst angestrebt haben…? Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, in der alle versorgt sind und alle gleichzeitig akzeptieren, was das Gegenüber für sich als sinnvoll erachtet und womit es sein Leben füllen will?

Wenn die bedingungslose Versorgung aller nicht möglich ist, werden wir weiter auf dem Sinn, den andere sehen, herumhacken, ihn nicht gelten lassen.

Dabei ist die Frage doch auch, wie wir „Arbeit“ definieren. Wird das, was ich in der „unbezahlten“ Tageshälfte mache, nicht als Arbeit angesehen, weil ich nicht genug dafür eintrete, dass es welche ist, oder sind wir nicht alle Gesellschaftsarbeiter, jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben, und kämen in Teufel’s Küche, wenn wir jedes Tun als „Leistung“ sehen, die wir sofort in einen Geldwert umrechnen müssen, auch, um anderen mit ihren Leistungen nicht in den Rücken zu fallen? Wenn wir uns für einen Beruf entschieden haben, dürfen in unserer „Freizeit“ dann Dinge entstehen, für die ein anderer in seinem Beruf Geld bekommt, und dürfen unsere Kreationen an die Öffentlichkeit?

Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, bei der wir keine Trennungen erzwingen müssen, die es „naturgegeben“ sozusagen gar nicht gibt, die es nur gibt, weil wir ein Bezahlsystem und kein Tauschsystem von Waren und Dienstleistungen haben?

Wie schaffen wir es, so frei zu bleiben, dass wir unsere gesellschaftliche Verantwortung angemessen tragen und dabei unser Leben mit den Dingen füllen können, die wir als sinnvoll erachten?

[Der Begriff „Kunst“ will hier wie immer verstanden werden als jegliche Art der Transformation, die Menschen erschaffen, um sich auszudrücken, nicht als Qualitätssiegel. Auch erhebt die Verfasserin wie immer keinen Anspruch auf eine objektive Qualität ihrer Worte oder Haltung.]

[http://thinglabs.de/2014/10/sind-kuenstler-wirklich-gluecklicher/#comments]

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Antwort auf „Wann ist Kunst ein Misserfolg?“, erschienen auf www.thinglabs.de im Beitrag vom 08. Oktober 2014

Hallo Stefan,

ich wollte so beginnen: Du sagst in Deinem Essay „Denn anders als der Erfolg, der nach landläufiger Meinung keine weitere Erklärung verlangt, läuft der Misserfolg immer Gefahr eine Begründung oder Rechtfertigung einzufordern.“ Der Erfolg verlangt keine weitere Erklärung, aber Du führst ihn doch unmittelbar auf die Arbeiten zurück, oder? Du siehst doch nicht wie ich die zielgerichtete und damit erfolgreiche Bewerbung der „erfolgreichen“ Arbeiten auf den wichtigen Kanälen im Vordergrund eben des Erfolgs, sondern sagst doch, anders als ich (die ich die Qualität auf dem Kunst-Sektor als SEHR relativ ansehe und behaupte, dass man alles hypen oder verreißen und beides schlüssig begründen kann), dass „wahre Qualität“ sich durchsetzt, oder?

Und genau darüber stolpere ich gerade: hast Du jemals behauptet, dass Qualität sich durchsetzt? Nein, im Gegenteil: es haben sich auch Künstler durchgesetzt, die Du für weit weniger relevant als andere hältst. Trotzdem hältst Du in unseren vergangenen Briefwechseln am traditionellen Kunstbetrieb fest und schätzt ihn als wichtiges Fundament, bemängelst nur hier und dort etwas.

Deinen Standpunkt bezüglich des Kunstbetriebes klar zu sehen fällt mir zunehmend schwer. Ich dachte z. B. immer, dass Du gerne ein Künstler im Off-Space bist, weil das zu den etablierten Arbeiten, die jedem überall angeboten werden, einen wichtigen Kontrapunkt setzt. Und das völlig unabhängig vom Fakt, dass Du selbstverständlich lieber gut bezahlt wärst; das wünscht sich wohl jeder: von einer selbstbestimmten Arbeit, die einen auch noch ausfüllt, in der man einen Sinn sieht, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich glaube nicht, dass es so Viele gibt, die einer pseudo-romantischen Vorstellung vom armen Künstler anhängen; ich glaube allerdings, dass – u. a. durch das haarsträubende verbale Butter-vom-Brot-Kratzen der Beteiligten im Kunstbetrieb – Viele sehen, wie unglaubwürdig die wirken, die erst über Geld reden und dann über ihr Anliegen. Und Kunstwerken ist es nun mal zu eigen, gesellschaftliche Anliegen zu sein; da sind sich sogar meistens die Etablierten mit den „Hobby-Künstlern“ einig. (Inwiefern das die beiden Lager behaupten dürfen, zu sein – relevante und berechtigte Vertreter gesellschaftlicher Anliegen – , da streiten sie dann wieder.)

Im Gegenteil zum mündlichen Hören beim ‚seminar’ gefallen mir diesmal Deine geschriebenen Ausführungen weniger. Du klingst gelesen in diesem Essay voller Sarkasmus; als nähmst Du nichts und niemandem mit einem anderen Standpunkt ernst. („Die Vorstellung, was die eigene Kunst bedeutet und ausmacht, reproduziert sich mithin vollständig subjektiviert. Monadisch lebt sie vom Fettpolster der inneren Heilsgewissheit.“, um nur ein Zitat zu bringen; ich hätte ganze Passagen kopieren können…)

*

Wie ist denn „scheitern“ definiert? DU (aber damit auch ICH und JEDE/R ANDERE) bestimmst doch, was Du erwartest und warum, und was demnach „scheitern“ ist. Und Du sprichst anderen – zumindest in diesem Text – völlig eine andere Herangehensweise ab. Und das ist ja dann noch nicht mal ein Unterschied zwischen der akademischen und der nicht-akademischen Herangehensweise – Du hast ja wohl reihenweise KollegInnen auf demselben Level, die es augenscheinlich anders sehen… kann man nicht einfach sagen, dass das, was Du für Dich als „scheitern“ definiert hast, als Wort es für sie einfach nicht trifft? Warum soll das ein Widerspruch sein: zwar, weil man zu wenig von den wichtigen Kanälen beworben wurde, hat man keinen äußeren Erfolg, aber die Anliegen bleiben doch! Soll ich die verraten, nur weil die Gesellschaft mir den äußeren Erfolg verwehrt? Soll ich lediglich reagieren und die Macht über mein Tun und Lassen in fremde Hände legen?

Stellen wir uns vor, es käme irgendwann so, wie im ‚seminar’ beschrieben: Du hast 10 Jahre Zeit, und hast Du Dich in dieser Phase nicht etablieren können, nimmst Du Deinen Hut. Wohin mit den Anliegen? Macht man dann heimlich im Keller weiter? Wie geht man damit um, dass man sich ja auch anderweitig durchaus „künstlerisch“ verhält, und damit meine ich nicht den schwarzen Rolli, sondern die Haltung dem Leben gegenüber, die durchaus von Kreativität jenseits von „Basteltisch“ und denk- und tatkräftiger gesellschaftlicher Teilnahme geprägt ist, aber eine einem selbst wichtige Ausdrucksmöglichkeit nach der „neuen Regelung“ wegfallen muss? Werde ich bestraft, wenn rauskommt, was ich im Keller mache…?

Warum stört Dich die Haltung der KollegInnen eigentlich? Das finde ich im Moment am spannendsten… glaubst Du, dass sie damit „Kunst“ schaden? Mir kommt es nämlich so vor, als befreiten sie dadurch „Kunst“ von der Meinung vieler Otto-Normalrezipienten, dass das ein Metier sei, in dem man ohne große Arbeitsleistung  und oft aus Sch…. Geld machen könne.

Anders als es bei Dir klingt, glaube ich nicht an massenweise Selbstüberschätzung künstlerisch tätiger Personen, die einfach nicht einsehen wollen, wann es „genug“ ist; dass sie es nicht „bringen“. Ich glaube immer noch und immer wieder an Bandbreite und an den überbordenden Wunsch, sich auszudrücken und auszutauschen. Und das selbst bei den Etablierten, die ja eigentlich „Kunst“ „voranbringen“ sollen…

Und jetzt erhebe ich mein Glas. Auf Franz Kafka. 😉

Viele Grüße,

Sabine

Als P.S. ein zugegeben langes Eigenzitat:

Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn […]. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert.

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Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

*

Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

*

Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Ich benutze ein schnelllebiges Medium, aber ich versuche es für mich zu entschleunigen, indem ich es untypisch nutze; ich habe schon vorher dazu geschrieben.

Dazu gehört auch, dass ich zwar regelmäßig, aber nicht in allzu kurzen Intervallen poste, und es gehört dazu, dass ich zwar mehrere Kanäle nutze, aber nicht rund um die Uhr diese mit Neuigkeiten fülle. Bei dem einen reicht es einmal in der Woche, bei einem anderen poste ich u. U. nur alle drei Wochen etwas.

Das führt dazu, dass ich nicht immer in aller Munde bin, und manche vergessen mich sogar ganz. Damit muss ich leben, aber ich lebe sehr gut damit! Wenn es mir in erster Linie darum ginge, mich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wäre ich rund um die Uhr mit der Bewerbung meiner Person beschäftigt und hätte trotzdem das Gefühl, es nicht regelmäßig genug zu tun – es würde nie reichen; es gäbe immer noch etwas zu tun. Diese Unfreiheit im Denken und Fühlen würde mich derartig lähmen, dass ich meine Kreativität nicht mehr leben könnte. Und es ginge irgendwann Quantität über Qualität.

Aufmerksamkeit um jeden Preis.

In Promi-Leben, aber auch in so manchem No-Name-Leben ist das Geld. Nicht Zeit ist Geld: Aufmerksamkeit ist es! Wie wohltuend empfinde ich so manchen Sport-Star wie Stefanie Graf, so manche Schauspielerin wie Naomi Watts, die das nicht mitmachen möchten und auf ihr Auftauchen in den Klatschspalten oder Dauersichtbarkeit verzichten – aber wie gut kann ich das auch verstehen! Die, die immer gesehen werden wollen, werden belächelt, die anderen als charakterlich fester und würdevoller empfunden. Wer würde nicht lieber zur zweiten Gruppe zählen…

Allerdings muss man sich das eben auch leisten können oder leisten wollen – ich zähle mit meinem Einkommen ganz klar zu den „leisten wollen“-Menschen 😉 . Ich war mal nah dran, eine Mitarbeit an einem Projekt zuzusagen, für die ich fair entlohnt worden wäre, mich zeitlich aber auch sehr gebunden hätte. Die ersten Verhandlungsschritte waren bereits gegangen, da kam die Nachricht, dass jemand anderes gefunden worden war, der noch besser ins Anforderungsprofil passte. Für etwas angefragt und dann doch nicht genommen zu werden enttäuscht womöglich immer, aber ich habe schon während der ersten Gespräche zur Sache gespürt, wie ich mich innerlich gegen das gebunden-Sein sträubte – und letztendlich erleichtert über die Absage war. Es wäre ein ständiger Kampf um den Erhalt eines kleinen bisschen Freiheit in meinem kreativen Leben gewesen.

In der Kunst, in der Kreativität ist es schwierig, unfrei zu sein, auf welche Art auch immer. Man darf keinem anderen Herren dienen außer ihr, sonst wird’s unglaubwürdig. Wenn man sich von jemandem bezahlen lässt, sind für mich zwei Dinge zu trennen: der Auftrag: bei diesem ist der Auftraggeber Herr im Haus und bezahlt die Arbeit, das Projekt, und: die aus eigenem Antrieb heraus entstandene kreative Arbeit: bei ihr bin ich die Herrin im Haus und „bestimme“ einerseits (z. B. den Preis) ganz allein, andererseits kann ich da die Abnahme oder auch nur die Betrachtung nicht einfordern. Ich gehe in Vorausleistung, aber es ist mein Anliegen, es zu tun. Ich lasse mir nicht die Arbeit, das Entstandene als solches bezahlen, da es nicht für alle Abnehmer denselben Wert hätte, auch nicht denselben monetären Wert. Ich lasse mir vor allem die Zeit bezahlen, die ich mit der Entstehung zugebracht habe. So natürlich auch bei einem Auftraggeber, aber der für mich größte Unterschied ist eben: der Auftraggeber hat ein Interesse an der Entstehung genau dieser Arbeit; sie ist sein Anliegen. Ich bin das Mittel zum Zweck, und als Mittel zum Zweck muss man sich geradezu entlohnen lassen. Habe ich das Anliegen und es entsteht daraufhin etwas, dann ist mein Lohn, meine Belohnung, dass ich mir die Zeit nehmen und etwas entstehen lassen kann, das mein Anliegen ist. Jegliche monetäre Entlohnung ist in dem Fall nur das Tüpfelchen auf dem i.

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