Westart live

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive140.html

*

Bereits das erste Sofa-Gespräch ist ein für mich guter Austausch; erst geht es um Schönheit, später um die vermeintliche Unvereinbarkeit von „digitalem“ und „realem“ Leben – Dinge, über die man ohne persönliche Definitionen nicht sprechen kann.

Auch die Bildhauerei, von Thomas Hermanns als ein Beispiel für das „reale“ Leben schlechthin genannt, kann ich aus folgendem Grund nicht als dafür gutes Beispiel gelten lassen: menschlicher Ausdruck ist menschlicher Ausdruck, ob er sich per Computer oder in greifbarem Material zeigt. Inhalt, Auseinandersetzung ist wichtig, damit beides (alles!) keine reine Pose bleibt.

*

Der Film „Hidden figures“ (Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=brS10KpcTMY ), der jetzt anläuft, ist in meinen Augen ein wichtiger Tipp. Er handelt von Afroamerikanerinnen in Diensten der NASA zur Zeit der Apartheid (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Hidden-Figures-Frauen-rechneten-fuer-die-US-Weltraumfahrt-3342530.html ).

Hier Zitate der Schauspielerinnen

Octavia Spencer:

„… und ein Blick in die Vergangenheit zeigt uns, was auf dem Spiel steht, und wie wir die Zukunft gestalten können.“

und

Janelle Monae:

„Ich hoffe, der Film ermutigt die Menschen, ihre Träume nicht aufzugeben und immer der Freiheit Vorrang vor der Angst zu gewähren, besonders in Zeiten von Ungerechtigkeit und Diskriminierung.“

*

Ich habe den Eindruck, dass einige meinen, dass sich nicht jeder dauernd zu Wort melden sollte. Das stimmt; „dauernd“ ginge nicht gut, denn zwischendurch sollte man die Worte anderer mitbedenken, einfach selbst nachdenklich sein.

Aber warum sollten denn nicht alle an den Verhandlungen beteiligt sein, deren Ergebnisse dann ihr Leben zu großen Teilen mitbestimmen?

Bringt Euch ein, aber FÜR die Menschen, nicht gegen sie. Oder gegen Gruppen, die nur nach einem gemeinsamen Merkmal definiert sind: Frauen, Männer, Amerikaner, Afrikaner, Leistungsbezieher, Millionäre, Gesunde, Kranke, Arbeiter, Wissenschaftler usw. usf. Guckt jeden individuell an, aber fragt Euch, ob nicht einige Wenige große Menschengruppen bestimmen. Fragt Euch, ob das sinnvoll ist. Oder ob es sinnvoll ist, dass die, die wenig haben, auf denen rumhacken, die noch weniger haben, anstatt sich überall, wo es möglich ist, einzubringen für Verbesserungen vieler Benachteiligter. Denn schuldlos Benachteiligte sind jederzeit und allerorten Realität.

*

wa_bild

 

Advertisements
Standard

Steine hüpfen lassen… im Hirn 2 oder: Grenzen

Stefan: Zitat 1 [Beitrag vom 09.11.: Steine hüpfen lassen… im Hirn], so ohne jeden Kontext kann nur zu allerlei Spekulationen verleiten.

Ich versuch mal den folgenden Kontrapunkt:

Kapitalisten haben sich noch nie um Grenzen geschert.“
*

Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,

heute mal ein etwas ungewöhnlicher Beitrag. Er geht mit persönlicher Ansprache los, weil ich Stefan zuerst in den Kommentaren von „Steine hüpfen lassen… im Hirn“ vom 09.11. antworten wollte, es aber dann wieder so komplex wurde, dass ich mich zu einem eigenem Beitrag zum Thema durchgerungen habe. Deswegen jetzt weiter ohne persönliche Ansprache:

Stefan hat mit seinem Kommentar eine offene Tür bei mir eingerannt: beinahe nichts funktioniert mehr aus dem Zusammenhang gerissen oder ohne zusätzliche Erklärung; da bin ich mit ihm einer Ansicht, und ich finde es im Grunde gut. Denn so kommen wir ein Stück weit wieder von Schlagworten oder –sätzen ab, die eher zum Inhalt haben, was der Leser bzw. Hörer interpretiert.

Mein Thema ist aber genau so durch die Jahre, in denen ich mich mit einem theoretischen Kunstbegriff beschäftige, wie man sich noch „ganz normal“ unterhalten können soll, wenn alles vor dem Gespräch und während des Gesprächs von allen Beteiligten ständig erklärt werden muss… es ist nicht möglich.

Aber wir unterhalten uns so. Wir setzen Dinge, Definitionen voraus und hauen die Sätze erst einmal ohne Rücksicht auf Verluste raus.

Wenn man nun wie ich einen fremden Sprecher zitiert – in dem Fall Hermann Arnhold vom LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster: „Künstler haben sich noch nie um Grenzen geschert“ –, dann nehme ich, vielleicht aus oben angesprochenem Grund fälschlicherweise, an, dass das Wort „Künstler“ den Begriff „Grenze“ in einer bestimmten Weise definiert – fälschlicherweise, weil man einen unbestimmten Begriff nicht mit einem anderen unbestimmten Begriff erklären kann. Ich gehe/ging also von sozusagen „ungefährlichen“ Grenzen aus: Grenzen im Kopf, im Denken, die zu ignorieren erst einmal andere (im Grunde zuerst zu definierende) Begriffe: Freiheit, Offenheit etc. zur Folge hätte, was also (in meinem Kopf) durchaus nur von Vorteil wäre.

Stefans Einwand fordert eine genauere Definition des Begriffs „Grenze“. Selbstverständlich ist die kapitalistisch motivierte Grenzüberschreitung weltweit menschlich gefährlich, selbstverständlich wäre es asozial und nicht hinnehmbar, würde ich die persönliche Grenze meines Gegenübers bewusst überschreiten. Da sind Grenzen dann sogar unerlässlich.

Kinder brauchen Grenzen, damit sie ein Gefühl der Sicherheit entwickeln, das für die weitere positive Entwicklung unverzichtbar ist. Dass man über die Art solcher im Grunde „guter“ Grenzen aber auch konstruktiv streiten und manche davon auch einreißen kann, davon spricht zum Beispiel Gerald Hüther oft und gut.

Grenzen um Länder erleichtern die Verwaltung; je kleiner ein zu verwaltendes Etwas, desto leichter. Aber: Ländergrenzen ziehen sich auch durch Köpfe, wo sie doch eigentlich nichts zu suchen haben, da sich das „Gute“ dieser Grenzen doch auf (notwendige) Bürokratie bezieht… trotzdem ist das Eine ein Nebenprodukt des Anderen.

Erleben Künstler Grenzen – wobei ich den Begriff „Künstler“ allgemein verstanden wissen möchte –, dann sind es ganz oft finanzielle (und damit verbunden örtliche) oder solche der fehlenden Inspiration… die Liste ist beliebig verlängerbar. Solcherlei Grenzen sind nicht schnell zu überbrücken, aber Hermann Arnhold habe ich natürlich anders interpretiert. Um die gerade genannten Grenzen muss man sich soger scheren; man kommt gar nicht darum herum. Die Grenzen im Kopf dagegen muss man einreißen, genau wie die, die andere einem mit ihren Vorgaben setzen wollen.

Ich bin sogar der Ansicht, dass das nichts Künstler-Spezifisches sein sollte – wo sollen Grenzen im Kopf etwas Gutes bewirken? Dass man sich etwas „nicht vorstellen“ kann, macht einen noch nicht zu einem sozialen Menschen, genau wie umgekehrt eine überbordende Fantasie, in der „alles“ möglich ist, auch Grausames, denjenigen weder zur Umsetzung zwingt, noch auf den Charakter desjenigen schließen lässt. Verantwortung ist immer mit dabei, idealerweise bewusst.

Freiheit im Kopf ist nichts Künstler-Spezifisches, aber gerade Künstler können nicht darauf verzichten, denke ich, und zwar jenseits jeder „romantischen“ Vorstellung.

So ist meine Schlussfolgerung für heute, dass in dem Arnhold-Zitat doch das Wort „Künstler“ das Wort „Grenze“ in gewisser Weise ausreichend definiert, und der Stein nicht mit der ersten Berührung der Wasseroberfläche untergehen muss… 😉

*
hand

Standard

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Kunst und „täglich grüßt das Murmeltier“

Ich habe im Grunde keinen meiner Texte, die ich bisher veröffentlicht habe, als etwas ganz Abgeschlossenes gesehen. Sogar auf meinem Blog www.sabinepint.wordpress.com, der als Blog eben nicht in erster Linie kommentiert wird, erscheinen meine Texte als Gesprächsangebote; jedenfalls sind sie so gemeint, auch, wenn ich bei manchen Themen klar positioniert bin. Ich hoffe immer, dass gerade eine klare Position auch zum Widerspruch und damit zur Diskussion einlädt und meine Art bei aller Herausforderung nicht als provokant aufgefasst wird.

Auch die regelmäßig unregelmäßigen Zerschneideaktionen mancher meiner Bilder sollen nicht provozieren, sondern mir gefällt der Gedanke der Weiterentwicklung; dass einzelne Fragmente als eigene kleine Bilder mit derselben „Information“, ähnlich einer Körperzelle, z. B. als Grußkarte auf Reisen gehen, ver-teilt, ge-teilt werden.

Sowohl beim Bloggen als auch beim Bilder-Teilen bleibt Feedback manchmal komplett aus. Nach allen konstruktiven und weniger konstruktiven Gesprächen der letzten Zeit mit KreativkollegInnen halte ich es aber nicht für hilfreich, daraus nur die eigene penetrante Unrelevanz zu schließen und seine Lebensart aufzugeben, wozu manche meiner Gesprächspartner durchaus tendieren. Dass das ein „Fehler“ sei, wäre aber auch unpassend, denn jede und jeder muss es selbstverständlich für sich fühlen und entscheiden. Ich selbst glaube nur an Fehler in Mathe-Aufgaben, wenn nach strengen Definitionen und festgelegten Regeln eine Aufgabe nicht gelöst wird. Wenn man im Leben aber niemanden bewusst verletzt, ob an Geist oder Körper, gibt es weder „Fehler“ noch „scheitern“. Es gibt nur lernen. Daher würde ich es für mich für einen Fehler halten 😉 , eine Facette meiner Lebensart als „Fehler“ irgendwann einzustellen, obwohl sie mir für mich noch sinnvoll erscheint.

Worin hat wohl Phil Connors, der Held aus dem 1993 erschienenen Film „Groundhog Day – Und täglich grüßt das Murmeltier“ den Sinn gesehen, als er – ich weiß nicht zum wievielten Mal – beim Aufwachen „I got you, babe“ gehört hat, und das, obwohl er sich nicht nur am Vortag, sondern an ungezählten „Vortagen“ nun wirklich in sein Schicksal ergeben und wirklich das Allerbeste aus seinem Tag (denn es war ja immer derselbe!) gemacht hat? Der Zuschauer wünscht ihm Erlösung: „Also jetzt hat er es doch nun WIRKLICH verdient, dass dieser Tag endlich von einem nachfolgenden, von der Zukunft oder zumindest einer neuen Gegenwart abgelöst wird! Was soll er denn noch machen??“ Der Clou ist, dass es gegen Ende gar nicht mehr so scheint, als wolle Phil noch aus seiner Zeitschleife fliehen, so wie er es zu Anfang unbedingt wollte. Der „letzte Tag vor der neuen Gegenwart“ zeigt, wie er seine Zeit genutzt und wie es ihm geholfen hat, das Beste aus dem zu machen, was ist, statt sich zu wünschen, was vielleicht nie mehr sein kann.

Dabei wollen sowohl der Film (mutmaßlich) als auch ich (ganz bestimmt!) nicht für Fatalismus plädieren; er ist ein Gleichnis. Bei der Wikipedia ist es gut erklärt: „Ein Gleichnis ist eine kurze Erzählung. Sie dient zur Veranschaulichung eines Sachverhalts nicht durch einen Begriff, sondern durch bildhafte Rede. Über die Veranschaulichung hinaus wird dem Gleichnis auch verändernde Funktion zugeschrieben. Der Hörer/Leser soll sich in der Erzählung selbst entdecken können und damit eingeladen werden, seine Situation zu verändern.“

Ich ergänze: auch der Zuschauer! Phil Connors entschließt sich nicht sofort nach dem zweiten oder dritten und auch nicht nach dem zehnten Erwachen am „selben“ Tag, das für ihn Beste aus der Situation zu machen, wozu seine eigene Veränderung gehört; er hadert und verzweifelt bis hin zu Selbstmorden, die zwar immer klappen, aber durch die Zeitschleife doch nur Versuche bleiben. Dabei schafft es der Film, diesen tragischen Momenten dank Bill Murray trotzdem Komik abzugewinnen, nicht zuletzt auch wegen der am Schluss dieser Phase rasant zusammengeschnittenen Selbstmorde. Erst, als er in den täglichen – und aufgrund der Zeitschleife im wahrsten Wortsinne alltäglichen – Gegebenheiten eine eigene Qualität entdeckt, beginnt die Veränderung in ihm. Das immer bessere Kennenlernen seiner selbst, das erzwungene Fokussieren auf das Wesentliche eines Tages bis hin zum Begleiten eines alten Obdachlosen bei dessen Tod, hilft ihm durch die Prüfung und kommt allen Menschen in seiner Umgebung zugute. Abgesehen von einer gewandelten Kleidungs- oder Einrichtungsmode ist der Film so aktuell wie vor 22 Jahren und ich glaube, auch noch für heute junge Leute witzig.

Warum erzähle ich das?

Weil ich immer öfter an Phil und seine Lehre denken muss: bestimmte Gegebenheiten sind einfach da; sie gelten, weil du dich irgendwann im Leben auch für Dinge entschieden hast, die nicht mehr revidierbar sind oder deren Revision so unbedingt nötig wie vollkommen unrealistisch ist (wie z. B. ein Berufswechsel in den 50er Jahren des eigenen Lebens). Dann gilt es, von Phil Connors zu lernen, wie man Sinn im Leben aufrechterhalten kann, ohne sich etwas vor zu machen oder schön zu reden, denn beides tut dieser nicht. Da ist kein Zwang in diesem „Sinn“, den er in seinem Leben neu sieht; er „macht“ den Sinn nicht oder nennt Dinge sinnvoll, die es nicht sind – er lebt einen Sinn.

Und ich glaube, so lebe ich „Kunst“. Dadurch, dass ich mich bewusst nicht für einen „offiziellen“ Weg entschieden habe aus ähnlichen Gründen, die mich vor einigen Jahren endlich aus der Kirche haben austreten lassen oder mir die Gewissheit geben, niemals einer Partei angehören zu wollen, bin ich in der Gestaltung meines kreativen Lebens frei. Ich muss niemandem gefallen, ich muss mich nach niemandem richten, ich kann ausdrücken, was ich will und wie ich es will. Ich kann verkaufen oder verschenken. Menschen, mit denen ich mich für Projekte zusammentue, begegne ich auf Augenhöhe, partnerschaftlich statt hierarchisch. Dadurch, dass sich niemand mit meinem unbekannten Namen schmücken will, kann ich bei von anderen signalisiertem Interesse davon ausgehen, dass wirklich meine Arbeit, meine Leistung gemeint ist und gehe so von vornherein gestärkt in neue Vorhaben. Risiken dürfen sein, denn ich riskiere nie das für mich Wesentliche: meine in Jahrzehnten gewachsene Überzeugung, dass alles Menschengemachte Menschen zugute kommen sollte statt sie zu diskriminieren, zu boykottieren, zu verletzen. Auch die Kunst ist menschengemacht für Menschen: zur Erbauung, zur Horizonterweiterung, zur Veränderung zum Positiven oder noch Positiveren. Sie soll nicht ausgrenzen, sie soll einladen! Sie ist eine lebendige Ausdrucksform und keine tote Sprache, die man – bestenfalls und rückblickend – studiert.

Ich habe noch eine andere Plattform für meinen Blog auf Facebook. Auch dort heißt es ‚Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen‘. Als eine Firma dort anbot, den Blog für einen gewünschten Zeitraum als Buch zu drucken, konnte ich nur eine kleine Weile widerstehen; die Kosten sollten sich in Grenzen halten, und das Ergebnis sollte also dasselbe in haptischer Form sein; etwas zum Zeigen, wenn kein Stromanschluss in der Nähe war. Aber das Ergebnis war enttäuschend: das Wichtigste, die Gespräche, waren nur angerissen ausgedruckt, so dass das Zeigen dieses Buches eher wie ein Ego-Trip scheinen würde als aussagekräftig zu sein. Auch Foto-Bücher habe ich schon versucht. Da ist der Vorteil, dass man bei einem guten Programm Texte und Bilder auf verschiedene Art einsetzen und zeigen kann – besonders schön als wirklich persönliches Geschenk, aber wegen der dann explodierenden Kosten nur bedingt zur Vervielfältigung geeignet. Eines aber fehlt bei allen Print-Varianten: die Lebendigkeit. So dass ich mir auch dabei eingestehen muss: für mich ist das Internet bei allen Missbrauchsmöglichkeiten der Ort meiner Wahl, das Netz und das persönliche Gespräch, und manchmal findet das eine im anderen statt. Und so habe ich mich in meinem Punxsutawney eingerichtet, tatsächlich ohne dass mir etwas fehlt. Und wenn morgen der Radiowecker „I got you, babe“ spielt, bin ich da, wo ich sein möchte: mitten in meinem Leben!

wordpress

Standard

Kunst und Philosophie, Teil 1

Kunst und Philosophie, Teil 1

Erwachsen aus der Erfahrung so mancher KreativkollegInnen sowie meiner eigenen komme ich zu dem Schluss, dass Kunst mit Philosophie mehr gemeinsam hat, als einige vielleicht annehmen werden, und mehr als mit irgendeinem anderen Fach oder einer anderen Wissenschaft. (Warum und dass ich es schwierig finde, Kunst zu einem Studienfach gemacht zu haben, was suggeriert, man könne es studieren und „könnte“ dann „Kunst“, habe ich schon mehrfach hergeleitet und beschrieben und vernachlässige es an dieser Stelle.)

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Empirie“ Folgendes: „Auch philosophische Reflexion, die nicht streng logisch-formalen Kalkülen folgt, wird meist nur durch bloßes Nachdenken oder Spekulation vollzogen; empirische Beobachtungen werden hierzu bewusst nicht herangezogen.“ Jedenfalls gibt es auch in der Kunst keine wirklichen messbaren Ergebnisse, keinen Versuch, um herauszufinden, wie, auf wen und wann Kunstwerke „wirken“. Und auch kein „trial and error“, um von einem Punkt a zu einem Punkt b zu kommen und damit dann „fortgeschritten“ zu sein im Sinne einer vorher angestrebten Entwicklung. In der Kunstgeschichte wird nur rückblickend erklärt, und nur in der Rückschau sieht man eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ – oder meint das zu sehen. Fragte man die vielen, vielen zu ihren Lebzeiten verunglimpften Künstler oder könnte das noch, würden einige davon die heutigen Experten, die sie als bahnbrechend und wegweisend über den grünen Klee loben, sicher am roten Faden aufknüpfen wollen…

In der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft werden immer nur in der Rücksicht Zusammenhänge „verstanden“, wobei dieses „Verständnis“ nicht ein allgemeingültiges Begreifen ist, sondern Ergebnis von Verhandlungen im Kunstsystem, auf dem Kunstmarkt. Es handelt sich also um kein Verständnis, mit dem man außerhalb des „Systems Kunst“ etwas anfangen kann. Solange man Museen für jeden Besucher öffnet (und hoffentlich bleibt das so!), gleich welchen Alters, gleich welchem Bildungsweg er gefolgt ist, gleich welchen Geschlechts und gleich, woher er stammt, solange dürfen Menschen meines Erachtens – selbstverständlich auch außerhalb von Museumsmauern – Kunst genießen und ihr Verständnis einsetzen, sich fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“

In der Philosophie gibt es den Königsweg auch nicht, weder in der akademischen noch in der „Stammtisch“-Variante. So wird z. B. unterschieden zwischen westlichen und östlichen Anschauungen, die sich schon in den Grundsätzen so stark unterscheiden, dass sich das Denken von Kindesbeinen an ebenfalls unterscheiden muss.

In der Kunst ist mein Lieblingsbeispiel meine Erfahrung mit Vorder- und Hintergrund beim Malen/Zeichnen eines Bildes. Die westlichen Schulen lehren, den Vordergrund heller zu malen, damit er sich deutlich vom dunkleren Hintergrund abhebt und dadurch eben als Vordergrund erscheint. Das funktioniert. In der asiatischen Tuschezeichenkunst wird gelehrt, den Vordergrund dunkler zu gestalten als den Hintergrund, damit er sich deutlich vom helleren Hintergrund abhebt und dadurch als Vordergrund erscheint – und auch da sehen die meisten Menschenaugen das Bild so, wie es vom Maler „gemeint“ ist: sie erkennen Vorder- und Hintergrund „richtig“, egal, woher sie stammen. Selbstverständlich spielen auch Perspektiven und Größen der dargestellten Objekte eine Rolle, aber trotzdem: wie kann das sein? Es kann nur damit zusammenhängen, dass trotz gegensätzlicher Herangehensweisen eine Schlüssigkeit hergestellt werden konnte, eine Stimmigkeit in sich.

Eins meiner Lieblingskapitel in Gert Scobel’s „Warum wir philosophieren müssen“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des Widerspruchs. Er sagt, dass das griechisch-abendländische Denken unter anderem auf der Grundfeste beruht, dass mittels Erkenntnissen „zu absolut sicheren, gewissen Sätzen zu gelangen“ sei und dass diesbezügliche Unsicherheiten schlecht ausgehalten würden: „Ein Teil der Geschichte der Philosophie lässt sich als Kampf um Sicherheit beschreiben.“ Und wenig später: „Macht drückt brutal durch, was ihr das Wissen suggeriert – wobei dieses Wissen häufig ein Wissen wider besseres Wissen war und ist. Wer versucht, eine Sicherheit zu garantieren, die im Grunde angesichts der vielen drängenden und ungelösten Fragen nicht herzustellen ist, wird häufig die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten. Anders formuliert: Es war und wird immer wieder möglich sein, gerade in unsicheren Zeiten Sicherheit herzustellen; die Frage ist nur, um welchen Preis.“

In der Kunst – gerade in der etabliert gelebten Variante – kommt es mir häufig so vor, als unterwürfe man sich einer Macht, die die Dinge „gesetzt“ hat – und hinterfragt sie dann nicht weiter. Wo die Kunst sich geöffnet hat, wo sie entgrenzt wurde, werden sofort Stimmen laut, die dadurch etwas in Gefahr sehen, etwas bewahren möchten… – aber was? Heraklit’s „Alles fließt“ hat da keine Chance; zumindest darf es für einige nicht ungesteuert fließen…

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon bei fast allen Dingen, wodurch sie (die Dinge) den Menschen nutzen können, und zwar nicht einzelnen und nicht im materiellen Sinn, sondern auf eine abstrakte Weise allen. Ich frage mich das im Alltag, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, auf die Wissenschaften bezogen… einfach ständig. Im Kunstbetrieb spielt Willkür eine große Rolle; das belegen mir viele Gespräche mit In- und Outsidern. Das „zur rechten Zeit am rechten Ort“-Sein, das Kennenlernen von Menschen, die einem die richtigen Türen öffnen… all das hat mit einer tatsächlichen Arbeit, mit einer tatsächlichen Leistung allenfalls peripher zu tun. Die Schwierigkeit, das als Willkür zu entlarven, besteht darin, dass vorher „Sicherheiten“ geschaffen worden sind, auf denen die Willkür dann legitim ruhen kann. Unser aller Aufgabe sehe ich darin, diese „Sicherheiten“ kritisch zu hinterfragen: wem nutzt was? Vielleicht werden viele der vermeintlichen Sicherheiten dann als Machtinstrument entlarvt, und Menschen erkennen die Manipulation und werden wieder kritischer und freier im Sehen.

„Den Geist und damit den Menschen zu befreien ist die vielleicht letzte Aufgabe von denken und philosophieren“ schreibt Gert Scobel in seinem Buch. Auf dem Weg zu dieser Freiheit könne helfen, die Brille abzusetzen, durch die wir erlernt und nun gewohnheitsmäßig sehen. „In indischen und buddhistischen Systemen sind über die Logik hinaus Verfahrensweisen – Handlungssysteme – entwickelt worden, die es, wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formulierte, möglich machen, jemanden einerseits weiterhin in Kommunikation und wie im Zen-Buddhismus in eine entsprechende Verfahrensweise oder Übung zu verwickeln, ihn andererseits aber mitten in die Widersprüche und Paradoxien hineinzutreiben. Warum? Um ihn oder sie auf diese Weise zu einer Einsicht zu führen. Diese Einsicht hängt nicht mit einer neuen Erkenntnis zusammen, sondern damit, dem Betreffenden eine […] Erfahrung zu ermöglichen, die gleichsam vor der Akzeptanz des Nichtwiderspruchsatzes liegt. Auf diese Weise wird der Blick freigegeben auf das ‚Prä-differentielle’: auf das, was vor allen Differenzen liegt.“

Wie sieht die Welt aus, in der noch keine begrifflichen Differenzierungen stattgefunden haben? Scobel’s Frage führt mich zurück zur Kunst: gäbe es das „System Kunst“ nicht, hätte sich kein Kunstmarkt entwickelt mit seinen Begriffen und Definitionen, mit seinen Macht-gemachten „Sicherheiten“, hätte das vermutlich nicht die wunderbaren Bilder von Turner oder Caravaggio verhindert, es verhinderte keine Skulptur von Rodin oder Claudel oder dass Menschen geboren werden, bei denen ein Leben für ihren Ideenreichtum nicht ausreicht wie bei Orson Welles oder Walt Disney oder Charles Chaplin. Virginia Woolf wäre zur Welt gekommen und Margot Fonteyn, und die eine hätte schreiben wollen und die andere tanzen, und vermutlich hätte nichts das verhindern können. Wie würden ihre Fertigkeiten, ihre Künste auf uns wirken, wenn nicht ein Marktsystem sie uns auch, gleich einem Qualitätssiegel, nahelegen würde…? Würden wir sie wahrgenommen haben? Nehmen wir unsere Zeitgenossen als Kreative, als Künstler wahr, wenn sie Ähnliches „können“ oder tun, auch, wenn sie von niemandem beworben werden?

Ich sehe die Herausforderung zunehmend darin, dass wir bei gleichgeschalteten Medienmeldungen, bei einer Politik, die sich in erster Linie selbst erhalten möchte und erst in zweiter für ihr Volk eintritt (und auch das oft nur noch, damit es wiederum ihr nutzt), selbst mit denken. Dass wir uns Bandbreite erhalten und nicht soviel vorsortieren lassen. Dass wir für uns eine Philosophie entwickeln, jeder für sich. Dass wir innerlich frei bleiben, beweglich. Dass wir uns bei jedem Menschen fragen, was er oder sie uns eventuell sagen oder zeigen kann, das uns weiterhilft, uns weiterbringt auf dem Weg des Werdens bis zum Vergehen.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 2

wird sich beschäftigen mit dem Tetralemma, wie man vom Denken zur Erfahrung kommt und mit Aspekten, Aspektblindheit und Kippbildern – und wie das alles vielleicht mit Kunst zusammenhängt.

Standard

Ein Ausschnitt…

… aus einem in 2010 geführten Interview; komplett zu lesen auf http://www.sabinepint.de

Was hat „Kunst“ mit „Scheitern“ zu tun? Hat es was damit zu tun? Welche Gedanken kommen Euch spontan?

***

P: Es geht ja nicht um „immer wieder“, sondern um das Gefühl dafür, für die Erklärung seines Beweggrundes alles versucht zu haben. Man sollte zwar auch erkennen, wann es sinnlos wird, aber es ist ja eher selten, dass so etwas komplett sinnlos wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei unterschiedlich eingestellten Menschen das Verständnis für den anderen abnehmen kann, wenn man sich nicht mehr austauscht; zuweilen stark abnehmen kann oder sogar ganz verschwindet. Gespräche helfen fast immer.

I: Und wenn sie nicht mehr helfen?

P: … ist es für mein Verständnis auf jeden Fall friedlicher, das anzuerkennen, dass Worte es nicht mehr bringen. Vielleicht muss man eine Weile ohne den anderen gehen, oder man muss ein bestimmtes Thema ausklammern – alles möglich, ohne den anderen anzufeinden oder bei anderen schlechtzumachen…

I: Was steckt denn Ihrer Meinung nach dahinter, wenn Leute das tun?

P: Ich weiß nicht, ob bei allen dasselbe dahintersteckt – eher unwahrscheinlich. Und womöglich eine Mischung aus Gefühlen, Gedanken… ich bin keine Psychologin, aber ich würde im Zweifelsfall Angst vermuten… ein diffuses Gefühl von Angst… nicht bestehen zu können… in der Welt… gegenüber der anderen Ansicht, gegenüber der anderen Person… vielleicht ein Gefühl von Scheitern

I: Kennen Sie das Gefühl selbst?

P: Ich kenne es bei konkret gestellten Aufgaben, die man nicht bewältigt, aber nicht im Großen und Ganzen, beispielsweise auf ganze Lebensabschnitte bezogen oder gar auf ein ganzes Leben! Die Leute sehen es natürlich unterschiedlich; das liegt an ihren Definitionen. Aber ich kenne in meinem Leben bislang keine Sache, die nicht eine andere Seite hätte. Von ganz schlimmen Schicksalsschlägen oder einer lebensbedrohenden Krankheit war ich bisher verschont, aber ich weiß aus tiefster Seele, dass es kommen kann. Ich habe mich in meiner Jugend immer als Pessimistin bezeichnet, aber eigentlich bin ich optimistische Realistin. [schmunzelt] Ich denke jetzt – ohne dass es gerade besonders schwierig ist in meinem Leben – dass ich diese andere Seite an einer Sache immer sehen würde…

Standard

Eine Mission zu haben ist nicht immer schlecht…

Eine Mission zu haben ist nicht immer schlecht

„Wofür leben Sie?“

Die philosophische Beraterin Rebekka Reinhard in der „Nachtlinie“ des BR

http://www.ardmediathek.de/br-fernsehen/nachtlinie/mit-der-philosophin-rebekka-reinhard?documentId=19863840 (Link kann evtl. bereits nicht mehr abrufbar sein)

 

Auf die „Nachtlinie“ brachte mich eine Freundin und insbesondere auf die kürzlich dort befragte Rebekka Reinhard. Nach eigener Aussage hat diese den Anspruch, Menschen anzustoßen, sich die weiterbringenden Fragen zur jeweiligen Lebenssituation zu stellen. Ein schon bekannter richtiger Ansatz, der hier sehr nachvollziehbar und sympathisch rübergebracht wird. Aber so richtig dieser Ansatz ist, so selten wird er auch zur Problemlösung herangezogen, weil das im Leben eher erschwert als gefördert wird. Oft wird nur das Symptom „behandelt“. Und: es ist nur ein Teil der Problemlösung; der andere Teil liegt oft bei einem Gegenüber.

Frau Reinhard stellte im Gespräch auch ihr Buch „Schön!“ vor, in dem es u. a. darum geht, dass in den unterschiedlichen Regionen der Welt unterschiedliche Schönheitsideale gelten, die nie einflusslos in den Menschen entstehen, sondern immer gesellschaftlich geprägt sind, und dass der Begriff der äußeren Schönheit eben nur ein Aspekt zum Thema ist. Genau diese äußere Schönheit sei aber das, was die Menschen heutzutage im Vordergrund sähen, während sie die vielbesungenen „inneren Werte“, eine innere Schönheit, wozu auch die Pflege des Denkens zähle, vernachlässigten. Meine Erfahrung deckt sich in dem Punkt sehr mit der der Philosophin. Ich finde erschreckend, wie sehr junge Mädchen ihren Körper zeigen wollen, und wie zögernd sie im Gegensatz dazu z. B. ein Talent zeigen wollen. Oder überhaupt etwas, das nicht mit Äußerlichkeit zu tun hat, als Wert empfinden, der aus sich heraus nicht nur eine Berechtigung hat, zu sein, sondern unbedingt ans Tageslicht gehört, damit eben Bandbreite in der Bevölkerung – auch der jungen und sehr jungen Bevölkerung – bleibt.

Es wurde darüber gesprochen, dass u. a. durch die Nutzungsverbreitung des Internets ein „selber denken“ eher verhindert als gefördert wird, was auch ich bedauere, obwohl ich mit Begeisterung surfe und die Möglichkeiten des WWW nicht mehr missen möchte. Aber selbstverständlich ist Einseitigkeit auch dort nicht gut; Urteilen fehlen oft die wichtigen Graustufen, und das führt selten zu einem umfassenden Eindruck, der Differenzierung zugrunde liegt.

Aber was ist, wenn man „selber denkt“, was ist, wenn man sich die „richtigen“ Fragen stellt?

Es führt dazu, dass man nicht mehr stromlinienförmig funktioniert, sondern sich wirklich einbringt, seine Persönlichkeit zeigt. Wenn das nicht unsozial und rücksichtslos geschieht, wäre eigentlich alles gut, wären da nicht die Vielen, denen man dann unbequem ist oder wird, die sagen, dass man sich da in etwas hineinsteigere, überreagiere, sich selbst nicht gut täte und dergleichen mehr. Da braucht es wirklich gutes Rüstzeug, dann unaufgeregt bei sich bleiben zu können, wobei diese Unaufgeregtheit oft mit Schwäche verwechselt wird.

Ich fand sehr gut und richtig, wie nachdrücklich Rebekka Reinhard auf Definitionen zu sprechen kam; mit ihnen steht und fällt einfach alles im Leben, ob urpersönlich im Fühlen und Denken oder im Sprechen. Ich habe selbst einmal formuliert, dass, wenn man in einem Gespräch vorher die Definitionen klärte, sich meistens jeder Streit erübrigte; das bestätigt sich in meinem Leben immer wieder.

Ebenso richtig fand ich ihr Eingehen darauf, wie essenziell wichtig Muße ist, Zeit. Ohne sie ist ein Hineinhorchen nicht möglich, nicht in andere Personen, aber auch nicht in sich selbst. Der nächste Reiz wäre schon da, ohne dass wir erste innere Worte vernommen hätten, geschweige sie hätten zuordnen können. Deswegen gebe ich dem Bedürfnis nach, das schnelle Medium „Internet“ zumindest für mich zu entschleunigen, indem ich es (auch!) auf untypische Art nutze: ich poste z. B. längere Texte, und ich lasse mir Zeit beim Lesen eines fremden Textes. Eine mir noch unbekannte Internetseite braucht keinen schrillen Schnickschnack oder ein zackiges Menü; sie muss für mich nicht in Sekunden erfassbar sein.

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Entschleunigung eine Sache des Älterwerdens.

Ab einem gewissen Alter – und das erlebt jeder zu seinem individuellen Zeitpunkt – möchte man sich und anderen nichts mehr beweisen, was bitte nicht zu verwechseln ist mit „nichts mehr lernen wollen“. Aber man wird unaufgeregter, weil man immer mehr Gleiches oder zumindest sehr Ähnliches hat kommen und wieder gehen sehen. Man schätzt immer besser ein, ob ein sich-Einbringen echte Veränderung bringen darf oder man nur pseudo-gehört wird, man kennt seine Stärken und Schwächen ziemlich gut und sieht nicht mehr ein, dass uniforme Tugenden gefragt sind und besser im Miteinander funktionieren sollen als sich ergänzende. Man möchte für das geschätzt werden, was man kann, ohne dauernd „Hier!“ schreien oder „klappern“ zu müssen. Das wird ab einem bestimmten Alter von den Meisten nun mal als unwürdig empfunden (und bei ein paar von uns hat dieses Alter schon in den eigenen 20er Jahren begonnen…). Und umgekehrt sieht man nicht mehr ein, dass auf den Schwächen derart herumgeritten wird, dass man auf Biegen und Brechen etwas leisten soll, das ein anderer im Schlaf kann, während von diesem verlangt wird, dass er ein bestimmtes Talent haben soll, das wir besitzen. Wir werden im besten Sinne langsamer.

Konkurrenz macht immer weniger Sinn. Jungen Menschen verzeiht man das Konkurrieren, das sich miteinander-Vergleichen noch, weil sie es in unserem bestehenden Schulsystem schon dort lernen, weil sie um Studien- und/oder Arbeitsplätze ringen müssen und weil sie den Absprung von diesem Denken nicht plötzlich schaffen, nur, weil es auf einmal um etwas ganz anderes, Unvergleichliches geht wie z. B. das Befreunden oder gar Verlieben. Dann hält man plötzlich fest, was man hat, damit man es noch hat. Und kein anderer. Auch, wenn es gar nicht zu einem selbst passt und man nur frei in sich hineinhorchen müsste, ohne dass die vielen fremden Stimmen, Meinungen, Haltungen, gesellschaftlichen Normen oder Dogmen die eigene innere Stimme übertönen.

Das Innere. Inhalte werden immer wichtiger. Aber der eigene Inhalt braucht auch ein Gegenüber, das ihn spiegelt; es braucht Dialog. Es braucht nicht nur die Möglichkeit, dem Gegenüber zuzuhören, sondern auch Interesse an ihm, damit es sich nicht in der Betrachtung seines Äußeren erschöpft.

Um noch einmal auf Rebekka Reinhard zurück zu kommen: frei nach Platon nach dem „Wahren, Guten und Schönen“ zu suchen und anderen helfen zu wollen, ihre Wahrheit, ihre Wahrhaftigkeit und die anderer zu entdecken ist eine Mission, der wohl niemand ihre Schönheit absprechen kann.

 

Danke, Uta, für den inspirierenden Tipp, der mich nachdenken ließ und immer noch lässt!

 

Ich habe mir hier erlaubt, im Denken wie auch im Schreiben „vom Hölzchen auf’s Stöckchen“ zu kommen und hoffe, man verzeiht mir das… und jetzt die abschließende Frage an Sie und Euch: was glaubt Ihr, warum ich diesen Text für diese Seite hier gewählt habe; warum ich denke, dass er passt…

Standard

Kunst – ein abstrakter Begriff

Kunst – ein abstrakter Begriff

 

Bei Wikipedia las ich ein paar Beispiele für abstrakte Begriffe: Mut, Röte, Liebe, Hass, Menschenwürde. Dort steht zum Verständnis auch: ~ ist ein Begriff, der benötigt wird, „um eine Eigenschaft von Gegenständen oder eine Relation zwischen einzelnen Gegenständen zu definieren oder zu repräsentieren“ (Tatievskaya, Aussagenlogik [2003], S. 53).

Ich würde diese Liste gerne noch um das Wort “Kunst” erweitern.

*

Die Diskussionen um diesen Begriff zeigen, dass jeder, wirklich jeder, der im näheren oder weiteren Sinne damit zu tun hat, diesen anders füllt, etwas anderes darunter versteht. Der Kontext der Person spielt eine Rolle, genauso wie ihre Persönlichkeit. Ob ich nun als Kunsthistoriker die Kunst im geschichtlichen Kontext zu begreifen und einzuordnen versuche, ob ich als Sammler einer sehr individuellen Leidenschaft fröne oder gesellschaftlich damit noch eine weitere Rolle bekleide, ob ich als Kurator für etwas verantwortlich zeichne, mit welchen zusätzlichen persönlichen Beweggründen auch immer, ob ich Kunst als Betrachter, als Publikum auf mich wirken lasse oder als Kreativer die Kunst lebe – jeder dieser Menschen kriegt es mit diesem – einem abstrakten – Begriff zu tun.

Unter dieser Voraussetzung wundere ich mich, wie zuweilen darüber diskutiert wird. Dass tolerant diskutiert werden müsste, daran dürfte doch, wenn man Obenstehendes unterschreibt, kein Zweifel bestehen. Aber weit gefehlt.

Die Menschen streiten nicht über “Liebe”, wenn sie sich darüber unterhalten, vorausgesetzt, sie sind kein Paar. Sie streiten auch nicht über “Mut”. Sie sagen ‚das ist für mich keine Liebe, weil…‘ oder ‚das ist in meinen Augen besonders mutig, weil…‘ – und dann tauschen sie ihre gegenseitigen Ansichten aus und kommen sich dadurch näher, erweitern ihr Verständnis füreinander. Man versteht, wenn man die Definitionen eines Menschen kennt, viel besser oder überhaupt erst seine Beweggründe, seine Art zu sein. Die Schlüsse, die sie daraus ziehen, sind meistens ruhiger Natur. Die Betroffenen bekommen durch ihre Aussagen entweder mehr oder weniger miteinander zu tun, aber sie bekämpfen sich verbal sicher nicht aufs Härteste, weil sie etwas anderes unter bestimmten Begriffen verstehen. Dass sie etwas anderes darunter verstehen, ist sozusagen schon die Lösung, bevor die Meinungsverschiedenheit als Problem wahrgenommen wird.

*

Anders die meisten Menschen, wenn sie sich über Kunst zu unterhalten versuchen. Ich habe lange gebraucht, um dahinter zu kommen, was diesen einen speziellen Begriff so sehr von den anderen beispielhaft genannten unterscheidet, bis ich irgendwann darauf kam: dieser Begriff ist nicht nur ein Wort wie die anderen, nein: er ist ein Studienfach.

Damit beginnt das Dilemma eines Wortes, das anderenfalls auf vollkommen natürliche Art und Weise Menschen bereichern, sie sensibler, offener machen könnte. Stattdessen schlagen sich Experten mit Experten, Experten mit Amateuren, Amateuren mit Amateuren, Amateuren mit Laien, Laien mit Laien und Laien mit Experten über diesen Begriff, wobei die Streitlust abnimmt, je ungebildeter (bezogen auf’s Fach) die Betroffenen sind. Aber auch: je unverbildeter.

*

Wie konnte man der Sache so etwas antun: ohne eindeutige Richtlinien einen abstrakten Begriff zum Studienfach erklären? Wer war so vermessen, zu denken, man könne Künstler ausbilden? Man könne Kunst lehren oder lernen? Oder wer war so clever?

Ich kann zeichnen lernen, ich kann lernen, ein Bildhauer zu sein. Ich kann mit Talent und viel Übung ein Meister meines Fachs werden. Aber ich kann nicht Künstler werden.

Ich kann durchaus kreativ tätig sein jenseits von Weihnachtsbasar-Klischees; etwas dort kann für den einen oder anderen durchaus Kunst sein, nicht nur Kunst, die von “Können” kommt, sondern aus der Gedankenwelt des Menschen, der da etwas erschaffen hat, das meine Gedankenwelt berührt. Ich kann auf einem Weihnachtsbasar Kunst antreffen. Und ich kann etwas betrachten, das meiner Definition des Begriffes nicht gerecht wird – und im Museum hängt.

*

Klärte man im Gespräch als Erstes, wie die Gegenüber Kunst für sich definieren, als Zweites, ob über Kunst oder über den Kunstmarkt gesprochen wird, erübrigte sich als Drittes meistens jeder Streit. Denn Kunst ist zwar das, worum sich der Kunstmarkt rankt, hat aber nach meiner Definition mit diesem soviel zu tun wie der Tag mit der Nacht: sie berühren sich nur am Rande. Ich muss es noch einmal betonen: ich spreche über den Begriff Kunst, darüber, wie ich ihn fülle, diesen abstrakten Begriff.

Irgendjemand hat mal gesagt, auch auf die Kunst bezogen könne man nur sagen, was war und wie es sich entwickelt hat, nicht, wohin es in der Zukunft tatsächlich führt. Das hat immer schon gegolten und ist für mich das Hauptargument für einen entgrenzten Kunst-Begriff. Aber nur, wenn ich über den etablierten Kunstbetrieb spreche. Spreche ich lediglich aus meiner Definition des abstrakten Begriffes „Kunst“, brauche ich kein Argument mehr. Denn Kunst kann man nicht “machen”. Sie ereignet sich. Und das ist nicht planbar. Planbar ist die Arbeit, die ich erschaffe; jedenfalls in den meisten Fällen liegt ein Plan zugrunde. Wen ich wie damit berühre oder ob überhaupt, ist vollkommen offen. Denn ich weiß nicht, wer meiner kreativen Arbeit begegnen wird: Wer ist der Mensch? Was denkt er grundsätzlich, falls er grundsätzlich denkt? Was bewegt ihn derzeit? Hat er Sorgen? Kommt er gedankenlos (gibt es das wirklich?) seines Wegs und sieht meine Arbeit nicht so bewusst an, wie sie gemeint ist? Hält er vielleicht grundsätzlich nichts von Transformiertem jeglicher Art, ist vollkommen verständnislos im wahrsten Wortsinne?

*

Ich denke schon, dass beim künstlerischen kreativ-Sein eine Absicht dahinterstehen sollte, nämlich die, eben etwas zu transformieren. Gedanken, eine Philosophie sollte die Ausgangslage sein, um dem Vorwurf der Zufälligkeit etwas entgegenzusetzen. Und in diesem Punkt unterscheidet sich „Kunst“ von „Mut“, „Röte“, „Liebe“ oder „Hass“. Aber ich glaube auch, dass sich das, was in der Kunst absichtsvoll geschieht, grundsätzlich auch zufällig ereignen kann. Dann bringt die künstlerische Begegnung zwar weniger Ansehen oder Geld – oftmals wird sicher nicht einmal bemerkt, dass sie stattgefunden hat –, aber weniger wertvoll ist sie dadurch nicht. Und wird nicht das Zufällige, das Ungesteuerte oftmals als das Erstrebenswerteste, das Wertvollste angesehen? Was wäre die Liebe uns noch wert, wenn wir sie geschehen lassen könnten…? … wenn sie planbar, machbar wäre…

*

Tun wir doch der Kunst den Gefallen und befreien wir sie – zumindest in unseren Köpfen – vom Irrglauben der Machbarkeit. Erst dann können wir berühren, durch was dazu bestimmt ist – und erst dann können wir selbst wahrhaftig durch sie berührt werden.

2008

Standard