„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Ab welchem Alter…

… verliert man das bedingungslose Mitgefühl seiner Mitmenschen? Und wie alt muss ein Mensch sein, dass man ihm nicht mehr zuhört, egal, welche Ausdrucksmöglichkeit er anwendet?

In diesem Alter

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geschieht es noch nicht; da deutet man jedes Brabbeln, jeden Gesichtsausdruck und jede Körperregung, um den kleinen Menschen bestmöglich zu deuten; von „verstehen“ kann noch keine Rede sein.

Babies, die in Kriegsgebieten oder Armutsländern geboren werden, bedauert man von Herzen, so man zu Empathie fähig gemacht worden ist. Man weiß: Chancen für das neue Leben sind in jedem Bereich klein bis nicht vorhanden; elterliche Zuwendung beschränkt sich auf das Notwendigste, weil man mit größtem Hunger, Perspektivlosigkeit und/oder Bomben- oder sonstiger Geschossflucht nicht an besondere Kindesförderung denken kann. Theoretisch versteht das jeder…

Auch Kleinkinder genießen noch Welpenschutz.

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Wie alt muss ein Mensch sein, dass seine Mitmenschen ihm diesen Schutz nicht mehr zugestehen, dass sie alle Verantwortung bei ihm sehen?

Etwa in diesem Alter?

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Wohl noch nicht. Da wird dem Heranwachsenden eher zur Last gelegt, wenn die Noten zu schlecht sind und er sich nicht mit anstrengt, etwas zu verbessern. Wenn er oder sie denn zur Schule gehen kann

Wenn er oder sie nicht zur Schule gehen kann, weil es der Familien-Clan nicht erlaubt, die Schule weggebombt wurde oder er in einem Landstrich der Erde lebt, wo keine Schulbildung vorgesehen ist oder er nach vierstündigem Joggen das Unterrichtshaus erst erreicht (und das ist nur der Hinweg, und die schulische Ausbildung beschränkt sich auf Lesen, Schreiben und Rechnen), was kann man ihm oder ihr dann zur Last legen? Mit 12, 13 Jahren?

Und was ist, wenn der Mensch ungefähr 20 Jahre alt ist?

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Vielleicht hatte er das Glück, nicht in einem Kriegsgebiet oder Armutsland zur Welt gekommen zu sein, konnte zur Schule gehen und hat neben Rechnen und Schreiben eine gewisse analytische Art zu denken gelernt, die ihn befähigt, sich und sein Umfeld zu hinterfragen. Vielleicht hat sich durch diese Art der Erziehung ein Interessenfeld aufgetan, in dem er sich zuhause fühlt, und dadurch, dass er jede Nacht sicher in einem physischen Zuhause schläft, kann er die Dinge weiter pflegen, die ihn interessieren, sich menschlich weiterentwickeln und weiterbilden. (Menschlich weiterentwickeln kann sich selbstverständlich jeder; mir geht es darum, die Bedingungen aufzuzeigen, unter denen das geschieht, aufzuzeigen, wie wir urteilen, was wir von Mitmenschen im Grunde verlangen, ohne auch nur ein Fitzelchen dazu berechtigt zu sein. Wodurch oder durch wen soll eine solche Berechtigung jemals ausgesprochen worden sein oder werden?)

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Kommen Schicksalsschläge, federt ein solcher geborgener Mensch sie sicher anders ab als jemand, der unsicher und ungeborgen aufgewachsen ist, vielleicht viele Menschen hat sterben sehen, vielleicht auf grausamste Art, vielleicht die nächsten Angehörigen… und ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich unter dieser Art Stress – und Hunger und Perspektivlosigkeit reichen da vollkommen aus; das für diejenigen, die lediglich Kriegsflüchtlingen zugestehen, eine halbwegs richtige Entscheidung getroffen zu haben – auch Verhalten ändern kann? Es geht mir nicht um ein übermäßiges Täterverständnis, wo ein Mensch zum Täter geworden ist; es geht mir um unser inneres Beurteilungssystem und um den Wunsch, meine Mitmenschen mögen doch bitte mit mir an einer Gesellschaft arbeiten wollen, in der Menschen empathisch miteinander umgehen, das heißt zum Beispiel auch Traumata in eine solche Beurteilung eines anderen Menschen mit einfließen lassen. Dann bleibt ein Vergewaltiger ein Vergewaltiger und ein Mörder ein Mörder, aber die gesellschaftlichen Bedingungen für solche Taten werden eventuell ein bisschen wichtiger genommen, die gemeinsame Arbeit an einem sozialen Zusammenleben unter fairen Bedingungen wird eventuell irgendwann ein bisschen wichtiger genommen.

Ab welchem Alter verurteilen wir Mitmenschen, die aus Krieg und Armut fliehen? Wie alt sind sie, wenn wir beginnen, sie zu beurteilen, zu beurteilen, was wir nicht alles „an ihrer Stelle“ anders gemacht hätten (zum Beispiel AUF JEDEN FALL in der zerbombten und zerrüteten Heimat bleiben, weil diese ja auch wieder aufgebaut werden muss – welche Unterstützung die Menschen dort dazu bekommen, ist uns dann wieder egal –, AUF JEDEN FALL in der tiefsten Perspektivlosigkeit bloß ja in der Wellblechhütte bleiben, weil ja nicht jeder sein Land verlassen kann, bloß, weil er arm ist), sie zu verurteilen dafür, dass sie nicht privilegiert geboren wurden?

Wenn wir schon da unsere Herzen, Augen und Ohren zu machen, wenn die Hilfeschreie aus den Ländern, vom Mittelmeer, aus den Wellblechbehausungen aller Welt eigentlich nicht überhört werden können: wie können wir, wie kann ich erwarten oder auch nur hoffen, dass einem künstlerischen Ausdruck eines Mitmenschen auch nur ein Bruchteil Aufmerksamkeit zuteil werden möge?

Aber ich erwarte es weiterhin und ich werde es weiterhin geben. Jedweder Ausdruck eines jedweden Menschen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft, ein Hinweis, in welche Richtung es gerade läuft und die Grundlage für eventuell wichtige Neuverhandlungen der Weltgesellschaft.

Viele können derzeit nur um Hilfe bitten, und wenn die praktisch nicht gegeben werden kann oder politisch nicht in ausreichendem Maße gegeben werden soll, wenigstens um das Verständnis ihrer glücklicheren Mitmenschen. Das ist das Mindeste. Weil sich kein Mensch unabhängig von seiner Umgebung entwickelt, von der Gesellschaft, in die er zufällig hineingeboren ist.

bine1

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who cares?

Ich möchte noch einmal auf den Aspekt kommen, die „Teilnahme am eigenen Leben“ zu stärken, und möchte das mit einigen Zitaten aus dem im letzten Beitrag erwähnten Film „who cares?“ tun:

„Das Gefühl von Gleichgültigkeit ist etwas sehr Trauriges. Teilnahmslosigkeit und Ignoranz sind, denke ich, unsere größten Feinde.“ (Karen Tse)

„Die Erkenntnis, und dafür bedarf es keines Doktortitels, dass das Wissen eines Eingeborenen, das Wissen einer Frau aus einer traditionellen Gemeinde genauso wichtig und fundamental für die Welt ist, wie das Wissen eines großen Wissenschaftlers in seinem Labor.“ (Oscar Rivas)

„Also sah ich, dass meine Konkurrenz nicht der ist, der das Gleiche tun will, sondern die allgemeine Ignoranz, das Fehlen an Wissen, Chancen und Zugang.“ (Wellington Nogueira)

„Als Wellington Nogueira die Arbeit der Klinikclowns kennen lernte, erkannte er die soziale Rolle der Kunst.“ (Sprecher im Film „who cares?“)

„Wenn du große Veränderungen bewirken willst, musst du dich von den Besitzansprüchen an deinen Ideen verabschieden. Denn das Ziel der Veränderung ist, deine Ideen in Strukturen, in Systeme, in die Wasserzufuhr einzubetten.“ (Al Etmanski)

„Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Wo ist die „Teilnahme am eigenen Leben“ für Euch ganz persönlich noch ausbaufähig? Es muss nicht, es darf aber wie immer gerne kommentiert werden!

kleewand

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Wer kommt, der kommt

Der Tag danach

„Wer kommt, der kommt“

Vorgestern jährte sich zum 25sten Mal mein typisches untypisches Geburtstagsfest, denn seit ich nach meiner Ausbildung damals zuhause ausgezogen bin, begehe ich es so.

Dabei halte ich es eigentlich mit denen, die sich fragen, was es an einem Geburtstag schon zu feiern gibt; nicht aus Frust über die Jahre, sondern weil du an einem für dich zufälligen Tag in die Welt geworfen bist, was erst einmal nicht dein Verdienst ist und keine besondere Rolle spielt, außer, dass es dich jetzt gibt. Dann darf man noch ein Weilchen verantwortungslos vor sich hin leben, bis es irgendwann heißt: jetzt mach was draus! Und bei diesem „was draus machen“ ist dieser Tag jedes Jahr nur einer von 365 Tagen.

Was mir diesen allerdings besonders macht, sind die möglichen Begegnungen, nicht nur die der Gratulanten mit mir, sondern alle möglichen Begegnungen. Ich muss sagen, dass ich dafür äußerst gern eine „Plattform“ biete; zu früheren Zeiten wäre ich bestimmt Salonnière gewesen, auch unadelig und mit sehr kleinem „großen Saal“ 😉 .

Ich mag, wenn sich Menschen treffen, die sich unter anderen Umständen nicht begegnen würden oder die in freier Wildbahn vielleicht keinen Grund sähen, sich miteinander zu unterhalten, und dabei jeder die Chance auf eine besondere Begegnung, auf ein besonderes Gespräch hat. Und selbst, wenn sich alle nur über das Wetter unterhielten, böte ich gerne den geschützten Raum für eine friedliche Zusammenkunft. (Gestritten werden darf natürlich auch, solange es respektvoll geschieht.)

Soweit das Typische an meinem Geburtstag. Untypisch wird er jedes Jahr dank meiner Gäste. Das ist gar nicht spektakulär gemeint, sondern erfrischend: es ist immer anders. Und es ist immer besonders für mich.

Das, was ich meine Familie nenne, bildet einen nur ganz kleinen harten Kern, der sich für mich aber beinahe unverzichtbar anfühlt. Und drum herum sitzen, stehen, essen, trinken, unterhalten sich durch die Jahre verschiedenste Menschen, die an diesem Tag, zu dieser Stunde Lust und Zeit haben, mich zu besuchen und in Gemeinschaft zu sein. An so einem Tag entscheidet sich nicht, wer mit dir befreundet ist; es zeigt sich über’s Jahr oder aufgrund von Entfernungen auch schon mal über Jahre. Aber das Zeichen des Besuchs – eben gerade auch des, wenn auch erwünschten, ja „uneingeladenen“ Besuchs – ist für mich ein sehr schönes!

Freiheit und Freiwilligkeit spielen mir in allen Lebensbereichen, in denen das möglich ist, eine große Rolle; ich drücke es so aus, weil mir die Grenzen, z. B. in einem Angestelltenverhältnis arbeitend, – überhaupt meine Arbeitskraft verkaufen müssend, weil unsere Gesellschaft so funktioniert –, sehr bewusst sind und noch immer bewusster werden.

„Wer kommt, der kommt“ ist wie Kunst – es ist die Freiwilligkeit, es sind die Möglichkeiten, es ist das offene aufeinander-Zugehen mit nur einer gegenseitigen Erwartung, Ehrlichkeit, was mir gefällt.

Ich möchte mich sehr herzlich bei allen bedanken,

die sich darauf einlassen,
mir ihre Zeit um ihret- und um meinetwillen schenken,
deren Interesse aufrichtig ist und nicht bloß Neugierde,
denen mein „Status“ in der Gesellschaft unwichtig ist,
die sich mit mir für meine Idee begeistern können (und die mich durch ihre Begeisterungsfähigkeit inspirieren),
versuchen, meinen Gedanken aus meiner Sicht nachzuvollziehen, auch, wenn sie meine Ansicht nicht teilen (und dann trotzdem zu mir stehen können, was eine wahrlich schwere Übung ist),
nicht vorschnell (oder überhaupt nicht) urteilen, sondern mit mir über ihre – vielleicht vorhandenen – Zurückhaltungen sprechen,
sich mit mir freuen und mit mir feiern können,
mich an sich heranlassen und mir erlauben, sie wirklich kennenzulernen und zu unterstützen,
wissen, dass sie mir Dinge anvertrauen können, auch, wenn sie es nicht „nutzen“ „müssen“,
umgekehrt auch mir zuhören und mir verzeihen, wenn ich manchmal zu abstrakt rede, weil für mich „persönlich“ nicht „gleich privat“ ist und sich ein Gepräch über das, was mich interessiert oder bewegt, oft erst durch interessiertes Nachfragen meines Gegenübers ergibt.

Freundschaft fließt, verändert sich, vergeht auch manchmal. Manchmal ist sie ausschließlich virtuell und keinen Deut weniger wert. Sie hat so viele Gesichter – Eure 🙂 . Allen Gratulanten ganz herzlichen Dank!

Sabine

„… das Wort „Freund“ hat auch ’ne schöne Bandbreite… es gibt neue Freunde, es gibt Freundschaften, die sich über Institutionen bilden, es gibt Freundschaften, die ein Leben lang andauern […], und es gibt welche, die leider so’n bisschen versanden, ohne dass man’s will…“ [Götz Alsmann]

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Für wen ist Kunst gedacht?

Dieses ist ein Misch-Text. Er ist sowohl persönliche Ansprache als auch Blog-Beitrag. Angeregt durch das letzte Gespräch mit Stefan Beck frage ich mich einmal mehr

für wen ist Kunst eigentlich gedacht? Läuft alles auf einer persönlichen Ebene ab, die Erschaffung, die Rezeption, die Kunstkritik, und ist Kunst demnach für alle Menschen, wie es schon so lange mein Leitsatz ist…? Oder gibt es Personen, die durch ihre fehlende diesbezügliche Bildung sowohl von der Erschaffung kreativer Arbeiten als auch vom erreicht-Werden durch sie ausgeschlossen sind? Ich muss einen Bogen schlagen…

Beginnen möchte ich einmal mehr mit meiner persönlichen Kunst-Definition, die ich zur besseren Lesbarkeit zu einem kleinen Regelwerk mache, das mich erklären helfen soll:

1. Durch die Begegnung mit einem Rezipienten, der durch die Betrachtung der Arbeit einen neuen Gedanken- oder Gefühlsimpuls bekommt, kann jede kreative Transformation eines jeden Menschen zu Kunst werden. (Persönliches Moment der Begegnung)

2. „Kunst“ muss eine andere Bedeutung haben als z. B. „meisterlich gefertigt“; der Begriff muss das Unfassbare, Unerklärliche, Unbewertbare meinen oder zumindest einschließen, das nichts mit der Ausführung einer Arbeit zu tun hat, denn legte man da etwas fest, beschnitte man die Kunst. (Ansonsten bin ich immer noch auf der Suche nach einem Wort, das alle benutzen können, die sich über das Thema unterhalten wollen, ohne in Streit zu geraten. Bislang habe ich noch keinen annehmbaren Vorschlag bekommen und bleibe einstweilen also bei „Kunst“, wenn ich es kürzer sagen möchte als mit „kreativer Transformation“.)

3. Wenn ich das Wort „Kunst“ gebrauche, dann quasi in einem juristischen Sinn, so, wie man beispielsweise mit dem Begriff des „Freien Berufes“ umgeht.

4. Ich trenne beim Gebrauch des Begriffes „Kunst“ nicht zwischen etablierter und nicht-etablierter Kunst, außer ich sage es dazu. (Der Begriff „Hobby“ meint in meinen Augen ganz sachlich nur, dass es sich dabei nicht um die Profession handelt und sagt nichts über Qualität.)

5. Das Wort „Kunst“ darf nicht als Qualitätssiegel gebraucht werden, sondern muss alles bezeichnen dürfen, was an kreativer menschlicher Transformation auf Erden geschieht oder geschehen ist. Und alles, was so geschieht oder geschehen ist, hat keinen Namen und kein wie auch immer geartetes Etikett; es ist kreative Transformation; das, was der Begriff „Kunst“ im Grunde meint, findet in der Begegnung statt.

6. Ich lehne eine Vorauswahl durch andere ab und möchte Lieschen Müller und Gerhard Richter gleich unvoreingenommen betrachten, wenn ich denn die Chance habe; geleitete Blickrichtungen sind durch den Markt geleitet und gehorchen seinen Vorgaben; jegliche Bewerbungen von kreativen Arbeiten oder Kritik gleich welcher Art haben für die unvoreingenommene Betrachtung keine Relevanz.

7. Keine kreative Arbeit muss in irgendeiner Art und Weise diffamiert werden, wenn sie mich nicht erreicht. Sie erreicht mich nicht, weil ich gerade auf der Suche nach etwas anderem bin. (Im selben Augenblick kann ein anderer Mensch durchaus erreicht werden.) Das wird sogar in den allermeisten Fällen so sein. Das erreicht-Werden durch die Gedanken, Gefühle und die Umsetzung dieser durch einen anderen Menschen ist die Ausnahme, nicht die Regel. Ich mache als Kunstrezipient die Kunst zu 50 % mit aus.

7a. Einen Kreativen in seiner Arbeit zu verstehen ist genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, irgendjemanden in seinem Sein zu verstehen; es kommt auf Vieles an. Das legt für mich den Grundstein für meine Theorie, dass alles auf dem Gebiet der Kunst ur-persönlich abläuft.

8. Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten.

9. Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

Ich habe festgestellt, dass bislang nur diese Definition für mich funktioniert, soll es sich nicht in einem Streit über eine konkrete persönliche Arbeit eines Kreativen erschöpfen.

Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten, weil „der Markt“ ein menschengemachtes System ist, das diese kreativen Arbeiten ver-markt-en soll. Ich stimme nicht mit der Ansicht Deines Lehrers überein, Stefan, dass alle, die „Kunst machen, auch Kunstgeschichte schreiben wollen“. Einige wollen nur auch noch mit einem anderen Mittel kommunizieren als über Sprache. Dein Lehrer könnte jetzt nur noch behaupten, dann sei das eben keine Kunst, aber damit würde er in meinen Augen allen gegenüber, die es anders sehen, eine äußerst arrogante Haltung an den Tag legen, würde diesen nicht gerecht und sich selbst grundsätzlich ein erweitertes Verständnis Menschen gegenüber verbauen.

Du hast die Kunstwissenschaft mit der Medizin verglichen und gesagt, dort gäbe es doch auch „Regeln“; niemand käme auf die Idee, diese Wissenschaft – ich sage mal: von „außen“ – so sehr in Zweifel zu ziehen, und fragst, warum das in der Kunst jedoch so sei. In der Medizin sei auch wenig „persönlich“, und Du denkst nicht, dass so Vieles bei der Kunst aus persönlichen Gründen geschieht, von der Erschaffung über die Kunstkritik bis zur Auswahl dessen, was zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beworben wird.

Ich bin erklärte Verfechterin der „Persönlich“-Theorie, und meine Sicht auf alles zeigt es mir so: die Medizinwissenschaft als Beispiel guckt und forscht nach vorn, entwickelt sich nach vorn, aber erklärt es auch nach vorn. Sie gehen „dahin, weil…“ … sie dies und jenes als Ergebnis erwarten, entwickelt aus den Forschungsergebnissen ihrer Vorzeit. Danach wird erst geschaut, ob es ein Irrweg war oder eine tatsächlich hilfreiche Weiterentwicklung.

In der Kunst gibt es für mich eine echte Vorwärtsentwicklung nur auf der Zeitebene. Die etablierte Kunst passt sich den gesellschaftlichen Strömungen insofern in der Zeit an, als dass z. B., als eine Ausprägung, anscheinend mindestens eins spektakulär sein muss: die Kunst oder der Künstler. Aus Angst, in unserer schnelllebigen Zeit aus der Wahrnehmung zu fallen. Bei der Off-Kunst (ich sage eigentlich lieber, wenn schon auf englisch: Independent) erlauben sich (noch) mehr Menschen, darauf nicht das Augenmerk zu legen, sondern auf das, was sie gerne sagen, machen, ausdrücken möchten. Wenn man mal davon absieht, dass man die sichtbare Kunst in etabliert und nicht etabliert trennen kann (und ich füge sehr herzlich dazu: leider muss!) und man in der Medizin sich nur zwischen Wegen mit unterschiedlicher Anhängerschaft entscheiden kann, die aber alle in der Öffentlichkeit etabliert sind, weil man die Forschungszeit als Öffentlichkeit selten mitbekommt – wenn man also von diesem Unterschied absieht,

dann bleibt noch der gravierende Unterschied, dass in der Kunst nichts wirklich „überholt“ wird, obwohl der persönliche Geschmack des einen oder anderen selbstverständlich so urteilen wird, und das mit persönlicher Begründung auch durchaus o. k. ist. Kein Zahnarzt käme mehr auf die Idee – zumindest meines Wissens nicht 😉 – vor dem Zahnziehen eine Flasche Schnaps zur Betäubung bereit zu stellen und eine Zange, mit deren Hilfe eben noch ein Pferd die alten Hufeisen abmontiert bekam. Aber es gibt immer noch – auch aktuelle und etablierte – Kunst, die mit den verwendeten Symbolen an die ersten Höhlenmalereien erinnert (bei weiterem Interesse s. z. B. auch: http://www.aboriginal-art.de/DE/start_einfuehrung.htm) , und es gibt immer noch Kunst auf Keilrahmen. Die Möglichkeiten heute sind vielfältiger; es „geht mehr“, aber es gibt noch ALLES. Dieses Alles ist unablässig ergänzt worden bis hin zur Netzkunst, bis hin zum Sprechen über Kunst als Kunst, Dinge, die man sich so ganz ohne Computer in der früheren Höhle sicher nicht vorstellen konnte… aber es gibt immer noch ALLES.

Kunstwissenschaft erklärt rückwirkend, sagt zu einem aktuellen Kunst-Fall nicht „mal sehen, was daraus wird“, sondern verunglimpft den evtl. „unverstandenen“ Künstler VORHER. SPÄTER wird evtl. über diesen gesagt, dass er die Kunst mit weiterentwickelt hätte, dass er „bahnbrechend“, dass er was-auch-immer gewesen wäre. Abgewartet, wie z. B. in der Medizin, wird meines Wissens nie. Entweder hopp oder top. Dabei ist das spätere Urteil zwar ärgerlich für den damals Verunglimpften, aber auch diese neue Bewertung ist menschengemacht, von Menschen, die Regeln eines selbst gemachten Systems gehorchen – auch das jetzige Urteil ist kein absolutes. Warum also ärgern…?

Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

In der Medizin gibt es durchaus manchmal ein „falsch“: falsch für den Patienten im individuellen Fall, und es ist weitestgehend unstrittig, dass Zitronensaft niemals auf diesem Wege in Patienten gehört (http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/809661/zitronensaft-skandal-ex-chefarzt-bleibt-haft.html) – kurz: es kann um Leben oder Tod gehen, was im Falle der Kunst auch meist weniger dramatisch ist. Es ist einfach oft eindeutiger in der Medizin.

Der Goldene Schnitt ist auch recht eindeutig, zumindest, dass es ihn gibt. Aber genau so unstrittig ist, dass z. B. Schönheit – und die hat mit ästhetischem Empfinden zu tun – im Auge des Betrachters liegt, und so sind wir wieder angekommen bei der jeweils herrschenden Kunstauffassung – oder bei persönlichem Empfinden. Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann liegt Kunst im Hirn des Rezipienten, und es gibt keine allgemeingültigen Regeln der Rezeption, so, wie es nicht DEN Menschen gibt, der DAS EINE denkt, der DAS EINE braucht. Man wird immer auf sich selbst zurück geworfen bei der Kunstbetrachtung; zu dieser Ansicht kommen selbst langatmige Kunst“führungen“, selbst bei den Etablierten (bei weiterem Interesse ein Kommentar zu einer solchen von mir: http://spint.privat.t-online.de/kommentar.htm)

Aber auch, wenn man auf den Goldenen Schnitt pfeift, selbst als Künstler… wenn man kein bisschen Zeichentalent hat, wenn man wie Du, Stefan, Malerei als für sich unrelevant ablehnt – aber ein großartiger Netzkünstler ist (und Adjektive wie „großartig“ und Substantive wie „Künstler“ sind bei mir immer als persönliches Urteil gedacht, nie absolut, weswegen ich meist von Kreativität spreche, die ich nicht weiter unterteile in „profane“ oder welche auch immer: http://www.thing-frankfurt.de/content/2013/abschied-vom-publikum) : ist man dann kein Künstler?? Was „muss“ man denn „können“? Wenn Professor B einen jungen Menschen zum Studium zulässt, der zuvor von Professor A abgelehnt wurde, und beide Professoren entstammen demselben System, demselben Kunstbetrieb… wer hat denn dann Recht? Gibt es da ein „Recht haben“…? Ich denke, nicht…

Du hast mal – war es auch auf http://www.perisphere.de ?– eine für mich ziemlich aufschlussreiche Frage gestellt: „Die Frage sollte sein: Welchen Sinn machen heute noch Kunsthochschulen, nachdem alles allgemeinverbindlich vermittelbare Wissen weggefallen ist?“ Wenn die Frage so rhetorisch gemeint war, wie sie auch auf den zweiten Blick noch auf mich wirkt…: wenn sie (die Hochschulen) keinen Sinn mehr machen, weil, wie Du weiter schriebst, in der Folge „nur noch das Ranking zählt“… was wäre denn die Folge daraus? Das möchte ich als Frage einmal so im Raum lassen…

Scharlatanerie gibt es auch in der Medizin – keine Frage (s. Bsp. oben). Wenn es aber in der Kunst tatsächlich kein allgemeinverbindlich vermittelbares Wissen mehr gibt (wobei ich selbst glaube, dass man immer Techniken lehren und verschiedene Sichtweisen als Anleitung geben kann, solange man es nicht dogmatisch tut und immer auch anleitet zum künstlerischen authentisch-Sein im besten Wortsinne), dann frage ich mich, wie man diese Scharlatane erkennen soll… ich selbst möchte gar nicht auf der Suche danach sein. Ich möchte jeden, der etwas zeigt, ernst nehmen und gucken, „was es mit mir zu tun hat“, was der- oder diejenige da geschaffen hat. Ich sagte es letztens bereits als Antwort auf eine Deiner seminar-Sendungen (http://www.radiox.de/sendungen/das-seminar.html) , in der Du beschriebst, dass Du bei einem Kunstspaziergang den Eindruck hattest, die Kreativen in den Off-Räumen würden sich einer „Galerie-Kunst“ anpassen… wie furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt, sondern sie pauschal abgetan wird, weil man „Ähnlichkeiten“ sieht… authentisch sein heißt doch auch, dass man zu Ähnlichkeiten dieser Art stehen (können) muss, oder? Wenn ich nur noch bemüht wäre, das im Schaffen mit aller Kraft zu vermeiden, käme ich aus dem Recherchieren nicht mehr heraus… und müsste irgendwann aufgeben, denn gewisse Ähnlichkeiten kann man überall entdecken (wollen)… es gibt nichts wirklich „Neues“; zumindest kann man sich nie sicher sein.

Ich muss das persönliche Moment in der Kunst würdigen, sowohl bei der Betrachtung als auch bei der Kreation als auch beim Aufnehmen von Kunstkritik oder bei der Bewertung, wie ich eine bestimmte Auswahl eines Kurators „finde“ – sowohl die Auswahl als auch mein Urteil (wenn ich denn jemals ein solches fällen würde) ist persönlich.

Ich möchte noch einmal auf die wunderbare perisphere-Seite hinweisen (die Du mir gezeigt hast, Stefan, daher ist der Hinweis für alle anderen geneigten Leser) und dort im Besonderen auf den Beitrag Fragen über Fragen – eine neue Serie, und zwar ausdrücklich auch auf den anschließenden Austausch: http://www.perisphere.de/vor-ort/fragen-ueber-fragen-eine-neue-serie . Dein Kommentar vom 17.01.2014 zu J. C. Ammann als Direktor des Museums für moderne Kunst zeigt für mich doch genau das: Ammann entspringt demselben System wie sein Nachfolger, und ein Teil seiner Nachwelt findet seine Anschaffungen zur Macht-Zeit „kurios“. Nur kurzzeitig seien ein paar Künstler durch ihn gepusht worden. Ja – ist es denn nicht immer so?? Die Mächtigen auf den Märkten der Welt leben zu ihrer Macht-Zeit diese Macht aus; es hat sogar SEHR mit Persönlichkeit zu tun, inwiefern sie es aufrichtig und verantwortungsvoll machen. Ich für mein Teil kann Ammann, weil ich ihn nicht kenne, nicht nachweisen, dass er NICHT aus zwar sicher persönlich orientierten, aber vielleicht dennoch hehren Zielen diese „Kuriositäten“ pepusht hat…

… und ebenfalls hinweisen, und auch nicht für Dich (weil Du es kennst), sondern für alle interessierten Leser möchte ich auf den für mich sehr nachvollziehbaren Beitrag Katrin Herzner’s http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst#more-14489 .

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Wenn Kunst für alle Menschen ist, und Du möchtest niemanden ausschließen, dann machte sie keinen Sinn, wenn sie einer Geheimsprache gliche, die nur Eingeweihte verstünden. Und wenn sie nicht für alle Menschen ist, sondern nur für Eingeweihte, dann machte sie in meinen Augen keinen Sinn, weil es keinen Grund gäbe für die ungeheure und ungeheuer bereichernde Bandbreite des kreativen Ausdrucks (die Du als „Bandbreite“ ebenfalls anzweifelst; ich weiß; aber sie liegt doch da, vor uns, jeden Tag…).

Die Antwort auf die Frage, für wen Kunst gedacht ist, wer die Adressaten z. B. meines kreativen Ausdrucks sind, ist ausschlaggebend für die Herangehensweise an „Kunst“ überhaupt. Meine Adressaten benennen sich selbst als solche, und sie müssen mich nicht „verstehen“. Aber es wäre schön, wenn sie sich fragen würden: was hat es mit mir zu tun?

Und noch eine Frage möchte ich der Allgemeinheit stellen, anknüpfend an unser letztes Gespräch, Stefan: ist es denkbar, dass die Entgrenzung des Kunstbegriffes, die Viele auf dem etablierten Markt bedauern (und einige andere auch!), vergleichbar ist mit der Entwicklung der Gesellschaften durch die Jahrhunderte? Israel/Gaza ist gerade das aktuelle traurige Gegenbeispiel, aber ich meine z. B. die zunehmende Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Verbindungen, die es durch fehlende öffentliche Diskussionen damals sicher u. a. deswegen nicht gab… ich empfinde es so, dass eine lange fällige gebotene Toleranz auf vielen Gebieten zunimmt… für mich wäre/ist sie auf dem Kunst-Sektor ebenfalls bereichernd – wenn sie denn aufrichtig gemeint ist/war und nicht doch wieder – wie so Vieles – als Mittel zum Zweck…

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