Gegenstandpunkt

http://postmondaen.net/2017/07/13/documenta-dinosaurier-ufo/

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Für mich geht es genau darum: für wen ist Kunst gedacht? Wen soll sie berühren, wenn nicht möglicherweise JEDEN ANDEREN MENSCHEN?

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Die Liebe zu so ziemlich allem…

… und der Schatten der Avantgarde

Beginnen möchte ich heute mal mit einer kleinen Enttäuschung: das Buch, das ich mir neben anderen mit in die Urlaubszeit genommen habe, hört für mich auf Seite 50 auf; für meinen Geschmack ist es einen guten Hauch zu kitschig, zum Beispiel in seinen Personenbeschreibungen, und die Liebesgeschichte hat noch nicht einmal richtig angefangen!

Den Weg in meine Tasche geschafft hatte es mit seinem Titel, der mich den Klappentext lesen ließ, und mit dessen Worten: „Es ist ein ziemlich ungewöhnliches Museum, in dem Carlotta Goldkorn gerade die nächste Ausstellung vorbereitet. Große Gemälde neben Buntstift-Kinderbildchen, Saurierskelette neben Rokokokostümen, etruskischer Goldschmuck neben Bonbon-Armbändern, und dazwischen blaue Schmetterlinge: dies war 1895 das Konzept des Gründers August Gayette.“

S. 35: „[…] August war ein kreativer Exzentriker. Er wollte, dass die Menschen durch Neugierde lernen, durch Kontraste, durch extreme Kombinationen. Seine Idee von einem guten Museum war für das neunzehnte Jahrhundert höchst ungewöhnlich. […]“

Und auf S. 37 bringt uns ein Dialog diese Idee noch näher. Der Besucher wundert sich über ein Kinderarmband aus dem Automaten neben echtem Goldschmuck, und die Kuratorin erklärt, dass der Museumsgründer „immer die Unterschiede, aber auch die Verwandtschaften zwischen den Epochen aufzeigen“ wollte, „egal, wie weit sie auseinanderliegen.“ Und der Besucher entgegnet: „Stimmt. Das Bonbonkettchen wirkt plötzlich ganz anders, wenn die Klassiker daneben liegen. Nämlich ebenfalls klassisch. Erstaunlich.“

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Im gestrigen „Kölner Treff“, der für mich in Gänze interessant war, beginnt Bettina Böttinger das Gespräch mit dem Kurator Kasper König in Minute 43. Wenn Jürgen Domian – nachdem König von seiner aktuellen Ausstellung im Essener Folkwang Museum erzählt hat, in der er wenig bekannte bis unbekannte Maler neben die Schlüsselwerke der Moderne hängt und das als seinen „Traum“ bezeichnet – in Minute 48 fragt: „Lassen Sie mich da zwischenfragen: das sind nicht-akademische Künstler (Ja.), die aber alle schon verstorben sind. Oder? (Jaja… die sind alle gestorben…) Ich überlege gerade: wie viele nicht-akademische Künstler mag es im Verborgenen geben… (Ganz wenige.) Wie findet man die? (Nix ist verborgen…)“

In meinen Ohren spricht der Kurator da gegen sein eigenes Ausstellungskonzept – warum? Seine weiteren Sätze entlarven einmal mehr, dass künstlerische Arbeiten durchaus neben dem Kunstbetrieb entstehen, die bestehen können. Indem Kuratoren sie einmal kurz „hochheben“, aber trotzdem am bestehenden Ausschluss-System festhalten… was sagt das aus? Was zeigt es?

König sagt weiter, es ginge nicht um „Wichtigkeit“, sondern es bereichere „enorm und macht die Sache sehr viel komplexer.“ Ja, das finde ich auch! Die „Wichtigkeit“ bestimmt das System durch seine Machthaber, durch alle Epochen. Wie ernst zu nehmen ist ein System, das sich zum Selbsterhalt dauernd gegen bereichernde Bandbreite und Komplexität stellen muss?

Ich hoffe, dass viele Besucher den Eindruck bekommen, dass es nicht die Arbeiten sind, diese es nicht sein können, aufgrund derer ein Mensch bekannt wird oder nicht. Ich hoffe, dass viele Besucher hinterfragen, was die Mechanismen sind, die jemanden bekannt werden lassen, und dass die Auseinandersetzung für weitere und größere Offenheit sorgt. Denn Kunst ereignet sich nur in Offenheit.

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(Zitate aus: Christine Vogeley: „Die Liebe zu so ziemlich allem“, Knaur, München 2014 und aus dem „Kölner Treff“ vom 2. Oktober 2015:

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner_treff/videokoelnertreffescgewinnerinnachttalkerundkunstprofessor100.html

http://www.museum-folkwang.de/de/ausstellungen/ausblick/der-schatten-der-avantgarde.html)

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