Geld Macht Kunst


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„Jede Vermarktung macht die Kunst zur Ware.“

„Um was geht es?“

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Ich denke nicht, dass es um die Diskussion geht, ob man mit Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen dürfte – selbstverständlich (und viel zu selten) ist das der Fall.

Ich denke nicht, dass Menschen, die das (im besten Sinne) kritisch sehen, eben weil man dann (mindestens) zwei Herren dient, im Vergleich mit anderen besonders „romantisch“ veranlagt sind und das (Selbst)Bild des armen Künstlers pflegen wollen.

Sondern ich denke, dass in der kritischen Betrachtung der Vermarktung von Kunst das liegt, was der Film zeigt: die Perversion von Vermarktung bis hin zur Unkenntlichkeit der Sache.

In meiner Begriffswelt kann es gar nicht umstritten sein, dass das einen Menschen stören muss, der neben dem Wunsch, von seiner Arbeit leben zu können, auch noch eine – zum Beispiel gesellschaftskritische – Aussage treffen möchte. Die Perversion der Vermarktung reduziert jede Aussagemöglichkeit, höhlt sie aus, kann sie gar ins Lächerliche ziehen. Kann man das wünschen?

Ist es wünschenswert, dass eine Arbeit, die neben dem monetären noch einen anderen, eventuell unschätzbaren Wert hat, für lange, lange Zeit im Genfer Freihandelshafen liegt, wo niemand sie sieht?

Ist Kunst dafür da, von Oligarchen erstanden zu werden, in deren Privaträumen sie dann vielleicht Familie und Freunden zugänglich ist, aber sonst vielleicht nur einer Handvoll (ausgewählter) Menschen?

Ist es sinnvoll, Kunst in hochschwellig zu erreichenden, weil luxuriösen Häusern anzubieten, die für die Allermeisten, die sonst nichts mit Kunst zu tun haben, wie Festungen wirken?

Alles legitime Fragen, die einen Hintergrund haben: für wen ist Kunst? Gehört sie jemandem?

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Individualität ist überbewertet

<ironie>Individualität ist überbewertet</ironie>

Durch’s Netz geistern seit dem 4. September 2015 erneut und wiederholt Aussagen von Ulrich Kutschera; das war der Tag, an dem Armin Himmelrath bei SpiegelOnline über den Evolutionsbiologen berichtete.

Derzeit ist es ziemlich leicht, über Dinge zu spotten, über die man auf den ersten Blick fast nur spotten kann; man spricht schnell eine Vielzahl von Menschen an, die es verzichtbar finden, dass es ein Binnen-I gibt, und die es unmöglich finden, dass Bücher umgeschrieben werden müssen, um politisch korrekt zu sein. Die Dinge, die in diesem Kontext dann diskutiert werden, sind nicht selten komisch: bei der Wikipedia fand ich „eineN verständnisvolleN geduldigeN LehrerIn“. Klar, dass die Meisten dafür kein Geld ausgeben wollen.

Meine Eltern haben die klassische Rollenverteilung gelebt, wie auch schon die Großeltern, und schwammen damit im Mainstream ihrer Generationen. Es ist auch heute nichts gegen dieses Modell einzuwenden – wenn es freiwillig gewählt wird und alle anderen Varianten bewusst abgewählt werden. Dass die Frau im Durchschnitt immer noch weniger Geld für ihre Arbeit bekommt als der Mann (wohlgemerkt: bei gleicher Tätigkeit) sollte als Unfreiwilligkeit gewertet werden dürfen, ebenso die Tatsache, dass die „gute Mutter“, die mit Kind zu Hause bleibt, meist in ihrem alten Job nie wieder das Bein so an den Boden bekommen wird, wie es gewesen wäre, wenn sie dort weiterhin „ihren Mann gestanden“ hätte. Ich befürchte, Menschen wie Herr Kutschera sprechen ihr auch jeglichen diesbezüglichen Wunsch ab…

Es gibt bestimmt krude Blüten, die die Genderforschung treibt, vergleichbar mit denen, die erblühen, wenn wir unsere Sprache generell kritisch unter die Lupe nehmen. Ich kenne nur Leute, die finden, dass es ihnen nicht geschadet hat, in ihrer Kindheit „Neger“- statt „Schoko“- oder „Schaumkuss“ gesagt zu haben, und ich glaube ihnen; auch ich gehöre dieser Generation an, und aus mir ist kein Nazi geworden.

Es wäre alles halb so wild, wenn wir als Menschen beweisen würden, dass es so ist: nicht weiter von Belang. Wenn wir beweisen würden, dass es nicht immer wieder solcher Sensibilisierung bedarf, um Dinge wirklich zu hinterfragen. Um uns zu fragen, wie „selbstverständliche“ Begriffe unser Denken und Handeln beeinflussen.

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Wir haben eine Entwicklung mitgemacht, die nicht stehen bleiben wird, die immer weiter geht. In Deutschland wurde das Frauenwahlrecht mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung“ vom 30. November 1918 gesetzlich fixiert. (Die erneuten Einschränkungen, die das Regime des Nationalsozialismus mit sich brachte, vernachlässige ich hier.) Im Online-Geschichtsdossier der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg heißt es dazu:

„Das Frauenwahlrecht, das uns heute so selbstverständlich ist, musste sich gegen viele Vorurteile von Männern und Frauen durchsetzen. So wurde Frauen etwa verminderte Intelligenz und durch ihre Gebärfähigkeit eine „natürliche“ Bestimmung für den privaten, scheinbar politikfernen Bereich zugeschrieben. Viele weitere Schritte mussten gemacht, viele weitere Rechte und Ansprüche gesetzlich verankert werden. Die Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, setzte mit großem Einsatz durch, dass der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ am 23. Mai 1949 im Artikel 3 unseres Grundgesetzes in Absatz 2 als Verfassungsgrundsatz aufgenommen wurde.“

Etwas anderes ist es, diese Gleichberechtigung als selbstverständlich in den Menschen zu verankern; dabei ist die oben bereits angesprochene ungleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit, die, obwohl schon lange als Tatsache erkannt, trotzdem scheinbar nicht schnell zu ändern ist, nur ein Beispiel. Wer möchte schon schwören, dass zum Beispiel unsere männlich dominierte Sprache überhaupt keine Rolle dabei spielt, dass so Viele vieles als „natürlich“ hinnehmen…

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Menschen wie Ulrich Kutschera diskutieren, indem sie Klischees bedienen und weiterhin betonen, es ginge um Gleichmacherei statt um Gleichstellung, indem sie eine Haltung pflegen, die sich in Sätzen äußert wie ‚Frauen wollen heute keine Frauen mehr sein‘ und dergleichen mehr, keinesfalls in der Sache, obwohl es genau diesem Herrn angeblich darum geht, ernsthafte von „Pseudowissenschaftlern“ zu trennen. Egal, ob es ein Studienzweig ist oder nicht: Begriffe und Haltungen zu hinterfragen ist notwendig und wird es voraussichtlich immer sein. Es ist völlig unstrittig, dass alle Menschen unterschiedliche biologische Voraussetzungen mitbringen; darüber diskutiert niemand ernsthaft. Das heißt aber eben nicht, dass dann auch eine Ungleichbehandlung folgerichtig ist. Es ist beschämend, ernüchternd und traurig, dass man das heute immer noch als Gegengewicht zu einer solch eindimensionalen und letztlich menschenverachtenden Haltung, beworben durch einen Artikel, der abertausendmal öfter gelesen werden wird als zum Beispiel der meine, sagen zu müssen.

Es müsste eigentlich jedem auffallen, dass die dort beschriebene Geisteshaltung menschenverachtend ist, und zwar verachtend gegenüber Menschen jeglichen Geschlechts. Sie lässt Unterschiede, die es selbstverständlich auch innerhalb eines Geschlechts gibt, nicht zu. Jede Frau ist gleich, jeder Mann ist gleich, und das Schlimmste: alles wird (soll?) so bleiben, wie es ist. Entwicklung, auch zum Guten für alle Menschen, ist „überbewertet“. (Übrigens weiß jeder Mensch selbst meistens am besten, was gut für ihn ist. Daher brauchte es auch keine moralinsauren Gesetze, die allzu Privates regeln…)

Dabei sei Kutschera „ein ausgewiesener Frauenförderer“. Wer solche Förderer hat, tut gut daran, sie schnellstens loszuwerden. Oder ich weiß einfach nicht zu schätzen, wie hilfreich für alle Menschen Aussprüche sind wie: „Männer wollen einfach eine nette Frau, mit der man nicht viel diskutieren muss; jung, attraktiv, gut kochen muss sie können, Kinder großziehen.“ Das sei in allen Kulturen so. Ich denke mir, dass auch Frauen in allen Kulturen einfach einen netten Partner oder eine nette Partnerin haben wollen, was soll man denn anderes wünschen: einen unnetten Menschen an seiner Seite? Das Perfide an der Ausdrucksweise des Wissenschaftlers: er baut darauf, dass die Menschen mehrheitlich nicht unterscheiden zwischen dem verständlichen Wunsch, einen „netten“ Menschen an ihrer Seite zu haben (wenn sie überhaupt mit jemandem leben möchten), und dem Hinterfragen tradierter Vorstellungen von Zusammenleben. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Und was ermächtigt ihn, seine reduzierte Sicht auf seine Partnerin (ein Partner wird es ja keinesfalls sein; ach du lieber Himmel!) auf alle Menschen hochzurechnen…? Er kann es für sich ja sehen, wie er mag; es im großen Stil kundzutun, es „allen Kulturen“ und damit jedem einzelnen Menschen überzustülpen, ist selbstüberschätzend, arrogant und nicht intelligent.

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Ich bin in erster Linie als Mensch auf die Welt gekommen; ich muss alles unter dem Aspekt betrachten, dass auch mein Geschlecht zufällig ist. Ich muss mich nur im direkten Umfeld umsehen, um festzustellen, dass jeder Mensch einzigartig ist, unterschiedlich zum anderen in Biologie, Einstellung, Wünschen.

Als Mensch setze ich mich für Menschenrechte ein; für mich ist das eine beinahe zwangsläufige logische Schlussfolgerung. Es ist, je nach Sachverhalt und Situation, nachrangig oder komplett egal, ob mein Gegenüber schwarz, weiß oder grün ist, an was er glaubt, wenn er dadurch nicht die Freiheit seines Nächsten beschneidet, wofür er seine Lebenszeit einsetzt, wenn er niemanden bewusst an Leib und Seele verletzt, ob er direkte Nachkommen hat oder nicht, ob er Mann oder Frau ist oder sich irgendwo dazwischen fühlt.

Die von vielen gehassten „Quoten“ – auch für mich sind sie nur Mittel zum Zweck, ein notwendiges Übel – gibt es nur, weil es durch die Jahrhunderte nicht geschafft wurde, eine wirkliche Gleichberechtigung aller MENSCHEN zu erreichen. Das erstreckt sich auf alle Gebiete; das gibt‘s nicht nur in Geschlechterdiskussionen. Haltungen wie die Ulrich Kutschera’s tragen dazu bei, sich im „Klein/Klein“ zu verheddern, anstatt sich in der Welt dafür einzusetzen, was für uns doch logisch sein müsste: für uns. Und was nicht allen zu Gute oder sogar bewusst zu Schaden kommt, muss selbstverständlich diskutiert werden, immer und immer wieder. Ob es der Hunger in der Welt ist, der nur scheinbar nicht zu bekämpfen ist, ob es scheinheilige Politik ist, die angeblich keine Kriege oder hier Tausenden weismachen will, es gäbe noch für alle in Europa Arbeit, die „wirklich welche wollen“. Ob es die Wirtschaft ist, deren Gier keine Grenzen kennt und die auch vor bewusster Schädigung der Bevölkerung oder nicht rückgängig zu machenden Umweltschäden nicht Halt macht – oder ob es um den Respekt und die individuelle Herangehensweise an jeden Menschen geht.

Es hat alles eine Ursache, ob Flüchtlingsstrom oder Genderforschung. Sich diese Ursachen anzusehen ist Pflicht für alle, denen Inhalt wichtig ist, um sich positionieren zu können. Eine Positionierung über die reine Form, über die Ausprägung und Gestalt einer Ursache wird einem mitdenkenden Menschen nicht gerecht. In diesem Sinne, Herr Kutschera…

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Meine Sache ist die Kunst, und mir wird immer klarer, warum: weil „meine Sache“ eigentlich der Mensch ist, seine Individualität, die Vielfalt der Möglichkeiten. Seine Offenheit sich selbst und den Möglichkeiten seiner Mitmenschen gegenüber macht Kunst erst möglich, denn sie ereignet sich nur in Offenheit.

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/universitaet-kassel-professor-ulrich-kutschera-zieht-ueber-genderforschung-her-a-1050888.html

http://www.lpb-bw.de/12_november.html

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„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“

„Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.“ (Cornelia Koppetsch)

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Ich überlege, wie ich diesen Text beginnen soll; wahrscheinlich wird es wieder ein Gedankenfluss-Experiment…

Ausgang war die Frage an mich selbst, was mich davon abbringt (obwohl auch ich zum Beispiel für Auftragsarbeiten Geld nehme), alles und jedes unter dem „Verkaufsgebot“ zu betrachten?

Warum denke ich (obwohl ich andere sonst gerne selbst denken und für sich bestimmen lasse), dass es für alle besser wäre, von rein kapitalistischen Beweggründen abzusehen? Warum werde ich zunehmend wütend über bestimmte diesbezügliche Vorgehensweisen in der Welt?

Mir scheint es tatsächlich so, als ob alle alles nur noch verkaufen. Ich hatte Euch um Eure Gedanken dazu gebeten, und die zweier Kollegen – wie ich langjährig auf dem künstlerischen Parkett unterwegs – kann ich mit einfließen lassen; vielen Dank Euch beiden!

Trotzdem bleibt der Text schwierig zu beginnen, denn ich habe das Gefühl, mich schon zu Anfang und dann zunehmend zu wiederholen, gerade weil ich mich mit bestimmten Überlegungen immer wieder neu, nur in Variationen, auseinandersetze. Das kann auf Dauer eintönig werden! Ich selbst werde müde, mich immer wieder die bekannten Argumente sagen zu hören… – aber vielleicht lerne ich mit jeder Auseinandersetzung und jetzt mit der Arbeit an diesem Text einen anderen Aspekt des Themas kennen… oder eine andere Facette meiner Person…

Dann frage ich mich, ob ich anfangen kann, ohne mit ein paar Grundüberlegungen zu Kapitalismus und Sozialismus zu beginnen – und verwerfe den Zweifel: zu langweilig, und vielleicht kann ich später im Text noch auf bestimmte Dinge eingehen, die mir wichtig sind. Also setze ich jetzt das voraus, was man in der Schule dazu lernt – ich hoffe, immer noch!

Einer der beiden genannten Kollegen fragte, ob denn die bloße Verwendung von Geld schon kapitalistisch sei, denn das Geld sei doch nur der Gegenwert des Tauschhandels, wenn man etwas anderes als Tauschgegenstand entweder nicht brauchen oder nicht bekommen kann… – ja, so denke ich eigentlich auch. Es ist doch praktisch, dann für sein Angebot einen Wertgegenstand zu bekommen, der als Gegenwert zu wirklich allem funktioniert. Was macht es denn dann verwerflich oder besser gefragt: was lässt es denn dann kippen? Oder wann kippt es? Wann schlägt es in etwas für den Menschen Ungesundes um? Macht es eventuell der Wettbewerbscharakter, der in den kapitalistisch ausgerichteten Ländern vorherrscht…?

Ich stelle durch die Jahre fest, dass sich Wettbewerb da ausbreitet, wo er meines Erachtens wenig oder nichts verloren hat: in Schulen (es können nicht alle eine „eins“ bekommen, selbst dann nicht, wenn im sehr unwahrscheinlichen Fall trotzdem alle eine verdient hätten; es gibt große Unterschiede zwischen den Kindern, und ungleiche Startvoraussetzungen machen Wettbewerb unfair), im Rennen um die Uni-Plätze, wo es teilweise um Bruchteile im besagten Einser-Bereich geht – aber in die Richtung zur Null, nicht zur Zwei! Später im Wettlauf um die Jobs, dann innerhalb der Jobs, bis hin zu Konkurrenzdenken in Freundschaft und Liebe… – ist es das, was Geld zu etwas macht, das nicht mehr als reiner Gegenwert im Tauschhandel empfunden wird, sondern als Belohnung, als Preis, als Auszeichnung für das Erreichen der vorderen Plätze…? Und dann muss man diesen Platz ja auch noch verteidigen… und jagt nach dem nächsten „Pokal“, der die erfolgreiche Verteidigung demonstriert… Ich erinnere das Gefühl, dass mir persönlich zu viel Wettbewerb herrscht und dass eigentlich unvergleichbare Dinge oder gar Menschen verglichen werden, schon früh in meinem Leben.

Und ich stelle noch etwas anderes fest: die Menschen diskutieren immer weniger die Sachlagen sachlich, und sie suchen immer häufiger eine Schuld bei den Betroffenen. „Wieso bist du denn nicht einfach bei deinem Mann geblieben?“ „Das hättest du dir aber denken können, dass du jetzt unterhalb deiner Qualifikation arbeiten wirst… du kannst froh sein, dass sie dich zurück nehmen!“ „Sie lässt sich ausnutzen; jetzt pflegt sie sogar seine Eltern…“ „Hättest du damals was anderes gemacht, hättest du jetzt auch mehr Geld!“ „Dann musst du deine hohen Ansprüche eben etwas runterschrauben.“ Es geht nicht darum, warum der oder die Einzelne sich so entschieden hat; es geht nicht um Verständnis für persönliche Beweggründe; es geht darum, das System zu rechtfertigen und zu verteidigen gegenüber jenen, die es in Frage stellen durch ihr Scheitern darin, selbst, wenn sich überhaupt keine „Schuldfrage“ stellt. „… und jetzt beklagt sie/er sich auch noch!“

Mein Kollege sagt, dass nicht das Geld an sich schlecht ist, sondern „nur die Nebenwirkungen und Vergewaltigungen der Idee abzulehnen“ sind – also der Missbrauch. Dieser findet nur da statt, wo Geld ist. Entweder direkt ein dicker Batzen (Stichwort Korruption bei den großen Fischen in Politik und Wirtschaft; jedem fallen sicher sofort mehrere Beispiele ein), oder in den Fällen, in denen das Kleinvieh den Mist macht. Dabei denke ich zum Beispiel an die um sich greifende Unsitte, dass Ärzte von Kassenpatienten Geld nehmen, um diesen vielleicht doch den (unter Umständen lebensnotwendigen) früheren Termin zu geben. Die zwei (oder mehr) Klassen-Gesellschaft war nie überwunden, und wo an der unbedingt erforderlichen Gleichheit der Menschen an einer Stelle gearbeitet wird, wird an einer anderen ein umso größeres Loch gerissen…

Ist es nötig, dass Frauen, die sich gemeinsam mit dem Ehemann für die klassische Rollenverteilung entscheiden (nicht selten, weil es immer noch so ist, dass in den meisten Fällen der Mann den besserbezahlten Job hat), in Altersarmut fallen, wenn nach den Erziehungsjahren der Kinder die Ehe nicht mehr funktioniert? Oder sie nicht mehr in die Arbeit zurück finden, selbst wenn sie es wollen, weil es nahtlos weiter geht mit der Pflege, diesmal der Eltern? Oder weil sie nach den Jahren der Pause (die keine Erholungspause war!) nicht mehr Fuß fassen, weil man heute auch schon mit vierzig zu alt sein kann, wenn die Fünfundzwanzigjährigen von der Uni kommen und selbstverständlich einen Anspruch empfinden, jetzt loslegen zu können…?

Ist es nötig, dass Menschen sich dafür rechtfertigen müssen, dass sie auf der Suche nach für sie bezahlbarem Wohnraum fast verzweifeln? Ist es nötig, dass es immer weniger diesbezügliches Angebot für Otto Normalverdiener oder gar Otto Prekärverdiener gibt…?

Ist es nötig, dass Menschen aus ihrem Wohngebiet und ihrer dortigen Arbeit vertrieben werden, weil es zufällig Regenwaldgebiet ist, dass man gewinnbringender für Palmölanbau nutzen kann?

Warum decken Länder ihre Dopingfälle nicht auf bzw. sind an Aufklärung nicht interessiert? Weil sie an den Sport-Stars mit verdienen. Ist so etwas nötig?

Warum gehen manche Politiker nach nur wenigen Jahren als „Volksvertreter“ (die Anführungsstriche sind bewusst gesetzt) in die Wirtschaft? Weil sie es können; weil es keine Kontrollgremien gibt, die ihre Kontakte, die sie vorher geknüpft haben, obwohl sie es nicht durften, verurteilen und ahnden. Und warum das nicht? Weil jeder, der ein solches Gesetz erlassen und für seine Durchführung eintreten würde, sich damit gegebenenfalls ins eigene Fleisch schnitte.

Warum wird in einem Regionalblatt nur noch aus Gefälligkeit berichtet über Menschen, die jemanden kennen, der jemanden kennt, oder gegen Geld?

Muss es Anwälte geben, die Geld dafür bekommen, dass sie Personalchefs Seminare anbieten, wie diese am effektivsten Krankheit ihrer Mitarbeiter als Kündigungsgrund nutzen können?

Heißt „Kapitalismus“, dass einkalkuliert wird, dass sogar dazugehört, dass Menschen durch die Maschen fallen?

Geld macht die Wichtigkeit von Inhalten kleiner bzw. hebt sie ganz auf. Der sportliche Vergleich von Menschenkörpern und diesbezügliche Medaillenvergabe hat keinen Sinn, wenn es eigentlich nicht mehr darum geht, dass sich Menschen in ihren puren sportlichen Leistungen vergleichen. Und dass im Hintergrund eine Maschinerie in Kraft ist, die den Missbrauch bewacht, treibt die Sache auf die Spitze der Perversion. Wie bei allen Dingen, in denen viel Geld den Missbrauch deckt und bewacht, um noch mehr Geld zu verdienen.

Mir fällt die Geschichte vom „klugen Fischer“ ein, jetzt als Bilderbuch neu erschienen und 1963 von Heinrich Böll unter dem Titel: „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ zum Tag der Arbeit mitten im bundesdeutschen Wirtschaftswunder geschrieben. Ein Tourist trifft einen Fischer am Hafen, der auf seinem Boot in der Sonne döst, und schlägt ihm vor, das schöne Wetter doch zum erneuten Rausfahren zu nutzen, um noch mehr Fisch und noch mehr Fisch zu fangen, schließlich einen Kutter haben zu können und dafür Leute anzustellen, ein Kühlhaus zu bauen, eine Marinadenfabrik usw. usf. Und wozu das alles? Damit er irgendwann genug Geld hätte, in Ruhe und Zufriedenheit mitten am Tag in einem Boot am Hafen zu dösen…

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Aus den Köpfen verschwindet die Bandbreite des Angebots und Geschehens, weil Geld vorgibt, was wir zu sehen und zu hören kriegen. Im Guten wie im Schlechten. Inhalte spielen immer weniger eine Rolle, niemand will sich mehr mit ihnen auseinandersetzen. Zuerst einmal muss sich der Einsatz finanziell lohnen, sonst fängt man gar nicht erst an, ob mit Auseinandersetzung oder erstmal nur Kopfheben. Alles das hat mit Wertschätzung von Menschen, von menschlichen Inhalten nicht das Geringste mehr zu tun; es hat nur noch mit der Wertschätzung dessen zu tun, das als Gegenwert zu beinahe allem anderen funktioniert. Aber eben nur beinahe. Der Moment, in dem es kippt, ist der, in dem uns das Tauschmittel wichtiger wird als der Inhalt, mit dem es getauscht wird.

Alles das macht mich wütend und treibt mich an, ein Gegengewicht zu setzen, zumindest, indem ich es benenne.

Ist es möglich, dass der Missbrauch des Geldsystems schon mit dem Wettbewerbsgedanken beginnt?

Ich habe immer dringender den Wunsch, mich aus Wettbewerbssystemen auszuklinken. Daher kommt, dass ich den „verkaufbaren“ Teil meiner Kreativarbeit nicht bewerbe, zumindest nicht aggressiv. Der Homepage ist zu entnehmen, dass ich auch verkaufe, und damit ist es gut. Im Internet pflege ich keine Plattform mehr, auf der es um solche Verkäufe geht, und entdecke ich eine neu, die sich zuerst als reine Ausstellungsfläche tarnt und zwei Klicks später entlarvt, bin ich mit dem dritten Klick da weg. Ich definiere mich zunehmend über die Aspekte meiner kreativen Arbeit, die gar nicht verkäuflich sind, jedenfalls nicht unmittelbar. Wenn ich im sozialen Netzwerk eine Diskussion starte oder mich an einer beteilige, in der ich für den unverstellten, offenen Blick plädiere, und dort (ja: ganz bewusst und auch mir) kostbare Zeit verbringe, dann ist es mir – allein schon durch die Form – überhaupt nicht möglich, das zu „verkaufen“! Und wäre es möglich und ich würde es tun, würde ich die Freiheit des Zugangs verraten und damit einen Wert, der so dermaßen eng verknüpft ist mit meiner Herangehensweise ans Thema, dass ich dieses gleich mit verriete und damit mich. Genau so und nicht anders möchte ich in der Hauptsache mein Thema vertreten – völlig nebensächlich, was oder wie ich male, wenn ich male, oder was oder wie ich schreibe… sogar dass ich auch male oder schreibe, soll dann und dort kein Thema sein. Das ist für viele unglaublich schwer nachzuvollziehen. Will ich denn kein Geld? Brauche ich etwa keines? Doch, selbstverständlich. Ich brauche Geld für die Lebenshaltung, solange unser System so funktioniert, wie es funktioniert. Aber ich brauche es nicht unbedingt im direkten Gegentausch und Gegenwert zu meinen Arbeiten, wenn für meine Lebenshaltung anders gesorgt wäre. Ich brauche es nicht als Sternchen, Fleißkärtchen oder als Pokal. Gefällt jemandem mein Bild, darf er es gerne auch kaufen; es gibt bislang keine unmissverständlichere Art, Wertschätzung zu zeigen, weil allen Geld als Gegenwert zu allem anderen so viel wert ist. Aber in erster Linie sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen eine andere Sichtweise anzubieten, und die liegt unter Umständen ja sogar gerade darin, ein Gegengewicht zum Profitdenken anzubieten.

Nun möchte ich zu dem eingangs erwähnten anderen Kollegen kommen, mit dem ich schon jahrelang über’s Netz kommuniziere und diskutiere, einmal im ganz direkten und einmal im übertragenen Sinn. Er gab zu bedenken, dass es „ja schon sehr viele Angebote des Leihens, Tauschens, Schenkens“ gäbe, „auch der gemeinsamen Benutzung, z. B. von Autos, Fahrrädern und Werkzeugen“, so dass nicht immer alles gleich gekauft oder in Geld ausgeglichen werden müsse. Das stimmt, und ich begrüße es sehr! Allerdings ist er auch derjenige, der sich für ein geregeltes Künstler-Einkommen stark macht, während ich eine allgemeine Bezahlung aller kreativ Tätiger, unabhängig von preislich festlegbaren konkreten Arbeiten, eher schwierig finde und als Alternative zum Bedingungslosen Grundeinkommen tendiere.

Cornelia Koppetsch hat sich im Magazin der Süddeutschen Zeitung in Heft 32/2015/Politik in dem von Gabriela Herpell geführten Interview »Freiheit ist kapitalistischer Mainstream« sehr lesenswert geäußert. Unter anderem sagt sie, dass Ideale wie „Kreativität“ dergestalt vom „kapitalistischem Mainstream“ vereinnahmt worden wären, dass sie „kein Widerstandspotenzial mehr“ enthielten. Indem jeder Arbeitgeber „Kreativität“ nun als selbstverständlich geforderte Tugend voraussetze, würde das sogar zu ihrer Ablehnung führen… wobei ich selbst glaube, dass man nicht „die Kreativität“ ablehnt, sondern ihre Annexion durch ein vielleicht nicht feindliches, aber früher eher gegensätzliches Terrain. Ich musste sehr an meinen Kollegen denken, als Koppetsch ausführte, dass sich Künstler selbst schwächten, indem sie ihre Freiheit und Unvergleichlichkeit betonten und damit ihren Zusammenschluss verhinderten: „Die Künstler sagen: Jeder ist anders und hat sein individuelles Feld. Dadurch verbaut man sich die Möglichkeit, kollektiv gegen schlechte Arbeitsbedingungen oder Unterbezahlung vorzugehen.“ Das ist sicher so. Aber vielleicht muss man sich auf diesem Gebiet einfach nur konsequenter als in anderen Arbeitsbereichen entscheiden: Inhalt oder Versorgung. Denn wenn es stimmt, was ich weiter oben befürchtete: dass Geld (mittlerweile!) die Wichtigkeit von Inhalten kleiner macht bzw. manchmal ganz aufhebt, dann ist gekaufter Inhalt (und diese Entwicklung wäre genau wie in allen anderen Bereichen nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich, wenn nicht schon Realität) der Tod der Kunst. Ist es nötig, dass etwas, das zur Erbauung, Weiterentwicklung und Austausch des Menschen geschaffen worden ist, an der Börse gehandelt wird…?

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Ich stelle einen Unterschied fest zwischen freigebigen und „Ich hab‘ nichts zu verschenken!“-Menschen, der über den Inhalt ihres Portemonnaies hinausgeht.

Wer sich erlaubt, auch mal zu schenken, hilft leichter, weil er nicht immer einen Gegenwert erwartet; vielleicht gerade ein besonders aktuelles Thema. Die Kehrseite der Medaille ist das mögliche ausgenutzt-Werden: wer einmal etwas „umsonst“ gemacht hat, von dem wird das vielleicht immer wieder erwartet… Auf der anderen Seite gilt der als unsympathisch, der immer alles umsonst zu bekommen erwartet…

Jeder muss selbst das Maß finden und seine Entscheidung sachlich und deutlich vertreten.

Was ist also für mich die Lösung, was ist mein Maß? Die Lösung ist, dass es selbst für mich als Einzelperson, selbst wenn ich nur für mich selbst verantwortlich wäre, die Lösung nicht gibt. Es gibt nicht das Maß aller Dinge. Es gibt kein deutliches Entweder/Oder. Aber es gibt eine Haltung, die mein versorgt-Sein und ein Zukunftsdenken zum Wohle aller, über mein Leben hinaus, nicht ausschließt.

Für mich wäre es vorstellbar, eine Gesellschaft zu haben, bei der die Mitglieder nicht auf den Lebensentwürfen der anderen herumhacken. Natürlich habe ich mir den meinen ausgesucht, zumindest in der groben Richtung, so wie jede und jeder sich den ihren und seinen mehr oder weniger ausgesucht hat, aber es lässt sich doch alles verbessern! Warum sollen wir uns denn nicht fragen, was wirklich allen zu Gute kommt? Sollen wir uns das vielleicht nicht fragen…?

Ich wünsche mir eine Politik, in der die Volksvertreter (dass diesmal keine Anführungsstriche da sind, ist ebenfalls bewusst) genau dafür eintreten: dass es allen gut und es für alle fair zu geht. Eine Politik, die Ungerechtigkeit und Ungleichheit bekämpft, weil sie sie nicht mehr braucht… für Stimmungen, für Unfreiheiten, die man zuerst gar nicht als solche begreift, weil man nicht begreifen soll. Eine Politik, die eben nicht vom Geldgedanken bestimmt wird, sondern von Zusammenhalt und Zusammenarbeit aller Länder dieser Erde. Die ohne Ausbeutung auskommt.

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

Was ist mir jetzt, in diesem Moment, auch noch wichtig für die Zeit, wenn ich nicht mehr da bin…? Was wäre wichtig für die Personen, die noch bleiben, wenn wir gehen? Ich finde, ich sollte das, was mir dazu als Antwort einfällt, mit meinem Leben stärken.

Ich frage mich ja in den letzten Jahren verstärkt bei allen Themen, die ich besser verstehen und durchblicken möchte, „wer hat etwas davon?“ Also… wer hat etwas davon, dass es keine sozial gerechte Wirtschafts- und Sozialordnung gibt?

Die Kameradschaftlichkeit, die im Wort „Sozialismus“ steckt… – wer hat etwas davon, dass diese nicht in Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität gelebt wird, sondern als hohle Phrase verkommt?

Philipp Holstein hat am 13.08.2015 in der Online-Ausgabe der Rheinischen Post über den Kabarettisten Volker Pispers gesagt: „Pispers ist nicht der Wahrheit verpflichtet, obwohl er das behauptet, sondern etwas, das größer ist: einem Zustand, der erreichbar wäre, wenn alle gut miteinander umgingen.“

Wenn das mit dem Kapitalismus nicht zu haben ist, dann muss ich ihn ablehnen.

 

 http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/43404/2/1

http://www.rp-online.de/kultur/kabarett-dass-volker-pispers-aufhoeren-koennte-mag-man-nicht-glauben-aid-1.5309954

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-kluge-fischer/978-3-446-24298-2/

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Kunst und Fälschung

Kunst und Fälschung

Ich wollte einmal genauer darüber nachdenken, warum auch ich dazu neige und immer geneigt habe, Kunstfälschung doch als eine Art „Kavaliersdelikt“ zu betrachten, neben aller damit verbundenen Betrügerei. Dabei weiß ich natürlich gerade deswegen, dass „Kavaliersdelikt“ ein unpassendes Wort ist, aber mir fällt – zumindest zu Beginn meines Textes – gerade kein passenderes ein.

Berichte über Kunstfälscher haben mich seit jeher eher amüsiert als entrüstet, und ich denke, dass es damit zusammenhängt, dass ein mit Geld um sich werfendes System betrogen und ausgetrickst wird. Ein System, dem man lange nicht mehr nur glaubt, ein hehres Ziel zu haben. Ich gebe zu, dass ich eine innere Genugtuung spüre, frei nach dem Motto: das hat es verdient! So wird der Fälscher Wolfgang Beltracchi in der 2012 beim WDR erschienenen Dokumentation von Anke Rebbert: „Der große Bluff – Wie man mit Kunst kassiert“ zitiert, dass der Kunstmarkt es ihm „absurd einfach gemacht“ habe. Und das glaube ich ihm auf’s Wort.

In seiner gemeinsam mit seiner Frau Helene verfassten Biografie „Selbstportrait“, die 2014 im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg erschienen ist, kommen immer wieder Redewendungen vor, die zeigen, dass Fälscher immer auf Moden eingehen, das malen, was „gerade gut ankommt“ – weil es eben in erster Linie um Profit geht. Dass es einem von ihnen „immer nur um’s Malen gegangen“ sei, zweifle ich daher entschieden an, wenn sie nicht das Technische, die Übung an sich meinen. Immerhin gibt Wolfgang Beltracchi zu, dass er es genossen hat, „wenn wieder einmal einem der ‚Großen’ meine Arbeit gefallen hatte“ – auch das kann ein Antrieb sein. Was jedoch fehlt, ist eine Identitätsbildung, wenn das Entstandene und das Entstehende immer nur anderen zugeschrieben werden. Beltracchi spricht man die Möglichkeit einer eigenen Maler-Identität, zumindest einer, die nicht selbstgefälliger Sensationslust entspringt, in großen Teilen sogar komplett ab. In seinem Buch schreibt er auf S. 231:

„Heute lebe ich in einem neuen Spannungsfeld. Die literarische und filmische Auseinandersetzung mit meiner künstlerischen Tätigkeit und mit meinen kriminellen Handlungen zeigt mir, wie schwierig es ist, die eigene Identität, literarisch und malerisch, zu finden und auszudrücken. In mir kämpfe ich Schlachten gegen so manche Schattenwesen und Einflüsterungen; um zu neuer Kreativität zu finden, musste ich mich erst mit meinen Fehlern auseinandersetzen, auch mit der Verurteilung konfrontiert sein. Erst allmählich wird mir deutlich, was meine Malerei künftig leiten könnte. Der Kampf um sich selbst ist für manche Maler ein fortgesetztes Ausprobieren, für andere scheint es nur eine einzige Form zu geben. Ich gehöre zu denen, die die ganze Welt der Malerei benötigen, um sich mitzuteilen. Meine Identität als Maler liegt in meinem geschaffenen Werk, dem ich in Zukunft keinen Tarnmantel mehr überhängen werde.“

Das klingt in meinen Ohren zumindest so, als stelle Beltracchi sich tatsächlich einer Herausforderung, denn er wird in Zukunft daran gemessen, inwiefern sich seine zukünftigen kreativen Arbeiten von den damaligen unterscheiden oder ob ihm auch zukünftig „das Originäre fehlt“, wie es der Journalist Stefan Koldehoff ausdrückt.

Es geht mir nicht darum, z. B. Wolfgang Beltracchi noch eine weitere Bühne zu bauen; Viele, die sich entrüsten, was er getan hat, werden schon die Verdienstmöglichkeiten, die sich ihm nach der Enttarnung neu auftun wie Fernsehauftritte, Buchveröffentlichungen und dergleichen mehr, verteufeln. Es geht mir darum, eine Position für mich zu finden und es anderen gegebenenfalls zu ermöglichen, über die ihre nachzudenken. Wie definiere ich persönlich „Verrat“ oder „Betrug“, hier einmal ganz konkret am Beispiel „Kunst“? Was ist mir dabei wichtig, was eventuell vernachlässigenswert? Welche sind die Werte, die für mich erhaltenswert sind?

Es geht mir hier einmal mehr auch nicht darum, an Kunst kein Geld verdienen zu „dürfen“, sondern darum, was man im Grunde verkauft, wenn es NUR darum geht. René Allonge, Ermittler beim LKA Berlin und maßgeblich beteiligt bei der Verhaftung Beltracchi’s, sagt im Film Folgendes: „… der Anteil der sorgfältigen Sammler, die also ihre Werke auch dauerhaft in Ausstellungen geben, damit sich die Bevölkerung das ansehen kann, das nimmt immer mehr ab, und da liegt eine gewisse Gefahr in diesem Markt; es entsteht Gier und auch ein gewisser Druck mit der ‚Ware Kunst’ zu handeln, und wenn man dann sich diesem Druck beugt und nicht sorgfältig ist, dann passieren diese Fehlerquellen und dann kommt es auch zu solchen Schäden.“

Wie schaut man Kunst in Zeiten des immer wahrscheinlicheren Betrugs aufgrund von Gier an? Darf ich in einem Museum ein Bild bewundern, von dem ich nicht mit abschließender Gewissheit sagen kann, dass es von dem- oder derjenigen stammt, die namentlich daran erwähnt sind? Meine Antwort darauf lautet schon immer: ja, natürlich! Ich sollte das Bild sogar genießen, EGAL, von wem es stammt. Das, finde ich, öffnet die Augen für so manches Lieschen Müller, von dem es immer auch stammen könnte. Fälschergeschichten zeigen immer auch, dass handwerkliches Können auf dem Gebiet der Kunst keinen Erfolg garantiert, sonst würden sie ihre Arbeiten sicher liebend gern unter dem eigenen Namen, der eigenen Identität, veröffentlichen. Und sie (die Geschichten) entlarven, wie sehr „Erfolg“ damit verknüpft ist, welche Bewerbung jemand erhält, welche Bedeutung sein Name bereits hat. Was mittels der Arbeit zu sehen, zu erfahren ist und warum, scheint zweitrangig zu sein…

Im Film wird über die Enttäuschung eines holländischen Privatsammlers gesprochen, nachdem das „Frauenportrait mit Hut“ von Kees van Dongen als Fälschung Beltracchis’s entlarvt wurde. Das Bild hatte ihm doch gefallen! Gefällt es ihm auf einmal nicht mehr, nachdem die Fälschung enttarnt wurde? Sicher, er hat mit den immensen Anschaffungskosten auch den (angeblichen) Namen des Malers bezahlt, und der Verlust des Geldes schmerzt sicher auch Reiche, und manchmal mehr als ärmere Leute, wie es oft und sicher nicht zu Unrecht heißt. Aber es ist immer noch dasselbe Bild…

Im Falle des Ideenklaues, der in Internet-Zeiten immer schwieriger aufzudecken und zu verhandeln ist, liegt die Sache etwas anders, aber eben nur bedingt. Ideenklau wird doch meist nur als „schlimm“ empfunden, wenn der Bestohlene einen messbaren Schaden nimmt, den ein anderer als Gewinn einstreicht. In allen anderen nicht aufgedeckten Fällen wird es durch die allgemeine Beeinflussung schier unmöglich sein, ihn überhaupt zu entdecken, geschweige zu beweisen. Ist es also hilfreich, darüber zu streiten…? Ich finde es zwar dreist und käme selbst nicht auf die Idee, bewusst Ideen zu stehlen, aber ich weiß vermutlich nicht einmal, wie welches Gesehene in mir weiterarbeitet und zu etwas wird, das ohne das – vielleicht Jahre zuvor – Gesehene so nicht entstanden wäre… Ideen dürfen sich in anderen weiterentwickeln und dort zu etwas Neuem werden. Das wirft man Beltracchi vor, dass er das nie getan hätte: Eigenes entwickeln. Er habe immer nur bereits bekannte Motive neu zusammengestellt. Dabei finde ich eines vorstellens- und bedenkenswert: irgendwann einmal hat jemand ein Motiv „neu erfunden“, selbstverständlich beeinflusst durch die Dinge, Personen und Vorkommnisse, denen er zuvor begegnet ist, aber sagen wir: das dort entstandene Motiv ist tatsächlich neu; noch nie zuvor wurde etwas so dargestellt. Das Motiv wirkt in der Welt, bekommt Anhänger, weckt Begehrlichkeiten, wird aber nicht weltberühmt. Nun fälscht es jemand, und, weil es vorher nicht zu Weltruhm gelangt ist, kennt es nicht jeder, und jemand sieht es zum ersten Mal in der Fälschung. Er ist berührt von der Darstellung, es kommen ihm neue Gefühle, Gedanken, er kann nun auch noch aus einer anderen Perspektive auf die Welt blicken – Kunst ereignet sich.

Es kann so geschehen, es wird so geschehen, immer wieder. Die Frage kann daher nicht naiv gestellt werden: darf es das auch, sondern: wie blicken wir mit dieser Erkenntnis fortan auf Kunst? Sicher „mit Sorgfalt“, wie es Klaus Gerrit Friese vom Bundesverband Deutscher Galerien im Film empfiehlt, und für mich, die ich keine Kunst klassifizieren, beurteilen und für ihre „Echtheit“ garantieren muss, bedeutet diese Sorgfalt, dass ich zum einen niemandem absprechen darf, sich künstlerisch so ähnlich wie ein anderer auszudrücken, und zum anderen mich so mit Künstlern zu beschäftigen habe, dass der Gesamteindruck – das Bild, das ich im Großen und Ganzen von ihm oder ihr habe – stimmig ist. Mehr kann ich nicht leisten, und mehr braucht es nicht, um nicht durch eine eventuelle Fälschung, die ich bewundere, aber die eben nicht von dem geschätzten Künstler stammt, so enttäuscht zu sein wie eben jener holländische Privatsammler, von dem im Film die Rede ist. Und es zeigt einmal mehr, dass die „Funktion“, in der ich auf Kunst treffe, eine, wenn nicht die wichtigste Rolle spielt: vielleicht war der Sammler ja doch nur des Prestige-Verlusts wegen enttäuscht…

Um Fälschungen auf dem Kunstmarkt verhindern zu können, sei „ein Ausweichen vor der natürlichen Menschengier“ notwendig, so Friese.

Der Fälscher Wolfgang Beltracchi war berührt von folgenden Worten des Malers Max Pechstein: „ Wir haben und suchen Weltanschauung und geben sie auch in unsere Arbeiten. […] Es ist Notwendigkeit in uns. Diese zwingt uns, so und nicht anders zu arbeiten, und nicht die Sucht, etwas Neues zu schaffen, war und ist der Grund der Art unseres Malens, sondern der Wunsch, ein vollerfülltes Leben zu gestalten.“

Das gelingt nur, indem wir uns im besten Sinne „verschwenden“ und auch verschwenderisch mit unseren Ideen sind, eben jenen Gedankenfunken, die unser Leben lenken und gestalten.

Eine Idee ist nicht zu stehlen, weil sie im besten Fall keinem gehört, nicht mal dem, der sie „hat“. Sie ist nur geteilt, mit-geteilt etwas wert, und das nur spontan, in dem Augenblick, in dem sie zur Situation, den Dingen und Menschen passt, wenn diese nicht warten, bis man sie später vielleicht einmal „gewinnbringend“ anlegen kann und sie sie die ganze Zeit bis dahin eifersüchtig bewachen müssen.

Ich nehme den Kunstmarkt nicht nur nicht ernst, sondern finde ihn mittlerweile lächerlich. Nicht die Arbeiten, keine von ihnen; ich muss einer jeden von ihnen ohne Vorurteil begegnen dürfen, sonst ist das ganze Unterfangen „Kunst“ sinnlos. Aber einen Markt, auf dem Menschen zwar gucken, aber nichts mehr wirklich sehen, der an Intransparenz nicht zu überbieten ist und bei dem „Diskretion“ über alles andere geht, kann ich nur wieder ernster nehmen, wenn nicht eine einzige kreative Arbeit mehr zur Begründung herangezogen wird. Der Kunstmarkt beleidigt jede einzelne künstlerische Leistung jedes Menschen, vielleicht gerade die, der er huldigt. „Das macht ja auch dieses Faszinosum des Kunstmarkts aus: man hat ein immaterielles Objekt aus Farben und Leinwand, deren Wert im Hundert-Euro-Bereich beschreibbar ist, und wenn dann der Richtige davor steht und das Richtige drauf ist, kostet es eben 20 Millionen.“ (Klaus Gerrit Friese)

Insofern ist „Kunstfälschung“ auf solch einem Markt vielleicht nicht einmal mehr ein „Delikt“, sondern Entwicklung – logische Konsequenz. Der Betrug ist nicht eine einzelne gefälschte Arbeit. Der Beginn des Verrats hat viel früher stattgefunden und nur noch kein Ende. Es ist der Verrat an menschlicher Integrität.

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Antwort auf „Wann ist Kunst ein Misserfolg?“, erschienen auf www.thinglabs.de im Beitrag vom 08. Oktober 2014

Hallo Stefan,

ich wollte so beginnen: Du sagst in Deinem Essay „Denn anders als der Erfolg, der nach landläufiger Meinung keine weitere Erklärung verlangt, läuft der Misserfolg immer Gefahr eine Begründung oder Rechtfertigung einzufordern.“ Der Erfolg verlangt keine weitere Erklärung, aber Du führst ihn doch unmittelbar auf die Arbeiten zurück, oder? Du siehst doch nicht wie ich die zielgerichtete und damit erfolgreiche Bewerbung der „erfolgreichen“ Arbeiten auf den wichtigen Kanälen im Vordergrund eben des Erfolgs, sondern sagst doch, anders als ich (die ich die Qualität auf dem Kunst-Sektor als SEHR relativ ansehe und behaupte, dass man alles hypen oder verreißen und beides schlüssig begründen kann), dass „wahre Qualität“ sich durchsetzt, oder?

Und genau darüber stolpere ich gerade: hast Du jemals behauptet, dass Qualität sich durchsetzt? Nein, im Gegenteil: es haben sich auch Künstler durchgesetzt, die Du für weit weniger relevant als andere hältst. Trotzdem hältst Du in unseren vergangenen Briefwechseln am traditionellen Kunstbetrieb fest und schätzt ihn als wichtiges Fundament, bemängelst nur hier und dort etwas.

Deinen Standpunkt bezüglich des Kunstbetriebes klar zu sehen fällt mir zunehmend schwer. Ich dachte z. B. immer, dass Du gerne ein Künstler im Off-Space bist, weil das zu den etablierten Arbeiten, die jedem überall angeboten werden, einen wichtigen Kontrapunkt setzt. Und das völlig unabhängig vom Fakt, dass Du selbstverständlich lieber gut bezahlt wärst; das wünscht sich wohl jeder: von einer selbstbestimmten Arbeit, die einen auch noch ausfüllt, in der man einen Sinn sieht, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ich glaube nicht, dass es so Viele gibt, die einer pseudo-romantischen Vorstellung vom armen Künstler anhängen; ich glaube allerdings, dass – u. a. durch das haarsträubende verbale Butter-vom-Brot-Kratzen der Beteiligten im Kunstbetrieb – Viele sehen, wie unglaubwürdig die wirken, die erst über Geld reden und dann über ihr Anliegen. Und Kunstwerken ist es nun mal zu eigen, gesellschaftliche Anliegen zu sein; da sind sich sogar meistens die Etablierten mit den „Hobby-Künstlern“ einig. (Inwiefern das die beiden Lager behaupten dürfen, zu sein – relevante und berechtigte Vertreter gesellschaftlicher Anliegen – , da streiten sie dann wieder.)

Im Gegenteil zum mündlichen Hören beim ‚seminar’ gefallen mir diesmal Deine geschriebenen Ausführungen weniger. Du klingst gelesen in diesem Essay voller Sarkasmus; als nähmst Du nichts und niemandem mit einem anderen Standpunkt ernst. („Die Vorstellung, was die eigene Kunst bedeutet und ausmacht, reproduziert sich mithin vollständig subjektiviert. Monadisch lebt sie vom Fettpolster der inneren Heilsgewissheit.“, um nur ein Zitat zu bringen; ich hätte ganze Passagen kopieren können…)

*

Wie ist denn „scheitern“ definiert? DU (aber damit auch ICH und JEDE/R ANDERE) bestimmst doch, was Du erwartest und warum, und was demnach „scheitern“ ist. Und Du sprichst anderen – zumindest in diesem Text – völlig eine andere Herangehensweise ab. Und das ist ja dann noch nicht mal ein Unterschied zwischen der akademischen und der nicht-akademischen Herangehensweise – Du hast ja wohl reihenweise KollegInnen auf demselben Level, die es augenscheinlich anders sehen… kann man nicht einfach sagen, dass das, was Du für Dich als „scheitern“ definiert hast, als Wort es für sie einfach nicht trifft? Warum soll das ein Widerspruch sein: zwar, weil man zu wenig von den wichtigen Kanälen beworben wurde, hat man keinen äußeren Erfolg, aber die Anliegen bleiben doch! Soll ich die verraten, nur weil die Gesellschaft mir den äußeren Erfolg verwehrt? Soll ich lediglich reagieren und die Macht über mein Tun und Lassen in fremde Hände legen?

Stellen wir uns vor, es käme irgendwann so, wie im ‚seminar’ beschrieben: Du hast 10 Jahre Zeit, und hast Du Dich in dieser Phase nicht etablieren können, nimmst Du Deinen Hut. Wohin mit den Anliegen? Macht man dann heimlich im Keller weiter? Wie geht man damit um, dass man sich ja auch anderweitig durchaus „künstlerisch“ verhält, und damit meine ich nicht den schwarzen Rolli, sondern die Haltung dem Leben gegenüber, die durchaus von Kreativität jenseits von „Basteltisch“ und denk- und tatkräftiger gesellschaftlicher Teilnahme geprägt ist, aber eine einem selbst wichtige Ausdrucksmöglichkeit nach der „neuen Regelung“ wegfallen muss? Werde ich bestraft, wenn rauskommt, was ich im Keller mache…?

Warum stört Dich die Haltung der KollegInnen eigentlich? Das finde ich im Moment am spannendsten… glaubst Du, dass sie damit „Kunst“ schaden? Mir kommt es nämlich so vor, als befreiten sie dadurch „Kunst“ von der Meinung vieler Otto-Normalrezipienten, dass das ein Metier sei, in dem man ohne große Arbeitsleistung  und oft aus Sch…. Geld machen könne.

Anders als es bei Dir klingt, glaube ich nicht an massenweise Selbstüberschätzung künstlerisch tätiger Personen, die einfach nicht einsehen wollen, wann es „genug“ ist; dass sie es nicht „bringen“. Ich glaube immer noch und immer wieder an Bandbreite und an den überbordenden Wunsch, sich auszudrücken und auszutauschen. Und das selbst bei den Etablierten, die ja eigentlich „Kunst“ „voranbringen“ sollen…

Und jetzt erhebe ich mein Glas. Auf Franz Kafka. 😉

Viele Grüße,

Sabine

Als P.S. ein zugegeben langes Eigenzitat:

Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn […]. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert.

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Anleitung für das aggressionsfreie Rezipieren von Kunst

Derzeit beschäftigen mich vorwiegend zwei Dinge, mit denen ich ständig konfrontiert werde und die zwar getrennt erscheinen, aber unbedingt zusammengehören: die Abkehr sehr vieler Menschen von „Kunst“ oder ihr Gefühl, das Thema gar nicht erst näher an sich heran zu lassen und das Thematisieren einer fehlenden adäquaten Bezahlung von „Kunst“ derjenigen, die keine Megastars im Kunstbetrieb sind.

Und dieses Wort, Kunstbetrieb, setzt jetzt hier auch das Ende der Anführungszeichen um Kunst.

Ich stelle immer wieder fest, dass Kreativität, die jeder schon automatisch lebt, weil beinahe jeder Mensch auf die eine oder andere Weise kreativ ist, keine Aggression bei anderen hervorruft. Aus dieser Kreativität heraus kann Kunst entstehen, die andere Menschen berührt, bewegt im Sinne von „weiter denken lässt“, „neu denken lässt“. Das Entstandene muss nicht mal so benannt werden, damit es als auseinandersetzenswert auffällt – es fällt auf und wirkt, oder es wirkt nicht, und beides ist in Ordnung. Die Freiwilligkeit in der Begegnung ist das, was einem aggressiven Gefühl entgegenwirkt. Es mag auch ein Preis dran stehen, den ich sehen oder nicht sehen, den ich zahlen oder nicht zahlen kann. Alles macht noch kein Problem.

In dem Augenblick, in dem etwas aber von vornherein Kunst sein soll (so geht das etablierte Kunstsystem jedenfalls vor), indem eine Sache mit einem Etikett behängt werden soll, an die jeder Mensch ein anderes Etikett hängen würde, beginnt bei den Meisten der aggressive Reiz zu kitzeln. Wer das Gefühl kennt, sollte sich vielleicht fragen, was für ihn Kunst ist, und das möglich abstrakt beschreiben, ohne konkretes Beispiel. Also nicht: „Also DAS ist bestimmt KEINE Kunst, Fett in eine Ecke zu schmieren!“ oder: „Wenn etwas SO ist, DANN ist es für mich Kunst!“, sondern:

„Wenn ich,
ohne ein konkretes Beispiel benennen zu müssen,
Worte finden müsste,
was Kunst für mich ist,
dann wären es diese: …“

Dabei ist enorm wichtig, nicht an ein bestimmtes Kunstwerk zu denken. Ich gehe heute mit meinen Lesern jede Wette ein, dass jeder, der ernsthaft, sachlich, ohne Ironie, innere Abwehr oder besonderes Wohlwollen nach einer abstrakten Beschreibung für Kunst sucht, diese auch findet. Und ich kann beinahe versprechen, dass, wenn man sich diese Worte, seine eigenen Worte ins Gedächtnis ruft, sich danach alles ansehen kann, was irgendjemand kreativ erschaffen hat, und – wenn es nicht gedacht ist zu provozieren und sein Ziel erreicht – auch vollkommen ohne Aggression. Und ohne Kunst in „etabliert“ und „amateurhaft betrieben“ trennen zu müssen. (Man darf nicht ganz außer acht lassen, dass der etablierte Kunstbetrieb selbstverständlich weiter trennen wird; das muss er sogar, möchte er sich erhalten. Aber wir, die wir nicht zu ihm gehören und seinen Regeln nicht gerecht werden müssen, kön-nen frei gestalten, können frei betrachten.)

Selbstverständlich ist man nicht frei von Gefühlen oder Gedanken beim Betrachten. Also wäre der nächste Schritt, um weiterhin aggressionsfrei zu bleiben, sich zu fragen: „Was macht das gerade mit mir?“ oder: „Was hat es mit mir zu tun?“ Man kann ziemlich sicher sein, dass es auf keinen Fall geschaffen worden ist, um jemanden persönlich zu ärgern, also kann man auch locker möglichen Ärger zulassen… Und man findet etwas über sich selbst heraus, sieht eine neue Facette seiner selbst, lernt sich selbst besser kennen.

Der dritte und letzte Schritt ist, sich die Arbeit ohne Preis vorzustellen, ob vorhanden oder nicht.

*

Wenn Chris Dercon, der Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, bemängelt, dass seine Mitarbeiter unterbezahlt sind, dann bin ich ganz bei ihm. Das dürfte es in keinem Museum und auch sonst nirgendwo geben, wie es so Vieles nicht geben dürfte. Und ich bin bei ihm, wenn Birte Carolin Sebastian in der Online-Ausgabe der FAZ vom 09.01.2014 seine Sicht so beschreibt: „Deshalb funktioniere Ai Weiwei so gut. Man müsse seine Werke nicht besitzen oder zu Hause ausstellen, man fühle sich seinen Ideen verbunden. Der Betrachter habe das Gefühl, an Ai Weiweis Leben teilzuhaben. Seine Kunst sei imstande, die eigenen Sichtachsen zu ändern, neue Perspektiven auf die Welt zu gewinnen.“ Die Überschrift des Artikels lautet: „Kunst soll verbinden, nicht gekauft werden.“ …

Wie kann derselbe Mann in denselben Topf werfen, dass z. B. immer Jüngere bloggen, und durch ihre Gratis-Lieferungen damit schon früh begönnen, „Preise kaputt zu machen“, wie ich seine Aussagen im Artikel von Holger Liebs in der Online-Ausgabe von „Monopol“ aus dem Jahr 2010 deute? Finanziell mag Vieles selbstausbeuterisch sein, aber was ist mit kreativer Herzensbildung und mentaler Zufriedenheit? Was, wenn Menschen heute einfach von vornherein durch die gegebenen Möglichkeiten anders leben, durch die Kunst in den alltäglichen Gegenständen beeinflusst anders denken? Was, wenn sie sich deswegen Ai Weiwei verbunden fühlen, weil sie, seit sie Kinder sind, gelernt haben, Ideen wertzuschätzen? Was, wenn sie einen Zugang zu Kunst haben, ohne dass das so benannt wird: Kunst.

Viele, die später, denkend, Kunst ablehnen, tun das, weil sie in ihrem Leben auf den Betrieb um das gestoßen sind, das sie als Kind bereits natürlich gelebt haben, als sie einen Sommer lang im Museumsgarten arbeiten und ausstellen durften, als sie zulassen durften, zu berühren und berührt zu werden. Es floss im besten Sinne durch sie hindurch; sie mussten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie nicht etwas davon zurückhalten sollten, um es „später“ „gewinnbringend“ zu vermarkten… Sie haben mit Kunst zu tun, jeden Tag, auch die, die sagen „Das ist nichts für mich“ oder „Damit kenne ich mich nicht aus“. Womit sie sich nicht auskennen, sind die Regeln des Kunstsystems, wenn sie kein Insider sind. Alles andere tragen sie in sich, seit sie Kinder waren.

Worauf sollte ich in meinem Leben noch warten? Ich werde als No-Name ohne diesbezügliche Kontakte keine bessere Möglichkeit bekommen, mich auszuleben, ohne damit anderen zu schaden oder ihnen etwas wegzunehmen. Ja, Vieles von dem, was ich mache, ist gratis. Weil es mir ein Anliegen ist, es zu tun oder zu sagen, und man kann es mir stehlen, weil es nicht geschützt ist. Aber die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Wenigen zu warten, die durch ihre finanziellen Möglichkeiten oder ihr Netzwerk „durchkommen“, sichtbar, hörbar werden und damit sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Wir brauchen Bandbreite, in allem. Und trotzdem muss ich, solange sich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchgesetzt hat (ich werde es in meiner berufstätigen Zeit sicher nicht mehr erleben), Geld verdienen, werde das tun, solange es mir möglich ist und mit dafür streiten, dass es eine faire Bezahlung für jeden am System Beteiligten geben muss. Ein Vollzeitjob muss reichen, um mit einem fairen Stundenlohn über die Runden zu kommen, auch als MuseumsmitarbeiterIn, auch in der Tate Modern. Aber Kunst, deren mangelnde Vergleichbarkeit eine Bezahlung, eine Be-Lohnung niemals objektiv fair sein lässt, muss weiterhin von Kapitalmärkten abgelöst betrachtet werden können, sonst wird selbst das urmenschliche Verlangen, sich miteinander auszutauschen, korrumpiert. Sonst werden die Museumsgarten-Kinder enttäuscht.

Mit der Kunst bewahren sich Menschen das vielleicht letzte Bisschen Unkäuflichkeit, vielleicht ähnlich dem Erleben bedingungsloser und damit unerklärlicher Liebe. Und wo sie sehen, dass das verraten und verkauft wird, erleben sie Wut.

*

Ich habe das Wort, das ich gesucht hatte, um Kunst als Dachbegriff für jede menschliche kreative Transformation zu benennen, bislang nicht gefunden; dies einmal als Zwischenstand. Ich muss weiterhin „Kunst“ sagen und laufe Gefahr, dass ich in dem Augenblick weniger etwas sage, als gehört und gedeutet zu werden. Und da sind sie wieder, die Anführungszeichen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst/tate-modern-kunst-soll-verbinden-nicht-gekauft-werden-12741326.html

http://www.monopol-magazin.de/artikel/20101584/-chris-dercon-kuenstlerprekariat.html

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Aufmerksamkeit um jeden Preis?

Ich benutze ein schnelllebiges Medium, aber ich versuche es für mich zu entschleunigen, indem ich es untypisch nutze; ich habe schon vorher dazu geschrieben.

Dazu gehört auch, dass ich zwar regelmäßig, aber nicht in allzu kurzen Intervallen poste, und es gehört dazu, dass ich zwar mehrere Kanäle nutze, aber nicht rund um die Uhr diese mit Neuigkeiten fülle. Bei dem einen reicht es einmal in der Woche, bei einem anderen poste ich u. U. nur alle drei Wochen etwas.

Das führt dazu, dass ich nicht immer in aller Munde bin, und manche vergessen mich sogar ganz. Damit muss ich leben, aber ich lebe sehr gut damit! Wenn es mir in erster Linie darum ginge, mich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, wäre ich rund um die Uhr mit der Bewerbung meiner Person beschäftigt und hätte trotzdem das Gefühl, es nicht regelmäßig genug zu tun – es würde nie reichen; es gäbe immer noch etwas zu tun. Diese Unfreiheit im Denken und Fühlen würde mich derartig lähmen, dass ich meine Kreativität nicht mehr leben könnte. Und es ginge irgendwann Quantität über Qualität.

Aufmerksamkeit um jeden Preis.

In Promi-Leben, aber auch in so manchem No-Name-Leben ist das Geld. Nicht Zeit ist Geld: Aufmerksamkeit ist es! Wie wohltuend empfinde ich so manchen Sport-Star wie Stefanie Graf, so manche Schauspielerin wie Naomi Watts, die das nicht mitmachen möchten und auf ihr Auftauchen in den Klatschspalten oder Dauersichtbarkeit verzichten – aber wie gut kann ich das auch verstehen! Die, die immer gesehen werden wollen, werden belächelt, die anderen als charakterlich fester und würdevoller empfunden. Wer würde nicht lieber zur zweiten Gruppe zählen…

Allerdings muss man sich das eben auch leisten können oder leisten wollen – ich zähle mit meinem Einkommen ganz klar zu den „leisten wollen“-Menschen 😉 . Ich war mal nah dran, eine Mitarbeit an einem Projekt zuzusagen, für die ich fair entlohnt worden wäre, mich zeitlich aber auch sehr gebunden hätte. Die ersten Verhandlungsschritte waren bereits gegangen, da kam die Nachricht, dass jemand anderes gefunden worden war, der noch besser ins Anforderungsprofil passte. Für etwas angefragt und dann doch nicht genommen zu werden enttäuscht womöglich immer, aber ich habe schon während der ersten Gespräche zur Sache gespürt, wie ich mich innerlich gegen das gebunden-Sein sträubte – und letztendlich erleichtert über die Absage war. Es wäre ein ständiger Kampf um den Erhalt eines kleinen bisschen Freiheit in meinem kreativen Leben gewesen.

In der Kunst, in der Kreativität ist es schwierig, unfrei zu sein, auf welche Art auch immer. Man darf keinem anderen Herren dienen außer ihr, sonst wird’s unglaubwürdig. Wenn man sich von jemandem bezahlen lässt, sind für mich zwei Dinge zu trennen: der Auftrag: bei diesem ist der Auftraggeber Herr im Haus und bezahlt die Arbeit, das Projekt, und: die aus eigenem Antrieb heraus entstandene kreative Arbeit: bei ihr bin ich die Herrin im Haus und „bestimme“ einerseits (z. B. den Preis) ganz allein, andererseits kann ich da die Abnahme oder auch nur die Betrachtung nicht einfordern. Ich gehe in Vorausleistung, aber es ist mein Anliegen, es zu tun. Ich lasse mir nicht die Arbeit, das Entstandene als solches bezahlen, da es nicht für alle Abnehmer denselben Wert hätte, auch nicht denselben monetären Wert. Ich lasse mir vor allem die Zeit bezahlen, die ich mit der Entstehung zugebracht habe. So natürlich auch bei einem Auftraggeber, aber der für mich größte Unterschied ist eben: der Auftraggeber hat ein Interesse an der Entstehung genau dieser Arbeit; sie ist sein Anliegen. Ich bin das Mittel zum Zweck, und als Mittel zum Zweck muss man sich geradezu entlohnen lassen. Habe ich das Anliegen und es entsteht daraufhin etwas, dann ist mein Lohn, meine Belohnung, dass ich mir die Zeit nehmen und etwas entstehen lassen kann, das mein Anliegen ist. Jegliche monetäre Entlohnung ist in dem Fall nur das Tüpfelchen auf dem i.

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