„Es geht um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy schreibt in der deutschen Ausgabe von ‚LE MONDE diplomatique‘ von August 2017 darüber, wie wenig sich die meisten Museen mit der Geschichte ihrer Objekte auseinandersetzen.
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„Wilhelm von Humboldt schreibt über die Bedeutung der Bildung für den Menschen: ‚Je mehr Mannigfaltigkeit er in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber gibt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse.‘ Indem sie jedes Artefakt in ein vielschichtiges Koordinatensystem von Raum und Geschichte, Sein und Zeit, Ästhetik und Politik verankert, trägt dokumentierte Provenienz [Herkunft] im Museum zu dieser Mannigfaltigkeit bei. […] Es geht […] um das kollektive Verständnis unseres vergangenen, aktuellen und künftigen Verhältnisses zur Welt.“

Ein Satz, der mir beim ersten Lesen schon so wichtig war… er beinhaltet Vernunft, Herz und Verantwortung; er drückt die Möglichkeit zu echter menschlicher Weiterentwicklung aus; Verständnis ist Chance.

„Die Provenienzforschung ist historische Wissenschaftsforschung. Sie gilt der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und ist für die Museen das, was für die Dresdner Bank oder Daimler Benz die Aufarbeitung ihrer Unternehmensgeschichte im Dritten Reich gewesen ist: die Erfüllung einer historischen Verantwortung, die Selbstbefreiung von allzu bequemen Mythen und ein Akt des Anstands gegenüber den Opfern und Nutzern ihrer Sammlungspolitik.“

„Was noch bitter vermisst wird, ist die Bereitschaft der meisten Museen, diese [Sammlungs]Geschichten dem Publikum offen und verständlich zu erzählen.“

Savoys Erfahrung korrespondiert mit vielen meiner Erfahrungen, wenn ich mir verschiedene Lebens- und Gesellschaftsbereiche ansehe: Erkenntnisse, einmal gewonnen, müssen nicht als diese dauerhaft wirken, und Einsichten führen nicht unbedingt zu mehr gewollter Transparenz und Weitergabewunsch an die Menschen.

Den meisten Museen stellt sie ein schlechtes Zeugnis aus („offenbar überfordert“), aber es sei auch schwierig. Welche Instanzen können es leisten, „für Millionen von Objekten […] die Herkunft zu ermitteln?“

Sie macht deutlich, dass das sich-Auskennen in der Kunst an sich dabei lange nicht reicht, „nur bedingt weiterhilft“. Vielmehr sei umfangreiche Recherche in Polizeiarchiven, ein sich-Auskennen in Verwaltungsstrukturen von Ländern zu bestimmten Zeiten, „in der Wissenschaftsgeschichte der Ethnologie und der europäischen Militär- und Missionsgeschichte“ notwendig.

„Provenienzforschung kann, muss aber nicht im Museum stattfinden. Sie erfordert freien Zugang zu vielen in aller Welt verstreuten Archiven, Teamgeist und methodische Transparenz, universitäre Verankerung und die Bereitschaft zu grenzüberschreitender Kooperation.“ Wunderbar: disziplinübergreifendes Leben und Arbeiten! Wir brauchen noch viel mehr Rufe danach.

„Auch für Museen muss gelten: Erst Provenienzen systematisch erforschen (lassen) und ‚on display‘ stellen. Und dann, irgendwann, darüber nachdenken, was die Rückgabe von Objekten und Objektgruppen in symbolischer, politischer oder diplomatischer Hinsicht bewirken kann und soll“ – die Wiedergutmachung (die nie eine ist) im juristischen Sinn (Restitution = Rückerstattung geraubter, enteigneter und zwangsverkaufter Kulturgüter).

Das Unterlassen dieser Bemühungen beziffere sich nicht nur „in Dollar oder Euro. Es sind gesellschaftliche und politische Kosten, die entstehen, wenn sich eine Gesellschaft ihrer Vergangenheit nicht annehmen will und kann.“

Und sie bezeichnet die gebotene Aufklärung als „die geringste Höflichkeit, welche Europa den Menschen und den Orten, aus denen die Objekte kommen, erweisen kann.“

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Zum Beispiel:

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Frau_in_Gold_(2015)

https://de.wikipedia.org/wiki/Adele_Bloch-Bauer

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-135214503.html

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Zweig in Zitaten

Inspiriert durch die episodisch angelegte Film-Biografie „Vor der Morgenröte“ über den österreichischen Autor Stefan Zweig (1881 – 1942) habe ich hier Zitate zusammengetragen. Sie sollen uns einerseits den Menschen Stefan Zweig näherbringen und andererseits beleuchten, wie sehr Menschen, die zwar körperlich gerettet sind, an Flucht, Exil und Kriegszuständen leiden; umso stärker, je mehr sie zur Empathie fähig sind.
Bei der Recherche fiel mir auf, dass mal mehr, mal weniger Einigkeit herrscht, beispielsweise über die Schwere seiner Depression oder die ihm nachgesagte exhibitionistische Neigung. Einig sind sich alle Schreiber – zumindest die, die ich gelesen habe – darin, dass Stefan Zweig ein hochgradig empathischer Mensch war. Besonders in Maria Schraders Film wird eindeutig, dass das, was Zweig oft als Feigheit ausgelegt wurde, eine Haltung dem Mitmenschen gegenüber war, die sich nicht über diesen stellt.

Ich konzentriere mich hier nicht auf die Produktivität Stefan Zweigs oder auf sein Werk, sondern auf seine pazifistische Haltung und hebe einige Sätze hervor, die die (ständige) Aktualität der Themenbereiche Eine Welt, gebotene menschliche Solidarität, Vertreibung, Flucht und Krieg unterstreichen.

Alle Quellen sind per Link hinterlegt und, solange sie online sind, in Gänze lesenswert. 

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Adam Soboczynski, 15.12.16:

„Dieser Film ist ein Risiko. Wie kann man es wagen, gleich am Anfang einen vollständigen, sehr langen Vortrag zu zeigen? Der Schriftsteller Emil Ludwig tritt auf dem Kongress in Buenos Aires auf, zweite Garde, dafür mit dem Furor der Moral, den es gratis gibt. Zweig hält sich die Hände vor das Gesicht, ein Fremdschämen, das man nur ganz begreift, wenn man weiß, dass er vom literarischen Betrieb als Verräter gebrandmarkt ist, da er sich weigerte, mit der Sprache des Hasses dem Hass zu begegnen. Der Film schlägt sich auf keine Seite, er differenziert die Positionen und Gefühle, die sich lebhaft kreuzen. Es gibt hier keine Helden, nur die Verdammten der Geschichte, die sich im Exil mit Mühe sortieren.“

„Die zweite Episode: […] Zweig, im hellen Tropenanzug, hört leicht amüsiert, wie mühevoll-scheppernd und schief und doch mit Hingabe der Donauwalzer gegeben wird. Die Kamera zeigt sein Gesicht, das sich unmerklich verändert, von leiser Heiterkeit über leeres Entsetzen zur offenen Trauer. Nuancen, die Welten trennen. Was den Kosmopoliten Zweig ergreift, ist in dieser Szene natürlich nicht nationales Pathos. Es ist die untergegangene Weltläufigkeit Europas, die er in Brasilien – das er aufgrund der Friedlichkeit, mit der unterschiedlichste Ethnien zusammenlebten, verehrte – letztlich nur als Abglanz erlebt.“

„[…] Die Geschehnisse sind mehr oder weniger verbürgt, und man kann nur ahnen, mit welch zivilisatorischem Aufwand die Spannungen überbrückt worden sind. Und es ist bewundernswert, wie es Maria Schrader gelingt, diese unterschwellige Nervosität formal zu erzeugen.“

 „[…] und stellt aus Verlegenheit die naheliegendste aller Fragen, was nämlich die Essenz ihres Films ausmache? 

Es sei, sagt Maria Schrader zögerlich, das Zusammenreißen, die Affektkontrolle, die Etikette, der Wille, den Gefühlen nicht immer freien Lauf zu lassen. Kurzum: Zivilisation. Wie sich die Protagonisten abmühten, Form zu wahren im Dreiteiler selbst in der glühendsten Tropenhitze. Und in der Liebeskonkurrenz. Ein Ringen um Fassung. Das sei die Zweigsche Antwort auf die Barbarei – und nicht billige Parolen, Ideologien, falsche Verbissenheit. Nichts sei schlimmer, als ein Sich-gehen-Lassen und opportunistische Bequemlichkeit.“

„[…] Es gibt keinen gegenwärtigeren Film für unsere feindselige Zeit als diesen.“

(http://www.zeit.de/2016/50/maria-schrader-schauspielerin-regisseurin-vor-der-morgenroete )

(http://www.vordermorgenroete.x-verleih.de/ )

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Joachim Lottmann, 22.02.17:

„Er war der größte Pazifist der deutschen Literatur und zugleich ihr bestverkaufender Autor.“

„Nur wir Heutigen stellen uns vor, er sei in der Enge verrückt geworden, habe die Bergvilla in Salzburg vermisst und die Salons in Wien. Ja, die Welt von gestern schon, aber die war ihm bereits im Ersten Weltkrieg vernichtet worden, […] Mit der „Welt von gestern“ meinte er nicht die bequemen Fauteuils, sondern den liberalen Geist der Aufklärung, den Geist Europas.“

„[…] Zweig starb an inhaltlichen Dingen, am Gift des rassistischen Denkens, das sich zwanzig Jahre lang immer weiter ausbreitete. Dass man nun plötzlich sogar seine Bücher „jüdisch“ fand, war eine neue Stufe der Eskalation. Und natürlich eskalierte auch der Krieg.“

„Zweigs Idee, für die er immer gelebt hatte, war die geistige Einheit Europas […]“

„Diese geistige Einheit Europas war das Gegenteil unserer heutigen Europa-Brüssel-Wirklichkeit […]“

„Dieses Haus heißt heute Casa Stefan Zweig und beherbergt die gleichnamige Stiftung. Man zeigt dort alte Filme, Fotografien und Dokumente, macht Veranstaltungen und Diskussionsrunden. Die Leiterin Kristina Michahelles bringt brasilianischen Schülern die Problematik von Exil und Integration nahe.“

(https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article162270682/Der-wahre-Grund-fuer-den-Selbstmord-von-Stefan-Zweig.html )

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Matthias Röder, Georg Ismar, 23.02.17:

„Überschattet war der Ruf Zweigs seit der Machtergreifung der Nazis 1933 aber von etwas anderem. Der 1934 zunächst nach England geflohene Jude konnte sich nie aufraffen, öffentlich gegen seine Verfolger Stellung zu beziehen. „Ich würde nie etwas gegen Deutschland sagen. Ich würde nie etwas gegen irgendein Land sagen“, teilte Zweig immer wieder mit. Dafür unterstützte er viele Flüchtlinge großherzig und generös finanziell, auch wenn ihn die Flut an Bittbriefen zunehmend belastete und er bald schon nach einem abgeschiedenen Exil suchte. Irgendwann wünschte er sich nur noch, „an einem vergessenen Ort zu leben“, zitiert ihn George Prochnik in seiner gefeierten Biografie „Das unmögliche Exil“.“

„In der Casa Zweig in Petrópolis hängt auch der vom 22. Februar 1942 datierte Abschiedsbrief, in dem er von der geistigen Vernichtung Europas spricht. […] Einige Schriften, das Ringen um den Zusammenhalt Europas, für Toleranz und Frieden, sind in Zeiten von Brexit und weltweiten Verwerfungen hochaktuell.“

(http://www.n-tv.de/leute/Die-drei-Leben-des-Stefan-Zweig-article19714890.html )

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Oliver Das Gupta, 24.02.17:

„Das untergegangene Habsburger-Reich sieht Zweig als Blaupause eines neuen Europas. In der Wiener Hofburg, sagte Zweig bei einem Vortrag 1940, sei

‚immer wieder der Traum eines geeinten Europas geträumt worden. (…) All diese Kaiser dachten, planten, sprachen kosmopolitisch. (…) Weil aus vielen fremden Elementen bestehend, wurde Wien der ideale Nährboden für eine gemeinsame Kultur. (…) Gegensätze zu mischen und aus dieser ständigen Harmonisierung ein neues Element europäischer Kultur zu schaffen, das war das eigentliche Genie dieser Stadt.‘

Zweig beschwört diese geistige Einheit Europas immer wieder, nicht erst, als der Kontinent in den 1930er Jahren auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert, sondern schon lange vorher. Für Zweig ist klar: Nie wieder sollte Europa in eine Katastrophe schlittern wie den Ersten Weltkrieg.“

„Der Pazifist Zweig irritiert mitunter aber auch seine Zeitgenossen. So dankt er 1933 dem italienischen Tyrannen Benito Mussolini überschwänglich für die Begnadigung eines Antifaschisten. Auch am zum Diktator verkommenen brasilianischen Regierungschef erkennt er nur positive Seiten, blendet sogar dessen Antisemitismus aus, offenkundig, weil sich Zweig von der Gastfreundschaft blenden lässt.“

(http://www.sueddeutsche.de/politik/ein-bild-und-seine-geschichte-stefan-zweig-staatsbegraebnis-wider-willen-1.3391182 )

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Wikipedia:

„Thomas Mann schrieb 1952 zum zehnten Todestag von Stefan Zweig über dessen Pazifismus: „Es gab Zeiten, wo sein radikaler, sein unbedingter Pazifismus mich gequält hat. Er schien bereit, die Herrschaft des Bösen zuzulassen, wenn nur das ihm über alles Verhaßte, der Krieg, dadurch vermieden wurde. Das Problem ist unlösbar. Aber seitdem wir erfahren haben, wie auch ein guter Krieg nichts als Böses zeitigt, denke ich anders über seine Haltung von damals – oder versuche doch, anders darüber zu denken.“

Stolperstein für Stefan Zweig am Kapuzinerberg 5, Salzburg (https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Zweig#/media/File:Stolperstein_Salzburg,_Stefan_Zweig_(Kapuzinerberg_5).jpg )

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Denis Scheck und ich über John Irvings „Straße der Wunder“

„… der traurige Fall eines Schriftstellers, der stark begann […] um dann Buch um Buch immer schwächer zu werden.“

„… dieses allzu langen Romans… es ist nicht mehr als die Asche einer längst vergangenen Glut.“

Seiner Ansicht kann Denis Scheck gerne sein, nur: mich ‚stört‘ nicht nur das gemeinte Buch nicht, mich stört diese Art Kritik! Schecks markige Worte sind inhaltsleer – im Gegensatz zu Irvings Geschichten. Die Personen sind – auch in „Straße der Wunder“ – Beispiele von „echten“ Menschen, die fehlen, glauben, hoffen, leiden und lieben und die – wie ebenfalls immer bei Irving – nicht schwarz/weiß gezeichnet sind. Anhand ihres erfundenen, aber selbst in größter Skurrilität glaubwürdigen Schicksals verpackt der Autor treffende, feine Kritik an der katholischen Kirche, gesellschaftlichen Missständen und politisch festgezurrten Unmenschlichkeiten. Und selbst, wenn man keine Sympathie für die Charaktere empfindet, ist man wie bei den Vorgängerromanen von den Personen eingenommen; man nimmt Anteil an deren Leben, will wissen, wie es für sie weitergeht. Aber mindestens eine/n findet man immer auch persönlich nett.

Selbst wenn Denis Scheck gespoilert hat, was das genaue Schicksal der kleinen Lupe angeht, und ich noch nicht an dieser Stelle bin, lese ich trotzdem gerne weiter. SEHR gerne!

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http://www.ardmediathek.de/tv/WESTART-Live/Der-Scheck-ist-da/WDR-Fernsehen/Video?bcastId=35007896&documentId=35681780

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Die Arbeit des Kritikers ist in vieler Hinsicht eine leichte. Wir riskieren sehr wenig und erfreuen uns dennoch einer Überlegenheit gegenüber jenen, die ihr Werk und sich selbst unserem Urteil überantworten. Am dankbarsten sind negative Kritiken, da sie amüsant zu schreiben und auch zu lesen sind. Aber wir Kritiker müssen uns der bitteren Wahrheit stellen, dass, im Großen und Ganzen betrachtet, das gewöhnliche Durchschnittsprodukt wohl immer noch bedeutungsvoller ist als unsere Kritik, die es als solches bezeichnet.“

(Auszug der Rede des Restaurantkritikers Anton Ego im Disney/Pixar-Film ‚Ratatouille‘)

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Talente, Talente

„Es ist möglich, zwei Eigenschaften gleichzeitig zu besitzen.“ (Monsieur Ozu in: „Die Eleganz der Madame Michel“)

Ich möchte ergänzen: es ist möglich, mehrere Talente zu besitzen. Armin Mueller-Stahl spricht in der Dokumentation davon, dass es hierzulande unüblich sei, in mehreren Disziplinen als „gut“ zu gelten, und wenn man bereits für ein Talent bekannt sei, ein anderes kritischer beäugt würde als ihm gut täte.

Es kommt mir auch so vor. Warum ist das wohl so? Woher kommt die Skepsis, wenn man sich noch nicht ansatzweise inhaltlich mit dem neuen Aspekt eines Menschen beschäftigt hat? Woher kommt die Abwehrhaltung? Wovor soll sie schützen, wenn man andererseits davon ausgeht, dass jeglicher kreative Input doch denjenigen bereichert, der ihn erleben darf, und man ansonsten auch friedlich vorübergehen kann, wenn man sich nicht angesprochen fühlt?

Ich für mein Teil fühle mich bereichert, dass Armin Mueller-Stahl sowohl beachtenswert schauspielert als auch auseinandersetzenswert malt als auch berührend musiziert, auch, wenn ich ihn nie live erlebt habe.

Deutsch-deutsche Geschichte, persönlich erzählt, und eine persönliche Geschichte, nüchtern und sympathisch erzählt in der sehenswerten Dokumentation von Heike Sittner:

http://www.mdr.de/mediathek/video-64766_zc-89922dc9_zs-df360c07.html

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Kunst und Philosophie, Teil 1

Kunst und Philosophie, Teil 1

Erwachsen aus der Erfahrung so mancher KreativkollegInnen sowie meiner eigenen komme ich zu dem Schluss, dass Kunst mit Philosophie mehr gemeinsam hat, als einige vielleicht annehmen werden, und mehr als mit irgendeinem anderen Fach oder einer anderen Wissenschaft. (Warum und dass ich es schwierig finde, Kunst zu einem Studienfach gemacht zu haben, was suggeriert, man könne es studieren und „könnte“ dann „Kunst“, habe ich schon mehrfach hergeleitet und beschrieben und vernachlässige es an dieser Stelle.)

Die Wikipedia schreibt zum Stichwort „Empirie“ Folgendes: „Auch philosophische Reflexion, die nicht streng logisch-formalen Kalkülen folgt, wird meist nur durch bloßes Nachdenken oder Spekulation vollzogen; empirische Beobachtungen werden hierzu bewusst nicht herangezogen.“ Jedenfalls gibt es auch in der Kunst keine wirklichen messbaren Ergebnisse, keinen Versuch, um herauszufinden, wie, auf wen und wann Kunstwerke „wirken“. Und auch kein „trial and error“, um von einem Punkt a zu einem Punkt b zu kommen und damit dann „fortgeschritten“ zu sein im Sinne einer vorher angestrebten Entwicklung. In der Kunstgeschichte wird nur rückblickend erklärt, und nur in der Rückschau sieht man eine Entwicklung entlang eines „roten Fadens“ – oder meint das zu sehen. Fragte man die vielen, vielen zu ihren Lebzeiten verunglimpften Künstler oder könnte das noch, würden einige davon die heutigen Experten, die sie als bahnbrechend und wegweisend über den grünen Klee loben, sicher am roten Faden aufknüpfen wollen…

In der Kunstgeschichte oder auch Kunstwissenschaft werden immer nur in der Rücksicht Zusammenhänge „verstanden“, wobei dieses „Verständnis“ nicht ein allgemeingültiges Begreifen ist, sondern Ergebnis von Verhandlungen im Kunstsystem, auf dem Kunstmarkt. Es handelt sich also um kein Verständnis, mit dem man außerhalb des „Systems Kunst“ etwas anfangen kann. Solange man Museen für jeden Besucher öffnet (und hoffentlich bleibt das so!), gleich welchen Alters, gleich welchem Bildungsweg er gefolgt ist, gleich welchen Geschlechts und gleich, woher er stammt, solange dürfen Menschen meines Erachtens – selbstverständlich auch außerhalb von Museumsmauern – Kunst genießen und ihr Verständnis einsetzen, sich fragen: „Was hat es mit mir zu tun?“

In der Philosophie gibt es den Königsweg auch nicht, weder in der akademischen noch in der „Stammtisch“-Variante. So wird z. B. unterschieden zwischen westlichen und östlichen Anschauungen, die sich schon in den Grundsätzen so stark unterscheiden, dass sich das Denken von Kindesbeinen an ebenfalls unterscheiden muss.

In der Kunst ist mein Lieblingsbeispiel meine Erfahrung mit Vorder- und Hintergrund beim Malen/Zeichnen eines Bildes. Die westlichen Schulen lehren, den Vordergrund heller zu malen, damit er sich deutlich vom dunkleren Hintergrund abhebt und dadurch eben als Vordergrund erscheint. Das funktioniert. In der asiatischen Tuschezeichenkunst wird gelehrt, den Vordergrund dunkler zu gestalten als den Hintergrund, damit er sich deutlich vom helleren Hintergrund abhebt und dadurch als Vordergrund erscheint – und auch da sehen die meisten Menschenaugen das Bild so, wie es vom Maler „gemeint“ ist: sie erkennen Vorder- und Hintergrund „richtig“, egal, woher sie stammen. Selbstverständlich spielen auch Perspektiven und Größen der dargestellten Objekte eine Rolle, aber trotzdem: wie kann das sein? Es kann nur damit zusammenhängen, dass trotz gegensätzlicher Herangehensweisen eine Schlüssigkeit hergestellt werden konnte, eine Stimmigkeit in sich.

Eins meiner Lieblingskapitel in Gert Scobel’s „Warum wir philosophieren müssen“ beschäftigt sich mit dem Phänomen des Widerspruchs. Er sagt, dass das griechisch-abendländische Denken unter anderem auf der Grundfeste beruht, dass mittels Erkenntnissen „zu absolut sicheren, gewissen Sätzen zu gelangen“ sei und dass diesbezügliche Unsicherheiten schlecht ausgehalten würden: „Ein Teil der Geschichte der Philosophie lässt sich als Kampf um Sicherheit beschreiben.“ Und wenig später: „Macht drückt brutal durch, was ihr das Wissen suggeriert – wobei dieses Wissen häufig ein Wissen wider besseres Wissen war und ist. Wer versucht, eine Sicherheit zu garantieren, die im Grunde angesichts der vielen drängenden und ungelösten Fragen nicht herzustellen ist, wird häufig die Grenzen der Menschlichkeit überschreiten. Anders formuliert: Es war und wird immer wieder möglich sein, gerade in unsicheren Zeiten Sicherheit herzustellen; die Frage ist nur, um welchen Preis.“

In der Kunst – gerade in der etabliert gelebten Variante – kommt es mir häufig so vor, als unterwürfe man sich einer Macht, die die Dinge „gesetzt“ hat – und hinterfragt sie dann nicht weiter. Wo die Kunst sich geöffnet hat, wo sie entgrenzt wurde, werden sofort Stimmen laut, die dadurch etwas in Gefahr sehen, etwas bewahren möchten… – aber was? Heraklit’s „Alles fließt“ hat da keine Chance; zumindest darf es für einige nicht ungesteuert fließen…

Ich frage mich seit geraumer Zeit schon bei fast allen Dingen, wodurch sie (die Dinge) den Menschen nutzen können, und zwar nicht einzelnen und nicht im materiellen Sinn, sondern auf eine abstrakte Weise allen. Ich frage mich das im Alltag, im Beruf, im Zwischenmenschlichen, auf die Wissenschaften bezogen… einfach ständig. Im Kunstbetrieb spielt Willkür eine große Rolle; das belegen mir viele Gespräche mit In- und Outsidern. Das „zur rechten Zeit am rechten Ort“-Sein, das Kennenlernen von Menschen, die einem die richtigen Türen öffnen… all das hat mit einer tatsächlichen Arbeit, mit einer tatsächlichen Leistung allenfalls peripher zu tun. Die Schwierigkeit, das als Willkür zu entlarven, besteht darin, dass vorher „Sicherheiten“ geschaffen worden sind, auf denen die Willkür dann legitim ruhen kann. Unser aller Aufgabe sehe ich darin, diese „Sicherheiten“ kritisch zu hinterfragen: wem nutzt was? Vielleicht werden viele der vermeintlichen Sicherheiten dann als Machtinstrument entlarvt, und Menschen erkennen die Manipulation und werden wieder kritischer und freier im Sehen.

„Den Geist und damit den Menschen zu befreien ist die vielleicht letzte Aufgabe von denken und philosophieren“ schreibt Gert Scobel in seinem Buch. Auf dem Weg zu dieser Freiheit könne helfen, die Brille abzusetzen, durch die wir erlernt und nun gewohnheitsmäßig sehen. „In indischen und buddhistischen Systemen sind über die Logik hinaus Verfahrensweisen – Handlungssysteme – entwickelt worden, die es, wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann formulierte, möglich machen, jemanden einerseits weiterhin in Kommunikation und wie im Zen-Buddhismus in eine entsprechende Verfahrensweise oder Übung zu verwickeln, ihn andererseits aber mitten in die Widersprüche und Paradoxien hineinzutreiben. Warum? Um ihn oder sie auf diese Weise zu einer Einsicht zu führen. Diese Einsicht hängt nicht mit einer neuen Erkenntnis zusammen, sondern damit, dem Betreffenden eine […] Erfahrung zu ermöglichen, die gleichsam vor der Akzeptanz des Nichtwiderspruchsatzes liegt. Auf diese Weise wird der Blick freigegeben auf das ‚Prä-differentielle’: auf das, was vor allen Differenzen liegt.“

Wie sieht die Welt aus, in der noch keine begrifflichen Differenzierungen stattgefunden haben? Scobel’s Frage führt mich zurück zur Kunst: gäbe es das „System Kunst“ nicht, hätte sich kein Kunstmarkt entwickelt mit seinen Begriffen und Definitionen, mit seinen Macht-gemachten „Sicherheiten“, hätte das vermutlich nicht die wunderbaren Bilder von Turner oder Caravaggio verhindert, es verhinderte keine Skulptur von Rodin oder Claudel oder dass Menschen geboren werden, bei denen ein Leben für ihren Ideenreichtum nicht ausreicht wie bei Orson Welles oder Walt Disney oder Charles Chaplin. Virginia Woolf wäre zur Welt gekommen und Margot Fonteyn, und die eine hätte schreiben wollen und die andere tanzen, und vermutlich hätte nichts das verhindern können. Wie würden ihre Fertigkeiten, ihre Künste auf uns wirken, wenn nicht ein Marktsystem sie uns auch, gleich einem Qualitätssiegel, nahelegen würde…? Würden wir sie wahrgenommen haben? Nehmen wir unsere Zeitgenossen als Kreative, als Künstler wahr, wenn sie Ähnliches „können“ oder tun, auch, wenn sie von niemandem beworben werden?

Ich sehe die Herausforderung zunehmend darin, dass wir bei gleichgeschalteten Medienmeldungen, bei einer Politik, die sich in erster Linie selbst erhalten möchte und erst in zweiter für ihr Volk eintritt (und auch das oft nur noch, damit es wiederum ihr nutzt), selbst mit denken. Dass wir uns Bandbreite erhalten und nicht soviel vorsortieren lassen. Dass wir für uns eine Philosophie entwickeln, jeder für sich. Dass wir innerlich frei bleiben, beweglich. Dass wir uns bei jedem Menschen fragen, was er oder sie uns eventuell sagen oder zeigen kann, das uns weiterhilft, uns weiterbringt auf dem Weg des Werdens bis zum Vergehen.

Ausblick: Kunst und Philosophie, Teil 2

wird sich beschäftigen mit dem Tetralemma, wie man vom Denken zur Erfahrung kommt und mit Aspekten, Aspektblindheit und Kippbildern – und wie das alles vielleicht mit Kunst zusammenhängt.

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