Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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Ich denke, man muss sich entscheiden…

Michael Kröger: „Eine aktuell als Banalität bewertete Form von reproduzierter Wirklichkeit muss nicht auf Dauer banal bleiben. Das bewusst reflektierte Banalisiertwerden eines Phänomens spiegelt nicht nur aktuelle Werte und besonders Vorurteile, sondern immer auch Erwartungen gegenüber einer Sphäre eines noch unbekannten und exklusiven Nicht-Banalen. Gerade mit dieser speziellen Erwartungsfunktion lässt sich weiter spekulieren. Denn spricht man weniger abwertend von Banalisierung, so erkennt man plötzlich sehr vieles in einem anderen Licht.

Wo nur von Banalem und/oder drohender Trivialisierung die Rede ist, entstehen nicht nur Formen von negativer Bewertung und damit eine Ausschließung. Im Gegenteil: Relevantes entsteht jeweils dort, wo erfolgreich etwas Neues als Nicht-Banales zur Sprache kommt.“

 

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Ob etwas „zu“ irgendetwas ist, steht immer in einem Kontext, und der Sprecher definiert diesen. Wenn mir etwas beispielsweise „zu banal“ ist, dann ist es das in Bezug zu meinen Wünschen und Ansprüchen. In der Kunst gilt dieser Begriff (Banalität) mir nichts; er funktioniert da nicht. Auch ich definiere hier; das ist mir bewusst.

 

Ich muss weiter ausholen: wenn wir beim Banalitätsbegriff sind, ist der Qualitätsbegriff nicht weit. Für mich gibt es im künstlerischen Ausdruck keine objektive Qualität; auch hier ist mir bewusst, dass es ketzerisch klingen mag in so manchem Ohr.

 

Und an jeder Stelle sind wir gezwungen, uns zu positionieren, zu definieren. Wenn Kunst Sprache ist, und jemand drückt sich unverständlich aus, heißt das nicht, dass er nicht sprechen kann – er tut es ja! Selbst wenn niemand ihn verstünde… ist seine Sprache wohl noch nicht decodiert. Das Sprechen selbst, seinen ureigenen Ausdruck kann man ihm nicht ab-sprechen. Selbst, wenn andere seine ur-eigenen Belange „banal“ nennen.

 

Die erste Kunst wurde u. a. in Höhlen gefunden – einen Käfig gebaut hat man ihr erst später. Der Käfig ist ein System, das in sich geschlossen schon funktioniert – nur versucht man im System „Kunst“ den Ausschluss dessen, was allen gehört. Und man schließt Menschen einander aus. Ich denke nicht, dass die Frage nach Banalität oder Relevanz sich bei der ersten Kunst des Menschen stellte, egal, ob diese religiös motiviert war, von Trance-Erfahrungen erzählt hat oder doch einfach nur Kontakt zum Mitmenschen herstellen wollte.

 

Ein Kollege sieht die Kunst rein wissenschaftlich – und auch in Dr. Krögers Text ist von „Kunstwissenschaft“ die Rede –; das gelingt mir einfach nicht. Was ist das Ziel der Kunstwissenschaft? Wenn man überlegt, ob eine Documenta es noch bringt, weil es alles schon gab… was ist das Ziel? Man darf gerne auch ein ganz abgedrehtes nennen, z. B. so, als würde die Medizin das Ziel formulieren, dass irgendwann kein Mensch mehr an Krankheit sterben muss…

 

Ich weiß, dass, wäre es überhaupt argumentativ möglich zu erklären, man der Oma in einfachen Worten erklären könnte, warum Leon Löwentraut besser malt als ihr Enkel – mir ist klar, warum das (im sich selbst erhaltenden System „Kunst“) nicht möglich ist. Es greifen weder rein ästhetische Gründe noch die Gedanken des Künstlers; ich habe z. B. ihn in diversen Talkrunden gehört. Wenn sich dann noch der Anwalt der womöglich – ich nehme es jedenfalls an – stinkreichen Eltern sich mit dem Anwalt eines anderen Malers anlegt, wer von wem abgemalt hat, ist der Kunstbetrieb um eine Farce reicher.

 

Ich warte darauf, dass der „Anthropomorphe Kabinettschrank“ von Dali als Fälschung entlarvt wird, um beweisen zu können, dass ich ihn dann noch genau so regelmäßig und gern besuche und bestaune wie davor – nur würde er dann vermutlich abgehängt.

 

Ich finde, all das (und noch viel mehr) sollte man in einer Diskussion um Banalität bedenken. Mich bringt es zum Fazit, dass nichts von irgendwoher gegeben ist, was Menschen als Systeme erfunden haben oder erfinden. Menschen machen die Regeln; alle sind jederzeit änderbar. Definitionen sind änderbar; s. ganz o. das Zitat.

 

Würde Kunst als allgemein gebrauchbarer menschlicher Ausdruck gelten dürfen, dürfte sie genesen. So, wie es aber jetzt ist, bleibt mir nur die Trennung zwischen Markt-Kunst und (einfach) Kunst als jedwedem menschlichen Ausdruck mittels oder jenseits von Verbalsprache, egal ob Marcel, Gerhard oder Lieschen die Erschaffer sind.

 

Das „Problem“ ist die Etikettierung im Gegensatz zu inhaltlichem Austausch.

 

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Tanja Praske: „Überall das gleiche unproduktive Gerangel um Kompetenzen und Deutungshoheit. Hier finde ich Lauras Meinung: „E-Kultur (ernsthafte Kultur) definiert sich über Ausschluss“ sehr treffend. Bei Michael Krögers Post dachte ich umgehend „wer bestimmt denn was banal ist?“ Durch das Web wohl kaum noch eine elitäre Bildungsoberschicht, sondern das Publikum, der User, der sogar auch Content liefert. Entweder moderiert durch die Kulturinstitution oder einfach so, denn das machen die User so oder so, mit oder ohne Moderation.“

 

Ich sehe tatsächlich ein bisschen die Gefahr, dass das Publikum die Rolle des „Banalisierers“ zugewiesen bekommen könnte und die Kunstvermittler die der „Mithelfer“; das ist schon so geschehen in diversen Diskussionen bis hin zur Erkenntnis mancher, dass das Publikum doch eher hinderlich sei bei der Kunstbetrachtung.

 

Ich denke, man muss sich entscheiden: entweder es ist eine Wissenschaft, dann dürfen sich selbstverständlich nur noch die Wissenschaftler unterhalten, oder etwas „für die Menschen“, ohne Ausschluss, ohne Vorurteil, differenziert. Ich für mein Teil kann mir nicht vorstellen, dass sich die Menschen die Freiheit des Ausdrucks und des Sprechens darüber wegnehmen lassen…

 

[Meine Antwort zum Thema „Banalisierung in der Kunst“ im Blog von Tanja Praske vom 02.02.2016]

 

„Die Kunst stirbt niemals. Sie ist ein Teil unseres Ichs.“ Giovanni Segantini

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Salvador Dalí – Der anthropomorphe Kabinettschrank

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Westart live

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive140.html

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Bereits das erste Sofa-Gespräch ist ein für mich guter Austausch; erst geht es um Schönheit, später um die vermeintliche Unvereinbarkeit von „digitalem“ und „realem“ Leben – Dinge, über die man ohne persönliche Definitionen nicht sprechen kann.

Auch die Bildhauerei, von Thomas Hermanns als ein Beispiel für das „reale“ Leben schlechthin genannt, kann ich aus folgendem Grund nicht als dafür gutes Beispiel gelten lassen: menschlicher Ausdruck ist menschlicher Ausdruck, ob er sich per Computer oder in greifbarem Material zeigt. Inhalt, Auseinandersetzung ist wichtig, damit beides (alles!) keine reine Pose bleibt.

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Der Film „Hidden figures“ (Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=brS10KpcTMY ), der jetzt anläuft, ist in meinen Augen ein wichtiger Tipp. Er handelt von Afroamerikanerinnen in Diensten der NASA zur Zeit der Apartheid (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Hidden-Figures-Frauen-rechneten-fuer-die-US-Weltraumfahrt-3342530.html ).

Hier Zitate der Schauspielerinnen

Octavia Spencer:

„… und ein Blick in die Vergangenheit zeigt uns, was auf dem Spiel steht, und wie wir die Zukunft gestalten können.“

und

Janelle Monae:

„Ich hoffe, der Film ermutigt die Menschen, ihre Träume nicht aufzugeben und immer der Freiheit Vorrang vor der Angst zu gewähren, besonders in Zeiten von Ungerechtigkeit und Diskriminierung.“

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Ich habe den Eindruck, dass einige meinen, dass sich nicht jeder dauernd zu Wort melden sollte. Das stimmt; „dauernd“ ginge nicht gut, denn zwischendurch sollte man die Worte anderer mitbedenken, einfach selbst nachdenklich sein.

Aber warum sollten denn nicht alle an den Verhandlungen beteiligt sein, deren Ergebnisse dann ihr Leben zu großen Teilen mitbestimmen?

Bringt Euch ein, aber FÜR die Menschen, nicht gegen sie. Oder gegen Gruppen, die nur nach einem gemeinsamen Merkmal definiert sind: Frauen, Männer, Amerikaner, Afrikaner, Leistungsbezieher, Millionäre, Gesunde, Kranke, Arbeiter, Wissenschaftler usw. usf. Guckt jeden individuell an, aber fragt Euch, ob nicht einige Wenige große Menschengruppen bestimmen. Fragt Euch, ob das sinnvoll ist. Oder ob es sinnvoll ist, dass die, die wenig haben, auf denen rumhacken, die noch weniger haben, anstatt sich überall, wo es möglich ist, einzubringen für Verbesserungen vieler Benachteiligter. Denn schuldlos Benachteiligte sind jederzeit und allerorten Realität.

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Steine hüpfen lassen… im Hirn 2 oder: Grenzen

Stefan: Zitat 1 [Beitrag vom 09.11.: Steine hüpfen lassen… im Hirn], so ohne jeden Kontext kann nur zu allerlei Spekulationen verleiten.

Ich versuch mal den folgenden Kontrapunkt:

Kapitalisten haben sich noch nie um Grenzen geschert.“
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Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

heute mal ein etwas ungewöhnlicher Beitrag. Er geht mit persönlicher Ansprache los, weil ich Stefan zuerst in den Kommentaren von „Steine hüpfen lassen… im Hirn“ vom 09.11. antworten wollte, es aber dann wieder so komplex wurde, dass ich mich zu einem eigenem Beitrag zum Thema durchgerungen habe. Deswegen jetzt weiter ohne persönliche Ansprache:

Stefan hat mit seinem Kommentar eine offene Tür bei mir eingerannt: beinahe nichts funktioniert mehr aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne zusätzliche Erklärung; da bin ich mit ihm einer Ansicht, und ich finde es im Grunde gut. Denn so kommen wir ein Stück weit wieder von Schlagworten oder –sätzen ab, die eher zum Inhalt haben, was der Leser bzw. Hörer interpretiert.

Mein Thema ist aber genau so durch die Jahre, in denen ich mich mit einem theoretischen Kunstbegriff beschäftige, wie man sich noch „ganz normal“ unterhalten können soll, wenn alles vor dem Gespräch und während des Gesprächs von allen Beteiligten ständig erklärt werden muss… es ist nicht möglich.

Aber wir unterhalten uns so. Wir setzen Dinge, Definitionen voraus und hauen die Sätze erst einmal ohne Rücksicht auf Verluste raus.

Wenn man nun wie ich einen fremden Sprecher zitiert – in dem Fall Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster: „Künstler haben sich noch nie um Grenzen geschert“ –, dann nehme ich, vielleicht aus oben angesprochenem Grund fälschlicherweise, an, dass das Wort „Künstler“ den Begriff „Grenze“ in einer bestimmten Weise definiert – fälschlicherweise, weil man einen unbestimmten Begriff nicht mit einem anderen unbestimmten Begriff erklären kann. Ich gehe/ging also von sozusagen „ungefährlichen“ Grenzen aus: Grenzen im Kopf, im Denken, die zu ignorieren erst einmal andere (im Grunde zuerst zu definierende) Begriffe: Freiheit, Offenheit etc. zur Folge hätte, was also (in meinem Kopf) durchaus nur von Vorteil wäre.

Stefans Einwand fordert eine genauere Definition des Begriffs „Grenze“. Selbstverständlich ist die kapitalistisch motivierte Grenzüberschreitung weltweit menschlich gefährlich, selbstverständlich wäre es asozial und nicht hinnehmbar, würde ich die persönliche Grenze meines Gegenübers bewusst überschreiten. Da sind Grenzen dann sogar unerlässlich.

Kinder brauchen Grenzen, damit sie ein Gefühl der Sicherheit entwickeln, das für die weitere positive Entwicklung unverzichtbar ist. Dass man über die Art solcher im Grunde „guter“ Grenzen aber auch konstruktiv streiten und manche davon auch einreißen kann, davon spricht zum Beispiel Gerald Hüther oft und gut.

Grenzen um Länder erleichtern die Verwaltung; je kleiner ein zu verwaltendes Etwas, desto leichter. Aber: Ländergrenzen ziehen sich auch durch Köpfe, wo sie doch eigentlich nichts zu suchen haben, da sich das „Gute“ dieser Grenzen doch auf (notwendige) Bürokratie bezieht… trotzdem ist das Eine ein Nebenprodukt des Anderen.

Erleben Künstler Grenzen – wobei ich den Begriff „Künstler“ allgemein verstanden wissen möchte –, dann sind es ganz oft finanzielle (und damit verbunden örtliche) oder solche der fehlenden Inspiration… die Liste ist beliebig verlängerbar. Solcherlei Grenzen sind nicht schnell zu überbrücken, aber Hermann Arnhold habe ich natürlich anders interpretiert. Um die gerade genannten Grenzen muss man sich soger scheren; man kommt gar nicht darum herum. Die Grenzen im Kopf dagegen muss man einreißen, genau wie die, die andere einem mit ihren Vorgaben setzen wollen.

Ich bin sogar der Ansicht, dass das nichts Künstler-Spezifisches sein sollte – wo sollen Grenzen im Kopf etwas Gutes bewirken? Dass man sich etwas „nicht vorstellen“ kann, macht einen noch nicht zu einem sozialen Menschen, genau wie umgekehrt eine überbordende Fantasie, in der „alles“ möglich ist, auch Grausames, denjenigen weder zur Umsetzung zwingt, noch auf den Charakter desjenigen schließen lässt. Verantwortung ist immer mit dabei, idealerweise bewusst.

Freiheit im Kopf ist nichts Künstler-Spezifisches, aber gerade Künstler können nicht darauf verzichten, denke ich, und zwar jenseits jeder „romantischen“ Vorstellung.

So ist meine Schlussfolgerung für heute, dass in dem Arnhold-Zitat doch das Wort „Künstler“ das Wort „Grenze“ in gewisser Weise ausreichend definiert, und der Stein nicht mit der ersten Berührung der Wasseroberfläche untergehen muss… 😉

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Benennung und Inhalt

Benennung und Inhalt

1. als Feedback und Antwort zu: http://thinglabs.de/2016/06/kunst-oder-kunsttheorie/ , dem ’seminar‘ von Stefan Beck vom 10. Juni 2016, und seinem ThingLabs-Beitrag http://thinglabs.de/2016/05/welchen-sinn-hat-kunst/

2. als eigenständig zu lesender Text, wenn man über die persönliche Ansprache hinweg liest

Wichtig zum Einstieg ist vielleicht das, das, seit ich es kenne, für mich klar in Worte (und Bilder; siehe Video!) fasst, worauf meine eigene Ansicht fußt. Danke Katrin Herzner und wieder einmal Stefan Beck, der mich darauf gebracht hat: http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst

Stefan, Du schreibst in den Kommentaren zu Katrins Beitrag Folgendes:

Ich glaube nicht, dass Kunst “da draußen”, quasi a priori, einfach so existiert. Vielmehr wird Kunst immer schon und vorab unter der Prämisse gemacht, dass sie im Kunstbetrieb erscheinen könnte. Peter Weibel sagt daher: “Wer Kunst macht, will auch Kunstgeschichte schreiben.” Kunstbetrieb (ob Ausstellung oder Handel) ist dem individuellen Schaffen nicht nachgeordnet, sondern soweit mit ihm verwoben, in es hineinreichend, dass eine Trennung kaum möglich ist. Auch Kunst, die es nie in den Ausstellungsbetrieb oder den Kunsthandel schafft, hat seine Prinzipien verinnerlicht und auf ihn ausgerichtet. Genau darin liegt auch ihre Tragik. Es gibt einige Ausnahmen, aber sie sind sonderlich rar. Moderne Kunst entsteht mit dem Moment, mit dem sie sich entschließt, der Logik der Sammlung und damit des Museums (von dem Du gar nicht redest) zu entsprechen. Und infolge kann nur der Kunst entdecken, der den musealen Blick akzeptiert. Darüber hinaus gibt es keine (oder kaum) Kunst.“

Für den akademischen Weg, das „Fach Kunst“ zu beschreiten, stimme ich Dir zu; alles andere machte womöglich für diejenigen, die diesen Weg einschlagen, überhaupt keinen Sinn. Sie wollen irgendwann einmal in das „System Kunst“, das bis heute so gewachsen ist, wie es jetzt existiert, passen und in diesem natürlich auch erfolgreich sein. Sie investieren Zeit und Geld in ein Studium, das der Staat anbietet, inklusive zertifizierendes Etikett. Für alle anderen Wege in der Kunst, die es auch noch gibt, die ich sehe und von denen auch Katrin spricht, gilt das eben nicht. Da will nichts einer bestimmten Logik entsprechen außer einer persönlichen und muss es auch nicht. Ein wie auch immer geartetes Etikett ist nicht vonnöten. Ein Museum wie einen Betrieb muss es nicht geben.

* Definitionen

Seit Jahren bin ich – aus Gesprächserfahrung gewachsen – der Ansicht, dass man seine Definitionen des Kunstbegriffes vor dem Gespräch klären müsste, um sich überhaupt ansatzweise erst einmal nur zu verstehen, geschweige aufeinander antworten zu können. Wir beide fragen uns nun auch schon seit etlichen Jahren, ob wir einander beantworten können (dass der eine recht gut versteht, was und wie der andere es meint, das glaube ich grundsätzlich). Eine wichtige Frage ist daher schon länger für mich: dürfen alle Menschen das Wort „Kunst“ benutzen, wie es ihrer persönlichen Definition entspricht, wo es durch ein mögliches Studium doch sozusagen eine staatliche Definition gibt?

Wenn Du von „Kunst“ sprichst, redest Du von Arbeiten, die innerhalb des „Systems Kunst“ entstanden sind, wenn ich von „Kunst“ (als Dachbegriff) spreche, rede ich über jegliche kreative Transformation des Menschen. Du siehst bestimmte kreative Transformationen (zum Beispiel Malerei) als überwunden an, ich sage: wenn es gerade passt für das, was ich schaffen möchte, was ich ausdrücken möchte, darf ich das selbstverständlich auch mit einem „alten“, einem veralteten Mittel (zum Beispiel Malerei) tun. Für Dich ist „Kunst“ unmittelbar an deren Wahrnehmung „als Kunst“ gekoppelt, für mich hat das eine mit dem anderen insofern zu tun, als dass ich sage, dass sich Kunst erst im Falle der Wahrnehmung ereignen kann; ansonsten bliebe es kreative Transformation, ein Ausdruck wie die Sprache oder Musik, die auch geschaffen wird und existiert ohne unbedingte Zuhörerschaft. So komme ich darum herum, darüber zu streiten, was Kunst „ist“ und was nicht. Ich komme um eine Bewertung herum, die für mich unmöglich ist, da es keine allgemeingültigen Kriterien gibt und jegliche Kriterien daher nur persönlich sein können. Das „System Kunst“ braucht Bewertung und Selektion, da es im System um Bewerbung und Förderung geht und es letztlich sogar um das ganz große Geld gehen kann – jedem Systemeinsteiger ist die Erfolgsgeschichte Gerhard Richters bewusst, um nur einen großen Namen zu nennen. Und allen ist die Uneinigkeit in diesem System bekannt: mit denselben Worten werden Arbeiten in den Himmel gelobt oder verrissen, je nach Standpunkt des Sprechers, der entweder Künstler oder (mitsprachewürdiger) Rezipient, Sammler oder Kurator, Galerist oder Kritiker, Museumsdirektor oder oder oder ist. Das System müsste diese Uneinigkeit erklären (was es nicht tut); außerhalb wird jede Uneinigkeit locker ausgehalten, auch jede „Unbegründbarkeit“.

* Willkür und Freiheit

Du schreibst: „Claus Borgeest versteht unter ‚Begründung‘: Für eine angemessene Anzahl von Kunstwerken gilt, dass sich ihr Kunststatus nicht aus ihren Eigenschaften herleiten lässt.“

Genau. Sie werden, unabhängig ihrer Form oder ihres Inhalts, von den jeweiligen Machtinhabern des „Systems Kunst“ in diesen Status gebracht (um nicht „gehoben“ zu sagen). Viel besser und kürzer kann man die Willkür dieses Systems nicht beschreiben. Außerhalb des Systems ist das Zitat genau so wahr, bedeutet aber Freiheit. Der entgrenzte Kunstbegriff muss dort nicht zu Eifersüchteleien oder (ich hoffe nur verbalen!) Prügeleien führen. Dass es das Urinal einmal im Baumarkt und einmal auf dem Kunstmarkt gibt, ist Beispiel dafür. Du kannst auf die Gedanken und Intention des kreativen Erschaffers (oder Readymade-Bringers) eines Kunstwerks nicht verzichten. Das macht das Urinal nicht als Kunstwerk lächerlich, sondern diejenigen, die außerhalb eines solchen Betriebes jedem mit Duchamps Idee die Stirn gefühlt hätten. Entweder/Oder, oder?

* Es geht um Deutungshoheit und damit Macht. Da mit Macht.

Ich fand interessant, wie Du die Begriffe „Kunst“ und „Kunsttheorie“ gegenüberstellst. Auch, wenn eine Arbeit in der Kunst nicht unbedingt und unmittelbar die kunsttheoretische Einstellung des Erschaffers zeigt und umgekehrt eine kunsttheoretische Abhandlung nicht unbedingt und unmittelbar darauf schließen lässt, was und wie genau der Schreiber als Künstler arbeitet, so gehe ich doch mit Dir konform, dass das trotzdem zusammenhängt. Warum muss man das aber selbst und für sich so auseinanderdividieren? Es muss ja nicht beides in einem Menschen zusammenkommen, aber es kann doch! Wo liegt der Gewinn des klaren Einsortierens? Läuft eine Vermischung einer (vielleicht sehr erwünschten) Wiedererkennung zuwider? Ist das wirklich eine Neufindung oder Neuerfindung? Oder soll nur das Etikett an derselben Person (die gut so ist, wie sie ist) ausgetauscht werden, weil die alte Etikettierung keinen (äußeren) Erfolg gebracht hat?

Für mich fließt da die Energie in Äußerlichkeiten, nicht ins (was auch immer) Tun. Würdest Du, wenn „Kunsttheoretiker“ und nicht „Künstler“ auf Deiner (vorgestellten) Visitenkarte stünde, anders agieren und arbeiten als jetzt?

Im überarbeitungsbedürftigen Eintrag der Wikipedia heißt es:

Als ‚Theorie der Kunst‘ können alle diskursiven Abhandlungen verstanden werden, die das Wesen, die Voraussetzungen sowie möglichen sachimmanenten Gesetzmäßigkeiten von Kunst (im weiten Sinne: Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Kunst, Angewandte Kunst) theoretisch zu bestimmen versuchen.

Kunsttheorie ist ein umfassender Begriff, der sich mit der Genese, dem Wesen und der Funktion der Kunst, vorwiegend der bildenden Kunst, in Geschichte und Gesellschaft beschäftigt.

Es bestehen Verwandtschaften und Überschneidungen zur Kunstgeschichte, Ästhetik, Kunstkritik und neuerdings zu den Kulturwissenschaften, aber auch zur Philosophie, Psychologie, Medientheorie und zur Wahrnehmungsforschung.

[…]

Viele Künstler, zum Beispiel Paul Cézanne, Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Joseph Beuys, Marcel Duchamp, Andy Warhol, John Heartfield, Wolf Vostell,[2]John Steinbeck, Jackson Pollock,[3] Jean Cocteau, verfassten selber Theorien ihrer Kunst.“

Jenseits einer akademischen Herangehensweise empfinde ich mich als kreative Transformatorin, durchaus mit einer Kunsttheorie oder – vielleicht besser – Kunstphilosophie. Das interessiert niemanden, womit wir schon wieder bei Machtfragen sind. „Da draußen“ geht es ständig darum, wer sich Gehör verschaffen kann, dann auch angehört wird und auf den dann auch gehört werden kann. Du sagst, Du möchtest keine Macht ausüben, aber Dir ist doch bewusst, dass in einer wirklich angehörten Kunsttheorie jede Menge Macht liegt…? Damit geht klar Verantwortung einher, und jetzt komme ich wieder mit etwas, das mir immens wichtig ist und für mein Gefühl und Denken unbedingt diskussionswürdig: Verantwortung gegenüber wem oder was? Meine Antwort und gerne Einstieg in jeglichen Dialog: allem und jedem gegenüber. Die klassische Frage muss gestellt werden, immer, in jedem Bereich: wem nützt was? Hier: Welche Kunsttheorie ist „gut“ „wofür“? Die „Verwandtschaften und Überschneidungen“, von denen im Wikipedia-Eintrag die Rede ist, sind diese und noch mehr (oder sollten es meines Erachtens sein).

* Verantwortung

Von Verantwortung spricht auch Juliane Rebentisch in der anhörenswerten Diskussion https://www.youtube.com/watch?v=pm1eYaP7JIM :

Ich find‘ schon dass wir in einem Moment der Kunstwelt leben, wo’s überhaupt nicht mehr so ist, nicht, dass das Gegenüber so ’ne bürgerliche… so’n Formalismus ist, nicht, der auf seine Autonomie beharrt in dem Sinne, dass die Gesellschaft draußen gehalten wird, sondern im Gegenteil: man muss schon sagen, die Anrufung des Politischen ist der… sozusagen das Schmiermittel überhaupt – derzeit – um die Kunstwelt am Laufen zu haben, nicht… also jede Biennale überbietet sich wechselseitig an Polizitätsanrufungen, und man muss sich natürlich fragen… sozusagen… in welchem sozialen Moment taucht das eigentlich auf, nicht… also ich finde da haben wir auch die Verantwortung, tatsächlich zurückzutreten und zu fragen: was trifft denn da aufeinander, und ich hab‘ den Eindruck, es gibt da so’n bisschen so ’ne unheilige Allianz mittlerweile zwischen… sozusagen so ’nem sehr kurzgegriffenen Verständnis der künstlerischen Avantgarde, nicht… dass es das Ziel der Avantgarde sei, sich selber im Leben aufzuheben auf der einen Seite und dieser neoliberalen Impact-Forderung, nach der sozusagen die Kunst und die Geisteswissenschaften sozusagen die Aufgabe haben, ihren unmittelbaren Einfluss in der Gesellschaft zu beweisen, ja – und das ist natürlich das Ende der Kunst in gewisser Weise. […] in welcher Weise macht sich die Differenz der Kunst zur Politik geltend […] dass es nicht schlicht darum geht, politische Erkenntnis zu gewinnen […] […] materialführende Auseinandersetzung für unterschiedliche Perspektiven […] für einen Diskurs gewissermaßen bereitzustellen […] Aussagen macht man in verschiedenen Sphären, aber nicht unbedingt in der Kunst.“

Das ist zum Beispiel ein für mich unnötiges Auseinanderdividieren: selbstverständlich muss ein Künstler nicht seine ureigene (politische) Ansicht verarbeiten – aber er kann doch. Ich glaube – wie bei „Kunst“ und „Kunsttheorie“ – dass sich die Bereiche überschneiden dürfen, vielleicht idealerweise sogar überschneiden sollten. Es geht um Dialoganstoß; „dass Konflikt auf öffentliche Bühnen kommt und dass er ausgetragen wird“, sagt Juliane Rebentisch an einer Stelle, hält sie für wichtig und einen „konstitutionellen Bestandteil demokratischen Lebens“. Heutzutage kann beinahe jeder jede Diskussion anstoßen, und ich bin in meinem Leben politisch, ohne für den Stadtrat zu kandidieren. Ich bin es mit jeder Äußerung und jeder Handlung, die ich als Privatperson vornehme, denn ich bewege mich mit anderen in einer Gesellschaft.

Das Problem ist das Erkämpfen der Aufmerksamkeit und damit wieder – im weitesten Sinne – das Macht- bzw. Ohnmachtsproblem.

Ich glaube aber nicht, dass Einschränkungen, die von vornherein auferlegt werden (zum Beispiel „Als Künstler ist es nicht deine Aufgabe, Aussagen zu machen.“), in der Kunst funktionieren, weil Auflagen für diesen freiheitlichsten Ausdruck des Menschen meines Erachtens nicht sinnvoll wären. Die individuelle Herangehensweise an ein Thema – womöglich egal in welcher Disziplin – ist immer eher Bereicherung. Und sollte übrigens auch nicht für mehr Aufmerksamkeit anderer geopfert werden. Wir brauchen alle jeden Ausdruck; Mainstream haben wir satt und genug.

* Kunst und Politik und …

In der Politik begrüße ich, dass zum Beispiel Begriffe wie „links“ und „rechts“ nicht mehr gut funktionieren ohne weitere Ausführungen. Am liebsten würde ich ganz auf sie verzichten (wie übrigens auch auf Parteien), halte das aber für schwierig in der Kommunikation. Auf der einen Seite bekämen die Inhalte einen größeren Raum und könnten eher auf ihr Gewicht hin untersucht und hinterfragt werden, auf der anderen Seite würde viele der Zwang zur Beschäftigung mit eben diesen Inhalten abschrecken. Mündigkeit wäre noch mehr gefragt, das verstehen-Müssen, das mitgestalten-Wollen. Die Individualität der agierenden Personen würde gestärkt dadurch, dass diese eventuell (eben ohne Parteien) keiner Parteiräson mehr unterlägen, aber natürlich könnten weiterhin sozial geschickt agierende Personen mit demagogischem Talent unabhängig von ihren Inhalten Menschen auf ihre Seite ziehen. Wenn Intransparenz herrschen soll, würde sie weiterhin herrschen.

Du kannst jedes System fair oder unfair gestalten. Mir wäre wichtig, dass es für die Allermeisten gut funktioniert. Jedes System, in dem es wenige Nutznießer gibt, wäre für mich in die Richtung zu verändern, dass es möglichst viele Nutznießer gibt. Dass es möglichst allen Menschen damit gut geht nach vernünftigen Maßstäben, ohne sie gleichzuschalten. Möglich wäre es; umsetzbar ist es erst, wenn sich alle auch Gehör verschaffen könnten, das erst einmal wollten. Milo Rau nennt es „die dunkle Seite der Demokratie“: dass Minderheiten in ihren Ansichten untergehen, jenseits von „Recht“ oder „Unrecht“. Unstrittig ist aber ja: zieht man sich raus, weil man meint, dass man erst an einen Schalthebel ran müsste (an den man so, ohne jegliches politisches Vor-Engagement ja auch nie käme), dann unterschlägt man die erste kleine dünne Stimme, die etwas (zumindest subjektiv) Wichtiges äußert. Erst nach einer ersten Äußerung kommt es eventuell irgendwann zum Dialog.

[Kunst] kann weniger als der allerkleinste Herrscher im allerkleinsten Lande“, aber sie „kann neu nachdenken lassen über etwas, das scheinbar abgeschlossen scheint“, sagt Rau. Ich halte das für ein immens großes Können, egal, ob an der Aktion, an dem Film, dem Text, dem Theaterstück, der Installation, dem Bild „Politik“ oder „Kunst“ dran steht oder irgendetwas anderes. Vielleicht brauchen wir einfach neue Begriffe für einige „Zwischendinge“.

Ich möchte also mit anderen Worten meine Machtlosigkeit nicht akzeptieren; ich glaube nicht an meine Belanglosigkeit. Beides ist nicht dadurch gegeben, dass ich nicht an den Schalthebeln der einen oder anderen Macht sitze, sondern es wäre gegeben, wenn ich mich nicht mehr zu Wort meldete, wenn ich nicht mehr daran glauben würde, dass viele kleine Stimmen zu einem hörbaren Chor werden können. Mir ist unwichtig, wie der Chor heißt. Zwar kann man ohne einen Namen, ohne eine Benennung kein Werbebanner aufhängen, aber indem ich mich mit dieser Frage der Bewerbung beschäftige, übe ich beispielsweise weder, noch trete ich auf. Um beim Bild des Chores oder des Orchesters zu bleiben: ich empfinde mich als ein Teil einer größeren Idee (den individuellen kreativen Ausdruck eines jeden Menschen zu unterstützen und jeden darin, sein Gegenüber anzusehen und anzuhören), jederzeit zum Flashmob bereit. Manchmal bedarf es größerer Organisation, um gehört zu werden, aber öfter werden kleine Sessions stattfinden, die manchmal sogar vollkommen ungeplant sind und auch mit wenigen MitmacherInnen wirken (z. B. Weblogs, Kommentare, öffentliche Diskussionen mit auch nur drei Beteiligten usw.). Es kostete dagegen unsagbar viel Mühe, viele „offizielle“ Mitglieder zu werben, die sich nicht irgendwann – wie in beinahe jedem Verein – über das KleinKlein verzetteln und schlimmstenfalls zerstreiten, was die Idee des Vereins unglaubwürdig machte. Ich ziehe meinen Karren allein, was mich unabhängig macht, kann aber jederzeit auch Teil eines Konvois sein.

Missversteh‘ es nicht als Rat; der steht mir nicht nur nicht zu, den brauchst Du auch nicht.

Sieh‘ es als meinen Wunsch an:

Es ist doch egal, wie es heißt. Bring‘ Dich einfach ein.

Alles findet gerade statt.

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Inhalt und Form

http://www.kulturtussi.de/mehr-inhalt-wenger-kunst/

 

Anke von Heyl inspiriert mich wieder – dafür erstmal Dankeschön! 🙂

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Ihr aktueller Blog-Beitrag ist pickepackevoll mit Infos und Anregungen; hier mein Weiterfragen:

Ist es vorstellbar, dass etwas inhaltsarm ist oder scheint und trotzdem so gut erzählt wird, dass es dadurch an Bedeutung gewinnt? Mir fällt sofort mindestens ein Roman oder Film ein, dem man unterstellen könnte, dass sein Thema nicht neu oder sogar „kitschig“ sei, an dem ich aus irgendeinem Grund aber „dran bleiben“ musste…

Ist es beim Thema „Inhalt“ oder dessen vermeintlichem Gegenteil eventuell so wie bei allen Dingen: dass es auf den Adressaten, den Betrachter, den Rezipienten ankommt, was und wieviel man aus einer Sache „ziehen“ kann? Dass es, sowie sich jemand egal wie äußert – und ich meine jetzt jegliche Äußerung, nicht nur Verbalsprache – Inhalt hat: nämlich den der zuvor erbrachten Gefühls- und Denkleistung des sich Äußernden? Und dass sämtliche Beurteilungen dieses Inhalts dem Gegenüber erstmal nicht zustehen? Dass es auch da wieder „nur“ um Austausch, um Dialog geht?

Kann die Form (in Ankes Beispiel die Kunst des Storytelling) bereits sich selbst genügen, also gleichzeitig Inhalt sein?

Ist Inhalt immer gleich Inhalt, Form immer gleich Form?

Müsste man sich nicht immer und in jedem Fall darüber unterhalten, auch da die Definitionen klären, bevor man urteilt?

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Ich bin gespannt auf Euer Mitdenken und -äußern, und Anke freut sich sicher auch über Besuch… 🙂

 

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Kunst „demokratisieren“

Thema: Kunst „demokratisieren“

 

http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-16672257.html

„Der erwachsene Tobias Rehberger, inzwischen ein an der Hochschule ausgebildeter Künstler, sorgte dafür, dass die Werke seines Vaters 1994 Einzug in die Kunstwelt hielten: In einer Frankfurter Galerie stellte er 30 Bilder und Skulpturen aus, alles Reproduktionen im Maßstab 1:4. Das stiftete Verwirrung. Rehberger wolle die „Kunst demokratisieren“, schrieb eine Kritikerin, indem er das Werk eines Sonntagsmalers mit den Arbeiten eines richtigen Künstlers gleichstelle.“

 

http://www.art-magazin.de/kunst/8619-rtkl-auktionen-im-netz-interview-die-digitalisierung-kann-demokratisieren

„Kommt es am Ende zu einem komplett neuen Kunstverständnis durch die Digitalisierung?“

„Der Umgang mit Kunst wird durch die Digitalisierung und die weltweite Verfügbarkeit von Abbildungen sicherlich eine andere. Die Digitalisierung kann demokratisieren und den Zugang zu Kunst erleichtern. Daneben wird die Digitalisierung neue Kunstformen bringen, die sich zum Beispiel nur im Rahmen des Internets oder Apps abspielen.“

 

http://www.wdr3.de/musik/american-pop-art-102.html

„Die Oberhausener Ausstellung präsentiert nun einen Ausschnitt aus seinem rund 3000 Werke umfassenden Fundus. Darin spiegele sich nämlich der „Wunsch der damaligen Zeit nach einer demokratisierten Kunst“ wider. Doch symbolisiert die Sammlung eines einzigen Kunstmäzens nicht vielmehr das Scheitern einer Kunst für die Massen?“

 

http://www.zeit.de/2011/28/Kunstmarkt

„Auf der Art Basel präsentierte Cleveland kürzlich die Betaversion seiner Internetseite. Vor einer exklusiven Schar von vermögenden Kunstsammlern und Händlern sprach Cleveland – in einem etwas zu großen Hemd und mit etwas zu großem Schlips – davon, die Kunst unter das breite Volk bringen zu wollen.“

 

http://www.wiesbadener-kurier.de/lokales/kultur/lokale-kultur/demokratisierung-der-kunst_14354139.htm

„Als mein Mann und ich Lumas gegründet haben, ging es uns primär um den Gedanken, Kunst zugänglich zu machen. Klassische Galerien richten sich in der Regel mit großformatigen Unikaten oder Werken mit Auflagen von maximal zehn Exemplaren zu hohen vier- oder fünfstelligen Preisen an erfahrene Sammler, Institutionen und Museen. Bei der Suche nach erschwinglicher, authentischer Kunst, stießen wir jedoch auf eine große Lücke. Mit Lumas versuchen wir, diese Lücke zu schließen. Wir haben das Prinzip der Editionen adaptiert: Dank Auflagen von 75 bis 150 Exemplaren können wir limitierte, signierte Kunstwerke zu erschwinglichen Preisen anbieten. Heute würde ich es eher als Demokratisierung der Kunst bezeichnen.“

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Das sind nur ein paar der sofort gefundenen Beispiele im Netz zum Thema „Kunst demokratisieren“. Für mich haben sie alle eines gemeinsam; sie werfen die Frage auf: definieren alle, die von „Demokratisierung“ reden, gleich? Im ersten Beispiel werden Künstler einander „angeglichen“, im nächsten wird die Verfügbarkeit von Kunst erhöht, was mehr Menschen den Zugang erleichtert, im dritten ist von Vervielfältigung einer einzelnen Arbeit die Rede.

Wie definiere ich, wie definierst Du, wie definieren Sie „Demokratisierung der Kunst“?

Für mich bedeutet es zwar auch, dass Kunst insgesamt mehr Menschen näher gebracht werden kann; ich habe, auch wenn ich das für meine eigenen Mal-Arbeiten nicht passend finde, grundsätzlich nichts gegen z. B. Kunstdrucke, nichts gegen die Vervielfältigung einer einzelnen originalen Arbeit. Denn sie möchte nichts anderes sein als die Kopie dieses Originals in anderer Form. Ich habe allerdings etwas gegen Reproduktion als Allheilmittel, das verschleudert zu werden scheint, denn das funktioniert nicht. Masse allein bringt nichts wirklich näher; sie bleibt oft Hülle, eine Äußerlichkeit. Ein schickes Poster hinter Glas.

Genau so wenig funktioniert es, einen kreativen, aber namenlosen Menschen neben eine Kreativberühmtheit und damit die Arbeiten gleich zu stellen, wenn das Kunstsystem, der Betrieb um die Kunst diese (tatsächlich vorhandene!) Gleichheit nicht lebt. Das (eigentlich verbotene) Nebeneinanderstellen wird Thema sein, nicht der Inhalt der Kunst.

Beim Thema „Demokratisierung der Kunst“ werden wir ganz schnell auf Grundsatzfragen zurück geworfen: ist sie auf dem etablierten Parkett des Kunstmarkts überhaupt möglich? Die Antwort muss ‚nein‘ lauten; ein ‚ja‘ widerspricht jeglicher Erfahrung.

Wahre Demokratisierung findet statt, wenn allen klar ist, dass, obwohl es nicht alle wollen und tun, jeder sich ohne weitere Etikettierung künstlerisch ausdrücken kann und darf, ob er Gerhard heißt oder Lieschen. Wenn irgendwann vielleicht einmal die ungleiche Bezahlung bei gleicher Leistung von Mann und Frau überwunden ist, Gerhard aber noch immer mehr verdient als Lieschen, kann es an seiner Bewerbung liegen, an seinem offiziellen Markt-Platz und -wert. Denn seine künstlerischen Arbeiten können – rein von der Idee einer demokratisierten Kunst her – objektiv nicht mehr wert sein als Lieschens. Sie hängen oder stehen selbstverständlich nebeneinander. Was das Volk für die Demokratie ist – jedenfalls nach der eigentlichen, heute oft ad absurdum geführten Idee – ist der Mensch für die Kunst. Ein jeder Mensch.

 

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