Betreff: Kontakt von Frau Schneider

Gestern fragte eine Galerie an, ob ich nicht Interesse hätte, meine „großARTigen“ Bilder bei ihnen auszustellen; sie würden wunderbar in ihre April-Ausstellung passen. Oder in die von Mai. Oder in irgendeine andere zukünftige, alle schon terminiert und betitelt. Oder ich solle mir doch einfach auf ihrer Website eine aussuchen.

Früher hätte ich geantwortet. Nicht zustimmend, wie manche Leser jetzt vielleicht meinen könnten, nicht in freudiger naiver Erwartung kommender Unterstützung und Wertschätzung, sondern ich hätte gerne ausführlichst erzählt, warum ich mich auch gut selbst verarschen kann. Dazu brauche ich Frau Schneider nicht (die übrigens das Schreiben auch nicht durch ihre Unterschrift geadelt, sondern das man als ansonsten namenloses „Team“ unterschrieben hat).

Heute finde ich meine Antwort im Blog besser aufgehoben.

Was mich am meisten empört, ist die womögliche Geldschneiderei (wie passend!), die mit Menschen versucht wird, die eh keins haben, und wenn, dann sicher nicht durch ihre Kunst. Stellt man als No-Name im Internet aus, ist das einer der allerersten Schritte, sich von künstlerischer Seriosität zu verabschieden. Es wird Kreative geben, die das überrascht; den allermeisten wird diese Erkenntnis aber nicht neu sein. Und über eben diesen Weg habe besagte Galerie mich „zufällig“ gefunden. Man stelle sich das mal vor: zufällig! Und dann passen meine Bilder auch noch zufällig genau in die Ausstellung von April! Oder Mai. Oder in eine der übrigen zukünftig geplanten.

Ob sie tatsächlich Geld nehmen, weiß ich nicht; das geht aus der Website nicht hervor. Man muss aber davon ausgehen, und zwar nicht auf die Art, wie man es kennt: erst muss verkauft werden, ehe Geld geteilt werden kann. Und am Anfang steht eben das Vertrauen einer Galerie in den potenziell Ausstellenden, dass überhaupt Geld aus Kunden-Portemonnaies ins Haus fließt, weil der Kunde/Sammler sich etwas vom Kauf des Werkes verspricht. Und würde keine Arbeit dieser ganzen No-Names je verkauft: wie finanziert die Galerie wohl ihre Räumlichkeiten, den Strom, eventuelle Events, die dazugehören, will sie ihre KünstlerInnen wirklich „betreuen“ (Präsentation, Organisation – inkl. steuerlicher und rechtlicher Fragen – und Vermarktung)? Die Antwort kann nur sein: die armen Naivlinge, die auf bekannter-Werden hoffen, müssen monetär bluten.

Wenn man der Galerie mal zugutehalten will, dass es sich um eine sogenannte Primärmarkt-Galerie handelt, die durchaus neue, unbekannte KünstlerInnen ausstellt und verkauft, bleibt immer noch das Problem, dass sie mit mir jemanden angesprochen haben, der a) 50 Jahre alt ist, b) keine akademische Ausbildung hat, c) von dem sie nicht wissen, wie verlässlich er in welchem Turnus und in welcher Quantität „liefert“ – ja d): sie die Person eben überhaupt nicht kennen! Ich ziehe also das Fazit: weder die Galerie vertraut mir noch ich ihr, Geld ist weder für mich noch für sie zu erwarten, aber wenn, dann eher für sie, nämlich erst mal von mir. Und ich wäre gespannt, zu erfahren, wie diese Galerie potenziellen Käufern gegenüber meine „Marktentwicklung“ einschätzte – was absurd lustig ist, da es diese Entwicklung selbstverständlich nicht gibt, so dass auch potenzielle Käufer dieser Galerie zumindest nicht vertrauen dürften.

40 % der Galerien im deutschsprachigen Raum machen Verluste. Mich würde überraschen, gehörte diese hier nicht dazu. Ernsthaft interessieren würde mich, durch welche Finanzierungsart sie besteht; es steht nicht zu erwarten, bei Nachfragen eine ehrliche Antwort zu erhalten.

Was mich zusätzlich empört, aber worüber ich durch die ganzen Über’n-Tisch-Zieh-Versuche, denen man ausgesetzt ist – ob persönlich, per Telefon oder Mail/Brief – mittlerweile gelassener hinwegsehe, ist die dreiste Unpersönlichkeit der Ansprache.

Man kann nur hoffen, dass den allermeisten Angeschriebenen das auffällt und die dubiose „Galerie“ ihnen gestohlen bleiben kann.

*

Unabhängig von all dem stelle ich durch die Jahre fest: es ist nicht planbar, ob, wie oder wann einen anderen Menschen meine ur-persönliche kreative Arbeit anspricht. Egal, ob sie sich in real existierenden oder in virtuellen Räumen zur Ausstellung befindet. Ob ich seriös, unseriös oder überhaupt nicht beworben werde beziehungsweise mich selbst bewerbe. Ob mich noch so viele loben oder mich monatelang weder Lob, noch Kritik, noch lediglich eine Frage zu meiner Arbeit erreicht.

Mein Bedürfnis, auszustellen, schwand mit dieser Erkenntnis zusehends. Die Menschen, die mich immer mal wieder fragten, „wann ich nochmal ausstelle“ waren sehr oft nicht die, die mir zur Zeit dieser Ausstellungen besonders viel Interesse entgegenbrachten, so dass ich die Frage nicht oder lediglich als Smalltalk verstehen konnte.

Ich habe immer öfter festgestellt, dass es die tatsächlich zufälligen Begegnungen waren, die eine gewisse Auseinandersetzung und manchmal sogar einen kleinen Austausch brachten. Ich bin sicher, dass, wenn etwas in der Erinnerung haften bleibt, es Bilder und Gespräche sind, die durch ein freiwilliges sich-Einlassen aus persönlicher subjektiver Motivation heraus betrachtet und geführt werden.

Ich denke nicht, dass ich noch einmal im klassischen Sinn ausstellen würde.

*

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Erwartungen – Interview zum Jahresende

Interviewer: Guten Tag! Heute wollen wir uns also über das Thema „Erwartungen“ unterhalten… wobei gleich die Frage nahe liegt: was erwarten Sie von diesem Gespräch?

Sabine Pint: [lacht] Guten Tag! Tja, was erwarte ich von unserem Gespräch? Dass es ein gutes wird… vielleicht, dass mich die eine oder andere Antwort, die ich gebe, selbst überrascht… dass meine Antworten Sie zu weiteren spannenden Fragen inspirieren… ja, und dass Sie sich selbst auch einbringen mit Ihren [betont das Wort] Antworten zu meinen Antworten.

I: [schmunzelt] Ich werde mir Mühe geben!

SP: [lacht] o.k.!

I: Fangen wir beim Begriff selbst mal an: positiv oder negativ besetzt?

SP: Upps… [zögert] eigentlich weder/noch, aber da müsste ich länger drüber nachdenken…

I: Wir haben doch Zeit, oder?

SP: Klar! [zögert länger] Ich würde bei weder/noch bleiben; der Begriff selbst ist weder positiv noch negativ; er beschreibt nur ganz neutral ein Gefühl. Ich glaube, ob und wie man das wertet, Erwartungen zu haben [betont das Wort] – das wird an den Erfahrungen liegen, die man dann jeweils macht… [schmunzelt] ich merke gerade, dass der Begriff bei mir doch irgendwie besetzt ist, weil ich mir vorgestellt habe, dass die Erwartungen bestätigt oder enttäuscht werden können – und man ja demnach etwas Gutes erwartet hat! Dabei können ja auch negative Erwartungen bestätigt werden; wenn sie enttäuscht [demonstriert Anführungszeichen] werden, ist man ja selten enttäuscht, eher erleichtert und froh…

I: Ja, aber das stimmte dann ja trotzdem, dass es eng mit Erfahrungen verknüpft ist: wie oft wird meine Erwartung bestätigt, egal ob eine positive oder eine negative…

SP: Ja. Ich frage mich gerade, inwiefern sich Erwartung [demonstriert Anführungszeichen] unterscheidet von Erfahrung [demonstriert Anführungszeichen]…

I: Ich glaube schon, dass das zwei verschiedene Dinge sind.

SP: Irgendwo kommen die ja her, die Erwartungen…

I: Sie meinen, die beruhen auf Erfahrungen?

SP: Oje… [verzieht den Mund] ich glaube, mein Kopf qualmt jetzt schon! o.k., nochmal neu gedacht… vielleicht mit einem Beispiel: erstes Verliebtsein. Damit hat man dann noch keine Erfahrungen, aber jede Menge diffuser Erwartungen, guter [betont das Wort] Erwartungen! Je nachdem, ob das erwidert wird oder nicht, ist man enttäuscht oder nicht.

[Interviewer nickt]

Und die Erfahrungen, die man in verschiedenen Lebensbereichen macht, lassen einen eher Gutes oder eher Schlechtes erwarten… da bilden die Erfahrungen quasi die Erwartungen.

I: Dann hat das eher mit dem Alter zu tun…?

SP: Nicht schon wieder! [verdreht gespielt die Augen] Seit ich in diesem Jahr 50 geworden bin und dachte, einen Blog-Beitrag dazu bringen zu müssen [demonstriert Anführungszeichen], jagt mich das Thema etwas…

I: Wirklich? Das tut mir leid! [macht gespielt mitleidigen Gesichtsausdruck]

SP: Muss es nicht! [macht gespielt souveränen Gesichtsausdruck] Aber ernsthaft: ist es nicht so, dass zumindest das Wort Erfahrung schon von sich aus ganz viel mit Alter oder Älterwerden zu tun hat? Erfahrungen kommen eben mit der Zeit, und Zeit ist gleich Alter. Und ich denke, dass auch Erwartungen sich da irgendwie anpassen…

I: Das kann schon sein…

SP: Aber Sie haben recht; nicht in allem, fällt mir gerade ein! Zum Beispiel weiß ich schon ganz lange, dass man von sich nicht auf andere schließen sollte, und weiß vom Kopf her auch, dass das ja auch vermessen wäre, zu tun. Aber bestimmte Dinge zu erwarten kann ich einfach nicht abstellen! Irgendeine Reaktion zu bekommen zum Beispiel auf irgendetwas von mir, eine Frage, eine Aussage, eine Handlung, einen Gruß. [macht eine kleine Pause] Vielleicht habe ich den Ruf weg, oft das letzte Wort haben zu wollen, weil ich dem anderen nicht das Gefühl geben möchte, ihn oder sie zu ignorieren… [lacht]

I: Sie wollen sich mit Ihren Mitmenschen auseinandersetzen…

SP: Ja. Sicher mal mehr und mal weniger, je nachdem, aber Ignoranz [betont das Wort] ist der Untergang für’s Miteinander schlechthin, der Untergang für Verständigung. Oder erst mal für den Willen zu Verständigung.

I: Womit wir wieder bei der eher neutralen Bewertung des Begriffs Erwartung wären – Erwartungen sind ja nicht per se schlecht.

SP: Nein, eben. Was sind Freundschaft und Liebe wert, wenn man an die beteiligten Menschen keine Erwartungen hätte! Erwartung von grundsätzlichem Wohlwollen, von Loyalität, dass die Worte, die gewechselt werden, zum Verhalten passen…

I: Ja.

SP: [nachdenklich] Ich möchte verlässlich sein, im besten Sinne einschätzbar, und nicht nur im Privaten. Es wäre schlimm, wenn ein Chef nichts von mir erwartete. [hebt die Schultern, macht eine kleine Pause] Oder wenn er oder sie nicht wüsste, was von mir zu erwarten ist. [Pause] Oder wäre… [Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Was mein „mentales Standbein“ [demonstriert die Anführungszeichen], wie ich mein kreatives Leben immer nenne, angeht: ich habe nur wenige Menschen, die es interessiert, was ich mache; derzeit verfolgen 35 Menschen meinen Blog. Aber selbst, wenn es nur eine Person wäre, könnte die sich drauf verlassen, dass sie dieselbe Qualität bekäme wie wenn es 350 wären, oder 3500.

I: Erleben Sie Erwartungen an Sie nie als Druck?

SP: Ich glaube, ich bin durch die Jahre ziemlich gut darin geworden, zu spüren, was ich fühle, und das dann auch zu sagen. Sie müssen sich das jetzt nicht so vorstellen, dass ich jede klitzekleine Empfindung mitteile, aber so etwas wie Druck – das müsste [betont das Wort] ich ja schon fast kundtun!

I: Warum, weil die Empfindung eine größere, eine wichtigere ist?

SP: Ja, weil Druck mit mir so viel macht, das nicht gut ist. Er macht mein Denken eng, Kreativität verabschiedet sich beinahe völlig…

I: Könnten Sie Ihre Kreativität nicht dazu nutzen, den Druck auszugleichen… oder ihm auszuweichen?

SP: Ich glaube einerseits, dass da die Grenze meiner persönlichen Kreativität erreicht wäre, ernsthaft… [macht eine kleine Pause] Andererseits sehe ich gar nicht mehr ein, dass etwas in meinen Augen so Unnötiges wie Druck die sonst mögliche gute Qualität meiner Arbeit schmälert. Wenn man nach einiger Zeit die schlecht gemachte Arbeit betrachtet, steht da nicht dran, dass sie unter Druck entstanden und daher schlecht ist.

I: Apropos Zeit: Zeitdruck ist etwas, das auch mal einfach so entsteht, und mit dem zum Beispiel ein Mitarbeiter umgehen muss…

SP: Ich würde mir die größte Mühe geben! [schmunzelt] Aber auch Zeitdruck hat doch meistens eine Geschichte…

I: Älterwerden lässt Sie die Erwartungen an sich selbst herunterschrauben; könnte man das so sagen?

SP: Ich würde es anders ausdrücken: Mein Älterwerden verändert [betont das Wort] die Erwartungen an mich selbst. Einige verabschieden sich möglicherweise ganz – das Druck-Thema, oder, auch ganz beliebt in jungen Jahren, anderen gefallen zu wollen – andere wie Authentizität steigen womöglich noch…

I: Tatsächlich? Sie kommen mir sehr authentisch vor!

SP: Dankeschön! [lächelt, wird sofort nachdenklich] Manchmal weiß ich nicht, wie ich Menschen sagen soll, dass ich denke, dass sie zu wenig Interesse an mir haben, um es Freundschaft [demonstriert Anführungszeichen] zu nennen. Ich schwanke dann zwischen dem Impuls, das irgendwann auszusprechen und dem Wunsch, Beziehungen einfach hinzunehmen, wie sie sind, auf die Gefahr hin, nicht erklären zu können, warum ich mich vielleicht wirklich zurückziehe. Dieses Thema arbeitet schon jahrelang in mir… [macht eine Pause, der Interviewer unterbricht nicht] Vielleicht ist das mein ewiger Wunsch nach Klarheit, gepaart mit meiner Abscheu vor Willkür… ich möchte [betont das Wort], wenn ich mich von jemandem zurückziehe, gerne auch erklären, warum… und es ist ja nur schwierig, wenn im Grunde nichts Nennenswertes vorgefallen ist…

I: Vielleicht machen Sie sich zu viele Gedanken…? Oder anders: Sie denken sehr bewusst über die Dinge nach. Glauben Sie, dass andere das auch machen?

SP: Ja, das glaube ich schon. Manchmal erlebt man in Gesprächen ja die Überraschung, dass sehr ähnliche Gefühle und Gedanken im Gegenüber sind, und fragt sich, warum man nicht schon längst mal miteinander geredet hat… ich hätte aber bei einigen Sorgen, dass sie sich zu dem Satz ‚Stimmt, im Grunde interessierst du mich nicht besonders‘ nicht durchringen könnten, wir im Gespräch rumeiern und die Betroffenen in Zukunft glauben, sie müssten Interesse zeigen, wo gar keines ist… gruselige Vorstellung!

I: Ja, etwas an- oder auszusprechen birgt immer ein Risiko! [lacht]

SP: Ja. Ich bräuchte schon vorher die Garantie eines konstruktiven Austauschs… gibt’s natürlich nicht…

I: Sie erwarten [zieht die Augenbrauen hoch und nickt mehrmals] etwas Bestimmtes von zum Beispiel Freundschaft…

SP: Ja klar… wie alle anderen auch, sollte man doch meinen… es muss ein gegenseitiges ungefähr gleich großes ehrliches Interesse am anderen sein, sonst wird es nicht funktionieren, bei allem guten Willen nicht… Interesse kann man aber nicht einfordern; auch das macht ein Gespräch darüber schwierig… [Pause; guckt auf die aufgeschlagene ‚a tempo‘-Ausgabe von Dezember 2017; der Interviewer fängt den Blick auf]

I: [verdreht den Kopf, liest] „Du wirst erwartet“.

SP: Ja. Wieder was Lesenswertes von Jean-Claude Lin… ich nehm‘ das Heft regelmäßig bei ‚dm‘ mit; hängt kostenlos an den Kassen aus.

I: [dreht es zu sich um, liest] „Zu jedem menschlichen Leben gehört die Empfindung, erwartet zu sein.“ Von wann ist das Heft?

SP: Von diesem Monat. [schmunzelt] Wenn ich mich mit einem Thema beschäftige, ziehe ich alles Mögliche zum Thema an, immer. Aber das erzählen andere auch; das ist anscheinend normal.

I: Ja, das Beispiel mit den Schwangeren, die man auf einmal nur noch sieht, wenn man selbst schwanger ist.

SP: Genau! [lacht; wird wieder ernst] Lin zitiert hier Rudolf Steiner: [nimmt das Heft auf, liest] „Wir kommen uns dann so vor, wie wenn wir unser individuelles, persönliches Dasein auf der Erde etwa durch folgenden Vergleich charakterisieren können. Irgendwo ist eine Versammlung. Wir sind aufgefordert, in diese Versammlung zu kommen. Wir sind deshalb aufgefordert, in diese Versammlung als Einzelner zu kommen, weil man dort darauf wartet, dass gerade das gesagt wird, was nur wir, was das einzelne Ich als persönliche Individualität vorbringen kann.“ Und Lin schreibt weiter: „Es kann aber sein, dass wir nicht hingehen, dass wir im Leben etwas tun, wodurch wir verhindert werden, dort hinzugelangen, wo wir erwartet werden – oder dass wir nicht verstehen, was von uns erwartet wird. Manches Tragische im Leben scheint mit dieser verfehlten Wahrnehmung des geheimnisvollen Erwartet-Werdens zusammenzuhängen.“ Das erscheint mir sehr wahr…

I: Ja…

SP: Ich bin nicht sehr gut im Auswählen. Mir reicht, wenn mir eine Person sympathisch ist; dann kann quasi alles aus der Verbindung entstehen! Naja, fast [betont das Wort, schmunzelt] alles. Man muss nicht dieselben Beschäftigungsvorstellungen haben, nicht dieselben Neigungen und Abneigungen, nicht dieselbe politische Einstellung. [Pause] Obwohl die sehr viel bedeutet. Ich merke jetzt, da mein Lebensgefährte auch ein Seelenverwandter ist, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der da ähnlich tickt, der so ähnlich oder sogar deckungsgleich auf die Gesellschaft schaut, auf die Welt. Wie wir unsere Rolle darin sehen, darin unterscheiden wir uns dann wieder, aber von vielen anderen trennt mich offensichtlich entschieden mehr. Das weiß ich aber beim Kennenlernen noch nicht, und wüsste ich es, [macht eine kleine Pause] würde ich dann anders mit dem Menschen umgehen, würde ich das weitere Kennenlernen, die Verbindung vermeiden? [Pause] Vermutlich ja nicht…

I: Ich überlege gerade, ob Menschen, aus deren Kennenlernen dann keine Freundschaft entsteht, das bewusst vermeiden… [schüttelt den Kopf]

SP: Nein, so glaube ich das auch nicht… aber was mein Leben angeht finde ich es schon bemerkenswert, dass sich da so viele so unterschiedliche Menschen tummeln, die es nicht weiter interessiert, womit ich mich beschäftige, wohingegen Menschen, die sich leichter finden müssten – die mich [betont das Wort] leichter finden müssten – irgendwie an mir vorbei kommen [lacht]… oder, finde ich mal jemanden, mit dem ich Austausch spannend fände, weil ich viele Berührungspunkte sehe, möchte sie mich nicht weiter kennenlernen, weil es durch räumliche Trennung in erster Linie über’s Netz gepflegt werden würde.

I: Sie?

SP: Ja, diese Person, die ich gerade meinte, ist eine Frau. Hat sich entschieden, mit Kunst aufzuhören; vielleicht war das ja mit ausschlaggebend. Obwohl ich damit, was man gemeinhin darunter versteht, ja nie angefangen habe. Ich gehöre – zum Glück – [hebt den Zeigefinger, schmunzelt] keiner Szene an, bin keine offizielle Künstlerin, aber bezeichne mich auch inoffiziell nicht so, weil es nicht gut passen würde. Ich habe keinen Namen, keinen bestimmten Stil. Ich drücke mich auf verschiedenen Wegen kreativ aus, als irgendein Mensch. Ich glaube, das trifft es am besten.

I: Vielleicht ist das gerade schwierig für andere, einer Person zu begegnen, die sie nicht direkt sauber „einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] können…

SP: Kann auch ’ne Rolle spielen, klar… wobei ich mich immer frage, ob man irgendjemanden „sauber einsortieren“ [demonstriert die Anführungszeichen] sollte beim Kennenlernen oder ob nicht gerade das ein echtes Kennenlernen verhindert.

I: Mir ist etwas aufgefallen: vorhin sagten Sie, dass Sie denen, von denen Sie sich zurückziehen, das gern erklären würden…

SP: Ja…

I: Sie sagten auch, dass Sie den Eindruck hätten, dass zu wenig Interesse an Ihrer Person bestünde, was Sie erst veranlasste, sich zurückzuziehen, richtig?

SP: Ja…

I: Haben Sie es schon mal so betrachtet – wenn man voraussetzt, dass es stimmt, dass Ihr Gegenüber nicht wirklich Interesse hat – dass der Rückzug schon längst von der anderen Seite aus stattgefunden hat…?

[eine längere Pause entsteht]

SP: [lächelt, nickt] Ja, irgendwie schon… also nein: so habe ich es noch nicht betrachtet… dankeschön…

I: Sie haben insgeheim die ganze Verantwortung übernommen.

SP: [gespielt entrüstet] Ist das ein Interview oder ’ne Therapie-Sitzung? [schmunzelt]

I: Sagen Sie nicht immer, dass die Dinge kein Etikett brauchen?

[beide lachen]

SP: Nein, wirklich: dankeschön! So betrachtet beruhigt sich sogar der sonst so starke Impuls, das irgendwann ansprechen zu müssen… erstaunlich! Mal sehen, ob ich diese Betrachtungsweise etwas kultivieren kann…

I: Vielleicht neigen Sie auch beim Netz-Auftritt dazu, die gesamte Verantwortung zu übernehmen…? Ist nur eine Frage…

SP: Da würde ich ziemlich entschieden ‚nein‘ sagen.

I: Sie schreiben für 35 Personen, sagen Sie…?

SP: Ja, derzeit sind es 35, die den Blog abonniert haben. Wer davon tatsächlich mitliest, weiß ich nicht; Feedback durch ein Like oder gar eine Wortmeldung bekomme ich selten. Das heißt, ein Künstlerkollege setzt regelmäßig unregelmäßig mal ein Sternchen, aber Wortmeldungen sind – auch in den vier Jahren jetzt – eine absolute Ausnahme. Aber wenn, war es jemand der immer selben drei Personen.

I: In welchem Abstand bekommen Sie Kommentare?

SP: Das sind ziemliche Abstände… manchmal liegen Monate, manchmal ein halbes Jahr, manchmal ein Jahr dazwischen… so ungefähr.

I: Und in welchen Abständen posten Sie Beiträge?

SP: Ca. alle drei bis sechs Tage. [kurze Pause] Was ich wirklich gerne wissen würde: ob meine Abonnenten den Blog auch so abwechslungsreich finden wie ich selbst ihn finde. [lacht] Vielleicht reduziere ich die Postings im nächsten Jahr auf einmal wöchentlich, aber das hatte ich mir schon mal vorgenommen und nicht durchgehalten. Es gibt so viel Teilenswertes zum Thema Kunst, Kultur, Mensch, Gesellschaft!

I: „Offener Blick und offenes Ohr – für respektvolles und vernünftiges Miteinander“ heißt Ihr Blog im Untertitel. Sind Sie von der Kunst als alleinigem Thema abgerückt?

SP: Kunst war und ist der Aufhänger, weil Offenheit mit ihr am „ungefährlichsten“ [demonstriert die Anführungszeichen] zu trainieren ist. Aber sie war von Beginn an nicht alleiniges Thema.

I: Haben Sie dann überhaupt eine Zielgruppe im eigentlichen Sinn?

SP: Sicher keine spezielle… aber ich habe eine Wunschvorstellung von einem Gast, der meine Seiten besucht, egal ob Blog, Homepage oder meine Gemeinschaftsseite bei facebook, die auch „Kunst ist für die Menschen“ heißt. In meinem gedachten Idealfall trifft ein Mensch, der kein Kind mehr aber sonst egal welchen Alters ist – nach unten ist der Reifegrad ja offen – auf-

I: Nach oben aber auch! [lacht]

SP: [schmunzelt] Das stimmt! Also dieser gedachte Mensch kommt zufällig auf meine Seite, im Blog entweder auf den aktuellen Beitrag oder auf irgendeinen älteren, liest an, liest ihn bis zum Ende und wird durch irgendetwas dort zum Weiterdenken meiner und seiner Gedanken angeregt. Manchmal schlage ich eine spezielle Übung [demonstriert Anführungszeichen] vor, auf die man sich bei Interesse einlassen kann. Die Steigerung ist, dass dieser Jemand Kontakt zu mir aufnimmt, mir erzählt, was der Beitrag eventuell ausgelöst hat. Die Steigerung dazu wäre, dass ein Gespräch zwischen uns entsteht, und die nochmalige Steigerung wäre, dass sich andere, die ebenso zufällig dort hineingeraten sind, sich mit unterhalten. Und die abermalige [betont sehr das Wort] Steigerung wäre, wenn dieser – ich sage mal: Ur-Gast [schmunzelt] noch ein, zwei andere Beiträge bei mir anliest, feststellt beziehungsweise das auch so sieht, dass der Blog unglaublich abwechslungsreich, und, wenn man die Anregungen und Einladungen zum sich-Einbringen wahrnimmt, auch spannend ist, mich öfter bewusst aufsucht. Die Schwierigkeit liegt lediglich darin, dass dieser gedachte Jemand, den es bestimmt gibt, mich beziehungsweise einen Beitrag von mir findet, der genau das anspricht, was ihn gerade im Leben interessiert. Ein Klacks. [schmunzelt]

I: Sie bewegen sich in einer Nische.

SP: Ich glaube, dass mir das bewusst ist, hilft mit, dass ich nicht wie viele, viele andere aufstecke, bei denen das Feedback genauso ausbleibt. Noch schwerer haben es wissenschaftliche BloggerInnen. Die müssen ständig Relevantes veröffentlichen, aber dürfen es nicht in einem Blog tun, wenn sie anerkannt sein wollen. Ich kann mir vorstellen, dass das Problem ist, dass dann „jeder Hinz und Kunz“… [demonstriert die Anführungszeichen, der Interviewer nickt] aber ich stelle es mir noch frustrierender vor. Kürzlich las ich im Blog einer wissenschaftlichen Bloggerin, dass sie Dinge zurückhält, die sie nicht „versenken“ will, wie sie es nannte. Wenn ich das auch so sehen und handhaben würde, ginge mein Leben vorbei, die Dinge blieben in mir verborgen und vergammelten da. Ich möchte [betont sehr das Wort] nichts zurückhalten müssen! Wofür?

I: Ja, ich verstehe die beiden Seiten…

SP: Ja, ich auch. [längere Pause] Es geht doch darum, egal, womit man sich im Leben beschäftigt, einen Sinn in dem zu sehen, was man tut. Und wenn ich mir die Weltnachrichten so ansehe, gibt es sicher sinnfreiere Unterfangen, als im Netz für Offenheit dem Mitmenschen gegenüber zu werben. Und wenn ich mit dem Argument konfrontiert werde – und manchmal findet diese Konfrontation schon von allein in mir selbst statt –, dass ich doch so wenige bloß erreiche – ich habe auch schon mal von einer Person gehört, dass sie es unverständlich findet, was ich schreibe –, dann würde ich mit dieser Text-Passage von Rudolf Steiner antworten. [tippt auf das ‚a tempo‘-Heft] Also frei formuliert: andere Stimmen gibt es schon. Warum soll ich nicht mit meiner individuellen Stimme das in die Welt einbringen, was mir sinnvoll erscheint? Ich war noch nie der Ansicht, dass jeder zu jedem Zeitpunkt jedem, der ihm begegnet, etwas geben kann; es muss sich die wunderbare Fügung des Zusammenpassens ereignen. Und ich kann nicht sagen, dass ich das erwarte [betont sehr das Wort] – es wäre mir aber jedes Mal ein Geschenk. Ich habe das Gefühl, das sage ich jedes Mal, wenn es Thema wird: ich bin oder habe nur ein Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann. Auch die Ablehnung ist o.k., aber ich halte es nicht für sinnvoll, über das Angebot an sich zu diskutieren. Damit träte man mir, damit träte man aber auch allen anderen Menschen zu nah, finde ich.

I: Die Erwartung ginge Ihnen zu weit, dass Sie sich für andere ändern, verändern müssten…

SP: So eine Veränderung, die dann allen gerecht würde, gibt es nicht, also bleibt man doch lieber bei sich! Das hat nichts mit Kompromisslosigkeit zu tun; ohne Kompromisse würde kein Zusammenleben funktionieren. Aber das ureigene individuelle Angebot, das man mit dem persönlichen Sinn, mit dem eigenen Lebensinhalt macht – das sollte doch schon so stehenbleiben dürfen, wie der Lebens“inhaber“ [demonstriert die Anführungszeichen] es sich vorstellt, oder? [schmunzelt, der Interviewer nickt]

I: Ich hoffe, die Gesprächserwartung hat sich erfüllt!

SP: Von meiner Warte aus sehr! Und von Ihrer?

I: Ich hätte gerne noch den Ausblick auf’s nächste Jahr… erwarten Sie etwas? [schmunzelt]

SP: Ich erwarte tatsächlich etwas, aber nicht sehr konkret… ich werde zum ersten Mal an einem Mail Art-Projekt einer Kreativkollegin teilnehmen. Drei Personen kommen zeichnend miteinander ins Gespräch – nur über das Zeichnen, wohlgemerkt. Die Initiatorin ist eine Künstlerin, die ich nur online kenne, die dritte Person im Bunde ist mit ihr bekannt, also kennen wir drei uns untereinander eher nicht. Als ich den Aufruf bei Heike Sackmann sah, war ich sofort begeistert! Ich bin gespannt, ob man nachher den Eindruck hat, sich ein bisschen kennengelernt zu haben, oder das Gespräch nach außen eine bestimmte Wirkung hat. Ich würde fast sagen: ich erwarte nichts, bin aber voller Vorfreude. [lächelt]

I: Dann kommen Sie mit dieser Vorfreude gut ins nächste Jahr! Vielen Dank für das Gespräch.

SP: Ebenfalls einen gelungenen Jahreswechsel und herzlichen Dank.

 

[Das Gespräch wurde privat geführt und aufgezeichnet im Dezember 2017]

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cof

cof

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Bei Nichtbeachtung droht vielleicht irgendwann mehr als „Kunstverlust“…

„Ich habe miterlebt, wie Jugendliche, die noch nie etwas mit Kunst zu tun hatten, nie in einem Museum waren, durch einen Kunstworkshop angefangen haben zu strahlen. Sie wirkten plötzlich selbstbewusst, kreativ, individuell und interessiert an allem, was über ihren bisherigen ‚Tellerrand‘ hinausging. Aus diesem Grund müssen wir unseren Blick nach vorne richten und dieses Potenzial stärken, denn ohne Kunst würde unsere Gesellschaft eingehen.“ [Juliane Köhler]

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Warum ist es durch Kunst so niederschwellig möglich, Interesse, gar Selbstbewusstsein zu erleben?

Ich denke, weil jeder einen natürlichen Zugang zu ihr hat oder haben könnte, gerade in jungen Jahren. Mit zunehmendem Alter wird dieser natürliche Zugang immer mehr zugestellt mit Erwartungen der Umwelt, die in die jungen Menschen kriechen und irgendwann als eigene Haltungen erlebt werden. Auch Kunst hat in der Gesellschaft ein Gerüst, einen starren Rahmen, den man schon spürt, wenn man nur die Bezeichnung nimmt: Kunst. Der Begriff ist abstrakt; jeder füllt ihn anders. Ein Teil der Gesellschaft sieht ihn als Qualitätsbegriff an: alles, was so genannt wird, ist durch einen Filter gelaufen, hat „Tests“ bestanden, ist von „Experten“, deren Urteil wir vertrauen, für gut befunden worden, gut genug, diesen „Titel“ zu tragen. Junge Menschen, die mit dieser Begriffsdefinition aufwachsen und sie verinnerlichen, werden, wenn sie „offiziell“ einen zum Beispiel naturwissenschaftlichen Weg einschlagen, kaum wagen, auch noch „Kunst“ zu machen oder auch nur diese Neigung verspüren. Das eigentlich so leicht zu weckende Gefühl, das Juliane Köhler bei ‚KunstVerLust‘ beschreibt und das Menschen sich gut und zufrieden fühlen hilft – zu Frieden – wird leichtfertig weggegeben zugunsten eines Lebens im Wettbewerb.

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Und ist das nicht genau der richtige Ansatz, auch jenseits von Kunst? Zu welchen Themen könnt Ihr Euch Workshops vorstellen, die bereits im Jugendalter ihren Anfang nehmen und über reine „Beschäftigungstherapie“ hinausgehen können? Wie könnten sich Jugendliche – selbstverständlich freiwillig! – einbringen können, ohne ihre kostbare Frei- oder Schulzeit zu opfern; vielleicht gekoppelt an den Unterricht? Kann Unterricht nicht generell anders gestaltet werden? Wie erreicht man Schüler, die ihrer Herkunft (Sprachbarriere, Kulturbarriere) oder Wohnsituation nach benachteiligt sind, wenn man den Maßstab unserer Gesellschaft anlegt?

Wodurch wird der erste Funke für Beteiligungswunsch entzündet?

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http://www.kunstverlust.de/galerie/2015/12/23/juliane-khler

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Stell Dir vor, es ist Kunst und niemand geht hin

http://thinglabs.de/2017/05/socialmedia-im-kleinformat-am-beispiel-das-seminar/

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Hier lässt uns Stefan Beck teilhaben am Aufwand, den es macht, „einen wesentlichen Teil [seiner] Lebenszeit“ einer „Mitteilungsform“ zu widmen.

„Es scheint, als hätten die wenigen Benutzer vor allem einen persönlichen Gewinn von der Seite, den sie nicht notwendig mit ihren Freunden teilen müssten.“

Das zum einen sicherlich, aber zum anderen gilt doch auch: die Interessierten haben nicht viele Freunde, mit denen sie das SINNVOLL teilen könnten. Mir ist es in Deinem und meinem Sinne wichtig, aber ich weiß, dass es aus meiner „Follower“schaft kaum jemanden hinter’m Ofen hervorlocken wird – wie die allermeisten meiner Beiträge das nicht tun. Vielleicht bekommt es ein Like; ich rechne nicht mit einer sachlich interessierten Wortmeldung.

Bei uns beiden gäbe es sicher „reichlich Gedanken“ zu entdecken und auch zu besprechen; wie Du es ausdrückst: man gibt „sich selbst“; wie im sogenannten „real life“ ist und bleibt es ein Geschenk, wenn eine Person an einer anderen ein aufrichtiges Interesse hat.

Ich gebe es um meinetwillen nicht auf: „die Bereitstellung einer Struktur und den Willen, sich dauerhaft in ihr aufzuhalten.“

Dank‘ Dir für Dein Engagement!

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Bild: Cover des ‚thingbook‘, einer Info-Broschüre zu ‚The Thing Frankfurt‘, einem sozialen Netzwerk für Kunst und Kultur außerhalb von Galerien und Institutionen

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Wahrnehmung

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Ja, ich weiß: es heißt „Januarmorgen“, „auf deM Weg zur Arbeit“ und „um deM Musiker zuzuhören“, und ich verstehe auch nicht, warum solch ein Filmchen dann nicht mehr überarbeitet wird.

Normalerweise ist das Teilen dann sofort für mich gestorben; in diesem Fall mache ich eine Ausnahme für die Aussage.

„Können wir Schönheit in einem alltäglichen Umfeld, zu einem unangemessenen Zeitpunkt wahrnehmen? Wenn dem so ist, nehmen wir uns Zeit, sie wertzuschätzen? Erkennen wir Talente in einem unerwarteten Kontext?“

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Einmal mehr grüßt Disney/Pixars „Remy“, der Koch war, obwohl es kaum jemand wahrnehmen konnte.

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Mit Dank an Astrid für’s Teilen des Videos mit den „Philosophischen Akrobaten“, die mich zuletzt zum demnächst folgenden Beitrag inspiriert haben.

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Kunst als Religion?

Borgeest war schon einmal Thema zum Thema auf: http://thinglabs.de/2015/10/warum-fragen-wir-die-kuenstler-nicht-einfach/ ; ein Gespräch dazu gibt’s bei den Kommentaren,

http://thinglabs.de/2015/11/kunst-als-religion/ ,

und das Thema auch beim ’seminar‘: http://www.stefanbeck.de/das-seminar/mp3/das_seminar_13-11-2015_live_RadioX.mp3

und auf der facebook-Seite des ’seminar’s https://www.facebook.com/dasseminar/?fref=ts :

Stefan: „Wenn es keine rationale Begründung für Kunst geben kann, ist die Kunst eine der Religion ähnliche Glaubenssache.
Was sind die Folgen?
Können wir uns eine Zeit nach der Kunst vorstellen?“

Sabine: „Ich kann es verstehen, dass man solche Vergleiche zieht… Wenn in 100 Jahren keiner mehr erklären kann (unabhängig davon, dass er es rein physisch nicht kann, weil er tot ist 😉 ), was ihn mit Kunst verbunden hat, dann bleibt der Charakter des Statussymbols (Marktwert) und – eventuell daher rührend – der Modeerscheinung (als gesellschaftlicher Zwang; die und die Ausstellungen dieser und jener Berühmtheiten der Szene muss/te man gesehen haben).
Das, was man auch in 100 Jahren noch verstünde: persönliche Begeisterung aus persönlich erklärter gleich begründeter Betroffenheit, wird ohne die Menschen, die das erzählen, weit nachfolgenden Generationen kaum vermittelbar sein.“

 

Mich hat das Bild, das Stefan bei seiner Radiosendung auf den Borgeest’schen Essay bezogen verbal gemalt hat, beschäftigt: Es könne sein, dass in 100 Jahren nicht mehr nachvollzogen werden könnte, warum Menschen in ein Museum gegangen seien, um sich ehrfürchtig Exponate anzusehen, und ebenso wäre es denkbar, dass man kein Verständnis mehr hätte für eine private Sammlung heute als wertvoll geltender Bilder.

Auch ich kann mir dieses Szenario vorstellen, aber nicht ohne eben dieses „aber“, das schon in meiner facebook-Antwort angeklungen ist.

Man stelle sich das Bild einer Warteschlange vor den Toren eines Museums vor; die Ausstellung ist eine international stark beworbene Tournee. Nun zoomt man näher ran und befragt stichprobenartig, aber in regelmäßig unregelmäßigen Abständen die Wartenden, warum sie die Ausstellung gerne besuchen würden. Für mich ist es relativ unvorstellbar, dass nicht alles an Antworten dabei wäre, das man sich vorstellen kann; es wird die komplette Bandbreite sein zwischen dem „mitlaufenden Laien“, der sich anguckt, was da auf Plakaten, in der Zeitung, im Fernsehen usw. groß beworben wird und ansonsten erst einmal keine Erwartung hegt, vielleicht auch nur gerade vor dem beginnenden Regen flüchten will, und dem neugierigen Kunstverständigen, der noch dazu einen Platz im „System Kunst“ besetzt.

Bildwechsel: eine vollbesetzte Kirche. Erst einmal steht nur eine Sache fest: alle derzeit sichtbaren Menschen befinden sich in dieser Kirche. Zoomt man näher ran, wird bald klar: ein Agnostiker begleitet seinen Enkel, der bald zur ersten Kommunion geht, ein junges Paar ist gerade erst wieder einer Religionsgemeinschaft beigetreten, weil es kirchlich heiraten möchte, einer ist dort jeden Tag und überlegt, in ein Kloster einzutreten, jemand ist dort, weil er ein Fan von Holzschnitzereien ist; er ist zufällig in die Messe geraten und wartet sehnsüchtig auf deren Ende…

Erst der Zoom zeigt, ob und wie jemand seine derzeitige Gruppenzugehörigkeit mit Leben füllt, und erst dieses Leben zeigt, zeitigt Authentizität oder eben nicht.

Gäbe es in 100 Jahren nur noch Bilddokumente von riesigen Warteschlangen vor Museen, und gäbe es keine Menschen mehr, die ihre Begeisterung für Kunst für andere Menschen mit Leben füllen, wären diese Bilddokumente in der Tat skurril.

Für mich ist eher vorstellbar, dass sich die Menschen in Jahrhunderten durch zunehmende Aufklärung und Säkularisierung zumindest vom Zwang einer gemeinschaftlichen Gottesanbetung befreien als dass sie aufgeben, sich untereinander auszutauschen, und Kunst ist für mich die freiheitlichste Idee eben dieses Austauschs. Dieser ist eine der rationalsten Begründungen, die ich überhaupt denken kann. Die Bedingungen des „Systems Kunst“ können noch oft geändert werden; ich kann Kunst auch denken ganz ohne den Betrieb um sie. Deswegen ist es nicht mal Zuversichtlichkeit zu nennen, dass ich der Überzeugung bin, dass es immer Kunst geben wird. Vielleicht – hoffentlich – eines Tages ohne jegliche zusätzliche Etiketten.

 

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