Laute Kunst

Ich selbst kann mich nicht davon freisprechen, manchmal Schwierigkeiten zu empfinden, mich mit mancher Kunst auseinanderzusetzen. Dann bleibt aber mein Anspruch, es trotzdem zu tun, eben nach dem Motto „Was hat es mit dir zu tun?“ Und in dem Fall eben: was hat die Ablehnung in mir mit mir zu tun?

Im facebook-Netzwerk gab es für mich ein Fundstück, das ziemlich gut beschreibt, was ich anfangs empfinde: setze ich mich mit lauter, brutaler, provokanter,… Kunst auseinander, fühle ich mich quasi „angeschrieen“. Schreit mich tatsächlich jemand an, mache ich sofort klar, dass er/sie den Ton ändern muss, weil ich sonst nicht zur Auseinandersetzung bereit bin. Beim angeschrieen-Werden durch Kunst ist ebenfalls spontan dieses „Nicht in diesem Ton!“ in mir.

Das Überbrücken dieses Gefühls – denn der „Ton“ wird sich bei einem abgeschlossenen Kunstwerk nicht ändern – ist für mich die Aufgabe in den Sekunden nach der ersten Wahrnehmung.

Wer bin ich, der anderen Person vorzuschreiben, wie sie mich „anzusprechen“ hat?

Aber wir tun es im sogenannten „wirklichen“ Leben; wir verbitten uns manchen Ton. Eine gewisse Etikette, ein gewisser Anstand im Zusammenleben ist hilfreich; „gutes Benehmen“ hilft, dass man sich zuhört, erst einmal unabhängig vom Inhalt des Gesagten. Es ist nichts Verkehrtes daran, erst einmal die Form auszuhandeln…

Macht es sich „laute“ Kunst selbst und den Betrachtern schwer? Sicher oftmals. Muss/Sollte sie sich ändern/geändert werden? Keinesfalls! Warum nicht, wenn sie es sich doch ungeändert selbst schwer macht, vielleicht weniger oder keine Augen und Ohren findet? Weil „die Form aushandeln“ im Fall von Kunst nicht funktioniert; die Authentizität des Erschaffers ginge komplett verloren. Und vielleicht empfindet derjenige, dem „laute“ Kunst keine Schwierigkeiten macht, der sie vielleicht sogar selbst erschafft, inneren Widerstand beim Hören leiserer Töne, beim Betrachten zarterer Formen und Farben…

Beides darf sein: der freie Ausdruck und die Ablehnung. Hinderlich wäre lediglich, die faire Auseinandersetzung mit dem Inhalt – eigenem und fremdem – aufzugeben.

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Eines Tages fragte Mahatma Gandhi: „Warum schreien die Menschen so, wenn sie wütend sind?“

„Sie schreien, weil sie die Ruhe verlieren“, antwortete ein Mann.

„Doch warum schreien sie, wenn die andere Person neben ihnen steht?“ fragte Gandhi erneut.

„Wir schreien, weil wir wollen, dass die andere Person uns zuhört“, erwiderte ein anderer Mann.

Gandhi fragte weiter: „Ist es dann nicht möglich, mit leiser Stimme zu sprechen?“ Weitere Antworten folgten, doch keine konnte ihn überzeugen. Nach einem Augenblick des Nachdenkens sagte er: „Wollt ihr wissen, weshalb man eine andere Person anschreit, wenn man wütend ist?

Es ist so, dass sich bei einem Streit die Herzen zweier Menschen weit voneinander entfernen.

Um diese Distanz zu überwinden, muss man schreien. Je wütender die Menschen sind, desto lauter müssen sie schreien, um einander zu hören. Darum lasst es nicht zu, dass eure Herzen sich bei einer Diskussion voneinander entfernen.

Sagt keine Worte, die die Herzen auseinandertreiben, denn der Tag wird kommen, an dem die Distanz so groß ist, dass es keinen Weg mehr zurück geben wird.

Ganz anders ist es zwischen zwei Menschen, die sich lieben.

Sie schreien nicht, sie reden sanft miteinander.

Weshalb wohl? Weil ihre Herzen einander sehr nahe sind. Die Distanz zwischen ihnen ist klein. Manchmal sind sich die Herzen so nahe, dass sie nicht einmal sprechen, sondern nur flüstern. Und wenn die Liebe noch stärker ist, braucht es nicht einmal mehr ein Flüstern. Es genügt, sich anzusehen und die Herzen hören einander. […]“

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Konsequenz

Buntstift und Öl-Pastellkreide auf Skizzenpapier

DIN A 5

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LK_Bild

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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Wege

weg_geradeaus

Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus, soll aber im Gegenteil diesen manchmal sogar sofort beweisen.

Das ist so wenig möglich wie die theoretisch denkbare Gegebenheit, nach einer Demo – zum Beispiel gegen die herrschende Klimapolitik – träfen die pseudoverhandelnden Politiker wieder zusammen, um den oftmals sehr vernünftigen Vorschlägen der Bürger sofort Folge zu leisten. Aber trotzdem bleibt ja die Wortmeldung, das sich-Zeigen wichtig, gerade gegen Widerstände, gerade wenn sich Wenige gegenseitig stärken müssen.

weg_brücke

Kunst geht über einen direkten Nutzwert hinaus. Man sieht nicht oder selten, was sie mit Menschen macht. Das macht sie frei. Es gibt kein „Endziel“, das irgendjemand einmal formuliert hätte und das es zu erreichen gölte, und danach müsse es keine Kunst mehr geben. Das ist die Begründung dafür, dass in der Kunst beinahe alles erlaubt ist und lässt überdies die Schlussfolgerung zu, dass es sie immer geben wird.

weg_wasser

Einzelne können sich abwenden, sowohl auf Seiten der Rezipienten als auch auf Seiten der Erschaffer, aber grundsätzlich wird der Mensch wohl nie auf seinen freiheitlichsten Ausdruck verzichten – auf diese Art Demonstration.

Das Abwenden oder die Ausgestaltung ist jedem selbst überlassen. Ich möchte zu denen gehören, die sich Zeit ihres Lebens an der Mitgestaltung desselben und der Welt beteiligt fühlen, und dabei ist tatsächlich der Weg das Ziel, und auf meinem Weg liegt auch die Kunst. Vermutlich wird niemand an einem vorgestellten Ende „gewinnen“ im Sinne von „sich ein für alle Mal gegen andere durchsetzen“. Es wird alles immer stete Verhandlung bleiben, weil es den „guten“ Weg für alle eben nicht gibt. Aber wenn viele mitverhandeln und über „ihre“ Wege sprechen, nähert man sich vielleicht tatsächlich einmal einem Ideal für viele. Es gilt, dafür zu kämpfen, dass eben viele mitverhandeln. Auch und gerade über einen offiziellen Auftrag hinaus, denn offizielle Aufträge sind meistens an sehr viele Auflagen gebunden und schließen so viele potenzielle Gestalter aus.

weg_uneben

Kaum einer Sache tut es gut, wenn nur ein paar Wenige die Deutungshoheit haben; das gilt es überall in der Welt und in jedem Bereich zu hinterfragen. Denn meistens spielen dabei Dinge eine Hauptrolle, die mit der Sache, um die es eigentlich gehen müsste, einmal ging oder behauptet geht, nicht mehr viel zu tun haben. Eine gute Sache verkommt so unter Umständen zum Karrenzieher für Machtausübung, Prestige-Jagd und ähnliches. Dem gilt es zu begegnen. Immer wieder. Mit möglichst vielen, jedeR auf seinem eigenen Weg.

weg_kurve

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