Was wir alle draus machen

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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Kunst und Philosophie, Teil 2

Kunst und Philosophie, Teil 2

Gert Scobel meint in seinem Buch „Warum wir philosophieren müssen“, dass „eine rudimentäre Kenntnis des Sachverhalts“ bereits helfen würde, „den in der Sache sehr klaren, leicht verständlichen Ansatz der vier Perspektiven, den ich Ihnen versprochen habe, noch mehr zu schätzen.“ Darauf vertraue ich jetzt und hoffe, dass ich – obwohl es mir bereits beim Lesen in den Fingern juckte, alles aufzuschreiben – mit den Zitaten im Rahmen bleibe und den einen oder anderen Abstecher zur Kunst – zumindest aus meiner Sicht – verständlich machen kann.

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Tetralemma“ Folgendes: „Das Tetralemma ist eine logische Figur bestehend aus vier Sätzen, welche einem Objekt eine Eigenschaft 1. zusprechen, 2. absprechen, 3. sowohl zu- als auch absprechen und 4. weder zu- noch absprechen.“ Abgesehen von den existierenden genaueren Beschreibungen, wie sich dabei was widerspricht, möchte ich hier nur die anscheinende Widersprüchlichkeit betonen. Auf Aristoteles geht zurück, dass im griechisch-abendländischen Denken Widersprüche „nicht erwünscht“ sind; es war schon im ersten Text die Rede davon. „Faktisch aber sind Widersprüche seit jeher ein entscheidender Motor im Geschäft der Erkenntnis und haben insbesondere die Wissenschaften immer wieder vorangebracht.“ Und sie gehören zu unserem Leben, zu unserer konkreten persönlichen Erfahrung. Wenn Widersprüche aber in einen Bereich führen, „in dem alles Reden und Argumentieren aufhört: Wie kommt es dann, dass auch widersprüchliche Aussagen zumindest als widersprüchlich verstehbar sind?“

Sind es eigentlich Widersprüche, die wir in der Kunst erfahren, wenn wir ihre Vielfalt erleben? Ich denke nicht, und doch erscheint es manchmal so: es kann eine Beuys’sche Performance nicht neben einem alten holländischen Meister der Malerei auftauchen; es KANN nicht beides Kunst sein. Und da, wo Menschen es letztendlich akzeptiert haben, dass das DOCH KANN, suchen sie andere hinkende Vergleiche und wiederholen dabei oft die Ignoranz früherer Generationen, nur mit anderen Protagonisten…

„Die Vielfalt unseres Handelns und unserer Kommunikation beinhaltet nicht nur Vagheit, sondern auch Widersprüchlichkeit. […] Eine Aussage ist mit einem ganzen Netz oder Netzwerk von Überzeugungen, Aussagen und letztlich auch von Handlungsweisen verbunden.“ Das muss unser Gehirn, das keinen Unterschied macht zwischen Denken und Fühlen, verarbeiten und zusammenführen, wie widersprüchlich die Informationen auch immer sein mögen. Dabei schöpfen wir aus unserem Hintergrund und Umfeld; Scobel bringt das Beispiel vom Dichter und vom Wissenschaftler, die beide unterschiedlich empfinden, was „die Wirklichkeit“ „entstellt“, und zitiert Thomas Nagel, „dass wir es mit einer verfehlten Objektivierung eines Aspekts der Wirklichkeit zu tun haben“ könnten, „der aus einer objektiveren Perspektive gerade kein besseres Verständnis zulässt.“

Die vier Perspektiven, die nach dem buddhistischen Philosophen Nāgārjuna der Wirklichkeit gegenüber eingenommen werden können, beruhen auf der Einsicht, dass es im Normalfall nicht möglich ist, „die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt gleichzeitig in einem System zu beschreiben und dem Denken die Gedanken und Bilder gleichzeitig zugänglich zu machen – ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren.“ (Den kleinen Abstecher zur Kunst möchte ich an dieser Stelle jedem selbst überlassen; ich bitte also um eine kleine Lesepause…)

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Diese vier Perspektiven kann ich hier nur sehr verkürzt darstellen: 1. die im „ich“ gefangene Position des Subjekts, 2. die objektive (materialistische) Sicht auf die Dinge und das Subjekt (wie z. B. in den Wissenschaften angewandt; diese Sicht hängt aber von Subjekten ab, daher ist diese auch eine dualistische Sicht der Wirklichkeit, in der man gefangen ist), 3. die Synthese aus 1. und 2. und damit das Plädoyer für die jeweils andere Sichtweise gleich: so ist das Leben im Augenblick, im Hier und Jetzt, in dem immer beide Sichtweisen gegeben sind (ich erlebe selbst, aber kann „aus mir heraustreten“, mich beobachten) und 4. das Verstehen durch direkte Erfahrung.

Die Zitate aus Gert Scobel’s Buch, die ich nun bringen möchte, bitte ich gleichzeitig wieder als Kunst-Abstecher mitzulesen und mitzudenken:

„Das Problem, welche der beiden [ersten; Anm. d. Verfasserin] Perspektiven – die Innen- oder die Außenperspektive – anzuwenden sei, prägt nicht nur alle philosophischen Probleme, sondern jedes Individuum, sobald es sich, sein denken und die Welt zu erfassen sucht.“

„Perspektiven sind mit Herrschaft verbunden.“

„Wer versucht, die Koexistenz der Perspektiven zu denken, wer selbst geschmeidig bleibt und mentale Ortswechsel nachvollziehen kann, der- oder diejenige wird ohne Zweifel ein besseres Gespür für all jene Verzerrungen bekommen, die jeweils spezifisch mit der ersten und der zweiten Perspektive verbunden sind.“

Nāgārjuna sagt, dass sämtliche Begriffe, die wir kennen, am Ende „den im Kalkül der ‚Vervierfachung’ […] ausgearbeiteten Widersprüchen begegnen.“ Der mögliche Schluss könnte sein, dass denken zu nichts führt. Die Antwort des Philosophen darauf: nur die „Erfahrung des Lebens“ führt heraus, indem sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Der Viererschritt macht darauf aufmerksam, dass „die Begriffe leer sind. Erst, wenn diese Leere realisiert ist, hört, wie Nāgārjuna sagt, die Spekulation wirklich auf, und man sieht mit dem feinen Auge des Geistes.“

In der Kunst haben wir Begriffe erschaffen, deren Leere einzusehen mittlerweile eine große Herausforderung geworden ist. Wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen es Menschen gibt, die eine angebliche Deutungshoheit haben, die die Perspektive vorgeben, sind wir auch hier gefragt, uns zu positionieren, immer wieder zu fragen: wem nützt was? Dadurch sind wir in der Lage, auch unsere Position sozusagen „von außen“ zu betrachten und einzuschätzen, ob wir da noch „richtig“ stehen… oder uns sogar vielleicht schon von dort entfernt haben, ohne es zu realisieren…

Damit dieser Text nicht zu lang wird, gehe ich im nächsten noch näher auf den Perspektiven- oder Aspektwechsel ein, und dann kommt auch das Beispiel mit der Kippfigur und noch mehr zur Erfahrung.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 3

macht dazu Ausflüge zu Amélie Poulain und Theodor W. Adorno.

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Kunst und Arbeit

Mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens setze ich mich jetzt schon ein paar Jahre auseinander. Ich habe viele Argumente dafür und dagegen gehört, Diskussionsrunden gesehen mit nach meinem Dafürhalten vernünftigen und unvernünftigen Ansichten auf beiden Seiten.

Wieso ich überhaupt begonnen habe, mich damit zu beschäftigen, lag nicht in meiner persönlichen Situation begründet, zumindest nicht auf den ersten Blick, denn ich bin erwerbstätig. Wenn ich aber aus dem Fenster sehe, kann ich mich dem Anblick nicht verschließen: aus der Arbeit entlassene Menschen, sich die Finger wund bewerbend und das ab einem gewissen Alter noch dazu absehbar erfolglos, von „Arbeits“agenturen“ verwaltete Menschen, denen man – wider eigenes besseres Wissen – verkaufen will, dass sie irgendwann wieder eine Anstellung auf dem sogenannten Ersten Arbeitsmarkt haben werden, junge Menschen in Südeuropa, die gar nicht erst auf den Arbeitsmarkt kommen. Entweder sie werden beschuldigt, „es nicht wirklich zu wollen, denn sonst hätten sie ja Arbeit“, oder sie werden bedauert im Falle der ganz jungen Arbeitslosen – ändern tut sich nichts. Kann es auch nicht, denn es ist nicht mehr zu tun da. Der Mensch entlastet sich durch Maschinen und immer rationellere Arbeitsabläufe, es wird immer weiter in diese Richtung investiert und geforscht, aber durch diese Entwicklung dann tatsächlich arbeitslos zu sein, ist ein Makel.

Wo noch jede Menge zu tun da ist, versorgen sich erst mal die Konzernvorstände und speisen Mitarbeiter oft mit Hungerlöhnen ab, wenn sie sie nicht entlassen. Krankenhäuser schauen auf eine Art auf Wirtschaftlichkeit, die unanständig ist, weit über das gebotene vernünftige Maß hinaus, das jedes Unternehmen anlegen muss, möchte es bestehen bleiben, und vergessen ethische Grundsätze – auch ihren Patienten gegenüber – manchmal ganz. Dass das Grundeinkommen Menschen in Prekärbeschäftigung stärkt, dass es z. B. einem Pfleger, der eine gesellschaftlich anerkannt wichtige Arbeit verrichtet und trotzdem bislang abgespeist wird, eine bessere Argumentationsgrundlage gegenüber seinem Arbeitgeber gibt, begrüße ich von Herzen! Es machte ein ganzes Stück freier.

Auf den zweiten Blick bin ich auch zumindest mittelbar betroffen von Nachteilen des derzeitigen Verdien-Modells.

Eine Hälfte meines Tages verbringe ich in einem Angestelltenverhältnis, gesellschaftlich anerkannt und bezahlt, die andere Hälfte in einem „Gesellschaftsarbeitsverhältnis“, gesellschaftlich aber lediglich anerkannt als mir vergönnter Müßiggang, denn nur ich selber gebe der Sache Wertschätzung durch verbrachte Lebenszeit. Dabei handelt es sich um Tätigkeiten, für die andere durchaus bezahlt werden; der Unterschied liegt eher im bewusst gewählten Hobby-Status gegenüber einer Profession als in den Dingen an sich. Soll bedeuten: entsteht bei mir ein Text, habe ich deswegen keinen Anspruch auf Geld, der Journalist aber (hoffentlich!) schon. Umgekehrt bekommt der Journalist es eher nicht bezahlt, wenn er mit noch so einem gelungenen Modell seine vielleicht unzähligen Bücher katalogisiert und verleiht.

Ich habe Malerei nicht studiert, aber wollte ein Bild schaffen, das auf einen drohenden Empathie-Verlust auf beiden Seiten (verschiedene vermeintliche Gegensatzpaare sind angedacht; eins ist bisher umgesetzt) hinweist. Es war mir ein Anliegen, es zu schaffen, und es war mir ein Anliegen, es zu zeigen. Da es kein Auftrag von irgendjemandem war, den ich mir selbstverständlich hätte entlohnen lassen müssen (da ich dann ein fremdes Anliegen umgesetzt und ihm meine Lebenszeit gewidmet hätte), war ich einfach glücklich, mich artikulieren zu können. Die Möglichkeit, dass andere sich damit auseinandersetzen können, mit meinem ur-persönlichen Anliegen und Ausdruck, war mein „Lohn“.

Jetzt gerade sitze ich an diesem Text, den Sie lesen, den Du liest, und der mir ein Anliegen ist. Niemand hat ihn bestellt, niemand wird ihn bezahlen, und trotzdem empfinde ich als sinnvoll, dass er entsteht, dass ich ihm Zeit gebe.

Was macht man mit solchen Kreationen, wenn „sie einfach sein zu lassen“ keine Option darstellt?

Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich auf der Seite des Arguments zu finden bin, dass Kunst durch ihre Unvergleichlichkeit und durch die Tatsache, dass sie über einen direkten Nutzwert hinausgeht sich einer fairen allgemeinen Bezahlung verschließt (weil sie sich einer objektiven Bewertung verschließt), außer Kreativarbeiter und „Kunde“ schließen einen Vertrag. Und dass ich finde, dass Kunst nicht veräußert werden muss, um zu wirken. Und dass ich nicht finde, dass man mit ihr einem Beruf im klassischen Sinne nachgehen kann, weil das die Kunst unfrei machte. Aber die Diskussion, ob und wie es möglich ist, Kreativarbeit zu bezahlen, kommt ja nicht von ungefähr. Was bietet die Gesellschaft, was bietet unser System Menschen an, die jahrelang eine Sache studiert und durchaus einen bestimmten Beruf im Blick haben, wenn sie in diesem Beruf nachher entweder nicht arbeiten können, für einen Hungerlohn arbeiten oder Werte verraten müssen, aufgrund derer sie den Beruf vielleicht erst angestrebt haben…? Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, in der alle versorgt sind und alle gleichzeitig akzeptieren, was das Gegenüber für sich als sinnvoll erachtet und womit es sein Leben füllen will?

Wenn die bedingungslose Versorgung aller nicht möglich ist, werden wir weiter auf dem Sinn, den andere sehen, herumhacken, ihn nicht gelten lassen.

Dabei ist die Frage doch auch, wie wir „Arbeit“ definieren. Wird das, was ich in der „unbezahlten“ Tageshälfte mache, nicht als Arbeit angesehen, weil ich nicht genug dafür eintrete, dass es welche ist, oder sind wir nicht alle Gesellschaftsarbeiter, jeder nach seinen Fähigkeiten und Vorlieben, und kämen in Teufel’s Küche, wenn wir jedes Tun als „Leistung“ sehen, die wir sofort in einen Geldwert umrechnen müssen, auch, um anderen mit ihren Leistungen nicht in den Rücken zu fallen? Wenn wir uns für einen Beruf entschieden haben, dürfen in unserer „Freizeit“ dann Dinge entstehen, für die ein anderer in seinem Beruf Geld bekommt, und dürfen unsere Kreationen an die Öffentlichkeit?

Wie schaffen wir es, eine Gesellschaft hinzubekommen, bei der wir keine Trennungen erzwingen müssen, die es „naturgegeben“ sozusagen gar nicht gibt, die es nur gibt, weil wir ein Bezahlsystem und kein Tauschsystem von Waren und Dienstleistungen haben?

Wie schaffen wir es, so frei zu bleiben, dass wir unsere gesellschaftliche Verantwortung angemessen tragen und dabei unser Leben mit den Dingen füllen können, die wir als sinnvoll erachten?

[Der Begriff „Kunst“ will hier wie immer verstanden werden als jegliche Art der Transformation, die Menschen erschaffen, um sich auszudrücken, nicht als Qualitätssiegel. Auch erhebt die Verfasserin wie immer keinen Anspruch auf eine objektive Qualität ihrer Worte oder Haltung.]

[http://thinglabs.de/2014/10/sind-kuenstler-wirklich-gluecklicher/#comments]

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Reibung

Was mir manchmal fehlt, ist Reibung, Reibung im besten Sinne.

So lange schon mache ich bestimmte Statements öffentlich, und selten erreicht mich ein kritischer Kommentar. Dabei muss es sie da draußen geben, diese kritischen Kommentare!

Vor ein paar Jahren habe ich erlebt, dass meine Haltung sogar Feindseligkeiten hervorrufen kann, die damals von der anderen Seite schriftlich und öffentlich ausgelebt wurden … so etwas meine ich nicht, wünsche ich nicht und würde wie damals ein solches „Gespräch“ auch wieder abbrechen. Aber niemals abbrechen würde ich ein schönes, konstruktives, bereicherndes Pro und Contra, das allen beim Weiterdenken hilft.

Ich habe Angst, dass ich stecken bleibe. Ich möchte offen sein: selbstverständlich bin ich derzeit von meiner Haltung überzeugt, dass Kunst für alle Menschen gleichermaßen gedacht ist (auch wenn der eine oder die andere Kreative vielleicht wirklich nur für ein bestimmtes Publikum arbeitet), weil sie in meinen Augen sonst wenig Sinn machte. Wäre sie nur für einen kleinen akademischen Kreis, dann wäre sie einer Geheimsprache vergleichbar, die nur Eingeweihte verstünden, und was ist der Sinn einer Geheimsprache? Abschottung, Ausgrenzung. Dafür baut man doch keine Museen, lädt Kinder zum Arbeiten in Museumsgärten ein, wo ihre Arbeiten später ausgestellt werden oder holt Hauptschüler durch ein Kunstprojekt aus der Verweigerungshaltung, wie zuletzt in Krefeld geschehen, nur, um den Museumsbesuchern, den Kindern nach dem Ferienprogramm und den Hauptschulabgängern mit 17 zu sagen, dass alles nur „Verarsche“ war … dass sie gar nichts von Kunst „verstünden“. Dass man auf Hobbykünstler-Märkten niemals auf Kunst treffen könne, dass die Anwaltsgattin, die in der Kanzlei des Ehemanns ausstellt, nur eine „gefühlte Künstlerin“ sei und niemals ehrliche und ernst zu nehmende künstlerische Absichten hege. Niemals. Ohne Ausnahme.

Wenn sich aber alle einig sind, dass Kunst keine Geheimsprache ist und den verschiedensten Menschengruppen dient – und ich meine jetzt nicht den Dienst am Geldbeutel der bekannten und etablierten Mitgliedern der Szene, des Betriebs -, dann verstehe ich einerseits, dass mich wenige kritische Kommentare erreichen, aber nicht, dass nicht das Entgrenzen, das Einladen zur Kunst (sowohl zum aktiven Gestalten als auch zum Betrachten ohne Angst vor jeglicher sich eventuell stellender Frage) wie eine unwiderstehliche wunderbare Welle über die Menschen schwappt.

Wenn sich doch alle einig sind, warum stellt sich noch immer die Frage, ob diese oder jene Kunst „gut“ oder „schlecht“ zu nennen ist, ob dieser oder jene Preis für eine Arbeit „ausreichend angemessen“ ist. Wenn sich doch alle einig sind, warum kommt der Wald- und Wiesen-Journalist nicht mit aufrichtiger Neugier auf den Hobby-Markt und schreibt, was er denkt und fühlt, sondern erwähnt nur alle irgendwie, als Aufzählung … vielleicht könnte er ansonsten den Kultur-Redakteur noch überraschen mit seiner ehrlich wertschätzenden Haltung und den verständlichen Worten …

Wo ist der Mensch, der mir erklären mag, warum Kunst nur für eine Elite ist, die umeinander kreist? Der mir sagt, warum es seiner Ansicht nach auf Hobby-Märkten niemals Kunst geben könne und warum jede Anwaltsgattin dieser Welt niemals Konzeptkünstlerin sein könne, ob er sie kennt oder nicht, nicht ihren Hintergrund, nicht ihr Wissen und nicht ihre kreative Absicht.

Nur, um Missverständnissen vorzubeugen: ich bin keine Anwaltsgattin. Aber ich breche eine Lanze für alle kreativen Lieschen Müllers und Otto Normalkunstrezipienten; ich weiß, dass es da draußen jede Menge Menschen gibt, die in keine Schublade passen, denen kein Etikett gerecht wird. Die von keinem Etablierten in den Kunstzusammenhang gesetzt werden und so, wenn sie es selbst tun, belächelt und/oder beleidigt werden. Von denen behauptet wird, sie hätten nichts zu sagen, nur, weil man nicht hinhören und sich auseinandersetzen mag; sie hätten nichts Sehenswertes zu zeigen, nur, weil niemand mit Rang und Namen für sie die Werbetrommel rührt und daher niemand darauf kommt, sie anzusehen.

Ich hätte so gerne einmal Gegenargumente, die darüber hinausgehen, dass ich nichts davon verstünde ohne akademischen Hintergrund; ich würde mich so gerne einmal mit jemandem mit diesem Hintergrund unterhalten, der wirklich etwas erwidert, der sich meinetwegen herablässt auf die Ebene eines Gesprächs nur vor dem Hintergrund des „gesunden Menschenverstandes“. Dieser Jemand dürfte mich argumentativ richtig rund machen (oder wahlweise lang), er möge nur bitte direkt auf meine Argumente eingehen. Sie direkt entkräften. Mir sagen, warum sie nicht ziehen, woran es hapert.

Warum es nicht stimmt, dass das, was der Kunstmarkt ist, nichts oder zumindest wenig zu tun hat mit den Arbeiten der Kreativen, und zwar auch nicht mit denjenigen Arbeiten, die auf diesem Markt gehandelt werden. (Ich kann mit schwurbeligen Worten alles hypen und dasselbe niederreden; Professor B lässt jemanden zum Studium zu, der von Professor A mit denselben Arbeitsbeispielen abgelehnt wurde; eine Galerie arbeitet mit einem Ausstudierten, der zuvor von einer anderen abgelehnt wurde und macht ihn weltberühmt usw. usf.)

Warum der „normale Menschenverstand“ nicht ausreicht, sich über den abstrakten, nicht klar definierten Kunstbegriff unterhalten zu dürfen.

Warum es heißt, man sei bei der Kunstbetrachtung immer auf sich zurück geworfen, obwohl man gar nicht alles als Kunst ansehen darf … was wäre z. B., wenn eine Arbeit der Anwaltsgattin mich erfolgreich auf mich zurück werfen würde, d. h. mir einen neuen Gedankenimpuls geben könnte, ich sie aber leider nie zu Gesicht bekomme, außer die gute Frau ist wie einige andere bereit, sich auf einer privat ausgerichteten und beworbenen Veranstaltung lächerlich zu machen …

warum es verkehrt oder nicht sinnvoll wäre, auf Gerhard Richter und Lieschen Müller gleich offen zuzugehen und die Arbeiten beider gleich offen anzusehen … und apropos „Gerhard Richter“: zu etabliert ist auch nicht gut; es werden schon länger Stimmen laut, die seine angebliche „Unantastbarkeit“ beklagen… warum wird der Markt nicht als der Markt gesehen, die Börse nicht als die Börse und ein Bild Gerhard Richter’s nicht einfach als ein Bild Gerhard Richter’s, obwohl es an der Börse gehandelt wird … ?

Ich brauche jemanden, der mir die Argumente des Marktes verständlich macht, solange dieser versucht, eine angebliche Spreu vom angeblichen Weizen zu trennen – oder einen Angehörigen des Marktes, der mir beipflichtet.

Und auch, wenn das hier ein Blog ist … :

auf jeden Fall brauche ich Auseinandersetzung, Gespräch.

Viele Grüße,

Sabine

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