Markttreiben

Der Begriff „Kreativität“ ist etwas abgenutzt, aber ich finde, er tut’s noch ziemlich gut!
Hier im Blog ist er ein paar Mal zur Sprache gekommen; ich habe hier und anderswo konstruktiv zu ihm gestritten.

Über die Schwierigkeit, den Begriff sauber zu definieren, erzählt u. a. die Wikipedia; der Artikel lässt ahnen, von wie vielen Seiten und unterschiedlichen Aspekten man der Kreativität begegnen kann.

Über das kreative Produkt heißt es dort:

„Eine subjektive Sichtweise jeder einzelnen Person ist in der Bewertung nicht auszuschließen, da jedes Individuum nach eigenen Kriterien bewertet, wenn es keine Normwerte zur Verfügung hat und keine allgemeingültige, weil bekannte und gleichzeitig gültige und verlässliche Definition von Kreativität zur Bewertung herangezogen wird. Das bedeutet, dass durch die mangelnde Definition des Begriffs die Wertung eines einzelnen Individuums fast immer subjektiv ausfällt. Erst durch eine (oft implizite) Einigung auf eine Definition und Maßstäben zur Messung von Kreativität ist eine Gruppe dazu in der Lage ist, Kreativität zu bewerten und zu messen. Dieser Vorgang unterliegt dabei auch immer dem Zeitgeist.“

Objektiv messen lässt sich Kreativität also nur sehr ungern. Aber wir haben alle eine Vorstellung von ihr.

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Kreativität bezeichnet nicht alleine Hobby-Kunst, obwohl diese darunterfällt.
Kreativität ist Lebenseinstellung und Fantasie Sie zeigt sich im Umgang mit schwierigen Kunden und wenn man in der Küche ein Gericht noch mal gerade so rettet. Wenn man in der Lage ist, ein Problem auch noch mal von einer anderen Seite aus anzugehen. Und manchmal lässt sie Bilder entstehen. Oder Bücher.

Die Autorin Melanie Lahmer weist in ihrem Blog deutlich auf etwas Wichtiges hin:
Auf einem Markt wird die Kreativität des Erschaffers, der Erschafferin oft so gelähmt, dass diese mitunter ihre Arbeit aufgeben.

Die Wikipedia schreibt:
„In der Kunst erfordert der hier geltende Innovationszwang, dass Kreativität mit Normenbruch, also dem Verstoß gegen tradierte Normen, einhergeht.“

Melanie Lahmer sagt:
„Alle wollen das neue, große Ding, mit dem man für die nächsten Jahre ausgesorgt hat – aber keiner traut sich aus seiner Komfortzone heraus.
Das führt zu der paradoxen Situation, dass Verlage zwar händeringend nach Neuem suchen, das Neue soll aber bitte nicht zu stark vom Gewohnten abweichen.
Und darunter leiden zuallererst wir Autoren. Denn unsere Figuren und Settings dürfen nicht zu ungewöhnlich sein, wir sollen aktuelle Trends bedienen und trotzdem noch etwas Eigenes einbringen (aber nicht zu viel, bitte!). Diese Vorgaben sind so diffus und gleichzeitig einengend, dass sie immer auch Einfluss auf unsere Geschichten haben. Manchmal fühlt man sich wie ein Pferd, das Hufe scharrend vor dem Gatter steht, das sich niemand zu öffnen traut. Man könnte ja aus Versehen im Galopp irgendetwas umreißen.“

Wohin soll ein Künstler ausweichen, den der Markt entweder gebrochen hat oder der zu den Bedingungen dort nicht arbeiten, aber trotzdem weiter künstlerisch tätig sein möchte? Zu dessen Persönlichkeit es untrennbar gehört, sich auf diese seine Weise auszudrücken?
Von mir selbst kann ich sagen, dass auch mich Schranken einschränken und Normen angleichen. Vorgaben geben auch mir etwas vor; ich kann nichts mehr selbst entwickeln, und unter Druck funktioniere ich allenfalls, aber das Wunder der Kreativität wird sich mit Sicherheit nicht ereignen! Es braucht das Spielen, die Ergebnisoffenheit.

Einem Markt, der auf Gewinn aus ist oder zumindest Verluste vermeiden soll, macht ergebnisoffenes Arbeiten Bauchschmerzen, was ich aus Marktsicht sogar verstehe. Der Markt ist Mechanismen unterworfen, die ihn zu dem System machen, das er ist. Würde er den Wachstums- und Konkurrenzgedanken aufgeben, würden Köpfe und Arme des Marktkörpers sterben.

Handel ist die Bestimmung des Marktes. Doch wie kann etwas so Flatterhaftes, manchmal Flüchtiges, Lehrendes, manchmal im Flow Erlebtes, manchmal hart Erarbeitetes, mit Zeit und auch sonst nicht objektiv Messbares wie Kreativität sinnvoll gehandelt werden?
Es ist, wie Luft an der Börse zu handeln, also entweder unmöglich, oder es braucht fast schon kleinkriminelle Energie, Menschen außerhalb der Gewinnzone die Mechanismen schmackhaft zu machen. KreativarbeiterInnen liegen oft außerhalb jeglicher Gewinnzonen.

Der Gewinn für jemanden, der seine Kunst leben möchte, hat oft nichts mit materiellem Gut zu tun.

Melanie Lahmer: „Für jeden Autor, der einen Vertrag wegen seiner schlechten Bedingungen nicht unterschreibt, kommt ein neuer nach, der ihn zu noch schlechteren Bedingungen unterschreibt und sich dafür eine Flasche Sekt öffnet. Das mit dem Jubel und dem Sekt kann ich natürlich gut verstehen, das habe ich auch gemacht. Aber leider hat man damit schon den ersten Schritt in Richtung Selbstaufgabe und fehlende Wertschätzung getan. Wer sich unter Wert verkauft, setzt damit automatisch auch einen Marker. Dann zeigt man, dass man zu allen möglichen Kompromissen bereit ist, solange man sein Buch veröffentlichen darf.
Denn eines ist klar: Wenn ich diesen Vertrag nicht unterschreibe, bekomme ich möglicherweise gar keinen. Und eigentlich wollen wir doch nur eines: gelesen werden. Und dafür brauchen wir Leser, die wir auf irgendeine Weise erreichen müssen – sei es durch Verlage und den Buchhandel oder ohne Verlag im Internet.“

Das habe ich mich oft gefragt: verraten KreativarbeiterInnen sich und ihre Gabe, wenn sie sie zum Verkauf stellen, Kompromisse machen? Ich tu mich schwer, jegliche Verantwortung bei ihnen zu suchen. Der eine wird es aus guten, gerade zitierten Gründen tun, jemand anderes wird es aus genau so guten persönlichen Gründen lassen. Ich tu mich schwer damit, zu akzeptieren, dass gerade die Energie der KreativarbeiterInnen mit solchen Fragen angefressen wird. Aber ich kenne sie gut…

In Gesprächen habe ich oft ein Szenario aufgemacht, bei dem ich davon ausging, dass man die Absurdität sofort erkennt: alle KreativarbeiterInnen, die nicht gut bezahlt werden, stellen die Arbeit ein. Ein Streik. Der ist nämlich bei der Vielzahl von zum Beispiel AutorInnen mit ihrer unterschiedlichen Haltung und der vielen unterschiedlichen Verlage nicht zu organisieren. Und was sollen MalerInnen tun, die vielleicht – ich weiß es nicht – noch zahlreicher sind? Ein Aspekt des Problems: KreativarbeiterInnen auf dem Markt unterscheiden sich nicht von denen anderswo. Ihr „Endprodukt“ kann das gleiche sein. Unter MalerInnen ist daher „Schwarzarbeit“ ein großes Thema. Doch warum wird das nicht so ernst genommen wie beispielsweise bei Fliesenlegern oder anderen HandwerkerInnen, warum klingt das eher lustig? Weil Kunst in der Gesellschaft noch nicht als akzeptiert angekommen ist? Oder weil Handel mit einer nicht messbaren, nicht objektiv bewertbaren Sache so schwierig ist?

Ich gehe so weit zu sagen, dass fairer Handel auf dem Parkett der Kreativarbeit nicht möglich ist. Weil Unvergleichliches zum Vergleichen – und Handel vergleicht immer – angeglichen wird. Weil Nischenprodukte, die sich nicht verkaufen, aber die es geben muss, um Individualität und Vielfalt zu würdigen, hintenüber fallen, in der wahrnehmbaren Welt nicht mehr vorkommen. Weil mit etwas gehandelt werden soll, das allen gehört wie die Luft, die wir atmen: Fantasie und unser individueller Ausdruck dieser Fantasie.

Melanie Lahmer: „Es ist hart und es bleibt hart und ich bin nicht optimistisch genug, um an eine Besserung zu glauben. Irgendwann fällt das bisherige System in sich zusammen, und dann bleiben vermutlich nur wenige übrig. Aber bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin meine Geschichten und versuche, so gut wie möglich davon zu leben.“

Vielleicht – wenn sich der Mensch bis dahin nicht selbst vernichtet, was ich in der letzten Zeit öfter fürchte – gibt es mal eine Gesellschaft, in der unser Versorgtsein nicht an unsere Lebensidee gekoppelt ist. Wir uns nicht entscheiden müssen, ob wir Essen kaufen oder Stifte, ob zum Malen oder Schreiben. Die Kinder fürs Leben lernen und nicht dafür, ihr Leben lang der materiellen Versorgtheit hinterher zu laufen und gesellschaftlicher Ächtung unterliegen, wenn das nicht gelingt, und das Gelingen FÜR ALLE wird immer schwieriger.

Vielleicht, wenn wir alle in einem Punkt zusammenhalten: das, was unser Menschsein ausmacht, nicht zu verraten. Und das individuell, unterschiedlich.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t

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https://siegerlandkrimis.wordpress.com/2018/03/23/autoren-unter-druck-ii/

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Selbstkritik und Energie

Als Feedback zu http://stefanbeck.de/das-seminar/ vom 10.02.2017

Zu Deinen Gedanken zu Clement Greenberg u. a.

 

Selbstkritik und Energie

 

Lieber Stefan,

Du willst Dich als Künstler im „Prozess der Selbstkritik“ üben, und ich frage mich: wie geht das praktisch? Womit findet dann Vergleich statt? Und wenn man etwas oder jemanden findet, um im gegeneinander-Abwägen so einen wertenden Vergleich zu starten: wer legt die Kriterien fest? Man selbst? Der andere? Irgendjemand? Wer oder was ist die Instanz, der Maßstab? Und wenn ich „Selbstkritik“ so landläufig denke wie bisher: ich nehme irgendein anderes Verhalten/Vorgehen als das möglicherweise „richtigere“ an und hinterfrage mich dahingehend: warum nehme ich dann – auf die Kunst bezogen – das „andere“ als das „richtigere“ an?

Oder ist solches Empfinden nicht nur eine „normale“ Weiterentwicklung, ob auf dem Weg der Kunst oder einem anderen? Man wird beeinflusst und nimmt Dinge an oder nicht, entwickelt sich also von einem bestimmten Punkt x weg? Will sagen: wenn jemand annimmt, dass die Kunst für ihn oder sie an einen Endpunkt gelangt ist, was veranlasst ihn oder sie dann, es für alle Menschen als objektive Erkenntnis anzusehen, wenn es immer wieder Menschen gibt, die eine andere Entwicklung durchmachen und es deswegen anders sehen (und eben nicht heillos „romantische“, sondern kritische, selbstbewusste, differenziert denkende Personen sind)?

Wenn Du sagst, dass Du die Kunst beinahe in Richtung Aufhebung gehen siehst oder gehen wollen siehst… kommt es mir so vor, als wolltest Du einen Riesensprung über jede (doch zumindest) mögliche Entwicklung* der Kunst machen zu einem Punkt, den Du (subjektiv, persönlich) schon jetzt als gekommen siehst (und damit auch vorwegnimmst, dass er kommen wird). Ich denke, dass das sogar geht, aber eher auf der persönlichen Ebene, gleich einer Philosophie, einer Lebens- oder eben Kunstphilosophie, wirklich ähnlich der Einstellung zu beispielsweise Religiosität. Wenn es authentisch empfunden ist, beeinflusst diese Einstellung ja einfach alles, und ich verstehe Dich insofern sogar. Nur – wie immer – habe ich Schwierigkeiten mit dem Überstülpen einer Einstellung auf auch nur eine andere Person, die es aus ihrer Entwicklung heraus ganz anders sieht. Ich lese gerade „So viel Energie“ von Hanna Gagel quer. Darin geht es um „Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“, so auch der Untertitel. Was da an persönlichem Hadern, sich-Quälen abging in so manchem Leben, das Hin und Her des „Was bringt es?“, „Genüge ich?“ usw. usf. – wolltest Du auch nur einer von ihnen sagen, dass es mit der Kunst, wie wir sie bisher kannten oder begriffen haben, sowieso aus ist, sie sich also nicht weiter quälen braucht? Dabei ist doch genau dieses Ringen „das Äußerste versuchen“!

Nun kann man argumentieren, dass die portraitierten Ladies alle alten Semesters wenn nicht schon verstorben sind, aber es gibt immer wieder Nachwuchs für die Kunst. Und das auch im Kunstbetrieb, auf dem Gebiet der Marktkunst, was damit dem Argument begegnet, Kunstlaien und schaffende Hobby-Künstler sähen das vielleicht so, „aber…“

Was Dir fehlt, wenn ich Dich richtig verstehe, ist Minimalismus bis hin zur „Reinigung“ hin zur Tilgung, und das auf allen Gebieten der Kunst.

Wikipedia: „Minimalismus strebt nach Objektivität, schematischer Klarheit, Logik und Entpersönlichung. Typisch für Skulpturen und Objekte des Minimalismus ist das Reduzieren auf einfache und übersichtliche, meist geometrische Grundstrukturen […]“

Bei Adorno habe ich (denke ich/hoffe ich!) begriffen, dass er forderte, die Kunst/das Kunstwerk möge sich bitte vom Erschaffer emanzipieren, ein für sich selbst sprechendes Ding werden/sein. Entpersönlichung in Reinform, aber eben dann doch auch Entmenschlichung! Künstlerkollege Peter Busch (http://www.aus-der-waldhuette.de/), der minimalistisch arbeitet und den ich schätze, ist doch nicht beliebig austauschbar durch jeden Menschen, der auch minimalistisch arbeitet; es spielt doch eine Rolle, dass da der Mensch Peter Busch arbeitet! Und wenn da Menschen arbeiten in der Kunst, dann gibt es sehr legitim so lange alles, was Menschen eben für notwendig halten bei der Kunstarbeit.

Wikipedia: „Als ihre Stärke hebt Schnädelbach die Pluralität der Philosophie hervor und begreift sie als fortlaufend kritisches Gespräch im Spannungsfeld von Aufklärung und Wissenschaft.“

Zitat Herbert Schnädelbach: „Die Philosophie ist ein Plural; ihre innere Pluralität ist ihre Stärke. Ein Grund hierfür liegt in dem Doppelcharakter, mit dem sie im Abendland entstand – als Wissenschaft und Aufklärung. Welterkenntnis und Selbstdeutung, objektive Theoriebildung und subjektive Orientierung – das Erbe von Aristoteles und Sokrates – sind in unserer Tradition immer wieder neue Konstellationen eingegangen. Auch darum müssen wir heute Aufklärungsbedarfe immer zugleich an die Wissenschaften verweisen – hier wird m. E. über die Differenz zwischen Philosophie und Pseudophilosophie entschieden – wie wir umgekehrt in den Wissenschaften Aufklärungsprozesse anzumahnen und zu ermuntern haben. Aber auch der Sache nach ist die Philosophie ein Plural, wenn wir sie als Inbegriff gedanklicher Orientierungsversuche im Bereich der Grundsätze unseres Denkens, Erkennens und Handelns verstehen. […] Hierbei werden wir uns der verschiedensten Hilfsmittel bedienen – nicht nur was uns die historisch-hermeneutische Wissenschaftlichkeit an die Hand gibt; Monopole sind auch in der Philosophie kontraproduktiv. So vielfältig und vielgestaltig die Erwartungen sind, die an uns herangetragen werden, so phantasievoll und flexibel müssen wir sein, wenn es darum geht, ob wir sie verantwortlich erfüllen oder sie enttäuschen.“

Ich mag disziplinübergreifendes Denken, weil es vor Fachidiotie bewahrt, Dialog fördert und sich mit der „Alltagstauglichkeit“ der Dinge beschäftigt, wenn man so will. Und auch, wenn Philosophie und Kunst nicht direkt vergleichbar sind: kann man nicht auch die Kunst als einen Plural denken…?

Viele Grüße,

Sabine

 

* Ich glaube nicht an eine Entwicklung „der“ Kunst, weil ich zum Beispiel ja auch nicht an einen Gewinn durch „Entpersönlichung“ glaube. Oder, um dem Vorwurf zu entgehen, dass alles eine „Glaubenssache“ sei: ich halte eine Entwicklung in der Kunst für nicht in dem Sinne vorhanden, wie es gelehrt wird, sondern bin der Ansicht, dass man nur in der Rückschau einen „roten Faden“ zu sehen meint. Du hast selbst (mindestens ein Mal, an das ich mich erinnere) beklagt, worauf im Studium mittlerweile Wert gelegt wird, und die Anpassung der Studenten an die aktuelle „Mode“, an das, was „läuft“, spielt eine Rolle bei dieser später in der Rückschau gesehenen angeblichen Weiterentwicklung. Ich halte das also nicht für authentisch. An eine persönliche Weiterentwicklung glaube ich unbedingt, aber wiederum nicht in dem Sinne, dass das dann unbedingt für einen Betrachter sichtbar wäre; ich verweise immer gern auf die Anekdote, wo jemand die Weiterentwicklung eines Künstlers x lobt, aber die Kunstwerke, die das belegen sollen, auf der Zeitachse vertauscht…

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Ein (fast geführtes) Interview

Vor dem Interview

Sabine: Warum musst/möchtest Du komplett mit Posten aufhören, „nur“ weil Du mit Kunst aufhörst? Wie ist das jetzt mit dem Interview? Darf ich Dir Fragen stellen/schicken? Und darf ich das dann öffentlich machen? Ich würde mich echt sehr freuen… denn ich mache weiter mit dem, was ich so mache… und es wäre mir echt ’ne große Ehre!

Katrin: mir ist aufgefallen, dass wenigstens ein öffentlicher post noch fehlt 🙂 . ich muss noch englisch werden – die verstehen das ja alle gar nicht.

Ansonsten ist genau das der unterschied: privat und geschäftlich. Ich kann als privatperson/ exkunstmacherin ein Interview geben – kannst mir ja die fragen schicken. hast du eine meiner e-mail adressen? noch funktioniert […]. wäre auch mir eine ehre und ein schöner teil eines abschlusses. und na klar kannst du das veröffentlichen. ich werd dich nur damit alleine lassen.

— ja. ab dann musst du dich mit dem zufrieden geben, was an resten noch da ist. meine kunst war sehr privat, aber sie war immernoch kunst. jetzt ist privat privat. du bist hier als eine bekannte mit mir verbunden und ob meine engen freunde auf fb noch was von mir sehen, wissen die wahrscheinlich schon besser als ich. ich nehme die digitale Welt nicht als echt an, das sind alles nur infos, die wahr sein können oder auch nicht – mir fehlt der geruch – insofern kenne ich dich noch nicht.

—- keine ahnung ob und wo ich dann doch wieder auftauche 🙂 ich hab jedenfalls keinen plan. mein leben ist jedenfalls noch nicht vorbei.

Sabine: Hallo Katrin, dankeschön! Ich antworte Dir privat und schicke Fragen. Ein Gespräch hätte ich noch netter gefunden, aber dafür wohnen wir sicher nicht nah genug beieinander…

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Einschub 1: Ich „kenne“ – sprich: verfolge, was sie macht – Katrin, seit mich mein befreundeter Künstlerkollege Stefan (für ihn benutze ich jetzt dieses „K“-Wort, für mich hätte ich ein anderes gewählt, aber auch mit „K“ 😉 ) auf dieses Video

https://www.youtube.com/watch?v=ZEvZbyeYkh0

aufmerksam gemacht hat. Da hatte – für mich zum ersten Mal – jemand in Worte gefasst, was ich für mein Empfinden nicht besser hätte ausdrücken können. Dieses auch von mir gefühlte, gesehene, gehörte, erlebte „viel, viel, viel, viel, viel, …, viel, viel, viel,…, viel, viel, viel,…, viel mehr“ in der Kunst, als es der Kunstmarkt glauben machen könnte, habe ich seither oft genau so zitiert. Und jedem, der es hören wollte oder nicht, Katrins Video ans Herz gelegt.

Und nun hört diese junge und ehemalige angehende studierte Künstlerin Katrin Herzner mit der Kunst auf.

Ich habe so viele Fragen! Dass in ihr ein ambivalentes Gefühl war, habe ich in der Tragweite erst durch die Dilsberg-Videos (https://www.youtube.com/watch?v=vUFpd_CpxPs&list=PLkzFBRIjXJlj1YI3G53L18N0405x-V_qM) richtig begriffen, besonders durch ein bestimmtes. Dass es aber dort und jetzt so endet, hat mich dann doch überrascht. Zum Glück hat sie zugestimmt, dass ich sie befragen darf, und ich hoffe, dass unser „versetzter Dialog“ für Euch, die Ihr Interesse habt, gut lesbar wird.

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Einschub 2: Zu meinem großen Bedauern hat sich Katrin entschlossen, dass das Private SOFORT gilt und sich daher dagegen entschieden, meine Fragen zu beantworten, noch ehe sie sie hatte. Ich habe Verständnis dafür, doch meine Fragen bleiben – im Prinzip an alle, die irgendwann aufhören/aufhören wollen, Kunst zu „machen“. Daher habe ich mich durchgerungen – auch, wenn’s jeck wirkt – diese Fragen zu stellen, in den Äther, irgendwem.

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Das Interview, wie’s geplant war

Sabine: … dann wird das jetzt nichts mehr mit dem gemeinsamen Video, zumindest nicht als „Kunst“ 😉 … hallo Katrin! Wenn Du einem Außerirdischen, der zwar unsere Sprache und Bedeutungen versteht, aber nichts auf der Erde wirklich kennt, Deine jetzige Situation in drei Sätzen schildern solltest: welche wären das?

Sabine: Ich wäre jetzt gerne direkt auf Deine ersten von mir mit Spannung erwarteten Sätze eingegangen, aber weil die Fragen ja erstmal allesamt ohne Deine Antworten auskommen müssen, nun gleich weiter: begreifst Du Deine Entscheidung eher als „scheitern“ oder als „folgerichtige (wert)geschätzte Entwicklung“ oder als etwas ganz anderes?

Sabine: In der Hoffnung, dass das nicht bereits beantwortet ist (mann ist das schwer, auf diese Art zu interviewen!): was hat Dich, wenn Du in Dich hineinhorchst, letztendlich, als Hauptgrund, bewogen, aufzuhören?

Sabine: Es stellt sich mir die Frage, ob Du bezüglich Deiner künstlerischen Ader – die ja nicht plötzlich weg ist, nur, weil Du aufhörst – nun anders lebst… ob Du beispielsweise Impulse, etwas zu erschaffen, unterdrückst… und wenn Du sie nicht unterdrücktest und die Sache erschafftest, wo für Dich der Unterschied läge in der Arbeit, die dann entstehen würde zur Arbeit, die im Kunst-Zusammenhang entstanden wäre – der Unterschied neben der Tatsache, dass dann eine Privatperson etwas Künstlerisches erschaffen hätte…

Sabine: Glaubst Du, erwartest Du, rechnest Du damit, dass Dir das Öffentliche fehlen wird?

Sabine: Ich möchte einmal auf das Posting eingehen, mit dem Du mir bei facebook bestätigt hast, dass ich Dir Fragen schicken darf. Darin sagst Du, dass Du „die digitale Welt nicht als echt“ annimmst… für mich ist sie so echt oder unecht wie die sogenannte „reale“ Welt; in beiden gibt es Authentizität und das Gegenteil davon und alles dazwischen. Stefan „kannte“ ich jahrelang nur per Internet-Austausch, und obwohl ich ihn dann gerne auch persönlich getroffen habe, hat mir in unseren Gesprächen vorher nichts gefehlt… die wären „offline“, „in real life“ (bis auf den Unterschied zwischen Schrift- und Umgangssprache) wohl ganz genau so abgelaufen. Hast Du merkwürdige Erfahrungen gemacht (die gibt es ja immer auch!) oder bist Du einfach vorsichtig? Kristallisiert sich zwischen Internet-Kontakten und Dir nicht im Laufe der Zeit etwas heraus… ein Gefühl für die/den andere/n, das den „Geruch“ ersetzt… ein „digitaler Geruch“ sozusagen?

Sabine: Wenn Du sagst, dass Du mich dann „damit alleine lassen“ willst – heißt das, Du wirst in Zukunft auf gar nichts mehr im Netz Bezug nehmen, oder nur darauf nicht? Ganz unabhängig von facebook: Surfst Du privat? Kommentierst Du sonst manchmal andere Postings oder Beiträge, oder hast Du das, wenn, nur im Kunst-Zusammenhang getan?

Sabine: Du konntest Dich über Deine Kunst gesellschaftlich, gesellschaftspolitisch sehr einbringen; jedenfalls habe ich sie so verstanden. So eine Haltung (wenn man das so nennen möchte) verliert man ja nicht plötzlich. Hast Du denn diesbezüglich Pläne, wie Du das weiter ausleben möchtest? Oder würdest Du das gar nicht so nennen, be-nennen wollen und lässt es auf Dich zukommen? Hast Du Deine Kunst als Haltung empfunden? Und wenn das Wort nicht greift: gäbe es einen Ausdruck, der es treffen würde?

Sabine: Ich möchte noch mal auf Dein [schon oben angesprochenes] Video Bezug nehmen, das zuerst auf der perisphere-Seite zu finden war, da unter „Wie alles funktioniert – Große Kunst“ oder so ähnlich… das gefiel mir ja in seiner- ja: beinahe Widersprüchlichkeit zum Kunstsystem so gut: eine Insiderin wagt zu sagen, wie’s wirklich ist, sozusagen… glaubst du, dass Dein Aufhören auch mit diesem Widerspruch zu tun haben könnte: dass das Kunstsystem sich konzentrieren muss, ausgrenzen muss, um bestehen zu können, Du aber so „viel, viel, viel … mehr“ an Kunst wahrgenommen hast?

Sabine: Du bist viel gereist, bist teilweise bis dicht an Kriegsgebiet geraten (oder sogar hinein?)… ist es möglich, dass Du Kunst als solche in diesem Zusammenhang als gescheitert, nicht ausreichend wirksam, vielleicht gar unpassend wahrnimmst?

Sabine: Es wäre spannend, in Jahren zu gucken, ob sich etwas in Deiner Einstellung zum „Kunst lassen“ gewandelt, verschoben, verstärkt hat… wenn Du erlaubst, frage ich Dich gerne wieder. Einstweilen wünsche ich Dir ganz herzlich viel Glück, Gelingen und bei allen Welt-Enttäuschungen um uns herum auch immer wieder Freude am Tun, was auch immer!

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