Beuys, Teil 2

Ich gehe nicht unbedingt mit Joseph Beuys konform – ohne zu behaupten, dass ich ihn da richtig verstehe – dass Provokation „nichts anderes“ sei als Produktion. Und er stellt die Qualitätsfrage, was ich durchgehend als schwierig empfinde beim Kunst-Thema. Er sagt, dass „alles Spekulieren mit Schocks […] unsinnig“ sei, und fordert „beschreibt also ganz genau, was Ihr politisch wollt“, was nach meiner Provokations-Definition den Begriff mindestens relativiert. Und er relativiert weiter, indem er ausführt, dass viele voraussetzen, dass Menschen durch Provokation einfach nur ihre (negativen) Gefühle auslebten und nicht „das bewegende Element“ im Sinn hätten. Er hält in diesem Sinne das Provokative, wie er es definiert, für „dringend erforderlich“.

Die Frage Wieland Schmieds an Gehlen, ob er sich von der Kunst, der Provokation Beuys‘ als „bewegendes Element“ angesprochen fühle, muss so gestellt ins Leere laufen. So unterbricht Beuys an dieser Stelle und möchte weggehen von der konkreten Arbeit („Wir unterhalten uns doch über eine Theorie […] Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus! […] Beginnt doch mal, hier zu denken und demonstriert, dass der Mensch in jedem Augenblick in die Lage gesetzt ist und ermöglichen kann, einen Schritt weiter zu tun! Gemeinschaftlich auch etwas zu tun, nicht einer gegen den anderen!“).

Schmied konkretisiert daraufhin: wenn das Publikum Kunst nicht mehr als Provokation erlebe, und Beuys setze Provokation mit Produktion gleich, dann sei die Funktion der Kunst doch zu einem Ende gekommen… und erteilt Arnold Gehlen das Wort. Diesem muss ich immer noch insofern recht geben, als dass auch ich Provokation und Produktion rein von der Begriffsdefinition her nicht gleichsetzen kann. Er findet, dass die Kunst keinen „Gegner“ mehr habe und empfindet es für die Künstler „schwierig, eine kämpferische Haltung einzunehmen und der Gegner ist weg.“ Er argumentiert, dass die Künstler das Wort Provokation deswegen umdeuten in Produktion, weil Provokation niemanden mehr als solche träfe.

„Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ fragt Beuys, weil Gehlen „belustigt“ gewesen sei über die von Beuys installierten Schlitten, die scheinbar aus einem VW-Bus quillen, und fragt seinerseits: „Warum haben Sie keine Kinderwagen genommen?“ Joseph Beuys Antwort spricht mir aus der Seele meiner Kunst-Definition: „Warum? Ich würde sagen, weil ich doch das Thema bestimmt habe […] die Kinderwagen sollen Sie nehmen und mal versuchen, ob Sie da was mit hinkriegen, was die Menschen interessiert!“ Zwar begibt er sich mit diesem letzten Zusatz wieder auf das dünnere Eis – Gegner wären sicher schnell mit der Frage, woher Beuys denn wissen will, dass seine Arbeit „die Menschen interessiert“ – aber die Kernaussage ist für mich, dass Fragen der Art, wie Gehlen sie formuliert hat, nie treffen, es sei denn wieder, man möchte nicht ernsthaft wissen, „warum keine Kinderwagen“, sondern möchte lediglich demonstrieren, wie angeblich willkürlich künstlerische Materialien und Umsetzungen gewählt sind.

Max Bill spricht etwas Wichtiges an: wie wird Qualität von Provokation gemessen und: ist das überhaupt möglich? „Wer ist in der Lage, das zu messen?“ Und klug sagt er weiter, dass auch er dafür ist, die „humanen Fragen“ in den Mittelpunkt zu stellen, aber man ja nicht davon ausgehen könne, zu wissen, was der jeweils andere darunter verstehe. Beuys stellt die Sinnfrage: „Was hat es für einen Sinn, aus der Kunst heraus zu entwickeln: es muss in einem Verhältnis stehen zu dem, was die Menschen brauchen, sonst ist es tatsächlich sinnlos, Kunst zu machen.“ Bills Frage, woraus abgeleitet werden könne, dass Kunst dazu Sinn mache, ist meines Erachtens wieder müßig, noch bevor ich eine Antwort eines an der Diskussion Beteiligten kenne. Sie ist nicht zu beantworten. Den Menschen – nicht allen, ich weiß, aber den meisten auf ihre individuelle Weise mit ihren individuellen Themen – wohnt der Drang zum kreativen Ausdruck nun mal inne, und genau so wenig ist zu beweisen, dass dieser Ausdruck keinen Sinn macht. Seine Kreativität aber in den Sinn einer allgemeinen, immer verhandelbaren Weiterentwicklung zu stellen, halte ich nicht nur für nachvollziehbar, sondern für sehr vernünftig.

„Der Mensch ist selbst die Ästhetik, der Mensch ist selbst das Kunstwerk.“

„Wie kommt ein Mensch in die Welt und wie verlässt er diese; das sind doch schließlich alles wichtige Fragen für den Künstler.“

Aus jeder Beuys’schen Äußerung spricht der Wunsch und Wille (auch) zu (innerer) Auseinandersetzung und Verantwortung. Diese wichtigen Fragen für den Künstler – sind das nicht relevante Fragen für jeden Menschen? Ich kann verstehen, wenn man es müßig findet, zu fragen, woher man kommt und wohin man geht, weil es höchstwahrscheinlich keine alles erklärende Antwort jemals gibt, aber ich finde die Auseinandersetzung mit der Frage, wofür man sich im Leben einsetzt niemals müßig, sondern unerlässlich.

Max Bill gefällt mir mit seinen Äußerungen. So besonders auch diese: „[…] dass […] Herr Beuys […] ein so glücklicher Mensch ist, dass er glaubt, wirklich Kunstwerke zu machen. Dann bin ich wirklich sehr zufrieden darüber. Ich weiß es nämlich über mich nicht. Ich mache etwas, das mich interessiert, von dem ich irgendwie den Eindruck habe, es bringe ein Problem, das ich mir gestellt habe, das vielleicht auch von außen kommt, weiter, und dieses Problem werde zu irgendeiner Lösung entgegengebracht, und es hätte nachher vielleicht irgendwelche Auswirkungen; vielleicht hat es keine. […] Es kann generell Kunst Auswirkungen haben, aber ob das, was ich mache, Auswirkungen hat oder nicht, das spielt dabei gar keine Rolle. Das hat übrigens Herr Beuys bis zu einem gewissen Grad auch gesagt“, und dieser antwortet. „Ja sicher; kann ich nur bestätigen. […] Man kann doch sicher voraussetzen, dass jeder […] sich bemühen sollte, dass er eine Arbeit […] gewissenhaft macht, also nach allen Seiten hin durchdenkt. Denn sonst kann er der Menschheit kein Produkt vorlegen, was er verantworten kann. Ich glaube, zumindest sagen zu können, dass, was ich gemacht habe, ich verantworten kann. […] Ich stelle nur fest, dass es unterschiedliche menschliche Begabungen gibt, und es ist ganz klar, dass eines Tages vielleicht Menschen da sein werden, die das alles für außerordentlich unzulänglich betrachten, was ich gemacht habe. Und auch etwas hinstellen, was mich überzeugt als wesentlich besser. Es ist also sogar jeder aufgerufen, das zu korrigieren, was ich falsch mache […]“

Wieder: Beuys fordert lediglich Auseinandersetzung ein vor dem Urteil und zwingt damit alle Menschen zu Verantwortung. Dass das als unbequem empfunden wurde (und wird!) glaube ich gern… Er glaubt an die Eigenverantwortung der Menschen, er glaubt an die mögliche erfolgreiche Umsetzung direkter Demokratie.

Er liest eine Frage vor, die ihn aus dem Publikum erreicht: „Da steht: ‚Können Sie definieren, was Sie konkret unter Revolution verstehen?‘ Ja, sicher: unter einer Revolution verstehe ich, dass der Mensch in diesem Sinne wie ich geschildert habe, sich selbst betrachtet nach seinen Möglichkeiten hin, dass er aber über diese philosophischen Fragen, über diese Menschenerkenntnisfragen hinaus nicht vernachlässigt, was […] am Tage geschieht. Dass er also, indem er sich ausbildet und danach fragt: wie kann ich mich zu einem besseren Instrument innerhalb der Welt machen, danach zugleich fragt, wie geht es meinem Nebenmann, wie geht es meinem Bruder? Also einfach zu fragen: wie sind die Verhältnisse in der Welt? Wer ist hier der Benachteiligte, wie kann ich ihm helfen? Also ist da doch nach zu fragen: was ist los in unserem politischen System? Was kann ich vorschlagen? Und da könnte ich sehr Vieles vorschlagen. Ich könnte zum Beispiel vorschlagen, dass es dringend notwendig wäre, die parteipolitischen Bürokratien zu überwinden, durch direkte Befragung des Volkes zu jedem einzelnen Punkt. Da könnte ich nennen, dass es sehr wichtig ist, dass die Grundgesetze ernstgenommen werden; dass ernstgenommen wird zum Beispiel, dass der Mensch sich selbst bestimmt, dass er selbst bestimmt, was gemacht wird in der Welt, dass er gefragt wird: wollen wir eine Bundeswehr haben oder wollen wir keine haben. Dass also direkte Volksbefragungen stattfinden. […] Dass weiterhin ernst gemacht wird mit der Frage der Gleichberechtigung der Menschen, der absoluten Gleichberechtigung. Dass es aufhört, dass es gewisse Menschen gibt, die privilegiert sind. Dass es aufhören muss mit der Verstaatlichung von Produktionsmitteln und ebenfalls mit dem privaten Besitz von Produktionsgütern usw. usf. – nur ein kleiner Ausschnitt […]“

(3. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Offenheit

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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Beuys, Teil 1

Klar, dass jemand so erzkonservatives wie der 1904 geborene Anthropologe und Soziologe Arnold Gehlen im „Bildungsforum“ mit Joseph Beuys aneinander gerät.

Das Motto: „Provokation – Lebenselement der Gesellschaft“

Der smb-webshop, der u. a. die DVD dazu vertreibt, formuliert:

„Die am 27. Januar 1970 im Düsseldorfer Bildungsforum veranstaltete Diskussion mit Joseph Beuys, Max Bill, Max Bense und Arnold Gehlen, moderiert vom Kunsthistoriker Wieland Schmied, ist nicht nur ein kulturhistorisches Dokument, das unterschiedliche ästhetische und philosophische Konzepte diskursiv aufscheinen lässt. Es stellt im Sinne des Werkbegriffs Beuys’, der das Sprechen oder die Sprache allgemein als Kunstwerk sieht, auch ein Sprachwerk des Künstlers dar.“

Es stellte sich dort und stellt sich bis heute die Frage: ist Kunst (nur) das, was nicht provoziert? Manche meinen das auch heute noch und definieren Kunst zu sehr nur über die Ästhetik – selbstverständlich meist die des Bewerters.

Meinen Text verstehe ich nicht als Alternative, die Diskussion anzusehen und zu -hören; die ist wirklich amüsant und lohnenswert für die Auseinandersetzung, auch für die Frage, wo man sich selbst verortet. Ich möchte die Argumente nur mit meiner Sichtweise verknüpfen, ein wenig kommentieren und den Begriff der Provokation im Kunstzusammenhang meinerseits zur Diskussion stellen. Damit es nicht überlang wird, gliedere ich den Beitrag in drei Teile. Dabei zitiere ich genau, aber nach Gehör.

Beuys antwortet auf die Frage Schmieds, ob er beim Kunstmachen jemals in Kategorien wie „Kunst“, „Antikunst“, „Provokation“ gedacht hätte, dass er sich schon theoretische Gedanken gemacht habe, warum er was täte. Er geht auf den Frager ein und wirkt auf mich kein bisschen provokant, obschon seine Kunst oft diesen Anstrich hatte. „Ich habe also versucht, den Kunstbegriff so zu erweitern, dass er jede menschliche Tätigkeit zu umgreifen in die Lage gesetzt wird.“ Er möchte auch den Wissenschaftsbegriff erweitert sehen und sagt, dass bei seinem Antikunst-Begriff „die Frage nach dem Menschen gestellt“ sei.

„Wie ist es berechtigt zu sagen, jeder Mensch ist Künstler? […] Jeder Mensch ist ein kreativer. In jedem Menschen kommt etwas heraus von einem Ursprünglichen, von einem Schöpferischen, von einem Element, was sozusagen an diesem Punkt des Denkens – hiermit setze ich den Begriff des Denkens als den wichtigsten Punkt in meinem Antikunst-Begriff – durch das Denken etwas völlig Neues in die Welt, was wieder hinüberleitet und klarstellt, den Begriff der Freiheit. […] Hier steht der Begriff der Freiheit zur Diskussion, und an diesem Problem steht die Menschheit ja in einem ganz akuten Sinne, indem sie fragt: ist der Mensch Gesellschaftswesen, das heißt, ist er gebunden, abhängig von den Stoffesverhältnissen, oder ist er ein freies Wesen? Hier ist selbstverständlich eine differenzierte Untersuchung notwendig insofern als man selbstverständlich sehen muss, dass der Mensch ein Gesellschaftswesen ist, hier ist aber ganz besonders wichtig zu erkennen, dass er darüber hinaus ein freies Wesen ist, was für den Teil, da, wo er gesellschaftlich gebunden ist – also mit anderen Menschen zusammenarbeiten muss – neue Denkmodelle, neue Substanzen in die Erde einführen muss, also in die Stoffesverhältnisse einführen muss, um sozusagen für das Soziale, für die Entwicklung der Menschheit ein neues Modell zu erarbeiten. […] Provokation wäre eine andere Sache; die müsste man jetzt daran anschließen.“

Joseph Beuys ist dort anfangs nicht provokant. Er redet deutlich und bestimmt; man spürt seine Authentizität und Konzentration. Auf mich wirkt er, als wüsste er einfach, wovon er spricht.

Als er nach wahrnehmbarem Gemurmel im Publikum und guten 11 Minuten vorschlägt, „bis zum Morgengrauen“ zu diskutieren, anstatt nach anderthalb Stunden Podiumsdiskussion „ins Wirtshaus“ zu gehen, merkt man daran, wie ernst er die Auseinandersetzung nimmt. So bekommt Max Bense, der im ersten Satz von der „Verwässerung des ganzen Themas“ spricht, sofort einigen Applaus. Beuys‘ erster Diskussionsgegner ist zumindest launig: „Meinen Sie, Sie hätten keine [Gegner]? Ich hab‘ auch welche!“ Von Bense gedrängt, was er konkret wolle, antwortet Beuys: „Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern; ich will es vor allen Dingen ausweiten auf die reale politische Situation […] Ich bin nicht der Ansicht, dass wir zum Beispiel in einer Demokratie leben, ich bin nicht der Ansicht, dass wir zu freien Menschen erzogen werden durch unsere parteipolitische Bürokratie […]“

Arnold Gehlen: „Ich möchte den sehen, der sich noch von Kunst provozieren lässt.“ Er möchte vom Provokations-Begriff weg und wieder hin zum Begriff der Kunst bzw. Antikunst. Sein Vergleichen mit einem Spiel an sich, woran ihn die Kunst erinnert, die zum Mitmachen, zur aktiven Teilnahme einlädt, und die Tatsache, dass ein Spiel eben nicht gut oder schlecht ist, führt er als Argument gegen den erweiterten Kunstbegriff an; für mich ist es aber genauso ein Argument dafür. Er meint jedoch: „Je umfangreicher ein Begriff wird, umso inhaltsleerer.“ Manche, die dadurch ins Straucheln kämen, auch manche Künstler, suchten „dann schnell eine Tür in die Politik; da hat man dann wieder den gewohnten schwankenden Boden unter den Füßen.“

„Wollen Sie weiter den schwankenden Boden unter den Füßen behalten, oder wollen Sie daran arbeiten, diesen schwankenden Boden in eine sichere Basis für die Menschen aufzubereiten?“ fragt Beuys. Er sieht die Kriterien des klassischen Kunstbegriffes als Basis („unter Umständen im pädagogischen Prozess eine gewisse Basis für den Unterricht“), die aber erweitert werden sollten um Begriffe, „die tatsächlich den Menschen betrachten als einen, der sich entwickelt, der ganz andere Dinge […] anzusteuern beginnt.“

„Kann ich mit dieser Kunst noch etwas bewirken für das Leben?“ sei die entscheidende Frage. „Ist diese meine Kunst zum Beispiel politisch relevant? Sie dürfen jetzt den Begriff der Politik nicht lächerlich machen und sagen hier wäre der übliche schwammige Begriff! Wir wollen doch gerade sehen, dass in der Zukunft für alle Menschen etwas erarbeitet wird, was brauchbar ist, was zum Beispiel pädagogische Modelle erarbeitet, und ich glaube, dass aus einem erweiterten Kunstbegriff heraus, aus einem erweiterten menschenkundlichen Begriff heraus, der damit verbunden ist, selbstverständlich sich etwas Gewissenhaftes sagen lässt über die Pädagogik. Das ist selbstverständlich auch damit verbunden, dass man Modelle erarbeitet, dass man also Projektwissenschaft betreibt, denn nichts ist dringender gerade für uns Mitteleuropäer als uns über unsere Zukunft im Klaren zu sein. Ob es unsere Aufgabe ist, zum Beispiel, mit wirtschaftlichen Größen zu konkurrieren, ob es für uns interessant ist, mit den Großmächten im Osten und im Westen auf wirtschaftlicher Basis, also technologisch zu konkurrieren, ob nicht gerade das der Weg ins Fellachentum [sic] ist für uns; ob es nicht vielleicht für Mitteleuropa viel interessanter wäre, die humanen Fragen in den Mittelpunkt zu stellen […] als ein Fruchtbares für die ganze Welt […]“

„Ich habe nie von […] Materialien geredet; ich habe von der Idee gesprochen“, sagt Beuys, als er zu einer bestimmten künstlerischen Aktion Stellung nimmt. Das erlebe ich, seit ich mich mit Kunst auch theoretisch auseinandersetze, immer wieder: es werden bestimmte Aktionen oder Werke herangezogen, um mit der Umsetzung oder dem Ergebnis zu argumentieren, dass das nun Kunst oder eben keine Kunst sei. Da sich der eine Mensch so und der andere anders ausdrückt, trifft diese Art Auseinandersetzung für mich nie den Kern, es sei denn, man spricht anderen ihren persönlichen Ausdruck schlicht ab. Arnold Gehlen verstehe ich nach ungefähr einer halben Stunde so, dass er sich nicht provozieren lassen möchte, und das kann ich nachvollziehen. Ich selbst bin auch nur sehr schwer zu provozieren, wenn überhaupt. Dieses nicht oder kaum provozierbar sein bedeutet in meinen Augen nicht unbedingte Unverletzlichkeit, sondern den Wunsch, sich vernünftig, wertschätzend auszutauschen, allen Gesprächsteilnehmern Zeit einzuräumen, sich wirklich anzuhören, aufeinander einzugehen usw.; ansonsten ist ein sich-Erreichen schwierig. Erlebt man Kunst als reine Provokation – ich glaube, hier ist nur wichtig, es individuell zu betrachten, also wer sich wodurch provoziert fühlt – glaube ich nicht an ein erreichen-Können (aus Künstlersicht) oder ein erreicht-Werden (aus Rezipientensicht). Provokation verschließt beinahe immer. Wenn nicht, trifft vielleicht der Begriff nicht richtig… Und umso trauriger, dass viele – sicher damals wie heute – Beuys nur als Provokateur wahrnehmen.

(2. Teil folgt in ein paar Tagen)

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https://www.erziehungskunst.de/artikel/standpunkt/seele-richte-dich-auf/

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Die Welt in 100 Jahren

Auch vor dem Hintergrund der auf der Münchner Sicherheitskonferenz offensichtlichen Unsicherheits- und Aufrüstungstendenzen:

Was ist in Zukunft wichtig? Zusammenfühlen, -denken und -arbeiten oder Ausschlussdenken und Konkurrenz?

Jedes Gebiet kann man daraufhin abklopfen: Familie, Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Berufsumfeld, Freizeitgestaltung, Gesellschaft, Politik… Ich klopfe hin und wieder „Kunst“ daraufhin ab, inwiefern sie den Menschen dient, gemeinsam weiterzukommen; weiter im Sinn einer empathischen Weiterentwicklung, die tatsächlich niemanden zurücklässt oder ausschließt. Ich stelle fest, dass das beinahe nur noch der Fall ist, wenn diese Menschen Kinder sind oder Kunst zur Therapie eingesetzt wird – selbstverständlich nicht ernst genommen vom weit entfernten Marktgeschehen, aber in meinen Augen im Gegensatz dazu tatsächlich wertvoll.

Menschen, die in eine Welt geboren werden, in der es vorrangig um immerwährendes Wachstum (als gäbe es das!) und Gewinnmaximierung geht, werden kaum Chancen haben, sich dem Einstieg in die Hamsterräder zu widersetzen, wenn da niemand Alternativmodelle anbietet, die zu überzeugen in der Lage sind. In einer Welt, in der die Ungerechtigkeiten so apathisch hingenommen werden, fällt es schwer, daran zu glauben, dass ernsthaft und mit ausreichend vielen Menschen solche Modelle erarbeitet werden und irgendwann zum Einsatz kommen.

Einer derjenigen, der die Anleitung junger Menschen, der Lernen anders denken kann, ist Gerald Hüther:

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Haben wir immer nur diesen einen Moment? Und: wer sind wir eigentlich?


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Im kürzlich angelaufenen Kino-Film „Your Name.“ ist eines bald kein Geheimnis mehr: zu wissen, dass das Mädchen Mitsuha und der Junge Taki einem Körpertausch unterliegen, der mehrmals in der Woche, aber immer nur für einen Tag geschieht, ist unerlässlich, um die Geschichte verfolgen zu können.
Mir war klar, dass ich den Film mögen würde, und zwar nicht, weil er ein Anime ist; ich fürchtete, dass ich mich zu sehr an die Anime-„Heidi“ meiner Kinderjahre erinnert fühlen würde oder an „Nils Holgersson“. Doch die beiden „alten“ Helden waren rasch vergessen. Ich wunderte mich auch nur kurz, warum selbst asiatische Menschen in einem asiatischen Film kaum asiatisch aussehen… – dann fing mich die Geschichte ein.
Klar war mir, dass ich den Film mögen würde, weil ich das Grundthema kannte: den Gestaltenwandel der Hauptfiguren verbunden mit dem Spiel der Zeitebenen. Beides fasziniert mich, zweitrangig, wie es umgesetzt ist.
Hannah Pilarczyk schreibt bei SPIEGEL ONLINE:
Mit dem Gestaltenwandel macht der Film jedoch nicht vor sich selbst halt. Kaum hat man sich in das bezaubernde Geflecht aus Takis und Mitsuhas Leben verstrickt, wandelt sich Your Name selbst und streift die Hülle der Coming-of-Age-Komödie ab. Was der Film danach wird, soll hier nicht verraten werden, denn es zu entdecken, gehört zu den schönsten Überraschungen, die man seit Langem im Kino erleben kann. Nicht festgelegt zu sein – auf das eine Genre oder die eine Zielgruppe – ist auch das, was Your Name so herausragen lässt.“
Nicht festgelegt zu sein – auch das fasziniert mich in seinen verschiedenen Möglichkeiten. Nicht festgelegt im Denken zu sein, offen für Aspektwechsel zu bleiben, das wünsche ich mir für mich. Nicht festgelegt im Sein zu sein, das wäre schön, denn es veränderte Hoffnung ins beinahe Grenzenlose. Als ein Mensch, der nicht an Wiedergeburt in den gängigen Definitionen glaubt, wäre ich sicher ähnlich erschrocken wie Mitsuha und Taki – oder Sofie Amundsen und Hilde Møller Knag. Jostein Gaarders Sofie muss nach etlichen seiner Romanseiten feststellen, dass nicht sie die reale Person ist, sondern die für Fiktion gehaltene Hilde. So den „vermeintlich sicheren Platz in der Welt in Frage“ stellen zu müssen, wie es die Wikipedia formuliert, kann sicher schockierend sein. Es ab und an freiwillig zu tun, kann nur persönlich zu begreifende, bereichernde Weiterentwicklung sein.
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Das ist musubi, denke ich.
Ob nun Wasser, Reis oder Sake, alles, was man dem Körper zuführt, nennt man ebenfalls musubi.
Denn alles, was in den Körper kommt, stellt eine Verbindung zur Seele her.
An jenem Tag hatte ich mir vorgenommen, mir das zu merken, um es beim Aufwachen noch zu wissen. Versuchsweise sage ich es laut: ‚… sich verdrehen und verwickeln, gelegentlich zurückkehren und sich wieder verbinden. Das ist musubi. Das ist die Zeit.‘ “
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http://www.spiegel.de/kultur/kino/anime-meisterwerk-your-name-in-dir-finde-ich-mein-glueck-filmkritik-a-1186885.html
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http://www.zeit.de/kultur/film/2018-01/your-name-animefilm-makoto-shinkai-japan-bilddaten-your-name-animefilm
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https://www.youtube.com/watch?v=twVtDMVShTs
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https://books.google.de/books?id=ZVMzDwAAQBAJ&pg=PT144&lpg=PT144&dq=was+ist+musubi&source=bl&ots=1ARmeDpfMa&sig=oZzvfGoo76ZIQpGpbewVKSEIL3s&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjA4vDk_4HZAhWIyqQKHWq8Cb8Q6AEIRTAE#v=onepage&q=was%20ist%20musubi&f=false
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Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

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Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

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Dreißig! 

Als ich vor 30 Jahren mein Gesicht begründete („Zur Begründung meines Gesichts“, in: „Anthologie ohne Titel“, Berliner Festspiele GmbH, anrich verlag GmbH, Kevelaer 1988) mit einem Text voll ernster Ironie, dachte ich höchstens ein, zwei Jahre weiter, wie das eben so ist mit 20. Mein Thema: die nach meiner damaligen Erfahrung mehrheitlich verlogen gestellte Frage nach dem Befinden. Mein fragendes Anliegen schon damals: wie sinnvoll ist die maskenhafte Begegnung zwischen Menschen, aber inwiefern ist da eine Änderung im Miteinander möglich und: ist die immer sinnvoll?

Mir war zwar bewusst, dass ich mit dem in-die-Welt-Schicken des Textes an einem Wettbewerb teilnahm, aber da ich – bis auf den riesigen Fresskorb bei der Schul-Tombola – noch nie was gewonnen hatte, rechnete ich mir nicht nur nichts aus, sondern vergaß es beinahe ganz. Bis Wochen später folgender Brief ins Haus flatterte:

Erstmal hob ich ihn nur auf, um in Berlin Missverständnissen vorzubeugen; ich hätte jeden verstanden, der mich für eine Hochstaplerin gehalten hätte. Aber das angekündigte nächste Schreiben kam, und so brachen 21 (zwei Teilnehmer kamen von dort) junge Leute aus verschiedenen Bundesländern am 20. November 1987 für vier pickepackevolle Tage nach Berlin auf.

Für mich war es in mehrfacher Hinsicht abenteuerlich: die Bahnreise durch „Feindesland“ – dass es solches war, demonstrierten die Grenzkontrollen eindrücklich -, das Zusammentreffen mit so vielen unbekannten Menschen in der großen mir unbekannten Stadt, das neue nach-außen-dazu-Stehen, was einen bewegt, der intensive Austausch.

Am Nachmittag des 21. war Probe und ich dann an diesem ersten Lesungsabend der Eisbrecher. Das war gut so, denn die Aufregung hätte mir das unbeschwerte Erleben dieser Tage dann doch vereitelt. Hatte ich vor dem Aufrufen des Namens noch gewaltiges Herzklopfen, war das am Mikro auf einmal weg, und ich genoss es beinahe:

Schön, die Menschen mit ihren unterschiedlichen Geschichten kennenzulernen: Ralf mit der Auseinandersetzung zwischen Brüdern, die mir nah ging. Christian, einer der Berliner, mit der nicht minder zu Herzen gehenden Bürgerkriegserfahrung aus der Sicht eines Familienvaters. Stefan ließ eine Fliegerstaffel verschwinden und Lars einen Manfred „den kleinen Tisch beiseite“stellen, der einzige Satz seines Gedichts „Sonntagmorgen“. Felicia Zeller ist mit Theaterstücken später richtig bekannt geworden, auch Ralf schreibt für seine Theatergruppe, und Stefan hat sich in seiner Ruhrgebietsheimat mit Gruselgeschichten einen Namen gemacht. Ralf, Christian, Stefan und ich freundeten uns an.

Ich blieb zwar dem belletristischen Schreiben nicht treu, aber verfasste durch die Jahre weiter nicht-wissenschaftliche Sachtexte rund um Kunst, Kreativität, Gesellschaft – um den Menschen. Ich begann zu bloggen und habe mich in diversen Diskussionszirkeln bewegt, mich in Gesprächen engagiert, daneben immer auch gezeichnet und gemalt.

Die „Anthologie ohne Titel“ könnte der Titel sein für mein kreatives Leben ohne eindeutiges Ziel, eindeutiges Werk. Auch damals hatte ich kein eindeutiges Ziel, auch nicht, was das Schreiben anging. Dieses Ziellose, Unehrgeizige in mir kann eine Karriere, wie sie landläufig verstanden wird, verhindert haben. Ob das Talent gereicht hätte, werde ich nicht erfahren. Aber ich wollte es nie austesten; ich wollte nur immer authentisch leben.

Wir waren damals im zweiten Jahr dabei; den Wettbewerb gibt es immer noch; heute ist der diesjährige Abschlusstag; heute vor 30 Jahren habe ich mich auf den Weg gemacht. Für mich ist es schön zu sehen, dass sich immer wieder junge Leute auf den Weg machen, sich und ihren Platz in der Welt zu suchen, Auseinandersetzung zu suchen.

P.  S.: Meine Einstellung zur „mehrheitlich verlogen gestellten Frage nach dem Befinden“ hat sich durch die Jahre übrigens weiter relativiert 😉 .

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https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/bundeswettbewerbe/treffen_junger_autoren/ueber_festival_tja/aktuell_tja/start_tja.php

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Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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