Die Tiefen der Menschenseele

„Unser Leben mit all seinen Geschichten gleicht in seiner kunstvollsten Ausprägung vielleicht mehr einem Novellenroman als einem Roman.“

So sagt es Jean-Claude Lin im Vorwort des ‚a tempo‘-Magazins in der August-Ausgabe 2017.

Er bezieht sich dabei auf Leo Perutz‘ Novellenroman „Nachts unter der steinernen Brücke“; ich verlinke unten einen Artikel, in dem er liebevoll besprochen wird.

Ein Roman also, der sich aus Novellen zusammensetzt.

Friedrich Spielhagen definiert in „Novelle oder Roman?“ 1876: 

„Der Unterschied zwischen Novelle und Roman hat den Aesthetikern schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Indessen, man hat sich im ganzen und großen doch geeinigt und braucht keinen erheblichen Widerspruch zu fürchten, wenn man jenen Unterschied ungefähr so charakterisiert: die Novelle hat es mit fertigen Charakteren zu thun, die, durch eine besondere Verkettung der Umstände und Verhältnisse, in einen interessanten Konflikt gebracht werden, wodurch sie gezwungen sind, sich in ihrer allereigensten Natur zu offenbaren, also, daß der Konflikt, der sonst Gott weiß wie hätte verlaufen können, gerade diesen, durch die Eigentümlichkeit der engagierten Charaktere bedingten und schlechterdings keinen anderen Ausgang nehmen kann und muß. […] Der Roman hat es weniger auf eine möglichst interessante Handlung abgesehen, als auf eine möglichst vollkommene Uebersicht der Breite und Weite des Menschenlebens. Er braucht deshalb – und gerade zu seinen Hauptpersonen – nicht Menschen, die schon fertig sind, und, weil sie es sind, wo immer sie eingreifen, die Situation zu einem raschen Abschluß bringen, sondern solche Individuen, die noch in der Entwicklung stehen, infolgedessen eine bestimmende Wirkung nicht wohl ausüben können, vielmehr selbst durch die Verhältnisse, durch die Menschen ihrer Umgebung in ihrer Bildung, Entwicklung bestimmt werden, und so dem Dichter Gelegenheit geben, ja ihn nötigen, den Leser auf großen, weiten (allerdings möglichst blumenreichen) Umwegen zu seinem Ziele zu führen.

Natürlich ist dieses Ziel für den Novellisten und Romandichter im Grunde dasselbe: die Einsicht in die Tiefen der Menschenseele;[…]“ [Friedrich Spielhagen: „Novelle oder Roman?“ (1876). In: Ders. Beiträge zur Theorie und Technik des Romans. Leipzig (Staackmann) 1883, S. 245 – 257, hier S. 245 – 248.]

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Ich mag beide Genres, und ich stimme Lin und Spielhagen zu: die Ereignisse bilden am Ende den „Lebensroman“. Es ist dasselbe Leben, das man einmal als Ganzes, aus der Ferne, „von oben“ betrachten (und das in groben Zügen durch Daten und Lebensabschnitte strukturiert ist und in seiner Entwicklung grob verfolgt werden) kann. Und zum anderen wird man einem Leben, einem Menschen erst durch „Heran-Zoomen“ wirklich gerecht, kann so manche Entwicklung besser nachvollziehen, im besten Fall verstehen.

Es braucht die Betrachtung der Details, das genaue Hinschauen, das bewusste Lesen, das Innehalten auch – vielleicht gerade – in Zeiten, in denen alles so schnell vorangetrieben wird, wo ein schneller kurzer Erfolg einem langfristig angestrebten guten Ergebnis vorgezogen wird. Wo heute in derselben Sache Hype und morgen „Sau-durchs-Dorf-Treiben“ angesagt ist. Wo Menschen von ihrer Erfahrung berichten, dass Aufklärung nicht so „interessant“ ist wie manche Falschmeldung und daher weniger Gehör findet.

Wir brauchen, denke ich, sowohl die Übersicht über die Epochen und ihre Entwicklung, um die Dinge in Relation zu bringen, aber müssen uns trotzdem zu den Ereignissen positionieren (und manchmal auf sie reagieren), die unser Hier und Jetzt bilden. 

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https://www.welt.de/welt_print/kultur/literatur/article8997757/Nachts-unter-der-steinernen-Bruecke.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Perutz

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Die Entwicklung eines Workshops, Teil 2

Hallo liebe MitleserInnen,

anhand der Reaktionen auf meinen ersten Bericht bin ich bestätigt, dass es schwer ist, über etwas zu berichten ohne „allzuviel verraten zu wollen“ 😉 . Trotzdem und gerade deswegen ein ganz herzliches Dankeschön für Eure unterstützenden Worte!

Wie also Teil 2 beginnen?

Vielleicht nicht gerade mit der Beantwortung, aber zumindest mit dem Eingehen auf den Satz aus einem Kommentar zum ersten Teil: „… es soll doch auf jeden Fall etwas kreativ gestaltet werden, oder?“

Ja, allerdings ginge es mir dabei weniger um das Ergebnis als um den Prozess, wie man Dinge angeht. Das „daneben Denken“ wird eine große Rolle spielen. Es geht um Impulse, um Ausprobieren. Deshalb ist es mir für meinen Teil des Workshops wichtig, dass es von meiner Seite kein Zeichen- und/oder Malkurs sein wird, obwohl mit Stift/Farbe und Papier gearbeitet wird. Es ist auch für mich spannend, wie meine Kollegin es für das Schreiben angehen wird. 🙂 Unser nächstes Treffen ist geplant!

Als kleine Appetithäppchen hier die Dinge, die mir bei den ersten Recherchen begegnet sind und ein Teil der bewusst ausgewählten Vorbereitungslektüre:

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Wer Erfolg haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen.“ [Frank Tyger]

http://www.franktyger.info/frank-tyger-biography.htm

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Etwa mit fünf Jahren verlieren die meisten Menschen den Spaß am Malen und Zeichnen. Alles soll dann „echt“ aussehen, die Angst, falsch zu zeichnen, lähmt die Freude am kreativen Umgang mit Stiften, Pinsel und Kreide. Und höchstens in selbstvergessenen Momenten beim Telefonieren entstehen noch Kritzeleien, die oft etwas überraschend Schönes haben. Ganz anders gehen Menschen vor, die als „verrückt“ oder „geisteskrank“ bezeichnet werden. Diese Menschen behalten die unmittelbare Fähigkeit, subjektiv Wahrgenommenes bildnerisch kreativ wiederzugeben. Von ihnen lernten Picasso und die Künstler der „art brut“. Und genau diesen direkten emotionalen Zugang zum Zeichnen vermittelt Ihnen Peter Jenny im Buch Anleitung zum falsch Zeichnen. Nehmen Sie die Anleitung zum falsch Zeichnen und Ihr Fotoalbum, legen Sie mit Pinsel und Stiften los, und entdecken Sie vertraute Bilder, die Sie so noch nie gesehen haben!“

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https://de.wikipedia.org/wiki/Art_brut

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Der Zufall in der Kunst

Es ist besonders, den Maler Sean Scully im Film www.seanscully.wfilm.de beim Unterrichten zu erleben. Er ist auf eine unaufgeregte Art äußerst witzig, und er sagt viele sehr interessante Dinge. Ich gehe allerdings nicht mit ihm konform, dass man sich in der Kunst für einen Weg entscheiden muss, und ich zweifle am Begriff des „Fortschritts“, wie man ihn herkömmlich versteht; ich habe darüber früher geschrieben und vernachlässige das jetzt hier. Wenn Scully erläutert, dass er sein Ego nicht mit in den Klassenraum nimmt, um seinen Schülern in ihrem Sinne helfen zu können, verstehe ich zwar in dem Moment seinen Beweggrund, finde aber im Gegenteil, dass eigene Charakteristika des Lehrers durchaus „helfen“ können. Für mich muss das nicht unbedingt in „Kontrolle“ ausarten, wie Scully befürchtet. Aber auch das nur am Rande.

Ich möchte heute gemeinsam mit Euch und Ihnen den Schwerpunkt auf einige Zitate aus eben diesem Film legen und mit deren Unterstützung das Moment des Zufalls in der Kunst beleuchten.

Wie steht Ihr dazu? Gibt es ihn, darf es ihn geben, muss man ihn bekämpfen, in jedem Fall vermeiden? Was bedeutet er für den Kreativen, was für seine Arbeit?

„… wenn ich male, ist das immer sehr aufregend. Es ist ein sehr emotionaler, spiritueller Vorgang, und es gibt einen Moment inniger Verbindung. Das Gemälde muss mich bewegen, mit anderen Worten, es muss meinem Willen überlegen sein. Mit Willenskraft kann man ein Gemälde nur anfangen, beenden kann man es damit nicht.“

Kunst ist eine Form des Ausspielens von Möglichkeiten. Das ist die Rolle der Kunst in der Welt. Und… es gibt viele verschiedene Wege dahin. […] Aber ich glaube, dass man eine gewisse geistige Kraft, Notwendigkeit, innere Liebe zur Welt braucht, um ein Künstler sein zu wollen.“

Es erreicht nie einen Schlusspunkt, es ist offen, und seitdem liegt es im Charakter meiner Arbeit, dass sie stets ein Gefühl der Uneindeutigkeit enthält, der Möglichkeit eines anderen, die Möglichkeit eines anderen Ergebnisses.“

Ich freue mich darüber, wenn ich Gedanken anstoßen kann, und noch mehr, wenn Ihr sie mit mir und unseren Lesern teilt! 🙂

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Perfektionismus

Mir sind mehr Menschen bekannt, die sagen, dass sie „perfektionistisch“ seien als solche, die sich das nicht zuschreiben. Woher kommt die Freimütigkeit, sich zu einer Charaktereigenschaft zu bekennen, die für den Träger ja nicht nur positiv ist? Oder wird sie doch als positiv empfunden?

Ich habe den Eindruck, dass die meisten Menschen annehmen, dass die reine Beschreibung der Eigenschaft auf einen positiv zu bewertenden Charakter schließen lässt und daher gerne perfektionistisch sind.

Zu Beginn lasse ich die Wikipedia unter Allgemeines zu Wort kommen:

Einigkeit besteht darin, dass man Perfektionsstreben im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen in zwei Dimensionen auffassen kann:

1. Streben nach Vollkommenheit (perfektionistisches Streben): fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards und Organisiertheit zusammen.

2. Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität, aber auch Angst vor Bewertung, […].

Dabei wird ein Perfektionsstreben mit einer hohen Ausprägung in der Dimension des perfektionistischen Strebens, aber einer niedrigen Ausprägung in der Dimension der perfektionistischen Besorgnis als gesundes oder funktionales Perfektionsstreben bezeichnet, wogegen eine hohe Ausprägung in beiden Dimensionen mit einem ungesunden oder dysfunktionalen Perfektionsstreben in Zusammenhang gebracht wird. Letzteres wird als Perfektionismus benannt.“

Ich selbst würde es nach meiner Auslegung eher als schwierig und hemmend empfinden, perfektionistisch veranlagt zu sein, und hoffe, denke und behaupte daher immer, dass ich das nicht sei. Was ich natürlich kenne, ist, dass man ein gutes Ergebnis abliefern möchte und dann unter Umständen auch mal länger an einer Sache sitzt. Außerdem neige ich zum Sortieren und Vervollständigen, so dass ich manchmal über eine Ordnung stolpere, die ich nicht zu meiner völligen Zufriedenheit herstellen kann, oder warte noch etwas zu, weil noch etwas dazugehören könnte, das noch gar nicht entstanden ist.

Für die Textsammlung beispielsweise, die ich gerade zusammenstelle, fällt mir die Auswahl unsagbar schwer, weil ich am Ende ein Ergebnis habe, dass auf der einen Seite einen abgeschlossenen Eindruck erweckt, der auf der anderen Seite meinem Gefühl widerspricht: ich fühle und weiß, dass es diese Abgeschlossenheit da nun wirklich nicht gibt, und ich möchte am liebsten in einem weiteren Text erklären, warum ich so und nicht anders gewählt habe… und dass unter Umständen noch etwas (anderes) zu erwarten ist… irgendwann in Zukunft. Eine Abgeschlossenheit sozusagen „vorzugaukeln“ liegt mir ganz fern…

aber ist dieses Ringen „Perfektionismus“?

Unter „perfektionistisch sein“ habe ich immer verstanden, dass man kaum oder nur unter allergrößter Seelenanstrengung zu einem Abschluss kommt. Ich aber freue mich immer so sehr auf diesen Abschluss, dass ich es vermutlich deswegen irgendwann – und zwar im wahrsten und doppelten Wortsinne – gut sein lassen kann. Denn ich weiß, dass erst nach einem dann auch freigegebenen Abschluss – so unstimmig dieser auch empfunden sein mag – der Dialog beginnen kann, und dass es auf diesen oft stärker ankommt als auf die „Vorlage“. So bin ich denn oft fröhlich unperfektionistisch. Ich möchte nicht mein ganzes Leben lang abwarten, weil man, weil es nie fertig wird, weil ich nie „fertig“ sein werde.

Ich schließe mit den Worten der Fotografin Hilla Becher, die am 10. Oktober im Alter von 81 Jahren gestorben ist: „Wer ist denn jemals fertig mit irgendetwas?“

und lade wie immer zu Auseinandersetzung und Dialog ein!

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Kunst und Philosophie, Teil 1

Kunst und Philosophie, Teil 1

Erwachsen aus der Erfahrung so mancher KreativkollegInnen sowie meiner eigenen komme ich zu dem Schluss, dass Kunst mit Philosophie mehr gemeinsam hat, als einige vielleicht annehmen werden, und mehr als mit irgendeinem anderen Fach oder einer anderen Wissenschaft. (Warum und dass ich es schwierig finde, Kunst zu einem Studienfach gemacht zu haben, was suggeriert, man könne es studieren und „könnte“ dann „Kunst“, habe ich schon mehrfach hergeleitet und beschrieben und vernachlässige es an dieser Stelle.)

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Empirie“ Folgendes: „Auch philosophische Reflexion, die nicht streng logisch-formalen Kalkülen folgt, wird meist nur durch bloßes Nachdenken oder Spekulation vollzogen; empirische Beobachtungen werden hierzu bewusst nicht herangezogen.“ Jedenfalls gibt es auch in der Kunst keine wirklichen messbaren Ergebnisse, keinen Versuch, um herauszufinden, wie, auf wen und wann Kunstwerke „wirken“. Und auch kein „trial and error“, um von einem Punkt a zu einem Punkt b zu kommen und damit dann „fortgeschritten“ zu sein im Sinne einer vorher angestrebten Entwicklung. In der Kunstgeschichte wird nur rückblickend erklärt, und nur in der Rückschau sieht man eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ – oder meint das zu sehen. Fragte man die vielen, vielen zu ihren Lebzeiten verunglimpften Künstler oder könnte das noch, würden einige davon die heutigen Experten, die sie als bahnbrechend und wegweisend über den grünen Klee loben, sicher am roten Faden aufknüpfen wollen…

In der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft werden immer nur in der Rücksicht Zusammenhänge „verstanden“, wobei dieses „Verständnis“ nicht ein allgemeingültiges Begreifen ist, sondern Ergebnis von Verhandlungen im Kunstsystem, auf dem Kunstmarkt. Es handelt sich also um kein Verständnis, mit dem man außerhalb des „Systems Kunst“ etwas anfangen kann. Solange man Museen für jeden Besucher öffnet (und hoffentlich bleibt das so!), gleich welchen Alters, gleich welchem Bildungsweg er gefolgt ist, gleich welchen Geschlechts und gleich, woher er stammt, solange dürfen Menschen meines Erachtens – selbstverständlich auch außerhalb von Museumsmauern – Kunst genießen und ihr Verständnis einsetzen, sich fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“

In der Philosophie gibt es den Königsweg auch nicht, weder in der akademischen noch in der „Stammtisch“-Variante. So wird z. B. unterschieden zwischen westlichen und östlichen Anschauungen, die sich schon in den Grundsätzen so stark unterscheiden, dass sich das Denken von Kindesbeinen an ebenfalls unterscheiden muss.

In der Kunst ist mein Lieblingsbeispiel meine Erfahrung mit Vorder- und Hintergrund beim Malen/Zeichnen eines Bildes. Die westlichen Schulen lehren, den Vordergrund heller zu malen, damit er sich deutlich vom dunkleren Hintergrund abhebt und dadurch eben als Vordergrund erscheint. Das funktioniert. In der asiatischen Tuschezeichenkunst wird gelehrt, den Vordergrund dunkler zu gestalten als den Hintergrund, damit er sich deutlich vom helleren Hintergrund abhebt und dadurch als Vordergrund erscheint – und auch da sehen die meisten Menschenaugen das Bild so, wie es vom Maler „gemeint“ ist: sie erkennen Vorder- und Hintergrund „richtig“, egal, woher sie stammen. Selbstverständlich spielen auch Perspektiven und Größen der dargestellten Objekte eine Rolle, aber trotzdem: wie kann das sein? Es kann nur damit zusammenhängen, dass trotz gegensätzlicher Herangehensweisen eine Schlüssigkeit hergestellt werden konnte, eine Stimmigkeit in sich.

Eins meiner Lieblingskapitel in Gert Scobel’s „Warum wir philosophieren müssen“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des Widerspruchs. Er sagt, dass das griechisch-abendländische Denken unter anderem auf der Grundfeste beruht, dass mittels Erkenntnissen „zu absolut sicheren, gewissen Sätzen zu gelangen“ sei und dass diesbezügliche Unsicherheiten schlecht ausgehalten würden: „Ein Teil der Geschichte der Philosophie lässt sich als Kampf um Sicherheit beschreiben.“ Und wenig später: „Macht drückt brutal durch, was ihr das Wissen suggeriert – wobei dieses Wissen häufig ein Wissen wider besseres Wissen war und ist. Wer versucht, eine Sicherheit zu garantieren, die im Grunde angesichts der vielen drängenden und ungelösten Fragen nicht herzustellen ist, wird häufig die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten. Anders formuliert: Es war und wird immer wieder möglich sein, gerade in unsicheren Zeiten Sicherheit herzustellen; die Frage ist nur, um welchen Preis.“

In der Kunst – gerade in der etabliert gelebten Variante – kommt es mir häufig so vor, als unterwürfe man sich einer Macht, die die Dinge „gesetzt“ hat – und hinterfragt sie dann nicht weiter. Wo die Kunst sich geöffnet hat, wo sie entgrenzt wurde, werden sofort Stimmen laut, die dadurch etwas in Gefahr sehen, etwas bewahren möchten… – aber was? Heraklit’s „Alles fließt“ hat da keine Chance; zumindest darf es für einige nicht ungesteuert fließen…

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon bei fast allen Dingen, wodurch sie (die Dinge) den Menschen nutzen können, und zwar nicht einzelnen und nicht im materiellen Sinn, sondern auf eine abstrakte Weise allen. Ich frage mich das im Alltag, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, auf die Wissenschaften bezogen… einfach ständig. Im Kunstbetrieb spielt Willkür eine große Rolle; das belegen mir viele Gespräche mit In- und Outsidern. Das „zur rechten Zeit am rechten Ort“-Sein, das Kennenlernen von Menschen, die einem die richtigen Türen öffnen… all das hat mit einer tatsächlichen Arbeit, mit einer tatsächlichen Leistung allenfalls peripher zu tun. Die Schwierigkeit, das als Willkür zu entlarven, besteht darin, dass vorher „Sicherheiten“ geschaffen worden sind, auf denen die Willkür dann legitim ruhen kann. Unser aller Aufgabe sehe ich darin, diese „Sicherheiten“ kritisch zu hinterfragen: wem nutzt was? Vielleicht werden viele der vermeintlichen Sicherheiten dann als Machtinstrument entlarvt, und Menschen erkennen die Manipulation und werden wieder kritischer und freier im Sehen.

„Den Geist und damit den Menschen zu befreien ist die vielleicht letzte Aufgabe von denken und philosophieren“ schreibt Gert Scobel in seinem Buch. Auf dem Weg zu dieser Freiheit könne helfen, die Brille abzusetzen, durch die wir erlernt und nun gewohnheitsmäßig sehen. „In indischen und buddhistischen Systemen sind über die Logik hinaus Verfahrensweisen – Handlungssysteme – entwickelt worden, die es, wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formulierte, möglich machen, jemanden einerseits weiterhin in Kommunikation und wie im Zen-Buddhismus in eine entsprechende Verfahrensweise oder Übung zu verwickeln, ihn andererseits aber mitten in die Widersprüche und Paradoxien hineinzutreiben. Warum? Um ihn oder sie auf diese Weise zu einer Einsicht zu führen. Diese Einsicht hängt nicht mit einer neuen Erkenntnis zusammen, sondern damit, dem Betreffenden eine […] Erfahrung zu ermöglichen, die gleichsam vor der Akzeptanz des Nichtwiderspruchsatzes liegt. Auf diese Weise wird der Blick freigegeben auf das ‚Prä-differentielle’: auf das, was vor allen Differenzen liegt.“

Wie sieht die Welt aus, in der noch keine begrifflichen Differenzierungen stattgefunden haben? Scobel’s Frage führt mich zurück zur Kunst: gäbe es das „System Kunst“ nicht, hätte sich kein Kunstmarkt entwickelt mit seinen Begriffen und Definitionen, mit seinen Macht-gemachten „Sicherheiten“, hätte das vermutlich nicht die wunderbaren Bilder von Turner oder Caravaggio verhindert, es verhinderte keine Skulptur von Rodin oder Claudel oder dass Menschen geboren werden, bei denen ein Leben für ihren Ideenreichtum nicht ausreicht wie bei Orson Welles oder Walt Disney oder Charles Chaplin. Virginia Woolf wäre zur Welt gekommen und Margot Fonteyn, und die eine hätte schreiben wollen und die andere tanzen, und vermutlich hätte nichts das verhindern können. Wie würden ihre Fertigkeiten, ihre Künste auf uns wirken, wenn nicht ein Marktsystem sie uns auch, gleich einem Qualitätssiegel, nahelegen würde…? Würden wir sie wahrgenommen haben? Nehmen wir unsere Zeitgenossen als Kreative, als Künstler wahr, wenn sie Ähnliches „können“ oder tun, auch, wenn sie von niemandem beworben werden?

Ich sehe die Herausforderung zunehmend darin, dass wir bei gleichgeschalteten Medienmeldungen, bei einer Politik, die sich in erster Linie selbst erhalten möchte und erst in zweiter für ihr Volk eintritt (und auch das oft nur noch, damit es wiederum ihr nutzt), selbst mit denken. Dass wir uns Bandbreite erhalten und nicht soviel vorsortieren lassen. Dass wir für uns eine Philosophie entwickeln, jeder für sich. Dass wir innerlich frei bleiben, beweglich. Dass wir uns bei jedem Menschen fragen, was er oder sie uns eventuell sagen oder zeigen kann, das uns weiterhilft, uns weiterbringt auf dem Weg des Werdens bis zum Vergehen.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 2

wird sich beschäftigen mit dem Tetralemma, wie man vom Denken zur Erfahrung kommt und mit Aspekten, Aspektblindheit und Kippbildern – und wie das alles vielleicht mit Kunst zusammenhängt.

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Für wen ist Kunst gedacht?

Dieses ist ein Misch-Text. Er ist sowohl persönliche Ansprache als auch Blog-Beitrag. Angeregt durch das letzte Gespräch mit Stefan Beck frage ich mich einmal mehr

für wen ist Kunst eigentlich gedacht? Läuft alles auf einer persönlichen Ebene ab, die Erschaffung, die Rezeption, die Kunstkritik, und ist Kunst demnach für alle Menschen, wie es schon so lange mein Leitsatz ist…? Oder gibt es Personen, die durch ihre fehlende diesbezügliche Bildung sowohl von der Erschaffung kreativer Arbeiten als auch vom erreicht-Werden durch sie ausgeschlossen sind? Ich muss einen Bogen schlagen…

Beginnen möchte ich einmal mehr mit meiner persönlichen Kunst-Definition, die ich zur besseren Lesbarkeit zu einem kleinen Regelwerk mache, das mich erklären helfen soll:

1. Durch die Begegnung mit einem Rezipienten, der durch die Betrachtung der Arbeit einen neuen Gedanken- oder Gefühlsimpuls bekommt, kann jede kreative Transformation eines jeden Menschen zu Kunst werden. (Persönliches Moment der Begegnung)

2. „Kunst“ muss eine andere Bedeutung haben als z. B. „meisterlich gefertigt“; der Begriff muss das Unfassbare, Unerklärliche, Unbewertbare meinen oder zumindest einschließen, das nichts mit der Ausführung einer Arbeit zu tun hat, denn legte man da etwas fest, beschnitte man die Kunst. (Ansonsten bin ich immer noch auf der Suche nach einem Wort, das alle benutzen können, die sich über das Thema unterhalten wollen, ohne in Streit zu geraten. Bislang habe ich noch keinen annehmbaren Vorschlag bekommen und bleibe einstweilen also bei „Kunst“, wenn ich es kürzer sagen möchte als mit „kreativer Transformation“.)

3. Wenn ich das Wort „Kunst“ gebrauche, dann quasi in einem juristischen Sinn, so, wie man beispielsweise mit dem Begriff des „Freien Berufes“ umgeht.

4. Ich trenne beim Gebrauch des Begriffes „Kunst“ nicht zwischen etablierter und nicht-etablierter Kunst, außer ich sage es dazu. (Der Begriff „Hobby“ meint in meinen Augen ganz sachlich nur, dass es sich dabei nicht um die Profession handelt und sagt nichts über Qualität.)

5. Das Wort „Kunst“ darf nicht als Qualitätssiegel gebraucht werden, sondern muss alles bezeichnen dürfen, was an kreativer menschlicher Transformation auf Erden geschieht oder geschehen ist. Und alles, was so geschieht oder geschehen ist, hat keinen Namen und kein wie auch immer geartetes Etikett; es ist kreative Transformation; das, was der Begriff „Kunst“ im Grunde meint, findet in der Begegnung statt.

6. Ich lehne eine Vorauswahl durch andere ab und möchte Lieschen Müller und Gerhard Richter gleich unvoreingenommen betrachten, wenn ich denn die Chance habe; geleitete Blickrichtungen sind durch den Markt geleitet und gehorchen seinen Vorgaben; jegliche Bewerbungen von kreativen Arbeiten oder Kritik gleich welcher Art haben für die unvoreingenommene Betrachtung keine Relevanz.

7. Keine kreative Arbeit muss in irgendeiner Art und Weise diffamiert werden, wenn sie mich nicht erreicht. Sie erreicht mich nicht, weil ich gerade auf der Suche nach etwas anderem bin. (Im selben Augenblick kann ein anderer Mensch durchaus erreicht werden.) Das wird sogar in den allermeisten Fällen so sein. Das erreicht-Werden durch die Gedanken, Gefühle und die Umsetzung dieser durch einen anderen Menschen ist die Ausnahme, nicht die Regel. Ich mache als Kunstrezipient die Kunst zu 50 % mit aus.

7a. Einen Kreativen in seiner Arbeit zu verstehen ist genau so wahrscheinlich oder unwahrscheinlich, irgendjemanden in seinem Sein zu verstehen; es kommt auf Vieles an. Das legt für mich den Grundstein für meine Theorie, dass alles auf dem Gebiet der Kunst ur-persönlich abläuft.

8. Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten.

9. Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

Ich habe festgestellt, dass bislang nur diese Definition für mich funktioniert, soll es sich nicht in einem Streit über eine konkrete persönliche Arbeit eines Kreativen erschöpfen.

Die kreativen Arbeiten der Welt sind von jeglichem Marktgeschehen getrennt zu betrachten, weil „der Markt“ ein menschengemachtes System ist, das diese kreativen Arbeiten ver-markt-en soll. Ich stimme nicht mit der Ansicht Deines Lehrers überein, Stefan, dass alle, die „Kunst machen, auch Kunstgeschichte schreiben wollen“. Einige wollen nur auch noch mit einem anderen Mittel kommunizieren als über Sprache. Dein Lehrer könnte jetzt nur noch behaupten, dann sei das eben keine Kunst, aber damit würde er in meinen Augen allen gegenüber, die es anders sehen, eine äußerst arrogante Haltung an den Tag legen, würde diesen nicht gerecht und sich selbst grundsätzlich ein erweitertes Verständnis Menschen gegenüber verbauen.

Du hast die Kunstwissenschaft mit der Medizin verglichen und gesagt, dort gäbe es doch auch „Regeln“; niemand käme auf die Idee, diese Wissenschaft – ich sage mal: von „außen“ – so sehr in Zweifel zu ziehen, und fragst, warum das in der Kunst jedoch so sei. In der Medizin sei auch wenig „persönlich“, und Du denkst nicht, dass so Vieles bei der Kunst aus persönlichen Gründen geschieht, von der Erschaffung über die Kunstkritik bis zur Auswahl dessen, was zur Wahrnehmung in der Öffentlichkeit beworben wird.

Ich bin erklärte Verfechterin der „Persönlich“-Theorie, und meine Sicht auf alles zeigt es mir so: die Medizinwissenschaft als Beispiel guckt und forscht nach vorn, entwickelt sich nach vorn, aber erklärt es auch nach vorn. Sie gehen „dahin, weil…“ … sie dies und jenes als Ergebnis erwarten, entwickelt aus den Forschungsergebnissen ihrer Vorzeit. Danach wird erst geschaut, ob es ein Irrweg war oder eine tatsächlich hilfreiche Weiterentwicklung.

In der Kunst gibt es für mich eine echte Vorwärtsentwicklung nur auf der Zeitebene. Die etablierte Kunst passt sich den gesellschaftlichen Strömungen insofern in der Zeit an, als dass z. B., als eine Ausprägung, anscheinend mindestens eins spektakulär sein muss: die Kunst oder der Künstler. Aus Angst, in unserer schnelllebigen Zeit aus der Wahrnehmung zu fallen. Bei der Off-Kunst (ich sage eigentlich lieber, wenn schon auf englisch: Independent) erlauben sich (noch) mehr Menschen, darauf nicht das Augenmerk zu legen, sondern auf das, was sie gerne sagen, machen, ausdrücken möchten. Wenn man mal davon absieht, dass man die sichtbare Kunst in etabliert und nicht etabliert trennen kann (und ich füge sehr herzlich dazu: leider muss!) und man in der Medizin sich nur zwischen Wegen mit unterschiedlicher Anhängerschaft entscheiden kann, die aber alle in der Öffentlichkeit etabliert sind, weil man die Forschungszeit als Öffentlichkeit selten mitbekommt – wenn man also von diesem Unterschied absieht,

dann bleibt noch der gravierende Unterschied, dass in der Kunst nichts wirklich „überholt“ wird, obwohl der persönliche Geschmack des einen oder anderen selbstverständlich so urteilen wird, und das mit persönlicher Begründung auch durchaus o. k. ist. Kein Zahnarzt käme mehr auf die Idee – zumindest meines Wissens nicht 😉 – vor dem Zahnziehen eine Flasche Schnaps zur Betäubung bereit zu stellen und eine Zange, mit deren Hilfe eben noch ein Pferd die alten Hufeisen abmontiert bekam. Aber es gibt immer noch – auch aktuelle und etablierte – Kunst, die mit den verwendeten Symbolen an die ersten Höhlenmalereien erinnert (bei weiterem Interesse s. z. B. auch: http://www.aboriginal-art.de/DE/start_einfuehrung.htm) , und es gibt immer noch Kunst auf Keilrahmen. Die Möglichkeiten heute sind vielfältiger; es „geht mehr“, aber es gibt noch ALLES. Dieses Alles ist unablässig ergänzt worden bis hin zur Netzkunst, bis hin zum Sprechen über Kunst als Kunst, Dinge, die man sich so ganz ohne Computer in der früheren Höhle sicher nicht vorstellen konnte… aber es gibt immer noch ALLES.

Kunstwissenschaft erklärt rückwirkend, sagt zu einem aktuellen Kunst-Fall nicht „mal sehen, was daraus wird“, sondern verunglimpft den evtl. „unverstandenen“ Künstler VORHER. SPÄTER wird evtl. über diesen gesagt, dass er die Kunst mit weiterentwickelt hätte, dass er „bahnbrechend“, dass er was-auch-immer gewesen wäre. Abgewartet, wie z. B. in der Medizin, wird meines Wissens nie. Entweder hopp oder top. Dabei ist das spätere Urteil zwar ärgerlich für den damals Verunglimpften, aber auch diese neue Bewertung ist menschengemacht, von Menschen, die Regeln eines selbst gemachten Systems gehorchen – auch das jetzige Urteil ist kein absolutes. Warum also ärgern…?

Absolute Urteile in der Kunst sind ein Widerspruch in sich.

In der Medizin gibt es durchaus manchmal ein „falsch“: falsch für den Patienten im individuellen Fall, und es ist weitestgehend unstrittig, dass Zitronensaft niemals auf diesem Wege in Patienten gehört (http://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/klinikmanagement/article/809661/zitronensaft-skandal-ex-chefarzt-bleibt-haft.html) – kurz: es kann um Leben oder Tod gehen, was im Falle der Kunst auch meist weniger dramatisch ist. Es ist einfach oft eindeutiger in der Medizin.

Der Goldene Schnitt ist auch recht eindeutig, zumindest, dass es ihn gibt. Aber genau so unstrittig ist, dass z. B. Schönheit – und die hat mit ästhetischem Empfinden zu tun – im Auge des Betrachters liegt, und so sind wir wieder angekommen bei der jeweils herrschenden Kunstauffassung – oder bei persönlichem Empfinden. Wenn Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann liegt Kunst im Hirn des Rezipienten, und es gibt keine allgemeingültigen Regeln der Rezeption, so, wie es nicht DEN Menschen gibt, der DAS EINE denkt, der DAS EINE braucht. Man wird immer auf sich selbst zurück geworfen bei der Kunstbetrachtung; zu dieser Ansicht kommen selbst langatmige Kunst“führungen“, selbst bei den Etablierten (bei weiterem Interesse ein Kommentar zu einer solchen von mir: http://spint.privat.t-online.de/kommentar.htm)

Aber auch, wenn man auf den Goldenen Schnitt pfeift, selbst als Künstler… wenn man kein bisschen Zeichentalent hat, wenn man wie Du, Stefan, Malerei als für sich unrelevant ablehnt – aber ein großartiger Netzkünstler ist (und Adjektive wie „großartig“ und Substantive wie „Künstler“ sind bei mir immer als persönliches Urteil gedacht, nie absolut, weswegen ich meist von Kreativität spreche, die ich nicht weiter unterteile in „profane“ oder welche auch immer: http://www.thing-frankfurt.de/content/2013/abschied-vom-publikum) : ist man dann kein Künstler?? Was „muss“ man denn „können“? Wenn Professor B einen jungen Menschen zum Studium zulässt, der zuvor von Professor A abgelehnt wurde, und beide Professoren entstammen demselben System, demselben Kunstbetrieb… wer hat denn dann Recht? Gibt es da ein „Recht haben“…? Ich denke, nicht…

Du hast mal – war es auch auf http://www.perisphere.de ?– eine für mich ziemlich aufschlussreiche Frage gestellt: „Die Frage sollte sein: Welchen Sinn machen heute noch Kunsthochschulen, nachdem alles allgemeinverbindlich vermittelbare Wissen weggefallen ist?“ Wenn die Frage so rhetorisch gemeint war, wie sie auch auf den zweiten Blick noch auf mich wirkt…: wenn sie (die Hochschulen) keinen Sinn mehr machen, weil, wie Du weiter schriebst, in der Folge „nur noch das Ranking zählt“… was wäre denn die Folge daraus? Das möchte ich als Frage einmal so im Raum lassen…

Scharlatanerie gibt es auch in der Medizin – keine Frage (s. Bsp. oben). Wenn es aber in der Kunst tatsächlich kein allgemeinverbindlich vermittelbares Wissen mehr gibt (wobei ich selbst glaube, dass man immer Techniken lehren und verschiedene Sichtweisen als Anleitung geben kann, solange man es nicht dogmatisch tut und immer auch anleitet zum künstlerischen authentisch-Sein im besten Wortsinne), dann frage ich mich, wie man diese Scharlatane erkennen soll… ich selbst möchte gar nicht auf der Suche danach sein. Ich möchte jeden, der etwas zeigt, ernst nehmen und gucken, „was es mit mir zu tun hat“, was der- oder diejenige da geschaffen hat. Ich sagte es letztens bereits als Antwort auf eine Deiner seminar-Sendungen (http://www.radiox.de/sendungen/das-seminar.html) , in der Du beschriebst, dass Du bei einem Kunstspaziergang den Eindruck hattest, die Kreativen in den Off-Räumen würden sich einer „Galerie-Kunst“ anpassen… wie furchtbar, wenn ich mir vorstelle, dass sich nicht mit meiner Arbeit auseinandergesetzt, sondern sie pauschal abgetan wird, weil man „Ähnlichkeiten“ sieht… authentisch sein heißt doch auch, dass man zu Ähnlichkeiten dieser Art stehen (können) muss, oder? Wenn ich nur noch bemüht wäre, das im Schaffen mit aller Kraft zu vermeiden, käme ich aus dem Recherchieren nicht mehr heraus… und müsste irgendwann aufgeben, denn gewisse Ähnlichkeiten kann man überall entdecken (wollen)… es gibt nichts wirklich „Neues“; zumindest kann man sich nie sicher sein.

Ich muss das persönliche Moment in der Kunst würdigen, sowohl bei der Betrachtung als auch bei der Kreation als auch beim Aufnehmen von Kunstkritik oder bei der Bewertung, wie ich eine bestimmte Auswahl eines Kurators „finde“ – sowohl die Auswahl als auch mein Urteil (wenn ich denn jemals ein solches fällen würde) ist persönlich.

Ich möchte noch einmal auf die wunderbare perisphere-Seite hinweisen (die Du mir gezeigt hast, Stefan, daher ist der Hinweis für alle anderen geneigten Leser) und dort im Besonderen auf den Beitrag Fragen über Fragen – eine neue Serie, und zwar ausdrücklich auch auf den anschließenden Austausch: http://www.perisphere.de/vor-ort/fragen-ueber-fragen-eine-neue-serie . Dein Kommentar vom 17.01.2014 zu J. C. Ammann als Direktor des Museums für moderne Kunst zeigt für mich doch genau das: Ammann entspringt demselben System wie sein Nachfolger, und ein Teil seiner Nachwelt findet seine Anschaffungen zur Macht-Zeit „kurios“. Nur kurzzeitig seien ein paar Künstler durch ihn gepusht worden. Ja – ist es denn nicht immer so?? Die Mächtigen auf den Märkten der Welt leben zu ihrer Macht-Zeit diese Macht aus; es hat sogar SEHR mit Persönlichkeit zu tun, inwiefern sie es aufrichtig und verantwortungsvoll machen. Ich für mein Teil kann Ammann, weil ich ihn nicht kenne, nicht nachweisen, dass er NICHT aus zwar sicher persönlich orientierten, aber vielleicht dennoch hehren Zielen diese „Kuriositäten“ pepusht hat…

… und ebenfalls hinweisen, und auch nicht für Dich (weil Du es kennst), sondern für alle interessierten Leser möchte ich auf den für mich sehr nachvollziehbaren Beitrag Katrin Herzner’s http://www.perisphere.de/werke/wie-alles-wirklich-funktioniert-grosse-kunst#more-14489 .

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Wenn Kunst für alle Menschen ist, und Du möchtest niemanden ausschließen, dann machte sie keinen Sinn, wenn sie einer Geheimsprache gliche, die nur Eingeweihte verstünden. Und wenn sie nicht für alle Menschen ist, sondern nur für Eingeweihte, dann machte sie in meinen Augen keinen Sinn, weil es keinen Grund gäbe für die ungeheure und ungeheuer bereichernde Bandbreite des kreativen Ausdrucks (die Du als „Bandbreite“ ebenfalls anzweifelst; ich weiß; aber sie liegt doch da, vor uns, jeden Tag…).

Die Antwort auf die Frage, für wen Kunst gedacht ist, wer die Adressaten z. B. meines kreativen Ausdrucks sind, ist ausschlaggebend für die Herangehensweise an „Kunst“ überhaupt. Meine Adressaten benennen sich selbst als solche, und sie müssen mich nicht „verstehen“. Aber es wäre schön, wenn sie sich fragen würden: was hat es mit mir zu tun?

Und noch eine Frage möchte ich der Allgemeinheit stellen, anknüpfend an unser letztes Gespräch, Stefan: ist es denkbar, dass die Entgrenzung des Kunstbegriffes, die Viele auf dem etablierten Markt bedauern (und einige andere auch!), vergleichbar ist mit der Entwicklung der Gesellschaften durch die Jahrhunderte? Israel/Gaza ist gerade das aktuelle traurige Gegenbeispiel, aber ich meine z. B. die zunehmende Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Verbindungen, die es durch fehlende öffentliche Diskussionen damals sicher u. a. deswegen nicht gab… ich empfinde es so, dass eine lange fällige gebotene Toleranz auf vielen Gebieten zunimmt… für mich wäre/ist sie auf dem Kunst-Sektor ebenfalls bereichernd – wenn sie denn aufrichtig gemeint ist/war und nicht doch wieder – wie so Vieles – als Mittel zum Zweck…

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