„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Co-Kreativität

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Ich bin eine Co-Kreative.

 

Auf einmal wird klar, warum einige Gespräche so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind, besonders hier im Netz, wo man ohne Mimik und Gestik auskommen muss; jedenfalls größtenteils, es sei denn, man benutzt Skype. Emojis helfen da nur bedingt.

 

Wenn ich mich mit Menschen unterhalten habe, die in irgendeiner Form professionell mit Kunst zu tun hatten, kamen wir miteinander recht schnell an unsere Grenzen. (Ich muss hier einschieben, dass meine Erfahrungen in der letzten Zeit besser bis gut geworden sind, womöglich, weil immer alle beteiligten Parteien mit Klarnamen und Foto unterwegs waren. Womöglich läuft das wie bei der Hundebegegnung: entweder sind beide an- oder abgeleint 😉 …)

 

Damals aber, in Chatrooms, wo sie sich klangvolle Nutzernamen gaben, haben Gespräche nicht funktioniert; „funktioniert“ im Sinne von „Austausch, der beiden Seiten etwas gibt“; ich habe hier schon davon berichtet. Sowie klar war, dass ich nicht akademisch, sondern „nur“ mit dem oft zitierten, zumindest halbwegs gesunden Menschenverstand unterwegs war, fanden sich immer zwei, drei, vier Personen, die sich zusammentaten, um mich „wegzubeißen“.

 

Ich hatte für mein Anliegen keinen schnellen, treffenden Namen, kein Schlagwort, kein Etikett. So musste ich es beschreiben; das braucht halt manchmal fünf Sätze, aber ich hatte nur diese. Danach war ich raus. Jede weitere Bemühung, mich noch einmal neu, noch einmal anders zu erklären, wurde mit der Frage beantwortet, was ich dort noch wolle, warum ich mich weiter „abarbeite“ und dergleichen mehr.

 

Ich weiß nicht, ob der Ansatz Gerald Hüthers dort geholfen hätte, mich zu erklären, aber ich weiß, dass er mir jetzt, Jahre später, hilft, indem er mir einen Begriff liefert. Da ist auf einmal ein schnelles Wort, auf das ich zumindest aufbauen kann!

 

Es ist auf einmal völlig klar, dass man mit der Bewerbung für Offenheit nicht in einer Gemeinschaft punkten kann, die sich abgrenzen will. Mein Ansatz war falsch; mir leuchtete auf einmal auch ein, dass schon meine bloßen Fragen Angst einflößten, denn anders als mit diesem Begriff ist die unfassbare Unfreundlich-, ja beinahe Feindseligkeit nicht zu erklären gewesen. Was ich da wohl auslöste, wurde mir lange, lange Zeit später erst so richtig bewusst: die Mauer, deren Bauplan in den real existierenden Köpfen hinterlegt und die in monatelanger Kleinarbeit nun eins zu eins in diesem virtuellen Raum aufgebaut worden war, war in Gefahr, und ich war die Abrissbirne.

 

Mein Wunsch wäre gewesen, sich ohne Arroganz zu begegnen, denn ich denke (weil erlebe), dass Fragen, die irgendwie unpassend erscheinen, oft gerade wunde Punkte berühren, genau ins Schwarze, genau den Kern der Sache treffen.

 

Wofür ist Kunst gut?

 

Das habe ich oft gefragt, wenn ich den Eindruck hatte, dass das Ausschlussverfahren im System Kunst nur einer ausgesuchten Menschengruppe dient. Für mich geht es immer und überall um ein gemeinsames Weiterkommen, um das bestmögliche Zusammenleben und Weiterentwickeln von Menschen; bestmöglich in jedem Bereich. Da kann Kunst gar nicht alleine stehen und eifersüchtig abschirmen, wen oder was auch immer.

 

Dass man sich frei begegnen, interdisziplinär austauschen und sich starren Systemen entziehen möge, wird oft verwechselt mit der Ablehnung von „Leistung“, was mir aber völlig fern liegt. Was ich ablehne, ist der Energieabzug durch ein Leistungsdenken, das durch Konkurrenz geprägt ist und zumindest auf mich lähmend wirkt. Und welches Systeme nur immer starrer und enger werden lässt und durch Intransparenz merkwürdige, manchmal sogar kriminelle Blüten treiben kann (s. Kunstmarkt).

 

Diese (in meinen Augen gesunde) Art der Ablehnung wird meines Erachtens noch nicht ausreichend gesellschaftlich diskutiert. So verheddern sich Menschen in Talkshows in der Frage, welche Berufsgruppe wohl welchen Verdienst verdient hat, alle hervorgegangen aus einem System des Zusammenlebens, das Unterschiede da macht, wo sie dem friedlichen Zusammenleben schaden. Ja, natürlich gleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber doch auch: gleicher Lohn für unvergleichliche Arbeit, oder? Wenn wir, die Gesellschaft, glauben, dass wir Banker brauchen und Krankenschwestern, Schreiner und Pädagogen, Tierheim- und TagespflegeleiterInnen – wo liegt dann das Problem, allen, ohne Ausnahme, ein Auskommen zu gönnen mit ihrem Einkommen? Wo liegt dann das Problem, den Finger in die Wunde zu legen mit der Frage, warum wir derartige Ungleichheiten zulassen, derartige Ungerechtigkeiten?

 

Ich denke, dass das Problem in der Ausbildung zu suchen ist, die beginnt, wenn wir auf die Welt kommen. Gerald Hüther erklärt anschaulich, wie wir als kleine Entdecker und Gestalter in die Belohnungssysteme geraten und irgendwann keine Chance mehr haben, dort herauszukommen, zumindest nicht gesellschaftlich oder sonst wie geächtet. Und von entdecken und gestalten darf, aber kann dann auch gar nicht mehr die Rede sein.

 

Wenn sich alle auf ihre Art einbringen dürften, würden sich auch mehr von denen einbringen, denen wir den Wunsch bisher absprechen, die wir als „faul“ wahrnehmen, als „dumm“, als gesellschaftlich „nicht tragbar“. Warum fühlen sich Menschen abgehängt? Weil diese, die sich so fühlen, es vermutlich durch unser Modell des Zusammenlebens tatsächlich sind!

 

Es ist sicher nicht die Erklärung für alles in der Welt, aber für sehr, sehr vieles. Auch würden nicht alle einer solchen Einladung folgen, bestimmt nicht. Trotzdem ist es doch eine Überlegung oder gar ein Antesten wert, was es auslöste, „sich als Subjekt zu begegnen, anstatt sich als Objekt zu behandeln“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=mqPMduxo2DY

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Begeisterung

http://www.wdr.de/programmvorschau/wdrfernsehen/sendung/2017-01-02/41733143/beat-im-pott.html

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Was ich an Oliver Schwabes Dokumentation so besonders fand ist die Tatsache, dass über Personen berichtet wird, deren Namen heute vielleicht nur in Szenekreisen noch bekannt sind, die aber „zu ihrer Zeit“ die Musik mit einer ungeheuren Begeisterung gelebt haben. Einigen von ihnen fehlt es heute nicht, einige beschäftigen sich immer noch damit, wieder andere sagen, dass es ihnen vermutlich dadurch nicht fehlt, weil sie es früher so intensiv gelebt haben; sie zehren mental, emotional noch davon. Alle einte die Begeisterung für Kunst, in dem Fall eben Musik.

Es ist also durchaus möglich, eine Kunstrichtung so unmittelbar zu erfahren, dass man angeregt wird, „selber zu machen“, ohne Scheu und vor allem: ohne Scham. Dass, obwohl auch Widerstand erlebt wird, obwohl es ohrenscheinlich Bessere und Schlechtere gibt, einfach damit weiter gemacht wird, weil die Begeisterung einen trägt.

So erlebe auch ich Kunst: begeistert und begeisternd. Durch die eigene Freude, das eigene Feuer werden unter Umständen andere angesteckt, die ebenfalls ihre kreative Seite entdecken – oder auch „nur“ durch die Kreativität anderer bereichert werden. Es ist Musik oder Malerei, Skulptur oder Schreiben, Schauspielen oder auch Bloggen. Es kann das Leben sein.

In der Unterschiedlichkeit der ausübenden Personen liegt eine Antwort: es gibt nicht den Weg, der für alle gilt, weder im Beginnen, noch im Begehen, noch im Beenden. Aber es gibt einen kleinsten gemeinsamen Nenner: Begeisterung.

Also, wenn es im Hirn, in den Fingern, in den Füßen juckt (IN den Füßen 😉 !): traut Euch, Begeisterung zu leben, wenn Ihr sie empfindet, und lasst Euch anstecken und mitreißen!

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„Analoges“ contra Digitales?

Heute möchte ich Euch den Text von Hubertus Kohle empfehlen. Er beleuchtet sehr anschaulich die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Digitalisierung in Konkurrenz zu herkömmlicher Vorgehensweise ohne Computer-Unterstützung geht, und zeigt andererseits die Chancen, die es hat, wenn man beides in seinen jeweiligen Stärken unterstützt:

https://www.perlentaucher.de/essay/museen-und-digitalisierung-zukunftshoffnung-oder-selbstaufgabe.html

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 1

Hallo liebe MitleserInnen,

gemeinsam mit einer Freundin und Kreativ-Kollegin möchte ich, möchten wir einen Workshop entwickeln, dessen Erarbeitung (meines Teils) ich in Tagebuchform begleiten werde. Wahrscheinlich wird es eher ein „Wochenbuch“; ich werde in unregelmäßigen Abständen – so wie ich selbst dazu komme – über den Stand der Entwicklung und meine Erfahrungen berichten.

Dass es sich um einen Workshop handelt, der im weitesten Sinne „Kreativität“ zum Thema hat, überrascht an dieser Stelle sicher niemanden, der mich in der letzten Zeit off- und/oder online begleitet hat. 😉

Die Schwierigkeit liegt für mich darin, nicht allzuviel verraten zu wollen und trotzdem so zu informieren, dass man etwas aus meinen Berichten mitnehmen und sich austauschen kann.

Wenn es bei unserer Planung bleibt, können wir unser Ergebnis dann im Herbst nächsten Jahres der Öffentlichkeit vorstellen.

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Genau so, wie man an beinahe jedem Anfang nicht recht weiß, welchen Gedankenfaden man zuerst aufnehmen, wie man die ungefähre Idee angehen soll, sitze ich jetzt hier, genau mit diesem Gefühl. Um mich herum liegen `ne Menge Bücher. Ich stelle mir vor, diese nicht nur selbst in der Vorbereitungszeit zu gebrauchen, sondern einige von ihnen als Lektüreempfehlung im Workshop vorzustellen. Es sind ganz praktische Themen dabei, Anleitungen zum kreativen Gestalten, aber auch theoretisches Material zu Kreativität in ihren verschiedensten Ausprägungen und „Einsatzgebieten“ und zu didaktischen Fragen. Einige Bücher kenne ich schon, die anderen werde ich in den nächsten Wochen lesen; manche muss ich richtig durcharbeiten.

Obwohl ich sowohl in Theorie als auch in Praxis immer offen mit meinen künstlerischen Herangehensweisen umgegangen bin, habe ich sie nie einem Publikum sozusagen aus der „Lehrerperspektive“ vorgestellt, ja, nicht mal einer einzelnen Person. Das ist ungewohnt und macht mich derzeit etwas befangen im Denken. Ich muss mich zwischendurch dazu zwingen, mir die Workshop-Teilnehmer, die ich mir unbekannterweise ja nur vage vorstellen kann, komplett wegzudenken. Obwohl mich die Idee dieses Vorhabens von der ersten Sekunde an begeistert hat, begleitet mich von eben dieser Sekunde an auch die Sorge vor der nie gesuchten Position an „prominenter“ Stelle. Es sind die Bedenken, ob das, was mich stützt und durch meinen kreativen Alltag trägt, auch für andere von Nutzen sein kann. Alleine schon das Angebot des Workshops kommt ja einer diesbezüglichen Behauptung gleich… so empfinde ich es noch.

Ich bin gespannt auf die Entwicklungen und freue mich wie immer über jegliches Feedback!

 

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Kunst und Aufrichtigkeit

Ein Gedankenfluss-Experiment

Aufrichtigkeit oder auch Integrität sind definiert als Übereinstimmung von Innen und Außen einer Person. Was hat das mit Kunst zu tun?

Was die einen sich fragen mögen, liegt für die anderen vielleicht auf der Hand: Ohne Aufrichtigkeit der Person ist eine aufrichtige Kunst nicht möglich. „Aufrichtige“ oder „ehrliche“ Kunst ist demnach Kunst, für die es einen aufrichtigen Erschaffer braucht, jemanden, der sich nicht verstellt. Also nicht einen „guten“, sondern einen authentischen Menschen.

In meinen Gesprächen der letzten Zeit bezüglich „Kunst“ spielte Aufrichtigkeit eine große Rolle, die nicht sofort auffiel. Es ging im Vordergrund darum, ob man Kunst auch abseits eines irgendwie gestalteten Bezahlsystems denken darf. Mein eindeutiges „Ja“ schloss und schließt alle die als Rezipienten ein, die sich Kunst nicht leisten können (ja, nicht mal den Museumsbesuch) oder sich durch die oft genannten „anderen Sorgen“, die für mich überaus nachvollziehbar sind, nicht angesprochen fühlen und der Kunst eher zufällig begegnen.

In einem anderen Text und sicher schon öfter im Alltag habe ich gesagt, dass es allen Menschen im Grunde unmöglich ist, einen anderen Menschen wirklich zu „verstehen“, und dass dieses Verständnis demnach meistens überbewertet wird. Ich bin gefangen in mir, in meinen Denkschemata, in meiner Erlebniswelt, in meinen Erfahrungen mit der Welt. Ein älterer oder gar alter Mensch hat soviel Geschichte angehäuft, er ist so komplex in seinem Sein – wie soll ein Mensch außerhalb dieser Person sie begreifen im Sinne von: ganz genau so sehen und fühlen wie diese? Denn das ist oft unsere Idealvorstellung von „verstehen“ oder „Verständnis“.

Erschließt eine kreative Arbeit sich nicht SOFORT, dann ist die Folge meistens weitergehen, wegzappen, vergessen. Müssen wir jede Kunst in der Sekunde, in der wir mit ihr in Berührung kommen, begreifen in dem Sinne, den der Erschaffer (vielleicht!) „vorgesehen“ hat? Hat jeder Erschaffer immer etwas als Reaktion vorgesehen? Wie können wir uns in unserer Antwort darauf sicher sein? … Ich denke, dass es da alles gibt, was man sich vorstellen kann, „ja“ und „nein“ und alles dazwischen. Warum sollten wir das festlegen wollen?

Warum sollten wir einen Menschen, der uns begegnet, sofort festlegen, sofort in seinem ganzen Wesen begreifen? Das können wir überhaupt nicht, weswegen ich es nicht für sinnvoll halte, daran zu arbeiten, es irgendwann zu können. Seine immerwährende Entdeckung halte ich dagegen für anstrebenswert und lebendiger und konstruktiver im Miteinander.

Ich komme selbst an Grenzen, wenn ich mich z. B. weigere, den neuen Text eines Schriftstellers überhaupt zu beginnen, den ich jahrelang nur noch als menschenverachtenden Provokateur erlebt habe. Ich müsste mich zwingen, ihn wieder an mich heran zu lassen, und verzichte auf dieses Zwingen, aber wenn ein Mensch ihn mir im Gespräch wieder sozusagen „neu vorstellt“, durch seine Augen ihn beschreibt, kann es durchaus sein, dass ich mich wieder öffne. Meist hält diese Öffnung im Fall von menschenverachtenden Provokateuren nicht lange an (und ich weiß, dass ich gerade ein Urteil fälle und gestatte es mir an dieser Stelle), aber worauf ich hinaus will, ist Folgendes: durch das Gespräch habe ich die Möglichkeit, meinem Gegenüber näherzukommen, ihn oder sie besser zu verstehen. Und vielleicht – als wünschenswertes Nebenprodukt unseres Dialogs – komme ich dritten und vierten Personen dadurch auch wieder näher. Offenheit – da ist sie wieder.

Ich erlaube mir selbst „weitergehen“, wenn es bewusst geschieht. Auch ein Weitergehen aus Zeitmangel kann bewusst und unbewusst geschehen; unsere Zeit ist begrenzt. Wir werden oft durch unseren Alltag getrieben, was Bewusstheit schwer macht. Was mich aber IMMER wenigstens aufmerken lässt, ist Aufrichtigkeit. Mir ist bewusst, dass ich sie als solche beurteile, und dass mein Urteil subjektiv ist, wie es alle menschlichen Urteile immer sind. Aber irgendetwas bringt mich in diesem Moment dazu, diesem Menschen Glauben zu schenken, ihn unabhängig vom Thema als ehrlich zu empfinden. Was ist das, woher kommt das Gefühl? Und zwar – und das finde ich am erstaunlichsten – auch bei Menschen, die ich erst zehn Sätze lang kenne!

Jeder von Euch wird nachvollziehen können, welches Gefühl ich meine; jede/r hat es schon erlebt, und auch das Gegenteil davon: Skepsis, das Gefühl des „nicht-warm-Werdens“, das nur unsicher empfundene Gefühl der Unehrlichkeit auf der anderen Seite.

Auch Künstler und Künstlerinnen „sortieren“ wir so. Woher kommt das Gefühl, dass wir die einen als „ehrlich“ erleben und die anderen als „Scharlatane“?

Ich stelle bei mir fest, dass ich es ungeheuer schwierig finde, einem Künstler wie einem Menschen ohne kreative Absicht 😉 Unehrlichkeit zu unterstellen, es sei denn, man ertappt jemanden bei einer nachgewiesenen bewussten Lüge. Wie aber überführt man einen Künstler, eine Künstlerin der „Lüge“ in ihren Arbeiten, jetzt mal von Kunstfälschungen abgesehen? Wie „funktioniert“ da Lügen, Eures Erachtens nach? Spielen solche Überlegungen bei der Kunstbetrachtung überhaupt eine Rolle für Euch? Wie wichtig ist der Mensch hinter den Arbeiten für Euch, gerade bei Arbeiten, die sich nicht leicht erschließen, z. B. durch ihr ästhetisch-Sein oder ihr „Gefallen“?

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