Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

*

Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

*

https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

*

Advertisements
Standard

„Viel Achtsamkeit und alles Gute!“

erdbeertorte

*

Innerhalb des begrenzten menschlichen Geistes ist Kunst das freiheitlichste Ausdrucksmittel. Kunst funktioniert nur in Freiheit, und Freiheit gibt es nur im Frieden.

Die Fakten, die man aus diesem zweieinhalbstündigen Vortrag mitnehmen kann, sind wichtig. Noch wichtiger ist für mich die Erkenntnis, dass die meisten Menschen in Frieden und Freiheit leben wollen, es aber in der internationalen Politik nie um Demokratie und Menschenrechte geht, sondern um die Interessen von Staaten, wie Egon Bahr es einfach und klar ausgedrückt hat. Und Daniele Ganser formuliert es hier so: „Die Rüstungsindustrie ist eben nicht an Einsichten interessiert, sondern an Umsätzen.“

Für mich sind das historisch belegte Erkenntnisse, die immer mit im Kopf sind, wenn ich mich unterhalte, wenn ich schreibe – nicht unbedingt beim Zeichnen, es sei denn, ich möchte eine Erkenntnis ohne verschiedene Interpretationsmöglichkeiten ausdrücken, und das ist eher selten.

Die meisten Menschen wollen in Frieden und Freiheit leben und sich frei ausdrücken können.

Dass so Viele noch „ihre Freiheit gegen [vermeintliche; Anm. von mir] Sicherheit [tauschen]“ würden, wenn sie im Kopf hätten, dass es ihrer Regierung nicht in erster Linie um sie geht, um ihre Wünsche und Bedürfnisse, glaube ich nicht. Wenn Viele das „alte Muster“ spalten, abwerten und töten – ob Ideen oder Menschen – als bewusst eingesetztes Mittel verinnerlichen würden, könnten sie – aufmerksam – ihre Talente co-kreativ, für ein konstruktives und friedliches Miteinander einsetzen, anstatt sich gegeneinander aufwiegeln zu lassen.

Und welche Rolle Erdbeertorte dabei spielen kann, erfahrt Ihr im Vortrag auch:

*

 

Standard

Benennung und Inhalt, Fortsetzung

 

EI1

 

Ich war einmal eine entschieden deutlichere Anhängerin der Europäischen Idee. Ich fand und finde es für das Zusammenwachsen der Welt nicht hilfreich, wenn selbst kleinste Staaten (wieder) souverän sein woll(t)en. Allerdings kann ich es nachvollziehen, wie gerade aktuell die Befürworter des ‚Brexit‘; ich kann deren Enttäuschung nachvollziehen; nein: ich fühle sie auch.

Der Nachteil einer zusammenwachsenden Welt ist sicherlich die schwierigere Organisation und Verwaltung, aber wo nicht von vornherein echte Fairness angestrebt wird, ist die Idee eben von vornherein zum Scheitern verurteilt. Sei es, dass Staaten auf unrealistische Art miteinander verglichen werden, sei es, dass im Grunde andere, undurchsichtige politische Interessen ein konstruktives Miteinander vereiteln.

Sebastian Köpcke sagt es in einem facebook-Posting vom 25. Juni 2016 so: „Nicht die Rechtspopulisten verraten die Europäische Idee, denn dafür haben sie sich noch nie sonderlich erwärmen können. Es sind die »Demokraten«, die handelnden Eliten, die Europa geopfert haben, weil sie klein im Geist und mit vollgeschissenen Hosen oder schlimmer noch aus kaltem Kalkül die Krise als Normalfall etabliert haben, um mit Angst vor noch mehr Krise und mit der moralischen Integrität einer osteuropäischen Hütchenspielerbande [sic] ihr politisches Geschäft zu betreiben. Ob beim Bau von Großprojekten wie dem BER oder Stuttgart 21, ob bei Bankenrettungen durch Steuerzahler, ob beim Abbau von Freiheitsrechten zur »Terrorabwehr«, ob bei der Endlagerung ganzer Bevölkerungsschichten in staatlich organisierter Armut, ob bei der Endlagerung ganzer Länder in europäisch verwalteter Armut, ob bei einer Außenpolitik, die die eigenen Sicherheitsinteressen hintertreibt und Krieg zum Friedensdienst umdeutet, ob bei einer Friedenspolitik, die Tod, Elend und Millionen von Flüchtlingen produziert, die man sich dann mit Geld und Militär vom Halse hält – als Bürger kann man all das nur noch als irrational, gefährlich, undemokratisch und schlicht kriminell empfinden. Die europäischen Rechtspopulisten erfüllen bei all dem eine wichtige Funktion, denn sie treiben die Zweifler und die Wankelmütigen immer wieder zurück an die Seite der »Demokratie- und Wertewahrer« … Die dummen Briten auf dem flachen Land haben nun einen Akzent gesetzt, der eine Zäsur bedeutet und Europa in eine weitere Krise stürzt. Allerdings ist nicht zu befürchten, dass dies bei den Verantwortungsträgern in Resteuropa tatsächlich zu tieferen Einsichten führt, denn Schuld haben immer die Anderen und Krise ist ja ohnehin ihr alltägliches Geschäft.“

Wenn Zweifler meinen, dass mehr direkte Demokratie mehr Chaos bedeutete, weil auch uninformierte, politisch uninteressierte Menschen dann komplexe Sachverhalte mitbestimmten, ohne die Tragweite zu erfassen, dann muss ich ihnen einerseits zustimmen. Andererseits sehe ich wie Sebastian Köpcke und viele andere kein gesteigertes Interesse seitens der Politik am wirklich mündigen Bürger. Wie kann man ohne echte Transparenz Mitdenken und Mitsprache erwarten? Gar nicht; man kann nur besonders gut ausnutzen, die Menschen mit Hilfe geschickter Demagogie lediglich auf der emotionalen Ebene anzusprechen und so bestimmte Ergebnisse lancieren. (Perverserweise findet das in manchen Ländern schon für Kindesalter statt – in meinen Augen ein Verbrechen am jeweiligen Kind und an der Menschheit.)

*

„Statt der nackten Gesprächsergebnisse zwischen Lobbyisten, statt bloßer Verkündung von Regierungshandeln brauchen wir Einblicke in die Prozesse. […] und wir brauchen dafür den vielfältigen Sachverstand der unterschiedlichsten Mitglieder dieser Gesellschaft.

[…]Erklärungen, die keine Prozesse, sondern druckbare Überschriften vermitteln, sind verbales Fastfood. Und warum erklärt die Bundesregierung nicht regelmäßig im Fernsehen, an welchen Fragen sie arbeitet, auf welche Lösungsmöglichkeiten sie baut, welche Modelle und deren Risiken sie gegeneinander abwägt?“ fragt Adrienne Goehler in ihrem lesenswerten Buch „Verflüssigungen“, bereits 2006 im Campus-Verlag erschienen.

Carsten Hueck schreibt in seiner Kritik dazu (http://www.deutschlandradiokultur.de/gegen-den-politischen-stillstand.950.de.html?dram:article_id=134214 ) von einem Widerspruch, den er bei der Lektüre empfunden hat: „Wenn der Sozialstaat die ‚kreative Klasse‘ hervorbringt, die beispielhaft für eine zu schaffende Kulturgesellschaft sein soll, kann er so schlecht oder unbrauchbar doch nicht sein?“

Für mich gibt es keine einheitliche „kreative Klasse“ in unserem Staat, eher dieses „unbestimmte Gefühl der Differenz“ (Adrienne Goehler). Die Autorin fängt den vermeintlichen Widerspruch gleich in ihren Vorbemerkungen auf: „Das Buch wendet sich auch an die Gruppe, die der amerikanische Sozialwissenschaftler Richard Florida die Kreative Klasse nennt, zu der die oben genannten alle gehören oder gehören könnten. Alle zusammen, auch wenn sie noch kein umfassendes Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt haben, sondern sie ein eher unbestimmtes Gefühl der Differenz vereint, sind nicht ein paar vereinzelte AbweichlerInnen vom Mainstream, sondern wir reden hier mittlerweile von einem beachtlichen Teil der Bevölkerung, der auf 20 bis 25 Prozent zu schätzen ist.“

Hueck schreibt: „Nach Goehler sind Kulturschaffende die Avantgarde einer neuen Arbeitswelt. Ein zweischneidiges Kompliment. Denn das Bild des Künstlers als ‚flexibler Mensch‘ ist nicht weit entfernt von neoliberalen Vorstellungen – die eben doch wieder ökonomische Effizienz vor Sinnstiftung im Auge haben und den Menschen letztlich als Material betrachten.“

Goehler sagt auf Seite 28: „Neoliberalismus und Neokonservatismus mit ihren Altideologien des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied sind keine Alternativen zum zerfallenden Sozialstaat, denn sie beschränken sich auf die phrasenhafte Forderung, die Einzelnen sollten ihre ‚Freiheit‘ wahrnehmen und Eigenverantwortung zeigen. Alle kennen den Subtext: Es geht darum, anderer Leute Gürtel enger zu schnallen und das Ehrenamt als Kitt für die Risse im Sozialstaat zu bemühen. Verändert wird so gar nichts, weil von den Einzelnen eine reparierende, eine kompensierende Übernahme für fehlende staatliche Verantwortung gefordert wird. Es fehlt, dass die Einzelnen an den Entscheidungen darüber beteiligt sind, was eigentlich das Soziale in dem Land, in dem sie leben, ausmachen soll und was ihr Beitrag dazu sein könnte.“

Und eben nicht nur das Soziale. Was soll miteinander leben überhaupt ausmachen, im Kleinen wie im Großen?

Wir können an der Beantwortung der großen Fragen doch nur teilnehmen, wenn wir „in unserem Kleinen“ zu reflektieren gewohnt sind. Indem wir uns der direkten Umstände um uns und unsere Mitmenschen bewusst sind. Wie möchte ich leben? Sind meine Werte mit der Freiheit meines Gegenübers (auch desjenigen, der auf einem anderen Kontinent lebt) vereinbar? Wie geht es mir gerade? Sind die Voraussetzungen so, dass ich meine Vorstellung von „leben“ umsetzen kann? Was kann ich dazu beitragen, dass auch das Leben anderer besser wird? Was ist das für mich: ein „gutes“, ein gelungenes Leben? Und: ist es nicht nur spannend zu erfahren, sondern sogar unerlässlich zu wissen, was mein Gegenüber darunter versteht?

*

Man kann jedes System fair oder unfair gestalten. Wie das Kind heißt, ist nebensächlich, wenn es sich asozial oder deviant verhält. Aber: alle Begriffe sind so oder so zu füllen. „Ein von der anerkannten gesellschaftlichen Norm abweichendes Verhalten“ (Wikipedia) kann in höchstem Maße „sozial“ sein: gemeinnützig, hilfreich – wenn das anerkannte gesellschaftliche Verhalten ins A- oder Antisoziale kippt.

Inhalt ist wichtig.

Wie fülle ich eine Sache, einen Begriff? Du kannst die geschlechtergerechteste Sprache haben – ändert sich nichts im Denken und dann im Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft, hilft alles nichts. Das bedeutet nicht, dass sich so etwas nicht bedingt; natürlich tut es das, und ein sensibler Umgang mit Worten fördert und fordert die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Inhalt. Aber ich glaube auch, dass der Krieg auf den Nebenschauplätzen oft vom eigentlich Wichtigen ablenkt.

Wie fülle ich Begriffe wie „Europa“, „Gleichberechtigung“ oder „Kunst“? Geographische Bezeichnung oder eine Idee des Zusammenlebens? Ein schönes Wort oder eine Idee des Zusammenlebens? Das, was im Museum hängt oder eine Idee des Zusammenlebens? Was bedeutet „Kreativität“, was „Demokratie“, was „Verantwortung“? Wovon bin ich da eigentlich Teil? Wie nehme ich eigentlich teil? Nehme ich teil?

So, wie ich glaube, dass es Kunst für alle Menschen geben sollte, die sie sich in ihrem Leben wünschen, so denke ich, dass es gut ist, sich als alle Menschen zusammenzuschließen: für ein kreatives und faires Miteinander, nicht nur europaweit.

 

EI2

Standard

Kunst und Philosophie, Teil 1

Kunst und Philosophie, Teil 1

Erwachsen aus der Erfahrung so mancher KreativkollegInnen sowie meiner eigenen komme ich zu dem Schluss, dass Kunst mit Philosophie mehr gemeinsam hat, als einige vielleicht annehmen werden, und mehr als mit irgendeinem anderen Fach oder einer anderen Wissenschaft. (Warum und dass ich es schwierig finde, Kunst zu einem Studienfach gemacht zu haben, was suggeriert, man könne es studieren und „könnte“ dann „Kunst“, habe ich schon mehrfach hergeleitet und beschrieben und vernachlässige es an dieser Stelle.)

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Empirie“ Folgendes: „Auch philosophische Reflexion, die nicht streng logisch-formalen Kalkülen folgt, wird meist nur durch bloßes Nachdenken oder Spekulation vollzogen; empirische Beobachtungen werden hierzu bewusst nicht herangezogen.“ Jedenfalls gibt es auch in der Kunst keine wirklichen messbaren Ergebnisse, keinen Versuch, um herauszufinden, wie, auf wen und wann Kunstwerke „wirken“. Und auch kein „trial and error“, um von einem Punkt a zu einem Punkt b zu kommen und damit dann „fortgeschritten“ zu sein im Sinne einer vorher angestrebten Entwicklung. In der Kunstgeschichte wird nur rückblickend erklärt, und nur in der Rückschau sieht man eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ – oder meint das zu sehen. Fragte man die vielen, vielen zu ihren Lebzeiten verunglimpften Künstler oder könnte das noch, würden einige davon die heutigen Experten, die sie als bahnbrechend und wegweisend über den grünen Klee loben, sicher am roten Faden aufknüpfen wollen…

In der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft werden immer nur in der Rücksicht Zusammenhänge „verstanden“, wobei dieses „Verständnis“ nicht ein allgemeingültiges Begreifen ist, sondern Ergebnis von Verhandlungen im Kunstsystem, auf dem Kunstmarkt. Es handelt sich also um kein Verständnis, mit dem man außerhalb des „Systems Kunst“ etwas anfangen kann. Solange man Museen für jeden Besucher öffnet (und hoffentlich bleibt das so!), gleich welchen Alters, gleich welchem Bildungsweg er gefolgt ist, gleich welchen Geschlechts und gleich, woher er stammt, solange dürfen Menschen meines Erachtens – selbstverständlich auch außerhalb von Museumsmauern – Kunst genießen und ihr Verständnis einsetzen, sich fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“

In der Philosophie gibt es den Königsweg auch nicht, weder in der akademischen noch in der „Stammtisch“-Variante. So wird z. B. unterschieden zwischen westlichen und östlichen Anschauungen, die sich schon in den Grundsätzen so stark unterscheiden, dass sich das Denken von Kindesbeinen an ebenfalls unterscheiden muss.

In der Kunst ist mein Lieblingsbeispiel meine Erfahrung mit Vorder- und Hintergrund beim Malen/Zeichnen eines Bildes. Die westlichen Schulen lehren, den Vordergrund heller zu malen, damit er sich deutlich vom dunkleren Hintergrund abhebt und dadurch eben als Vordergrund erscheint. Das funktioniert. In der asiatischen Tuschezeichenkunst wird gelehrt, den Vordergrund dunkler zu gestalten als den Hintergrund, damit er sich deutlich vom helleren Hintergrund abhebt und dadurch als Vordergrund erscheint – und auch da sehen die meisten Menschenaugen das Bild so, wie es vom Maler „gemeint“ ist: sie erkennen Vorder- und Hintergrund „richtig“, egal, woher sie stammen. Selbstverständlich spielen auch Perspektiven und Größen der dargestellten Objekte eine Rolle, aber trotzdem: wie kann das sein? Es kann nur damit zusammenhängen, dass trotz gegensätzlicher Herangehensweisen eine Schlüssigkeit hergestellt werden konnte, eine Stimmigkeit in sich.

Eins meiner Lieblingskapitel in Gert Scobel’s „Warum wir philosophieren müssen“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des Widerspruchs. Er sagt, dass das griechisch-abendländische Denken unter anderem auf der Grundfeste beruht, dass mittels Erkenntnissen „zu absolut sicheren, gewissen Sätzen zu gelangen“ sei und dass diesbezügliche Unsicherheiten schlecht ausgehalten würden: „Ein Teil der Geschichte der Philosophie lässt sich als Kampf um Sicherheit beschreiben.“ Und wenig später: „Macht drückt brutal durch, was ihr das Wissen suggeriert – wobei dieses Wissen häufig ein Wissen wider besseres Wissen war und ist. Wer versucht, eine Sicherheit zu garantieren, die im Grunde angesichts der vielen drängenden und ungelösten Fragen nicht herzustellen ist, wird häufig die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten. Anders formuliert: Es war und wird immer wieder möglich sein, gerade in unsicheren Zeiten Sicherheit herzustellen; die Frage ist nur, um welchen Preis.“

In der Kunst – gerade in der etabliert gelebten Variante – kommt es mir häufig so vor, als unterwürfe man sich einer Macht, die die Dinge „gesetzt“ hat – und hinterfragt sie dann nicht weiter. Wo die Kunst sich geöffnet hat, wo sie entgrenzt wurde, werden sofort Stimmen laut, die dadurch etwas in Gefahr sehen, etwas bewahren möchten… – aber was? Heraklit’s „Alles fließt“ hat da keine Chance; zumindest darf es für einige nicht ungesteuert fließen…

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon bei fast allen Dingen, wodurch sie (die Dinge) den Menschen nutzen können, und zwar nicht einzelnen und nicht im materiellen Sinn, sondern auf eine abstrakte Weise allen. Ich frage mich das im Alltag, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, auf die Wissenschaften bezogen… einfach ständig. Im Kunstbetrieb spielt Willkür eine große Rolle; das belegen mir viele Gespräche mit In- und Outsidern. Das „zur rechten Zeit am rechten Ort“-Sein, das Kennenlernen von Menschen, die einem die richtigen Türen öffnen… all das hat mit einer tatsächlichen Arbeit, mit einer tatsächlichen Leistung allenfalls peripher zu tun. Die Schwierigkeit, das als Willkür zu entlarven, besteht darin, dass vorher „Sicherheiten“ geschaffen worden sind, auf denen die Willkür dann legitim ruhen kann. Unser aller Aufgabe sehe ich darin, diese „Sicherheiten“ kritisch zu hinterfragen: wem nutzt was? Vielleicht werden viele der vermeintlichen Sicherheiten dann als Machtinstrument entlarvt, und Menschen erkennen die Manipulation und werden wieder kritischer und freier im Sehen.

„Den Geist und damit den Menschen zu befreien ist die vielleicht letzte Aufgabe von denken und philosophieren“ schreibt Gert Scobel in seinem Buch. Auf dem Weg zu dieser Freiheit könne helfen, die Brille abzusetzen, durch die wir erlernt und nun gewohnheitsmäßig sehen. „In indischen und buddhistischen Systemen sind über die Logik hinaus Verfahrensweisen – Handlungssysteme – entwickelt worden, die es, wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formulierte, möglich machen, jemanden einerseits weiterhin in Kommunikation und wie im Zen-Buddhismus in eine entsprechende Verfahrensweise oder Übung zu verwickeln, ihn andererseits aber mitten in die Widersprüche und Paradoxien hineinzutreiben. Warum? Um ihn oder sie auf diese Weise zu einer Einsicht zu führen. Diese Einsicht hängt nicht mit einer neuen Erkenntnis zusammen, sondern damit, dem Betreffenden eine […] Erfahrung zu ermöglichen, die gleichsam vor der Akzeptanz des Nichtwiderspruchsatzes liegt. Auf diese Weise wird der Blick freigegeben auf das ‚Prä-differentielle’: auf das, was vor allen Differenzen liegt.“

Wie sieht die Welt aus, in der noch keine begrifflichen Differenzierungen stattgefunden haben? Scobel’s Frage führt mich zurück zur Kunst: gäbe es das „System Kunst“ nicht, hätte sich kein Kunstmarkt entwickelt mit seinen Begriffen und Definitionen, mit seinen Macht-gemachten „Sicherheiten“, hätte das vermutlich nicht die wunderbaren Bilder von Turner oder Caravaggio verhindert, es verhinderte keine Skulptur von Rodin oder Claudel oder dass Menschen geboren werden, bei denen ein Leben für ihren Ideenreichtum nicht ausreicht wie bei Orson Welles oder Walt Disney oder Charles Chaplin. Virginia Woolf wäre zur Welt gekommen und Margot Fonteyn, und die eine hätte schreiben wollen und die andere tanzen, und vermutlich hätte nichts das verhindern können. Wie würden ihre Fertigkeiten, ihre Künste auf uns wirken, wenn nicht ein Marktsystem sie uns auch, gleich einem Qualitätssiegel, nahelegen würde…? Würden wir sie wahrgenommen haben? Nehmen wir unsere Zeitgenossen als Kreative, als Künstler wahr, wenn sie Ähnliches „können“ oder tun, auch, wenn sie von niemandem beworben werden?

Ich sehe die Herausforderung zunehmend darin, dass wir bei gleichgeschalteten Medienmeldungen, bei einer Politik, die sich in erster Linie selbst erhalten möchte und erst in zweiter für ihr Volk eintritt (und auch das oft nur noch, damit es wiederum ihr nutzt), selbst mit denken. Dass wir uns Bandbreite erhalten und nicht soviel vorsortieren lassen. Dass wir für uns eine Philosophie entwickeln, jeder für sich. Dass wir innerlich frei bleiben, beweglich. Dass wir uns bei jedem Menschen fragen, was er oder sie uns eventuell sagen oder zeigen kann, das uns weiterhilft, uns weiterbringt auf dem Weg des Werdens bis zum Vergehen.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 2

wird sich beschäftigen mit dem Tetralemma, wie man vom Denken zur Erfahrung kommt und mit Aspekten, Aspektblindheit und Kippbildern – und wie das alles vielleicht mit Kunst zusammenhängt.

Standard