Haben wir immer nur diesen einen Moment? Und: wer sind wir eigentlich?

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Im kürzlich angelaufene Kino-Film „Your Name.“ ist eines bald kein Geheimnis mehr: zu wissen, dass das Mädchen Mitsuha und der Junge Taki einem Körpertausch unterliegen, der mehrmals in der Woche, aber immer nur für einen Tag geschieht, ist unerlässlich, um die Geschichte verfolgen zu können.

Mir war klar, dass ich den Film mögen würde, und zwar nicht, weil er ein Anime ist; ich fürchtete, dass ich mich zu sehr an die Anime-„Heidi“ meiner Kinderjahre erinnert fühlen würde oder an „Nils Holgersson“. Doch die beiden „alten“ Helden waren rasch vergessen. Ich wunderte mich auch nur kurz, warum selbst asiatische Menschen in einem asiatischen Film kaum asiatisch aussehen… – dann fing mich die Geschichte ein.

Klar war mir, dass ich den Film mögen würde, weil ich das Grundthema kannte: den Gestaltenwandel der Hauptfiguren verbunden mit dem Spiel der Zeitebenen. Beides fasziniert mich, zweitrangig, wie es umgesetzt ist.

Hannah Pilarczyk schreibt bei SPIEGEL ONLINE:

Mit dem Gestaltenwandel macht der Film jedoch nicht vor sich selbst halt. Kaum hat man sich in das bezaubernde Geflecht aus Takis und Mitsuhas Leben verstrickt, wandelt sich Your Name selbst und streift die Hülle der Coming-of-Age-Komödie ab. Was der Film danach wird, soll hier nicht verraten werden, denn es zu entdecken, gehört zu den schönsten Überraschungen, die man seit Langem im Kino erleben kann. Nicht festgelegt zu sein – auf das eine Genre oder die eine Zielgruppe – ist auch das, was Your Name so herausragen lässt.“

Nicht festgelegt zu sein – auch das fasziniert mich in seinen verschiedenen Möglichkeiten. Nicht festgelegt im Denken zu sein, offen für Aspektwechsel zu bleiben, das wünsche ich mir für mich. Nicht festgelegt im Sein zu sein, das wäre schön, denn es veränderte Hoffnung ins beinahe Grenzenlose. Als ein Mensch, der nicht an Wiedergeburt in den gängigen Definitionen glaubt, wäre ich sicher ähnlich erschrocken wie Mitsuha und Taki – oder Sofie Amundsen und Hilde Møller Knag. Jostein Gaarders Sofie muss nach etlichen seiner Romanseiten feststellen, dass nicht sie die reale Person ist, sondern die für Fiktion gehaltene Hilde. So den „vermeintlich sicheren Platz in der Welt in Frage“ stellen zu müssen, wie es die Wikipedia formuliert, kann sicher schockierend sein. Es ab und an freiwillig zu tun, kann nur persönlich zu begreifende, bereichernde Weiterentwicklung sein.

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Das ist musubi, denke ich.

Ob nun Wasser, Reis oder Sake, alles, was man dem Körper zuführt, nennt man ebenfalls musubi.

Denn alles, was in den Körper kommt, stellt eine Verbindung zur Seele her.

An jenem Tag hatte ich mir vorgenommen, mir das zu merken, um es beim Aufwachen noch zu wissen. Versuchsweise sage ich es laut: ‚… sich verdrehen und verwickeln, gelegentlich zurückkehren und sich wieder verbinden. Das ist musubi. Das ist die Zeit.‘ “

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http://www.spiegel.de/kultur/kino/anime-meisterwerk-your-name-in-dir-finde-ich-mein-glueck-filmkritik-a-1186885.html

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http://www.zeit.de/kultur/film/2018-01/your-name-animefilm-makoto-shinkai-japan-bilddaten-your-name-animefilm

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https://www.youtube.com/watch?v=twVtDMVShTs

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https://books.google.de/books?id=ZVMzDwAAQBAJ&pg=PT144&lpg=PT144&dq=was+ist+musubi&source=bl&ots=1ARmeDpfMa&sig=oZzvfGoo76ZIQpGpbewVKSEIL3s&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA4vDk_4HZAhWIyqQKHWq8Cb8Q6AEIRTAE#v=onepage&q=was%20ist%20musubi&f=false

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Fährten

Nach den Netz-Erlebnissen der vergangenen Woche kann ich, bevor ich zum Thema komme, einmal schildern, wie ein Blog-Beitrag entsteht, der zunächst auf Themen anderer fußt.

Über meinen Kunst-Bloggerkollegen Stefan bekam ich einen interessanten Link-Tipp:

http://www.tanjapraske.de/,

über den ich dann den nächsten interessanten Blog entdeckt habe:

http://www.kulturtussi.de/.

Auf diesem nun stand der Beitrag zur Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe „Ich bin hier!“(http://www.kunsthalle-karlsruhe.de/de/ausstellungen/ich-bin-hier.html), auch verschlagwortet unter #ichbinhier , die sich mit Selbstbildnissen von Künstlern auseinandersetzt und mit „von Rembrandt zum Selfie“ untertitelt ist.

Im Zuge dieser Ausstellung gab es ein Begleitprogramm, und innerhalb dessen eine Podiumsdiskussion:

„Selfies, Emojis und die Verwendung von Bildern in den Sozialen Netzwerken“, ein Gespräch mit dem Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich, Anke von Heyl, ebenfalls Kunsthistorikerin und eben jene Bloggerin „Kulturtussi“, Prof. Dr. Müller-Tamm, Direktorin der Kunsthalle (die mir in ihrer Art sehr gefallen hat, weil sie im Gespräch mit der Zuhörerschaft nachfragte, um adäquat antworten zu können, und spürbar um deutliche Antworten bemüht war) und Dr. Alexander Eiling, dem Kurator der Ausstellung. Moderiert hat Christian Gries, Kunsthistoriker und Medienentwickler.

Anke von Heyl hat den Mitschnitt der Diskussion, abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=wKuY7SAUlXg, in ihren Blog-Beitrag eingefügt.

Als ich ihn sah, war es schon spät, SEHR spät, so dass ich mich durch einen Verhörer noch kurz mit dem flämischen Maler Frans Boels auseinandergesetzt habe, wo doch eigentlich von Alfred Otto Wolfgang Schulze die Rede war, dem Fotografen, Maler und Grafiker, der sich Wols genannt hat. Wols, nicht Boels! Dazu, was über ihn gesagt wurde, komme ich später, denn das war mein Anreiz zu diesem Blog-Beitrag, selbstverständlich zusammen damit, was wie auf dem Podium besprochen wurde.

Dieses ging von grundsätzlichen Fragen von Kommunikation und Rezeption, z. B. ob „kurz und knapp“ den Dingen gerecht werden kann (Stichwort Hashtag), darüber, wie ein Museum arbeitet und wessen „Anwalt“ es sein soll (der der Künstler oder des Publikums), schließlich zur „Aufmischung“ des Kunstkanon, thematisiert im anschließenden Dialog mit der Zuhörerschaft.

Ich fand alles spannend, weiterdenkenswert und möchte meine Gedanken (nicht alle; es kommen minütlich neue dazu 😉 ) gerne teilen.

Beginnen möchte ich mit der Aktion der Alten Pinakothek in München, „My Rembrandt“ – #myRembrandt – (http://myrembrandt.de/die-aktion-der-pinakotheken/), die beispielhaft angesprochen wurde. Ich begrüße die Idee des Blickwechsels auf Bekanntes sehr; das ist in der Kreativität DAS Motto schlechthin, also kann es doch auch für die Herangehensweise an Kunst so falsch nicht sein, sollte man meinen. Dr. Eiling gab allerdings zu bedenken, dass die Aktion die Qualität von „Amélies Gartenzwerg“ hätte, über den man, wenn auch durch die Welt reisend und auf Fotos an verschiedenen Plätzen verewigt, dadurch nichts Neues lernen oder erfahren würde, und so eben auch nicht über den „reisenden Rembrandt“. Ich finde nicht nur den zitierten Film (wer nicht weiß, wovon die Rede ist, hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=LM0sZZ1xFDs) ganz wunderbar, sondern das Besondere liegt bei den angesprochenen Szenen in meinen Augen in der Reaktion des Vaters auf die Post, die er – angeblich eben vom Gartenzwerg – erhält. Am Ende reißt ihn eben diese Aktion aus seiner Lethargie; er beschließt seine Trauer um den Tod der Ehefrau und beginnt mit dem Reisen. Was, wenn der „reisende Rembrandt“ auch etwas Elementares in den Betrachtern und/oder in jenen, die ihn mitnahmen, auslöste, und die so Eingebundenen vielleicht durch die Aktion erst begönnen, sich auseinanderzusetzen? Es muss ja nicht gleich jeder sofort die Koffer packen; es gibt durchaus andere Umsetzungsmöglichkeiten…

Wie wird ein Museum seinem Bildungsauftrag bei gewandelten Ansprüchen gerecht? Wie erreicht es die Menschen? Es war auch Dr. Eiling, der die Anwaltschaft der Museen ansprach und fragte, wem gegenüber diese gelte: den Künstlern oder den Besuchern? Meine Frage wäre: muss man sich da entscheiden? Ist „Anwalt“ dann eventuell nur der falsche Begriff? Geht es nicht auch da um Vermittlung? Denn Anwälten ist zu eigen, dass sie für eine Seite plädieren und in ihrer fachspezifischen Sprache oft nur vom Hohen Gericht verstanden werden, nicht immer auch von jenen, die sie vertreten… vor Gericht ist nur das Urteil von Belang, der Ausgang einer Angelegenheit, aber in der Kunst, bei der die Herleitung eine so entscheidende Rolle spielt…? Da fänd‘ ich es konstruktiver, wenn der „Anwalt“ auch vom „Volk“ verstanden würde; der Vermittler vom Publikum. Aber eventuell ist eben das die Aufgabe der ausgesprochenen „Kunstvermittler“ im Gegensatz zum „Ort der Sammlung“, der das vielleicht nicht leisten muss… Ich allerdings kann das Museum nicht ohne (eigenen) Vermittlungsauftrag denken…

womit wir wieder beim Publikum wären. Ich erlebe es so, dass, wenn Kunst nicht ins Leben geholt wird, kein Publikum für sie aufsteht, jedenfalls nicht die anvisierte Zielgruppe (es war explizit die Rede von den 20 bis 40jährigen), wenn sie nicht ohnehin mit Kunst zu tun hat.

Meines Erachtens muss der Kunstbetrieb sich aber entscheiden, ob er wirklich außerhalb verhandeln möchte (mir ist bewusst, dass dieser das nicht als Verhandlung sieht 😉 ), denn wenn er das Publikum hereinholt – oder die Kunst ins Leben holt – bekommt er die ganze Bandbreite und irgendwann erreicht ihn auch Mitsprachewunsch (mir ist bewusst, dass dieser belächelt wird; am Ende mehr dazu im Fazit). Oder er versteht sich nur als „Ort der Sammlung“ und kann weiterhin Distanz zum Publikum wahren…

Es war vom „Königsweg“ die Rede, wenn man es als Museum schafft, sein Publikum emotional an sich zu binden. Für mich sollte es da keine Konkurrenz geben; es ist schon schwer genug, das Publikum an die Kunst zu binden, geschweige an ein bestimmtes Haus. Was es mir in der Rolle des Rezipienten in jedem Falle leicht macht, ist, wenn sich innerhalb des Kunstbetriebes etwas ändert oder ergänzt wird, was früher anders oder „unergänzt“ gelehrt wurde, und jetzt komme ich zu Wols. Nach meiner Nachfrage im „Kulturtussi“-Blog bekam ich Antwort sowohl vom Museum:

„Liebe Sabine Pint,

Sie hatten nach Wols gefragt, deshalb hier ein paar Infos zu ihm und seinen Werken. Nach einer kurzen Episode des Erfolges, in der Wols als Fotograf für den „Pavillon de l`Elegance“ auf der Weltausstellung in Paris arbeitete, erfolgte nach dem Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg die Inhaftierung als „feindlicher Ausländer“ in unterschiedlichen Internierungslagern. Die Heirat mit Grety ermöglichte im Oktober 1940 seine Entlassung, das Ehepaar lebte bis zur Besetzung Südfrankreichs 1942 in Cassis bei Marseille und bemühte sich dort erfolglos um ein Visum für die USA. Erstaunlicherweise entstanden in diesen schwierigen Jahren zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien, unter anderem eine Reihe von Selbstportraits, in der sich Wols offensichtlich mit Ausdrucksstudien beschäftigte. Laut einer erhaltenen Notiz aus dieser Zeit sah er sich im französischen Wörterbuch Larousse den Artikel „Expression“ an, in dem drei Illustrationen die Gefühlslagen „Calm“ (Gelassenheit), „Tristesse“ (Traurigkeit) und „Gaiete“ (Fröhlichkeit) wiedergeben. Offensichtlich regte diese Lektüre den Künstler zu Experimenten mit fotografischen Selbstportraits an, die zur vorliegenden Serie führten. Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind Abzüge der Originalnegative, die 2001 auf Initiative der Griffelkunst-Vereinigung Hamburg hergestellt wurden. Sie sind schon vor der Ausstellung als Bestandteil seines Werks anerkannt worden.

Viele Grüße

Ihr Kunsthallen-Team“

als auch von Anke von Heyl, die mir das bestätigte, was ich von der Podiumsdiskussion mitgenommen hatte: dass dort in Karlsruhe etwas von einem Künstler ausgestellt wird, das zumindest „früher nicht als Bestandteil seines Werkes anerkannt wurde“. Die Ganzheitlichkeit, mit der in diesem Beispiel an den Menschen Wols herangegangen wird: das schafft bei mir emotionale Bindung; damit „kriegt“ mich der Kunstbetrieb! So ist er in Bewegung und nicht starre Demonstration der Mächtigen auf diesem Gebiet zu ihren jeweiligen „Regierungszeiten“… es kann sich eine Herangehensweise an einen Menschen ändern durch ein Thema, durch eine veränderte Wahrnehmung, durch eine andere Zeit. Nichts ist ausgeschlossen. Und Karlsruhe hat es vielleicht nicht entdeckt, aber es stellt es aus.

„Ich habe mir von der Podiumsdiskussion erhofft, dass wir über die Decodierung sprechen können. Aber dafür gab es dann doch zu wenig Konsens in der Frage, ob wir uns überhaupt mit dem Selfie befassen sollten“, so Anke von Heyl in ihrem Blog-Beitrag. Dazu überschlagen sich schon wieder meine Gedanken, wie schon bei den Sätzen vorher, die ich beim Nachlesen allesamt für lediglich angerissen, zu wenig tief, zu wenig treffend halte.

Ist es nicht so, dass der Wille oder Wunsch zur Decodierung voraussetzt, dass man etwas der Decodierung wert hält, dass man überhaupt etwas „dahinter sehen“ mag? Nach meinen Erfahrungen wird im Kunstbetrieb diesbezüglich nichts wertgeschätzt, was es auch neben diesem, in der freien Wildbahn sozusagen, gibt. Der Betrieb um die Kunst lebt vom Ausschluss, von der Abgrenzung seiner Dinge zum Rest; das hält mich ja gerade in ständiger Distanz zu ihm, deswegen betone ich so wohlwollend, wenn Öffnung stattfindet. Wäre man so auf „Selfies“ eingegangen, wie man auf „Selbstbildnisse“ auf dem künstlerischen Parkett eingeht, dann würde man den eventuellen Beweggrund der sich so Portraitierenden, den Inhalt ihrer Lebenswelt, auf ein Niveau heben, das Einiges in der Kunstwelt deklassieren würde – wobei ich das nicht als ein „sogar besser gemacht als“ verstanden wissen mag, sondern lediglich als ein „gleichwertig existent“. Der Betrieb, der Markt aber muss es so verstehen, als Konkurrenz zu seiner Idee, zu seiner Berechtigung. Das wiederum setzt die „Sprache“, den allgemeinen kreativen Ausdruck in egal welcher Transformation, herab, was in der Folge mit verhindern hilft, dass Menschen mit einem natürlichen Zugang zu „Kunst“ heranwachsen dürfen.

Warum mir Frau Müller-Tamm gefiel, ist das persönliche Element, das in Diskussionen gerne heruntergespielt wird: jeder Direktor ist anders, jeder Kurator, jeder Vermittler, jeder Rezipient. Es spielt eine Rolle, wie man sein Aufgabengebiet neben dem Fachlichen persönlich füllt, natürlich nicht nur in der Kunst. Es ist die Individualität, deren Wertschätzung wir uns bewahren müssen.

 

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Kunst und Philosophie, Teil 3

Kunst und Philosophie, Teil 3

Ich rekapituliere noch einmal das Fazit aus dem letzten Text:

Da die vier Perspektiven (ich-Position, objektive Sicht, die Synthese dieser beiden und das Verstehen durch Erfahrung) nicht gleichzeitig eingenommen werden können, „ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren“, braucht es etwas, das aus der Widersprüchlichkeit heraushilft: die direkte Erfahrung des Lebens, weil sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Gert Scobel formuliert es so: „Gedanken und Theorien sind gut, aber sie erschöpfen sich. Dann ist es notwendig, wieder ins Leben hineinzugehen, so tief man kann, um klar zu werden. Man muss wieder einfache Dinge tun, um klar zu sehen.“ Vielleicht muss man die Dinge auch gar nicht werten, sie gar nicht unterscheiden zwischen „einfach“ und etwas anderem, muss also vielleicht nicht „einfache Dinge tun“, sondern muss einfach etwas tun!

Im Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet gibt es viele schöne Szenen, aber eine berührt mich immer besonders, weil sie ein so kostbares Gefühl beschreibt. Es ist die, die Amélies Lebensgefühl widerspiegelt, nachdem sie sich zum ersten Mal in das Leben eines anderen Menschen eingemischt, ihm ein intensives Erlebnis ermöglicht hat. Man sieht sie in Zeitlupe gehen; obwohl erst nur ihr Kopf aus einer niedrigeren Perspektive zu sehen ist, nimmt man ihren beschwingten Schritt wahr. Die Szene ist neben leiser Musik unterlegt mit der Stimme des Erzählers:

„Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein. In diesem Augenblick ist alles perfekt: die Weichheit des Lebens, dieser feine Duft, die ruhige Atmosphäre der Stadt. Sie atmet tief ein, und das Leben erscheint ihr so einfach, so klar, dass sie eine Anwandlung von Liebe überkommt und das Verlangen, der gesamten Menschheit zu helfen.“

Dieses Gefühl oder zumindest ein verwandtes Gefühlserlebnis durfte ich auch schon ein paar Mal genießen; ich habe den Eindruck, dass es mir mit zunehmendem Alter öfter zuteil wird; als junge Frau kannte ich es gar nicht, obwohl Amélie im Film es mit Anfang 20 erlebt. Menschen, die es noch nicht kennen, würden es evtl. mit Selbstzufriedenheit verwechseln; so wäre es mir gegangen. Das Gefühl geht aber weit darüber hinaus, und es ist sehr schwer zu beschreiben. Scobel’s weitere Ausführungen sind für mich der Versuch, es trotzdem zu tun, und für mich trifft er es sehr gut:

„Vielleicht lässt sich dieser Zustand der Klarheit beschreiben als eine tiefe Ausgeglichenheit, eine Art alle Kampfzonen umfassenden Waffenstillstand zwischen Geist und Körper, Innen und Außen, der Welt der ersten und der Welt der dritten Person, dem Ich und den Dingen. Das denken [Gert Scobel schreibt das durchgehend klein; Anm. d. Verfasserin] verliert dann seine quälenden Eigenschaften. Es geht dabei jedoch gerade nicht um ein der Erfahrung enthobenes spekulatives denken, sondern um eine im realen, alltäglichen Handeln erreichte Balance zwischen körperlichen und geistigen Prozessen.“

Dass denken und Lebenspraxis sich nicht voneinander trennen lassen, führt zur Erfahrung des Perspektiven- oder Aspektwechsels. Wir alle kennen sogenannte Kippfiguren, zwei Figuren in einem Bild. Eine der bekanntesten ist der „Hasen-Enten-Kopf“, bei der man oft lange erst nur eins der beiden enthaltenen Motive erkennt, aber irgendwann die Wahrnehmung „kippt“ – und man auf einmal das andere Motiv sieht. Im Fall des Würfels, bei dem man sowohl sehen kann, dass er nach vorne zeigt, als auch (wenn die Wahrnehmung kippt) nach hinten, fällt es mir sogar schwer, das zuerst gesehene Motiv noch einmal wieder zu sehen – das jeweils andere zu sehen macht gewissermaßen Mühe. Einige sagen auch, dass sie den Sichtwechsel gar nicht schaffen, so sehr sie sich auch bemühen, selbst wenn jemand ihnen z. B. sagt, auf was sie achten müssen, um das andere ihnen verborgene Motiv sehen zu können. Das heißt natürlich nicht, dass sie es niemals sehen werden, aber im Augenblick sind sie „aspektblind“. Die Fähigkeit, einen Perspektivenwechsel vornehmen zu können oder das eben nicht zu können prägt unsere Wahrnehmung, auch die Wahrnehmung unseres Lebens. „Zu welchen Aspektwechseln müssen wir fähig sein, um wirklich sehen, um verstehen zu können?“ fragt Scobel.

Im letzten Text sprach ich den vermeintlichen Widerspruch zwischen den zahllosen kreativen Arbeiten dieser Welt an; dass es Menschen gibt, die in der einen Umsetzung (z. B. Malerei) „Kunst“ (nach ihrer Definition) sehen und in einer anderen (z. B. eine Performance, die sich einem nicht leicht erschließt) nicht (wieder nach ihrer Definition). Der Nebenmann, die Nebenfrau sieht es genau umgekehrt; er, sie definiert anders, nicht falsch. Das ist das für mich Hochphilosophische an Kunstbetrachtung: der Aspektwechsel, dessen Möglichkeit man sogar ein und derselben Arbeit einräumen muss – und auch das birgt keinen Widerspruch. Deswegen ist es möglich, ein und dieselbe künstlerische Arbeit einmal zu verreißen (dem, dem der Aspektwechsel hier zunächst versagt ist) und einmal zu rühmen (dem, dem eine Aussage, ein neues Gefühl, eine neue Denkanregung „entgegen gekippt“ ist). Deswegen ist es unsinnig, künstlerische Arbeiten generell zu bewerten: man bewertet sie immer unter eigenem Aspekt. Und weil das nicht nur Laien tun, sondern auch Experten, erklären sich so auch Widersprüche in der Kunstkritik; das Problem ist lediglich, dass die Kritik oft absolut vertreten wird – und mögliche Aspektwechsel außer Acht gelassen oder sogar negiert werden.

Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing sagen in ihrem 2012 im Wilhelm Fink Verlag erschienenen „Theodor W. Adorno – Philosophie für Einsteiger“ Folgendes:

„Für Adorno hat die Kunst einen hohen Stellenwert.“ … „Er meint, dass sich an der in großen Kunstwerken vorzufindenden ‚Versöhnung zwischen Mimesis und Rationalität’ die gesellschaftliche Praxis zu orientieren hätte.“, aber:

„Laut Adorno gibt es in der Kunst einen Wahrheitsanspruch, der sich nicht an der Weltanschauung des Künstlers orientiert, sondern in der Form des künstlerischen Werkes zum Ausdruck kommt. Man kann im 20. Jahrhundert nicht mehr so malen, komponieren, bauen oder schreiben wie im Zeitalter der Aufklärung. Der Künstler ist nicht – wie im Expressionismus behauptet – nur seiner inneren Stimme verpflichtet, sondern muss gerade seine Partikularität überwinden, wenn er Bleibendes schaffen will.“

Ich würde an dieser Stelle Adorno geantwortet haben: Ein Künstler heute wird nicht mehr so malen, komponieren, bauen etc. wie zu früheren Zeiten; die Beeinflussung der sich weiter entwickelt habenden und immer noch weiter entwickelnden Welt wird in seinen Arbeiten zu sehen sein, selbst, wenn er eine alte Technik benutzt.

„Dieser letzte Gedanke, dass Kunst sich von ihrem Schöpfer emanzipiert und einen eigenen kritischen Sachgehalt zum Sprechen bringt, liegt Adorno besonders am Herzen. Kunst ist nicht in erster Linie eine Angelegenheit des subjektiven Geschmacks, sondern drückt objektive Wahrheiten aus.“ Adorno-Zitat: Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, dass es dem Künstler sich als ein Selbstständiges und in sich Organisiertes entgegensetzt. … Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.

Wenn ich den Philosophen hier richtig deute, wird er – zumindest in dieser Behauptung – u. a. durch mittlerweile unzählige Mem-Beispiele widerlegt. Obwohl die Mem-Theorie umstritten ist, ist der Prozess unstrittig, dass sich Bewusstseinsinhalte durch Kommunikation verbreiten und irgendwann ein Eigenleben führen können – „ein Selbstständiges“, „ein in sich selber Sprechendes“ werden können. Nur ist das nicht unbedingt ein Merkmal für hohe Qualität, wie z. B. die „Bielefeldverschwörung“ zeigt, ein zuerst über das Internet verbreiteter Dauerwitz, der zum Inhalt hat, dass es die Stadt Bielefeld nicht gäbe. Dieses und andere verbreitete Nonsens-Beispiele (auch Comic-Strips und Bilder aller Art) haben mal mehr und mal weniger witzigen Charakter, und das eine oder andere mit mehr Tiefgang wird auch trotz der inflationären Verbreitung berühren können, aber „als Kunstwerk rangieren“ wird wohl offiziell kaum jemals eines von diesen.

Alles erwächst aus Menschen und ist in meinen Augen IMMER AUCH Dokumentation des Erschaffers. Ich halte nichts davon, dass man sich bemühen sollte, sich dort weitgehend raus- oder zurückzuzuhalten; ich glaube auch gar nicht, dass man das kann. Es gilt zu hinterfragen, was mit „objektiven Wahrheiten“ gemeint ist, denn abgesehen von einem allgemein menschlichen Konsens – dass man beispielsweise keinen anderen Menschen tötet – gibt es keine „objektiven Wahrheiten“.

Bin ich auf der Suche nach etwas, nach einer persönlichen Antwort auf eine Lebensfrage, die sich durchaus nicht nur auf mich beziehen muss, sondern – und das möchte ich ausdrücklich nicht pathetisch verstanden wissen – auf alle Menschen, auf die Menschheit, auf die Welt, dann kann ich das u. U. in einem ur-persönlichen Erzeugnis eines anderen Menschen finden, der die Tragweite seiner Kreation zur Zeit der Erschaffung nicht absehen konnte und auch nicht später. Vielleicht hilft mir gerade, dass der Erschaffer „ganz bei sich“ geblieben ist, sich dokumentiert hat.

Mir gefällt der Gedanke, dass die Art, wie Amélie Poulain die Menschen in ihrer Umgebung berührt, sich in der Bedeutung und in der Resonanz nicht unterscheidet vom berührt-Werden durch eine künstlerische Arbeit, und dass Bedeutung und Resonanz immer auf beiden Seiten liegen: beim Erschaffer einer Sache, beim Anreger eines Gedankens, beim Hervorrufer eines Gefühls und bei dessen Adressaten. Echter Dialog beschenkt immer beide Seiten, und das ist in der Kunst eben nicht anders. „Authentische Kunsterfahrung öffnet den Blick für Ungewohntes. Sie zeigt, dass es existenzielle Erkenntnisse jenseits der Logik und den Wissenschaften gibt.“ Und Authentizität bedeutet für mich, dass man nicht unbedingt danach strebt, etwas Bleibendes zu schaffen, sondern dass man auf seine Art einfach im Gespräch bleibt – und sich und anderen weiterhilft auf den verschlungenen Pfaden durch das eigene Leben und durch eine sich stetig verändernde und oft auch brutale Welt.

Für Melanie

Zitate aus
Gert Scobel: „Warum wir philosophieren müssen“, 2012, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main
Ansgar Lorenz, Reiner Ruffing: „Theodor W. Adorno“, 2012, Wilhelm Fink Verlag, München
„Die fabelhafte Welt der Amélie“, Film von Jean-Pierre Jeunet, 2001, Frankreich

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Kunst und Philosophie, Teil 2

Kunst und Philosophie, Teil 2

Gert Scobel meint in seinem Buch „Warum wir philosophieren müssen“, dass „eine rudimentäre Kenntnis des Sachverhalts“ bereits helfen würde, „den in der Sache sehr klaren, leicht verständlichen Ansatz der vier Perspektiven, den ich Ihnen versprochen habe, noch mehr zu schätzen.“ Darauf vertraue ich jetzt und hoffe, dass ich – obwohl es mir bereits beim Lesen in den Fingern juckte, alles aufzuschreiben – mit den Zitaten im Rahmen bleibe und den einen oder anderen Abstecher zur Kunst – zumindest aus meiner Sicht – verständlich machen kann.

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Tetralemma“ Folgendes: „Das Tetralemma ist eine logische Figur bestehend aus vier Sätzen, welche einem Objekt eine Eigenschaft 1. zusprechen, 2. absprechen, 3. sowohl zu- als auch absprechen und 4. weder zu- noch absprechen.“ Abgesehen von den existierenden genaueren Beschreibungen, wie sich dabei was widerspricht, möchte ich hier nur die anscheinende Widersprüchlichkeit betonen. Auf Aristoteles geht zurück, dass im griechisch-abendländischen Denken Widersprüche „nicht erwünscht“ sind; es war schon im ersten Text die Rede davon. „Faktisch aber sind Widersprüche seit jeher ein entscheidender Motor im Geschäft der Erkenntnis und haben insbesondere die Wissenschaften immer wieder vorangebracht.“ Und sie gehören zu unserem Leben, zu unserer konkreten persönlichen Erfahrung. Wenn Widersprüche aber in einen Bereich führen, „in dem alles Reden und Argumentieren aufhört: Wie kommt es dann, dass auch widersprüchliche Aussagen zumindest als widersprüchlich verstehbar sind?“

Sind es eigentlich Widersprüche, die wir in der Kunst erfahren, wenn wir ihre Vielfalt erleben? Ich denke nicht, und doch erscheint es manchmal so: es kann eine Beuys’sche Performance nicht neben einem alten holländischen Meister der Malerei auftauchen; es KANN nicht beides Kunst sein. Und da, wo Menschen es letztendlich akzeptiert haben, dass das DOCH KANN, suchen sie andere hinkende Vergleiche und wiederholen dabei oft die Ignoranz früherer Generationen, nur mit anderen Protagonisten…

„Die Vielfalt unseres Handelns und unserer Kommunikation beinhaltet nicht nur Vagheit, sondern auch Widersprüchlichkeit. […] Eine Aussage ist mit einem ganzen Netz oder Netzwerk von Überzeugungen, Aussagen und letztlich auch von Handlungsweisen verbunden.“ Das muss unser Gehirn, das keinen Unterschied macht zwischen Denken und Fühlen, verarbeiten und zusammenführen, wie widersprüchlich die Informationen auch immer sein mögen. Dabei schöpfen wir aus unserem Hintergrund und Umfeld; Scobel bringt das Beispiel vom Dichter und vom Wissenschaftler, die beide unterschiedlich empfinden, was „die Wirklichkeit“ „entstellt“, und zitiert Thomas Nagel, „dass wir es mit einer verfehlten Objektivierung eines Aspekts der Wirklichkeit zu tun haben“ könnten, „der aus einer objektiveren Perspektive gerade kein besseres Verständnis zulässt.“

Die vier Perspektiven, die nach dem buddhistischen Philosophen Nāgārjuna der Wirklichkeit gegenüber eingenommen werden können, beruhen auf der Einsicht, dass es im Normalfall nicht möglich ist, „die Komplexität und Widersprüchlichkeit der Welt gleichzeitig in einem System zu beschreiben und dem Denken die Gedanken und Bilder gleichzeitig zugänglich zu machen – ohne dabei einen Aspekt zu verabsolutieren.“ (Den kleinen Abstecher zur Kunst möchte ich an dieser Stelle jedem selbst überlassen; ich bitte also um eine kleine Lesepause…)

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Diese vier Perspektiven kann ich hier nur sehr verkürzt darstellen: 1. die im „ich“ gefangene Position des Subjekts, 2. die objektive (materialistische) Sicht auf die Dinge und das Subjekt (wie z. B. in den Wissenschaften angewandt; diese Sicht hängt aber von Subjekten ab, daher ist diese auch eine dualistische Sicht der Wirklichkeit, in der man gefangen ist), 3. die Synthese aus 1. und 2. und damit das Plädoyer für die jeweils andere Sichtweise gleich: so ist das Leben im Augenblick, im Hier und Jetzt, in dem immer beide Sichtweisen gegeben sind (ich erlebe selbst, aber kann „aus mir heraustreten“, mich beobachten) und 4. das Verstehen durch direkte Erfahrung.

Die Zitate aus Gert Scobel’s Buch, die ich nun bringen möchte, bitte ich gleichzeitig wieder als Kunst-Abstecher mitzulesen und mitzudenken:

„Das Problem, welche der beiden [ersten; Anm. d. Verfasserin] Perspektiven – die Innen- oder die Außenperspektive – anzuwenden sei, prägt nicht nur alle philosophischen Probleme, sondern jedes Individuum, sobald es sich, sein denken und die Welt zu erfassen sucht.“

„Perspektiven sind mit Herrschaft verbunden.“

„Wer versucht, die Koexistenz der Perspektiven zu denken, wer selbst geschmeidig bleibt und mentale Ortswechsel nachvollziehen kann, der- oder diejenige wird ohne Zweifel ein besseres Gespür für all jene Verzerrungen bekommen, die jeweils spezifisch mit der ersten und der zweiten Perspektive verbunden sind.“

Nāgārjuna sagt, dass sämtliche Begriffe, die wir kennen, am Ende „den im Kalkül der ‚Vervierfachung’ […] ausgearbeiteten Widersprüchen begegnen.“ Der mögliche Schluss könnte sein, dass denken zu nichts führt. Die Antwort des Philosophen darauf: nur die „Erfahrung des Lebens“ führt heraus, indem sie sich theoretischer Spekulation entzieht. Der Viererschritt macht darauf aufmerksam, dass „die Begriffe leer sind. Erst, wenn diese Leere realisiert ist, hört, wie Nāgārjuna sagt, die Spekulation wirklich auf, und man sieht mit dem feinen Auge des Geistes.“

In der Kunst haben wir Begriffe erschaffen, deren Leere einzusehen mittlerweile eine große Herausforderung geworden ist. Wie in so vielen anderen Bereichen des Lebens, in denen es Menschen gibt, die eine angebliche Deutungshoheit haben, die die Perspektive vorgeben, sind wir auch hier gefragt, uns zu positionieren, immer wieder zu fragen: wem nützt was? Dadurch sind wir in der Lage, auch unsere Position sozusagen „von außen“ zu betrachten und einzuschätzen, ob wir da noch „richtig“ stehen… oder uns sogar vielleicht schon von dort entfernt haben, ohne es zu realisieren…

Damit dieser Text nicht zu lang wird, gehe ich im nächsten noch näher auf den Perspektiven- oder Aspektwechsel ein, und dann kommt auch das Beispiel mit der Kippfigur und noch mehr zur Erfahrung.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 3

macht dazu Ausflüge zu Amélie Poulain und Theodor W. Adorno.

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