Verändern wir unseren Deutungsrahmen

https://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=68916

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Die sehr sehenswerte Diskussion beschäftigte sich mit dem Framing-Effekt, der bedeutet, dass unterschiedliche Formulierungen trotz gleichen Inhalts den Empfänger unterschiedlich beeinflussen. https://de.wikipedia.org/wiki/Framing-Effekt
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Was mir besonders gefiel: dass es völlig unstrittig – sozusagen die Grundlage der Diskussion überhaupt – war, dass Sprache eine immense Bedeutung hat. In dem Zusammenhang fällt mir die Gender-Theorie als gutes Beispiel ein: die rechtliche Gleichstellung des Menschen ist immer noch nicht geschafft, und Bemühungen, mit Sprache diesbezüglich sensibel umzugehen, werden trotzdem häufig torpediert. Zwar treiben die Bemühungen manchmal auch merkwürdige Blüten, aber diese machen die Unternehmung als solche ja nicht falsch.

„Offen in der Beobachtung zu sein“ und zu bleiben war für mich ein wichtiges Zwischenergebnis der Sendung. Denn obwohl der Anspruch eigentlich klar ist oder sein sollte, wird er häufig nicht gelebt; im Gegenteil haben es Beobachter und Aussprecher des Beobachteten in Gesprächen oft schwer. Die Beteiligten der ‚scobel‘-Diskussion rangen denn auch miteinander, warum das so ist. Soziologe Dirk Baecker sprach den offensichtlichen Zeitmangel der Menschen an, worauf die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling zusammen mit Gert Scobel zurück fragte, warum denn keine Zeit für diese Sorgfalt sei. Wehling schlug vor, dass wir das „politische Denken entschleunigen“ sollten – das halte ich für unser Denken grundsätzlich für einen guten Ansatz! Wenn wir uns Zeit nehmen (nähmen!), Metaphern und Frames zu analysieren und das gesellschaftsfähig, mehrheitsfähig wäre, würden wir den Inhalten der Dinge einen großen Gefallen tun. Es wäre nicht mehr so leicht, andere sittenwidrig zu manipulieren. Es wäre den Gegnern notwendiger gesellschaftlicher Veränderungen nicht mehr so leicht gemacht, Nebenschauplätze aufzumachen und vom eigentlich Wichtigen abzulenken.

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„Offen in der Beobachtung zu sein“, auch und gerade sich selbst gegenüber, manchmal klischeehaft benutzten Metaphern gegenüber, ist auch das Grundthema der Kunst. Dabei dazu zu stehen, wenn das Klischee einfach trifft, hat mit Auseinandersetzung zu tun, WARUM es trifft. Es geht nicht um Ge- oder Verbote. Es geht um Auseinandersetzung. Findet die statt, ist alles erlaubt, was einem anderen nicht seelisch oder körperlich bewusst schadet. Und schadet es unbewusst: dafür gibt es den Dialog. Und ist jemand außerstande für Dialog: dafür gibt es den mitfühlenden Mitmenschen. „Offen in der Beobachtung zu sein“, das beginnt also mit ihm.

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Malik Bendjelloul

Ich bekomme leider nicht viel mehr über ihn heraus, als der offizielle Wikipedia-Eintrag

https://de.wikipedia.org/wiki/Malik_Bendjelloul

aussagt.

Seinen im wahrsten Wortsinn ausgezeichneten Film „Searching for Sugar Man“ schaue ich in regelmäßigen Abständen an, und jedes Mal auch die Begleit-CD, auf der der verstorbene Regisseur auf mitreißende Art über das Making-of erzählt: https://www.youtube.com/watch?v=7jbDKvuwB2s (hier leider nur spanisch untertitelt und etwas schwierig zu verfolgen, wenn man kein Englisch-As ist, denn er spricht recht schnell.)

Begeisterung und Integrität brauchte auch Sixto Rodriguez, der „Sugar Man“( http://sugarman.org/), der, obwohl in seinem direkten Umfeld erfolglos, trotzdem immer am Musikmachen festgehalten hat und durch Stephen Segermans Suche und Bendjellouls Dokumentation späte Anerkennung erfuhr.

Simon Chinn, der Produzent, sagt am Anfang der Begleit-CD, dass Bendjelloul die Lektionen, den Film zu machen, von Rodriguez gelernt hätte. Er hat mehrere Jahre darauf verwendet und zwischendurch auch Zweifel gehabt, ob er „der Richtige“ für das Projekt ist. Wenn man die Geschichte des Films kennt und Malik Bendjelloul über den Bildschirm erlebt, kann man zu dem Schluss kommen, dass niemand anderes diese Geschichte erzählen konnte. Man sieht und hört wirklich selten vergleichbare Begeisterung.

Gerald Hüther sagt in einer Video-Sequenz über das Lernen von Kindern: „Es muss bedeutsam sein. Wenn das so ist, dass man nur dann was lernen kann, wenn es bedeutungsvoll ist, dann heißt das, dass es unter die Haut gehen muss.“ (https://www.youtube.com/watch?v=T5zbk7FmY_0) Ich glaube, dass auch Erwachsene so lernen und vor allem: so leben. Was für jemanden bedeutsam ist, damit befasst er sich, damit umgibt er sich und da „bleibt er dran“. Wenn jemand so ein Objekt oder Projekt hat, dann springt das Feuer der Begeisterung oft auf andere Menschen über, steckt sie im wahrsten Wortsinn an.

Ich durfte schon ein paar Menschen für diese Geschichte über Sixto Rodriguez begeistern. Vielleicht ist es meiner ständigen Auseinandersetzung mit Kreativität geschuldet, dass mich auch Malik Bendjelloul, der Filmemacher, der sich am 13. Mai 2014 im Alter von 36 Jahren das Leben nahm, mitreißt und begeistert.

 

bendjelloul

 

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Inhalt und Form

http://www.kulturtussi.de/mehr-inhalt-wenger-kunst/

 

Anke von Heyl inspiriert mich wieder – dafür erstmal Dankeschön! 🙂

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Ihr aktueller Blog-Beitrag ist pickepackevoll mit Infos und Anregungen; hier mein Weiterfragen:

Ist es vorstellbar, dass etwas inhaltsarm ist oder scheint und trotzdem so gut erzählt wird, dass es dadurch an Bedeutung gewinnt? Mir fällt sofort mindestens ein Roman oder Film ein, dem man unterstellen könnte, dass sein Thema nicht neu oder sogar „kitschig“ sei, an dem ich aus irgendeinem Grund aber „dran bleiben“ musste…

Ist es beim Thema „Inhalt“ oder dessen vermeintlichem Gegenteil eventuell so wie bei allen Dingen: dass es auf den Adressaten, den Betrachter, den Rezipienten ankommt, was und wieviel man aus einer Sache „ziehen“ kann? Dass es, sowie sich jemand egal wie äußert – und ich meine jetzt jegliche Äußerung, nicht nur Verbalsprache – Inhalt hat: nämlich den der zuvor erbrachten Gefühls- und Denkleistung des sich Äußernden? Und dass sämtliche Beurteilungen dieses Inhalts dem Gegenüber erstmal nicht zustehen? Dass es auch da wieder „nur“ um Austausch, um Dialog geht?

Kann die Form (in Ankes Beispiel die Kunst des Storytelling) bereits sich selbst genügen, also gleichzeitig Inhalt sein?

Ist Inhalt immer gleich Inhalt, Form immer gleich Form?

Müsste man sich nicht immer und in jedem Fall darüber unterhalten, auch da die Definitionen klären, bevor man urteilt?

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Ich bin gespannt auf Euer Mitdenken und -äußern, und Anke freut sich sicher auch über Besuch… 🙂

 

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Schwierig und schön

Ich bewege mich, was „Kunst“ oder meine Kreativität angeht, zugleich in schwierigen und schönen Verhältnissen.

Inspiriert durch ähnliche Äußerungen so mancher KreativkollegInnen komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass wir doch beinahe alle unsere diesbezügliche Tätigkeit selbst gewählt haben und sie „abwählen“ könnten, wenn wir wollten, gerade, wenn wir es als eher schwierig empfinden.

Warum also wollen wir das nicht oder bisher nicht?

Um direkt zu Anfang dem klassischen Missverständnis vorzubeugen: es geht mir auch in diesem Text nicht darum, uneingeschränkt für Gratisarbeit zu plädieren. Jeder darf jeden ihm angemessen erscheinenden Preis verlangen und bekommen; jeder darf für alles bezahlen, für das er bezahlen mag und wieviel er mag.

Mir geht es um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Wir alle sind gefangen im selben System: es wird nur denen „erlaubt“, gut zu leben, die einer gesellschaftlich anerkannten „offiziellen“ Arbeit nachgehen, und das selbstverständlich in Vollzeitbeschäftigung. Alle anderen schmarotzen; sie dürfen sich gerade so über Wasser halten können; gut gehen darf es ihnen in keinem Fall. Darauf ist alles aufgebaut. Statt zu sehen, dass das System nicht mehr funktioniert, immer mehr Menschen das Stigma des Schmarotzers tragen und also aktiv nach neuen Wegen zu suchen oder sich bereits andeutende Wege (Stichwort Bedingungsloses Grundeinkommen) wirklich einmal auszuprobieren, treten viele eine egoistische Flucht nach vorne an. Selbst da, wo es wenig Nachfrage gibt oder ein kaum regulierter Markt eine gewisse Fairness nicht zulässt, wird an dem Modell festgehalten: ich habe Arbeit investiert -> ich biete dieses an -> du hast es nun zu kaufen, denn ich möchte/muss von diesem Geld mein Leben finanzieren.

Freiheit geht anders.

Dass es auf dem Kunstmarkt nach diesem Modell nur für Wenige funktioniert, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits zeigen die dortigen Unsummen eigentlich für jeden deutlich an, dass es um tatsächlich greifbare Werte wie z. B. den Materialwert – und dadurch garantiert eine gewisse Vergleichbarkeit und Fairness – in keinem Fall mehr geht. Dass die Börse-wertvollen Schätze in Kellern, Bunkern und Safes lagern, weil sie nicht in erster Linie wirken und Betrachter (unmaterialistisch) bereichern sollen, sondern nur die Besitzer (oft rein materialistisch), scheint einigen nicht zu helfen, die Sicht auf diesen Markt gerade~ und daher vielleicht von ihm abzurücken. (Oder auch Berichte wie „Ist das ein Museum oder ein Konzern“ von Lars Jensen, erschienen im Feuilleton der Online-FAZ am 01.05.2015.) Im Andererseits hadern sie stattdessen mit „der Kunst“, wenn sie nicht von dem ja riesig erscheinenden Kuchen wenigstens ein paar Krümel abbekommen.

Dass sich nicht Dutzende Anwälte oder Ärzte auf engstem Raum tummeln, hat seinen Grund. Ein neu zugelassener Arzt in Selbstständigkeit wird sich einen Praxisplatz suchen, der es ihm zumindest nicht unnötig schwer macht, einen Patientenstamm aufzubauen, oder er übernimmt eine bestehende Praxis und damit oft auch die Patienten. Entweder es funktioniert oder nicht, aber kein Arzt wird ausbleibende Patienten für ihr Fernbleiben verantwortlich machen. Es kann viele Gründe haben, warum es nicht funktioniert, und liegt es nicht an der Unfreundlichkeit oder dem Unvermögen des Arztes, kann er Vergleiche mit Kollegen anstellen, um eventuelle Änderungen vornehmen zu können. Diese Vergleiche machen durchaus Sinn, bevor er nach langen Studienjahren sonst vielleicht zu früh aufgibt. Denn ganz oft ist es eine reine Standortfrage, hat also mit Wollen und Können des Berufes an sich im Grunde nichts zu tun.

Wie aber vergleicht man Künstler? Gibt es da „Standortfragen“? Selbst Maler untereinander unterscheiden sich in nahezu allem, bis hin zur Persönlichkeit, die die Quelle all ihres Schaffens ist. Und wenn man zurück geht bis zu dieser Quelle… – welchen Sinn machen Vergleiche dann? Aber umgekehrt: wie will man ohne mögliche Vergleiche einen fairen Arbeitsmarkt schaffen? Und ohne die eventuell (und wegen der „Geschmacksfrage“ und des Überangebotes für einige sicher) ausbleibenden Käufer für ihr eventuelles Ausbleiben verantwortlich zu machen? In meinen Augen ein Ding der Unmöglichkeit, außer man zahlte allen eine Pauschale, in dem Fall: allen, die malen. Auweia…

… mit dem „Auweia“ geht es auch weiter: nicht nur allen, die malen, sondern jeder Person, die sich in irgendeiner Form künstlerisch betätigt, sei es singend, tanzend, musizierend, bildhauend, schauspielend, schreibend,… und zwar ohne Kriterienkatalog oder Auflage. Denn jeder würde aus seiner Persönlichkeit heraus arbeiten, und dann hätte es nun mal keinen Sinn, jemandem zu sagen, dass seine düsteren Bilder derzeit nicht so angesagt sind… oder wahlweise seine kitschigen… Oder dass die eine Musik zu schrill und die andere zu brav sei… Oder die eine kreative Person zu jung, um schon ein „vollwertiger und ernst zu nehmender“ Künstler sein zu können und die andere zu alt, um es noch sein zu können… Und ebenfalls sinnlos wäre es, die eh unvergleichbaren Personen dann noch zu unterscheiden in solche mit Zertifikat und solche ohne…

Grenzen zu ziehen und dabei fair, objektiv zu bleiben ist schwer. Im kreativen Bereich ist es nahezu unmöglich. Ich glaube nicht, dass es, abgesehen von tatsächlichem handwerklichen Geschick und Ergebnissen, die jeder als gelungen würdigte, jemals etwas Objektives in der Kunst gab, und also auch nichts objektiv Besseres als etwas anderes, oder ein „gültigeres“ Urteil als ein anderes. Immer würde durch eine Grenze etwas verhindert, das irgendjemandem, wenn auch nicht materialistisch, so doch wertvoll ist. Dessen Einschätzung, dass es wertvoll ist, weil es ihm wertvoll ist, wird als „nicht ausreichend kundig“ abgetan. Die „ausreichend Kundigen“ sind es nicht gottgegeben, sondern es sind diejenigen, die in einem menschengemachten System, das wie alle Systeme zum Selbsterhalt neigt, die Definitionsgewalt errungen haben (oder sich ihr unterwerfen), denn auch diese fällt niemandem zu. Wer einmal diese Macht hat, möchte, wenn er schon abtreten muss, diese an jemanden weitergeben, der in seinem Sinne denkt und handelt. So hinterfragt sich ein System selten oder nie, und Menschen, die teilhaben wollen, passen oder passen nicht. Oder sie wollen gar nicht erst teilhaben oder passen. Sowohl als Autoren als auch als „offiziell kundige“ Rezipienten nicht. Sie wollen weiterhin auf Augenhöhe kommunizieren und auf sich selbst vertrauen, wollen sich weiterhin bei jedem Ding fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“, egal, ob dieses Ding ihnen in einem Museum oder auf der Straße begegnet. Egal, von wem es stammt.

Aber müssen die, denen es nicht wichtig ist, zu „passen“, auf ein ganzes Thema als das ihre verzichten, durch das sie inspiriert sind, befeuert und seelisch genährt, nur, weil andere es auserkoren haben, einen Rummel drum herum zu errichten? Nur, weil ein paar behaupten, es gäbe keine Alternative zu diesem „Passen“ ins System…?

Wer will mir Qualität absprechen, für die es keine allgemeingültigen Kriterien gibt, wer möchte mir meine Definition absprechen, dass man Kunst entweder nicht erschaffen kann, weil diese im Dialog zwischen Arbeit und Betrachter geschieht, sich ereignet, oder dass alles, ohne Ausnahme, Kunst ist, was Kunst sein soll, weil es sich bei der Bezeichnung nicht um ein Qualitätsurteil, sondern um ein Betätigungsfeld handelt, in dem Menschen für Menschen Gefühle, Gedanken, Ansichten transformieren, um noch eine andere Ausdrucksform als nur die Sprache zu haben? Wer will mir „die Kunst“ absprechen?

Muss ich den Moden der Zeiten gehorchen, muss ich allen, muss ich überhaupt „gefallen“, wenn ich kreativ arbeite? Nein. Aber wie bei der Reaktion auf den unfreundlichen Arzt werden auch in meinem Fall einige mit meiner ART klarkommen und andere nicht. Wenn meine Erzeugnisse nicht dem Massengeschmack entsprechen, ob gewollt oder ungewollt, werden sich auch Menschen gegen sie entscheiden, sie nicht mögen. Mächtige Leute des Systems werden sie schon ohne weitere Betrachtung ablehnen, werden schon bei meinem unbekannten Namen abwinken. Wie sinnvoll wäre es für mich, unbedingt in ein System passen zu wollen und soviel Energie in diese Bemühung zu stecken, wenn ich doch einfach nur kreativ arbeiten will?

Viele andere bekommen die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, die beworben und dadurch gekauft werden. Sie sind nicht besser, sondern beworbener. Denn es gibt auch da nicht in erster Linie „gut“ und „schlecht“, sondern eher „interessiert mich gerade“ oder „interessiert mich gerade nicht“. Was hat jemand, der beworben und gekauft wird, davon, dass seine Geschichte nach einem Hype eventuell genau wie meine in einem Regal verstaubt oder – nie wieder angeschaut – auf einer Festplatte Speicherplatz beansprucht? Vor der Zeit sind wir alle gleich.

Es geht darum, sich im Leben zu verschwenden, weil es sowieso vergeht. Alle, die warten wollen und dafür gute Gründe haben, dürfen von mir aus warten, auf Menschen, auf Geld. Ich habe mich ganz persönlich dazu entschlossen, mich zu verschwenden.

Aber manchmal passiert es trotzdem – und ist daher umso wertvoller –, dass Menschen einen finden und in jeder Hinsicht honorieren, was man schafft. Ich bin sicher, dass sie dann nicht in erster Linie die Geschäftsfrau buchen, sondern mit einem authentischen begeisterungsfähigen Menschen zusammenarbeiten möchten, bei dieser Zusammenarbeit es um gegenseitiges Inspirieren und Beflügeln geht. „Gute Arbeit findet Sie“, sagt Harriet Rubin in „Soloing“, und daran glaube ich.

Denn es geht mir um den nicht zu unterschätzenden und kaum zu bezahlenden Wert, seine endliche Zeit für etwas zu geben, das einen inspiriert, befeuert, nährt.

Das sind die „schönen Verhältnisse“. Von „einfach“ hat niemand was gesagt.

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„Die Arbeit fällt ja nicht so nach und nach weg, sondern in ihrer Krise erhöht sich paradoxerweise der Druck, den sie auf die Gesellschaft ausübt. Deshalb braucht es soziale Bewegungen, die den Zwang in Frage stellen, sich täglich als Arbeitskraft verkaufen zu müssen, um leben zu können. Nur so kann der Weg freigemacht werden für freie gesellschaftliche Tätigkeiten ohne äußeren Zwang.“

[Der Ökonom Norbert Trenkle im Interview mit der Frankfurter Rundschau, 2015]

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Inspiration (und Kritik)

Diesmal möchte ich mich dem Phänomen der Inspiration nähern. Wie entsteht sie, was sind ihre Merkmale?

Als sie mich letztens packte, war ich gerade mal auf Seite 20 von Roger Willemsen’s „Der Knacks“, und viel weiter bin ich auch noch nicht. Der Mann kann ja sehr lebhaft und begeistert erzählen, und mittlerweile gefällt mir seine Art, die mir als jüngerer Mensch irgendwie zu hektisch war und auf mich übertrieben wirkte. Aber schleichend habe ich mich an sie gewöhnt, und nun „passt“ sie für mich einfach zu ihm. Er erzählt also ganz wunderbar, und so schreibt er auch; ich überfliege die Sätze nicht, sondern lese sie Wort für Wort. Lauter Satz-Perlen. Das Thema interessiert mich auch: die leisen Veränderungen und Brüche in einem Menschenleben. (… und nur beiläufig: ich glaube keine Sekunde daran, dass es ihm darum geht, was Thomas Steinfeld in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 17. Mai 2010 befürchtet und beklagt; das für diejenigen, die googlen und dann unweigerlich und egal, zu welchem Thema, auf Kritiken(*) stoßen.)

Aber reichen Sprachstil und Thema aus, das in einem auszulösen, das bei der Wikipedia zum Stichwort „Inspiration“ so beschrieben wird:

„In der Poesie versinnbildlichen die Begriffe Inspiration bzw. Afflatus das „Einwehen, Einhauchen von etwas“ durch einen göttlichen Wind. Cicero spricht oft von der Idee als einem unerwarteten Hauch (vgl. Pneuma), der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei.

In dieser literarischen Form wird „Afflatus“ vor allem in der englischen, seltener in der deutschen und anderen europäischen Sprachen, als Synonym zu „Inspiration“ verwendet. Allgemein bezieht es sich nicht auf einen gewöhnlichen plötzlichen, unerwarteten, originellen Einfall, sondern die Überwältigung einer neuen Idee in einem wankenden Moment – eine Idee, deren Entstehung dem Empfänger meist unerklärlich bleibt.“

Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal diese Erfahrung bei der Lektüre eines nichtfiktionalen Werks gemacht, bei Harriet Rubin’s „Soloing“.

Damals ging es mir genau wie jetzt: ich möchte loslegen, sofort, egal womit!

Womit will man loslegen, wenn man über Brüche in Menschenleben liest…? Bei Harriet Rubin ging es immerhin noch um das Selbstständigmachen, aber das hatte ich gar nicht vor, und habe es auch nie gemacht (in meinem sogenannten Brotjob arbeite ich als Angestellte). Aber auch sie schreibt mitreißend, und sowohl sie als auch Roger Willemsen in dem zuerst angesprochenen Buch lassen uns an ihren Erfahrungen teilhaben, an den superguten, den guten, den weniger guten und sogar den richtig schlechten. Vielleicht ist es ja das: dass die Authentizität der Leute spürbar ist, egal, ob und wie sie persönlich ihre Erfahrungen bewerten.

Die „Idee“, von der bei der Wikipedia die Rede ist, ist überwältigend, aber wirklich nie sehr konkret. Es ist ein sekundenbruchteilschnelles, flüchtiges Erleben des Gefühls, jetzt irgendeinen Baum ausreißen zu wollen und das auch zu können – selbstverständlich im übertragenen Sinn! Und ich nehme nach den vorübergegangenen Sekundenbruchteilen etwas mit: die Gewissheit, mich jetzt wieder stärker zu engagieren: malend, schreibend, das Gespräch suchend, und gestärkt in meinem diesbezüglichen Wunsch.

Menschen vermögen mich auch direkt zu inspirieren, also ohne dass sie Bücher schreiben beispielsweise. Wenn ich nachspüre, wann das passiert ist und aktuell passiert, sind es oft Menschen, die für mich fühlbar „weiter“ sind: reicher an Lebensklugheit und Erkenntnissen, von denen ich, wenn überhaupt, dann nur eine Ahnung habe, mir ihre Gewinnung aber dringend wünsche. Dann kann ich beinahe ungeduldig sein… Oder Menschen, die selbst begeisterungsfähig sind – diese vielleicht noch mehr –, und deren Begeisterung die meine trifft, nicht mal unbedingt für’s Selbe…

… aber immer fühle ich mich danach befeuert, angefeuert, sinnerfüllter und lebensbejahender als davor… und freue mich in diesem Sinne auf die letzten 270 Seiten 😉 vom „Knacks“.

(*) … noch ein Wort zu Kritiken; auch diese Sätze waren und sind mir pure Inspiration:

„Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr
wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr
Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative
Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker
müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet,
das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als
unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. […]“

Das ist ein Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘, einer der besten Filme zum Thema „Kunst“, den ich kenne, obwohl man es dem „Kinderfilm“ nicht zutrauen sollte. Ich kann ihn immer wieder ansehen, selbstverständlich auch, weil er niedlich gemacht ist. Aber in erster Linie bedient er unter anderen meinen Kunst-Leit-Gedanken: was ein Mensch negativ kritisiert, kann einen anderen inspirieren.

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Kunst und Kreativität

Kunst und Kreativität

Begriffe sind immer auf unsere Mithilfe angewiesen, wie sie verstanden werden sollen, und dürfen sich mit unserem sich verändernden Verständnis der Dinge auch durchaus wandeln. Aber inwieweit der momentane Wandel dieses Begriffes nützlich ist, möchte ich einmal zu bedenken geben:

Ich habe den Eindruck, dass der Begriff „Kreativität“ derzeit häufig vor einen Karren gespannt wird, vor den er nicht gehört. Der Behauptung möchte ich eine eigene Definition zugrunde legen, die natürlich eine Mischung aus (nicht neuen) Erkenntnissen anderer und eigener Ansicht ist. Dabei möchte ich von einer sehr wissenschaftlichen Herangehensweise absehen; es gibt in allen möglichen Sparten den Kreativitätsbegriff, und dieser wird oft dazu noch innerhalb unterschieden… das würde evtl. zu weit führen. Also lege ich eine umgangssprachliche allgemeine Definition zugrunde, die die Meisten sicher so unterschreiben bzw. in einem Gespräch so gebrauchen würden: Kreativität bedeutete doch einmal die Fähigkeit eines Wesens, „daneben“ zu denken, also ausgetretene Denkpfade zu verlassen, etwa um ein Problem zu lösen oder einfach in einer Sache weiter zu kommen.

Nun ist es nicht so, dass eine völlig neue offizielle Begriffsdefinition stattgefunden hätte; das wäre dann letztendlich nur zu akzeptieren, zumindest wenn man den Ausdruck weiter in seinem Wortschatz führen wollte. Der Begriff erfährt für mein Gefühl einen Wandel in seinem Leumund; heute herrsche, wie man immer wieder hört, geradezu der Zwang, kreativ sein zu müssen, und zwar auf jedem Gebiet. Diese Ausdrucksweise legt nahe, dass es Gebiete gäbe, auf denen das kreativ-Sein irgendwie „unpassend“ oder dort nicht vonnöten sei; dass man sich dort ein „Modewort“ aneigne und damit eine Modecharaktereigenschaft; dass man sich damit überhaupt einer Mode unterwürfe.

Wenn es keine neue Begriffsdefinition von „Kreativität“ gibt, die an mir vorübergegangen ist, hört mein Verständnis hier auf. Wo, in welchem Bereich ist es nicht hilfreich, auch einmal neu zu denken, ganz von vorne anzufangen, einen anderen Maßstab anzulegen, einen anderen Blickwinkel auszuprobieren? Wenn selbst in einem Online-Wirtschaftslexikon (http://wirtschaftslexikon.gabler.de) die Kurzdefinition zu lesen ist: „Kreativität bezeichnet i. d. R. die Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, in phantasievoller und gestaltenden Weise zu denken und zu handeln“, dann finde ich es befremdlich, dass ausgerechnet kunstaffine Menschen das Wort zuweilen problematisieren, als wäre dessen Bedeutung nicht eindeutig die Grundlage jeglicher Entwicklung, egal auf welchem Gebiet. Wenn ein Künstler nicht mehr „kreativ“ sein darf – und zwar nach eben dieser schlichten Definition, die eigentlich alle verstehen –, dann frage ich mich wieder einmal, welches Wort denn erwünscht ist, welches denn besser passt, welches weniger abgenudelt ist, wenn es das ist, was stört. Ja: vielleicht ist das überhaupt die grundlegende Frage:

Was ist eigentlich das, was stört…?

Zum Tiefergehen und Erweitern je nach Bedarf:

http://www.thing-frankfurt.de/2013/abschied-vom-publikum

http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie_main%5Bentry%5D=617&tx_gbwbphilosophie_main%5Baction%5D=show&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Lexicon&cHash=073ea9086cff66cac677d578d45a93e2

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