Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

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Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

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Dreißig! 

Als ich vor 30 Jahren mein Gesicht begründete („Zur Begründung meines Gesichts“, in: „Anthologie ohne Titel“, Berliner Festspiele GmbH, anrich verlag GmbH, Kevelaer 1988) mit einem Text voll ernster Ironie, dachte ich höchstens ein, zwei Jahre weiter, wie das eben so ist mit 20. Mein Thema: die nach meiner damaligen Erfahrung mehrheitlich verlogen gestellte Frage nach dem Befinden. Mein fragendes Anliegen schon damals: wie sinnvoll ist die maskenhafte Begegnung zwischen Menschen, aber inwiefern ist da eine Änderung im Miteinander möglich und: ist die immer sinnvoll?

Mir war zwar bewusst, dass ich mit dem in-die-Welt-Schicken des Textes an einem Wettbewerb teilnahm, aber da ich – bis auf den riesigen Fresskorb bei der Schul-Tombola – noch nie was gewonnen hatte, rechnete ich mir nicht nur nichts aus, sondern vergaß es beinahe ganz. Bis Wochen später folgender Brief ins Haus flatterte:

Erstmal hob ich ihn nur auf, um in Berlin Missverständnissen vorzubeugen; ich hätte jeden verstanden, der mich für eine Hochstaplerin gehalten hätte. Aber das angekündigte nächste Schreiben kam, und so brachen 21 (zwei Teilnehmer kamen von dort) junge Leute aus verschiedenen Bundesländern am 20. November 1987 für vier pickepackevolle Tage nach Berlin auf.

Für mich war es in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich: die Bahnreise durch „Feindesland“ – dass es solches war, demonstrierten die Grenzkontrollen eindrücklich -, das Zusammentreffen mit so vielen unbekannten Menschen in der großen mir unbekannten Stadt, das neue nach-außen-dazu-Stehen, was einen bewegt, der intensive Austausch.

Am Nachmittag des 21. war Probe und ich dann an diesem ersten Lesungsabend der Eisbrecher. Das war gut so, denn die Aufregung hätte mir das unbeschwerte Erleben dieser Tage dann doch vereitelt. Hatte ich vor dem Aufrufen des Namens noch gewaltiges Herzklopfen, war das am Mikro auf einmal weg, und ich genoss es beinahe:

Schön, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten kennenzulernen: Ralf mit der Auseinandersetzung zwischen Brüdern, die mir nah ging. Christian, einer der Berliner, mit der nicht minder zu Herzen gehenden Bürgerkriegserfahrung aus der Sicht eines Familienvaters. Stefan ließ eine Fliegerstaffel verschwinden und Lars einen Manfred „den kleinen Tisch beiseite“stellen, der einzige Satz seines Gedichts „Sonntagmorgen“. Felicia Zeller ist mit Theaterstücken später richtig bekannt geworden, auch Ralf schreibt für seine Theatergruppe, und Stefan hat sich in seiner Ruhrgebietsheimat mit Gruselgeschichten einen Namen gemacht. Ralf, Christian, Stefan und ich freundeten uns an.

Ich blieb zwar dem belletristischen Schreiben nicht treu, aber verfasste durch die Jahre weiter nicht-wissenschaftliche Sachtexte rund um Kunst, Kreativität, Gesellschaft – um den Menschen. Ich begann zu bloggen und habe mich in diversen Diskussionszirkeln bewegt, mich in Gesprächen engagiert, daneben immer auch gezeichnet und gemalt.

Die „Anthologie ohne Titel“ könnte der Titel sein für mein kreatives Leben ohne eindeutiges Ziel, eindeutiges Werk. Auch damals hatte ich kein eindeutiges Ziel, auch nicht, was das Schreiben anging. Dieses Ziellose, Unehrgeizige in mir kann eine Karriere, wie sie landläufig verstanden wird, verhindert haben. Ob das Talent gereicht hätte, werde ich nicht erfahren. Aber ich wollte es nie austesten; ich wollte nur immer authentisch leben.

Wir waren damals im zweiten Jahr dabei; den Wettbewerb gibt es immer noch; heute ist der diesjährige Abschlusstag; heute vor 30 Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Für mich ist es schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute auf den Weg machen, sich und ihren Platz in der Welt zu suchen, Auseinandersetzung zu suchen.

P.  S.: Meine Einstellung zur „mehrheitlich verlogen gestellten Frage nach dem Befinden“ hat sich durch die Jahre übrigens weiter relativiert 😉 .

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https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/bundeswettbewerbe/treffen_junger_autoren/ueber_festival_tja/aktuell_tja/start_tja.php

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Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Authentizität

„Jedenfalls ist es immer ein Dialog.“

Es hilft zum Verständnis der folgenden Interview-Ausschnitte, die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal beim Sprechen zu hören und zu sehen. Ich bedaure, dass ich die Dokumentation nirgendwo mehr komplett finde.

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http://www.migros-kulturprozent.ch/de/home/ein-konzertsaal-ist-keine-wellnessoase

„Ich wollte keine Kompromisse machen, sondern die Leute finden, mit denen ich eine gemeinsame Sprache teilen kann.“

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„Das lässt Raum zum Lernen. Es ist nicht wie in Wien oder London, wo man wirklich gut sein muss.“

Bitte? An kleinen Orten müssen Sie nicht so gut sein?

„Doch, doch … aber da kann ich es wagen, auch einmal zu experimentieren. Da kann ich Dinge tun, von denen ich noch nicht weiß, ob sie gelingen oder nicht. Und deswegen sind für mich die kleineren Orte fast interessanter als die großen, wo man wirklich das liefert, was man schon über die Stücke herausgefunden hat. Allerdings bin ich auf gutem Weg, auch dort freier spielen zu können. Ich möchte den Konzertbesuchern in London oder Wien verständlich machen, dass diese Freiheit der Motor für Bewegung und Entwicklung ist. Musik ist nicht etwas, das immer zu 100 Prozent klappt. Es geht nicht darum, alle Töne rund und schön abzuliefern.“

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„Wer mit einer vorgefertigten Meinung ins Konzert kommt, kann bei mir nur enttäuscht werden. Ich spiele nicht das, was man erwartet.“

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„Das Publikum hat sich an mich gewöhnt. Es erwartet sogar zunehmend das, was ich verständlich zu machen versuche: Dass es neben spielerischer Perfektion und der immer gleichen einbetonierten Fassung eines Stückes, die man von den Schallplatten her kennt, auch andere Wege gibt.“

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Ist, wer Ihr Mozart-Spiel kritisiert, in der Zeit stehen geblieben?

„Eine solche Person ist in ihrer Persönlichkeit stehengeblieben und kann nicht aus sich heraus – eine solche Person will immer wieder das genießen, was sie verstanden hat. Ich glaube, Kunst muss einen Menschen auch mit Dingen konfrontieren, die er nicht mag.“

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„Das ist wie mit den Kleidergeschäften – von London bis Zürich: Alles sieht gleich aus! Die musikalische Globalisierung ist enorm stark. Überall spielen die gleichen Leute das gleiche Programm. Es gibt kein Gesicht mehr.“

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Entstehungsgeschichte/n

Die Schmuck-Künstlerin Heidi-Jeannette Valkenburg kenne ich von den Künstlermärkten im Sandbauernhof Liedberg, die, von einer Freundin und mir initiiert, von 2007 bis 2012 dort stattfanden. So sah ich ihre Arbeiten sofort live und war fasziniert von ihrer zierlichen Schönheit. Ich selbst schätze mich glücklich, ein paar Schneeflöckchen-Ohrstecker aus ihrer Fertigung zu besitzen.

Hier lässt uns die Goldschmiedin, die sagt, dass sie Schmuck mache, solange sie denken kann, sobald sie „sehen, aufnehmen und in irgendeiner Form umsetzen konnte, was in [ihrer] Vorstellung entstand“, an den Entstehungsgeschichten ihrer edlen Arbeiten teilhaben:

„Um sichtbar zu machen, was eigentlich in meiner Werkstatt geschieht, damit am Ende ein Schmuckstück entsteht, sind hier für einige Arbeiten die Stationen des Bauens dokumentiert. Wer also wissen möchte, wie aus einem Stück Gold oder Silber oder einer Wachsform eine kleine Kostbarkeit wird, ist herzlich eingeladen, sich die ‚Bildergeschichten‘ anzuschauen.“

https://geschmie.de/entstehungen

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Kunst lassen oder: Die ureigene essenzielle Idee

Vielleicht deckt sich ja das, warum jemand mal mit Kunst (oder der Beschäftigung mit ihr) angefangen, weitergemacht, aufgehört hat, in der Auseinandersetzung mit dem Weg irgendeines anderen Menschen, der mit Kunst gar nichts zu tun hat, rein vom Be-Weg-Grund her… ist das auch für Euch vorstellbar?

Warum beginnt jemand, warum hast DU begonnen – wenn es so ist – Dich mit Kunst zu beschäftigen? Wenn Du ganz zurück gehst in Gedanken… was war Dein Hauptbeweggrund dafür? Ich glaube nicht daran, dass jeder, der beginnt, Kunst zu „machen“, Kunstgeschichte schreiben möchte (wie es ein Freund mal formuliert hat, der es, wenn ich es richtig erinnere, von seinem Professor hatte); dass es beispielsweise um Berühmtheit geht. Aber ich glaube fest, dass jede Person, die damit mal begonnen hat, einen Mitgestaltungsimpuls hat, sich in die Welt einbringen möchte, und das dann bestmöglich. Manchmal aus rein ästhetischen Gründen, um die Welt ein bisschen schöner zu machen, oft aus inhaltlichen Gründen, um die Welt zu bewegen. Ich benutze hier bewusst keine Wertung, obwohl ich finde, dass inhaltliche Auseinandersetzung die Welt oft auch ein Stückchen „besser“ machen kann; „besser“ im Sinne von (und es beginnt immer mit) Bewusstmachung, und Bewusstmachung beginnt ganz oft mit Zeigen, mit Hinweisen auf etwas, das der andere noch nicht (so) gesehen hat.

Warum habe ich im ersten Absatz keinen Unterschied gemacht zwischen anfangen, weitermachen und aufhören? Weil es für die in meinen Augen wünschenswerte und unerlässliche Auseinandersetzung in und mit der Welt egal ist, zumindest im Fall von Kunst. Wenn jemand mal Kunst „gemacht“ hat und das irgendwann nicht mehr tut, dann ist doch da immer noch derselbe Mensch mit seinen Gefühlen, Gedanken und Motivationen in der Welt, die vielleicht kaum anders sind zu den früheren Gefühlen, Gedanken und Motivationen… und Auseinandersetzung und „Geben“ werden einfach anders weiter stattfinden.

Vielleicht hören sich meine Worte nicht schlüssig an für viele, die mich kennen, weil ich andererseits sage, dass ich es wohl niemals lassen wollen werde, mich auch im Malen (oder sonst wie kreativ) auszudrücken. Ich müsste es also abwegig finden, Kunst zu „lassen“, wenn ich irgendwann mal damit angefangen habe.

Was bedeutet „abwegig“? Im landläufigen Sinne irrig, abseitig, ungereimt, fremd, verfehlt, weithergeholt, unmöglich, unbegründet, unlogisch, unsinnig, unhaltbar, unberechtigt, unrealistisch, unzutreffend, falsch, vernunftwidrig, verstiegen, ausgefallen, entlegen, befremdlich, absonderlich, ohne Sinn und Verstand, unausführbar, absurd (mit freundlicher Unterstützung durch ‚wissen.de‘).

Für mich bedeutet es auch neutraler „ab“ zu gehen von einem vertrauten „Weg“. Ich finde Kunst zu „lassen“ weder irrig noch verfehlt, auch nicht unlogisch oder falsch.

Kunst zu „lassen“ ist eine Entwicklung, die man würdigen sollte wie jede andere Entwicklung auch. Man kann sie auch werten, aber sicher nicht einteilen in „richtig“ oder „falsch“. Nachspüren, was der Beweggrund sein könnte für „aufhören“ ist genau so fruchtbar wie das Erspüren des Grundes für „anfangen“.

Ich kann Kunst nicht getrennt sehen von all den anderen Dingen, die in der Welt sind. Ich kann alles, was mit dem Menschen zu tun hat, nur noch ganzheitlich denken. Wann immer Menschen etwas tun oder lassen, sind im besten Fall – wenn Dinge freiwillig geschehen – Überlegungen vorausgegangen, begleitet von Gefühlen und Erlebnissen. Und das hat immer seine Berechtigung. Verantwortung kann man auf verschiedene Arten tragen.

Kunst kann nur nachrangig, höchstens beirangig funktionieren; sie kann nur als bereichernd empfunden werden, wenn sie eingebettet ist in ein ganzheitliches Menschenbild, und der Mensch/die weltlichen Lebewesen, sind das, worum es geht. Und zwar nicht hochherrschaftlich gedacht, sondern kameradschaftlich, für ein gutes, für alle (zumindest in den Grundvoraussetzungen) zufriedenstellendes Miteinander.

Was ist die Essenz dessen, das Dich zu den Dingen bringt, Deine ureigene essenzielle Idee? Und ist es nicht dieselbe Essenz, die Dich manchmal auch wieder weg führt, woanders hin?

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Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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