Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Ich wünschte mir, dass Kunst so betrachtet würde, wie Mr. May die Toten betrachtet.

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Der Film von Uberto Pasolini aus dem Jahr 2013 zeigt Leben und berufliche Aufgabe von John May, einem „Funeral Officer“, der sich für die Londoner Kommunalverwaltung um die Beisetzung von Menschen kümmert. Diese Verstorbenen haben alle gemeinsam, dass sie schon zu Lebzeiten keine Angehörigen zu haben schienen; sie waren allein, einsam, gar verwahrlost.

Mr. May, der auch sehr zurückgezogen lebt, ist diese Aufgabe nicht nur Beruf, sondern Berufung. Geradezu hingebungsvoll kümmert er sich darum, etwaige Angehörige, ehemalige Freunde, Bekannte ausfindig zu machen, die vielleicht doch zur Beerdigung kommen möchten. Er reist zu ihnen und trägt sein Anliegen persönlich vor. Bei diesen Gesprächen nimmt er jede noch so unbedeutend scheinende Erwähnung auf, um seine Recherche fortzusetzen und erfolgreich abzuschließen. Für seinen Arbeitgeber bedeutet Erfolg nur, dass jeder „Fall“ möglichst rasch abgeschlossen wird. John May nimmt sogar manchmal Fotos oder andere Gegenstände, die sonst weggeworfen würden, aus den aufzulösenden Wohnungen an sich, um die Fotos in ein Album zu heften und mittels dieser und der anderen Dinge eine Grabrede aufzusetzen. Oft bleibt er der einzige Trauergast.

Im Begleitheft zur DVD wird der Regisseur zitiert: „Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? […] Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“

In diesem Heftchen ist daher auch von den „Unbedachten“ die Rede. Wie leicht sie aus der Gesellschaft fallen, wie schnell sie vergessen werden. Wie einfach scheint es dagegen, Leute, die sichtbar sind, zu „bedenken“. Und wie oft werden sogar diese manchmal übersehen…

Wer Kunst so betrachtet, wie Mr. May die Toten betrachtet, der sieht auch den lebenden Menschen so. Wer den Mitmenschen so sieht, der kann im Miteinander kaum mehr etwas verkehrt machen. Denn er wird hinhören und hinsehen, um den anderen wirklich zu erfahren, ihn dann auch adäquat beantworten zu können. Viele scheinen ohne Anspruch, das Gesagte des Gegenübers erst einmal in dessen Sinn zu verstehen, was eine echte Begegnung im Gespräch mindestens erschwert.

Bei der Kunstbetrachtung gibt man eventuell zu früh auf, wenn man zum Beispiel nach rein ästhetischen Gesichtspunkten schaut; jeder kennt den Ausspruch „Das sagt mir nichts.“ Was ist, wenn man bei einer kreativen Arbeit zunächst ein inneres Schweigen wahrnimmt? Was, wenn man Abwehr wahrnimmt? Versucht man es einzusortieren, ehe man sich weg dreht? Wenn man es einsortiert bekommt und sich diese paar Sekunden mehr Zeit nimmt – „o.k., es sagt mir erstmal nichts…“, „o.k., es gefällt mir irgendwie nicht…“ – was geschieht dann mit dem Impuls, schnell darüber hinweg zu gehen? Kommen dann vielleicht von selbst die weiterführenden spannenden Fragen: „Bleibt das so, dass es mir ‚nichts sagt‘, auch wenn ich etwas länger schaue…?“ oder „Warum gefällt es mir nicht; woher kommt wohl diese Abwehr?“ Schon ist man mitten im Gespräch: mit dem Kunstwerk, darüber mit dem Menschen, der es geschaffen hat (vielleicht sogar mit ihm/ihr persönlich) und mit sich selbst.

Man „muss“ weder eine bestimmte kreative Arbeit noch einen bestimmten Menschen „mögen“ – Wertschätzung zeigt sich in grundsätzlichem Respekt.

https://www.youtube.com/watch?v=Ip8xK6Xq4ec – Der Trailer zum Film

 

 

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 2

Hallo liebe MitleserInnen,

anhand der Reaktionen auf meinen ersten Bericht bin ich bestätigt, dass es schwer ist, über etwas zu berichten ohne „allzuviel verraten zu wollen“ 😉 . Trotzdem und gerade deswegen ein ganz herzliches Dankeschön für Eure unterstützenden Worte!

Wie also Teil 2 beginnen?

Vielleicht nicht gerade mit der Beantwortung, aber zumindest mit dem Eingehen auf den Satz aus einem Kommentar zum ersten Teil: „… es soll doch auf jeden Fall etwas kreativ gestaltet werden, oder?“

Ja, allerdings ginge es mir dabei weniger um das Ergebnis als um den Prozess, wie man Dinge angeht. Das „daneben Denken“ wird eine große Rolle spielen. Es geht um Impulse, um Ausprobieren. Deshalb ist es mir für meinen Teil des Workshops wichtig, dass es von meiner Seite kein Zeichen- und/oder Malkurs sein wird, obwohl mit Stift/Farbe und Papier gearbeitet wird. Es ist auch für mich spannend, wie meine Kollegin es für das Schreiben angehen wird. 🙂 Unser nächstes Treffen ist geplant!

Als kleine Appetithäppchen hier die Dinge, die mir bei den ersten Recherchen begegnet sind und ein Teil der bewusst ausgewählten Vorbereitungslektüre:

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Wer Erfolg haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen.“ [Frank Tyger]

http://www.franktyger.info/frank-tyger-biography.htm

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Etwa mit fünf Jahren verlieren die meisten Menschen den Spaß am Malen und Zeichnen. Alles soll dann „echt“ aussehen, die Angst, falsch zu zeichnen, lähmt die Freude am kreativen Umgang mit Stiften, Pinsel und Kreide. Und höchstens in selbstvergessenen Momenten beim Telefonieren entstehen noch Kritzeleien, die oft etwas überraschend Schönes haben. Ganz anders gehen Menschen vor, die als „verrückt“ oder „geisteskrank“ bezeichnet werden. Diese Menschen behalten die unmittelbare Fähigkeit, subjektiv Wahrgenommenes bildnerisch kreativ wiederzugeben. Von ihnen lernten Picasso und die Künstler der „art brut“. Und genau diesen direkten emotionalen Zugang zum Zeichnen vermittelt Ihnen Peter Jenny im Buch Anleitung zum falsch Zeichnen. Nehmen Sie die Anleitung zum falsch Zeichnen und Ihr Fotoalbum, legen Sie mit Pinsel und Stiften los, und entdecken Sie vertraute Bilder, die Sie so noch nie gesehen haben!“

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https://de.wikipedia.org/wiki/Art_brut

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Kunst und Fälschung

Kunst und Fälschung

Ich wollte einmal genauer darüber nachdenken, warum auch ich dazu neige und immer geneigt habe, Kunstfälschung doch als eine Art „Kavaliersdelikt“ zu betrachten, neben aller damit verbundenen Betrügerei. Dabei weiß ich natürlich gerade deswegen, dass „Kavaliersdelikt“ ein unpassendes Wort ist, aber mir fällt – zumindest zu Beginn meines Textes – gerade kein passenderes ein.

Berichte über Kunstfälscher haben mich seit jeher eher amüsiert als entrüstet, und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass ein mit Geld um sich werfendes System betrogen und ausgetrickst wird. Ein System, dem man lange nicht mehr nur glaubt, ein hehres Ziel zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine innere Genugtuung spüre, frei nach dem Motto: das hat es verdient! So wird der Fälscher Wolfgang Beltracchi in der 2012 beim WDR erschienenen Dokumentation von Anke Rebbert: „Der große Bluff – Wie man mit Kunst kassiert“ zitiert, dass der Kunstmarkt es ihm „absurd einfach gemacht“ habe. Und das glaube ich ihm auf’s Wort.

In seiner gemeinsam mit seiner Frau Helene verfassten Biografie „Selbstportrait“, die 2014 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg erschienen ist, kommen immer wieder Redewendungen vor, die zeigen, dass Fälscher immer auf Moden eingehen, das malen, was „gerade gut ankommt“ – weil es eben in erster Linie um Profit geht. Dass es einem von ihnen „immer nur um’s Malen gegangen“ sei, zweifle ich daher entschieden an, wenn sie nicht das Technische, die Übung an sich meinen. Immerhin gibt Wolfgang Beltracchi zu, dass er es genossen hat, „wenn wieder einmal einem der ‚Großen’ meine Arbeit gefallen hatte“ – auch das kann ein Antrieb sein. Was jedoch fehlt, ist eine Identitätsbildung, wenn das Entstandene und das Entstehende immer nur anderen zugeschrieben werden. Beltracchi spricht man die Möglichkeit einer eigenen Maler-Identität, zumindest einer, die nicht selbstgefälliger Sensationslust entspringt, in großen Teilen sogar komplett ab. In seinem Buch schreibt er auf S. 231:

„Heute lebe ich in einem neuen Spannungsfeld. Die literarische und filmische Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Tätigkeit und mit meinen kriminellen Handlungen zeigt mir, wie schwierig es ist, die eigene Identität, literarisch und malerisch, zu finden und auszudrücken. In mir kämpfe ich Schlachten gegen so manche Schattenwesen und Einflüsterungen; um zu neuer Kreativität zu finden, musste ich mich erst mit meinen Fehlern auseinandersetzen, auch mit der Verurteilung konfrontiert sein. Erst allmählich wird mir deutlich, was meine Malerei künftig leiten könnte. Der Kampf um sich selbst ist für manche Maler ein fortgesetztes Ausprobieren, für andere scheint es nur eine einzige Form zu geben. Ich gehöre zu denen, die die ganze Welt der Malerei benötigen, um sich mitzuteilen. Meine Identität als Maler liegt in meinem geschaffenen Werk, dem ich in Zukunft keinen Tarnmantel mehr überhängen werde.“

Das klingt in meinen Ohren zumindest so, als stelle Beltracchi sich tatsächlich einer Herausforderung, denn er wird in Zukunft daran gemessen, inwiefern sich seine zukünftigen kreativen Arbeiten von den damaligen unterscheiden oder ob ihm auch zukünftig „das Originäre fehlt“, wie es der Journalist Stefan Koldehoff ausdrückt.

Es geht mir nicht darum, z. B. Wolfgang Beltracchi noch eine weitere Bühne zu bauen; Viele, die sich entrüsten, was er getan hat, werden schon die Verdienstmöglichkeiten, die sich ihm nach der Enttarnung neu auftun wie Fernsehauftritte, Buchveröffentlichungen und dergleichen mehr, verteufeln. Es geht mir darum, eine Position für mich zu finden und es anderen gegebenenfalls zu ermöglichen, über die ihre nachzudenken. Wie definiere ich persönlich „Verrat“ oder „Betrug“, hier einmal ganz konkret am Beispiel „Kunst“? Was ist mir dabei wichtig, was eventuell vernachlässigenswert? Welche sind die Werte, die für mich erhaltenswert sind?

Es geht mir hier einmal mehr auch nicht darum, an Kunst kein Geld verdienen zu „dürfen“, sondern darum, was man im Grunde verkauft, wenn es NUR darum geht. René Allonge, Ermittler beim LKA Berlin und maßgeblich beteiligt bei der Verhaftung Beltracchi’s, sagt im Film Folgendes: „… der Anteil der sorgfältigen Sammler, die also ihre Werke auch dauerhaft in Ausstellungen geben, damit sich die Bevölkerung das ansehen kann, das nimmt immer mehr ab, und da liegt eine gewisse Gefahr in diesem Markt; es entsteht Gier und auch ein gewisser Druck mit der ‚Ware Kunst’ zu handeln, und wenn man dann sich diesem Druck beugt und nicht sorgfältig ist, dann passieren diese Fehlerquellen und dann kommt es auch zu solchen Schäden.“

Wie schaut man Kunst in Zeiten des immer wahrscheinlicheren Betrugs aufgrund von Gier an? Darf ich in einem Museum ein Bild bewundern, von dem ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen kann, dass es von dem- oder derjenigen stammt, die namentlich daran erwähnt sind? Meine Antwort darauf lautet schon immer: ja, natürlich! Ich sollte das Bild sogar genießen, EGAL, von wem es stammt. Das, finde ich, öffnet die Augen für so manches Lieschen Müller, von dem es immer auch stammen könnte. Fälschergeschichten zeigen immer auch, dass handwerkliches Können auf dem Gebiet der Kunst keinen Erfolg garantiert, sonst würden sie ihre Arbeiten sicher liebend gern unter dem eigenen Namen, der eigenen Identität, veröffentlichen. Und sie (die Geschichten) entlarven, wie sehr „Erfolg“ damit verknüpft ist, welche Bewerbung jemand erhält, welche Bedeutung sein Name bereits hat. Was mittels der Arbeit zu sehen, zu erfahren ist und warum, scheint zweitrangig zu sein…

Im Film wird über die Enttäuschung eines holländischen Privatsammlers gesprochen, nachdem das „Frauenportrait mit Hut“ von Kees van Dongen als Fälschung Beltracchis’s entlarvt wurde. Das Bild hatte ihm doch gefallen! Gefällt es ihm auf einmal nicht mehr, nachdem die Fälschung enttarnt wurde? Sicher, er hat mit den immensen Anschaffungskosten auch den (angeblichen) Namen des Malers bezahlt, und der Verlust des Geldes schmerzt sicher auch Reiche, und manchmal mehr als ärmere Leute, wie es oft und sicher nicht zu Unrecht heißt. Aber es ist immer noch dasselbe Bild…

Im Falle des Ideenklaues, der in Internet-Zeiten immer schwieriger aufzudecken und zu verhandeln ist, liegt die Sache etwas anders, aber eben nur bedingt. Ideenklau wird doch meist nur als „schlimm“ empfunden, wenn der Bestohlene einen messbaren Schaden nimmt, den ein anderer als Gewinn einstreicht. In allen anderen nicht aufgedeckten Fällen wird es durch die allgemeine Beeinflussung schier unmöglich sein, ihn überhaupt zu entdecken, geschweige zu beweisen. Ist es also hilfreich, darüber zu streiten…? Ich finde es zwar dreist und käme selbst nicht auf die Idee, bewusst Ideen zu stehlen, aber ich weiß vermutlich nicht einmal, wie welches Gesehene in mir weiterarbeitet und zu etwas wird, das ohne das – vielleicht Jahre zuvor – Gesehene so nicht entstanden wäre… Ideen dürfen sich in anderen weiterentwickeln und dort zu etwas Neuem werden. Das wirft man Beltracchi vor, dass er das nie getan hätte: Eigenes entwickeln. Er habe immer nur bereits bekannte Motive neu zusammengestellt. Dabei finde ich eines vorstellens- und bedenkenswert: irgendwann einmal hat jemand ein Motiv „neu erfunden“, selbstverständlich beeinflusst durch die Dinge, Personen und Vorkommnisse, denen er zuvor begegnet ist, aber sagen wir: das dort entstandene Motiv ist tatsächlich neu; noch nie zuvor wurde etwas so dargestellt. Das Motiv wirkt in der Welt, bekommt Anhänger, weckt Begehrlichkeiten, wird aber nicht weltberühmt. Nun fälscht es jemand, und, weil es vorher nicht zu Weltruhm gelangt ist, kennt es nicht jeder, und jemand sieht es zum ersten Mal in der Fälschung. Er ist berührt von der Darstellung, es kommen ihm neue Gefühle, Gedanken, er kann nun auch noch aus einer anderen Perspektive auf die Welt blicken – Kunst ereignet sich.

Es kann so geschehen, es wird so geschehen, immer wieder. Die Frage kann daher nicht naiv gestellt werden: darf es das auch, sondern: wie blicken wir mit dieser Erkenntnis fortan auf Kunst? Sicher „mit Sorgfalt“, wie es Klaus Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Galerien im Film empfiehlt, und für mich, die ich keine Kunst klassifizieren, beurteilen und für ihre „Echtheit“ garantieren muss, bedeutet diese Sorgfalt, dass ich zum einen niemandem absprechen darf, sich künstlerisch so ähnlich wie ein anderer auszudrücken, und zum anderen mich so mit Künstlern zu beschäftigen habe, dass der Gesamteindruck – das Bild, das ich im Großen und Ganzen von ihm oder ihr habe – stimmig ist. Mehr kann ich nicht leisten, und mehr braucht es nicht, um nicht durch eine eventuelle Fälschung, die ich bewundere, aber die eben nicht von dem geschätzten Künstler stammt, so enttäuscht zu sein wie eben jener holländische Privatsammler, von dem im Film die Rede ist. Und es zeigt einmal mehr, dass die „Funktion“, in der ich auf Kunst treffe, eine, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt: vielleicht war der Sammler ja doch nur des Prestige-Verlusts wegen enttäuscht…

Um Fälschungen auf dem Kunstmarkt verhindern zu können, sei „ein Ausweichen vor der natürlichen Menschengier“ notwendig, so Friese.

Der Fälscher Wolfgang Beltracchi war berührt von folgenden Worten des Malers Max Pechstein: „ Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. […] Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.“

Das gelingt nur, indem wir uns im besten Sinne „verschwenden“ und auch verschwenderisch mit unseren Ideen sind, eben jenen Gedankenfunken, die unser Leben lenken und gestalten.

Eine Idee ist nicht zu stehlen, weil sie im besten Fall keinem gehört, nicht mal dem, der sie „hat“. Sie ist nur geteilt, mit-geteilt etwas wert, und das nur spontan, in dem Augenblick, in dem sie zur Situation, den Dingen und Menschen passt, wenn diese nicht warten, bis man sie später vielleicht einmal „gewinnbringend“ anlegen kann und sie sie die ganze Zeit bis dahin eifersüchtig bewachen müssen.

Ich nehme den Kunstmarkt nicht nur nicht ernst, sondern finde ihn mittlerweile lächerlich. Nicht die Arbeiten, keine von ihnen; ich muss einer jeden von ihnen ohne Vorurteil begegnen dürfen, sonst ist das ganze Unterfangen „Kunst“ sinnlos. Aber einen Markt, auf dem Menschen zwar gucken, aber nichts mehr wirklich sehen, der an Intransparenz nicht zu überbieten ist und bei dem „Diskretion“ über alles andere geht, kann ich nur wieder ernster nehmen, wenn nicht eine einzige kreative Arbeit mehr zur Begründung herangezogen wird. Der Kunstmarkt beleidigt jede einzelne künstlerische Leistung jedes Menschen, vielleicht gerade die, der er huldigt. „Das macht ja auch dieses Faszinosum des Kunstmarkts aus: man hat ein immaterielles Objekt aus Farben und Leinwand, deren Wert im Hundert-Euro-Bereich beschreibbar ist, und wenn dann der Richtige davor steht und das Richtige drauf ist, kostet es eben 20 Millionen.“ (Klaus Gerrit Friese)

Insofern ist „Kunstfälschung“ auf solch einem Markt vielleicht nicht einmal mehr ein „Delikt“, sondern Entwicklung – logische Konsequenz. Der Betrug ist nicht eine einzelne gefälschte Arbeit. Der Beginn des Verrats hat viel früher stattgefunden und nur noch kein Ende. Es ist der Verrat an menschlicher Integrität.

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Antwort auf „Wann ist Kunst ein Misserfolg?“, erschienen auf www.thinglabs.de im Beitrag vom 08. Oktober 2014

Hallo Stefan,

ich wollte so beginnen: Du sagst in Deinem Essay „Denn anders als der Erfolg, der nach landläufiger Meinung keine weitere Erklärung verlangt, läuft der Misserfolg immer Gefahr eine Begründung oder Rechtfertigung einzufordern.“ Der Erfolg verlangt keine weitere Erklärung, aber Du führst ihn doch unmittelbar auf die Arbeiten zurück, oder? Du siehst doch nicht wie ich die zielgerichtete und damit erfolgreiche Bewerbung der „erfolgreichen“ Arbeiten auf den wichtigen Kanälen im Vordergrund eben des Erfolgs, sondern sagst doch, anders als ich (die ich die Qualität auf dem Kunst-Sektor als SEHR relativ ansehe und behaupte, dass man alles hypen oder verreißen und beides schlüssig begründen kann), dass „wahre Qualität“ sich durchsetzt, oder?

Und genau darüber stolpere ich gerade: hast Du jemals behauptet, dass Qualität sich durchsetzt? Nein, im Gegenteil: es haben sich auch Künstler durchgesetzt, die Du für weit weniger relevant als andere hältst. Trotzdem hältst Du in unseren vergangenen Briefwechseln am traditionellen Kunstbetrieb fest und schätzt ihn als wichtiges Fundament, bemängelst nur hier und dort etwas.

Deinen Standpunkt bezüglich des Kunstbetriebes klar zu sehen fällt mir zunehmend schwer. Ich dachte z. B. immer, dass Du gerne ein Künstler im Off-Space bist, weil das zu den etablierten Arbeiten, die jedem überall angeboten werden, einen wichtigen Kontrapunkt setzt. Und das völlig unabhängig vom Fakt, dass Du selbstverständlich lieber gut bezahlt wärst; das wünscht sich wohl jeder: von einer selbstbestimmten Arbeit, die einen auch noch ausfüllt, in der man einen Sinn sieht, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich glaube nicht, dass es so Viele gibt, die einer pseudo-romantischen Vorstellung vom armen Künstler anhängen; ich glaube allerdings, dass – u. a. durch das haarsträubende verbale Butter-vom-Brot-Kratzen der Beteiligten im Kunstbetrieb – Viele sehen, wie unglaubwürdig die wirken, die erst über Geld reden und dann über ihr Anliegen. Und Kunstwerken ist es nun mal zu eigen, gesellschaftliche Anliegen zu sein; da sind sich sogar meistens die Etablierten mit den „Hobby-Künstlern“ einig. (Inwiefern das die beiden Lager behaupten dürfen, zu sein – relevante und berechtigte Vertreter gesellschaftlicher Anliegen – , da streiten sie dann wieder.)

Im Gegenteil zum mündlichen Hören beim ‚seminar’ gefallen mir diesmal Deine geschriebenen Ausführungen weniger. Du klingst gelesen in diesem Essay voller Sarkasmus; als nähmst Du nichts und niemandem mit einem anderen Standpunkt ernst. („Die Vorstellung, was die eigene Kunst bedeutet und ausmacht, reproduziert sich mithin vollständig subjektiviert. Monadisch lebt sie vom Fettpolster der inneren Heilsgewissheit.“, um nur ein Zitat zu bringen; ich hätte ganze Passagen kopieren können…)

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Wie ist denn „scheitern“ definiert? DU (aber damit auch ICH und JEDE/R ANDERE) bestimmst doch, was Du erwartest und warum, und was demnach „scheitern“ ist. Und Du sprichst anderen – zumindest in diesem Text – völlig eine andere Herangehensweise ab. Und das ist ja dann noch nicht mal ein Unterschied zwischen der akademischen und der nicht-akademischen Herangehensweise – Du hast ja wohl reihenweise KollegInnen auf demselben Level, die es augenscheinlich anders sehen… kann man nicht einfach sagen, dass das, was Du für Dich als „scheitern“ definiert hast, als Wort es für sie einfach nicht trifft? Warum soll das ein Widerspruch sein: zwar, weil man zu wenig von den wichtigen Kanälen beworben wurde, hat man keinen äußeren Erfolg, aber die Anliegen bleiben doch! Soll ich die verraten, nur weil die Gesellschaft mir den äußeren Erfolg verwehrt? Soll ich lediglich reagieren und die Macht über mein Tun und Lassen in fremde Hände legen?

Stellen wir uns vor, es käme irgendwann so, wie im ‚seminar’ beschrieben: Du hast 10 Jahre Zeit, und hast Du Dich in dieser Phase nicht etablieren können, nimmst Du Deinen Hut. Wohin mit den Anliegen? Macht man dann heimlich im Keller weiter? Wie geht man damit um, dass man sich ja auch anderweitig durchaus „künstlerisch“ verhält, und damit meine ich nicht den schwarzen Rolli, sondern die Haltung dem Leben gegenüber, die durchaus von Kreativität jenseits von „Basteltisch“ und denk- und tatkräftiger gesellschaftlicher Teilnahme geprägt ist, aber eine einem selbst wichtige Ausdrucksmöglichkeit nach der „neuen Regelung“ wegfallen muss? Werde ich bestraft, wenn rauskommt, was ich im Keller mache…?

Warum stört Dich die Haltung der KollegInnen eigentlich? Das finde ich im Moment am spannendsten… glaubst Du, dass sie damit „Kunst“ schaden? Mir kommt es nämlich so vor, als befreiten sie dadurch „Kunst“ von der Meinung vieler Otto-Normalrezipienten, dass das ein Metier sei, in dem man ohne große Arbeitsleistung  und oft aus Sch…. Geld machen könne.

Anders als es bei Dir klingt, glaube ich nicht an massenweise Selbstüberschätzung künstlerisch tätiger Personen, die einfach nicht einsehen wollen, wann es „genug“ ist; dass sie es nicht „bringen“. Ich glaube immer noch und immer wieder an Bandbreite und an den überbordenden Wunsch, sich auszudrücken und auszutauschen. Und das selbst bei den Etablierten, die ja eigentlich „Kunst“ „voranbringen“ sollen…

Und jetzt erhebe ich mein Glas. Auf Franz Kafka. 😉

Viele Grüße,

Sabine

Als P.S. ein zugegeben langes Eigenzitat:

Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn […]. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert.

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