Erwartungen – Interview zum Jahresende

Interviewer: Guten Tag! Heute wollen wir uns also über das Thema „Erwartungen“ unterhalten… wobei gleich die Frage nahe liegt: was erwarten Sie von diesem Gespräch?

Sabine Pint: [lacht] Guten Tag! Tja, was erwarte ich von unserem Gespräch? Dass es ein gutes wird… vielleicht, dass mich die eine oder andere Antwort, die ich gebe, selbst überrascht… dass meine Antworten Sie zu weiteren spannenden Fragen inspirieren… ja, und dass Sie sich selbst auch einbringen mit Ihren [betont das Wort] Antworten zu meinen Antworten.

I: [schmunzelt] Ich werde mir Mühe geben!

SP: [lacht] o.k.!

I: Fangen wir beim Begriff selbst mal an: positiv oder negativ besetzt?

SP: Upps… [zögert] eigentlich weder/noch, aber da müsste ich länger drüber nachdenken…

I: Wir haben doch Zeit, oder?

SP: Klar! [zögert länger] Ich würde bei weder/noch bleiben; der Begriff selbst ist weder positiv noch negativ; er beschreibt nur ganz neutral ein Gefühl. Ich glaube, ob und wie man das wertet, Erwartungen zu haben [betont das Wort] – das wird an den Erfahrungen liegen, die man dann jeweils macht… [schmunzelt] ich merke gerade, dass der Begriff bei mir doch irgendwie besetzt ist, weil ich mir vorgestellt habe, dass die Erwartungen bestätigt oder enttäuscht werden können – und man ja demnach etwas Gutes erwartet hat! Dabei können ja auch negative Erwartungen bestätigt werden; wenn sie enttäuscht [demonstriert Anführungszeichen] werden, ist man ja selten enttäuscht, eher erleichtert und froh…

I: Ja, aber das stimmte dann ja trotzdem, dass es eng mit Erfahrungen verknüpft ist: wie oft wird meine Erwartung bestätigt, egal ob eine positive oder eine negative…

SP: Ja. Ich frage mich gerade, inwiefern sich Erwartung [demonstriert Anführungszeichen] unterscheidet von Erfahrung [demonstriert Anführungszeichen]…

I: Ich glaube schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind.

SP: Irgendwo kommen die ja her, die Erwartungen…

I: Sie meinen, die beruhen auf Erfahrungen?

SP: Oje… [verzieht den Mund] ich glaube, mein Kopf qualmt jetzt schon! o.k., nochmal neu gedacht… vielleicht mit einem Beispiel: erstes Verliebtsein. Damit hat man dann noch keine Erfahrungen, aber jede Menge diffuser Erwartungen, guter [betont das Wort] Erwartungen! Je nachdem, ob das erwidert wird oder nicht, ist man enttäuscht oder nicht.

[Interviewer nickt]

Und die Erfahrungen, die man in verschiedenen Lebensbereichen macht, lassen einen eher Gutes oder eher Schlechtes erwarten… da bilden die Erfahrungen quasi die Erwartungen.

I: Dann hat das eher mit dem Alter zu tun…?

SP: Nicht schon wieder! [verdreht gespielt die Augen] Seit ich in diesem Jahr 50 geworden bin und dachte, einen Blog-Beitrag dazu bringen zu müssen [demonstriert Anführungszeichen], jagt mich das Thema etwas…

I: Wirklich? Das tut mir leid! [macht gespielt mitleidigen Gesichtsausdruck]

SP: Muss es nicht! [macht gespielt souveränen Gesichtsausdruck] Aber ernsthaft: ist es nicht so, dass zumindest das Wort Erfahrung schon von sich aus ganz viel mit Alter oder Älterwerden zu tun hat? Erfahrungen kommen eben mit der Zeit, und Zeit ist gleich Alter. Und ich denke, dass auch Erwartungen sich da irgendwie anpassen…

I: Das kann schon sein…

SP: Aber Sie haben recht; nicht in allem, fällt mir gerade ein! Zum Beispiel weiß ich schon ganz lange, dass man von sich nicht auf andere schließen sollte, und weiß vom Kopf her auch, dass das ja auch vermessen wäre, zu tun. Aber bestimmte Dinge zu erwarten kann ich einfach nicht abstellen! Irgendeine Reaktion zu bekommen zum Beispiel auf irgendetwas von mir, eine Frage, eine Aussage, eine Handlung, einen Gruß. [macht eine kleine Pause] Vielleicht habe ich den Ruf weg, oft das letzte Wort haben zu wollen, weil ich dem anderen nicht das Gefühl geben möchte, ihn oder sie zu ignorieren… [lacht]

I: Sie wollen sich mit Ihren Mitmenschen auseinandersetzen…

SP: Ja. Sicher mal mehr und mal weniger, je nachdem, aber Ignoranz [betont das Wort] ist der Untergang für’s Miteinander schlechthin, der Untergang für Verständigung. Oder erst mal für den Willen zu Verständigung.

I: Womit wir wieder bei der eher neutralen Bewertung des Begriffs Erwartung wären – Erwartungen sind ja nicht per se schlecht.

SP: Nein, eben. Was sind Freundschaft und Liebe wert, wenn man an die beteiligten Menschen keine Erwartungen hätte! Erwartung von grundsätzlichem Wohlwollen, von Loyalität, dass die Worte, die gewechselt werden, zum Verhalten passen…

I: Ja.

SP: [nachdenklich] Ich möchte verlässlich sein, im besten Sinne einschätzbar, und nicht nur im Privaten. Es wäre schlimm, wenn ein Chef nichts von mir erwartete. [hebt die Schultern, macht eine kleine Pause] Oder wenn er oder sie nicht wüsste, was von mir zu erwarten ist. [Pause] Oder wäre… [Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Was mein „mentales Standbein“ [demonstriert die Anführungszeichen], wie ich mein kreatives Leben immer nenne, angeht: ich habe nur wenige Menschen, die es interessiert, was ich mache; derzeit verfolgen 35 Menschen meinen Blog. Aber selbst, wenn es nur eine Person wäre, könnte die sich drauf verlassen, dass sie dieselbe Qualität bekäme wie wenn es 350 wären, oder 3500.

I: Erleben Sie Erwartungen an Sie nie als Druck?

SP: Ich glaube, ich bin durch die Jahre ziemlich gut darin geworden, zu spüren, was ich fühle, und das dann auch zu sagen. Sie müssen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich jede klitzekleine Empfindung mitteile, aber so etwas wie Druck – das müsste [betont das Wort] ich ja schon fast kundtun!

I: Warum, weil die Empfindung eine größere, eine wichtigere ist?

SP: Ja, weil Druck mit mir so viel macht, das nicht gut ist. Er macht mein Denken eng, Kreativität verabschiedet sich beinahe völlig…

I: Könnten Sie Ihre Kreativität nicht dazu nutzen, den Druck auszugleichen… oder ihm auszuweichen?

SP: Ich glaube einerseits, dass da die Grenze meiner persönlichen Kreativität erreicht wäre, ernsthaft… [macht eine kleine Pause] Andererseits sehe ich gar nicht mehr ein, dass etwas in meinen Augen so Unnötiges wie Druck die sonst mögliche gute Qualität meiner Arbeit schmälert. Wenn man nach einiger Zeit die schlecht gemachte Arbeit betrachtet, steht da nicht dran, dass sie unter Druck entstanden und daher schlecht ist.

I: Apropos Zeit: Zeitdruck ist etwas, das auch mal einfach so entsteht, und mit dem zum Beispiel ein Mitarbeiter umgehen muss…

SP: Ich würde mir die größte Mühe geben! [schmunzelt] Aber auch Zeitdruck hat doch meistens eine Geschichte…

I: Älterwerden lässt Sie die Erwartungen an sich selbst herunterschrauben; könnte man das so sagen?

SP: Ich würde es anders ausdrücken: Mein Älterwerden verändert [betont das Wort] die Erwartungen an mich selbst. Einige verabschieden sich möglicherweise ganz – das Druck-Thema, oder, auch ganz beliebt in jungen Jahren, anderen gefallen zu wollen – andere wie Authentizität steigen womöglich noch…

I: Tatsächlich? Sie kommen mir sehr authentisch vor!

SP: Dankeschön! [lächelt, wird sofort nachdenklich] Manchmal weiß ich nicht, wie ich Menschen sagen soll, dass ich denke, dass sie zu wenig Interesse an mir haben, um es Freundschaft [demonstriert Anführungszeichen] zu nennen. Ich schwanke dann zwischen dem Impuls, das irgendwann auszusprechen und dem Wunsch, Beziehungen einfach hinzunehmen, wie sie sind, auf die Gefahr hin, nicht erklären zu können, warum ich mich vielleicht wirklich zurückziehe. Dieses Thema arbeitet schon jahrelang in mir… [macht eine Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Vielleicht ist das mein ewiger Wunsch nach Klarheit, gepaart mit meiner Abscheu vor Willkür… ich möchte [betont das Wort], wenn ich mich von jemandem zurückziehe, gerne auch erklären, warum… und es ist ja nur schwierig, wenn im Grunde nichts Nennenswertes vorgefallen ist…

I: Vielleicht machen Sie sich zu viele Gedanken…? Oder anders: Sie denken sehr bewusst über die Dinge nach. Glauben Sie, dass andere das auch machen?

SP: Ja, das glaube ich schon. Manchmal erlebt man in Gesprächen ja die Überraschung, dass sehr ähnliche Gefühle und Gedanken im Gegenüber sind, und fragt sich, warum man nicht schon längst mal miteinander geredet hat… ich hätte aber bei einigen Sorgen, dass sie sich zu dem Satz ‚Stimmt, im Grunde interessierst du mich nicht besonders‘ nicht durchringen könnten, wir im Gespräch rumeiern und die Betroffenen in Zukunft glauben, sie müssten Interesse zeigen, wo gar keines ist… gruselige Vorstellung!

I: Ja, etwas an- oder auszusprechen birgt immer ein Risiko! [lacht]

SP: Ja. Ich bräuchte schon vorher die Garantie eines konstruktiven Austauschs… gibt’s natürlich nicht…

I: Sie erwarten [zieht die Augenbrauen hoch und nickt mehrmals] etwas Bestimmtes von zum Beispiel Freundschaft…

SP: Ja klar… wie alle anderen auch, sollte man doch meinen… es muss ein gegenseitiges ungefähr gleich großes ehrliches Interesse am anderen sein, sonst wird es nicht funktionieren, bei allem guten Willen nicht… Interesse kann man aber nicht einfordern; auch das macht ein Gespräch darüber schwierig… [Pause; guckt auf die aufgeschlagene ‚a tempo‘-Ausgabe von Dezember 2017; der Interviewer fängt den Blick auf]

I: [verdreht den Kopf, liest] „Du wirst erwartet“.

SP: Ja. Wieder was Lesenswertes von Jean-Claude Lin… ich nehm‘ das Heft regelmäßig bei ‚dm‘ mit; hängt kostenlos an den Kassen aus.

I: [dreht es zu sich um, liest] „Zu jedem menschlichen Leben gehört die Empfindung, erwartet zu sein.“ Von wann ist das Heft?

SP: Von diesem Monat. [schmunzelt] Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, ziehe ich alles Mögliche zum Thema an, immer. Aber das erzählen andere auch; das ist anscheinend normal.

I: Ja, das Beispiel mit den Schwangeren, die man auf einmal nur noch sieht, wenn man selbst schwanger ist.

SP: Genau! [lacht; wird wieder ernst] Lin zitiert hier Rudolf Steiner: [nimmt das Heft auf, liest] „Wir kommen uns dann so vor, wie wenn wir unser individuelles, persönliches Dasein auf der Erde etwa durch folgenden Vergleich charakterisieren können. Irgendwo ist eine Versammlung. Wir sind aufgefordert, in diese Versammlung zu kommen. Wir sind deshalb aufgefordert, in diese Versammlung als Einzelner zu kommen, weil man dort darauf wartet, dass gerade das gesagt wird, was nur wir, was das einzelne Ich als persönliche Individualität vorbringen kann.“ Und Lin schreibt weiter: „Es kann aber sein, dass wir nicht hingehen, dass wir im Leben etwas tun, wodurch wir verhindert werden, dort hinzugelangen, wo wir erwartet werden – oder dass wir nicht verstehen, was von uns erwartet wird. Manches Tragische im Leben scheint mit dieser verfehlten Wahrnehmung des geheimnisvollen Erwartet-Werdens zusammenzuhängen.“ Das erscheint mir sehr wahr…

I: Ja…

SP: Ich bin nicht sehr gut im Auswählen. Mir reicht, wenn mir eine Person sympathisch ist; dann kann quasi alles aus der Verbindung entstehen! Naja, fast [betont das Wort, schmunzelt] alles. Man muss nicht dieselben Beschäftigungsvorstellungen haben, nicht dieselben Neigungen und Abneigungen, nicht dieselbe politische Einstellung. [Pause] Obwohl die sehr viel bedeutet. Ich merke jetzt, da mein Lebensgefährte auch ein Seelenverwandter ist, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der da ähnlich tickt, der so ähnlich oder sogar deckungsgleich auf die Gesellschaft schaut, auf die Welt. Wie wir unsere Rolle darin sehen, darin unterscheiden wir uns dann wieder, aber von vielen anderen trennt mich offensichtlich entschieden mehr. Das weiß ich aber beim Kennenlernen noch nicht, und wüsste ich es, [macht eine kleine Pause] würde ich dann anders mit dem Menschen umgehen, würde ich das weitere Kennenlernen, die Verbindung vermeiden? [Pause] Vermutlich ja nicht…

I: Ich überlege gerade, ob Menschen, aus deren Kennenlernen dann keine Freundschaft entsteht, das bewusst vermeiden… [schüttelt den Kopf]

SP: Nein, so glaube ich das auch nicht… aber was mein Leben angeht finde ich es schon bemerkenswert, dass sich da so viele so unterschiedliche Menschen tummeln, die es nicht weiter interessiert, womit ich mich beschäftige, wohingegen Menschen, die sich leichter finden müssten – die mich [betont das Wort] leichter finden müssten – irgendwie an mir vorbei kommen [lacht]… oder, finde ich mal jemanden, mit dem ich Austausch spannend fände, weil ich viele Berührungspunkte sehe, möchte sie mich nicht weiter kennenlernen, weil es durch räumliche Trennung in erster Linie über’s Netz gepflegt werden würde.

I: Sie?

SP: Ja, diese Person, die ich gerade meinte, ist eine Frau. Hat sich entschieden, mit Kunst aufzuhören; vielleicht war das ja mit ausschlaggebend. Obwohl ich damit, was man gemeinhin darunter versteht, ja nie angefangen habe. Ich gehöre – zum Glück – [hebt den Zeigefinger, schmunzelt] keiner Szene an, bin keine offizielle Künstlerin, aber bezeichne mich auch inoffiziell nicht so, weil es nicht gut passen würde. Ich habe keinen Namen, keinen bestimmten Stil. Ich drücke mich auf verschiedenen Wegen kreativ aus, als irgendein Mensch. Ich glaube, das trifft es am besten.

I: Vielleicht ist das gerade schwierig für andere, einer Person zu begegnen, die sie nicht direkt sauber „einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] können…

SP: Kann auch ’ne Rolle spielen, klar… wobei ich mich immer frage, ob man irgendjemanden „sauber einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] sollte beim Kennenlernen oder ob nicht gerade das ein echtes Kennenlernen verhindert.

I: Mir ist etwas aufgefallen: vorhin sagten Sie, dass Sie denen, von denen Sie sich zurückziehen, das gern erklären würden…

SP: Ja…

I: Sie sagten auch, dass Sie den Eindruck hätten, dass zu wenig Interesse an Ihrer Person bestünde, was Sie erst veranlasste, sich zurückzuziehen, richtig?

SP: Ja…

I: Haben Sie es schon mal so betrachtet – wenn man voraussetzt, dass es stimmt, dass Ihr Gegenüber nicht wirklich Interesse hat – dass der Rückzug schon längst von der anderen Seite aus stattgefunden hat…?

[eine längere Pause entsteht]

SP: [lächelt, nickt] Ja, irgendwie schon… also nein: so habe ich es noch nicht betrachtet… dankeschön…

I: Sie haben insgeheim die ganze Verantwortung übernommen.

SP: [gespielt entrüstet] Ist das ein Interview oder ’ne Therapie-Sitzung? [schmunzelt]

I: Sagen Sie nicht immer, dass die Dinge kein Etikett brauchen?

[beide lachen]

SP: Nein, wirklich: dankeschön! So betrachtet beruhigt sich sogar der sonst so starke Impuls, das irgendwann ansprechen zu müssen… erstaunlich! Mal sehen, ob ich diese Betrachtungsweise etwas kultivieren kann…

I: Vielleicht neigen Sie auch beim Netz-Auftritt dazu, die gesamte Verantwortung zu übernehmen…? Ist nur eine Frage…

SP: Da würde ich ziemlich entschieden ‚nein‘ sagen.

I: Sie schreiben für 35 Personen, sagen Sie…?

SP: Ja, derzeit sind es 35, die den Blog abonniert haben. Wer davon tatsächlich mitliest, weiß ich nicht; Feedback durch ein Like oder gar eine Wortmeldung bekomme ich selten. Das heißt, ein Künstlerkollege setzt regelmäßig unregelmäßig mal ein Sternchen, aber Wortmeldungen sind – auch in den vier Jahren jetzt – eine absolute Ausnahme. Aber wenn, war es jemand der immer selben drei Personen.

I: In welchem Abstand bekommen Sie Kommentare?

SP: Das sind ziemliche Abstände… manchmal liegen Monate, manchmal ein halbes Jahr, manchmal ein Jahr dazwischen… so ungefähr.

I: Und in welchen Abständen posten Sie Beiträge?

SP: Ca. alle drei bis sechs Tage. [kurze Pause] Was ich wirklich gerne wissen würde: ob meine Abonnenten den Blog auch so abwechslungsreich finden wie ich selbst ihn finde. [lacht] Vielleicht reduziere ich die Postings im nächsten Jahr auf einmal wöchentlich, aber das hatte ich mir schon mal vorgenommen und nicht durchgehalten. Es gibt so viel Teilenswertes zum Thema Kunst, Kultur, Mensch, Gesellschaft!

I: „Offener Blick und offenes Ohr – für respektvolles und vernünftiges Miteinander“ heißt Ihr Blog im Untertitel. Sind Sie von der Kunst als alleinigem Thema abgerückt?

SP: Kunst war und ist der Aufhänger, weil Offenheit mit ihr am „ungefährlichsten“ [demonstriert die Anführungszeichen] zu trainieren ist. Aber sie war von Beginn an nicht alleiniges Thema.

I: Haben Sie dann überhaupt eine Zielgruppe im eigentlichen Sinn?

SP: Sicher keine spezielle… aber ich habe eine Wunschvorstellung von einem Gast, der meine Seiten besucht, egal ob Blog, Homepage oder meine Gemeinschaftsseite bei facebook, die auch „Kunst ist für die Menschen“ heißt. In meinem gedachten Idealfall trifft ein Mensch, der kein Kind mehr aber sonst egal welchen Alters ist – nach unten ist der Reifegrad ja offen – auf-

I: Nach oben aber auch! [lacht]

SP: [schmunzelt] Das stimmt! Also dieser gedachte Mensch kommt zufällig auf meine Seite, im Blog entweder auf den aktuellen Beitrag oder auf irgendeinen älteren, liest an, liest ihn bis zum Ende und wird durch irgendetwas dort zum Weiterdenken meiner und seiner Gedanken angeregt. Manchmal schlage ich eine spezielle Übung [demonstriert Anführungszeichen] vor, auf die man sich bei Interesse einlassen kann. Die Steigerung ist, dass dieser Jemand Kontakt zu mir aufnimmt, mir erzählt, was der Beitrag eventuell ausgelöst hat. Die Steigerung dazu wäre, dass ein Gespräch zwischen uns entsteht, und die nochmalige Steigerung wäre, dass sich andere, die ebenso zufällig dort hineingeraten sind, sich mit unterhalten. Und die abermalige [betont sehr das Wort] Steigerung wäre, wenn dieser – ich sage mal: Ur-Gast [schmunzelt] noch ein, zwei andere Beiträge bei mir anliest, feststellt beziehungsweise das auch so sieht, dass der Blog unglaublich abwechslungsreich, und, wenn man die Anregungen und Einladungen zum sich-Einbringen wahrnimmt, auch spannend ist, mich öfter bewusst aufsucht. Die Schwierigkeit liegt lediglich darin, dass dieser gedachte Jemand, den es bestimmt gibt, mich beziehungsweise einen Beitrag von mir findet, der genau das anspricht, was ihn gerade im Leben interessiert. Ein Klacks. [schmunzelt]

I: Sie bewegen sich in einer Nische.

SP: Ich glaube, dass mir das bewusst ist, hilft mit, dass ich nicht wie viele, viele andere aufstecke, bei denen das Feedback genauso ausbleibt. Noch schwerer haben es wissenschaftliche BloggerInnen. Die müssen ständig Relevantes veröffentlichen, aber dürfen es nicht in einem Blog tun, wenn sie anerkannt sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass das Problem ist, dass dann „jeder Hinz und Kunz“… [demonstriert die Anführungszeichen, der Interviewer nickt] aber ich stelle es mir noch frustrierender vor. Kürzlich las ich im Blog einer wissenschaftlichen Bloggerin, dass sie Dinge zurückhält, die sie nicht „versenken“ will, wie sie es nannte. Wenn ich das auch so sehen und handhaben würde, ginge mein Leben vorbei, die Dinge blieben in mir verborgen und vergammelten da. Ich möchte [betont sehr das Wort] nichts zurückhalten müssen! Wofür?

I: Ja, ich verstehe die beiden Seiten…

SP: Ja, ich auch. [längere Pause] Es geht doch darum, egal, womit man sich im Leben beschäftigt, einen Sinn in dem zu sehen, was man tut. Und wenn ich mir die Weltnachrichten so ansehe, gibt es sicher sinnfreiere Unterfangen, als im Netz für Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben. Und wenn ich mit dem Argument konfrontiert werde – und manchmal findet diese Konfrontation schon von allein in mir selbst statt –, dass ich doch so wenige bloß erreiche – ich habe auch schon mal von einer Person gehört, dass sie es unverständlich findet, was ich schreibe –, dann würde ich mit dieser Text-Passage von Rudolf Steiner antworten. [tippt auf das ‚a tempo‘-Heft] Also frei formuliert: andere Stimmen gibt es schon. Warum soll ich nicht mit meiner individuellen Stimme das in die Welt einbringen, was mir sinnvoll erscheint? Ich war noch nie der Ansicht, dass jeder zu jedem Zeitpunkt jedem, der ihm begegnet, etwas geben kann; es muss sich die wunderbare Fügung des Zusammenpassens ereignen. Und ich kann nicht sagen, dass ich das erwarte [betont sehr das Wort] – es wäre mir aber jedes Mal ein Geschenk. Ich habe das Gefühl, das sage ich jedes Mal, wenn es Thema wird: ich bin oder habe nur ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann. Auch die Ablehnung ist o.k., aber ich halte es nicht für sinnvoll, über das Angebot an sich zu diskutieren. Damit träte man mir, damit träte man aber auch allen anderen Menschen zu nah, finde ich.

I: Die Erwartung ginge Ihnen zu weit, dass Sie sich für andere ändern, verändern müssten…

SP: So eine Veränderung, die dann allen gerecht würde, gibt es nicht, also bleibt man doch lieber bei sich! Das hat nichts mit Kompromisslosigkeit zu tun; ohne Kompromisse würde kein Zusammenleben funktionieren. Aber das ureigene individuelle Angebot, das man mit dem persönlichen Sinn, mit dem eigenen Lebensinhalt macht – das sollte doch schon so stehenbleiben dürfen, wie der Lebens“inhaber“ [demonstriert die Anführungszeichen] es sich vorstellt, oder? [schmunzelt, der Interviewer nickt]

I: Ich hoffe, die Gesprächserwartung hat sich erfüllt!

SP: Von meiner Warte aus sehr! Und von Ihrer?

I: Ich hätte gerne noch den Ausblick auf’s nächste Jahr… erwarten Sie etwas? [schmunzelt]

SP: Ich erwarte tatsächlich etwas, aber nicht sehr konkret… ich werde zum ersten Mal an einem Mail Art-Projekt einer Kreativkollegin teilnehmen. Drei Personen kommen zeichnend miteinander ins Gespräch – nur über das Zeichnen, wohlgemerkt. Die Initiatorin ist eine Künstlerin, die ich nur online kenne, die dritte Person im Bunde ist mit ihr bekannt, also kennen wir drei uns untereinander eher nicht. Als ich den Aufruf bei Heike Sackmann sah, war ich sofort begeistert! Ich bin gespannt, ob man nachher den Eindruck hat, sich ein bisschen kennengelernt zu haben, oder das Gespräch nach außen eine bestimmte Wirkung hat. Ich würde fast sagen: ich erwarte nichts, bin aber voller Vorfreude. [lächelt]

I: Dann kommen Sie mit dieser Vorfreude gut ins nächste Jahr! Vielen Dank für das Gespräch.

SP: Ebenfalls einen gelungenen Jahreswechsel und herzlichen Dank.

 

[Das Gespräch wurde privat geführt und aufgezeichnet im Dezember 2017]

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cof

cof

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Die mögliche Verbindung zum individuellen Wesentlichen

https://www.taz.de/!5396305/

Zitat aus dem Interview: „Wenn sich ein Werk auf Malewitschs Schwarzes Quadrat bezieht, muss man erstens Malewitsch kennen und zweitens wissen, dass er sich auf Ikonenmalerei bezieht. Man muss drei Ebenen erklären. Wir überlegen gerade, wie wir das geknackt kriegen. Im Idealfall hätte man den Multimedia-Guide für jedes Exponat. Das ist ein kostspieliges, langfristiges Ziel.“

Dazu Anke von Heyl am 12. April auf ihrer facebook-Seite:

„Sehr spannendes Interview mit dem Chef der Hamburger Kunsthalle. Ich wage mal die These, dass ein Multimedia-Guide nicht zwingend die Lösung für das Vermitteln äußerst komplexer Zusammenhänge sein muss. Die Frage ist, ob man als Vermittlungsziel das Wissen um alle historischen Bezüge in den Vordergrund stellen sollte.“

*

Inspiriert durch Anke von Heyls Beitrag auf ihrer facebook-Seite und das dortige gute Gespräch dazu, aus dem ich hier nichts wiederholen möchte, steige ich gleich steil ein: Wenn Kunst für alle Menschen ist – wovon ich ja ausgehe – kann Kunstvermittlung dann überhaupt zielgerichtet funktionieren, wenn das Ziel ständig umdefiniert werden muss nach Gruppe und Einzelperson, Alter, Wissensstand, kultureller Herkunft, Interesse (Stichwort „Schülergruppen“) …?

Ist der geringste Anspruch dann der, dass der Mensch, dem vermittelt werden soll, überhaupt erst mal bleibt und weiter zusieht und zuhört, und liegt die Kür dann darin, einem best-vorgebildeten, wissensdurstigen, kunstinteressierten Menschen, der alle Zitate versteht, noch mehr Wissen zu geben in einem „Fach“, das in seinen Inhalten keine allgemein menschliche Objektivität hat, sondern die bestimmt werden durch die jeweiligen Machthaber der einzelnen Kunst-Bereiche und Institutionen, ungeachtet der vielen Einflüsse und Eindrücke drumherum? Ungeachtet der Tatsache, dass das, was innerhalb des Kunstbetriebes, -marktes, -kanons entsteht, für „Kunst“ befunden wird und in diesem Begriff verbleiben darf, immer auch außerhalb gedacht und gearbeitet werden kann und, setzt man dieses voraus, dann sicher auch wird?

Vielleicht liegt der Gewinn von „Vermittlung“ ja gar nicht im (ohnehin überschätzten) „Verständnis“ für eine künstlerische Arbeit. Vielleicht liegt der Gewinn schlicht darin, Menschen, denen das fremd ist zu zeigen, dass Menschen sich über Kunst ausdrücken und das genau so „normal“ ist wie der Ausdruck über jede andere Sprache. Vielleicht bringen Gespräche auf den unterschiedlich möglichen Niveaus, vielleicht bringen die Fragen der Menschen auf den unterschiedlich möglichen Niveaus die – ich glaube, ebenfalls allen – mögliche Verbindung zu ihrem individuellen Wesentlichen.

*

KunstvermittlerInnen leisten gute Arbeit – innerhalb des Systems.

Ich komme immer wieder dazu, mich zu fragen, ob ich in der Ansicht und in der Diskussion radikaler sein muss, was mir total widerstrebt.

Kann ich gleichzeitig sagen:

o.k., das ist der Kunstbetrieb, der so funktioniert, wie er eben funktioniert, mit all seinen Kreativschätzen und dem Bemühen um deren Vermittlung, aber eben auch mit den negativen Auswirkungen: Ausschluss Vieler im Erschaffen und Rezipieren (auch wider alle Vermittlungsversuche), Entwicklung krimineller Energien (Stichworte „Handel“ und „Fälschung“) usw. (die Liste ist beliebig verlängerbar)

und

ich wünsche mir ein co-kreatives Herangehen an Kunst, und zwar an jegliche Kreativarbeit eines jeglichen Menschen?

Passt das? Geht das? Und wenn ja: wie geht das?

Oder geht das einfach nicht zusammen, weil ein co-kreatives Herangehen an jegliches Thema Bewertung verbietet, Belehrung verbietet, und „Lehre“ und „Lernen“ da einfach anders funktionieren…?

Ich habe immer gesagt: die Arbeiten, die heute offiziell zu „Kunst“ zählen, und die wir alle schätzen und bewundern, gehen doch nicht verloren, und sie entstehen auch weiterhin neu.

Aber was ist, wenn wir uns das neu-Entstehen unter anderen, unter co-kreativen Vorzeichen vorstellen? Wie funktioniert dann zum Beispiel Aufmerksamkeit ohne geförderte Bewerbung, wie funktioniert dann überhaupt Förderung – gibt es sie dann überhaupt noch? Muss es sie dann noch geben? Wenn Kunst überall und frei auftreten kann, ohne in den Kontexten gefangen zu sein, in denen wir sie erwarten: Museen, Auftritte, Vernissagen, Midissagen, Finissagen, Konzerte, Ausstellungen, … wie stehen wir dann zum kreativen Ausdruck von Menschen? Wie wird dann geplant, wie wird dann bezahlt (Hallennutzung, Museumsunterhaltung, Technik, Strom, Personal, …)? Wie werden die Kreativen entlohnt? Werden sie entlohnt, oder kann man sich „Bezahlung“ für eine „Leistung“ auch ganz anders vorstellen, auch jenseits von Tauschhandel? Was passiert mit hochpreisigen Umsetzungen von Kunst? Denken Künstler durch etwaige Beschränkung (die ja andererseits durchaus vernünftig sein kann) anders, ohne ihre Idee verraten zu müssen?

Was wäre, wenn „Kunst“ ein „ganz normaler“ zusätzlicher Ausdruck der Menschen wäre?

Vielleicht unterstützte es sie ja im Finden ihres individuellen Wesentlichen, das, wie ich es empfinde, ein wichtiger Beitrag für inneren und äußeren Frieden ist.

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Vision

https://www.facebook.com/KenFM.de/videos/10153877883701583/?pnref=story

Der erste Teil des Textes bezieht sich auf dieses facebook-Video von KenFM und auf die Reaktionen, die das Teilen auf meiner privaten, nicht gemeinschaftlichen facebook-Seite https://www.facebook.com/sabine.pint hervorgerufen hat.

Im zweiten Teil schlage ich einen Bogen zur Kunst und zu den Erwartungen an diese.

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Es steht und fällt immer alles mit dem Inhalt einer Sache, den es zu hinterfragen und zu untersuchen gilt.

Es funktionieren nicht mehr kurze Schlagsätze oder gar –wörter, weil dann der Inhalt vom Zuhörer bestimmt wird statt vom Sprecher; alles sollte möglichst differenziert erklärt werden, auch, wenn das Mühe macht und gefühlt die Meisten dann abschalten bzw. weiterklicken statt zuzuhören bzw. zu lesen und sich auseinanderzusetzen.

Ich fand das Ken-Jebsen-Video gut, weil es einen Aspekt der USA-Wahl aufgreift, der bei den üblichen Be- und Verurteilungen der Kandidatin und des Kandidaten in Medien und Sozialen Netzwerken immer noch zu kurz kam: die Wichtigkeit von sozialer Gerechtigkeit.

Ich finde mit ihm, dass etablierte Parteien hüben wie drüben versagt haben, was dieses Thema anbelangt, weil allen etablierten Parteien die Wirtschaft so nah ist und das dann – aus Gier, nicht aus Vernunft, denn nötig ist es nicht – Interessenkonflikte gibt, die zu nahezu 100 % eben der Wirtschaft zugutekommen und nicht dem berühmten „kleinen Mann auf der Straße“. Ich würde ‚Die Linke‘ zwar noch ausnehmen, weil sie noch nie so weit oben war, ihr gegenüber den anderen Parteien sozialeres Wahlprogramm im Praxistest beweisen zu müssen, aber die Geschichte beispielsweise der ‚Grünen‘ gibt Jebsens Ernüchterung recht.

Was bedeutet das für mein Wahlverhalten? Ich möchte niemanden wählen müssen, der einfach nur donnernd bis unverschämt auftritt und mit Inhalten (bislang; in Trumps Fall) geizt, um das Establishment abzuwählen; ich möchte nicht Dieter Bohlen (Jebsens Beispiel) wählen, wenn er sich aufstellen ließe, um niemanden der anderen wählen zu müssen. Gar nicht zu wählen lässt braunen Sumpf steigen und kann daher auch nicht das Mittel der Wahl(!) sein, solange sich nicht ein ganzes Land verlässlich (gleich utopisch) auf Nichtwählen einigt…

Wenn es mir also um Inhalt geht, dann bleibt mir nur die rechtzeitige gleich stetige Auseinandersetzung mit möglichst allen Inhalten, derer ich habhaft werden kann, die dauernde aktive und offensive Begleitung dessen, was in der Welt geschieht. Dazu gehört die (wenn auch verbale, denn ich empfinde das eben nicht als negativ besetztes ‚nur‘) kritische Begleitung unseres herrschenden politischen Systems, das erlaubt, dass Menschen, die einmal durch Wählerbetrug (Stichworte ‚Wahlkampfversprechen‘ und sonstige Affären) an die Macht gelangt sind, nach einer so langen Zeit erst wieder abwählbar sind, in der schon soziale Unverträglichkeiten und Kriegspolitik Fuß gefasst haben. Ich finde, dass sich Menschen in derlei verantwortungsvollen Positionen durchaus auch verantworten müssen, und zwar genau so rechtzeitig und stetig, wie ich mich – so gut es eben geht – zu informieren habe. (Und wenn mir Informationen vorenthalten werden und ich das merke, mich eindeutig zu Wort zu melden.)

Das, was ich am Schlimmsten finde – bei mir fände und bei anderen finde – ist das defätistische „So ist eben die Realität“ ohne zu realisieren(!), dass wir so viel dieser Realität mitbestimmen: sei es im Drogeriemarkt, wo es wahnsinnig mühevoll ist, irgendein Produkt zu finden, dessen Markennamen nicht auf ‚Nestlé‘ als Mutterkonzern zurückzuführen ist, sei es beim Lebensmitteleinkauf, bei dem das komplette Milchregal der fragwürdigen Firma ‚Müller‘ zu gehören scheint, sei es beim Klamottenkauf, der durchweg „fair“ nur als Superverdiener umsetzbar ist.

Es ist an der Politik, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, es ist an jedem von uns, unser Leben verantwortungsvoll auszugestalten.

Was soll ich von Götz Werner (Gründer und Aufsichtsratsmitglied des Unternehmens ‚dm-drogerie markt‘, dessen Geschäftsführer er 35 Jahre lang war) halten, der seinen Mitarbeitern gegenüber ein dialogisches, respektvolles Führungskonzept vertritt, das mich begeistert, aber durch sein Verkaufsangebot so viel ‚Nestlé‘-Unterstützung betreibt, dass ich diesen Aspekt seiner Unternehmensführung ablehnen muss…? Genau: ich muss das trennen. Ich werde also nicht auf den kompletten Menschen Götz Werner schimpfen, genau so wenig, wie ich ihn nur bejubele. Das eine finde ich gut, das andere schlecht. Auf beides muss ich verbal und durch eigenes Handeln reagieren. Zurücklehnen ist keine Option, nicht mehr, nicht heutzutage mit unserem (Geschichts-)Wissen und nicht mit fast fünfzig.

Genau so gilt auch: ich muss aushalten oder immer besser lernen, auszuhalten, wenn Menschen diese Haltung nicht teilen, alles zu schwierig finden, mir und anderen vorhalten, wie wir uns bei all der Komplexität herausnehmen können, eine Meinung (und das auch nicht immer, weil man manchmal mitten in der Meinungsbildung ist – verwirrend!) zu haben, weil Draufhauen Vielen wohl leichter fällt als Auseinandersetzung mit dem Gegenüber… wenn ich (immer noch!) an Demokratie glaube, muss ich aushalten, dass einige Krieg besser finden als Frieden, dass es Menschen gibt, die den Kapitalismus, wie wir ihn leben, gut finden, weil sie als allein denkbares Gegenstück die ehemalige DDR als Argument haben… ich muss die „Leistung muss sich lohnen“-Menschen aushalten, obwohl schwer Schuftende oft die Letzten sind, die sich etwas leisten können, und für die, die es können, ihr Geld arbeitet… ich muss die aushalten, die es gut finden, dass man finanzielle Unterschiede den Menschen ansieht. Die, die sagen, dass Menschen nicht gleich sind und mit Biologie oder Mentalität argumentieren. Die, die rücksichts- und respektlos sind. Und die und die und die.

Und ich halte das auch alles aus, weil’s nur so geht, wenn man an Demokratie glaubt, weil ich ja auch eine bin, die es auszuhalten gilt, wenn man meine Ansichten nicht teilt.

Aber: man kann doch über alles sprechen, oder? Und zwar ohne dem Gegenüber respektlos zu begegnen. Indem man sich bestenfalls nicht über ihn oder sie ärgert, sondern sich mit dem Inhalt dessen auseinandersetzt, was sie oder er sagt oder teilt, und sich gegebenenfalls dann konstruktiv über einen Inhalt ärgert…

Okay, Ken Jebsen ist auch nicht gerade zimperlich. Aber was machen wir, wenn er recht hat, zornig zu sein und keine der etablierten Parteien – schlechtenfalls weltweit – eine Option ist für uns „kleine Leute auf der Straße“? Oder entwickeln wir uns weiter zu einem Land, in dem jeder froh ist, wenn er ein bisschen mehr hat als der Nachbar und sich für die allgemeine soziale Entwicklung daher nicht zu interessieren braucht…?

Hören wir besser auf, uns auszutauschen, weil uns nervt, dass es noch Menschen gibt, die an Austausch und Entwicklung durch Austausch glauben?

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Künstler tauschen aus. Sie schenken sich in einer kreativen Arbeit her, immer persönlich (dann ist es eine gute Arbeit, egal, ob sie „gefällt“) und manchmal sogar privat, und hoffen gegebenenfalls auf ein kleines bisschen Interesse.

Ich, die ich zu beiden Seiten gehöre, zu den Erschaffern eigener und zu den Rezipienten fremder Arbeiten, lebe die Kunst als einen zusätzlichen Ausdruck, wie eine zusätzliche Sprache, zu der alle Menschen grundsätzlich Zugang haben. Grundsätzlich.

Mir ist aber sehr, sehr bewusst, dass es Staffelungen in der Aufnahmebereitschaft gibt, abhängig davon, wo der Mensch auf der Bedürfnispyramide steht. Das alte Schulwissen ist immer noch gültig: wer um sein Leben rennt, bleibt nicht für ein Kunstwerk stehen; wer nicht weiß, wie er über den Monat kommen soll, kauft sicher keine Kunst. Das demütige Wissen um die Realitäten in der Welt steht allen Menschen gut, gleich, wo sie stehen oder womit sie befasst sind.

Trotzdem gefällt mir der Gedanke, dass die Kunst alle Menschen, gleich, wo sie stehen, überraschen kann: jemand bemerkt zufällig das Bild in der Galerie, an der er tagsüber achtlos vorbeiläuft, den Kopf voller Sorgen, nur, weil es ein Winterabend ist und die Galerie hell erleuchtet. Und es geht ihm nicht darum, das zu besitzen, was er da gerade erst entdeckt hat; er will es näher sehen, traut sich in den fremden Raum, nähert sich Schritt für Schritt. Sieht den Namen dessen, der’s gestaltet hat, ist neugierig, wie’s gemacht ist – und fragt sich vielleicht, vielleicht ja, warum dieser ihm unbekannte Mensch das so und nicht anders gemacht hat… und vergisst vielleicht sogar kurz, ganz kurz seine Sorgen.

Vielleicht ist meine Vorstellung romantisch, vielleicht funktioniert es aber sogar eher so als viele der gut gemeinten und auch bestimmt gut gemachten museumspädagogischen Ansätze. Zumindest für Viele, die nicht wissen, wie sie über den Monat kommen sollen.

Mein Wunsch ist aber, das anzugehen: die Realitäten nicht hinnehmen und mit möglichst Vielen mit der gleichen Idee daran arbeiten, dass immer mehr Menschen mindestens die Mitte der Pyramide erreichen. Weltweit daran arbeiten und weltweit erreichen. Wenn wir den Anspruch aufgeben, dass es möglichst allen Menschen gut geht, nur, weil das angeblich unrealistisch ist, haben wir als Menschen alle zusammen verloren. Es ist unrealistisch, weil es nicht von allen getragen und unterstützt wird.

Was hindert Euch? Was wollt Ihr? Was ist Eure Vision?

 

maslow

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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Ich wünschte mir, dass Kunst so betrachtet würde, wie Mr. May die Toten betrachtet.

*

Der Film von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013 zeigt Leben und berufliche Aufgabe von John May, einem „Funeral Officer“, der sich für die Londoner Kommunalverwaltung um die Beisetzung von Menschen kümmert. Diese Verstorbenen haben alle gemeinsam, dass sie schon zu Lebzeiten keine Angehörigen zu haben schienen; sie waren allein, einsam, gar verwahrlost.

Mr. May, der auch sehr zurückgezogen lebt, ist diese Aufgabe nicht nur Beruf, sondern Berufung. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich darum, etwaige Angehörige, ehemalige Freunde, Bekannte ausfindig zu machen, die vielleicht doch zur Beerdigung kommen möchten. Er reist zu ihnen und trägt sein Anliegen persönlich vor. Bei diesen Gesprächen nimmt er jede noch so unbedeutend scheinende Erwähnung auf, um seine Recherche fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. Für seinen Arbeitgeber bedeutet Erfolg nur, dass jeder „Fall“ möglichst rasch abgeschlossen wird. John May nimmt sogar manchmal Fotos oder andere Gegenstände, die sonst weggeworfen würden, aus den aufzulösenden Wohnungen an sich, um die Fotos in ein Album zu heften und mittels dieser und der anderen Dinge eine Grabrede aufzusetzen. Oft bleibt er der einzige Trauergast.

Im Begleitheft zur DVD wird der Regisseur zitiert: „Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? […] Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“

In diesem Heftchen ist daher auch von den „Unbedachten“ die Rede. Wie leicht sie aus der Gesellschaft fallen, wie schnell sie vergessen werden. Wie einfach scheint es dagegen, Leute, die sichtbar sind, zu „bedenken“. Und wie oft werden sogar diese manchmal übersehen…

Wer Kunst so betrachtet, wie Mr. May die Toten betrachtet, der sieht auch den lebenden Menschen so. Wer den Mitmenschen so sieht, der kann im Miteinander kaum mehr etwas verkehrt machen. Denn er wird hinhören und hinsehen, um den anderen wirklich zu erfahren, ihn dann auch adäquat beantworten zu können. Viele scheinen ohne Anspruch, das Gesagte des Gegenübers erst einmal in dessen Sinn zu verstehen, was eine echte Begegnung im Gespräch mindestens erschwert.

Bei der Kunstbetrachtung gibt man eventuell zu früh auf, wenn man zum Beispiel nach rein ästhetischen Gesichtspunkten schaut; jeder kennt den Ausspruch „Das sagt mir nichts.“ Was ist, wenn man bei einer kreativen Arbeit zunächst ein inneres Schweigen wahrnimmt? Was, wenn man Abwehr wahrnimmt? Versucht man es einzusortieren, ehe man sich weg dreht? Wenn man es einsortiert bekommt und sich diese paar Sekunden mehr Zeit nimmt – „o.k., es sagt mir erstmal nichts…“, „o.k., es gefällt mir irgendwie nicht…“ – was geschieht dann mit dem Impuls, schnell darüber hinweg zu gehen? Kommen dann vielleicht von selbst die weiterführenden spannenden Fragen: „Bleibt das so, dass es mir ‚nichts sagt‘, auch wenn ich etwas länger schaue…?“ oder „Warum gefällt es mir nicht; woher kommt wohl diese Abwehr?“ Schon ist man mitten im Gespräch: mit dem Kunstwerk, darüber mit dem Menschen, der es geschaffen hat (vielleicht sogar mit ihm/ihr persönlich) und mit sich selbst.

Man „muss“ weder eine bestimmte kreative Arbeit noch einen bestimmten Menschen „mögen“ – Wertschätzung zeigt sich in grundsätzlichem Respekt.

https://www.youtube.com/watch?v=Ip8xK6Xq4ec – Der Trailer zum Film

 

 

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Fährten

Nach den Netz-Erlebnissen der vergangenen Woche kann ich, bevor ich zum Thema komme, einmal schildern, wie ein Blog-Beitrag entsteht, der zunächst auf Themen anderer fußt.

Über meinen Kunst-Bloggerkollegen Stefan bekam ich einen interessanten Link-Tipp:

http://www.tanjapraske.de/,

über den ich dann den nächsten interessanten Blog entdeckt habe:

http://www.kulturtussi.de/.

Auf diesem nun stand der Beitrag zur Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe „Ich bin hier!“(http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/ich-bin-hier.html), auch verschlagwortet unter #ichbinhier , die sich mit Selbstbildnissen von Künstlern auseinandersetzt und mit „von Rembrandt zum Selfie“ untertitelt ist.

Im Zuge dieser Ausstellung gab es ein Begleitprogramm, und innerhalb dessen eine Podiumsdiskussion:

„Selfies, Emojis und die Verwendung von Bildern in den Sozialen Netzwerken“, ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich, Anke von Heyl, ebenfalls Kunsthistorikerin und eben jene Bloggerin „Kulturtussi“, Prof. Dr. Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle (die mir in ihrer Art sehr gefallen hat, weil sie im Gespräch mit der Zuhörerschaft nachfragte, um adäquat antworten zu können, und spürbar um deutliche Antworten bemüht war) und Dr. Alexander Eiling, dem Kurator der Ausstellung. Moderiert hat Christian Gries, Kunsthistoriker und Medienentwickler.

Anke von Heyl hat den Mitschnitt der Diskussion, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=wKuY7SAUlXg, in ihren Blog-Beitrag eingefügt.

Als ich ihn sah, war es schon spät, SEHR spät, so dass ich mich durch einen Verhörer noch kurz mit dem flämischen Maler Frans Boels auseinandergesetzt habe, wo doch eigentlich von Alfred Otto Wolfgang Schulze die Rede war, dem Fotografen, Maler und Grafiker, der sich Wols genannt hat. Wols, nicht Boels! Dazu, was über ihn gesagt wurde, komme ich später, denn das war mein Anreiz zu diesem Blog-Beitrag, selbstverständlich zusammen damit, was wie auf dem Podium besprochen wurde.

Dieses ging von grundsätzlichen Fragen von Kommunikation und Rezeption, z. B. ob „kurz und knapp“ den Dingen gerecht werden kann (Stichwort Hashtag), darüber, wie ein Museum arbeitet und wessen „Anwalt“ es sein soll (der der Künstler oder des Publikums), schließlich zur „Aufmischung“ des Kunstkanon, thematisiert im anschließenden Dialog mit der Zuhörerschaft.

Ich fand alles spannend, weiterdenkenswert und möchte meine Gedanken (nicht alle; es kommen minütlich neue dazu 😉 ) gerne teilen.

Beginnen möchte ich mit der Aktion der Alten Pinakothek in München, „My Rembrandt“ – #myRembrandt – (http://myrembrandt.de/die-aktion-der-pinakotheken/), die beispielhaft angesprochen wurde. Ich begrüße die Idee des Blickwechsels auf Bekanntes sehr; das ist in der Kreativität DAS Motto schlechthin, also kann es doch auch für die Herangehensweise an Kunst so falsch nicht sein, sollte man meinen. Dr. Eiling gab allerdings zu bedenken, dass die Aktion die Qualität von „Amélies Gartenzwerg“ hätte, über den man, wenn auch durch die Welt reisend und auf Fotos an verschiedenen Plätzen verewigt, dadurch nichts Neues lernen oder erfahren würde, und so eben auch nicht über den „reisenden Rembrandt“. Ich finde nicht nur den zitierten Film (wer nicht weiß, wovon die Rede ist, hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=LM0sZZ1xFDs) ganz wunderbar, sondern das Besondere liegt bei den angesprochenen Szenen in meinen Augen in der Reaktion des Vaters auf die Post, die er – angeblich eben vom Gartenzwerg – erhält. Am Ende reißt ihn eben diese Aktion aus seiner Lethargie; er beschließt seine Trauer um den Tod der Ehefrau und beginnt mit dem Reisen. Was, wenn der „reisende Rembrandt“ auch etwas Elementares in den Betrachtern und/oder in jenen, die ihn mitnahmen, auslöste, und die so Eingebundenen vielleicht durch die Aktion erst begönnen, sich auseinanderzusetzen? Es muss ja nicht gleich jeder sofort die Koffer packen; es gibt durchaus andere Umsetzungsmöglichkeiten…

Wie wird ein Museum seinem Bildungsauftrag bei gewandelten Ansprüchen gerecht? Wie erreicht es die Menschen? Es war auch Dr. Eiling, der die Anwaltschaft der Museen ansprach und fragte, wem gegenüber diese gelte: den Künstlern oder den Besuchern? Meine Frage wäre: muss man sich da entscheiden? Ist „Anwalt“ dann eventuell nur der falsche Begriff? Geht es nicht auch da um Vermittlung? Denn Anwälten ist zu eigen, dass sie für eine Seite plädieren und in ihrer fachspezifischen Sprache oft nur vom Hohen Gericht verstanden werden, nicht immer auch von jenen, die sie vertreten… vor Gericht ist nur das Urteil von Belang, der Ausgang einer Angelegenheit, aber in der Kunst, bei der die Herleitung eine so entscheidende Rolle spielt…? Da fänd‘ ich es konstruktiver, wenn der „Anwalt“ auch vom „Volk“ verstanden würde; der Vermittler vom Publikum. Aber eventuell ist eben das die Aufgabe der ausgesprochenen „Kunstvermittler“ im Gegensatz zum „Ort der Sammlung“, der das vielleicht nicht leisten muss… Ich allerdings kann das Museum nicht ohne (eigenen) Vermittlungsauftrag denken…

womit wir wieder beim Publikum wären. Ich erlebe es so, dass, wenn Kunst nicht ins Leben geholt wird, kein Publikum für sie aufsteht, jedenfalls nicht die anvisierte Zielgruppe (es war explizit die Rede von den 20 bis 40jährigen), wenn sie nicht ohnehin mit Kunst zu tun hat.

Meines Erachtens muss der Kunstbetrieb sich aber entscheiden, ob er wirklich außerhalb verhandeln möchte (mir ist bewusst, dass dieser das nicht als Verhandlung sieht 😉 ), denn wenn er das Publikum hereinholt – oder die Kunst ins Leben holt – bekommt er die ganze Bandbreite und irgendwann erreicht ihn auch Mitsprachewunsch (mir ist bewusst, dass dieser belächelt wird; am Ende mehr dazu im Fazit). Oder er versteht sich nur als „Ort der Sammlung“ und kann weiterhin Distanz zum Publikum wahren…

Es war vom „Königsweg“ die Rede, wenn man es als Museum schafft, sein Publikum emotional an sich zu binden. Für mich sollte es da keine Konkurrenz geben; es ist schon schwer genug, das Publikum an die Kunst zu binden, geschweige an ein bestimmtes Haus. Was es mir in der Rolle des Rezipienten in jedem Falle leicht macht, ist, wenn sich innerhalb des Kunstbetriebes etwas ändert oder ergänzt wird, was früher anders oder „unergänzt“ gelehrt wurde, und jetzt komme ich zu Wols. Nach meiner Nachfrage im „Kulturtussi“-Blog bekam ich Antwort sowohl vom Museum:

„Liebe Sabine Pint,

Sie hatten nach Wols gefragt, deshalb hier ein paar Infos zu ihm und seinen Werken. Nach einer kurzen Episode des Erfolges, in der Wols als Fotograf für den „Pavillon de l`Elegance“ auf der Weltausstellung in Paris arbeitete, erfolgte nach dem Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg die Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ in unterschiedlichen Internierungslagern. Die Heirat mit Grety ermöglichte im Oktober 1940 seine Entlassung, das Ehepaar lebte bis zur Besetzung Südfrankreichs 1942 in Cassis bei Marseille und bemühte sich dort erfolglos um ein Visum für die USA. Erstaunlicherweise entstanden in diesen schwierigen Jahren zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien, unter anderem eine Reihe von Selbstportraits, in der sich Wols offensichtlich mit Ausdrucksstudien beschäftigte. Laut einer erhaltenen Notiz aus dieser Zeit sah er sich im französischen Wörterbuch Larousse den Artikel „Expression“ an, in dem drei Illustrationen die Gefühlslagen „Calm“ (Gelassenheit), „Tristesse“ (Traurigkeit) und „Gaiete“ (Fröhlichkeit) wiedergeben. Offensichtlich regte diese Lektüre den Künstler zu Experimenten mit fotografischen Selbstportraits an, die zur vorliegenden Serie führten. Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind Abzüge der Originalnegative, die 2001 auf Initiative der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg hergestellt wurden. Sie sind schon vor der Ausstellung als Bestandteil seines Werks anerkannt worden.

Viele Grüße

Ihr Kunsthallen-Team“

als auch von Anke von Heyl, die mir das bestätigte, was ich von der Podiumsdiskussion mitgenommen hatte: dass dort in Karlsruhe etwas von einem Künstler ausgestellt wird, das zumindest „früher nicht als Bestandteil seines Werkes anerkannt wurde“. Die Ganzheitlichkeit, mit der in diesem Beispiel an den Menschen Wols herangegangen wird: das schafft bei mir emotionale Bindung; damit „kriegt“ mich der Kunstbetrieb! So ist er in Bewegung und nicht starre Demonstration der Mächtigen auf diesem Gebiet zu ihren jeweiligen „Regierungszeiten“… es kann sich eine Herangehensweise an einen Menschen ändern durch ein Thema, durch eine veränderte Wahrnehmung, durch eine andere Zeit. Nichts ist ausgeschlossen. Und Karlsruhe hat es vielleicht nicht entdeckt, aber es stellt es aus.

„Ich habe mir von der Podiumsdiskussion erhofft, dass wir über die Decodierung sprechen können. Aber dafür gab es dann doch zu wenig Konsens in der Frage, ob wir uns überhaupt mit dem Selfie befassen sollten“, so Anke von Heyl in ihrem Blog-Beitrag. Dazu überschlagen sich schon wieder meine Gedanken, wie schon bei den Sätzen vorher, die ich beim Nachlesen allesamt für lediglich angerissen, zu wenig tief, zu wenig treffend halte.

Ist es nicht so, dass der Wille oder Wunsch zur Decodierung voraussetzt, dass man etwas der Decodierung wert hält, dass man überhaupt etwas „dahinter sehen“ mag? Nach meinen Erfahrungen wird im Kunstbetrieb diesbezüglich nichts wertgeschätzt, was es auch neben diesem, in der freien Wildbahn sozusagen, gibt. Der Betrieb um die Kunst lebt vom Ausschluss, von der Abgrenzung seiner Dinge zum Rest; das hält mich ja gerade in ständiger Distanz zu ihm, deswegen betone ich so wohlwollend, wenn Öffnung stattfindet. Wäre man so auf „Selfies“ eingegangen, wie man auf „Selbstbildnisse“ auf dem künstlerischen Parkett eingeht, dann würde man den eventuellen Beweggrund der sich so Portraitierenden, den Inhalt ihrer Lebenswelt, auf ein Niveau heben, das Einiges in der Kunstwelt deklassieren würde – wobei ich das nicht als ein „sogar besser gemacht als“ verstanden wissen mag, sondern lediglich als ein „gleichwertig existent“. Der Betrieb, der Markt aber muss es so verstehen, als Konkurrenz zu seiner Idee, zu seiner Berechtigung. Das wiederum setzt die „Sprache“, den allgemeinen kreativen Ausdruck in egal welcher Transformation, herab, was in der Folge mit verhindern hilft, dass Menschen mit einem natürlichen Zugang zu „Kunst“ heranwachsen dürfen.

Warum mir Frau Müller-Tamm gefiel, ist das persönliche Element, das in Diskussionen gerne heruntergespielt wird: jeder Direktor ist anders, jeder Kurator, jeder Vermittler, jeder Rezipient. Es spielt eine Rolle, wie man sein Aufgabengebiet neben dem Fachlichen persönlich füllt, natürlich nicht nur in der Kunst. Es ist die Individualität, deren Wertschätzung wir uns bewahren müssen.

 

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

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Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

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Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

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Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

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Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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