Gegenstandpunkt

http://postmondaen.net/2017/07/13/documenta-dinosaurier-ufo/

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Für mich geht es genau darum: für wen ist Kunst gedacht? Wen soll sie berühren, wenn nicht möglicherweise JEDEN ANDEREN MENSCHEN?

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Kunst „demokratisieren“

Thema: Kunst „demokratisieren“

 

http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-16672257.html

„Der erwachsene Tobias Rehberger, inzwischen ein an der Hochschule ausgebildeter Künstler, sorgte dafür, dass die Werke seines Vaters 1994 Einzug in die Kunstwelt hielten: In einer Frankfurter Galerie stellte er 30 Bilder und Skulpturen aus, alles Reproduktionen im Maßstab 1:4. Das stiftete Verwirrung. Rehberger wolle die „Kunst demokratisieren“, schrieb eine Kritikerin, indem er das Werk eines Sonntagsmalers mit den Arbeiten eines richtigen Künstlers gleichstelle.“

 

http://www.art-magazin.de/kunst/8619-rtkl-auktionen-im-netz-interview-die-digitalisierung-kann-demokratisieren

„Kommt es am Ende zu einem komplett neuen Kunstverständnis durch die Digitalisierung?“

„Der Umgang mit Kunst wird durch die Digitalisierung und die weltweite Verfügbarkeit von Abbildungen sicherlich eine andere. Die Digitalisierung kann demokratisieren und den Zugang zu Kunst erleichtern. Daneben wird die Digitalisierung neue Kunstformen bringen, die sich zum Beispiel nur im Rahmen des Internets oder Apps abspielen.“

 

http://www.wdr3.de/musik/american-pop-art-102.html

„Die Oberhausener Ausstellung präsentiert nun einen Ausschnitt aus seinem rund 3000 Werke umfassenden Fundus. Darin spiegele sich nämlich der „Wunsch der damaligen Zeit nach einer demokratisierten Kunst“ wider. Doch symbolisiert die Sammlung eines einzigen Kunstmäzens nicht vielmehr das Scheitern einer Kunst für die Massen?“

 

http://www.zeit.de/2011/28/Kunstmarkt

„Auf der Art Basel präsentierte Cleveland kürzlich die Betaversion seiner Internetseite. Vor einer exklusiven Schar von vermögenden Kunstsammlern und Händlern sprach Cleveland – in einem etwas zu großen Hemd und mit etwas zu großem Schlips – davon, die Kunst unter das breite Volk bringen zu wollen.“

 

http://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/kultur/lokale-kultur/demokratisierung-der-kunst_14354139.htm

„Als mein Mann und ich Lumas gegründet haben, ging es uns primär um den Gedanken, Kunst zugänglich zu machen. Klassische Galerien richten sich in der Regel mit großformatigen Unikaten oder Werken mit Auflagen von maximal zehn Exemplaren zu hohen vier- oder fünfstelligen Preisen an erfahrene Sammler, Institutionen und Museen. Bei der Suche nach erschwinglicher, authentischer Kunst, stießen wir jedoch auf eine große Lücke. Mit Lumas versuchen wir, diese Lücke zu schließen. Wir haben das Prinzip der Editionen adaptiert: Dank Auflagen von 75 bis 150 Exemplaren können wir limitierte, signierte Kunstwerke zu erschwinglichen Preisen anbieten. Heute würde ich es eher als Demokratisierung der Kunst bezeichnen.“

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Das sind nur ein paar der sofort gefundenen Beispiele im Netz zum Thema „Kunst demokratisieren“. Für mich haben sie alle eines gemeinsam; sie werfen die Frage auf: definieren alle, die von „Demokratisierung“ reden, gleich? Im ersten Beispiel werden Künstler einander „angeglichen“, im nächsten wird die Verfügbarkeit von Kunst erhöht, was mehr Menschen den Zugang erleichtert, im dritten ist von Vervielfältigung einer einzelnen Arbeit die Rede.

Wie definiere ich, wie definierst Du, wie definieren Sie „Demokratisierung der Kunst“?

Für mich bedeutet es zwar auch, dass Kunst insgesamt mehr Menschen näher gebracht werden kann; ich habe, auch wenn ich das für meine eigenen Mal-Arbeiten nicht passend finde, grundsätzlich nichts gegen z. B. Kunstdrucke, nichts gegen die Vervielfältigung einer einzelnen originalen Arbeit. Denn sie möchte nichts anderes sein als die Kopie dieses Originals in anderer Form. Ich habe allerdings etwas gegen Reproduktion als Allheilmittel, das verschleudert zu werden scheint, denn das funktioniert nicht. Masse allein bringt nichts wirklich näher; sie bleibt oft Hülle, eine Äußerlichkeit. Ein schickes Poster hinter Glas.

Genau so wenig funktioniert es, einen kreativen, aber namenlosen Menschen neben eine Kreativberühmtheit und damit die Arbeiten gleich zu stellen, wenn das Kunstsystem, der Betrieb um die Kunst diese (tatsächlich vorhandene!) Gleichheit nicht lebt. Das (eigentlich verbotene) Nebeneinanderstellen wird Thema sein, nicht der Inhalt der Kunst.

Beim Thema „Demokratisierung der Kunst“ werden wir ganz schnell auf Grundsatzfragen zurück geworfen: ist sie auf dem etablierten Parkett des Kunstmarkts überhaupt möglich? Die Antwort muss ‚nein‘ lauten; ein ‚ja‘ widerspricht jeglicher Erfahrung.

Wahre Demokratisierung findet statt, wenn allen klar ist, dass, obwohl es nicht alle wollen und tun, jeder sich ohne weitere Etikettierung künstlerisch ausdrücken kann und darf, ob er Gerhard heißt oder Lieschen. Wenn irgendwann vielleicht einmal die ungleiche Bezahlung bei gleicher Leistung von Mann und Frau überwunden ist, Gerhard aber noch immer mehr verdient als Lieschen, kann es an seiner Bewerbung liegen, an seinem offiziellen Markt-Platz und -wert. Denn seine künstlerischen Arbeiten können – rein von der Idee einer demokratisierten Kunst her – objektiv nicht mehr wert sein als Lieschens. Sie hängen oder stehen selbstverständlich nebeneinander. Was das Volk für die Demokratie ist – jedenfalls nach der eigentlichen, heute oft ad absurdum geführten Idee – ist der Mensch für die Kunst. Ein jeder Mensch.

 

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Wer kommt, der kommt

Der Tag danach

„Wer kommt, der kommt“

Vorgestern jährte sich zum 25sten Mal mein typisches untypisches Geburtstagsfest, denn seit ich nach meiner Ausbildung damals zuhause ausgezogen bin, begehe ich es so.

Dabei halte ich es eigentlich mit denen, die sich fragen, was es an einem Geburtstag schon zu feiern gibt; nicht aus Frust über die Jahre, sondern weil du an einem für dich zufälligen Tag in die Welt geworfen bist, was erst einmal nicht dein Verdienst ist und keine besondere Rolle spielt, außer, dass es dich jetzt gibt. Dann darf man noch ein Weilchen verantwortungslos vor sich hin leben, bis es irgendwann heißt: jetzt mach was draus! Und bei diesem „was draus machen“ ist dieser Tag jedes Jahr nur einer von 365 Tagen.

Was mir diesen allerdings besonders macht, sind die möglichen Begegnungen, nicht nur die der Gratulanten mit mir, sondern alle möglichen Begegnungen. Ich muss sagen, dass ich dafür äußerst gern eine „Plattform“ biete; zu früheren Zeiten wäre ich bestimmt Salonnière gewesen, auch unadelig und mit sehr kleinem „großen Saal“ 😉 .

Ich mag, wenn sich Menschen treffen, die sich unter anderen Umständen nicht begegnen würden oder die in freier Wildbahn vielleicht keinen Grund sähen, sich miteinander zu unterhalten, und dabei jeder die Chance auf eine besondere Begegnung, auf ein besonderes Gespräch hat. Und selbst, wenn sich alle nur über das Wetter unterhielten, böte ich gerne den geschützten Raum für eine friedliche Zusammenkunft. (Gestritten werden darf natürlich auch, solange es respektvoll geschieht.)

Soweit das Typische an meinem Geburtstag. Untypisch wird er jedes Jahr dank meiner Gäste. Das ist gar nicht spektakulär gemeint, sondern erfrischend: es ist immer anders. Und es ist immer besonders für mich.

Das, was ich meine Familie nenne, bildet einen nur ganz kleinen harten Kern, der sich für mich aber beinahe unverzichtbar anfühlt. Und drum herum sitzen, stehen, essen, trinken, unterhalten sich durch die Jahre verschiedenste Menschen, die an diesem Tag, zu dieser Stunde Lust und Zeit haben, mich zu besuchen und in Gemeinschaft zu sein. An so einem Tag entscheidet sich nicht, wer mit dir befreundet ist; es zeigt sich über’s Jahr oder aufgrund von Entfernungen auch schon mal über Jahre. Aber das Zeichen des Besuchs – eben gerade auch des, wenn auch erwünschten, ja „uneingeladenen“ Besuchs – ist für mich ein sehr schönes!

Freiheit und Freiwilligkeit spielen mir in allen Lebensbereichen, in denen das möglich ist, eine große Rolle; ich drücke es so aus, weil mir die Grenzen, z. B. in einem Angestelltenverhältnis arbeitend, – überhaupt meine Arbeitskraft verkaufen müssend, weil unsere Gesellschaft so funktioniert –, sehr bewusst sind und noch immer bewusster werden.

„Wer kommt, der kommt“ ist wie Kunst – es ist die Freiwilligkeit, es sind die Möglichkeiten, es ist das offene aufeinander-Zugehen mit nur einer gegenseitigen Erwartung, Ehrlichkeit, was mir gefällt.

Ich möchte mich sehr herzlich bei allen bedanken,

die sich darauf einlassen,
mir ihre Zeit um ihret- und um meinetwillen schenken,
deren Interesse aufrichtig ist und nicht bloß Neugierde,
denen mein „Status“ in der Gesellschaft unwichtig ist,
die sich mit mir für meine Idee begeistern können (und die mich durch ihre Begeisterungsfähigkeit inspirieren),
versuchen, meinen Gedanken aus meiner Sicht nachzuvollziehen, auch, wenn sie meine Ansicht nicht teilen (und dann trotzdem zu mir stehen können, was eine wahrlich schwere Übung ist),
nicht vorschnell (oder überhaupt nicht) urteilen, sondern mit mir über ihre – vielleicht vorhandenen – Zurückhaltungen sprechen,
sich mit mir freuen und mit mir feiern können,
mich an sich heranlassen und mir erlauben, sie wirklich kennenzulernen und zu unterstützen,
wissen, dass sie mir Dinge anvertrauen können, auch, wenn sie es nicht „nutzen“ „müssen“,
umgekehrt auch mir zuhören und mir verzeihen, wenn ich manchmal zu abstrakt rede, weil für mich „persönlich“ nicht „gleich privat“ ist und sich ein Gepräch über das, was mich interessiert oder bewegt, oft erst durch interessiertes Nachfragen meines Gegenübers ergibt.

Freundschaft fließt, verändert sich, vergeht auch manchmal. Manchmal ist sie ausschließlich virtuell und keinen Deut weniger wert. Sie hat so viele Gesichter – Eure 🙂 . Allen Gratulanten ganz herzlichen Dank!

Sabine

„… das Wort „Freund“ hat auch ’ne schöne Bandbreite… es gibt neue Freunde, es gibt Freundschaften, die sich über Institutionen bilden, es gibt Freundschaften, die ein Leben lang andauern […], und es gibt welche, die leider so’n bisschen versanden, ohne dass man’s will…“ [Götz Alsmann]

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Die Liebe zu so ziemlich allem…

… und der Schatten der Avantgarde

Beginnen möchte ich heute mal mit einer kleinen Enttäuschung: das Buch, das ich mir neben anderen mit in die Urlaubszeit genommen habe, hört für mich auf Seite 50 auf; für meinen Geschmack ist es einen guten Hauch zu kitschig, zum Beispiel in seinen Personenbeschreibungen, und die Liebesgeschichte hat noch nicht einmal richtig angefangen!

Den Weg in meine Tasche geschafft hatte es mit seinem Titel, der mich den Klappentext lesen ließ, und mit dessen Worten: „Es ist ein ziemlich ungewöhnliches Museum, in dem Carlotta Goldkorn gerade die nächste Ausstellung vorbereitet. Große Gemälde neben Buntstift-Kinderbildchen, Saurierskelette neben Rokokokostümen, etruskischer Goldschmuck neben Bonbon-Armbändern, und dazwischen blaue Schmetterlinge: dies war 1895 das Konzept des Gründers August Gayette.“

S. 35: „[…] August war ein kreativer Exzentriker. Er wollte, dass die Menschen durch Neugierde lernen, durch Kontraste, durch extreme Kombinationen. Seine Idee von einem guten Museum war für das neunzehnte Jahrhundert höchst ungewöhnlich. […]“

Und auf S. 37 bringt uns ein Dialog diese Idee noch näher. Der Besucher wundert sich über ein Kinderarmband aus dem Automaten neben echtem Goldschmuck, und die Kuratorin erklärt, dass der Museumsgründer „immer die Unterschiede, aber auch die Verwandtschaften zwischen den Epochen aufzeigen“ wollte, „egal, wie weit sie auseinanderliegen.“ Und der Besucher entgegnet: „Stimmt. Das Bonbonkettchen wirkt plötzlich ganz anders, wenn die Klassiker daneben liegen. Nämlich ebenfalls klassisch. Erstaunlich.“

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Im gestrigen „Kölner Treff“, der für mich in Gänze interessant war, beginnt Bettina Böttinger das Gespräch mit dem Kurator Kasper König in Minute 43. Wenn Jürgen Domian – nachdem König von seiner aktuellen Ausstellung im Essener Folkwang Museum erzählt hat, in der er wenig bekannte bis unbekannte Maler neben die Schlüsselwerke der Moderne hängt und das als seinen „Traum“ bezeichnet – in Minute 48 fragt: „Lassen Sie mich da zwischenfragen: das sind nicht-akademische Künstler (Ja.), die aber alle schon verstorben sind. Oder? (Jaja… die sind alle gestorben…) Ich überlege gerade: wie viele nicht-akademische Künstler mag es im Verborgenen geben… (Ganz wenige.) Wie findet man die? (Nix ist verborgen…)“

In meinen Ohren spricht der Kurator da gegen sein eigenes Ausstellungskonzept – warum? Seine weiteren Sätze entlarven einmal mehr, dass künstlerische Arbeiten durchaus neben dem Kunstbetrieb entstehen, die bestehen können. Indem Kuratoren sie einmal kurz „hochheben“, aber trotzdem am bestehenden Ausschluss-System festhalten… was sagt das aus? Was zeigt es?

König sagt weiter, es ginge nicht um „Wichtigkeit“, sondern es bereichere „enorm und macht die Sache sehr viel komplexer.“ Ja, das finde ich auch! Die „Wichtigkeit“ bestimmt das System durch seine Machthaber, durch alle Epochen. Wie ernst zu nehmen ist ein System, das sich zum Selbsterhalt dauernd gegen bereichernde Bandbreite und Komplexität stellen muss?

Ich hoffe, dass viele Besucher den Eindruck bekommen, dass es nicht die Arbeiten sind, diese es nicht sein können, aufgrund derer ein Mensch bekannt wird oder nicht. Ich hoffe, dass viele Besucher hinterfragen, was die Mechanismen sind, die jemanden bekannt werden lassen, und dass die Auseinandersetzung für weitere und größere Offenheit sorgt. Denn Kunst ereignet sich nur in Offenheit.

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(Zitate aus: Christine Vogeley: „Die Liebe zu so ziemlich allem“, Knaur, München 2014 und aus dem „Kölner Treff“ vom 2. Oktober 2015:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner_treff/videokoelnertreffescgewinnerinnachttalkerundkunstprofessor100.html

http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/der-schatten-der-avantgarde.html)

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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Inspiration (und Kritik)

Diesmal möchte ich mich dem Phänomen der Inspiration nähern. Wie entsteht sie, was sind ihre Merkmale?

Als sie mich letztens packte, war ich gerade mal auf Seite 20 von Roger Willemsen’s „Der Knacks“, und viel weiter bin ich auch noch nicht. Der Mann kann ja sehr lebhaft und begeistert erzählen, und mittlerweile gefällt mir seine Art, die mir als jüngerer Mensch irgendwie zu hektisch war und auf mich übertrieben wirkte. Aber schleichend habe ich mich an sie gewöhnt, und nun „passt“ sie für mich einfach zu ihm. Er erzählt also ganz wunderbar, und so schreibt er auch; ich überfliege die Sätze nicht, sondern lese sie Wort für Wort. Lauter Satz-Perlen. Das Thema interessiert mich auch: die leisen Veränderungen und Brüche in einem Menschenleben. (… und nur beiläufig: ich glaube keine Sekunde daran, dass es ihm darum geht, was Thomas Steinfeld in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 17. Mai 2010 befürchtet und beklagt; das für diejenigen, die googlen und dann unweigerlich und egal, zu welchem Thema, auf Kritiken(*) stoßen.)

Aber reichen Sprachstil und Thema aus, das in einem auszulösen, das bei der Wikipedia zum Stichwort „Inspiration“ so beschrieben wird:

„In der Poesie versinnbildlichen die Begriffe Inspiration bzw. Afflatus das „Einwehen, Einhauchen von etwas“ durch einen göttlichen Wind. Cicero spricht oft von der Idee als einem unerwarteten Hauch (vgl. Pneuma), der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei.

In dieser literarischen Form wird „Afflatus“ vor allem in der englischen, seltener in der deutschen und anderen europäischen Sprachen, als Synonym zu „Inspiration“ verwendet. Allgemein bezieht es sich nicht auf einen gewöhnlichen plötzlichen, unerwarteten, originellen Einfall, sondern die Überwältigung einer neuen Idee in einem wankenden Moment – eine Idee, deren Entstehung dem Empfänger meist unerklärlich bleibt.“

Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal diese Erfahrung bei der Lektüre eines nichtfiktionalen Werks gemacht, bei Harriet Rubin’s „Soloing“.

Damals ging es mir genau wie jetzt: ich möchte loslegen, sofort, egal womit!

Womit will man loslegen, wenn man über Brüche in Menschenleben liest…? Bei Harriet Rubin ging es immerhin noch um das Selbstständigmachen, aber das hatte ich gar nicht vor, und habe es auch nie gemacht (in meinem sogenannten Brotjob arbeite ich als Angestellte). Aber auch sie schreibt mitreißend, und sowohl sie als auch Roger Willemsen in dem zuerst angesprochenen Buch lassen uns an ihren Erfahrungen teilhaben, an den superguten, den guten, den weniger guten und sogar den richtig schlechten. Vielleicht ist es ja das: dass die Authentizität der Leute spürbar ist, egal, ob und wie sie persönlich ihre Erfahrungen bewerten.

Die „Idee“, von der bei der Wikipedia die Rede ist, ist überwältigend, aber wirklich nie sehr konkret. Es ist ein sekundenbruchteilschnelles, flüchtiges Erleben des Gefühls, jetzt irgendeinen Baum ausreißen zu wollen und das auch zu können – selbstverständlich im übertragenen Sinn! Und ich nehme nach den vorübergegangenen Sekundenbruchteilen etwas mit: die Gewissheit, mich jetzt wieder stärker zu engagieren: malend, schreibend, das Gespräch suchend, und gestärkt in meinem diesbezüglichen Wunsch.

Menschen vermögen mich auch direkt zu inspirieren, also ohne dass sie Bücher schreiben beispielsweise. Wenn ich nachspüre, wann das passiert ist und aktuell passiert, sind es oft Menschen, die für mich fühlbar „weiter“ sind: reicher an Lebensklugheit und Erkenntnissen, von denen ich, wenn überhaupt, dann nur eine Ahnung habe, mir ihre Gewinnung aber dringend wünsche. Dann kann ich beinahe ungeduldig sein… Oder Menschen, die selbst begeisterungsfähig sind – diese vielleicht noch mehr –, und deren Begeisterung die meine trifft, nicht mal unbedingt für’s Selbe…

… aber immer fühle ich mich danach befeuert, angefeuert, sinnerfüllter und lebensbejahender als davor… und freue mich in diesem Sinne auf die letzten 270 Seiten 😉 vom „Knacks“.

(*) … noch ein Wort zu Kritiken; auch diese Sätze waren und sind mir pure Inspiration:

„Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr
wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr
Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative
Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker
müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet,
das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als
unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. […]“

Das ist ein Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘, einer der besten Filme zum Thema „Kunst“, den ich kenne, obwohl man es dem „Kinderfilm“ nicht zutrauen sollte. Ich kann ihn immer wieder ansehen, selbstverständlich auch, weil er niedlich gemacht ist. Aber in erster Linie bedient er unter anderen meinen Kunst-Leit-Gedanken: was ein Mensch negativ kritisiert, kann einen anderen inspirieren.

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