Beuys, Teil 2

Ich gehe nicht unbedingt mit Joseph Beuys konform – ohne zu behaupten, dass ich ihn da richtig verstehe – dass Provokation „nichts anderes“ sei als Produktion. Und er stellt die Qualitätsfrage, was ich durchgehend als schwierig empfinde beim Kunst-Thema. Er sagt, dass „alles Spekulieren mit Schocks […] unsinnig“ sei, und fordert „beschreibt also ganz genau, was Ihr politisch wollt“, was nach meiner Provokations-Definition den Begriff mindestens relativiert. Und er relativiert weiter, indem er ausführt, dass viele voraussetzen, dass Menschen durch Provokation einfach nur ihre (negativen) Gefühle auslebten und nicht „das bewegende Element“ im Sinn hätten. Er hält in diesem Sinne das Provokative, wie er es definiert, für „dringend erforderlich“.

Die Frage Wieland Schmieds an Gehlen, ob er sich von der Kunst, der Provokation Beuys‘ als „bewegendes Element“ angesprochen fühle, muss so gestellt ins Leere laufen. So unterbricht Beuys an dieser Stelle und möchte weggehen von der konkreten Arbeit („Wir unterhalten uns doch über eine Theorie […] Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus! […] Beginnt doch mal, hier zu denken und demonstriert, dass der Mensch in jedem Augenblick in die Lage gesetzt ist und ermöglichen kann, einen Schritt weiter zu tun! Gemeinschaftlich auch etwas zu tun, nicht einer gegen den anderen!“).

Schmied konkretisiert daraufhin: wenn das Publikum Kunst nicht mehr als Provokation erlebe, und Beuys setze Provokation mit Produktion gleich, dann sei die Funktion der Kunst doch zu einem Ende gekommen… und erteilt Arnold Gehlen das Wort. Diesem muss ich immer noch insofern recht geben, als dass auch ich Provokation und Produktion rein von der Begriffsdefinition her nicht gleichsetzen kann. Er findet, dass die Kunst keinen „Gegner“ mehr habe und empfindet es für die Künstler „schwierig, eine kämpferische Haltung einzunehmen und der Gegner ist weg.“ Er argumentiert, dass die Künstler das Wort Provokation deswegen umdeuten in Produktion, weil Provokation niemanden mehr als solche träfe.

„Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ fragt Beuys, weil Gehlen „belustigt“ gewesen sei über die von Beuys installierten Schlitten, die scheinbar aus einem VW-Bus quillen, und fragt seinerseits: „Warum haben Sie keine Kinderwagen genommen?“ Joseph Beuys Antwort spricht mir aus der Seele meiner Kunst-Definition: „Warum? Ich würde sagen, weil ich doch das Thema bestimmt habe […] die Kinderwagen sollen Sie nehmen und mal versuchen, ob Sie da was mit hinkriegen, was die Menschen interessiert!“ Zwar begibt er sich mit diesem letzten Zusatz wieder auf das dünnere Eis – Gegner wären sicher schnell mit der Frage, woher Beuys denn wissen will, dass seine Arbeit „die Menschen interessiert“ – aber die Kernaussage ist für mich, dass Fragen der Art, wie Gehlen sie formuliert hat, nie treffen, es sei denn wieder, man möchte nicht ernsthaft wissen, „warum keine Kinderwagen“, sondern möchte lediglich demonstrieren, wie angeblich willkürlich künstlerische Materialien und Umsetzungen gewählt sind.

Max Bill spricht etwas Wichtiges an: wie wird Qualität von Provokation gemessen und: ist das überhaupt möglich? „Wer ist in der Lage, das zu messen?“ Und klug sagt er weiter, dass auch er dafür ist, die „humanen Fragen“ in den Mittelpunkt zu stellen, aber man ja nicht davon ausgehen könne, zu wissen, was der jeweils andere darunter verstehe. Beuys stellt die Sinnfrage: „Was hat es für einen Sinn, aus der Kunst heraus zu entwickeln: es muss in einem Verhältnis stehen zu dem, was die Menschen brauchen, sonst ist es tatsächlich sinnlos, Kunst zu machen.“ Bills Frage, woraus abgeleitet werden könne, dass Kunst dazu Sinn mache, ist meines Erachtens wieder müßig, noch bevor ich eine Antwort eines an der Diskussion Beteiligten kenne. Sie ist nicht zu beantworten. Den Menschen – nicht allen, ich weiß, aber den meisten auf ihre individuelle Weise mit ihren individuellen Themen – wohnt der Drang zum kreativen Ausdruck nun mal inne, und genau so wenig ist zu beweisen, dass dieser Ausdruck keinen Sinn macht. Seine Kreativität aber in den Sinn einer allgemeinen, immer verhandelbaren Weiterentwicklung zu stellen, halte ich nicht nur für nachvollziehbar, sondern für sehr vernünftig.

„Der Mensch ist selbst die Ästhetik, der Mensch ist selbst das Kunstwerk.“

„Wie kommt ein Mensch in die Welt und wie verlässt er diese; das sind doch schließlich alles wichtige Fragen für den Künstler.“

Aus jeder Beuys’schen Äußerung spricht der Wunsch und Wille (auch) zu (innerer) Auseinandersetzung und Verantwortung. Diese wichtigen Fragen für den Künstler – sind das nicht relevante Fragen für jeden Menschen? Ich kann verstehen, wenn man es müßig findet, zu fragen, woher man kommt und wohin man geht, weil es höchstwahrscheinlich keine alles erklärende Antwort jemals gibt, aber ich finde die Auseinandersetzung mit der Frage, wofür man sich im Leben einsetzt niemals müßig, sondern unerlässlich.

Max Bill gefällt mir mit seinen Äußerungen. So besonders auch diese: „[…] dass […] Herr Beuys […] ein so glücklicher Mensch ist, dass er glaubt, wirklich Kunstwerke zu machen. Dann bin ich wirklich sehr zufrieden darüber. Ich weiß es nämlich über mich nicht. Ich mache etwas, das mich interessiert, von dem ich irgendwie den Eindruck habe, es bringe ein Problem, das ich mir gestellt habe, das vielleicht auch von außen kommt, weiter, und dieses Problem werde zu irgendeiner Lösung entgegengebracht, und es hätte nachher vielleicht irgendwelche Auswirkungen; vielleicht hat es keine. […] Es kann generell Kunst Auswirkungen haben, aber ob das, was ich mache, Auswirkungen hat oder nicht, das spielt dabei gar keine Rolle. Das hat übrigens Herr Beuys bis zu einem gewissen Grad auch gesagt“, und dieser antwortet. „Ja sicher; kann ich nur bestätigen. […] Man kann doch sicher voraussetzen, dass jeder […] sich bemühen sollte, dass er eine Arbeit […] gewissenhaft macht, also nach allen Seiten hin durchdenkt. Denn sonst kann er der Menschheit kein Produkt vorlegen, was er verantworten kann. Ich glaube, zumindest sagen zu können, dass, was ich gemacht habe, ich verantworten kann. […] Ich stelle nur fest, dass es unterschiedliche menschliche Begabungen gibt, und es ist ganz klar, dass eines Tages vielleicht Menschen da sein werden, die das alles für außerordentlich unzulänglich betrachten, was ich gemacht habe. Und auch etwas hinstellen, was mich überzeugt als wesentlich besser. Es ist also sogar jeder aufgerufen, das zu korrigieren, was ich falsch mache […]“

Wieder: Beuys fordert lediglich Auseinandersetzung ein vor dem Urteil und zwingt damit alle Menschen zu Verantwortung. Dass das als unbequem empfunden wurde (und wird!) glaube ich gern… Er glaubt an die Eigenverantwortung der Menschen, er glaubt an die mögliche erfolgreiche Umsetzung direkter Demokratie.

Er liest eine Frage vor, die ihn aus dem Publikum erreicht: „Da steht: ‚Können Sie definieren, was Sie konkret unter Revolution verstehen?‘ Ja, sicher: unter einer Revolution verstehe ich, dass der Mensch in diesem Sinne wie ich geschildert habe, sich selbst betrachtet nach seinen Möglichkeiten hin, dass er aber über diese philosophischen Fragen, über diese Menschenerkenntnisfragen hinaus nicht vernachlässigt, was […] am Tage geschieht. Dass er also, indem er sich ausbildet und danach fragt: wie kann ich mich zu einem besseren Instrument innerhalb der Welt machen, danach zugleich fragt, wie geht es meinem Nebenmann, wie geht es meinem Bruder? Also einfach zu fragen: wie sind die Verhältnisse in der Welt? Wer ist hier der Benachteiligte, wie kann ich ihm helfen? Also ist da doch nach zu fragen: was ist los in unserem politischen System? Was kann ich vorschlagen? Und da könnte ich sehr Vieles vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel vorschlagen, dass es dringend notwendig wäre, die parteipolitischen Bürokratien zu überwinden, durch direkte Befragung des Volkes zu jedem einzelnen Punkt. Da könnte ich nennen, dass es sehr wichtig ist, dass die Grundgesetze ernstgenommen werden; dass ernstgenommen wird zum Beispiel, dass der Mensch sich selbst bestimmt, dass er selbst bestimmt, was gemacht wird in der Welt, dass er gefragt wird: wollen wir eine Bundeswehr haben oder wollen wir keine haben. Dass also direkte Volksbefragungen stattfinden. […] Dass weiterhin ernst gemacht wird mit der Frage der Gleichberechtigung der Menschen, der absoluten Gleichberechtigung. Dass es aufhört, dass es gewisse Menschen gibt, die privilegiert sind. Dass es aufhören muss mit der Verstaatlichung von Produktionsmitteln und ebenfalls mit dem privaten Besitz von Produktionsgütern usw. usf. – nur ein kleiner Ausschnitt […]“

(3. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Beuys, Teil 1

Klar, dass jemand so erzkonservatives wie der 1904 geborene Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen im „Bildungsforum“ mit Joseph Beuys aneinander gerät.

Das Motto: „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“

Der smb-webshop, der u. a. die DVD dazu vertreibt, formuliert:

„Die am 27. Januar 1970 im Düsseldorfer Bildungsforum veranstaltete Diskussion mit Joseph Beuys, Max Bill, Max Bense und Arnold Gehlen, moderiert vom Kunsthistoriker Wieland Schmied, ist nicht nur ein kulturhistorisches Dokument, das unterschiedliche ästhetische und philosophische Konzepte diskursiv aufscheinen lässt. Es stellt im Sinne des Werkbegriffs Beuys’, der das Sprechen oder die Sprache allgemein als Kunstwerk sieht, auch ein Sprachwerk des Künstlers dar.“

Es stellte sich dort und stellt sich bis heute die Frage: ist Kunst (nur) das, was nicht provoziert? Manche meinen das auch heute noch und definieren Kunst zu sehr nur über die Ästhetik – selbstverständlich meist die des Bewerters.

Meinen Text verstehe ich nicht als Alternative, die Diskussion anzusehen und zu -hören; die ist wirklich amüsant und lohnenswert für die Auseinandersetzung, auch für die Frage, wo man sich selbst verortet. Ich möchte die Argumente nur mit meiner Sichtweise verknüpfen, ein wenig kommentieren und den Begriff der Provokation im Kunstzusammenhang meinerseits zur Diskussion stellen. Damit es nicht überlang wird, gliedere ich den Beitrag in drei Teile. Dabei zitiere ich genau, aber nach Gehör.

Beuys antwortet auf die Frage Schmieds, ob er beim Kunstmachen jemals in Kategorien wie „Kunst“, „Antikunst“, „Provokation“ gedacht hätte, dass er sich schon theoretische Gedanken gemacht habe, warum er was täte. Er geht auf den Frager ein und wirkt auf mich kein bisschen provokant, obschon seine Kunst oft diesen Anstrich hatte. „Ich habe also versucht, den Kunstbegriff so zu erweitern, dass er jede menschliche Tätigkeit zu umgreifen in die Lage gesetzt wird.“ Er möchte auch den Wissenschaftsbegriff erweitert sehen und sagt, dass bei seinem Antikunst-Begriff „die Frage nach dem Menschen gestellt“ sei.

„Wie ist es berechtigt zu sagen, jeder Mensch ist Künstler? […] Jeder Mensch ist ein kreativer. In jedem Menschen kommt etwas heraus von einem Ursprünglichen, von einem Schöpferischen, von einem Element, was sozusagen an diesem Punkt des Denkens – hiermit setze ich den Begriff des Denkens als den wichtigsten Punkt in meinem Antikunst-Begriff – durch das Denken etwas völlig Neues in die Welt, was wieder hinüberleitet und klarstellt, den Begriff der Freiheit. […] Hier steht der Begriff der Freiheit zur Diskussion, und an diesem Problem steht die Menschheit ja in einem ganz akuten Sinne, indem sie fragt: ist der Mensch Gesellschaftswesen, das heißt, ist er gebunden, abhängig von den Stoffesverhältnissen, oder ist er ein freies Wesen? Hier ist selbstverständlich eine differenzierte Untersuchung notwendig insofern als man selbstverständlich sehen muss, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen ist, hier ist aber ganz besonders wichtig zu erkennen, dass er darüber hinaus ein freies Wesen ist, was für den Teil, da, wo er gesellschaftlich gebunden ist – also mit anderen Menschen zusammenarbeiten muss – neue Denkmodelle, neue Substanzen in die Erde einführen muss, also in die Stoffesverhältnisse einführen muss, um sozusagen für das Soziale, für die Entwicklung der Menschheit ein neues Modell zu erarbeiten. […] Provokation wäre eine andere Sache; die müsste man jetzt daran anschließen.“

Joseph Beuys ist dort anfangs nicht provokant. Er redet deutlich und bestimmt; man spürt seine Authentizität und Konzentration. Auf mich wirkt er, als wüsste er einfach, wovon er spricht.

Als er nach wahrnehmbarem Gemurmel im Publikum und guten 11 Minuten vorschlägt, „bis zum Morgengrauen“ zu diskutieren, anstatt nach anderthalb Stunden Podiumsdiskussion „ins Wirtshaus“ zu gehen, merkt man daran, wie ernst er die Auseinandersetzung nimmt. So bekommt Max Bense, der im ersten Satz von der „Verwässerung des ganzen Themas“ spricht, sofort einigen Applaus. Beuys‘ erster Diskussionsgegner ist zumindest launig: „Meinen Sie, Sie hätten keine [Gegner]? Ich hab‘ auch welche!“ Von Bense gedrängt, was er konkret wolle, antwortet Beuys: „Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern; ich will es vor allen Dingen ausweiten auf die reale politische Situation […] Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum Beispiel in einer Demokratie leben, ich bin nicht der Ansicht, dass wir zu freien Menschen erzogen werden durch unsere parteipolitische Bürokratie […]“

Arnold Gehlen: „Ich möchte den sehen, der sich noch von Kunst provozieren lässt.“ Er möchte vom Provokations-Begriff weg und wieder hin zum Begriff der Kunst bzw. Antikunst. Sein Vergleichen mit einem Spiel an sich, woran ihn die Kunst erinnert, die zum Mitmachen, zur aktiven Teilnahme einlädt, und die Tatsache, dass ein Spiel eben nicht gut oder schlecht ist, führt er als Argument gegen den erweiterten Kunstbegriff an; für mich ist es aber genauso ein Argument dafür. Er meint jedoch: „Je umfangreicher ein Begriff wird, umso inhaltsleerer.“ Manche, die dadurch ins Straucheln kämen, auch manche Künstler, suchten „dann schnell eine Tür in die Politik; da hat man dann wieder den gewohnten schwankenden Boden unter den Füßen.“

„Wollen Sie weiter den schwankenden Boden unter den Füßen behalten, oder wollen Sie daran arbeiten, diesen schwankenden Boden in eine sichere Basis für die Menschen aufzubereiten?“ fragt Beuys. Er sieht die Kriterien des klassischen Kunstbegriffes als Basis („unter Umständen im pädagogischen Prozess eine gewisse Basis für den Unterricht“), die aber erweitert werden sollten um Begriffe, „die tatsächlich den Menschen betrachten als einen, der sich entwickelt, der ganz andere Dinge […] anzusteuern beginnt.“

„Kann ich mit dieser Kunst noch etwas bewirken für das Leben?“ sei die entscheidende Frage. „Ist diese meine Kunst zum Beispiel politisch relevant? Sie dürfen jetzt den Begriff der Politik nicht lächerlich machen und sagen hier wäre der übliche schwammige Begriff! Wir wollen doch gerade sehen, dass in der Zukunft für alle Menschen etwas erarbeitet wird, was brauchbar ist, was zum Beispiel pädagogische Modelle erarbeitet, und ich glaube, dass aus einem erweiterten Kunstbegriff heraus, aus einem erweiterten menschenkundlichen Begriff heraus, der damit verbunden ist, selbstverständlich sich etwas Gewissenhaftes sagen lässt über die Pädagogik. Das ist selbstverständlich auch damit verbunden, dass man Modelle erarbeitet, dass man also Projektwissenschaft betreibt, denn nichts ist dringender gerade für uns Mitteleuropäer als uns über unsere Zukunft im Klaren zu sein. Ob es unsere Aufgabe ist, zum Beispiel, mit wirtschaftlichen Größen zu konkurrieren, ob es für uns interessant ist, mit den Großmächten im Osten und im Westen auf wirtschaftlicher Basis, also technologisch zu konkurrieren, ob nicht gerade das der Weg ins Fellachentum [sic] ist für uns; ob es nicht vielleicht für Mitteleuropa viel interessanter wäre, die humanen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen […] als ein Fruchtbares für die ganze Welt […]“

„Ich habe nie von […] Materialien geredet; ich habe von der Idee gesprochen“, sagt Beuys, als er zu einer bestimmten künstlerischen Aktion Stellung nimmt. Das erlebe ich, seit ich mich mit Kunst auch theoretisch auseinandersetze, immer wieder: es werden bestimmte Aktionen oder Werke herangezogen, um mit der Umsetzung oder dem Ergebnis zu argumentieren, dass das nun Kunst oder eben keine Kunst sei. Da sich der eine Mensch so und der andere anders ausdrückt, trifft diese Art Auseinandersetzung für mich nie den Kern, es sei denn, man spricht anderen ihren persönlichen Ausdruck schlicht ab. Arnold Gehlen verstehe ich nach ungefähr einer halben Stunde so, dass er sich nicht provozieren lassen möchte, und das kann ich nachvollziehen. Ich selbst bin auch nur sehr schwer zu provozieren, wenn überhaupt. Dieses nicht oder kaum provozierbar sein bedeutet in meinen Augen nicht unbedingte Unverletzlichkeit, sondern den Wunsch, sich vernünftig, wertschätzend auszutauschen, allen Gesprächsteilnehmern Zeit einzuräumen, sich wirklich anzuhören, aufeinander einzugehen usw.; ansonsten ist ein sich-Erreichen schwierig. Erlebt man Kunst als reine Provokation – ich glaube, hier ist nur wichtig, es individuell zu betrachten, also wer sich wodurch provoziert fühlt – glaube ich nicht an ein erreichen-Können (aus Künstlersicht) oder ein erreicht-Werden (aus Rezipientensicht). Provokation verschließt beinahe immer. Wenn nicht, trifft vielleicht der Begriff nicht richtig… Und umso trauriger, dass viele – sicher damals wie heute – Beuys nur als Provokateur wahrnehmen.

(2. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Die NachDenkSeiten über „fühlen“ und „mitnehmen“

Was hat dieser politische Beitrag, den man hier hören kann, mit Kunst zu tun?

Nun, zum einen geht es um Sprache, und Sprache war immer schon auch ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks. Die Analyse von Marcus Klöckner macht anhand von Beispielen deutlich, dass Sprache – neben dem Wunsch nach Verständigung und dem Mittel zu ästhetischem Ausdruck – auch als Manipulationsmittel verwendet werden kann, schon immer wurde und wird.

Hier ist sozusagen das offene und wache Ohr gefragt:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=40414

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Was wir alle draus machen

http://www.xing-news.com/reader/news/articles/1079689?cce=em5e0cbb4d.%3AeE_8hx4se20pYOOiFbfnAF&link_position=digest&newsletter_id=28960&toolbar=true&xng_share_origin=email

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Ist es nicht, was wir alle draus machen?

Ich sehe die facebook-Situation so ähnlich wie meine übrigen Sozialkontakte: wenn mehr oder weniger offene Ablehnung stattfindet, setze ich mich sachlich auseinander oder bleibe friedlich weg; es gibt Smalltalk, der richtig nett ist und durchaus nützlich für ein grundsätzlich wohlwollendes Miteinander, und es gibt tiefer gehende, sehr konstruktive Äußerungen, aus denen manchmal – vielleicht zu selten – äußerst fruchtbare Gespräche entstehen.

Mir ist völlig klar, dass facebook ein gewinnorientiertes Unternehmen ist, das unsere Daten abgreift und nicht an einer „besseren Welt“ interessiert ist. Ich empfinde es aber als schwierig, eine Sache, die alles sein kann, die man als Nutzer so oder anders ausgestalten kann, in Bausch und Bogen zu verurteilen. Insofern klingt Palihapitiyas Bedauern in meinen Ohren überzogen:

„Ich denke, wir haben Tools geschaffen, die die Struktur unserer Gesellschaft auseinanderreißen […] Die kurzen, von Dopamin gesteuerten Feedback-Schleifen, die wir kreiert haben, zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert.“

Und weiter heißt es auf Xing: „Durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Fehlinformationen und Unwahrheiten [als] ‚ein globales Problem‘.“

Sind wir nicht alle gefragt, das mitzugestalten? Wie stellen wir uns zu den Dingen; wie leiten wir beispielsweise Kinder und Jugendliche an? Wie gehen wir damit um, dass es überall um Profit geht und alle dem ausgesetzt sind; wie gehen wir beispielsweise mit Werbung für Kinder und Jugendliche um, die legal jeden Tag stattfindet, ob mit oder ohne facebook?

Was tun wir beispielsweise in Schulen dafür, dass es irgendwann vielleicht zwar genauso fies wie heute ist, es mit Social Bots zu tun zu haben, ihnen aber dadurch ein Stück ihrer Macht genommen wird, indem junge Menschen angeleitet werden, weniger impulsiv auf kurze Schlagsätze anzuspringen und das Auseinandersetzen nicht zu verlernen, immer wieder das selbst-Denken zu trainieren, um die Karren erkennen zu können, vor die sie gespannt werden sollen, wenn sie vor solche gespannt werden sollen? (Ich entschuldige mich aufrichtig für diesen Satz!)

Ob „ziviler Diskurs“ stattfinden kann, dazu schaffen doch wir die Bedingungen! Ob wir kooperieren, uns zusammenschließen, das entscheiden doch wir!

facebook ist und bleibt ein kapitalistisches Unternehmen. Ich stelle mir aber vor, wie viel gewonnen wäre, würden all die, die nicht an einer verbalen Prügelei interessiert sind, diese Stränge dort ver- und die Wort-Hooligans unter sich zurücklassen. Und möchte man bleiben: dass man in aufflammender Wut nicht in diesem Gefühl antwortet, sondern den oft wichtigen Zorn in Argumente und Sachlichkeit ummünzt. Wenn möglichst viele darauf achteten, würde das sowohl den Bots als auch den Trolls Macht entziehen. Ich stelle mir vor, dass jeder, der sich dort bewegt, es sowohl thematisch als auch im Umgang miteinander so ausreichend ernst nähme, als sei er nicht virtuell unterwegs, denn für viele macht das einen Unterschied. Doch: kaum jemand käme auf die Idee, sich im Bus in das Gespräch hinter ihm einzumischen, obwohl man jedes Wort versteht. Und machte es eine Einmischung nötig, drehte man sich ja auch nicht sofort mit den Worten ‚Sie Blödmann haben ja keine Ahnung!‘ um.

Es ist so viel Gutes mit diesem Medium möglich, ob Privatunternehmen oder nicht. Und höchstwahrscheinlich ist es nur als Privatunternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht in diesem weltumspannenden Umfang realisierbar; wohlmeinende Einzelpersonen, die ein gemeinnütziges Unternehmen dieser Reichweite führten, kämen ja mit der Kontrolle gar nicht hinterher oder wären schon arm geklagt. Niemand würde das auf sich nehmen.

So bleibt uns nur der wache Blick, wieder einmal, wenn wir unsere guten Dinge nicht aus Scheu vor Eigenverantwortung opfern wollen.

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Lesenswert!

Neues Jahr, neue Reihe. Meine Gespräche zur Kunstvermittlung

 

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