Fünfzig!

Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zur Zahl (an dieser Stelle einen herzlichen Gruß an meinen damaligen Mathe-Lehrer Herrn Bellen!), aber zu „meiner“ Jahreszahl immer ein entspanntes.

Ich glaube, es war Götz Alsmann, der einmal sagte, dass er sich als älterer Mensch stimmiger fühle als als junger, jenseits von Pubertätsschwierigkeiten. Er sei schon als junger Mann irgendwie älter gewesen, auch, wenn es sich vielleicht nicht unbedingt „reif“ angefühlt hat bei seinem angeborenen Spieltrieb… wenn ich ihn da richtig verstanden habe, fühle ich das ganz ähnlich. Ich denke, dass ich unter anderem deswegen beginnende äußere Alterserscheinungen nur notdürftig oder gar nicht retuschieren mag; das Innere und das Äußere des Kopfes passen derzeit für mich gut zusammen.

Trotzdem ist mir „meine“ diesjährige Zahl und die aus Menschensicht galoppierende Zeit sehr bewusst.

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Anke Engelke „kenne“ ich am längsten, seit 1979 ungefähr, seit sie das ZDF-Ferienprogramm mit moderierte; da war sie 13 und ich 11.

Als Boris Becker im Juli 1985 Wimbledon gewann, waren wir beide 17 Jahre alt; als 1986 Steffi Graf zum ersten Mal Martina Navrátilová besiegte, wurde sie 17 und ich 19.

1993 hörte und kaufte ich das Album der Sängerin Patricia Kaas „Je te dis vous“; sie war in ihrem 27. und ich in meinem 26. Jahr.

Die Show „Geld oder Liebe“ mochte und sah ich viele Jahre in erster Linie wegen Jürgen von der Lippe, der Intelligenz und Blödelbardentum auf unvergleichliche Weise vereint, und im März 1995 trat dort Eckart von Hirschhausen als Kandidat auf, der im August dieses Jahres 28 Jahre alt werden sollte – genau wie ich im Oktober.

Im selben Jahr gewann die Interview-Persiflage ‚Zwei Stühle – eine Meinung‘ der „RTL Samstag Nacht“-Show den Adolf-Grimme-Preis, in der der geniale Olli Dittrich von 1993 bis 1998 mit Wigald Boning agierte, der zur Zeit dieser Auftritte wie ich zwischen 26 und 31 Jahren alt war.

Die Schauspieler Jamie Foxx und Julia Roberts „kannte“ ich schon länger, Wotan Wilke Möhring und Jasmin Tabatabai hatte ich erst später auf dem Schirm; sein Film-Debut und ihr Durchbruch fanden 1997 statt. Curt Kobain lebt seit 1994 nicht mehr, Willem Alexander von Oranien-Nassau ist König der Niederlande, Kai Pflaume wird im Fernsehen auch sichtbar älter, Nicole Kidman nicht. Trotz seiner Jahre ist David Guetta modern und Jürgen Klopp – in umgekehrter Hinsicht trotzdem – eine Fußballlegende. Ich lache, wenn, etwas länger über Ingo Appelt als über Olaf Schubert, weil Schubert erst etwas später bundesweite Aufmerksamkeit zuteilwurde.

Und Stefan Raab, Geburtsjahr 1966, ging 2015, vor seinem 50. Geburtstag (zumindest, was die Sichtbarkeit angeht) in Fernseh-Rente.

Die meisten der hier Genannten eint das Geburtsjahr 1967, auch diese beiden:

Navid Kermani und Carolin Emcke, die ich als Autoren erst seit kurzem bewusst wahrgenommen habe, einmal, weil ich in meinem Brot-Job beider Bücher verleihe, und zum anderen im ersten Fall wegen eines bemerkenswerten Interviews und im zweiten wegen einer überaus bemerkenswerten Rede; hier ein kleiner Teil aus Emckes in Gänze hörenswerten Text: „‘Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit,‘ hat Tzvetan Todorov einmal geschrieben, ‚die Gleichheit zur Identität‘. Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit; dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.“

Es ist ein altes Muster“, sagt der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser über das Spalten und Abwerten, das so oft in Töten mündet, ob Ideen oder Menschen.

Wenn es etwas zu feiern gibt, dann sind das für mich zwei Dinge: die Gemeinschaft mit denjenigen, die freiwillig und aufrichtig in meinem Leben an meiner Seite sind, und die Erkenntnis der Menschen gleich welchen Jahrgangs, dass uns nur solche Gemeinschaft und ein konstruktiver, co-kreativer Umgang miteinander weiterbringen.

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http://www.zeit.de/2016/40/navid-kermani-roman-sozusagen-paris

ab 2:25: https://www.youtube.com/watch?v=CRkf6k7CYXI

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„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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„Viel Achtsamkeit und alles Gute!“

erdbeertorte

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Innerhalb des begrenzten menschlichen Geistes ist Kunst das freiheitlichste Ausdrucksmittel. Kunst funktioniert nur in Freiheit, und Freiheit gibt es nur im Frieden.

Die Fakten, die man aus diesem zweieinhalbstündigen Vortrag mitnehmen kann, sind wichtig. Noch wichtiger ist für mich die Erkenntnis, dass die meisten Menschen in Frieden und Freiheit leben wollen, es aber in der internationalen Politik nie um Demokratie und Menschenrechte geht, sondern um die Interessen von Staaten, wie Egon Bahr es einfach und klar ausgedrückt hat. Und Daniele Ganser formuliert es hier so: „Die Rüstungsindustrie ist eben nicht an Einsichten interessiert, sondern an Umsätzen.“

Für mich sind das historisch belegte Erkenntnisse, die immer mit im Kopf sind, wenn ich mich unterhalte, wenn ich schreibe – nicht unbedingt beim Zeichnen, es sei denn, ich möchte eine Erkenntnis ohne verschiedene Interpretationsmöglichkeiten ausdrücken, und das ist eher selten.

Die meisten Menschen wollen in Frieden und Freiheit leben und sich frei ausdrücken können.

Dass so Viele noch „ihre Freiheit gegen [vermeintliche; Anm. von mir] Sicherheit [tauschen]“ würden, wenn sie im Kopf hätten, dass es ihrer Regierung nicht in erster Linie um sie geht, um ihre Wünsche und Bedürfnisse, glaube ich nicht. Wenn Viele das „alte Muster“ spalten, abwerten und töten – ob Ideen oder Menschen – als bewusst eingesetztes Mittel verinnerlichen würden, könnten sie – aufmerksam – ihre Talente co-kreativ, für ein konstruktives und friedliches Miteinander einsetzen, anstatt sich gegeneinander aufwiegeln zu lassen.

Und welche Rolle Erdbeertorte dabei spielen kann, erfahrt Ihr im Vortrag auch:

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Die Dinge der Welt

Der Philosoph Richard David Precht hat in der Ausgabe der ‚Westart live‘ vom 6. Februar etwas für mich Interessantes gesagt:

nicht nur das doch Altbekannte, dass Krisen immer Hochzeiten für Philosophie sind, sowohl in der Welt als auch in jedem einzelnen unserer Leben spürbar,

nicht nur, dass er die „Aufgabe“ der Philosophie darin sieht, Menschen zu „befähigen, intelligent über sich selbst und über die Zeit, in der sie leben, nachzudenken“;

was mich am meisten ansprach, weil ich es so sehr nachvollziehe, war sein Bedauern, dass Philosophie zu einem „Fach“ geworden sei und erst die Befreiung aus diesem Fach ihre Einflussmöglichkeiten wiederbrächte.

Wer mich in den letzten Jahren oder auch nur der letzten Zeit etwas verfolgt hat, konnte sehen/hören/lesen, dass ein Thema immer wieder aufkommt: mein Bedauern darüber, dass Kunst zu einem Fach, einem Studienfach geworden ist. Das hatte zur Folge, dass uns Menschen der unverstellte Blick verloren ging, die Fähigkeit, es als „normal“ anzusehen, sich über Kunst auszudrücken, mit ihrer Hilfe zu kommunizieren. Und nicht nur Jegliches als Ausdruck zu erlauben, sondern auch JeglichEM, jedem Menschen seinen individuellen Ausdruck zu erlauben.

Ich finde, Kunst und Philosophie sind sich sehr nah. Künstlerischer Ausdruck – das heißt meistens Ausdruck ohne einen besonderen oder sofort erkennbaren Nutzen – trägt meist viel Philosophisches in sich; zumindest steckt die Philosophie des jeweiligen Erschaffers darin, ob erkannt oder verkannt oder gänzlich unverstanden.

Und beides muss sich oft fragen lassen, ob es überhaupt wichtig oder zumindest von irgendeinem Belang wäre, da allzu oft nach der Effizienz und Profitmöglichkeit der Dinge gefragt wird, anstatt die Möglichkeit einer Wirkung, irgendeiner Wirkung, zuzulassen. Wir sind nicht (mehr?) gewohnt, erst einmal wertfrei hinzuhören, hinzusehen. Und da hat es die Philosophie wohl noch schwerer als die Kunst, der man doch einiges durchgehen lässt…

In der Kunst gibt es eine Kardinalfrage, die jeden, wirklich jeden Menschen einschließt, ob „vom Fach“ oder nicht; sie lautet: was hat es mit dir zu tun? Ich finde es hilfreich, sich die Frage öfter zu stellen, unabhängig einer „Fachrichtung“: was haben die Dinge der Welt mit dir zu tun?

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who cares?

Ich möchte noch einmal auf den Aspekt kommen, die „Teilnahme am eigenen Leben“ zu stärken, und möchte das mit einigen Zitaten aus dem im letzten Beitrag erwähnten Film „who cares?“ tun:

„Das Gefühl von Gleichgültigkeit ist etwas sehr Trauriges. Teilnahmslosigkeit und Ignoranz sind, denke ich, unsere größten Feinde.“ (Karen Tse)

„Die Erkenntnis, und dafür bedarf es keines Doktortitels, dass das Wissen eines Eingeborenen, das Wissen einer Frau aus einer traditionellen Gemeinde genauso wichtig und fundamental für die Welt ist, wie das Wissen eines großen Wissenschaftlers in seinem Labor.“ (Oscar Rivas)

„Also sah ich, dass meine Konkurrenz nicht der ist, der das Gleiche tun will, sondern die allgemeine Ignoranz, das Fehlen an Wissen, Chancen und Zugang.“ (Wellington Nogueira)

„Als Wellington Nogueira die Arbeit der Klinikclowns kennen lernte, erkannte er die soziale Rolle der Kunst.“ (Sprecher im Film „who cares?“)

„Wenn du große Veränderungen bewirken willst, musst du dich von den Besitzansprüchen an deinen Ideen verabschieden. Denn das Ziel der Veränderung ist, deine Ideen in Strukturen, in Systeme, in die Wasserzufuhr einzubetten.“ (Al Etmanski)

„Wenn du beginnst, deinen Verstand zu benutzen und dich mit der Welt der Ideen, der Bilder und auch mit den Gedanken anderer zu befassen, dann stellst du fest, dass es eine unendliche Quelle ständiger Freude, Beschäftigung und Unterhaltung gibt, die kostenlos, absolut kostenlos ist.“ (John Mighton)

Wo ist die „Teilnahme am eigenen Leben“ für Euch ganz persönlich noch ausbaufähig? Es muss nicht, es darf aber wie immer gerne kommentiert werden!

kleewand

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Inspiration (und Kritik)

Diesmal möchte ich mich dem Phänomen der Inspiration nähern. Wie entsteht sie, was sind ihre Merkmale?

Als sie mich letztens packte, war ich gerade mal auf Seite 20 von Roger Willemsen’s „Der Knacks“, und viel weiter bin ich auch noch nicht. Der Mann kann ja sehr lebhaft und begeistert erzählen, und mittlerweile gefällt mir seine Art, die mir als jüngerer Mensch irgendwie zu hektisch war und auf mich übertrieben wirkte. Aber schleichend habe ich mich an sie gewöhnt, und nun „passt“ sie für mich einfach zu ihm. Er erzählt also ganz wunderbar, und so schreibt er auch; ich überfliege die Sätze nicht, sondern lese sie Wort für Wort. Lauter Satz-Perlen. Das Thema interessiert mich auch: die leisen Veränderungen und Brüche in einem Menschenleben. (… und nur beiläufig: ich glaube keine Sekunde daran, dass es ihm darum geht, was Thomas Steinfeld in der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 17. Mai 2010 befürchtet und beklagt; das für diejenigen, die googlen und dann unweigerlich und egal, zu welchem Thema, auf Kritiken(*) stoßen.)

Aber reichen Sprachstil und Thema aus, das in einem auszulösen, das bei der Wikipedia zum Stichwort „Inspiration“ so beschrieben wird:

„In der Poesie versinnbildlichen die Begriffe Inspiration bzw. Afflatus das „Einwehen, Einhauchen von etwas“ durch einen göttlichen Wind. Cicero spricht oft von der Idee als einem unerwarteten Hauch (vgl. Pneuma), der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei.

In dieser literarischen Form wird „Afflatus“ vor allem in der englischen, seltener in der deutschen und anderen europäischen Sprachen, als Synonym zu „Inspiration“ verwendet. Allgemein bezieht es sich nicht auf einen gewöhnlichen plötzlichen, unerwarteten, originellen Einfall, sondern die Überwältigung einer neuen Idee in einem wankenden Moment – eine Idee, deren Entstehung dem Empfänger meist unerklärlich bleibt.“

Vor vielen Jahren hatte ich schon einmal diese Erfahrung bei der Lektüre eines nichtfiktionalen Werks gemacht, bei Harriet Rubin’s „Soloing“.

Damals ging es mir genau wie jetzt: ich möchte loslegen, sofort, egal womit!

Womit will man loslegen, wenn man über Brüche in Menschenleben liest…? Bei Harriet Rubin ging es immerhin noch um das Selbstständigmachen, aber das hatte ich gar nicht vor, und habe es auch nie gemacht (in meinem sogenannten Brotjob arbeite ich als Angestellte). Aber auch sie schreibt mitreißend, und sowohl sie als auch Roger Willemsen in dem zuerst angesprochenen Buch lassen uns an ihren Erfahrungen teilhaben, an den superguten, den guten, den weniger guten und sogar den richtig schlechten. Vielleicht ist es ja das: dass die Authentizität der Leute spürbar ist, egal, ob und wie sie persönlich ihre Erfahrungen bewerten.

Die „Idee“, von der bei der Wikipedia die Rede ist, ist überwältigend, aber wirklich nie sehr konkret. Es ist ein sekundenbruchteilschnelles, flüchtiges Erleben des Gefühls, jetzt irgendeinen Baum ausreißen zu wollen und das auch zu können – selbstverständlich im übertragenen Sinn! Und ich nehme nach den vorübergegangenen Sekundenbruchteilen etwas mit: die Gewissheit, mich jetzt wieder stärker zu engagieren: malend, schreibend, das Gespräch suchend, und gestärkt in meinem diesbezüglichen Wunsch.

Menschen vermögen mich auch direkt zu inspirieren, also ohne dass sie Bücher schreiben beispielsweise. Wenn ich nachspüre, wann das passiert ist und aktuell passiert, sind es oft Menschen, die für mich fühlbar „weiter“ sind: reicher an Lebensklugheit und Erkenntnissen, von denen ich, wenn überhaupt, dann nur eine Ahnung habe, mir ihre Gewinnung aber dringend wünsche. Dann kann ich beinahe ungeduldig sein… Oder Menschen, die selbst begeisterungsfähig sind – diese vielleicht noch mehr –, und deren Begeisterung die meine trifft, nicht mal unbedingt für’s Selbe…

… aber immer fühle ich mich danach befeuert, angefeuert, sinnerfüllter und lebensbejahender als davor… und freue mich in diesem Sinne auf die letzten 270 Seiten 😉 vom „Knacks“.

(*) … noch ein Wort zu Kritiken; auch diese Sätze waren und sind mir pure Inspiration:

„Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr
wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr
Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative
Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker
müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet,
das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als
unsere Kritik, die es als solches bezeichnet. […]“

Das ist ein Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘, einer der besten Filme zum Thema „Kunst“, den ich kenne, obwohl man es dem „Kinderfilm“ nicht zutrauen sollte. Ich kann ihn immer wieder ansehen, selbstverständlich auch, weil er niedlich gemacht ist. Aber in erster Linie bedient er unter anderen meinen Kunst-Leit-Gedanken: was ein Mensch negativ kritisiert, kann einen anderen inspirieren.

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Kunst und Gewalt

Kunst und Gewalt

„Es geht nicht um Musik – es geht um Folter“, so die Schlussfolgerung von Christopher Cerf, dem Komponisten der ‚Sesamstraße’-Musik, der sich im Film „Musik als Waffe“ von Tristan Chytroschek verständlich entsetzt zeigt, dass etwas wie Musik, zur Unterhaltung und Erbauung gedacht, derart missbraucht wird.

Aber sein Fazit hatte für ihn am Ende auch etwas Versöhnliches: nicht die Musik an sich ist „schlecht“, sondern der Missbrauch ist zu verurteilen!

Auf diese Weise zu fragen bringt beinahe immer weiter: worum geht es? und: worum geht es wirklich? Wem nutzt was auf welche Art?

Geht es bei Musik, bei jeder Kunst nicht lediglich darum, sich individuell auszudrücken und über diesen Ausdruck andere Menschen zu erreichen, so dass ein gemeinsames Erkennen – Erkenntnis – möglich wird und darüber Herzensbildung, Toleranz und Empathie gefördert werden? Soll Kunst nicht im weitesten Sinne dem Menschen nutzen, helfen… ihn menschlich weiterbringen? Welche Berechtigung hätte sonst Kunst jenseits eines ästhetischen Wertes?

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Es gibt nichts Perfideres, als im Grunde „gute Dinge“ für etwas einzusetzen, das im weitesten Sinne schadet: Verlust ethischer Werte, Gewalt in jeglicher Form.

Ein kleiner Schritt in diese Richtung ist für mich bereits, Kunst nur mehr als Ware zu begreifen, die ich nur „konsumieren“ kann, wenn ich einen Gegenwert liefere, denn einen „Gegenwert“ muss man erst einmal liefern können, ansonsten ist man ausgeschlossen. Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Kapitalismus“: „In der marktkritischen Wahrnehmung steht Kapitalismus für ein ausschließlich an einer kapitalistischen Rationalität orientiertes Denken, das auf Profit und die optimierte Verwertung der eingesetzten Produktionsmittel abzielt, ohne dabei Aspekte der Nachhaltigkeit, der Ethik und möglicher sozialer Verwerfungen zu berücksichtigen.“ (Dabei möchte ich betonen, dass ich die Individualität, die man im Kapitalismus leben kann, unbeschreiblich schätze. Aber „Kapitalismus“ kann auch eine Form von „Gewalt“ sein…)

Mögliche soziale Verwerfungen… Einen kleinen Sprung muss der geneigte Leser jetzt verkraften, weil auch der Missbrauch z. B. von Musik in der Nazi-Propaganda vor und während des 2. Weltkriegs ja keine so kleine Rolle gespielt hat.

In der Sendung scobel vom 22. Januar 2015 mit dem Thema „Auschwitz – Zukunft der Erinnerung“ gibt Gert Scobel’s Gast Michel Friedman Folgendes zu bedenken: „Was ist mit den Anfangspunkten der Gewalt? […] Mit jedem Mal, wo Menschen Anfangspunkte überschritten haben, wurde der Endpunkt folgerichtiger. […] Wenn man die Nachbarn mit der GeStaPo abgeholt hat – reichte diese Brutalität nicht? Wenn man gesehen hat, dass Gotteshäuser angezündet werden – reichte die Brutalität nicht? Nein, sie reichte nicht, weil es Juden betraf, und der Jude gehörte nicht zur sozialen Gruppe, er war ‚pfui’; er war sowieso jemand, über den man seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden das Gefühl hatte: das ist suspekt; wir wollen den eigentlich nicht; das heißt: diese Gewaltexzesse, die man ja auch schon bei den Pogromen Jahrhunderte kennenlernen ‚durfte’, die waren noch nicht außerordentlich für die europäische antisemitische Kultur.“

*

Es geht mir nicht darum, Unvergleichliches zu vergleichen; ich trete, wie Viele mittlerweile wissen, auch nicht ein für eine Religion. Ich möchte nur auch sensibel machen für „Anfangspunkte“, egal in welchem Bereich, und ich selbst möchte möglichst sensibel bleiben. Ich fand es zu keiner Zeit meines Lebens – egal, wie schwierig die Weltlage war mit Terrormeldungen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, mit Atomkraftwerkskatastrophen und Krieg, immer wieder Krieg – notwendiger als heute, sich eindeutig zu positionieren, und wo man selbst (noch) nicht eindeutig sein kann, ein „inneres Tauziehen“ spürt, das genau so zu kommunizieren; auch da im Dialog zu bleiben, um gemeinsam weiter zu kommen. Schnelle Definitionen und gelebter Meinungszwang sind da eher verantwortungslos.

Ich fand es noch nie notwendiger als in diesen Wochen und Monaten auch schon des letzten und vorletzten Jahres, sich zu positionieren, und ich möchte mit meiner Person und (ohne es opfern zu müssen) meinem Leben eintreten für größtmögliche Freiheit des Einzelnen in einer Sicherheit, die diese Freiheit nicht opfert, für Frieden, so weit uns das menschenmöglich ist – denn selbstverständlich kenne auch ich inneren Unfrieden –, für größtmögliche Individualität, gekoppelt an ein Gefühl für Angemessenheit und Verantwortung für die Zukunft der Welt, nachfolgender Generationen, des einzelnen Mitmenschen (für den dasselbe gilt) und für uns selbst.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass wir immer erkennen mögen, wenn etwas Gutes für etwas Schlechtes missbraucht wird, und niemals anfangen, das Nützliche für das Schädliche verantwortlich zu machen. Ein Anfang ist, dass wir überhaupt beginnen zu fühlen, was uns – als ALLEN Menschen – nützt und was uns schadet.

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