Mail Art, Teil 1

Ich sende Ihnen einen Gedanken zu. Bitte denken Sie ihn weiter.“ [Robert Rehfeldt]

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Den Begriff der „Mail Art“ kannte ich bereits, und meine Vorstellung davon war eher schwammig, bis ich Ende letzten Jahres den Aufruf meiner Kreativkollegin Heike Sackmann auf deren Blog sah. (Heike ruft schon länger dazu auf; einen Eindruck bekommt man auf ihrer Website; unten ist es der erste Link.)

Irgendetwas muss mich diesmal stärker gezogen haben, so dass ich zum ersten Mal – unfassbar, tatsächlich – mitbekam, dass mehrere Personen an ein und demselben Bild arbeiten und so miteinander in eine Art Gespräch kommen – ein gezeichnetes, gemaltes Gespräch. Ich war sofort entzündet!

Der Quantenphysiker David Bohm, der grundlegend über die Frage, wie unser Denken arbeitet geforscht hat, schlägt den Dialog als Mittel und Möglichkeit vor, wie sich das Denken bei seinem Tun beobachten und verstehen lässt. Bohm verwendet den Begriff Dialog im ursprünglichen Wortsinn: „dia“ heißt „durch“ und „logos“ meint „das bedeutungsvolle Wort“. Der Begriff meint also das Fließen von Sinn und das Erschließen von Bedeutung um und durch uns Menschen. Ein solcher Sinnstrom führt vielleicht zu neuen Einsichten oder zu Verständnis. Im kommunikativen Prozess wird etwas Neues geschaffen, etwas, was weder absehbar noch planbar sondern kreativ ist. Dieser so geteilte Sinn ist das Band, das uns Menschen zusammenhält.“

Ich war also gespannt darauf, ob es tatsächlich zu Kommunikation käme…

In einer Gruppe wird auf diese Weise eine andere Art des Bewusstseins möglich, ein partizipierendes Bewusstsein. Jeder einzelne hat Teil an der daraus resultierenden energetischen Aufladung einer Gruppe, deren Kraft ungleich höher ist, als es der summierten Teilnehmeranzahl entspricht. Bei einer funktionierenden Gruppe ist das gemeinsame Denken ein Prozess gemeinsamer Partizipation. Wenn wir das Denken anderer erkennen, wird es zu unserem Denken, und wir behandeln es, als sei es unser Denken.“

Im aktuellen „Dialoge“-Projekt von Heike wurden mehrere Gruppen gebildet; „meine“ bestand aus Heike Sackmann, Zoé von Neuwirth-Szilágyi und mir. Heike schickte uns beiden Mitteilnehmerinnen je vier neue Pappen im DIN A 4-Format zu; selbst begann sie auch vier Zeichnungen/Malarbeiten.

Bei diesen ersten Bögen waren mir zwei Dinge bewusst: es mussten noch die Arbeiten der beiden folgenden Zeichnerinnen aufs Blatt passen, und ich hatte den Anspruch, obschon ich keine „Serie“ zu zeichnen plante, den Motiven eine Verbindung zu geben.

Auf mein erstes Blatt kam das Augenpaar eines Kleinkindes:

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Von den kleinen runden Augäpfeln in blau war es nur ein kleiner Schritt zu etwas Großem Rundem in blau,

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und von diesem Bild wiederum ein kleiner Schritt zu der Situation unserer Welt, die derzeit für mich vorherrschend unfriedlich ist, in vielerlei Hinsicht. Mit der Yoda-Figur entschloss ich mich zu einem Bild, das „die Weisheit“ – ganz weit gefasst als universelle Weisheit, die Weisheit aller Menschen, zu der sie fähig sind – bedroht zeigt:

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Als Letztes wollte ich ein Motiv, das man sowohl schön als auch schaurig interpretieren kann, und wählte den roten Blütenregen:

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Für meinen Anfang hatte ich Motive gewählt, die unterschiedlich sind und auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben, auf den zweiten aber schon.

Bei einer zeichnerischen Gemeinschaftsarbeit den Anfang zu machen ist relativ einfach; es ist wie der Beginn eines Gespräches, bei dem man selbst das Thema vorgibt. Man spricht eine Einladung aus, sich auf für das Gegenüber mehr oder weniger zusammenhängende Gedanken einzulassen.

Kurz darauf erreichten mich Heikes Erstzeichnungen; welch tolle Steilvorlagen zum Weiterdenken!

Leider kann ich Euch die Entwicklung unserer Gemeinschaftsarbeit und meine Gedanken zu den Vorlagen, die mich erreichten, hier noch nicht zeigen, da die Mappe noch ausgestellt wird. Ich schließe also diesen ersten Teil des Berichts so ab:

„… ich will immer Geschichten erzählen“, schrieb Heike begleitend in der von ihr eingerichteten Messenger-Gruppe zu diesem Dialog, und Zoé kommentierte: „Das ist doch toll!“ Ja, dem konnte und kann ich mich nur anschließen: es war eine tolle neue Erfahrung für mich, so ins Gespräch kommen zu dürfen; ich fühle es so, dass ich tatsächlich Kommunikation erlebt habe. Die Art der Zeichnungen/Malarbeiten zeigen unsere Individualität, aber die Themen griffen direkt so auf eine Art ineinander, reichten sich die Hände, bestätigten einander im Bemühen um Sensibilität menschlichen Themen gegenüber… dass ich mich nur bereichert aus diesem Projekt jetzt weiterbewegen (lassen) kann.

Dankeschön!

WaB

M1

M2

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Es geht nicht um Standpunkte, sondern um innere Bewegtheit, nicht um Auseinandersetzung sondern um Teilhabe.“

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http://www.heike-sackmann.de/index.html/kollaborationen/

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http://www.gemeinschaftserfahrung.de/inhalte/gemeinschaftsbildung/der-dialogische-prozess/

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Stimmungen, Schwingungen

Ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder beim Spazierengehen in einer Stadt: wir nehmen eine bestimmte Stimmung wahr. Mal sind wir mehr, mal weniger empfänglich dafür. Manchmal nehmen wir sie wahr, wollen uns aber aus unterschiedlichen Gründen nicht dafür öffnen, manchmal können wir uns nicht vor ihrem Einfluss schützen, selbst, wenn wir es mit aller Kraft versuchen.
Ganzen Ländern werden bestimmte Atmosphären nachgesagt: das gelassene Schweden, die coolen Niederlande, die gemütliche Schweiz, das (bis auf die Stunden der Siesta) temperamentvolle Spanien oder Italien.

Woher kommen solche Eindrücke, die ja tatsächlich oft über das Klischee hinausgehen? Wie ist eine solch umfassend wirkende Schwingung möglich, wo sie doch aus so vielen unterschiedlichen Individuen besteht?

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Ich glaube, dass Gedanken zu Worten werden und Worte zu Taten, und dass daher bereits jeder Gedanke, der uns kommt, Gewicht hat. Zwar darf mich diese gefühlte Bedeutsamkeit nicht lähmen und zu überkritischer Selbstbeobachtung bringen – man würde ja irre –, aber das Bewusstmachen hilft mir, mein Denken ein wenig zu führen. In den meisten Fällen leitet mich Kants Kategorischer Imperativ ganz gut; Ausnahmen (1) bestätigen die Regel.

Beim Sprechen kann ich mich in den meisten Fällen auf die T.H.I.N.K.-Formel verlassen („Think before you speak“), wenn mich keine starke Emotion hindert:

T = Is it true?

H = Is it helpful?

I = Is it inspiring?

N = Is it necessary?

K = Is it kind?

Bevor man etwas sagt, soll man sich idealerweise fragen, ob das, was man äußern will, wahr, hilfreich, inspirierend, notwendig und freundlich/wohlwollend ist.

Ich bin davon überzeugt, dass es wirkt, und dass es weltweit wirkt – oder wirken könnte. Das Destruktive wird es in der Welt vermutlich geben, solange es Menschen gibt. Aber die, die nicht hungern müssen, nicht verfolgt werden, nicht im Kriegsgebiet leben, nicht physisch oder psychisch krank sind oder krank gemacht wurden, die konstruktiv mitgestalten können und wollen, damit es möglichst allen gut oder zumindest besser geht, könnten das Experiment doch wagen: bewusst denken und sprechen. Und wenn man es nicht einhält, weil man Mensch ist: es wieder versuchen. Und wieder. Oder nur mal einen halben Tag lang. Oder nur eine halbe Stunde. Ich glaube ja, dass, wenn man es eine kleine Strecke bewusst durchgehalten hat – erstmal nur, um es durchzuhalten –, man dann kaum mehr zurück kann. Bewusst eine eigene Wahrheit verleugnen (die übrigens nichts zu tun hat mit „alternativen Fakten“) fällt schwer, lästern wird beinahe unmöglich. Unfreundlich zu sein fällt einem selbst auf, wo es vorher vielleicht nicht so war.

Man braucht keine Sorge haben, dass man zu einem Engel oder Übermenschen wird; das passiert nicht. Man bleibt durchaus ein fehlbarer Mensch, aber wird ein netterer fehlbarer Mensch. Die Wenigsten werden von sich glauben, dass sie bewusst anderen schaden – die T.H.I.N.K.-Formel ist ein Augenöffner für sich selbst!

Und dann: stellt Euch vor, alle Menschen einer Stadt machten gleichzeitig das Experiment. Wie wären die Begegnungen, die Gespräche?

Glaubt auch Ihr, dass die Stimmung eine andere wäre…? Glaubt auch Ihr, dass die Menschen friedlicher wären…?

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(1) Eine Antwort zu Kants Befürwortung der Todesstrafe: „Das Recht der Vergeltung ist daraus nicht abzuleiten und willkürlich gesetzt. Eine Befriedigung der Gerechtigkeit durch den Tod des Delinquenten stellt die Reduktion auf einen Zweck dar und steht im Widerspruch zur vorgeblichen Ethik des Kategorischen Imperativs.“ (aus: Herbert Weiler: Warum Moses das versprochene Land nicht betreten durfte)

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Ingrid Bergman, Margot Käßmann und ich

Wenn man dabei bleibt, sich unter anderem über ein/en Blog auszudrücken, obwohl selten ein „Like“ verteilt wird, noch seltener eine Wortmeldung oder gar ein Wortwechsel stattfindet, dann muss man vom Blog als „guter Idee“ ziemlich überzeugt sein.

Ich weiß nicht, für wen ich schreibe, außer für mich, die ich damit meine Gedanken sortiere, und das mache ich auf diese Weise bereits im vierten Jahr. Nicht, dass das objektiv gesehen eine lange Zeit wäre, aber gemessen an den Rückmeldungen ist es ein relativ einsamer Marathonlauf – oder sogar mehrere. (In diesem Zusammenhang ganz herzlichen Dank an die „Bananenreicher“, die doch ab und zu an der Strecke sind!)

Es ist schwierig, eine gleichbleibend gute Qualität aufrechtzuerhalten unter diesen Bedingungen, immer sorgfältig zu sein, aber neben dem Gedankensortieren treibt mich eines an: es gibt so unendlich viel da draußen, das zu teilen sich lohnt! So kommt es, dass die Vielfalt es gleichzeitig undurchsichtig macht, einige den roten Faden nicht sehen, sich fragen, was so manche gesellschaftspolitische Äußerung mit Kunst zu tun hat – oder von Anfang an durch das Wort „Kunst“ im Blog-Titel abgeschreckt sind. (Für die, die vielleicht zum ersten Mal oder durch Zufall hier reingeraten sind: Kunst ist für mich der freiheitlichste Ausdruck des Menschen und die ungefährliche und niedrigschwellige Möglichkeit, Offenheit gegenüber einem fremden Ausdruck zu üben. Und: ich betrachte Kunst nicht losgelöst von allem anderen, das in der Welt geschieht.)

Auf der anderen Seite macht die Vielfalt es abwechslungsreich. Ich glaube, dass ich die, die tatsächlich interessiert sind, nicht oft langweile. Es ist mir ein Anliegen, neben eigenen Texten und Themen die Beiträge anderer zu teilen, die ich dem Bereich Kunst/Gesellschaft zuordne und die im weitesten Sinne mit offenen Augen und Ohren zu tun haben.

Mir macht es Spaß, dass sich in meinem Kopf sofort Verknüpfungen auf den Weg machen: ich sehe die Biografie „Ich bin Ingrid Bergman“ und schreibe mir Sätze heraus wie „Ich will keine Wurzeln“, „Die Liebe kam direkt durch die Linse“ oder „Es ist, als hätte immer ein Zugvogel in mir gelebt“; einen Tag später sehe ich die ‚Westart live‘ und notiere mit, wenn Hannes Jaenicke die Worte „Herde, Held, Haltung“ für den Beitrag niederschreibt, seine Feststellung „Wir [Deutsche] haben den Hang, den Makel zu suchen“ und Margot Käßmanns Worte „… dann können wir uns nur einmischen, wenn wir selber denken.“ Mich bestärkt Katharina Marie Schuberts Haltung, eine gesunde Demut vor der anderen Ansicht zu haben, oder mich inspiriert die der Raum-Zeit-Piraten, „in der Vergrößerung […] Strukturen zu entdecken.“ Und wenn Adrian Piper im YouTube-Interview sagt, dass sie sich schon gewünscht hätte, dass KollegInnen auch öffentlich sagen, dass sie ihre Arbeit schätzen, aber sich damit tröstet, dass das am Ende nicht, sondern nur die Arbeit zähle, „nur das Werk“ – dann verbinden sich die Dinge in meinem Kopf auf wundersame Weise.

Heute habe ich mich entschlossen, nicht bei den einzelnen Beiträgen in die Tiefe zu gehen, sondern über die Verbindungen zu erzählen, die sich in mir ergeben. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist, ob sich meine Spannung und Freude mitteilen… ich glaube, da ist dieses Mittel hier sehr begrenzt, und ich gehe ja auch recht sparsam mit Ausrufezeichen um 😉 . Vielleicht bin ich auch einfach nur besonders begeisterungsfähig. Als meine Freundin mir vor einiger Zeit von ihrer Workshop-Idee erzählt hatte, muss ich sie sofort angestrahlt und laut losgedacht haben; das sagte sie mir jedenfalls – ihrerseits von meiner Reaktion begeistert – am Ende unseres ersten diesbezüglichen Treffens. (Ich hoffe, da bald von der nächsten Etappe unseres Vorhabens berichten zu können.)

Ja, ich bin gerne begeistert, und ich bin froh, dass sich dieser Zustand in mir herstellen kann, denn ich kann ihn wohl nicht herbeirufen; er muss sich an irgendetwas entzünden.

In Bezug auf die genannten Berichte und Dokumentationen war es das Gefühl, dass es für mich immer einen roten Faden gibt zwischen Personen, Ideen, allgemein menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen wie Sicherheit, Versorgtsein und Entfaltung, neben allen individuellen Ausprägungen. Wir sollten uns nicht mundtot machen lassen mit Sätzen wie „davon verstehst du nichts“ oder „auf dem Gebiet kennst du dich nicht aus“, die allzu oft und oft allzu schnell auch von unserem inneren Zensor kommen. Stattdessen können wir sehen, hören und miteinander verhandeln, um die Dinge „ringen“, wie Margot Käßmann sagt, und Privates privat sein lassen, wie vielleicht der Fall Margot Käßmann zeigt, oder auch der Fall Ingrid Bergman, die nicht nur in Kriegszeiten ihrer Kunst nachgehen musste, sondern ebenfalls an gesellschaftlichen Vorgaben (bis hin zur Ächtung) litt, die sie weder erfüllen wollte noch konnte. „Ich tat, was sich richtig angefühlt hat“, hat sie gesagt.

Wenn Ihr die Doku guckt – sie ist zumindest in der 3sat-Mediathek nicht mehr lange online – guckt bis zum Ende (oder nur das Ende 😉 ): die Bergman’schen Familienbilder zum Song von Eva Dahlgren „The movie about us“ – wunderschön! Und die Verknüpfungen gehen weiter… ich informiere mich schon mal über Eva Dahlgren… 🙂

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http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=66821

http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart-live/video-westart-live-174.html

https://www.youtube.com/watch?v=_tURuyb76XQ

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Kunst lassen oder: Die ureigene essenzielle Idee

Vielleicht deckt sich ja das, warum jemand mal mit Kunst (oder der Beschäftigung mit ihr) angefangen, weitergemacht, aufgehört hat, in der Auseinandersetzung mit dem Weg irgendeines anderen Menschen, der mit Kunst gar nichts zu tun hat, rein vom Be-Weg-Grund her… ist das auch für Euch vorstellbar?

Warum beginnt jemand, warum hast DU begonnen – wenn es so ist – Dich mit Kunst zu beschäftigen? Wenn Du ganz zurück gehst in Gedanken… was war Dein Hauptbeweggrund dafür? Ich glaube nicht daran, dass jeder, der beginnt, Kunst zu „machen“, Kunstgeschichte schreiben möchte (wie es ein Freund mal formuliert hat, der es, wenn ich es richtig erinnere, von seinem Professor hatte); dass es beispielsweise um Berühmtheit geht. Aber ich glaube fest, dass jede Person, die damit mal begonnen hat, einen Mitgestaltungsimpuls hat, sich in die Welt einbringen möchte, und das dann bestmöglich. Manchmal aus rein ästhetischen Gründen, um die Welt ein bisschen schöner zu machen, oft aus inhaltlichen Gründen, um die Welt zu bewegen. Ich benutze hier bewusst keine Wertung, obwohl ich finde, dass inhaltliche Auseinandersetzung die Welt oft auch ein Stückchen „besser“ machen kann; „besser“ im Sinne von (und es beginnt immer mit) Bewusstmachung, und Bewusstmachung beginnt ganz oft mit Zeigen, mit Hinweisen auf etwas, das der andere noch nicht (so) gesehen hat.

Warum habe ich im ersten Absatz keinen Unterschied gemacht zwischen anfangen, weitermachen und aufhören? Weil es für die in meinen Augen wünschenswerte und unerlässliche Auseinandersetzung in und mit der Welt egal ist, zumindest im Fall von Kunst. Wenn jemand mal Kunst „gemacht“ hat und das irgendwann nicht mehr tut, dann ist doch da immer noch derselbe Mensch mit seinen Gefühlen, Gedanken und Motivationen in der Welt, die vielleicht kaum anders sind zu den früheren Gefühlen, Gedanken und Motivationen… und Auseinandersetzung und „Geben“ werden einfach anders weiter stattfinden.

Vielleicht hören sich meine Worte nicht schlüssig an für viele, die mich kennen, weil ich andererseits sage, dass ich es wohl niemals lassen wollen werde, mich auch im Malen (oder sonst wie kreativ) auszudrücken. Ich müsste es also abwegig finden, Kunst zu „lassen“, wenn ich irgendwann mal damit angefangen habe.

Was bedeutet „abwegig“? Im landläufigen Sinne irrig, abseitig, ungereimt, fremd, verfehlt, weithergeholt, unmöglich, unbegründet, unlogisch, unsinnig, unhaltbar, unberechtigt, unrealistisch, unzutreffend, falsch, vernunftwidrig, verstiegen, ausgefallen, entlegen, befremdlich, absonderlich, ohne Sinn und Verstand, unausführbar, absurd (mit freundlicher Unterstützung durch ‚wissen.de‘).

Für mich bedeutet es auch neutraler „ab“ zu gehen von einem vertrauten „Weg“. Ich finde Kunst zu „lassen“ weder irrig noch verfehlt, auch nicht unlogisch oder falsch.

Kunst zu „lassen“ ist eine Entwicklung, die man würdigen sollte wie jede andere Entwicklung auch. Man kann sie auch werten, aber sicher nicht einteilen in „richtig“ oder „falsch“. Nachspüren, was der Beweggrund sein könnte für „aufhören“ ist genau so fruchtbar wie das Erspüren des Grundes für „anfangen“.

Ich kann Kunst nicht getrennt sehen von all den anderen Dingen, die in der Welt sind. Ich kann alles, was mit dem Menschen zu tun hat, nur noch ganzheitlich denken. Wann immer Menschen etwas tun oder lassen, sind im besten Fall – wenn Dinge freiwillig geschehen – Überlegungen vorausgegangen, begleitet von Gefühlen und Erlebnissen. Und das hat immer seine Berechtigung. Verantwortung kann man auf verschiedene Arten tragen.

Kunst kann nur nachrangig, höchstens beirangig funktionieren; sie kann nur als bereichernd empfunden werden, wenn sie eingebettet ist in ein ganzheitliches Menschenbild, und der Mensch/die weltlichen Lebewesen, sind das, worum es geht. Und zwar nicht hochherrschaftlich gedacht, sondern kameradschaftlich, für ein gutes, für alle (zumindest in den Grundvoraussetzungen) zufriedenstellendes Miteinander.

Was ist die Essenz dessen, das Dich zu den Dingen bringt, Deine ureigene essenzielle Idee? Und ist es nicht dieselbe Essenz, die Dich manchmal auch wieder weg führt, woanders hin?

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Botschaften

„Bücher, Menschen, Abenteuer: Im Frühling wird Köln zur Hochburg der Literatur. Vom 7. bis zum 18. März lockt die „Lit.Cologne“ Hunderttausende Besucher in ihre Veranstaltungen. In ‚Westart live – extra‘ zu Europas größtem Literaturfestival begrüßt Denis Scheck den Bestsellerautor Frank Schätzing, die Publizistin und Friedenspreisträgerin Carolin Emcke, die Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader, den Slampoeten Sebastian 23 sowie die Musiker Scott Matthew & Rodrigo Leão.“

http://www1.wdr.de/fernsehen/west-art/sendungen/uebersichtwestartlive148.html

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Denis Scheck liegt mir als Literaturkritiker nicht sonderlich, da er sich (vielleicht auch durch die oft geforderte Kürze) nicht immer inhaltlich auseinandersetzt; ich schrieb letztens darüber (https://sabinepint.wordpress.com/2017/02/22/denis-scheck-und-ich-ueber-john-irvings-strasse-der-wunder/). Als Interviewer in der ‚Westart‘ fällt er gegenüber zum Beispiel Thomas Hermanns darin ab, ein bei aller Tiefe lockeres Gespräch zu führen, in dem dieser in erster Linie auf das Gesagte des Gegenübers eingeht, anstatt eine nächste Frage oder den nächsten Programmpunkt anzureihen.

Neben vielen anderen erwähnenswerten Dingen wie die von Schätzing angesprochene Distanz zwischen Erschaffer und Rezipient, die gerade beim Schreiben gegeben ist, vielen Sätzen der überlegt und ehrlich sprechenden Carolin Emcke fand ich in dieser ‚Westart‘-Ausgabe Folgendes für’s Weiterdenken interessant:

Denis Scheck: „Wie politisch begreifen Sie eigentlich das, was Sie tun?“

[Maria Schrader atmet durch] „Ja, die Frage wird mir natürlich im Moment durch den Film oft gestellt […] es gibt auch inzwischen ja fast einen Standardsatz: nichts ist nicht politisch. Aber […] – wie Carolin vorhin gesagt hat – dem Theater den Auftrag zu geben… das gibt es ja im Moment auch oft: Theater, Filme… geben sich selbst den politischen Auftrag. Und das ist oft sehr problematisch, finde ich. […] oder um mit Stefan Zweig zu sprechen: ein Kunstwerk kann eine politische Dimension bekommen, in dem Moment, wo man aber etwas, eine Geschichte instrumentalisiert für eine bestimmte Aussage, geht […] das Unvorhersehbare, das Poetische, das Unsagliche, das Atmosphärische, was ja im besten Fall auch Kunst ausmacht, verloren.“

Denis Scheck: „Hemingway sagt: Wer eine Botschaft hat, soll auf’s Telegraphenamt gehen und‘n Telegramm schicken.“

Ich kann das nicht teilen. Liegt nicht die Kunst auch darin, eine Aussage versiert, charmant, unangestrengt zu verpacken, zu transformieren eben in die künstlerische Arbeit? Wäre nicht die versuchte Vermeidung, obwohl mich die Aussage überhaupt erst zur Arbeit drängt, viel destruktiver für’s Endprodukt? Sollte man Kunst thematisch beschneiden?

Einen Gegenentwurf zu dieser Haltung fand ich bei der „Kulturtussi“ Anke von Heyl; sehr lesenswert: http://www.kulturtussi.de/begegnung-mit-otto-freundlich/

Über Stimmen dazu freute ich mich sehr!

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P.S.: Hyperlink-Einfügungen fehlgeschlagen; ich benutze nun die unelegante Variante.

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„[…] Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

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Laurence Olivier

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aus: Hamlet, 1. Aufzug, 3. Szene:

[…]

POLONIUS

Noch hier, Laertes? Ei, ei, an Bord, an Bord!

Der Wind sitzt in dem Nacken Eures Segels,

Und man verlangt Euch. Hier mein Segen mit dir –

[indem er dem Laertes die Hand aufs Haupt legt]

Und diese Regeln präg in dein Gedächtnis:

Gib den Gedanken, die du hegst, nicht Zunge,

Noch einem ungebührlichen die Tat.

Leutselig sei, doch mach dich nicht gemein.

Den Freund, der dein, und dessen Wahl erprobt,

Mit eh‘rnen Haken klammr‘ ihn an dein Herz.

Doch schwäche deine Hand nicht durch Begrüßung

Von jedem neugeheckten Bruder. Hüte dich,

In Händel zu geraten; bist du drin,

Führ sie, dass sich dein Feind vor dir mag hüten.

Dein Ohr leih jedem, wenigen deine Stimme;

Nimm Rat von allen, aber spar dein Urteil.

Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann,

Doch nicht ins Grillenhafte: reich, nicht bunt;

Denn es verkündigt oft die Tracht den Mann,

Und die vom ersten Rang und Stand in Frankreich

Sind darin ausgesucht und edler Sitte.

Kein Borger sei und auch Verleiher nicht;

Sich und den Freund verliert das Darleh‘n oft,

Und Borgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.

Dies über alles: Sei dir selber treu,

Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,

Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.

Leb wohl! Mein Segen förd‘re dies an dir!

[…]

*

Diese „Regeln“ des Vaters für den Sohn sind über Shakespeares Schauspiel hinaus erprobt, würde ich sagen; sie haben als Ratschläge beinahe – Ausnahmen gibt es ja immer, weil Menschen Individuen sind – Allgemeingültigkeit.

Besonders von den Schlusssätzen wird dies gerne zitiert:

„Dies über alles: Sei dir selber treu. Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage: Du kannst nicht falsch sein gegen irgendwen.“

Auch auf mich wirken diese Sätze. Sie bedeuten nicht, dass man sich anderen gegenüber nicht für diese unpassend verhalten kann; das kann immer passieren, denn wir gehen erst einmal von uns aus und wissen nicht, wie unser Gegenüber uns und das Gesagte aufnehmen wird. (Den Vorsatz, das Gegenüber fies zu treffen, gibt’s natürlich auch, aber das schließe ich hier jetzt einmal aus.)

Um sich selbst treu zu sein, bedarf es der Reflexion; man muss seine Gefühle und Gedanken sortieren, um eine Position einnehmen zu können. Ist diese nicht starr, sondern in dem Sinne beweglich, dass sie veränderbar ist, wenn sich Gegebenheiten verändern, bleibt man wahrhaftig – und kann daher „nicht falsch sein gegen irgendwen“. Ich interpretiere es also so, dass man zu allererst eine gute Verbindung zu sich selbst hat, spürt, was einem gut und nicht gut tut, was man denkt und warum, und dem Gegenüber damit eine ehrliche, eine wahrhaftige Person zeigt.

Nachlässigkeit, Ignoranz und Lethargie haben da kaum Chancen, ihr ungesundes Wirken zu betreiben; man lebt in steter Auseinandersetzung mit sich und anderen. Es ist leicht vorstellbar, dass man diese Auseinandersetzung ohne echte Verbindung zu sich selbst eher als Bürde erlebt als das Geschenk, das es ist: das Geschenk des sich-Einbringens, des im-Gespräch-Bleibens.

So, wie man andere nur lieben kann, wenn man sich selbst zumindest mag, kann man sich dem Ausdruck eines anderen erst öffnen, wenn man seinen eigenen Ausdruck spürt, deuten kann und versteht. Wenn man einsieht, dass man überhaupt einen eigenen, individuellen Ausdruck hat! Und hat man das einmal bewusst gespürt, gibt es im Grunde kein Argument mehr dafür, sich einer anderen Expression von vornherein zu entziehen.

Es ist vollkommen zweitrangig, ob ich das Lächeln der Mona Lisa betrachte oder eines in der Stadt erwidere, das mir begegnet – ich begegne immer Menschen in ihrem jeweiligen Ausdruck. Das Lächeln der Person, die mir entgegenkommt, ist vielleicht unmittelbarer, aber auch Leonardo da Vinci freute sich bestimmt, wenn man seinem künstlerischen Ausdruck zurücklächelte; dessen bin ich mir fast sicher…

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http://www.william-shakespeare.de/hamlet/hamlet1_3.htm

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Schau dir „# 19 – 12.10.2016 Hallo HM. LECKER. MENSCHEN.“ auf YouTube an

Ich finde, zu wenige Otto-Normal-Menschen – damit sage ich nicht, dass Du einer bist; ich sortiere Dich da grad nirgendwo ein – thematisieren den kriegerischen Irrsinn in der Welt. Und ich mag Kunst, die nah am Menschen ist, die mit ihm was zu tun hat. Nun könnte man sagen: das hat alle Kunst, weil sie vom Menschen gemacht ist. Aber das vermittelt sich nicht. Du bist ein Mittler zwischen Kunst und Mensch.

Und vielen Dank fürs immer wieder teilhaben-Lassen an den Prozessen!

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