Stell Dir vor, es ist Kunst und niemand geht hin

http://thinglabs.de/2017/05/socialmedia-im-kleinformat-am-beispiel-das-seminar/

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Hier lässt uns Stefan Beck teilhaben am Aufwand, den es macht, „einen wesentlichen Teil [seiner] Lebenszeit“ einer „Mitteilungsform“ zu widmen.

„Es scheint, als hätten die wenigen Benutzer vor allem einen persönlichen Gewinn von der Seite, den sie nicht notwendig mit ihren Freunden teilen müssten.“

Das zum einen sicherlich, aber zum anderen gilt doch auch: die Interessierten haben nicht viele Freunde, mit denen sie das SINNVOLL teilen könnten. Mir ist es in Deinem und meinem Sinne wichtig, aber ich weiß, dass es aus meiner „Follower“schaft kaum jemanden hinter’m Ofen hervorlocken wird – wie die allermeisten meiner Beiträge das nicht tun. Vielleicht bekommt es ein Like; ich rechne nicht mit einer sachlich interessierten Wortmeldung.

Bei uns beiden gäbe es sicher „reichlich Gedanken“ zu entdecken und auch zu besprechen; wie Du es ausdrückst: man gibt „sich selbst“; wie im sogenannten „real life“ ist und bleibt es ein Geschenk, wenn eine Person an einer anderen ein aufrichtiges Interesse hat.

Ich gebe es um meinetwillen nicht auf: „die Bereitstellung einer Struktur und den Willen, sich dauerhaft in ihr aufzuhalten.“

Dank‘ Dir für Dein Engagement!

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Bild: Cover des ‚thingbook‘, einer Info-Broschüre zu ‚The Thing Frankfurt‘, einem sozialen Netzwerk für Kunst und Kultur außerhalb von Galerien und Institutionen

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Ich denke, man muss sich entscheiden…

Michael Kröger: „Eine aktuell als Banalität bewertete Form von reproduzierter Wirklichkeit muss nicht auf Dauer banal bleiben. Das bewusst reflektierte Banalisiertwerden eines Phänomens spiegelt nicht nur aktuelle Werte und besonders Vorurteile, sondern immer auch Erwartungen gegenüber einer Sphäre eines noch unbekannten und exklusiven Nicht-Banalen. Gerade mit dieser speziellen Erwartungsfunktion lässt sich weiter spekulieren. Denn spricht man weniger abwertend von Banalisierung, so erkennt man plötzlich sehr vieles in einem anderen Licht.

Wo nur von Banalem und/oder drohender Trivialisierung die Rede ist, entstehen nicht nur Formen von negativer Bewertung und damit eine Ausschließung. Im Gegenteil: Relevantes entsteht jeweils dort, wo erfolgreich etwas Neues als Nicht-Banales zur Sprache kommt.“

 

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Ob etwas „zu“ irgendetwas ist, steht immer in einem Kontext, und der Sprecher definiert diesen. Wenn mir etwas beispielsweise „zu banal“ ist, dann ist es das in Bezug zu meinen Wünschen und Ansprüchen. In der Kunst gilt dieser Begriff (Banalität) mir nichts; er funktioniert da nicht. Auch ich definiere hier; das ist mir bewusst.

 

Ich muss weiter ausholen: wenn wir beim Banalitätsbegriff sind, ist der Qualitätsbegriff nicht weit. Für mich gibt es im künstlerischen Ausdruck keine objektive Qualität; auch hier ist mir bewusst, dass es ketzerisch klingen mag in so manchem Ohr.

 

Und an jeder Stelle sind wir gezwungen, uns zu positionieren, zu definieren. Wenn Kunst Sprache ist, und jemand drückt sich unverständlich aus, heißt das nicht, dass er nicht sprechen kann – er tut es ja! Selbst wenn niemand ihn verstünde… ist seine Sprache wohl noch nicht decodiert. Das Sprechen selbst, seinen ureigenen Ausdruck kann man ihm nicht ab-sprechen. Selbst, wenn andere seine ur-eigenen Belange „banal“ nennen.

 

Die erste Kunst wurde u. a. in Höhlen gefunden – einen Käfig gebaut hat man ihr erst später. Der Käfig ist ein System, das in sich geschlossen schon funktioniert – nur versucht man im System „Kunst“ den Ausschluss dessen, was allen gehört. Und man schließt Menschen einander aus. Ich denke nicht, dass die Frage nach Banalität oder Relevanz sich bei der ersten Kunst des Menschen stellte, egal, ob diese religiös motiviert war, von Trance-Erfahrungen erzählt hat oder doch einfach nur Kontakt zum Mitmenschen herstellen wollte.

 

Ein Kollege sieht die Kunst rein wissenschaftlich – und auch in Dr. Krögers Text ist von „Kunstwissenschaft“ die Rede –; das gelingt mir einfach nicht. Was ist das Ziel der Kunstwissenschaft? Wenn man überlegt, ob eine Documenta es noch bringt, weil es alles schon gab… was ist das Ziel? Man darf gerne auch ein ganz abgedrehtes nennen, z. B. so, als würde die Medizin das Ziel formulieren, dass irgendwann kein Mensch mehr an Krankheit sterben muss…

 

Ich weiß, dass, wäre es überhaupt argumentativ möglich zu erklären, man der Oma in einfachen Worten erklären könnte, warum Leon Löwentraut besser malt als ihr Enkel – mir ist klar, warum das (im sich selbst erhaltenden System „Kunst“) nicht möglich ist. Es greifen weder rein ästhetische Gründe noch die Gedanken des Künstlers; ich habe z. B. ihn in diversen Talkrunden gehört. Wenn sich dann noch der Anwalt der womöglich – ich nehme es jedenfalls an – stinkreichen Eltern sich mit dem Anwalt eines anderen Malers anlegt, wer von wem abgemalt hat, ist der Kunstbetrieb um eine Farce reicher.

 

Ich warte darauf, dass der „Anthropomorphe Kabinettschrank“ von Dali als Fälschung entlarvt wird, um beweisen zu können, dass ich ihn dann noch genau so regelmäßig und gern besuche und bestaune wie davor – nur würde er dann vermutlich abgehängt.

 

Ich finde, all das (und noch viel mehr) sollte man in einer Diskussion um Banalität bedenken. Mich bringt es zum Fazit, dass nichts von irgendwoher gegeben ist, was Menschen als Systeme erfunden haben oder erfinden. Menschen machen die Regeln; alle sind jederzeit änderbar. Definitionen sind änderbar; s. ganz o. das Zitat.

 

Würde Kunst als allgemein gebrauchbarer menschlicher Ausdruck gelten dürfen, dürfte sie genesen. So, wie es aber jetzt ist, bleibt mir nur die Trennung zwischen Markt-Kunst und (einfach) Kunst als jedwedem menschlichen Ausdruck mittels oder jenseits von Verbalsprache, egal ob Marcel, Gerhard oder Lieschen die Erschaffer sind.

 

Das „Problem“ ist die Etikettierung im Gegensatz zu inhaltlichem Austausch.

 

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Tanja Praske: „Überall das gleiche unproduktive Gerangel um Kompetenzen und Deutungshoheit. Hier finde ich Lauras Meinung: „E-Kultur (ernsthafte Kultur) definiert sich über Ausschluss“ sehr treffend. Bei Michael Krögers Post dachte ich umgehend „wer bestimmt denn was banal ist?“ Durch das Web wohl kaum noch eine elitäre Bildungsoberschicht, sondern das Publikum, der User, der sogar auch Content liefert. Entweder moderiert durch die Kulturinstitution oder einfach so, denn das machen die User so oder so, mit oder ohne Moderation.“

 

Ich sehe tatsächlich ein bisschen die Gefahr, dass das Publikum die Rolle des „Banalisierers“ zugewiesen bekommen könnte und die Kunstvermittler die der „Mithelfer“; das ist schon so geschehen in diversen Diskussionen bis hin zur Erkenntnis mancher, dass das Publikum doch eher hinderlich sei bei der Kunstbetrachtung.

 

Ich denke, man muss sich entscheiden: entweder es ist eine Wissenschaft, dann dürfen sich selbstverständlich nur noch die Wissenschaftler unterhalten, oder etwas „für die Menschen“, ohne Ausschluss, ohne Vorurteil, differenziert. Ich für mein Teil kann mir nicht vorstellen, dass sich die Menschen die Freiheit des Ausdrucks und des Sprechens darüber wegnehmen lassen…

 

[Meine Antwort zum Thema „Banalisierung in der Kunst“ im Blog von Tanja Praske vom 02.02.2016]

 

„Die Kunst stirbt niemals. Sie ist ein Teil unseres Ichs.“ Giovanni Segantini

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Salvador Dalí – Der anthropomorphe Kabinettschrank

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Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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Was gibt’s Neues?

Jeder kennt die Frage, jeder weiß, was er oder sie schon mal darauf geantwortet hat. Manchmal gibt es was augenscheinlich Neues für den Gefragten zu erzählen, manchmal erzählt man es dann, manchmal nicht. Oft sagt man „Och, ’s gibt nichts Neues…“ – aber stimmt das jemals?
Ich für mein Teil stelle fest, dass das meine spontane Hauptantwort ist – und dass sie tatsächlich niemals stimmt.
Übersetzt heißt diese meine Antwort: Es fällt mir schwer, nach kurzer Frage einfach so von mir drauflos zu erzählen, weil ich nicht weiß, was mein Gegenüber interessiert… ich muss wohl in grauer Vorzeit ein paarmal unerwartet geantwortet haben, so dass ich nun vorauseilend vorsichtig bin… Vielleicht ist das Problem auch: ich möchte über Wesentliches sprechen, über das, was meinem Gegenüber und mir wesentlich ist. Das Gespräch an sich ist nicht so schwierig, aber der Anfang eines solchen Austauschs hat es augenscheinlich in sich, scheint mindestens den Betroffenen Respekt abzunötigen.
Ich habe gar nichts gegen Smalltalk; so soll das jetzt hier nicht klingen. Die Grenze ist schwer zu ziehen beziehungsweise: gibt es überhaupt eine Grenze? Denn beim aneinander-vorbei-Gehen ist ein schneller unkomplizierter Satz doch sehr nett und oft die einzige Möglichkeit der freundlichen Kontaktpflege: mit der Kollegin auf dem Büroflur, mit dem Nachbarn auf meinem Weg zum Bus. Aber mit mehr Zeit ist für mich ein Gespräch, das sich in Smalltalk erschöpft – ich gebe es zu – meistens ein verlorenes. Ich ahne jetzt schon, dass einige, nachdem sie das gelesen haben, nicht mehr wissen, ob sie mit mir über’s Wetter reden „dürfen“… oder über’s Zu- und wieder Abnehmen… oder über Rezepte, Frisuren, Urlaub, Alltag… aber selbstverständlich „dürft“ Ihr; nur zu! Redet mit mir über alles, was Euch in dem Moment wesentlich ist, und Ihr habt meine ungeteilte Aufmerksamkeit und meinen Respekt für alle Eure Themen.
Und lasst Euch fragen: was interessiert Euch denn umgekehrt an Eurem Gegenüber? Interessiert sie oder er Euch überhaupt so, dass es für eine ehrliche Frage reicht? Denn vielleicht habe ich früher gar nicht unerwartet geantwortet und den Frager „erschreckt“, sondern dieser war schlicht überhaupt nicht interessiert! Denn wie kann ein Gespräch zwischen zwei Menschen eigentlich jemals langweilig sein oder der eine dem anderen glauben, es gäbe nichts Neues?
Es gibt unfassbar viel Neues, in jedem Moment. Ich entwickele mich vom Betreten dieses Planeten bis zum Verlassen unablässig weiter, werde etwas, werde jemand, werde jemand anderer. Zu viele Menschen, die sich gut, weil lange, zu kennen glauben, verlieren einander auf dem Weg dieses Werdens. Weil sie sich nicht mehr fragen. Sich selbst nicht und nicht den anderen.
Nicht, dass ich das noch nie so gefragt hätte, aber vielleicht ist „Was gibt’s Neues?“ auch gar nicht so zweckmäßig. Bedeutet es doch zwischen den Zeilen, dass das, was da jetzt kommt, mich aber auch bitte zu interessieren hat, wirklich etwas auch in meinem Sinne „Neues“ sein soll. Es stellt mich, den Frager, als Hauptperson hin, als den „zu Unterhaltenden“. Wäre es nicht viel konstruktiver für’s Gespräch, beispielsweise zu fragen: „Womit beschäftigst Du Dich derzeit? Was sind Deine Themen?“ Und: „Wie beschäftigst Du Dich damit, auf welche Weise?“
Manche Gespräche brauchen derlei Kniffe nicht, weil sich die Beteiligten wirklich füreinander interessieren. Ich nehme aber an, dass viele Gespräche durch diese Herangehensweise einen unerwarteten und wunderbaren Dreh bekämen… dass ich versprechen kann, bei Anwendung höchstwahrscheinlich nie mehr sprachlos zu sein… und dass ich für’s nächste Zusammentreffen mit mir hiermit gerne vorwarne. 😉

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Der Mensch hinter der Arbeit

Es fehlt mir bei mancher Kunst, mit dem Erschaffer darüber sprechen zu können.
Mir ist bewusst, dass das Erklären von Kunstwerken verpönt ist, sowohl bei den Erschaffern als auch bei Kritikern. Vielen Rezipienten würde es manchen Zugang erleichtern, denn „Verständnis“ des Ausdrucks einer völlig fremden Person – denn das stellt ein Kunstwerk dar – kann niemand wirklich in Gänze haben. Alles bleibt nur bestmögliche Annäherung.

Dieses Streben nach vollkommenem Verständnis ist aber doch auch gar nicht nötig! Bestmögliche Annäherung bedeutet für mich: was macht das Ansehen/Anhören/Teilnehmen gerade mit mir, was hat es unter Umständen mit mir zu tun, und – gibt es einen Dialog nicht nur in mir, sondern korrespondiert da vielleicht auch etwas zwischen dem Künstler und mir? Mit der Beschäftigung mit diesen Fragen fühle zumindest ich mich vollkommen ausgelastet.

Ich würde so weit gehen, zu sagen, dass, wenn ich den Künstler, die Künstlerin kenne, ihre Arbeit ein Stück hinter die Person zurücktritt – und frage mich gerade, was das für meine Kunstauffassung bedeutet… Theodor W. Adorno sagt, dass das Kunstwerk sich vom Erschaffer emanzipieren müsse, ein Eigenständiges sein müsse. Ich dagegen kann mir keine kreative Arbeit dieser Welt (tatsächlich keine!) ohne die Person dahinter vorstellen. Obwohl es für die meisten Betrachter der Arbeit nicht zum Kontakt mit der Erschafferpersönlichkeit kommt (und sie es vielleicht auch gar nicht wünschen), gehören beide für mich untrennbar zusammen. Nein: alle drei gehören untrennbar zusammen: der Autor, seine Arbeit und der Rezipient.

Ich wünschte mir diesen Kontakt, das Gespräch, immer, und zwar gerade auch bei Dingen, die mich nicht auf’s erste Sehen oder Hören begeistern. In der Kunstbetrachtung gibt es für mich nichts Spannenderes als den Menschen hinter der Arbeit.

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Gespräch

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Als ich letztens versuchte, mit den „Philosophischen Akrobaten“ das Thema zu umkreisen, ob man die oft sehr abstrakt diskutierte Philosophie als direkt wirksam im Alltag erfahren kann, war es anfangs, als wollte ich einen Aal greifen. 😀

Ich wollte wissen, ob das, was man gemeinhin Charakter oder Mentalität nennt, auf unsere ganz persönliche Philosophie schließen lässt: woran wir glauben, wie wir glauben, was uns wichtig ist in Form eines vielleicht benennbaren Lebensziels. Oder ob es Ereignisse gab, die eine bestimmte Philosophie oder Haltung in uns wachgerufen haben oder sie bestärken, was andere eben als unseren Charakter bezeichnen.

Nach einer Weile stellten wir fest, dass wir in unserem Gespräch unsere Werte beleuchteten und diese selbstverständlich untrennbar mit unserer persönlichen Philosophie verbunden erleben; darin waren sich alle einig.

Es stellte sich unter anderem die Frage, ob es unbedingt der Worte bedarf, sich zu verständigen, weil ein paar von uns auch schon die Erfahrung machen durften, beinahe ohne verbindende Sprache einander zu „verstehen“. Meines Erachtens ist das eine Verständigung auf der Gefühlsebene von Mensch zu Mensch oder bezüglich sehr eindeutiger Gesichtsausdrücke (wie der, der Freude ausdrückt) oder Gesten (wie die, die für Hunger oder „essen“ stehen).

Um wirklich begreifen zu können, warum – das war ein Beispiel – der eine Mensch auf einmal seinen Bruder jenseits einer Landesgrenze tatsächlich als Feind erlebt, dazu bedarf es meines Erachtens nicht nur der Worte, sondern einer Selbsterkenntnis im Gespräch zwischen den Beteiligten, ein neben-sich-Treten, um reflektieren zu können. Die Bereitschaft, ein zähes Gespräch zu führen, weil man einander die Definitionen seiner Begriffe in für den Zuhörer verständlichen Worten erläutern muss, um sich an eine immer bessere Verständigung heranzutasten. Denn mehr als die bestmögliche Annäherung wird kaum möglich sein.

Den anderen, das Gegenüber in dessen Sinne bestmöglich zu verstehen ist die Voraussetzung für konstruktiven Austausch; konstruktiver Austausch ist in meinen Augen die Voraussetzung für beinahe alles in der Welt. 

Eine wirkliche „Zusammenfassung“ des Abends wäre mir nicht mal mit Protokoll wirklich möglich, aber ich halte es auch nicht für nötig. Es fehlte die Lebendigkeit.

Möglich und nötig ist nur das Gespräch als solches, das miteinander-im-Gespräch-Bleiben, und das hatten wir. Ich freue mich auf’s nächste Mal!

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