Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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… und noch ein Gedanke zum „Urteilen“:

„Der Grund dafür [dass es ein äußerst extravagantes Forschungsprojekt wäre, einen Gegenstand zu suchen, über den man mit einer wahren Aussage behaupten kann, er sei (das) alles] liegt darin, dass ein Gegenstand, der alle Eigenschaften hat, kriterienlos er selbst ist. Das Wort ‚Kriterium‘ stammt vom altgriechischen Verb ‚krinein‘, das ‚unterscheiden‘ und in der Philosophie auch ‚urteilen‘ bedeutet, ein Wortstamm, der sich auch hinter der ‚Krise‘ verbirgt. Kriterien entsprechen Unterschieden, die einem bestimmten Gegenstand oder Gegenstandsbereich angemessen sind. Wo es keine Kriterien gibt, gibt es keine bestimmten Gegenstände und damit nicht einmal unbestimmte Gegenstände. Denn auch unbestimmte oder relativ unbestimmte Gegenstände (wie etwa die Menge Reis, die man beim Abendessen serviert) sind kriteriell bestimmt und müssen sich irgendwie von anderen Gegenständen unterscheiden.“

Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013

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Bis hierhin

Mit dem Malen in Berührung gekommen bin ich durch die Tatsache, dass mein Vater Musterzeichner war, schon früh; ich fand es faszinierend, wie mit wenigen prägnanten Strichen, etwas Farbe und der richtigen Schattierung in Minuten eine Blüte entstand… oder der Kopf eines Löwenbabys. Und alles war erklärbar: was wie wirkte und warum – eine wunderbare neue Welt für das Kind, das ich war, das die reale Welt um sich herum doch erst ansatzweise entdeckt hatte.

Als Halbwüchsige nahm mich das geschriebene Wort gefangen, sowohl das, was ich las, als auch das selbst geschriebene. Wieder eine neue Welt, und für mich war diese sogar noch leichter zu begehen als die der Malerei – so dachte ich zumindest. Viel später stellte ich fest, dass es nicht darum ging, etwas zu tun, was leicht zu erschließen war, sondern um das Bewusstmachen, warum man einen bestimmten Weg wählte und wie man ihn gehen wollte. Erst viel später brachte ich Farbe und Wort in meiner kreativen Arbeit wieder zusammen.

Aus einem in die Wiege gelegten, zum anderen sicher anerzogenen Sicherheitsbedürfnis heraus lernte ich eine Arbeit, die mich ernähren konnte, und verfolgte alles „Schöne“, Kreative, Künstlerische frei, weitgehend autodidaktisch. Mir fiel der Unterschied zur Herangehensweise meines Vaters auf, der auch Autodidakt war, aber ja beruflich malte und sich keine „künstlerische Freiheit“ gönnen konnte, ja oftmals sogar kein Verständnis für manchen Künstler aufbrachte. Ich dagegen wollte jeden Maler fragen, warum er was wie dargestellt hat, und bin bis heute davon überzeugt, dass nur ein entgrenzter Kunst-Begriff wirklich funktioniert, wenn man die Kunst nicht (nur) dazu nutzt, dem Kunstwelt-Menschen zu Rang, Namen und Geld zu verhelfen. Kunst kann sich immer und überall ereignen.

So gehe ich auch mit meiner eigenen Arbeit um: nichts ist für mich festgeschrieben, weder Material, das ich fröhlich miteinander mische, noch Farbe oder Komposition – es kommt auf die Aussage an, die ich treffen möchte. Wenn die in meinem Sinne erreicht wird, ist alles erlaubt. Eine meiner Eigenarten ist, die Bilder nicht mit einer Jahreszahl zu versehen, was eigentümlicherweise Vielen gleich auffällt und mindestens zu Nachfragen führt. Die Antwort lautet: für mich schreiben sichtbare Jahreszahlen etwas im Betrachter fest – so geht es mir – und ich finde, das beeinträchtigt die „freie“ Sicht auf das Bild. Ausnahmen mache ich aber bei Auftragsarbeiten, und bei einem bestellten Hochzeitsgeschenk habe ich das Datum auch schon im Motiv hinterlassen. Ich katalogisiere meine Arbeiten nicht und halte nicht jede im Foto fest – was „weg“ ist, ist also „weg“. So fühle ich die Dinge, die ich erschaffe, und damit mich selbst eher „im Fluss“, und das entspricht meinem Denken auch sonst. Die regelmäßig-unregelmäßigen Zerschneide-Aktionen meiner Bilder – auch die der „erfolgreichen“, bereits ausgestellten übrigens – gehören für mich dazu. Die Bild-Fragmente werden größtenteils zu Grußkarten-Motiven und auf diese Weise in die Welt geschickt… für mich eine der schönsten Arten des in-Dialog-Tretens.

Auf meiner Website (www.sabinepint.de) bin ich dazu übergegangen, alle paar Tage eine Arbeit von mir in einer Wechselausstellung zu zeigen und ansonsten neben der Kreativ-Vita und Ausstellungsliste auch Persönliches zu berichten… Beweggründe für dieses oder jenes oder einfach ein paar Gedanken zur momentanen kreativen Situation. Daneben veröffentliche ich persönlich gehaltene, nicht wissenschaftliche Sachtexte rund ums Thema „Kunst“, die durch die theoretische Auseinandersetzung entstanden sind.

Ich habe das Gefühl, gleichzeitig auf dem Weg und bereits am Ziel zu sein – und das ist ein sehr schönes, frei machendes Gefühl.

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Der Kern

Ich bin auf dem Weg, meinen “Kern” als Kreative kurz benennen zu können, allerdings wird ein anderer Bereich wieder „schwammiger“ dadurch; ich versuche es mal zu erklären:

Bei mir fand in den letzten Jahren eine Änderung statt, die mir das erst möglich macht, ja, wodurch es beinahe automatisch kommt, dass ich es in einem Satz ausdrücken kann: Ich stehe dafür, dass Kunst für die Menschen ist, und zwar alle Kunst für alle Menschen. Dazu blogge ich, damit befasst sich beinahe jeder andere Schriftbeitrag von mir.

Meine Bilder allerdings haben das nicht zum Thema, befassen sich etwa mit Freiheit, Verantwortung, Empathie oder Toleranz. Der Ausdruck dieser “Schlagworte” in Farbe ist natürlich ein persönlicher – niemand sonst muss es nachvollziehen, obwohl es ebenso natürlich immer die Hoffnung ist, dass die Aussage sichtbar wird.

Was ich da malend mache, werde ich niemals ganz kurz und knackig ausdrücken können, aber für mich muss das auch gar nicht sein. Das ist der “schwammige” Bereich, aber leider auch der, der nach außen deutlicher wahrgenommen wird: “sie malt”.

Dass es mir ob der von mir selbst wahrgenommenen Ur-Persönlichkeit der Bilder immer weniger wichtig ist, dieses “sie malt” nach außen zu bringen, aber es für mich immer wichtiger wird, meine Kernaussage zu verbreiten und zu diskutieren, macht es einerseits klarer, und andererseits schiebt es mich auch in ein Dilemma …

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