Herr Tur Tur und Tilt-Shift

Bei meinem Ausflug nach Augsburg am vergangenen Wochenende hatte ich eine Idee: ich wollte einmal nur die Funktion meiner kleinen Digitalkamera nutzen, die die Bilder mit Miniatur-Effekt erstellt – ohne Ausnahme. Witzig, dass ich dann ausgerechnet bei Herrn Tur Tur diese Ausnahme von der Regel machen musste, um ihn deutlich abbilden zu können; er stand wohl nicht weit genug weg 😉 … Immerhin habe ich das „normal“ aufgenommene Bild für diesen Beitrag nachher noch mal bearbeitet.

Mir fiel auf, dass das Vorhaben einen enormen Unterschied beim Fotografieren macht. Man guckt nicht nur „in Motiven“ auf der Suche danach, sondern innerhalb der Motive noch nach dem Bereich, den man durch Schärfe hervorheben möchte. Das heißt, dass ich die ganze Zeit über viel detail-bewusster unterwegs war. Dadurch habe ich „in der Breite“ weniger wahrgenommen, bin aber beim Anschauen und dann Dokumentieren sehr viel mehr in die Tiefe gegangen. Ich hatte den Eindruck, dass das auch etwas mit der inhaltlichen Wahrnehmung von Dingen macht.

Das empfohlene Guck-Experiment: schaut heute genauer hin! Guckt beispielsweise aus dem Fenster und wählt dann aus diesem schon begrenzten Ausschnitt ein Detail, das Euch hervorhebenswert erscheint.

Herr Tur Tur und ich wünschen viel Vergnügen!

Fortsetzung folgt.

Tur Tur.jpg

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 3

Hallo liebe MitleserInnen,

eigentlich wollte ich „Teil 3“ noch gar nicht beginnen, sondern ganz unabhängig von der Workshop-Erarbeitung von den Filmen „alphabet“ und „who cares?“ erzählen.

Es fällt leicht, von diesen beiden Filmen den Bogen zur Kunst zu schlagen, wie ich sie begreife.

Auf der website zum Film „alphabet“ heißt es: „‘Leistung‘ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen.“

Der ganzheitlichen Sicht auf das Thema „Bildung“ liegt die ganzheitliche Sicht auf den Menschen zugrunde. Da ich auch „Kunst“ und deren Voraussetzung „Kreativität“ als etwas dem Menschen Grundzugehöriges begreife und eine ausschließende Sicht darauf – wie sie das etablierte Kunstsystem vorsieht – nicht als vernünftig für den Menschen ansehen kann, spricht mir der Film geradezu aus der Seele!

Genauso „who cares?“, aus dem ich nur ein Zitat bringen möchte: „Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Der Film berichtet von „Sozialunternehmern“ aus verschiedenen Erdteilen, die alle gemeinsam haben, „dass sie gesellschaftliche Veränderungen vorantreiben wollen oder gar Lösungen für schwerwiegende soziale Probleme gefunden haben. Ansatzpunkte gibt es in der gegenwärtigen Welt zuhauf: Armut, Krieg, Unterdrückung, die Finanzkrise und den Klimawandel.“ (www.filmstarts.de)

Mich inspiriert besonders das unabhängige Denken der Protagonisten, ihre KREATIVITÄT. Sowohl im Bildungssystem als auch in allen anderen etablierten gesellschaftlichen Systemen herrscht Starrheit, und es gibt genügend Leute, die es so behalten wollen, obwohl (oder gar weil…?) es dem jeweiligen System eher dient als dem Menschen. Mich inspiriert das aktive teilnehmen-Wollen von Menschen an ihrem eigenen Leben.

Mich fasziniert, dass so viele Dinge, die mir begegnen, mich einerseits unabhängig von den Vorbereitungen auf den Workshop begeistern als auch so Vieles damit zusammenzuhängen scheint, was sich erst auf den zweiten Blick offenbart… so kann es weitergehen!

Trailer „alphabet“ https://www.youtube.com/watch?v=GInqHl8MnIU

Trailer „who cares?“ https://www.youtube.com/watch?v=yKNhH9tdzd4 

 

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Verstörend und mitten ins Herz

In der a tempo-Ausgabe dieses März berührt mich ein Artikel besonders: „Vergesslich“ von Brigitte Werner. (Leider ist der Artikel nicht zu verlinken, da er in der Online-Ausgabe fehlt.)

Die Autorin beschreibt darin ihre Beziehung zu einer Zeichnung, die sie als Kind in der Wohnung ihrer Freundin entdeckt hat. Als Erstes sticht der damals Achtjährigen die Andersartigkeit des Bildes ins Auge. Weder hat es Farbe noch entspricht es den Engelbildklischees, die dem Kind bereits begegnet sind. Da die Mutter des Haushalts den Titel den Bildes – „Vergesslicher Engel“ – deutlich darunter geschrieben hatte, war das die nächste Überraschung: „Ich dachte immer, Engel seien vollkommen.“

Die Fragen, die sich das Kind bezüglich des Bildes stellt, drängen sich ihm auf, beschäftigen es, fragen in verschiedene Richtungen: war der Engel aus dem Himmel verstoßen, hatte er etwas Konkretes vergessen, hatte er etwas verloren, schämte er sich, war er traurig? „Ich ging sofort in Kontakt zu ihm.“

Und sie mag ihn sehr. Ich glaube zwar, dass er ihr von Beginn an sympathisch war, aber ich denke, dass ihre Beschäftigung mit ihm sie ihn hat mögen lassen. Sie sagt sogar: „Ich liebte ihn.“

Sie betrachtet ihn unbeobachtet länger, „heimlich, heimlich“, spricht zu ihm, tröstet ihn, will in seinen etwas Unsichtbares haltenden Händen „sein großes Geheimnis entdecken“.

Als Brigitte Werner später Kunst studiert und sich mit Paul Klee beschäftigt, stößt sie auf seine Engelserie und ihren alten Freund. Ihre Fragen werden erwachsen und beschäftigen sich zunehmend mit dem Erschaffer der Zeichnung, der schwer erkrankt war, als er seine Engelbilder begann. Und noch später, „in einer großen Klee-Ausstellung, begegnete ich ihm aufs Neue. Und wieder die alten Rätsel. Und wieder ein paar neue. Dieser Engel verstört mich. Und dieser Engel trifft mich mitten ins Herz. Aber ist es nicht genau das, was Engel immer tun? So wie die Kunst?“

*

Was mich an der Geschichte fasziniert, ist die Tatsache, dass uns ein bestimmtes Bild, eine bestimmte künstlerische Arbeit viele Jahre, manchmal ein Leben lang begleiten kann, ohne dass wir sie jemals ganz begreifen. Es geht auch gar nicht um ein „Begreifen“, um „totales Verständnis“. Es geht um Annäherung. Und zwar um die an den Erschaffer, der mittels seiner Kunst kommuniziert, genau wie an die Annäherung an uns selbst. Denn das Bemühen, sich und andere zu verstehen, immer besser zu verstehen, obwohl man an das vermeintliche Ideal von umfassendem Verständnis nie heranreicht, nie heranreichen kann, ist das Geschenk, das beide Seiten bereichert.

*

http://www.hamburger-kunsthalle.de/index.php/paul-klee-material.html

 

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„Der Weltblick der Gleichberechtigung“

Ein wunderbarer Einblick in das Leben und Schaffen des Fotografen August Sander; sehr, sehr sehenswert.

Für mich, die ich Portraits sowohl beim Betrachten als auch beim „Herstellen“ spannend und bereichernd finde, ist die Dokumentation ein bisschen Offenbarung und ein Großteil Inspiration. Und ich mag, dass sowohl „Portrait“ als auch „Dokumentation“ hier „Teekesselchen“ sind 🙂 .

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/wdr-dok/video-das-auge-des-jahrhunderts—das-vermaechtnis-des-fotografen-august-sander–100.html

[Der Link wird beim Anklicken als fehlerhaft angezeigt. Sucht man allerdings „Das Auge des Jahrhunderts“ in der WDR-Mediathek, wird man fündig und kann den Film – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt noch – sehen.]

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Schnittmenge

Bitte stellen Sie sich doch einmal Folgendes vor:

Zwei gleich große Kreise stehen auf gleicher Höhe nebeneinander. Der Linke stellt den Kunstbetrieb dar, der Rechte alles, was sich außerhalb des Kunstbetriebes befindet. Am linken Rand des linken Kreises befindet sich der anerkannte Künstler mit akademischer Ausbildung, am rechten Rand des rechten Kreises eine bastelnde Hausfrau ohne weit reichende Ausbildung, und stellen wir uns vor, sie bastelt schlecht 😉 . (An dieser Stelle ist mir wichtig zu sagen, dass ich weder etwas gegen Hausfrauen habe noch gegen basteln, nicht mal etwas gegen schlechtes basteln; ich möchte nur gerne den in der Gesellschaft empfundenen Unterschied deutlich machen.)

Haben Sie das Bild der zwei Kreise? Nun schieben Sie im Geiste den linken auf den rechten zu und den rechten auf den linken und haben Sie keine Scheu, die beiden, wenn sie sich berühren, weiter zu schieben… schieben Sie so lange, bis in der Mitte eine zu den Seiten ungefähr gleich große Schnittmenge entsteht.

Betrachten Sie jetzt bitte das Bild in Ihrem Kopf.

Danke, und ein Frohes Neues Jahr!

P.S.: … lässt sich übrigens mit allen „Kreisen“ machen, die man sich mit ihren unterschiedlichen Inhalten vorstellen kann… durchspielen unbedingt erwünscht! 🙂

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Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

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Interview 5

Interview 5 – Der Stand der Dinge in 2015 und Ausblick ins nächste Jahr

Interviewer: Da sind wir wieder; guten Tag!

Pint: Guten Tag – ich freue mich!

I: Dieses Mal gibt es gar keinen unmittelbaren Anlass zum Fragen… was mache ich hier eigentlich…? [guckt gespielt verwirrt]

P: Ich [betont das Wort] kann ja erstmal Kaffee machen.

I: Gute Idee!

P: Kommen Sie doch einfach mit, sonst müssen wir so schreien…

[gehen in die Küche]

P: Ich kann ja darüber erzählen, warum derzeit weniger Bilder entstehen… wenn [betont das Wort] jemand fragt, ist es nämlich das: was macht das Malen?

I: Und? Was macht das Malen? [lacht]

P: Es ist immer da, derzeit meist in Kartenmotiven, aber auch in meiner geplanten Serie „Empathie in Gefahr“, von der allerdings erst anderthalb Bilder fertig sind… – und die nächste Frage ist dann immer „Stellst du nochmal aus?“ oder „Stellst du gerade irgendwo aus?“ Es konzentriert sich die Wahrnehmung der Leute sehr auf mein Malen und Ausstellen, was ja beides nie meine komplette Zeit ausgefüllt hat…

I: Ja. Beim letzten Mal war Ihr „Projekt 2013“ in Ihren Fenstern zur Straße hin zu sehen, zwei Leinwand-Drucke vom abfotografierten Computerbildschirm mit eigenen Kunst-Statements, die zum Nachdenken anregen sollten…

P: Richtig. Die beiden Drucke sind dann bald darauf ins „Bunte Haus“ in die Altstadt gezogen, wo sie die Ausstellung RE-/UPCYCLING begleiten durften, und waren dann darüber hinaus noch länger dort. Leider gibt es das „Bunte Haus“ als Kunstort nicht mehr. Die Bilder stehen da im Flur [weist aus der Küche] und werden sicher irgendwann wieder mal in meinen Fenstern hängen. Und dann gab es noch einen Logo-Entwurf für eine Mönchengladbacher Band.

I: … nur den Entwurf?

P: [lacht] Nein, es ist dann auch zur Umsetzung gekommen! Alles, was im Augenblick entsteht, hat wirklich eher Projekt-Charakter als dass es eine einzelne kleine schnell abgeschlossene Sache wäre – oder eben ein Bild.

I: Dann gibt es doch Neuigkeiten?

P: Noch nichts Spruchreifes. Das eine ist eine eventuelle Zusammenarbeit als freie Mitarbeiterin bei zwei kreativen Mönchengladbacher Köpfen, die an einer schönen Website-Idee arbeiten; dafür würde ich schreiben. Und das andere ist die schon länger schwelende Idee, zusammen mit einer Freundin eine Art Seminar anzubieten, das– ich möchte eigentlich noch nichts darüber verraten, weil wir beide selbst noch ganz am Anfang stehen. Aber ich denke, ich werde meinen Teil der Erarbeitung als eine Art Tagebuch führen, das ich mir vorstellen könnte, als praktischen Erfahrungsbericht auch öffentlich zu machen… später dann.

I: Ist das ein Wandel, weg vom Malen, oder zumindest weg vom Bild? Woher kommt der?

P: Ach, es ist eigentlich kein wirklicher Wandel in dem Sinn… es hat schon noch einen– ja: roten Faden, wenn man so will. Ich müsste dann doch mehr über die Pläne erzählen, als ich es derzeit kann… [macht eine kurze Pause; der Interviewer unterbricht nicht] Ich habe letztens mehrere zusammengeschnittene Interviews mit Adrian Piper gesehen, die jetzt auf der Biennale den Goldenen Löwen gewonnen hat. Sie ist als Konzeptkünstlerin geehrt worden, aber sie ist auch Philosophin und hat über Jahrzehnte an einem zweibändigen Werk gearbeitet. In den Interviews erklärt sie, warum es ihres Erachtens diese Zeit beansprucht hat. Sie ist sehr gründlich. Und sie hat angedeutet, dass es ihr schwer fällt, einen Gedanken zu durchdenken, ohne gleichzeitig Gegengedanken zu haben oder Ergänzendes zu denken… ich kann das so sehr nachvollziehen! Sie sagt z. B., dass sie in der Kunst Anomalien schafft, die sie in der Philosophie zu erklären versucht. Ich finde das toll, dass sie Bereiche verknüpft, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben oder, besser, für viele Menschen nichts miteinander zu tun haben. Ich habe richtig Lust bekommen, sie zu lesen!

I: Das glaube ich; es klingt wirklich interessant…

P: Ja! Ich erzähle das übrigens nicht, weil ich mich mit ihr vergleichen will, sondern ich vergleiche damit eventuell einen Teilaspekt in unseren Leben – und in dem noch einiger anderer, denke ich. Kunst und Lebenseinstellung gehören zusammen; es ist zweitrangig, durch was sich die Haltung gerade ausdrückt oder mehr ausdrückt. Adrian Piper gilt als Aushängeschild der politisch engagierten Konzeptkunst. Der Biennale-Kurator Okwui Enwezor hat bei der Eröffnung gesagt „Ihre Präsentationen laden uns zu einer lebenslangen Performance persönlicher Verantwortung ein.“ Das fand ich unglaublich treffend! Es hängt alles miteinander zusammen.

I: Engagieren Sie sich auch politisch jenseits mancher Ihrer Bildmotive? „Empathie in Gefahr“ klingt jedenfalls gesellschaftskritisch…

P: Ich war letztens zum ersten Mal tatsächlich auf der Straße, bei der Anti-Nazi-Demo hier in Mönchengladbach. Aber ich kann trotzdem nicht sagen, dass das meine erste „Demonstration“ [deutet die Anführungszeichen an] war, denn ich setze mich schon längere Zeit öffentlich ein: in sozialen Netzwerken, für Amnesty International, Unicef, beteilige mich an Petitionen, die mir sinnvoll erscheinen… ich möchte meinen kleinen Einsatz nicht überbewerten, aber ich finde es wichtig, sich zu positionieren: für den Menschen. Und ich glaube eben, dass auch jemand, der sich für nichts engagiert, politisch agiert. Wenn Menschen sagen, dass sie nicht politisch sind, dann ist ihnen meines Erachtens nicht bewusst, dass ihre Haltung etwas bewirkt, und wenn es das ist, dass alles beim Alten bleibt. Oder – noch schlimmer – den Machtinhabern und ihren Geldinteressen immer mehr in die Hände spielt. Mein Wunsch ist es einfach, mich gesellschaftlich einzubringen.

I: Ein verständlicher Wunsch… man hat nur oft den Eindruck, Vieles geht einfach unter… dass nichts von den persönlichen Einsätzen bleibt…

P: Ja, wenn man vom Gedanken ausgeht, dass etwas von einem bleiben muss, nachdem man gestorben ist, etwas irgendwie Greifbares. Diesen Gedanken habe ich so nicht. Ich denke eher, dass alles eine Rolle spielt, was man tut oder lässt, und ich glaube, dass alles eine Spur zieht, auch, wenn diese von nachfolgenden Generationen nicht personalisiert erinnert wird. Da komme ich wieder auf Adrian Piper: in den angesprochenen Interviews sagt sie, dass alles, was von einem Menschen bleibt, sein Werk sein wird, und dass sie auch deshalb so sorgfältig damit ist. Es stimmt: die Werke überdauern den Menschen oft. Aber es gibt Tausende Menschen ohne „Werk“ [demonstriert die Anführungszeichen], und das hieße für mich im Umkehrschluss, dass deren Denken und Handeln belanglos wäre. Und das kann im wahrsten Wortsinne nicht wahr sein! Außerdem würde es sie von einer Verantwortung entbinden, die jeder hat, der nicht ums nackte Überleben kämpfen muss – davon gibt es ja leider auch genug…

I: Höre ich heraus, dass Ihr kreatives Schaffen immer mehr mit ihrer Person zusammenwächst… wäre das richtig ausgedrückt?

P: Mein kreatives Schaffen, auch ohne „Werk“! [demonstriert die Anführungszeichen, lacht, wird wieder ernst] Ich hoffe es… aber ich glaube auch, dass das normal ist. Jeder wird doch immer mehr er selbst im Laufe seines Lebens, jetzt ganz wertfrei gesprochen. Man weiß, was man nicht mag, man weiß, wofür man eintreten, sich einsetzen will; man kennt sein Lebensthema, wenn man das so sagen will…

I: Welches ist Ihr Lebensthema?

P: [überlegt, verzieht den Mund] Ich glaube, Offenheit, wenn ich einen Begriff wählen müsste. Denn er beinhaltet ganz viel: dass man anderen und sich selbst Entwicklung zugesteht, dass man erstmal hilft, wo es nötig ist, ohne den Hilfesuchenden zu bewerten, zuhören, mehr fragen, weniger urteilen, und wenn man urteilt, weil es z. B. ein eigener ethischer Grundsatz gebietet: erklären, warum und wie es zu dem Urteil kommt. Ich glaube, ich hab‘ das schon mal gesagt, aber ich habe sowieso das Gefühl, mich ständig zu wiederholen [lacht]: die populäre „Ich muss mich nicht rechtfertigen“-Einstellung finde ich nicht besonders hilfreich, um sich besser zu verstehen. Denn es geht ja selten um Rechtfertigung; manchmal möchte man einen anderen einfach nur besser oder überhaupt begreifen… oder eben sich begreifbar machen…

I: [nickt] … ja… [nach kurzer Pause] müsste man dann nicht auch mit Nazis reden…?

P: Mit Vorleuten von Pegida sicher nicht; nicht mit Parteivorständen, denke ich. Irgendwie muss man das „Kein Fußbreit den Faschisten“ [demonstriert die Anführungszeichen] ja auch außerhalb einer Demo leben. Ich bin sicher kein Fan von Sigmar Gabriel, aber dass er damals in Dresden an der Diskussionsrunde mit Gegnern und Anhängern von Pegida teilgenommen hat, fand ich richtig, jetzt mal neben den Interessen seiner Partei, was ja auch immer eine Rolle spielt. Denn es muss in der Demokratie um das Gespräch mit der Bevölkerung gehen, um das ernst-Nehmen jedes Mitglieds, und dass das in der Politik meistens nur nach außen demonstriert wird ohne von Herzen so gemeint zu sein, macht die Sache an sich ja nicht falsch. [macht eine längere Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Es ist unglaublich schwer, im Gespräch zu bleiben, gerade, wenn man nicht einer Ansicht ist. Schon das einander fern bleiben verhärtet. Es gehören allerdings immer mindestens zwei offene Ohren und Herzen dazu, damit das Gespräch fruchtbar ist. Jeder, der eigentlich nur sich selbst beantworten möchte, der keine ehrliche [betont sehr das Wort] Neugier auf die andere Ansicht hat, wird nichts für sich gewinnen und ist im Grunde auch kein Gewinn für den Dialog. Viele können sich da gut tarnen; man merkt nicht auf den ersten Blick, dass es da kein Hin und Her in der Unterhaltung gibt, wo sich in den Antworten einer auf den anderen bezieht. Sich in so einem Gespräch zu befinden ist unglaublich anstrengend. Man fühlt sich komplett unbeantwortet – eher wie in einer Vorlesung als in einem Gespräch. Wie vor einer Glaswand, bei der die Geräusche nur einseitig durchlässig sind: man sieht sich zwar, aber nur einer hört den anderen auch.

I: [schmunzelt] So plastisch, wie Sie das schildern, ist das nicht nur Theorie…

P: [lacht] Nein. Wenn man sich oft unterhält, erlebt man das auch öfter… öfter als Leute, die das Gespräch nicht so offensiv suchen, denke ich.

I: Ist es immer noch so, dass Sie eher im Internet Gesprächspartner finden?

P: Für viele Themen ja. Aber Offenheit und Unoffenheit haben damit nichts zu tun; das gibt es beides überall. In einem offenen Gespräch, in dem mein Gesprächspartner genau so aufrichtig neugierig auf mich ist wie ich auf ihn, ist das Thema, mit dem man vielleicht einsteigt, vollkommen nebensächlich. Denn es ergibt sich ein Austausch, bei dem beide auf ihre Kosten kommen, wenn ich es mal so unpassend ausdrücken darf. Es ist für beide Bereicherung, und das nicht nur als leeres Wort; es ist tatsächlich so. Und man wird automatisch auch auf Themen kommen, die beide interessieren, entweder wechselseitig oder gemeinsam. Solche Menschen muss man festhalten – sanft festhalten – [betont das sehr und lacht] … Unsinn, das muss man gar nicht. Solche Menschen werden freiwillig und gerne immer wieder zueinander finden.

I: Ein schönes Schlusswort für heute! Ich danke für’s Gespräch.

P: Ebenfalls. [lacht] Und jetzt ist auch der Kaffee fertig!

[Das Interview wurde privat geführt und aufgezeichnet im Mai 2015]

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