Selbstmotivation

„Selbstmotivation“ klingt aufgesetzt, angestrengt, so, als müsste man immer wieder mühevoll einen neuen Anlauf nehmen. Es wird Situationen geben, in denen es sich genau so anfühlt, und es wird bestimmt Menschen geben, für die sich das immer so anfühlt.
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Als ich letztens bei Freunden war, lag da eine Zeitschrift aufgeschlagen, und die Worte Markt und Künstler sprangen mich an. Da die Freunde kurzzeitig anderweitig beschäftigt waren, begann ich den Artikel anzulesen, aber viel Zeit wollte ich mir dafür dort nicht nehmen, und so fotografierte ich ihn ab. Die Titelzeilen habe ich nur halb im Bild, da mir der Name des Autors wichtig war: Tim Sommer.

Der Chefredakteur des Kunstmagazins „art“ beschreibt in dem Artikel des Magazins „dbmobil“ auf eindrucksvolle Weise, wie der Weg eines Menschen aussieht, der beschließt, Künstler zu werden. Er lässt nichts aus: „prekäre, konjunkturabhängige Tätigkeit“, „schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, „zweifelhaftes Sozialprestige“ sind die Beschreibungen schon im ersten Absatz, einer fiktiven Stellenbeschreibung.

„… der berufsmäßig Andersdenkende, der Lieferant für Alternativen“ startet mit etwa 4999 Mitstudenten jährlich in Deutschland, „macht 50000 Konkurrenten in den nächsten zehn Jahren.“ Er oder sie erprobt Techniken, redet viel und lernt zumindest sich selbst mit „Glück“ „sehr gut kennen“. „Regeln, nach denen eine Arbeit nachvollziehbar als gut oder schlecht bewertet werden könnte“, gibt es nicht.

„Ihr Werk bedeutet nichts, gilt nichts, hat keinen Preis, solange es im Atelier schlummert. Zur Kunst wird ein Gegenstand erst, wenn er durch die Betrachtung Sinn und durch die Diskussion darüber eine Stimme bekommt – frei skalierbar von Ihrem Bekanntenkreis bis zur Weltpresse.“

Nachdem man die 30 überschritten hat, wird es eng mit Atelier-Programmen, Stipendien und Förderpreisen. Es wird schwierig für jemanden, der bis dahin keine Galerie hat, die für ihn mitarbeitet, wobei der Name der Galerie den „Rang“ des Künstlers zum Großteil mit ausmacht.

„Vorausgesetzt, Sie sind wirklich zeitgemäß, fleißig und umtriebig, jetzt in Ihren besten Jahren, dann wird Sie der kreisende Suchscheinwerfer der Geltung hoffentlich treffen. Garantiert ist das keineswegs.“ Wer es bis dahin geschafft hat und auf einem großen Festival, einer Biennale oder der Documenta (weiter) entdeckt wird, kann bald schon wieder im Nebel verschwinden, „weil sich selbst die Berufsauskenner unmöglich alles in ihr Langzeitgedächtnis schaufeln können, was die globalisierte Kunstmaschine wichtig macht.“

Je älter man und frau wird, desto schwieriger wird ein würdevoller Aufenthalt auf dem offiziellen Kunstparkett dem, der unentdeckt bleibt, und kommt es zu später „Wieder- oder Erstentdeckung“, „[schämt] sich [der Kunstbetrieb] dabei nicht ein bisschen seiner Ignoranz durch Abgelenktheit in der Zwischenzeit“.

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Ich habe dieses Beschriebene wohl früh in meinem Leben befürchtet, so dass Kunst für mich nie als „Beruf“ in Frage gekommen wäre; ich habe nie auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt, ein Kunststudium zu beginnen. Vor zehn Jahren habe ich mir den Streit zwischen „Hobby“- und „Berufs“künstlern beherzt und emotional von der Seele geschrieben, ohne jede Rücksicht auf leichte Lesbarkeit 😉 (http://www.sabinepint.de/diskussion.htm).

Immer war in mir der augenscheinliche Widerspruch: wie leben denn die anderen ihre Kreativität? Versteckt? Denn ich kannte von allen, die zwar von Hause aus und teilweise langjährig kreativ waren, nur ein verschämtes ‚ich schreibe ja auch ein bisschen‘ oder ein ‚manchmal male ich auch‘, wenn sie es nicht auf dem „offiziellen“ Weg taten. Aus Sorge, sich zu outen, weil man ja nie und nimmer so „gut“ wie irgendein Ausstudierter sein könne.

Später, als Quereinsteiger in allen möglichen Bereichen Normalität wurden und/oder man immer mehr davon mitbekam, stieg das Selbstbewusstsein mancher Betroffener, aber längst nicht bei allen. Und in mir blieb immer dieser Widerspruch.

Nur: ich wollte mich ihm nicht beugen. Zeigte ein Bild mit 16 und las meinen Text mit 20 vor einem fremden Berliner Publikum. Dachte nicht, dass ich jetzt bekannt würde, sondern lebte genau so weiter: malte weiter, stellte ab und an aus bei dem, der das auch wollte, begann zu bloggen, nachdem ich nicht mehr belletristisch schrieb. Sah und sehe alles als Angebot, das man auch ablehnen kann, genau so, wie ich Dinge ablehne, wenn ich sie gerade nicht „suche“. Kunst ist in meinem Leben; sie ist ein Ausdrucksmittel, eine Sprache mehr, in der ich Kontakt pflegen kann.

Wenn sich Menschen fragten, wie ich motiviert bleiben kann, dann wäre meine Antwort, dass ich mir das nicht aussuche. Mich über Kreativität auszudrücken strengt mich nicht an, sondern ist mir ein Bedürfnis. Ich warte dabei auf nichts. Ich halte es mit Wilfried Schmickler, der in den letzten „Mitternachtsspitzen“ sagte „Leben wir öffentlich!“ und dabei nicht meinte, sich immer und überall selbst gläsern zu machen, sondern zu Haltung aufrief, wie er es meistens tut.

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„Die Welt der Kunst ist der letzte große Freiheitsraum, den die durchrationalisierte Gegenwart zu bieten hat. Eine wunderbare Nebenwelt, die uns die Wirklichkeit verstehen lehrt, indem wir sie verlassen. Hier begegnen wir den extremsten Gestalten, den verstiegensten Ideen, den zartesten Empfindungen und den brutalsten Erkenntnissen, der vollendeten Schönheit und vollendeten Hässlichkeit. Wer sich dieser Zumutung aussetzt, wird sich dabei verändern.“ (Tim Sommer)

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Für wen ist Kunst gedacht?

Dieses ist ein Misch-Text. Er ist sowohl persönliche Ansprache als auch Blog-Beitrag. Angeregt durch das letzte Gespräch mit Stefan Beck frage ich mich einmal mehr

für wen ist Kunst eigentlich gedacht? Läuft alles auf einer persönlichen Ebene ab, die Erschaffung, die Rezeption, die Kunstkritik, und ist Kunst demnach für alle Menschen, wie es schon so lange mein Leitsatz ist…? Oder gibt es Personen, die durch ihre fehlende diesbezügliche Bildung sowohl von der Erschaffung kreativer Arbeiten als auch vom erreicht-Werden durch sie ausgeschlossen sind? Ich muss einen Bogen schlagen…

Beginnen möchte ich einmal mehr mit meiner persönlichen Kunst-Definition, die ich zur besseren Lesbarkeit zu einem kleinen Regelwerk mache, das mich erklären helfen soll:

1. Durch die Begegnung mit einem Rezipienten, der durch die Betrachtung der Arbeit einen neuen Gedanken- oder Gefühlsimpuls bekommt, kann jede kreative Transformation eines jeden Menschen zu Kunst werden. (Persönliches Moment der Begegnung)

2. „Kunst“ muss eine andere Bedeutung haben als z. B. „meisterlich gefertigt“; der Begriff muss das Unfassbare, Unerklärliche, Unbewertbare meinen oder zumindest einschließen, das nichts mit der Ausführung einer Arbeit zu tun hat, denn legte man da etwas fest, beschnitte man die Kunst. (Ansonsten bin ich immer noch auf der Suche nach einem Wort, das alle benutzen können, die sich über das Thema unterhalten wollen, ohne in Streit zu geraten. Bislang habe ich noch keinen annehmbaren Vorschlag bekommen und bleibe einstweilen also bei „Kunst“, wenn ich es kürzer sagen möchte als mit „kreativer Transformation“.)

3. Wenn ich das Wort „Kunst“ gebrauche, dann quasi in einem juristischen Sinn, so, wie man beispielsweise mit dem Begriff des „Freien Berufes“ umgeht.

4. Ich trenne beim Gebrauch des Begriffes „Kunst“ nicht zwischen etablierter und nicht-etablierter Kunst, außer ich sage es dazu. (Der Begriff „Hobby“ meint in meinen Augen ganz sachlich nur, dass es sich dabei nicht um die Profession handelt und sagt nichts über Qualität.)

5. Das Wort „Kunst“ darf nicht als Qualitätssiegel gebraucht werden, sondern muss alles bezeichnen dürfen, was an kreativer menschlicher Transformation auf Erden geschieht oder geschehen ist. Und alles, was so geschieht oder geschehen ist, hat keinen Namen und kein wie auch immer geartetes Etikett; es ist kreative Transformation; das, was der Begriff „Kunst“ im Grunde meint, findet in der Begegnung statt.

6. Ich lehne eine Vorauswahl durch andere ab und möchte Lieschen Müller und Gerhard Richter gleich unvoreingenommen betrachten, wenn ich denn die Chance habe; geleitete Blickrichtungen sind durch den Markt geleitet und gehorchen seinen Vorgaben; jegliche Bewerbungen von kreativen Arbeiten oder Kritik gleich welcher Art haben für die unvoreingenommene Betrachtung keine Relevanz.

7. Keine kreative Arbeit muss in irgendeiner Art und Weise diffamiert werden, wenn sie mich nicht erreicht. Sie erreicht mich nicht, weil ich gerade auf der Suche nach etwas anderem bin. (Im selben Augenblick kann ein anderer Mensch durchaus erreicht werden.) Das wird sogar in den allermeisten Fällen so sein. Das erreicht-Werden durch die Gedanken, Gefühle und die Umsetzung dieser durch einen anderen Menschen ist die Ausnahme, nicht die Regel. Ich mache als Kunstrezipient die Kunst zu 50 % mit aus.

7a. Einen Kreativen in seiner Arbeit zu verstehen ist genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, irgendjemanden in seinem Sein zu verstehen; es kommt auf Vieles an. Das legt für mich den Grundstein für meine Theorie, dass alles auf dem Gebiet der Kunst ur-persönlich abläuft.

8. Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten.

9. Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

Ich habe festgestellt, dass bislang nur diese Definition für mich funktioniert, soll es sich nicht in einem Streit über eine konkrete persönliche Arbeit eines Kreativen erschöpfen.

Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten, weil „der Markt“ ein menschengemachtes System ist, das diese kreativen Arbeiten ver-markt-en soll. Ich stimme nicht mit der Ansicht Deines Lehrers überein, Stefan, dass alle, die „Kunst machen, auch Kunstgeschichte schreiben wollen“. Einige wollen nur auch noch mit einem anderen Mittel kommunizieren als über Sprache. Dein Lehrer könnte jetzt nur noch behaupten, dann sei das eben keine Kunst, aber damit würde er in meinen Augen allen gegenüber, die es anders sehen, eine äußerst arrogante Haltung an den Tag legen, würde diesen nicht gerecht und sich selbst grundsätzlich ein erweitertes Verständnis Menschen gegenüber verbauen.

Du hast die Kunstwissenschaft mit der Medizin verglichen und gesagt, dort gäbe es doch auch „Regeln“; niemand käme auf die Idee, diese Wissenschaft – ich sage mal: von „außen“ – so sehr in Zweifel zu ziehen, und fragst, warum das in der Kunst jedoch so sei. In der Medizin sei auch wenig „persönlich“, und Du denkst nicht, dass so Vieles bei der Kunst aus persönlichen Gründen geschieht, von der Erschaffung über die Kunstkritik bis zur Auswahl dessen, was zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beworben wird.

Ich bin erklärte Verfechterin der „Persönlich“-Theorie, und meine Sicht auf alles zeigt es mir so: die Medizinwissenschaft als Beispiel guckt und forscht nach vorn, entwickelt sich nach vorn, aber erklärt es auch nach vorn. Sie gehen „dahin, weil…“ … sie dies und jenes als Ergebnis erwarten, entwickelt aus den Forschungsergebnissen ihrer Vorzeit. Danach wird erst geschaut, ob es ein Irrweg war oder eine tatsächlich hilfreiche Weiterentwicklung.

In der Kunst gibt es für mich eine echte Vorwärtsentwicklung nur auf der Zeitebene. Die etablierte Kunst passt sich den gesellschaftlichen Strömungen insofern in der Zeit an, als dass z. B., als eine Ausprägung, anscheinend mindestens eins spektakulär sein muss: die Kunst oder der Künstler. Aus Angst, in unserer schnelllebigen Zeit aus der Wahrnehmung zu fallen. Bei der Off-Kunst (ich sage eigentlich lieber, wenn schon auf englisch: Independent) erlauben sich (noch) mehr Menschen, darauf nicht das Augenmerk zu legen, sondern auf das, was sie gerne sagen, machen, ausdrücken möchten. Wenn man mal davon absieht, dass man die sichtbare Kunst in etabliert und nicht etabliert trennen kann (und ich füge sehr herzlich dazu: leider muss!) und man in der Medizin sich nur zwischen Wegen mit unterschiedlicher Anhängerschaft entscheiden kann, die aber alle in der Öffentlichkeit etabliert sind, weil man die Forschungszeit als Öffentlichkeit selten mitbekommt – wenn man also von diesem Unterschied absieht,

dann bleibt noch der gravierende Unterschied, dass in der Kunst nichts wirklich „überholt“ wird, obwohl der persönliche Geschmack des einen oder anderen selbstverständlich so urteilen wird, und das mit persönlicher Begründung auch durchaus o. k. ist. Kein Zahnarzt käme mehr auf die Idee – zumindest meines Wissens nicht 😉 – vor dem Zahnziehen eine Flasche Schnaps zur Betäubung bereit zu stellen und eine Zange, mit deren Hilfe eben noch ein Pferd die alten Hufeisen abmontiert bekam. Aber es gibt immer noch – auch aktuelle und etablierte – Kunst, die mit den verwendeten Symbolen an die ersten Höhlenmalereien erinnert (bei weiterem Interesse s. z. B. auch: http://www.aboriginal-art.de/DE/start_einfuehrung.htm) , und es gibt immer noch Kunst auf Keilrahmen. Die Möglichkeiten heute sind vielfältiger; es „geht mehr“, aber es gibt noch ALLES. Dieses Alles ist unablässig ergänzt worden bis hin zur Netzkunst, bis hin zum Sprechen über Kunst als Kunst, Dinge, die man sich so ganz ohne Computer in der früheren Höhle sicher nicht vorstellen konnte… aber es gibt immer noch ALLES.

Kunstwissenschaft erklärt rückwirkend, sagt zu einem aktuellen Kunst-Fall nicht „mal sehen, was daraus wird“, sondern verunglimpft den evtl. „unverstandenen“ Künstler VORHER. SPÄTER wird evtl. über diesen gesagt, dass er die Kunst mit weiterentwickelt hätte, dass er „bahnbrechend“, dass er was-auch-immer gewesen wäre. Abgewartet, wie z. B. in der Medizin, wird meines Wissens nie. Entweder hopp oder top. Dabei ist das spätere Urteil zwar ärgerlich für den damals Verunglimpften, aber auch diese neue Bewertung ist menschengemacht, von Menschen, die Regeln eines selbst gemachten Systems gehorchen – auch das jetzige Urteil ist kein absolutes. Warum also ärgern…?

Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

In der Medizin gibt es durchaus manchmal ein „falsch“: falsch für den Patienten im individuellen Fall, und es ist weitestgehend unstrittig, dass Zitronensaft niemals auf diesem Wege in Patienten gehört (http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/809661/zitronensaft-skandal-ex-chefarzt-bleibt-haft.html) – kurz: es kann um Leben oder Tod gehen, was im Falle der Kunst auch meist weniger dramatisch ist. Es ist einfach oft eindeutiger in der Medizin.

Der Goldene Schnitt ist auch recht eindeutig, zumindest, dass es ihn gibt. Aber genau so unstrittig ist, dass z. B. Schönheit – und die hat mit ästhetischem Empfinden zu tun – im Auge des Betrachters liegt, und so sind wir wieder angekommen bei der jeweils herrschenden Kunstauffassung – oder bei persönlichem Empfinden. Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann liegt Kunst im Hirn des Rezipienten, und es gibt keine allgemeingültigen Regeln der Rezeption, so, wie es nicht DEN Menschen gibt, der DAS EINE denkt, der DAS EINE braucht. Man wird immer auf sich selbst zurück geworfen bei der Kunstbetrachtung; zu dieser Ansicht kommen selbst langatmige Kunst“führungen“, selbst bei den Etablierten (bei weiterem Interesse ein Kommentar zu einer solchen von mir: http://spint.privat.t-online.de/kommentar.htm)

Aber auch, wenn man auf den Goldenen Schnitt pfeift, selbst als Künstler… wenn man kein bisschen Zeichentalent hat, wenn man wie Du, Stefan, Malerei als für sich unrelevant ablehnt – aber ein großartiger Netzkünstler ist (und Adjektive wie „großartig“ und Substantive wie „Künstler“ sind bei mir immer als persönliches Urteil gedacht, nie absolut, weswegen ich meist von Kreativität spreche, die ich nicht weiter unterteile in „profane“ oder welche auch immer: http://www.thing-frankfurt.de/content/2013/abschied-vom-publikum) : ist man dann kein Künstler?? Was „muss“ man denn „können“? Wenn Professor B einen jungen Menschen zum Studium zulässt, der zuvor von Professor A abgelehnt wurde, und beide Professoren entstammen demselben System, demselben Kunstbetrieb… wer hat denn dann Recht? Gibt es da ein „Recht haben“…? Ich denke, nicht…

Du hast mal – war es auch auf http://www.perisphere.de ?– eine für mich ziemlich aufschlussreiche Frage gestellt: „Die Frage sollte sein: Welchen Sinn machen heute noch Kunsthochschulen, nachdem alles allgemeinverbindlich vermittelbare Wissen weggefallen ist?“ Wenn die Frage so rhetorisch gemeint war, wie sie auch auf den zweiten Blick noch auf mich wirkt…: wenn sie (die Hochschulen) keinen Sinn mehr machen, weil, wie Du weiter schriebst, in der Folge „nur noch das Ranking zählt“… was wäre denn die Folge daraus? Das möchte ich als Frage einmal so im Raum lassen…

Scharlatanerie gibt es auch in der Medizin – keine Frage (s. Bsp. oben). Wenn es aber in der Kunst tatsächlich kein allgemeinverbindlich vermittelbares Wissen mehr gibt (wobei ich selbst glaube, dass man immer Techniken lehren und verschiedene Sichtweisen als Anleitung geben kann, solange man es nicht dogmatisch tut und immer auch anleitet zum künstlerischen authentisch-Sein im besten Wortsinne), dann frage ich mich, wie man diese Scharlatane erkennen soll… ich selbst möchte gar nicht auf der Suche danach sein. Ich möchte jeden, der etwas zeigt, ernst nehmen und gucken, „was es mit mir zu tun hat“, was der- oder diejenige da geschaffen hat. Ich sagte es letztens bereits als Antwort auf eine Deiner seminar-Sendungen (http://www.radiox.de/sendungen/das-seminar.html) , in der Du beschriebst, dass Du bei einem Kunstspaziergang den Eindruck hattest, die Kreativen in den Off-Räumen würden sich einer „Galerie-Kunst“ anpassen… wie furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt, sondern sie pauschal abgetan wird, weil man „Ähnlichkeiten“ sieht… authentisch sein heißt doch auch, dass man zu Ähnlichkeiten dieser Art stehen (können) muss, oder? Wenn ich nur noch bemüht wäre, das im Schaffen mit aller Kraft zu vermeiden, käme ich aus dem Recherchieren nicht mehr heraus… und müsste irgendwann aufgeben, denn gewisse Ähnlichkeiten kann man überall entdecken (wollen)… es gibt nichts wirklich „Neues“; zumindest kann man sich nie sicher sein.

Ich muss das persönliche Moment in der Kunst würdigen, sowohl bei der Betrachtung als auch bei der Kreation als auch beim Aufnehmen von Kunstkritik oder bei der Bewertung, wie ich eine bestimmte Auswahl eines Kurators „finde“ – sowohl die Auswahl als auch mein Urteil (wenn ich denn jemals ein solches fällen würde) ist persönlich.

Ich möchte noch einmal auf die wunderbare perisphere-Seite hinweisen (die Du mir gezeigt hast, Stefan, daher ist der Hinweis für alle anderen geneigten Leser) und dort im Besonderen auf den Beitrag Fragen über Fragen – eine neue Serie, und zwar ausdrücklich auch auf den anschließenden Austausch: http://www.perisphere.de/vor-ort/fragen-ueber-fragen-eine-neue-serie . Dein Kommentar vom 17.01.2014 zu J. C. Ammann als Direktor des Museums für moderne Kunst zeigt für mich doch genau das: Ammann entspringt demselben System wie sein Nachfolger, und ein Teil seiner Nachwelt findet seine Anschaffungen zur Macht-Zeit „kurios“. Nur kurzzeitig seien ein paar Künstler durch ihn gepusht worden. Ja – ist es denn nicht immer so?? Die Mächtigen auf den Märkten der Welt leben zu ihrer Macht-Zeit diese Macht aus; es hat sogar SEHR mit Persönlichkeit zu tun, inwiefern sie es aufrichtig und verantwortungsvoll machen. Ich für mein Teil kann Ammann, weil ich ihn nicht kenne, nicht nachweisen, dass er NICHT aus zwar sicher persönlich orientierten, aber vielleicht dennoch hehren Zielen diese „Kuriositäten“ pepusht hat…

… und ebenfalls hinweisen, und auch nicht für Dich (weil Du es kennst), sondern für alle interessierten Leser möchte ich auf den für mich sehr nachvollziehbaren Beitrag Katrin Herzner’s http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst#more-14489 .

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Wenn Kunst für alle Menschen ist, und Du möchtest niemanden ausschließen, dann machte sie keinen Sinn, wenn sie einer Geheimsprache gliche, die nur Eingeweihte verstünden. Und wenn sie nicht für alle Menschen ist, sondern nur für Eingeweihte, dann machte sie in meinen Augen keinen Sinn, weil es keinen Grund gäbe für die ungeheure und ungeheuer bereichernde Bandbreite des kreativen Ausdrucks (die Du als „Bandbreite“ ebenfalls anzweifelst; ich weiß; aber sie liegt doch da, vor uns, jeden Tag…).

Die Antwort auf die Frage, für wen Kunst gedacht ist, wer die Adressaten z. B. meines kreativen Ausdrucks sind, ist ausschlaggebend für die Herangehensweise an „Kunst“ überhaupt. Meine Adressaten benennen sich selbst als solche, und sie müssen mich nicht „verstehen“. Aber es wäre schön, wenn sie sich fragen würden: was hat es mit mir zu tun?

Und noch eine Frage möchte ich der Allgemeinheit stellen, anknüpfend an unser letztes Gespräch, Stefan: ist es denkbar, dass die Entgrenzung des Kunstbegriffes, die Viele auf dem etablierten Markt bedauern (und einige andere auch!), vergleichbar ist mit der Entwicklung der Gesellschaften durch die Jahrhunderte? Israel/Gaza ist gerade das aktuelle traurige Gegenbeispiel, aber ich meine z. B. die zunehmende Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Verbindungen, die es durch fehlende öffentliche Diskussionen damals sicher u. a. deswegen nicht gab… ich empfinde es so, dass eine lange fällige gebotene Toleranz auf vielen Gebieten zunimmt… für mich wäre/ist sie auf dem Kunst-Sektor ebenfalls bereichernd – wenn sie denn aufrichtig gemeint ist/war und nicht doch wieder – wie so Vieles – als Mittel zum Zweck…

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Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Ich benutze ein schnelllebiges Medium, aber ich versuche es für mich zu entschleunigen, indem ich es untypisch nutze; ich habe schon vorher dazu geschrieben.

Dazu gehört auch, dass ich zwar regelmäßig, aber nicht in allzu kurzen Intervallen poste, und es gehört dazu, dass ich zwar mehrere Kanäle nutze, aber nicht rund um die Uhr diese mit Neuigkeiten fülle. Bei dem einen reicht es einmal in der Woche, bei einem anderen poste ich u. U. nur alle drei Wochen etwas.

Das führt dazu, dass ich nicht immer in aller Munde bin, und manche vergessen mich sogar ganz. Damit muss ich leben, aber ich lebe sehr gut damit! Wenn es mir in erster Linie darum ginge, mich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wäre ich rund um die Uhr mit der Bewerbung meiner Person beschäftigt und hätte trotzdem das Gefühl, es nicht regelmäßig genug zu tun – es würde nie reichen; es gäbe immer noch etwas zu tun. Diese Unfreiheit im Denken und Fühlen würde mich derartig lähmen, dass ich meine Kreativität nicht mehr leben könnte. Und es ginge irgendwann Quantität über Qualität.

Aufmerksamkeit um jeden Preis.

In Promi-Leben, aber auch in so manchem No-Name-Leben ist das Geld. Nicht Zeit ist Geld: Aufmerksamkeit ist es! Wie wohltuend empfinde ich so manchen Sport-Star wie Stefanie Graf, so manche Schauspielerin wie Naomi Watts, die das nicht mitmachen möchten und auf ihr Auftauchen in den Klatschspalten oder Dauersichtbarkeit verzichten – aber wie gut kann ich das auch verstehen! Die, die immer gesehen werden wollen, werden belächelt, die anderen als charakterlich fester und würdevoller empfunden. Wer würde nicht lieber zur zweiten Gruppe zählen…

Allerdings muss man sich das eben auch leisten können oder leisten wollen – ich zähle mit meinem Einkommen ganz klar zu den „leisten wollen“-Menschen 😉 . Ich war mal nah dran, eine Mitarbeit an einem Projekt zuzusagen, für die ich fair entlohnt worden wäre, mich zeitlich aber auch sehr gebunden hätte. Die ersten Verhandlungsschritte waren bereits gegangen, da kam die Nachricht, dass jemand anderes gefunden worden war, der noch besser ins Anforderungsprofil passte. Für etwas angefragt und dann doch nicht genommen zu werden enttäuscht womöglich immer, aber ich habe schon während der ersten Gespräche zur Sache gespürt, wie ich mich innerlich gegen das gebunden-Sein sträubte – und letztendlich erleichtert über die Absage war. Es wäre ein ständiger Kampf um den Erhalt eines kleinen bisschen Freiheit in meinem kreativen Leben gewesen.

In der Kunst, in der Kreativität ist es schwierig, unfrei zu sein, auf welche Art auch immer. Man darf keinem anderen Herren dienen außer ihr, sonst wird’s unglaubwürdig. Wenn man sich von jemandem bezahlen lässt, sind für mich zwei Dinge zu trennen: der Auftrag: bei diesem ist der Auftraggeber Herr im Haus und bezahlt die Arbeit, das Projekt, und: die aus eigenem Antrieb heraus entstandene kreative Arbeit: bei ihr bin ich die Herrin im Haus und „bestimme“ einerseits (z. B. den Preis) ganz allein, andererseits kann ich da die Abnahme oder auch nur die Betrachtung nicht einfordern. Ich gehe in Vorausleistung, aber es ist mein Anliegen, es zu tun. Ich lasse mir nicht die Arbeit, das Entstandene als solches bezahlen, da es nicht für alle Abnehmer denselben Wert hätte, auch nicht denselben monetären Wert. Ich lasse mir vor allem die Zeit bezahlen, die ich mit der Entstehung zugebracht habe. So natürlich auch bei einem Auftraggeber, aber der für mich größte Unterschied ist eben: der Auftraggeber hat ein Interesse an der Entstehung genau dieser Arbeit; sie ist sein Anliegen. Ich bin das Mittel zum Zweck, und als Mittel zum Zweck muss man sich geradezu entlohnen lassen. Habe ich das Anliegen und es entsteht daraufhin etwas, dann ist mein Lohn, meine Belohnung, dass ich mir die Zeit nehmen und etwas entstehen lassen kann, das mein Anliegen ist. Jegliche monetäre Entlohnung ist in dem Fall nur das Tüpfelchen auf dem i.

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